(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 11
Es war gegen Mittag ...
Die Bergspitzen glänzten wie Messing.
Junge Regimenter, flaumlose Kindergesichter, stolperten über diese Leichenwelt hinweg im Sturmschritt. Italienische Tanks krochen die Dolomitenstraßen herauf.
Ueberall Menschenblutspritzer, Knochensplitter, Fleischfetzen: alles mit Menschenblut vollgesogen. Bis über die Knie blieb man oft stecken im Menschendreck.
VII
Max Herse stand mit seiner Vision plötzlich mitten auf einem Platz der inneren Stadt.
Es lärmte Alarm. Es brandete und brauste ...
Eine Musik: Räderknurren, Stahlhämmer, Treibriemen, Bohrer und Schaufeln ...
Max rieb sich die Augen –
Und das Schwergewicht der Welt hatte sich ihm unmerklich verschoben; es war, als rückte sich ihm jetzt erst, das erste Mal, sein Inneres zurecht ...
Muskelbänder, Adern, Sehnen, Armhebel: darauf ruhte die Welt, und als Max ein vornehm aufgemachtes Spielwarengeschäft erblickte, da dachte er schon wieder ganz proletarisch folgerichtig:
„An diesen Puppenköpfen, Kinderuhren, Haarnadeln, dem ganzen Schnickschnack der modernen Kleinindustrie klebt Blut und Schweiß lebendiger Menschen, die unter den elendesten Verhältnissen ihr Leben fristen. Der elegante Herr, der seine Autobrille dort aufsetzt, denkt nicht daran, daß diese Brille zusammengesetzt ist in einer dunklen Küche, die als Arbeitsraum dient, oder in einem Kellerloch, von unterernährten darbenden Menschen ...“
So scharf, so anschaulich, so gründlich hatte Max bisher noch nicht gedacht.
„So muß gedacht werden, so muß die Welt angesehen, so muß sie erlebt werden! Das ist der einzig berechtigte und historisch notwendige Denk- und Anschauungsakt. So muß die Welt betrachtet werden und im Kampf von uns Proleten verändert werden. Alles andere ist ein menschenmörderischer Luxus ... Es gibt nur _einen_ Standpunkt, von dem aus diese vermorschte Welt aus den Angeln gehoben werden kann, und dieser Standpunkt ist der unsere.“
* * * * *
In diesem Augenblick marschierte ein Zug der Kommunistischen Jugend vorüber.
Rote Fahnen wehten.
Die „Internationale“ sang.
Dieser Gesang hatte Rhythmus, Takt, Tonfall einer unerbittlichen Kampfansage.
Noch einmal verbanden sich Maxens Gedanken mit jenen Erinnerungen, die ihn vor einer halben Stunde noch heimgesucht hatten:
„Ja, die ganze Stadt war ein Trümmerhaufen, als wir damals einmarschierten. Kein lebendes Wesen weit und breit. Nur in einem verschütteten Haus aus einem Kellerloch die Stimme eines halb verhungerten Kindes, das ... das die „Internationale“ sang ... Ja, ich erinnere mich noch deutlich, das war für viele unserer Soldaten damals ein grausamer, grauenhafter Weckruf. Viele wurden mit einem Mal nüchtern. Das proletarische Gewissen gellte in ihnen wie eine Sturmglocke. Tränen liefen ihnen über die Backen. Knirschten mit den Zähnen ... Ja, der erste Zug unserer Kompagnie stand mitten im Marsch auf einen Augenblick starr, wie versteinert zu einer Säule. Wir haben das Kind dann ausgegraben. Es war ein belgisches Proletariermädchen. Die ganze Kompagnie hegte es als ihr Kleinod. Es war unser Herzenshalt. Es war das Beste, was wir damals hatten.“ –
Da schwenkten die Jungkommunisten in eine Seitenstraße ab, und Max bemerkte, wie er ihnen freundlich zunickte, er hatte auch, ohne daß er sich dessen bewußt war, den Hut zum Gruß abgezogen.
