(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg

Part 12

Chapter 123,353 wordsPublic domain

„Ja, und morgen treffen wir uns mit Mary ... Es wird allerlei Interessantes zu berichten geben ... Auch Bolleff ist hier, ein bulgarischer Genosse ... Aber man muß auf die Detektivs acht geben ... Die Luft wird immer dicker ...“

Ein gewaltiger Menschenstrom begann.

„Ah, die Weltmeisterschaft ...“

Und schon schwirrten die Gesprächsfetzen:

„Ich setze auf Dempsey!“

„Dempsey?! ... Ja, man weiß nicht, was wahr ist. Aber man hat sich ganz erstaunliches von dem Argentinier erzählt ...“

„Ach, diese Stierhelden und Pampasbullen, meist ist’s nicht viel gerade, was dahinter steckt ... Ein schwerer mörderischer Schlag, der kein Gras mehr wachsen läßt, wo er hintrifft ... Aber Technik, meist keine Ahnung; ... Auch keine Luft, höchstens über drei Runden Stehvermögen ... Alles Reklame, Maulaufreißertum, Profitgier ... Da, sieh’ nur ...“

Und der ununterbrochen sich dahinwälzende Menschenstrom erfaßte die beiden Offiziere, schob sie mit von Straße zu Straße, Hunderttausende trieben so vorwärts, der Riesensportarena zu, in der heute die Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen Dempsey und Firpo ausgetragen werden sollte. Das Geschrei der Straßenhändler, das blitzende Rauschen von Lichtkegeln in der Luft, gleitende Trottoirs, fünfzigstöckige Wolkenkratzer, bengalisch illuminiert, unübersehbare Reihen von Automobilen, die im Menschenstrom steckengeblieben waren, Absperrungsketten der Polizeimannschaften, Billethändler dazwischen, alles erdrückt, gequetscht, manchmal wieder vor dem Eingang ganze Menschengruppen um sich selbst kreisend, wie Menschenwirbel, und dort hingen wohl zehn Meter große Plakate mit den beiden Boxergestalten, da sprach irgend jemand vom Balkon durch einen Schalltrichter, eine zweite Stimme gegenüber aus einem Lautsprecher, dort glitten die Hochbahnen vorüber, Lichtpunkte flimmerten hinauf in die Nacht, Lichtbänder rollten wieder hoch oben vorüber, leuchtende Buchstaben, „Persil bleibt Persil“, „Die Zarin ist soeben in Washington eingetroffen“, Aufzüge sah man strahlend aufwärtsgehoben in gläsernen Warenhäusern, die Asphaltböden, über denen diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, das merkte man; ein langhingezogener Donner: das waren die Untergrundbahnen, ausgedehnte Zementröhrensysteme unterflochten die Erde ... Dempsey – Firpo: ein einziger Gedanke, ein einziger Wille war diesen Hunderttausenden aufsuggeriert, dieser Gedanke trieb sie, packte sie, peitschte sie, flammte sie vorwärts, dieser tausendgliederige Massenkörper war nur von der Sucht nach diesem einen Erlebnis durchschüttert ...

„Wie am Tag der Kriegserklärung ...“

„Erhebend! Gewaltig!“

Den beiden Offizieren war es gelungen, die Menschenmassen zu durchkreuzen und in eine leere Seitenstraße einzubiegen. Diese Seitenstraße war wie ein vom Wellenschlag unberührtes Bassin.

„Und denkst du eigentlich noch oft an den Krieg?“

„Dann ragten sie empor zu brutaler Größe, geschmeidige Tiger der Gräben, Meister des Sprengstoffs.“ So habe ich neulich im Gedicht eines Deutschen gelesen. Ob ich noch an den Krieg denke? An den, der gewesen ist, nicht mehr. An den, der kommen wird. Ich bin doch schließlich zum Gasdienst abkommandiert.“

„Ich bin gespannt auf heute abend. Man müßte öfter solche Vorträge hören können. Immerhin, gegen früher, es wird jetzt in der Armee doch mehr für politische und kriegswissenschaftliche Bildung getan ...“

