(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 25
„Arbeiter der Farbstoffindustrie! Euere Brüder, euere Arbeitskollegen, euere Klassengenossen kämpfen in den Städten, und ihr: morgen, übermorgen werden euere Arbeitsprodukte die Entscheidung im Kampf herbeiführen, euere Arbeitsprodukte, die chemischen Kampfstoffe, von Fliegern über den Arbeitervierteln abgeworfen werden. Arbeiter! An euer proletarisches Solidaritätsgefühl appelliere ich. Arbeiter, werdet Kampfgenossen! Schluß mit der menschenschlächterischen Arbeit, die ihr bisher, nichts ahnend, hier in dieser Giftbude verrichtet habt! Generalstreik! Sturm auf die „Menschenfalle“!“
Die Belegschaftsversammlung war ein einziger Empörungsschrei.
„Heraus aus der Giftbude!“
„Sturm auf die „Menschenfalle“!“
Schon klapperten auf dem Direktionsbüro flink die Telegraphen.
Aber auch von den umliegenden Ortschaften waren Arbeiter- und Landarbeitertrupps alarmiert.
„Nun aber, knorke, nun werden wir das Gesindel aus der „Falle“ herausholen.“
So wie sie gerade standen, rannten sie los, manche krempelten sich die Rockärmel hoch, manche mit dem Messer; sie waren nicht zurückzuhalten.
Nicht lange spie die „Falle“ Maschinengewehrfeuer.
Ein langes, zischendes, brodelndes Geräusch kam:
„Gas!“
„Gas!“
„Gas!“
* * * * *
Mit ungeheueren Verlusten für die Arbeiter wurde der Sturm zurückgeschlagen.
Dabei geschah es, daß einem, vielleicht am Rockärmel, ein winziges Tröpfchen Gasflüssigkeit hängen blieb, er in einen Raum trat, das Tröpfchen Gasflüssigkeit verdampfte, und er sich selbst samt ungefähr fünfzig seiner Kameraden tödlich ansteckte.
Das gab auch dem Letzten, der noch immer nicht daran glauben wollte, den Rest.
Das ganze Farbstoffwerk mußte geräumt werden.
Rings herum auf den Höhen, kilometerweit entfernt, lagen die Arbeiter. Dann: endlich war das Geschütz herbeigeschafft, und beim fünften Schuß stieg eine Flammenlohe hoch, wie ein Feuer-Geysir, prasselnd, fauchend, und zerstäubte über den ganzen Horizont hin, rings fächerartig geöffnet, als Glühregen.
Die „Falle“ war in die Luft geflogen.
Erst in drei Tagen ging scharfer Wind.
Die Gasschwaden verzogen sich.
Die Arbeiter konnten wieder in ihren Werken einziehen. –
V
Die roten Arbeiter- und Farmerbataillone, die in Kolonnen von Hunderten von Lastkraftwagen bei Morgengrauen auf verschiedenen Anmarschstraßen dem amerikanischen Giftgas- und Waffenarsenal Edgewood zueilten, sahen in der aufgehenden Morgensonne plötzlich vor sich über eine schneeweiß schimmernde Ebene dahingestreckt ein riesiges Mohnfeld.
Die Blüten des Mohns schwangen im Wind, entfalteten sich, wehten und leuchteten ...
Einen Augenblick stoppten die Kolonnen, mit Ferngläsern und Scherenfernrohren suchte man den Horizont ab: ein Freudenschrei, ein Schrei, der in einen gewaltigen Massengesang überschlug: hunderte von roten Fahnen flatterten in der Ferne über den unzähligen weißlichen Wellblechbaracken und auf den Giebeln der Verwaltungsgebäude, des Kontrollwerkes und der Elektrizitätsanstalt. Ja, der Blitzableiter jedes Fabrikschlotes trug ein rotes Fähnlein.
Edgewood war gefallen! Edgewood, das gewaltigste Kriegsarsenal der Welt, in den Händen der „Roten“!
Hurra! Hurra! Hurra!
Wie drei Freudensalven knallte es aus Hunderttausenden von Mündern dahin ...
Und in diesem Augenblick stieg es schon auf: Geschwader an Geschwader, Kampfflieger, Aufklärungsflugzeuge, Bombenflugzeuggeschwader: alle rote, lange, bänderartige Wimpel an den Tragflächen. Das ganze Tal überzog sich mit einer Schicht von Flaggenrot und Motorengeknatter: in ruhig geschwungenen Schleifen zogen die Geschwader dahin, in Spiralen tauchten sie auf und nieder in dem gläsernen Luftmeer, und landeten dann unter dem gleichzeitigen Jauchzen von hunderten von Fabriksirenen senkrecht abschießend auf den verschiedenen Flugplätzen ...