Er murmelte noch leise vor sich hin:
„Bravo, Burschen! Nur so weiter! Ist nicht am Ende doch alles, was man über euch herschimpft, eitel Lug und Trug!? Muß es denn nicht so sein!? ... Können euch denn eure Feinde loben!? ... Recht so! Vorwärts in die Zukunft ... Auf eueren Schultern ruht – die Welt ...“
Ein Spießer bleckte die Zähne.
„Was der für ein widerliches Gebiß hat. Man möchte ihm das Gebiß aus dem Maul reißen. Pfui Teufel ... So eine feiste Fresse ...“
Es war inzwischen Abend geworden.
Die ganze Stadt war wie eine sich immer wieder von selbst aufziehende Mechanik, eine auf geheimnisvolle Weise immer wieder sich selbst regulierende Wildnis voll intensivsten Leuchtens. –
VIII
Max schob sich automatisch einige Straßen durch.
„Nun muß ich aber doch endlich einmal auch bei Lene vorbeischauen.“
Lene war Arbeiterin in einer Trikotagenfabrik.
Max hatte sie neulich nur kurz in der Versammlung gesprochen. Hie und da sah man sich Sonntags, dann machte man einen Sprung in die Umgebung Berlins hinaus, zu mehr langte es ja ohnedies nicht. Sie kannten sich von der sozialdemokratischen Arbeiterjugend her. In der letzten Zeit allerdings waren sie ganz außer Kontakt gekommen. Das kam, weil Max sich seit einigen Monaten wenig mehr um Politik kümmerte, Lene aber ganz in die Arbeiterbewegung hineinwuchs und eigentlich schon vollends darin aufging.
Lene empfing ihn gleich unter der Tür mit den Worten:
„Du, Max, denk dir nur, gestern bin ich aus der Partei ausgetreten. Ich kann es nicht mehr länger so mitmachen. Die letzten Wochen haben mir den Rest gegeben ... Ich habe mich heute noch nicht entschieden ... Zu den Kommunisten kann ich noch nicht ... Auch weißt du, hab ich so eine Intellektuellenschrulle, das ist das mit der Gewaltfrage ...“
Max blieb gleich mitten im Zimmer stehen.
„Die Gewaltfrage also ists. Das kann ich dir nur sagen: ich für mein Teil könnte das nicht als Hinderungsgrund betrachten. Die ganze Gesellschaft ist ja doch nichts weiter als Gewalt. Gewalt ist Geld, Gewalt ist: daß du und ich in die Fabrik gehen, Gewalt ist, wie du wohnst, das ganze Recht, alle Sitten und Gebräuche beruhen auf Gewalt. Auf nacktester brutalster Gewalt ... Nur haben natürlich die, die herrschen, ein Interesse daran, diesen bitteren Gewaltkern wohlschmeckend zu machen. Sie schwätzen also vieles und schönes von der Gewaltlosigkeit ihrer Gewalt. Sie legalisieren die Gewalt ... Ist nicht die Arbeitsstätte heute für die weitaus meisten Menschen eine Schlachtbank?! Der ganze Produktionsprozeß ist Gewalt, die Art und Weise, wie produziert, wie verteilt und wie verdient wird ... Ja, gehe nur einen Schritt so wie es der herrschenden Klasse nicht paßt, gleich packt dich in der oder jener Form die Gewalt ... Der ganze Gesellschaftsapparat, samt Staat, Beamtenmaschine, Militär, Polizei dazu: Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und sieh: dieser friedliche Gewaltkörper bricht eines Tags plötzlich aus und dieses Geschwür, bisher nur unter der Oberfläche eiternd, das ist der Krieg ... Es bleibt uns schon nichts anderes übrig, als diesen ganzen Gewaltkörper mit Gewalt zu zerschlagen ... Und überhaupt: geschichtlich betrachtet: die Gewalt war und ist noch immer seit jeher, seit Menschengedenken, die Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft gewesen, die mit einer neuen schwanger ging ... Lene, du mußt wieder einmal das „Kommunistische Manifest“ lesen. Wir müssen gewaltig viel aufholen, wir sind durch die bürgerlichen Schulen und durch unsere verbürgerlichten Führer ungeheuer verdorben und verbildet worden. Wir müssen uns wieder zu uns selbst zurückfinden, zu uns, zu unserem unverfälschten instinktsicheren Klassenstandpunkt ...“
Max streckte Lene die Hand hin.