„Die Deutschen waren uns darin bei weitem überlegen. Doch wir haben den Vorsprung eingeholt ... Die Welt gehört USA. Ich sage das nicht unbegründet. Ich gehöre gewiß nicht zur Gattung jener Hornochsenpatrioten, die nicht weiter als ihre eigene Nasenspitze reicht, zu blicken vermögen. Ich sage das, na ... auf Grund meiner Erfahrungen in Edgewood. Verstehst du mich ... Vom militärpolitischen Standpunkt aus, meine ich das.“

IV

„Das chemische Kampfmittel ist gekommen, um zu bleiben. Mit dieser Tatsache wird sich die Welt abfinden müssen.“

Mit diesen Worten begann Professor Snowden seinen Vortrag vor Offizieren der amerikanischen Marine, des Heers und der Luftflotte. Auch Vertreter der Zivilbehörden und der Industrie waren dazu erschienen.

Professor Snowden gab zunächst einen kurzen geschichtlichen Rückblick.

„Jahrtausende liegen die Anfänge des Gaskriegs zurück, künstliche Staubwolken, raucherzeugende Brennstoffe, Vernebeln der feindlichen Stellungen und Ausräuchern: das war schon im Altertum und im Mittelalter bekannt. Und schon im Jahre 1854 wurden dem englischen Kriegsministerium Gasbomben vorgelegt. Ein deutscher Apotheker war es, der während des deutsch-französischen Krieges 1870-71 eine Füllung der Granaten mit Veratrin empfahl, einem lediglich stark zum Niesen reizenden Stoff. Sein Vorschlag kam damals jedoch nicht zur Durchführung.

„In den 500 Jahren, die vergangen waren, seit die Feuerwaffe Harnisch und Lanze überwand, hat man anfangs langsam, dann in den letzten 50 Jahren in außerordentlich gesteigertem Tempo gelernt, die Feuergeschwindigkeit, die Durchschlagkraft und die Rasanz der fliegenden Eisenteile zu erhöhen, mit denen man den Gegner bekämpfte. Dabei war man zu einem Punkte gelangt, der die bisherige Kriegsführung praktisch umwarf. Denn alle diese fliegenden Eisenteile waren von größter Wirkung im freien Feld, aber durch Erdwälle von mäßiger Stärke verhältnismäßig bequem aufzuhalten. Das gab dem Verteidiger eine grundsätzliche technische Ueberlegenheit über den Angreifer. Der menschliche Körper mit seinen zwei Quadratmeter Oberfläche stellte eine Zielscheibe dar, die gegen den Eisenstrudel von Maschinengewehr und Feldkanone nicht mehr unbeschädigt an die verteidigte Stellung heranzubringen war. Der Verteidiger konnte nicht vor dem Sturme in seiner Erddeckung niedergekämpft werden, weil ihn die fliegenden Eisenteile nicht genügend erreichten. Es war eine Sache der naturwissenschaftlichen Phantasie, diesen Zustand voraussehen und auf die Abhilfe zu verfallen, die der Stand der Technik möglich machte. Diese Abhilfe ist der Gaskrieg.“

Während Professor Snowden exakt die drei verschiedenen Etappen der Gasexperimente im Weltkrieg schilderte, das Gasblasen, das Gasschießen, das Gaswerfen – wobei er unablässig betonte, daß es sich damals lediglich um Experimente handelte und sozusagen der Gaskampf noch in den Kinderschuhen steckte – überlegt sich Frank sprunghaft die neuesten Arbeiten des „Gasdienstes“ in den Laboratorien und auf den Uebungsplätzen von Edgewood.