* * * * *
Der rote Kriegsrat des Farbstofftrusts, dem Arbeiter, Matrosen, Soldaten, die Offiziere des revolutionären Offiziersbundes angehörten, beschloß einstimmig: der Angriff gegen die feindlichen Stellungen, Flugzeughäfen und Flottenstützpunkte hat unmittelbar zu beginnen. Die Operationsbasis ist durch die Industriegebiete und durch die eroberten militärischen Bollwerke gegeben, das Ziel: die rücksichtslose Niederkämpfung der feindlichen militärischen Macht. Zu gleicher Zeit wird ein umfangreicher Propagandaapparat eingesetzt, ein richtiger Feldzugsplan zur Zersetzung, zur moralischen und materiellen, der feindlichen Streitkräfte ist ausgearbeitet und wird in den einzelnen Punkten von den betreffenden Stellen noch heute durchgeführt. Es ist selbstverständlich, bei der geradezu bestialischen Art, mit der die Weißen den Bürgerkrieg zu führen belieben, daß von der chemischen Waffe zweckmäßig Gebrauch gemacht wird. Die Zweckmäßigkeitsfrage wird bei jeder taktischen Ueberlegung in den Mittelpunkt gestellt, Sentiments und Ressentiments sind restlos auszuschalten ... Keiner Erwägung bedarf der Beschluß, sich mit den revolutionären Organisationen Japans, Europas, Rußlands unverzüglich in Verbindung zu setzen ... Wobei, was andere noch nicht revolutionierte Völker anbetrifft, zu bemerken ist; das siegreiche Proletariat kann keinem fremden Volk irgendwelche Beglückung aufzwingen, ohne damit seinen eigenen Sieg zu untergraben ... Schon sind Fälle ferner gemeldet worden, wonach die Regierungsflugzeuggeschwader die Reviere der revolutionären Bergarbeiter eingegast haben, man hat Kohlenschächte ersäuft, in denen man rebellische Belegschaften vermutete, und durch Ueberläufer und abgefangene Radios weiterhin festgestellt ist, daß umfangreiche Vorbereitungen getroffen sind, Edgewood durch einen groß angelegten Bombenfliegerangriff in einen Gassumpf zu verwandeln ... Also: wir werden ihnen die Suppe gründlich zu schmecken geben, die sie uns zugedacht haben ... Das ist selbstverständlich ...
* * * * *
Wieder trillerten die Fabriksirenen.
Die roten Fahnen wurden eingezogen: grau und eisig lag Edgewood da.
Die Flugzeuge waren startbereit.
Auf einer elektrisch betriebenen Kleinbahn rollten die schweren Riesenflügelbomben zum Flugplatz an: sie waren mausgrau, am Kopf dicklich und rund und hatten ganz das Aussehen von Walen.
Ein Kommando.
Viele Klingeln schrillten. Leuchttafeln zuckten auf ...
Ein Lautsprecher dröhnte –
Achtung!
Los!
Die erste Schlachtstaffel gleitet ab, schnellt senkrecht hoch.
Die zweite ...
Die Mannschaften unten winken mit den Mützen –
Wieder: „Hurra! Hurra! Hurra!“
Und die Flieger werfen die roten Wimpel ab ...
„Kameraden! Auf Wiedersehen!“
– – –
Der Führer der Schlachtstaffel III ist der Genosse Thomas.
„Na, mein Junge, noch ein Händedruck ... Halt dich gut! ... Wir werden die Sache schmeißen ... Davon bin ich fest überzeugt ... Glück auf die Reise ... Ich hoffe: übermorgen! ...“
Und der Genosse Frank umarmte den Genossen Thomas.
Dann küßten sich die Freunde.
Frank bekam es dabei mit dem Schlucken ...
Ein Pfiff ...
Und auch Schlachtstaffel III erhob sich ...
– – –
Frank inspizierte die Gasläger. Die Bestandsaufnahme war fertiggestellt.
„Es genügt, um die ganze Welt einigemale mit Gas zu vergiften ...“
Die Arbeiterschaft der verschiedenen Betriebe war inzwischen versammelt und besprach einen neuen Produktionsplan.