Die schüttelte nur ungläubig lachend den Kopf –
Dann schlug sie ein.
„Recht hast du, Max, sehr recht: wir sind an uns selbst irre geworden ... Ja, aber, Max, seit wann ... Das ist ja gut gekommen mit Dir! ... Ich staune nur so ... Neulich in der Versammlung nämlich, da hast du mir schon gar nicht gefallen ... Ich hab’ dich immer bei jedem Satz, den der Redner sagte, beobachtet ... Ja, Max, das, was die Gewalt anbetrifft, das weiß ich natürlich auch, so tief bin ich ja doch noch nicht gesunken: auch die Ideen, die heute herrschend sind und die man uns so schön eingewickelt durch die Presse als tägliche Herzens- und Gehirnkost verabreicht, bedeuten Gewalt und dienen ihrerseits treu dem Gewaltsystem, mittels dessen das Bürgertum über uns herrscht ... Aber, schau: den Eintritt in die Kommunistische Partei: das muß ich mir gründlich überlegen. Die Kommunistische Partei ist eben nicht so eine Partei wie die anderen Parteien, das jedenfalls habe ich längst begriffen. Da heißt es, voll und ganz in der Arbeit aufgehen, sich opfern, restlos sich opfern. Disziplin halten, sich unterordnen. Sonst hat das Ganze gar keinen Sinn ... Und darum, um diesen letzten Entschluß kämpfe ich noch. Das muß doch ein jeder ernsthaft vorher mit sich selbst abmachen. Kann ich das, was von mir verlangt werden wird, auch leisten? Daraufhin prüfe ich mich ... Aber ich werde schon wohl nicht anders können ...“
IX
Es war spät Nacht, als Max sich auf den Heimweg machte.
Er fühlte sich gewaltig gestärkt und über sich selbst emporgehoben.
„Ich werde schon fertig damit. Nur keine Bange ... Ich bin in den letzten Tagen der Lösung des Problems schon ziemlich nahe gekommen ... Lene ist ein Prachtkerl ... Auch sie hat mir noch geholfen ... Wird der Wilhelm Augen machen, wenn ich ihm erzähle ... Nun gut so ... Jetzt nur noch ein kleiner Stoß ... Doch genug für heute ...“
Die Straßen waren menschenleer.
An einer Straßenbahnkreuzung wurden die Schienen ausgebessert. Ein Haufen von Arbeitsmännern hantierte mit Schweißapparaten. Schienenhobel flitzten. Eine Weiche wurde schwer herausgehoben.
Das blaue Licht der Sauerstoffgebläse gespensterte magisch auf und ab in der Nacht. Huschte die Häusermauern entlang. Wie Gerippe, mit fahlen Knochenhäuten bespannt, geisterten sie ...
„Arbeitskollegen. Genossen. Proleten. Wir. Du und ich. Wir gehören zusammen ... Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
Ein wunderbarer Satz!
Max sprach ihn immer wieder vor sich hin.
Welcher Menschengehirnkraft, Menschenerfahrung, welchen Menschenleids bedurfte es, um diesen proletarischen Block zusammenzuschweißen! Trieb nicht vorher die ganze Menschheit in einem riesigen Leidensmeer, Traumtrümmer an Traumtrümmer!? Was an Heroismus, Aufopferung, Disziplin wird weiterhin nötig sein, um diesen Block in Bewegung zu setzen, welche gewaltigen Hebelkräfte, ihn über die dem Untergang geweihten Geschlechter der Vergangenheit hinweg in die Zukunft zu wälzen! ... Gebt uns eine Partei! so schrie es aus Millionen Mündern in allen Menschensprachen. Gebt uns eine Partei! Einen aus Millionen Proletarierarmen geschmiedeten Hebelarm, eine eisern in sich gefügte Organisation, ein Willens-Kollektiv, ein Erfahrungs-Kollektiv ... und verlaßt euch drauf: wir werden es schaffen!