„Ja, in der Tat, man kann sagen, das Problem der Fernlenkung ist gelöst. Eine Kommandotafel, ein Druck: automatischer Start: und das mechanische Flugzeug, durch keinerlei atmosphärische Verhältnisse behindert, schießt – 500 Kilometer Stundengeschwindigkeit – seinem Ziel zu ... Phantastische Gedanken, allein der Technik ist kein Ding unmöglich ... Sehen wir nur unsere modernen Tanks an. Wie wendig sie sind, wie schnell. 70 Kilometer machen wir heute schon mit ihnen pro Stunde. Eine ideale Verbindung von Feuer und Bewegung! ... Wie war es nur bei den letzten Manövern? Da sah man schon keinen Menschen mehr. Auch die Munitions- und Proviantübernahme, sowie Mannschaftswechsel erfolgten vollkommen automatisch, durch Reservekampfwagen ... Nun besteht das Problem noch darin, die Tanks gasdicht zu machen. Dann durchqueren wir mit ihnen wie mit Unterseebooten die Gassümpfe. Der Krieg hat nun einmal die feste ungepanzerte Feuerlinie durch die gepanzerte bewegte Feuerlinie ersetzt ...“

„So ist also, dachte Frank zu Ende, der kommende Krieg wieder ein Bewegungskrieg. Das Massenheer wird durch das Spezialistenheer ersetzt. Uebergänge sind möglich. Genaue Prophezeiungen lassen sich natürlich nicht anstellen. Aber das Ueberraschungsmoment gewinnt ungeheuer an Bedeutung ...“

Das sprach auch soeben Professor Snowden aus:

„Die chemische Kriegsführung stellt zur Zeit die letzte Entwicklungsstufe der Kriegskunst dar. Sie ist die bisher wissenschaftlichste aller Kampfmethoden. Vom ökonomischen Standpunkt ist die chemische Waffe billiger als alle anderen. Sie ist aber auch die humanste. Meine Herren! Man hat die Verwendung von Giftgasen als Kampfmittel grausam und unnatürlich genannt, unzweifelhaft ist dies auch im Anfang so empfunden worden. Aber man muß dabei doch bedenken, daß man jede neue Methode der Kriegführung, so auch die Einführung des Schießpulvers als grausam bezeichnet hat, erst allmählich hat es seine Schrecken verloren.

„So stehen alle Weltmächte demnach sichtlich unter dem Eindruck, daß die Ueberlegenheit in einem kommenden Krieg dem gehören wird, der überraschend einen unparierbaren Hieb mit der chemischen Waffe führen kann. Erstrebenswert darum ist die Herstellung geheimgehaltener Gaskampfstoffe, die kein anderer hat. Es ist ohne weiteres also selbstverständlich, daß geheimgehaltene Fortschritte in dieser Richtung einen militärischen Vorsprung bedeuten würden, der vom Gegner im Verlauf des Krieges wohl kaum eingeholt werden könnte. Denn Schutz gegen Kampfgase ist nur möglich, wenn ihre Zusammensetzung bekannt ist. Neue Gase wirken also meistens vernichtend ...“

Mit einem Aufruf zur Zusammenarbeit von Offizieren, Naturwissenschaftlern, Chemikern und Technikern schloß der Professor seinen Vortrag.

V

Es entspann sich sofort eine lebhafte Diskussion.

Man debattierte in Gruppen.

„So und nicht anders muß es kommen, auf diese Art und Weise macht sich der Krieg selbst unmöglich. Das Kriegsungeheuer beißt sich selbst den Kopf ab. Sehen Sie nicht ein, meine Herrn, daß nach den interessanten Ausführungen des Professor Snowden das Kriegführen eine unmögliche Sache geworden ist? Ein solcher Zukunftskrieg, würdig von einem Jules Verne beschrieben zu werden, er ist ein Angstprodukt verhetzter Gehirne, eine Wahngeburt, nicht mehr, das ist unmöglich, sage ich Ihnen, die Menschheit in ihrer Gesamtheit wird sich nicht in so frivoler Weise der Barbarei überantworten lassen. Jules Vernsche Phantasien, Mondfahrten, Abenteuer im Uferlosen ... nichts mehr.“

Es war ein Wilsonianer, der so sprach. Ein gealtertes, elegantes Männchen, ein Monokel im Auge. Professor der Medizin an der Universität.