Die weitere Herstellung der Giftgase konnte bei der großen Menge der vorhandenen chemischen Kampfstoffe sofort eingestellt werden. Dagegen waren vom roten Kriegsrat Flugzeuge („Goliath“-Typ) und Kampfwagen in bedeutender Menge angefordert worden. Ebenfalls wieder einstimmig erklärten sich die Arbeiter bereit, alles aus sich herausholen zu wollen und die Arbeitszeit in keiner Weise nach unten hin zu beschränken.
„Für die kapitalistische Wirtschaft war uns jeder Knochen zu schad ... wenn es für uns ist, für die Diktatur des Proletariats, dann mit Freuden alle Muskeln, das Herz, das Hirn, das Fleisch, alle Knochen ...“
Auch eine große Anzahl von Chemikern, Technikern, Ingenieuren, die man im Augenblick der Uebernahme der Macht absondern mußte, stellten sich jetzt bedingungslos den „Roten“ zur Verfügung.
„Es ist klar, die kapitalistische Produktionsweise ist einfach zu unrationell, wir können bei weitem produktiver wirtschaften, fünfzigmal soviel aus der Welt mit Leichtigkeit herausholen ... Ihr Roten seid einfach die Vertreter einer technisch am modernsten konstruierten Organisationsform ... Zu blöd, daß man diese Einsicht den Kapitalisten mit Blut abzapfen muß ...“
– – –
Und zu gleicher Zeit entwickelte sich jene erste Phase gewaltiger Luftschlachten, die den weiteren Verlauf der Geschichte Amerikas entscheidend beeinflussen sollten. Die Flugzeuggeschwader der weißen und der roten Flugflotte stürzten sich aufeinander, hakten sich ineinander fest und unlösbar ineinander verbissen schossen sie, ein wirres Stahl- und Drahtknäueldurcheinander, erdab.
Andere Geschwader nebelten sich ein, blitzten plötzlich völlig unerwartet aus dem Hinterhalt des Nebelschleims hervor, oder überstreuten den von den feindlichen Flugzeugen zu passierenden Luftraum mit einem dichten Netz von Giftgas.
Und unten auf der Erde marschierten die mechanischen Armeen auf: Tanks, Panzerzüge, Straßenpanzerwagen ... Rauchwellen fluteten übers Land, quadratkilometergroße Herde von Giftrauchkerzen schwälten ... Ganze Städte versanken in einem unergründlich tiefen und geheimnisvollen Gasgrund ... Pflanzen, Wälder, Wiesengründe färbten sich: grün, blau, violett. Wunderbare und seltsamste Farbenspiele zauberten die Gasschwaden aus der Erde hervor. Lautlos überzogen ganze Landesteile wie mit einer Decke sich mit Todesschlaf ...
Die Hochseeflotten liefen aus den Häfen aus: Kreuzer, Dreadnougths, Unterseeboote, Flugzeugmutterschiffe ... Und auf der Hochseeflotte meuterte es, ein Kriegsschiff hißt die rote Fahne, noch eines, und die Forts auf Hawaii und die Küstenwerke im Panamakanal ... Es war der Beginn einer gewaltigen Seeschlacht.
„Die Japaner kommen! ...“ funkte es dazwischen. Aber trotzdem die beiden Flottengruppen sich immer vergrößerten: es waren nur rote Flaggen zu sehen und weiße: die Nationalfarben hatten keine Bedeutung mehr.
In der Luft, auf der Erde, über Wasser und unter Wasser: stürzt es sich übereinander her, würgt sich zutod, es gibt kein Erbarmen.
Heldentaten, die unbeschreiblich sind, Qualen ohne Maß, Krämpfe und Zuckungen, wie sie die Erde seit ihrem Anbeginn noch nicht gesehen hat, Schmerzensschreie, Hilfeschreie, Todesgebrüll ...
Jedes Lebewesen trug schon einen gespenstischen Flecken an sich, zum Zeichen: angeätzt von der Gaslauge ...
Ein blutiger Sommer rauscht ... –
– – –
* * * * *
„Genosse Thomas Butler gefallen in der Luftschlacht über Hawaii.“
Die Nachricht kommt nach Edgewood.
Genosse Morrow springt ins Flugzeug.
Festgeschnallt.
Sturzhelm und Gasmaske auf.
Vorwärts! Los!
„Genosse Frank Morrow gefallen in der Luftschlacht mitten über dem Großen Ozean!“
Die Nachricht kommt nach Edgewood.
Ein zweiter, ein dritter, ein vierter springen ins Flugzeug.