„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
Eine Parole. Eine Fanfare. Der alarmschmetternde Grundton des proletarischen Siegesmarsches. –
Max marschierte im Infanterieschritt.
Pfiff dazu ...
Marschierte mit Hunderten, mit Tausenden ...
Im Gleichschritt. Im Arbeiter-Marsch.
Kolonnen marschierten auf Kolonnen ...
Manchmal gewitterte ein elektrischer Schein über den Horizont herauf.
Auch schimmerte es schon rötlich an der Himmelsferne. Nun färbte sich ein langverzogener Wolkenstreifen lebendig rot.
Die ersten Fabriksirenen heulten ...
Ein riesiger steinerner Pfuhl, ein ungeheurer aus Granit und Zement gehauener Leidenstümpel ist diese Stadt. Morgen, übermorgen, wie schön und frei werden dann die Menschen wohnen!
* * * * *
So glücklich und kräftig zugleich war Max in seinem Leben noch nie. –
5. Kapitel.
Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub
Abkommandiert zum Gas-Dienst. – Ein Kamerad von den Luftstreitkräften. – Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub. – Einige wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den imperialistischen Krieg. – Der Völkerbund organisiert den Vernichtungskampf gegen die Kommunisten im Weltmaßstab. „Vertilgt die Kommunisten wie Ratten!“ – Mary Green auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl. – Generalstreik in USA. – Eine rote Zelle in der amerikanischen Armee. GBRO: Geheim-Bund revolutionärer Offiziere. – Es kann beginnen! –
I
Seit einem Vierteljahr war der amerikanische Leutnant der Infanterie Frank Morrow zum Gasdienst abkommandiert. Frank Morrow entstammte einer Arbeiterfamilie, er selbst arbeitete vor dem Krieg bei Ford. Auf den Schlachtfeldern Frankreichs avancierte er, gegen Ende des Krieges war er Führer eines Stoßtrupps. Frank Morrows Körper selbst glich einem Schlachtfeld: Arme und Beine trugen breite Narben von Bajonettstichen, der linke Lungenflügel war zweimal durchlöchert. Damals, im kleinen Kriegslazarett von Belleville, wohin er schwer verwundet aus der großen Angriffsschlacht der Deutschen heraus gerade noch rechtzeitig abtransportiert werden konnte, schwanden ihm die letzten Illusionen über den Krieg, mit denen er über den großen Ozean gegen die Deutschen gezogen war ... Immer wieder brach das zerschossene Lungengewebe auf, das blutige Exsudat drückte auf das Herz, die Aerzte hatten die Hoffnung aufgegeben. Frank konnte es nur noch mit dem Sauerstoffapparat aushalten, er bekam keine Luft mehr. Eine Punktion folgte der anderen. Bis eines Nachts, Frank erinnerte sich daran genau, der Arzt mit einer Schwester hereinstürzte, ihm den Augendeckel lüftete, den Kopf schüttelte ... und Frank auf den Operationstisch gelegt wurde, während der Arzt zum Assistenten bemerkte: „Vorsicht beim Aufsitzen, er kann uns unter der Hand bleiben.“ Frank war von dem vielen Sekt, den Herzmitteln und dem Morphium ganz dösig. Trotzdem fühlte er ganz deutlich, um was es ging. Sein oder Nichtsein. Er sprach zu sich mit einer wimmernden Stimme einen militärischen Befehl. Und wieder wurde eine Punktion vorgenommen ...
Nach weiteren acht Tagen war Frank bereits auf und spazierte im Garten des Kriegslazaretts umher. Ununterbrochen heulte und schluchzte er, die Augen waren an das Licht nicht mehr gewöhnt, die Nerven bis aufs äußerste angespannt, der Körper war außer Rand und Band, es schüttelte ihn hin und her, und es begann ein langes intensives Zittern ...