„Und der Völkerbund!?“ wisperte er erregt weiter, „und das Washingtoner Abkommen! Ziehen Sie, bitte, in Betracht, meine Herren, den Artikel 5 des Vertrages ... Schreiten wir weiter fort auf dem Weg der Abrüstung, die Befriedung der Welt ist sichergestellt. Ich sage Ihnen, meine Herren, der vergangene Krieg ist und bleibt der letzte ... Mögen auch kleine Konflikte noch entstehen, Krisen, Empörung und Streit aufwirbeln, mögen auch die Kolonialvölker, uneinsichtig wie sie sind, gegen Kultur und Gesittung randalieren ... ein Krieg von dem Ausmaß und in den Formen, wie Sie ihn uns beschrieben haben, ist eine glatte Unmöglichkeit. Aberglauben einfach, nichts weiter ... Die Zivilisation, meine Herren, marschiert. Ich meinerseits schwöre in dieser Beziehung absolut auf den Völkerbund ...“

„Aber, lieber Arthur, welche Töne!“ grinste ihm gummikauend ganz jovial ein chemischer Sachverständiger entgegen. „Sie gütiger Apostel der Aufklärungszeit. Gewiß, gewiß. Ihr Pazifismus ist mir psychologisch gut erklärlich aus der Katerstimmung nach dem Weltkrieg heraus. Aber, ich denke, wir haben das heute, nach 5 Jahren doch wohl schon gründlich überwunden. Ueberall, wohin Sie sehen in der Welt, erteilen wir doch mit Bajonetten etc. bereits wieder gründliche Lektionen im praktischen Pazifismus, wie Sie das nennen. Nun zum Thema. Dazu wäre kurz folgendes zu sagen: solange das Gas von anderen Militärmächten in ihre Bewaffnung eingereiht ist, können und werden wir es nicht fallen lassen. Chemische Kriegsabteilungen bilden jetzt einen wesentlichen Teil der militärischen Organisationen Frankreichs, Italiens und der USA., und in jedem dieser Länder sind Experimente im Gange, wirksame Methoden für Gasangriffe auszuarbeiten. Auf die Verwendung von Gasen verzichten, hieße die Sicherung unserer Kampfeinrichtung auf das Spiel setzen, und im Hinblick auf die Erfahrungen, die wir im Krieg gemacht haben, würde es glatten Irrsinn bedeuten, solch ein Risiko zu laufen. Im übrigen ist es sehr töricht den Gaskampf als Kampfart zu verdammen und jemandem Vorwürfe zu machen, ihn aufgebracht zu haben. In Wirklichkeit ist es keine Kampfmethode, die man nicht etwa hätte voraussehen können. Die ehemalige Entrüstung gilt nicht dem Gaskampf selbst, sondern nur dem Bruch der Vereinbarungen. Kindliche Einfalt und unberechtigte Bedenken haben Frankreich bei Kriegsbeginn abgehalten, sich einer so vorzüglichen Waffe zu bedienen. Die französischen Chemiker haben sie sofort vorgeschlagen. Ein gänzlich falsch angebrachtes Schamgefühl hat Frankreich um den Prioritätsanspruch gebracht ... Kurz: wir alle betrachten den Gaskrieg als den Krieg der Zukunft und bereiten uns emsig auf die chemische Kriegsführung vor. Und das sind keine Märchen, keine Legenden, liebes Professorchen, sondern Tatsachen. Es wäre klug, wenn Sie im Zusammenhang damit einmal bei sich erwägen würden, ob das hier Gehörte auch nicht für Ihr Fach bedeutende Gewinne bringen könnte ...“

„Ich verstehe Sie nicht, meine Herren, Sie setzen sich über die Abrüstungskonferenz und über den Friedenswillen der Völker einfach hinweg, als wäre das alles etwas, was man im entscheidenden Moment mit dem kleinen Finger umstößt. Dem ist nun doch nicht so ...“