Festgeschnallt.
Sturzhelm und Gasmaske auf.
Vorwärts! Los!
„Der zweite, der dritte, der vierte gefallen in der Luftschlacht über dem Panama ...“
Die Nachricht kommt nach Edgewood.
Jetzt drängen hunderte an die startbereiten Flugzeuge heran.
Man stampft vor Wut, wenn man nicht mitkommt.
Jeder wartet nur auf das eine:
„Wann endlich kommt die Reihe an mich ...“
Nur eine Befürchtung, eine Todes- und Lebensangst:
„Vielleicht ist dann schon der Krieg aus!“
Ueberall Butlers, überall Morrows, ob sie nun so heißen oder nicht ...
„Rußland marschiert! Das deutsche Proletariat im Kampf!“
Die Nachricht kommt nach Edgewood.
„Ein Hurra dem deutschen Proletariat!“
„Hoch Sowjet-Rußland!“
„Auch wir sind im Kampf, Brüder, die amerikanischen Genossen: sie grüßen euch!“
„Japans werktätige Massen verhindern den Krieg! Yokohama im Aufruhr.“
Auch diese Nachricht kommt nach Edgewood.
„Bravo, japanische Genossen!“
„Die Kolonialvölker, Indien, China, Afrika ...“
„Hoch! Unsere Sache steht gut!“
„Würdig unserer Führerin, der Genossin Mary Green, gemordet auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl, eingedenk der Lehren unseres großen Meisters, des Genossen Lenin, Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts gedenkend, und der Tausenden, die von den weißen Banden aufs grausamste gemeuchelt worden sind –
„Festgeschnallt –“
„Sturzhelm und Gasmaske auf!“
„Vorwärts! Los!“ –
* * * * *
Die Milliardäre sitzen irgendwo hoch in den Bergen, wimmern:
„Zu schade, nun ist es mit der Urbarmachung der Polarregion auch nichts ... Und die Geologen versichern doch, gewaltige Kohlenläger seien vorhanden, deren Ausbeutung relativ einfach sei, nur mit geringen Unkosten verbunden, und der Tierreichtum ... der Verlust für die Menschheit ist nicht auszudenken ... O welch ein Gewinn! ... Die kostspieligen Expeditionen, wenn man bedenkt, die schließlich doch wir finanziert haben, wie soll man das alles jetzt verkalkulieren ... Es scheint, die Welt sehnt sich nach einer neuen Verrechnungsart ... Ja, es scheint richtig so, was die Priester angedroht und die Spiritisten prophezeit haben: das Jahrtausend der Herrschaft des Pöbels beginnt. Das ist die Sintflut. Wie lange sie währen wird, um die Menschheit von ihren Sünden rein zu waschen?! Sicher: wir haben nur immer das Beste gewollt ...“
„Keine Angst, ihr ehrenwerten Herren Bürger!“ kommt ein Radio aus Edgewood. „Wir verderben euch nicht eueren Lebensabend. Ein kärglich dosiertes Paradies ist euch sicher. Das ist nur recht und billig. Auf einer Insel irgendwo. Bei Kokosnüssen und Affenjagd, bei Brotbäumen, bei Fischfang und Holzfällen ... Kriecht ruhig aus eueren Berghöhlen heraus ... Wir vergreifen uns nicht an Leichen, wenn sie auch noch wie ihr ein wenig parfümierten Lebensodem ausströmen ...“
Die Lebensgreise aber knurren durch die künstlichen Goldgebisse hindurch im Chor:
„Wir kapitulieren nicht!
„Rache!“
– – –
Und –
Ein blutiger Sommer rauscht ...
VI
„Bombenflug und Sauerstoff!“ fluchte Max.
„Nur den Verstand nicht verlieren!“ redete ihm Wilhelm gut zu, dem dabei aber selbst die Tränen über die Backen herunterliefen.
Viele Genossen knirschten laut auf.
Die Nachricht, die soeben aus Amerika eintraf, war in der Tat niederschmetternd.
Alle im ersten Anlauf eroberten Positionen mußten, bis auf Edgewood, aufgegeben werden. Edgewood selbst lag seit drei Tagen bereits unter schwerstem Gasfeuer, bis auf ein Drittel ungefähr war der ganze Komplex gasverseucht. An ein weiteres Durchhalten war unter diesen Umständen nicht mehr zu denken.