Damals lernte Frank Morrow Thomas Butler kennen, Thomas Butler vom dritten Flugzeuggeschwader. Den Namen kannte er, Thomas Butler hatte in der Heeresgruppe die meisten Abschüsse. Er war der Sohn eines Chikagoer Holzwarenfabrikanten, zynisch und aufgeklärt, und führte sich bei Frank gleich mit den Worten ein: „Der ganze Krieg, Kamerad, ist weiter nichts als eine Riesenprofitquetsche ... Wir allesamt sind die Beschissenen ...“ Und die Gespräche über den Krieg wurden fortgesetzt. Thomas las dabei oft Stellen aus den Briefen einer gewissen Mary Green vor, von der Frank zunächst nur wußte, daß sie die Freundin Butlers und eine Sozialistin war. Frank wurde zum Nachdenken gezwungen. Er wehrte sich zwar oft innerlich dagegen, Thomas ließ aber nicht ab, und das Resultat war: auch Frank Morrow betrachtete seitdem alle Vorgänge mit kritischen Augen.
„Für wen eigentlich schlagen wir uns!?“ fragten sich die Beiden. Und die Antwort hieß: für das Bankhaus Morgan und Kompagnie.
„Und für wen die Deutschen!?“ „Für die „Deutsche Bank“ vielleicht. Die Firma kann aber auch anders heißen.“
Und wer hat den Krieg begonnen?
Keiner von beiden. Und alle Beide.
Wenn zwei Räuber sich um die Beute streiten, da ist es schwer, zu entscheiden, wer angefangen hat. Außerdem, wer einen Verteidigungskrieg und wer einen Angriffskrieg führt, das kann nur historisch entschieden werden. Die diplomatische Frage kommt hier nicht in Betracht. Aber historisch betrachtet führt nur der einen Verteidigungskrieg, der eine höher organisierte Gesellschaftsform gegen eine reaktionäre verteidigt. Ob er dabei angreift oder der Angegriffene ist, ist gleichgültig. 1914 ...!? Sie waren sich klar darüber, was alle die Phrasen von Nationalehre, Vaterlandsverteidigung, Freiheitskampf bedeuteten ... Eigentlich sind wir ganz elende Hunde, sagten sie sich, daß wir uns sowas gefallen lassen ... einfach unter Einsatz unseres Lebens die Kastanien für die Riesenfinanzschufte aus dem Feuer zu holen?! ... Man kommt sich bei einem solchen Sklavendienst selbst verächtlich vor ...
Eines Tages setzten sie sich wieder einmal zusammen. Sie versuchten es jetzt mit dem Galgenhumor. Zwar der Galgen wird dabei nicht aufgehoben ... „aber Geduld, wir zerreißen vielleicht doch noch dieses ganze Riesengespinst von Lebenslüge, in das wir noch verstrickt sind. Wir sind schon dabei ...“ Sie zählten auf, was jeder kriegführende Staat eigentlich von sich behauptet. Ohne Mühe ließ sich folgendes dabei herausfinden: Daß er einen Verteidigungskrieg führt und für die gerechte Sache kämpft, daß er einen Kampf für Freiheit und Zivilisation aller Völker führt, daß er einen dauernden Frieden anstrebt, daß er alle Kräfte anspannen und kämpfen wird, bis der Gegner endgültig niedergeworfen ist, daß er ohne Zweifel Sieger bleiben wird, daß er siegreich vorgeht und nur geringe Verluste zu verzeichnen hat, daß die Bomben seiner Flieger nur militärische Institutionen der Gegner treffen und immer mit großem Erfolg, daß seine Artillerie und seine Flieger bedeutend besser sind als die Flieger und die Artillerie der Gegner, daß er gerade jetzt große Unternehmungen plant, die unbedingt Erfolg versprechen, daß der liebe Gott ihm zur Seite steht ...