„Der Beschluß der Abrüstungskonferenz, den Gaskampf zu verbieten, steht nur auf dem Papier, denn in Wirklichkeit kann er den Gebrauch von Giftgasen in einem neuen Krieg nicht verhindern. Deshalb war es auch ein Fehler, nicht auf die Ansichten der Sachverständigen zu hören, sondern auf die Ansicht von Nichtfachleuten, die aus allgemein menschlichen Erwägungen heraus den Gaskampf als grausame, ungehörige Anwendung der Wissenschaft verurteilen. Die Vorbereitung für die chemische Kriegführung muß weiter betrieben werden ... Es dürfte wenig Zweifel darüber herrschen, daß das chemische Kampfmittel gegebenenfalls in sehr viel größeren Mengen und in anderer Weise verwandt werden dürfte, als im letzten Krieg. Daraus ergibt sich trotz der Washingtoner Beschlüsse die Notwendigkeit für unser Land, die chemische Kriegführung weiter auszubauen. Die demoralisierende Wirkung von Gas auf einen in seinem Gebrauch ungeübten Gegner ist so groß, daß kein Führer es verantworten kann, wenn er daraus nicht vollen Nutzen zieht. Eine Nation mit größeren wissenschaftlichen Kenntnissen wird unzweifelhaft im nächsten Krieg von dieser Wissenschaft vollsten Gebrauch machen, wenn sie der Ansicht ist, daß sie dadurch den Krieg gewinnt.“

Aber auch ein Professor der Soziologie war vorhanden:

„Und da sehen Sie, meine Herrschaften, auch auf ein anderes Problem möchte ich beiläufig aufmerksam machen. Die neue Kriegstechnik gibt uns wieder die Waffe in die Hand. Wie ein Bumerang kehrt die Waffe, die wir notgedrungen eine Zeit lang aus der Hand geben mußten, wieder an ihr ursprüngliches Ziel zurück. Lassen Sie mich das erklären. Im letzten Krieg war das Klassenbewußtsein des Proletariats noch nicht allzu entwickelt. Die 2. Internationale spielte ihre Rolle gut: sie ist Schulter an Schulter mit uns rechtzeitig allen Versuchen den Krieg in den Bürgerkrieg umzuleiten entgegengetreten. In einem kommenden Krieg dürfte ihr das vermutlich nicht mehr gelingen. Rußland ist da. Die Kommunistischen Parteien haben in allen Kontinenten tief in der Arbeiterschaft Wurzel geschlagen. Eine Volksbewaffnung, ein Massenaufgebot: bedenken Sie, welch ein Risiko, welch eine Gefahr für uns! Da aber trennt die neue Kriegstechnik das Proletariat von der Waffe, die Waffe bleibt in unserer Hand, nur an den Produktionsstätten haben wir die Arbeiterkadres noch nötig, die nichts mehr und nichts weniger nur mehr Arbeitskadres sind. Wir, die Bourgeoisie an der Front: das Proletariat im Hinterland, in der Etappe, das Proletariat in der Gefahrzone. Wir: in Tanks, in Flugzeugen, in durch Kollektivschutz gesicherten Laboratorien, so sieht in einer schroffen Wendung der Verhältnisse der neue Krieg aus.“

Der Pazifist machte wieder Einwendungen. Streik, Generalstreik, Kriegsdienstverweigerung, Sabotage in den Munitionsfabriken usw.

Dutzendweise prasselten da Gegenargumente auf ihn nieder.

„Ja, aber lieber Professor! Munitionsarbeiterstreik. Glauben Sie denn, daß unsere guten Proleten überhaupt wissen, was sie herstellen. Gas, Giftgas: muß ich Ihnen, naives Gemüt, denn erklären, daß dies alles in Arzneien, Parfümerien, in Düngemitteln, in den Seifenfabrikaten enthalten ist? Wo fängt die Munitionsherstellung an und wo hört sie auf? Sehen Sie, die Raupenschlepper der Tanks, werden sie nicht auch zu Traktoren verwendet? Haben Sie nie etwas von den Normungstendenzen der Industrie gehört ... O, das ist alles organisiert ...“

Ein anderer spottete:

„Streik, Dienstverweigerer. Sie rechnen nicht mit der Atmosphäre beim Ausbruch eines bewaffneten Konflikts. Sie rechnen nicht mit der Macht der Presse, mit der Erschütterung, die wir in neun Zehntel aller Menschen mit Schauergeschichten und Greuelmärchen bewirken können, mögen sie noch so absurd und noch so schamlos dumm erlogen sein. Sie rechnen nicht mit der Spaltung der Arbeiterschaft. Die revolutionären Elemente haben bestimmt im Anfang des Krieges keinen großen Einfluß, erst unter den direkten Wirkungen ... und dann: entweder – oder! Wir siegen oder – das andere ist Sache der feindlichen Besatzungstruppen. Wir werden uns auch hier zur rechten Zeit verständigen. Hundertprozentige Irrsinns-Atmosphäre, mein Herr! ... Das verdient in Rechnung gestellt, einkalkuliert zu werden, mein Herr! ... Nur wir, die Arrangeure, ein Prozent der Gesamtmenschheit, behält klar den Kopf. Denn wir sind darauf eingestellt, wir kennen die Vorbereitungen, für uns allein ist die Kriegserklärung kein Ueberraschungsmoment, wir allein wissen nur allzu genau – im Gegensatz zu gewissen Sozialisten, Sie entschuldigen schon – daß die Produktionsmethode, die wir heute betreiben, und Krieg unbedingt zusammengehören, in ihrem Wesensgrund eins sind, und daß der sogenannte Friede nur eine Atempause ist ... Wie lange eine solche dauert, das kann man nicht sicher prophezeihen ... Wir geben für einen kommenden Krieg kein Datum an ... Kurz gesagt: Träumen wir nicht den Frieden, sondern _para bellum_! Bereite den Krieg vor ...

„Hat schon Nietzsche gesagt: nur im Schatten des Schwertes –“

„... Wir dürfen ja wohl hoffen, Herr Professor, daß Sie nur außerhalb ihres Geschäfts so pazifistisch sich gerieren ... Wenn der Krieg einmal da ist, verlassen wir uns darauf: Sie schreiben alles, was noch aus dem letzten Loch pfeift, k. v. ...“

„Eingeschlagen!“

„Nun, das ja ... Wir sind doch schließlich allzumal Patrioten. Kern-amerikanisch.“

Eine Pause trat ein ...

VI

Berühmte Herrenreiter, Tennisspieler, Tänzerinnen, ein Arzt, monokelblitzende Herren vom demokratischen Yachtklub promenierten schon auf und ab, eine Filmdiva zirpte am Arm des berühmten Relativitätstheoretikers vorüber, eine parfümierte Duftwolke durchschütterte die Luft. Die Kinoschauspielerin war raffiniert einfach gekleidet, ein goldenes Kreuz im weiten Halsausschnitt, schwarze Seide. Sie hatte merkwürdigerweise den Spitznamen „Lola, das Känguruh“. Eine andere hieß „Das Sardellenbrötchen“, eine dritte „Der Vampir“.

„Unterseeboote –“

Grunzte ein hoher Geistlicher sehr bedächtig:

„... sind gewiß lieblos, unchristlich. Sie sind genau so ungerecht wie der Mammon. Gerade darum entsagen wir ihnen nimmer. Wir brauchen sie, wie wir ja auch nach Jesu eigenem Wort den Mammon brauchen sollen. Das ist eben das Schöne, daß wir bei dem allen das Wort Jesu für uns haben ... Unsere Schuld wahrlich ist es nicht, wenn wir in der Blutarbeit des Krieges auch die des Henkers zugleich mit verrichten müssen ...“

„Meine Herren! In der Tat! Der Mensch wurde über sich selbst hinausgehoben! Wenn ich mich an die Jahre des Krieges zurückerinnere: in der Tat: wir durften unsere Bilder dorther nehmen, wo die ewigen Sterne hangen ... Wir sahen keine Vergangenheit mehr: wir waren das Schicksal selbst ... Wie das Wehen einer neuen Zeit, so ging ein Geist des gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Hilfsbereitschaft durch die Menschenherzen. Und die vaterlandslosen Gesellen haben ihre Pflicht erfüllt und sich darin in keiner Weise von den Patrioten übertreffen lassen ... Ein jubelnder Aufschrei hat die Herzen des Volkes durchglüht, ein versöhnender Hauch hat sich über die Herzen des Volkes gebreitet. Darüber sind sich doch alle meine Freunde klar, ohne den Krieg wären die vielen demokratischen Freiheiten in den USA. noch lange nicht erreicht worden. Ein solcher Sieges- und Friedenspreis ist der Opfer würdig ... Das sage ich, trotzdem oder besser eben weil ich Sozialist bin ...“