Kurz und gut: die revolutionäre Aufstandsbewegung, im Anbeginn unerwarteterweise siegreich vordringend, war niedergeschlagen. In Anbetracht der ungeheueren blutigen Verluste, mit denen der ganzen Sachlage nach bestimmt zu rechnen war, schien ein Wiederaufflackern des bewaffneten Aufstandes in absehbarer Zeit völlig ausgeschlossen.
Ja, die amerikanische Regierung konnte schon wieder ernsthaft in Betracht ziehen, die Feindseligkeiten gegen Japan zu eröffnen.
Wenn man sich die weitere Wirkung, die diese Nachricht auf die breiten Massen des Proletariats ausüben wird, vorstellt: es war zum Verzweifeln. Schon jetzt: jeder Tag bringt neue Schwierigkeiten, schon jetzt melden sich immer lauter die Stimmen derer an, die unter verhältnismäßig anständigen Bedingungen den ganzen Aufstand zu liquidieren bereit sind ... immer häufiger wird das Geschwätz von den festen, 99prozentigen realen Garantieen für den Sieg ... Jetzt heißt es: alle Kraft zusammennehmen, nur jetzt nicht locker lassen, mit eiserner rücksichtsloser Energie allen derartigen aktionslähmenden Versuchen entgegentreten, und, in welcher Form sie sich auch äußern mögen: erbarmungslos nieder mit ihnen. Nur unter keinen Umständen Flautestimmungen und Krisenmachereien aufkommen lassen, nur jetzt nicht! Solche Situationen waren noch immer Keimbeete, Treibhausboden, richtiges Nährfutter für Verrätereien, Verzicht, Hinterhältigkeiten unter einem meist überschwänglich radikal sich gebärdenden verlogenen Phrasentum. Einige wildgewordene Anarchisten großmaulten und bramarbassierten besonders auffällig dazwischen herum: die wollten am liebsten gleich, wie sie möglichst aufdringlich betonten, die ganze „Bude“, worunter sie die Welt verstanden, in die Luft sprengen: Vorbereitung und Ausführung dieses nihilistischen pseudoheroisch-famosen Vernichtungsplans überließen sie großmütig, wie sie nun einmal waren, allerdings mit besonderer Vorliebe den andern. Sie selbst klinkten sich ein geheimes Hintertürchen auf, um im Fall einer Explosionskatastrophe sich schleunigst aus dem Staube zu machen ...
Trotzdem:
Eine große, eine schöne, eine schwerwiegende Hoffnung sank.
Die gehißte rote Fahne, ein Intermezzo! Woraus es nun zu lernen galt ...
* * * * *
Auch der Vormarsch der russischen roten Armee stockte.
Deutschland selbst war inzwischen zum Kriegsgebiet geworden.
Englische Flugzeuggeschwader landeten bereits auf deutschem Boden. Ungeheure Proviantmagazine, ganze Arsenale und Werkstätten für Flugzeugersatzteile waren schon vordem in den letzten Jahren errichtet worden ...
Der Hunger begann.
Seuchen und Krankheiten schossen üppig ins Kraut.
Das kämpfende Proletariat hatte noch keine Entscheidung herbeiführen können.
Zwar die deutschen Farbstoffwerke hatten inzwischen erfolgreich rebelliert, aber es gestaltete sich außerordentlich schwierig, dort nur einigermaßen wieder die Produktion in Gang zu bringen, um die Arbeitermassen auch nur mit den allernötigsten Kampfmitteln zu versehen. Die Arbeiten litten unter den beständigen Ueberfällen der Regierungsflieger, die genau orientiert waren, jede verwundbare Stelle solch eines Riesenbetriebes genau kannten und an Hand von im Frieden wissenschaftlich ausgeführten Berechnungen und Standortbestimmungen aus den phantastischsten Höhen herab exakt ihre Bomben abwarfen.
Dieses Störungsfeuer von oben hielt Tag und Nacht ununterbrochen an: und die Arbeitsleistung wurde dadurch auf ein Minimum reduziert ...
* * * * *
„Die Gas-Walze kommt!“ so hieß es jeden Augenblick in den noch von den Arbeitern gehaltenen Stadtteilen Berlins.