Und jeder kriegführende Staat behauptet weiter:
Daß der Gegner den Krieg gewollt hat und seit langem dazu rüstet, daß der Gegner den Krieg angefangen und „uns“ überfallen hat, daß der Gegner einen Eroberungskrieg führt und die Welt beherrschen will, daß der Gegner das Völkerrecht mit Füßen tritt, daß der Gegner die Neutralität kleiner Staaten bedroht, daß der Gegner den Krieg mit barbarischen Mitteln führt, Dum-Dum-Geschosse anwendet, das Rote Kreuz mißbraucht, Gefangene mißhandelt, Frauen vergewaltige, mordet und plündert, daß die Kriegsgerichte des Gegners eine Verhöhnung des Gesetzes sind, daß der Gegner Gefangene tötet, freie Städte bombardiert, Frauen und Kinder tötet, „uns“ aber damit nie einen militärischen Schaden zufügt, daß der Ueberfall des Gegners immer im Keim erstickt oder mit großen Verlusten für den Feind zurückgeschlagen wird, daß der Gegner Gasbomben gebraucht, ein Seeräuber ist, ohne Notwendigkeit den neutralen Handel unterbindet, daß die Informationen des Gegners durchwegs Lügen und Verleumdungen sind, daß der Gegner die Neutralen mittels Lügen, Drohungen und Bestechungen zu bearbeiten sucht, daß der Gegner die neutralen Staaten, zu deren größtem Unglück, in den Krieg hetzt, daß der Gegner an Geldmangel, Teuerung, Industriekrisen leidet, daß die Kriegsanleihen des Gegners nur durch Betrug zustande kommen, daß beim Gegner Epidemien wüten, daß im Lande des Gegners Streik und innere Zerwürfnisse herrschen, daß beim Gegner Minister und Generale zurücktreten, daß der Gegner kampfesmüde ist ...“
Sechsunddreißig solcher Punkte hatte man leicht beisammen. Kein Zweifel: die Staatsmänner und Politiker aller Nationen verfügten über eine ganz gerissene Technik, die Völker gegenseitig in Schwung zu bringen ... Und die beiden Offiziere sahen sich ratlos an: „Und nun, wir ... was mit unseren Erkenntnissen anfangen ... Was tun ...!“
Und zu gleicher Zeit kam ein Brief, der mitteilte, Mary Green sei wegen antimilitaristischer Propaganda zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden. In diesem Brief stand: „Es ist gut abgegangen. Eine große Anzahl von Antimilitaristen wurde gelyncht, die grauenhaftesten Bestialitäten sind dabei vorgekommen ... Lieber Junge: Mary läßt Dir sagen, Du sollst gründlich über das alles nachdenken und endlich auch die Konsequenzen ziehen. Dieses Menschheitsunglück kann von uns, die wir die Einsicht in den ganzen Mechanismus haben, nicht weiter schweigend ertragen werden. Agitiere für den Frieden ... Doch der einzige Kampf gegen den Krieg: das ist die soziale Revolution ...“
Die beiden Offiziere wurden noch unschlüssiger.
Doch das Ende des Krieges kam.
Die Waffenstillstandsverhandlungen begannen.
II
Welch eine Rückfahrt!
Ein glorreicher Siegeszug übers Meer! Welch ein Triumph!
Als die Transportdampfer in Sicht der Newyorker Freiheitsstatue gekommen waren, begannen plötzlich mit einem Male alle Schiffssirenen zu heulen, Leuchtraketen schossen auf, Hunderte von Torpedobooten und Schaluppen umkreisten die Heimkehrenden. Die Militärkapelle spielte die Nationalhymne.
Die Wolkenkratzer glühten.
Hoch hinauf in die Nacht brannten die Siegesfeuer. –
* * * * *
Die Truppen waren ausgeschifft.
Umarmungen. Küsse. Endlose Händedrücke.
Die Tränen der Tausende von Witwen und Waisen glätteten nicht diesen Freudenstrudel.
Auch Frank Morrow und Thomas Butler waren heimgekehrt.