„Ja, wirklich, es war aber auch ein heißes Bad in schwarzem Blut nach so viel feuchten Lauheiten von Muttermilch und Brudertränen dringend notwendig. Es war eine ordentliche Begießung mit Blut nötig. Vor allen Dingen: wir sind unserer zuviel geworden. Und der Krieg nimmt allemal eine Unmenge von Menschen weg, die nur lebten, weil sie eben geboren waren. Unter den Tausenden von Leichen, die im Tode vereinigt sind und sich nur noch durch die Farbe der Uniform unterscheiden, wie viele sind denn darunter, die man zu beweinen oder deren wir uns auch nur zu erinnern brauchten!? Ich wette meinen Kopf, daß sie nicht an die Zahl der Finger und der Zehen heranreichen. – Man halte uns nicht zur Gemütserschütterung die Tränen der Mütter vor! Zu was aber sind auch nach einem gewissen Alter die Mütter überhaupt noch zu gebrauchen als zum Heulen!? Der Krieg nutzt außerdem der Landwirtschaft und der Neuzeitlichkeit. Die Schlachtfelder liefern für viele Jahre einen erheblich höheren Ertrag als zuvor ohne irgendwelche Düngemittel. Was für schöne Kohlköpfe werden wir essen, wo die Leichen sich aufhäufen, und welche dicken Kartoffeln wird man einige Jahre später in den Gegenden ernten, wo die Leichenmassen der deutschen Infanteristen liegen. Wir wollen den Krieg lieben und ihn, solange er dauert, als Feinschmecker auskosten ...“

So dozierte ein Aesthet. Er war bekannt durch den Besitz einer reichhaltigen Porzellansammlung. Er selbst galt als Kraftnatur und bevorzugte von allen anderen Kunstrichtungen den Futurismus.

Gegen einige Einwände, die namentlich von weiblicher Seite gemacht wurden, erhob sich sofort der Psychiater:

„Sie müssen einsehen lernen, die Kriegskassandren beiderlei Geschlechts, daß es Demenz verrät, die Modefrage nach dem Frieden stoßzubeten. Krieg lernt man nicht an einem Tag. Der Krieg, bisher Reaktion auf Reiz, Ehrensache, Mittel zum Zweck: im Moment der Kriegserklärung wird er Selbstzweck. Und von da an, hoffe ich dringend, werden auch alle jene noch unerlösten amerikanischen Seelen, möglicherweise sogar die letzten Pazifisten, ihren Sündenfall erkennen, werden erkennen, daß ihre Ideale keine Reliquien sondern Relikte sind. Und die ganze Nation wird wie ein Mann den ewigen Krieg wiederfordern ... Im übrigen: wenn es Sie interessiert: ich bin jetzt gerade bei einer Psychoanalyse der Arbeiterbewegung: die ununterbrochenen Klagen über die Unterdrückung der Arbeiterklasse durch die Bourgeoisie sind nichts weiter als die Sublimierung des Verfolgungswahns, und was die Losung „Proletarier aller Länder vereinigt euch“ betrifft: so ist sie nichts anderes als der Klassenausdruck der Homosexualität ...“

„Nein, was Sie sagen!“

VII

Im Musik-Salon wurde inzwischen über Kunst debattiert.

Ein Bücherschrank öffnete sich.

Zuerst liebkoste man mit den Fingerspitzen die Einbände.

Ein berühmter Kritiker drehte sich hin und her in der Mitte eines Kreises, wie ein Pfau, zwei sehr fett geratene Schauspielerinnen umwogten ihn, endlich schaufelte er sich durch die Fleischmassen hindurch, elastisch wippend. Den mit ihm Sprechenden ließ er nur sein Profil sehen.

„Auch Sie hier, Herr Doktor!? ... Ein wenig herausgeflogen aus der Studierstube?! ... Nun, was macht Ihre Arbeit!?“