Mary Green war aus dem Gefängnis entlassen ...
* * * * *
Das Nachkriegsleben begann.
Weder Frank Morrow noch Thomas Butler nahmen ihren Abschied. Sie blieben bei der Truppe ... Auch Mary war dafür, überall mußte angepackt werden, und man konnte nicht wissen ... Denn von Abrüstung war nicht die Rede, im Gegenteil. Die Waffen wurden vervollkommnet. Die Kriegserfahrungen eigentlich erst jetzt recht ausgewertet. Es gab großartige Manöver, Manöver, bei denen kein Mensch mehr sichtbar war: sie wurden nur mit mechanischen Kriegsmitteln, mit Tanks und mit Panzerwagen ausgeführt. Es wurden gewaltige Befestigungspläne besprochen, der Panamakanal und die Hawaiischen Inseln sollten zu Wunderwerken modernster Kriegskunst ausgebaut werden, zu den stärksten militärischen Stützpunkten der Welt. Militärischer Drill begann bereits in den Schulen, Privatarmeen wurden aufgestellt, geheime illegale Organisationen, militärisch organisierte Streikbrechergarden entstanden ... Das Land wurde unruhig ... Millionen enteigneter Farmer wanderten in die Städte. Die Regierung griff straff in die Zügel. Prozesse gegen Sozialisten häuften sich. Zu gleicher Zeit wurden die Propagandamittel, Kino und Presse, stark forciert. Rußland: so hieß die Gefahr. Im Herzen Amerikas selbst wohnt Rußland. Die werktätigen Massen Amerikas schauten nach Russland. Gefängnismauern und Barrikaden mußten gegen die rote, gegen die bolschewistische Gefahr errichtet werden ... Da liefen in allen Newyorker Kinos schon die antibolschewistischen Greuelfilme: da war zu sehen, wie es die Kommunisten trieben: Berge von Erschossenen häuften sich vor dem andächtig glotzenden Publikum ... Die weißgardistischen Emigranten stützten den Feldzug: sie schrieben Lebenserinnerungen, und ihre Flucht aus dem roten Massengrab war wirklich heldenhaft abenteuerlich. Kapitalisten aller Länder vereinigt euch! Diese Parole, zwar nicht so deutlich ausgesprochen, wurde bis zu einem gewissen Grad zur Tat ...
Japan wuchs sich energisch groß.
Vereine von Rassenschützern erhoben warnend die Stimme.
Da geschahen einige Erdbeben, Feuersbrünste bei den Gelben: man dankte auf Wallstreet Gott auf den Knien. Doch bedeutete das nur einen zeitweiligen Aufschub.
Man hörte aus Deutschland: Die Arbeiterschaft mobilisiert sich, Rote Armeen bilden sich, das bolschewistische Feuer springt nach Europa über. In der amerikanischen Finanzwelt gab es zwei Meinungen: die einen: das kümmert uns nicht, laßt Europa Europa sein; die anderen: wir brauchen Europa, unser Kapitalexport stockt ... Deren Meinung setzte sich allmählich durch. In Deutschland war Ruhe und Ordnung auch wieder eingekehrt. Frankreich klopfte man rechtzeitig noch auf die Finger. Der Frank sank ... Und die Vertreter der Nationen erschienen, der amerikanische diesmal mit einbegriffen, zur Lösung des Reparationsproblems am Verhandlungstisch. –
* * * * *
Die beiden Freunde bildeten sich weiter. Es war ihnen allmählich bewußt geworden, welche Funktion sie als Offiziere der bewaffneten Macht auszuüben hatten. Sie wurden radikale Sozialisten, das heißt gründliche Sozialisten.
„Jeder an seinem Platz ... Und wir, wir werden _hier_ unsere Pflicht tun.“
III
Die beiden Freunde hatten sich wieder in Newyork getroffen.
„Und wie stehts in Edgewood! ...“
„Nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen, Thomas ... Darüber später ...“
„Wir gehen gleich in den Klub!?“ ...