„Jetzt! Diesmal ganz sicher! Ich spürs schon ...“
Zwar verfügte man über einige Meßapparate, die jedes Gasgemisch in der Luft sofort anzeigten, die Zusammensetzung analysieren ließen, und so konnte man wenigstens, grad leidlich genug, Vorkehrmaßnahmen treffen. Wie jede Gasschutzabwehr war auch die proletarische höchst mangelhaft. Ein Versuch, Kollektivschutzräume anzulegen, scheiterte kläglich. Diese Dinge waren eben nicht so ohne weiteres aus dem Boden zu stampfen. Ueberall fehlte es an geeigneten Kräften, überall an Genossen, die auch nur über die allerprimitivsten Kenntnisse in der Technik des Gaskampfes verfügt hätten. Die Erfahrungen aus den Gasexperimenten 1915 bis 1918 waren bei der völlig veränderten Lage nicht auszuwerten. Es mehrten sich die Stimmen, die sagten: „Wir haben darin unendlich viel versäumt. Das rächt sich jetzt bitter ... Wenn es uns schon nicht den Sieg kosten wird, so doch gewaltige Menschenopfer.“
Eine leichte Panikstimmung verbreitete sich.
Wieder hieß es:
„Die Gaswalze kommt!“
Die unglaublichsten Vorstellungen über einen Gasangriff grassierten, ununterbrochen waren einige dazu besonders befähigte Genossen bei der Aufklärungsarbeit ...
Und die Gaswalze kam wieder nicht.
Noch immer nicht ...
Und dennoch: beinahe jeder lauerte auf die ersten Symptome einer Vergiftung.
Bald aber rissen sich die Proleten wieder zusammen, packten ihre Nervenbündel fest und es ging wieder einigermaßen vorwärts ...
„Na immer noch nicht“ – scherzte Max – „hoher Besuch von oben? Schade, daß Pfingsten schon vorüber ist, sonst könnte man sagen: Fest der Ausgießung des heiligen Geistes ...“
Auch wurde man sich bald klar darüber:
Die rote Welle überflutet auch diesmal aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die ganze Welt, nur einige Nationen werden von ihr ergriffen werden, und man wird am Ende dieser Kriegsperiode vor der Tatsache eines großen gewaltig zusammengeschmiedeten Blocks von Sowjetrepubliken stehen, denen gegenüber sich aber noch eine beträchtliche Anzahl kapitalistischer Staaten behaupten wird.
* * * * *
Wie hatte sich hier alles verändert, seitdem Max von Berlin fort war!
Einen halben Tag erst war er wieder zurück, doch lange genug, um sofort zu erkennen: das ganze Kampftempo war gründlich verändert, der Rhythmus des Aufstandes selbst war ein wesentlich anderer geworden.
Für Elan, für Schwung war nur wenig Platz mehr da, auf andere Kämpfereigenschaften kam es jetzt vor allem an.
Verbissen, zäh, zwei Schritte vor, eineinhalb wieder zurück, und jeder Schritt verbunden mit Blut, wahnwitziger Anstrengung, Verkrüppelungen, unheilbaren Wunden: so wurde jetzt gekämpft, und jeder Mann hatte außerdem das kristallhelle Bewußtsein dabei: das ist von allem noch längst nicht das Letzte, der Feind hat seine Reserven noch nicht angebrochen, seine letzten und gefährlichsten Kampfmittel noch längst nicht eingesetzt ...
* * * * *
Es war wieder ein warmer Sommerabend.
Nichts war von den „Weißen“ zu sehen.
Ruhe und Frieden weit und breit.
Die „Weißen“ hatten sich tief in ihre Hauptstellungen zurückgezogen.
Das erstemal seit langem bemerkte Max wieder: die Vögel sangen.
Sangen sie wirklich!?
Ja, sie sangen ...
Max mußte sich fest über die Augen streichen, um nicht drauf los zu heulen.
Schön war es, wirklich: wunderbar.
Und Max dachte einen Augenblick an die Welt, wie sie nach all diesen Greueln und Gemetzeln kommen werde ...
Inbrünstig sehnte er sich darnach.
Wieder sangen die Vögel, aber wo in aller Welt sangen sie!?
Die Bäume an den Straßen und in den Anlagen waren längst alle umgelegt, nur Fetzen von Bäumen und verkohlte Baumstümpfe standen noch.
Oder in den Häusern!?
Singen sie heraus vielleicht aus eueren leergebrannten Augen, ihr rätselhaften Mauer-Wesen!?
Mittenhindurchgeschnitten waren manche Gebäude, wie glatt mit der Axt durchgespalten: ein Zimmer mit Bett und Stuhl war sichtbar, ein Kübel im Winkel; die Matratze des dritten Stockes hing hinab in den zweiten, wie eine ausgerissene Zunge; und der Plafond des ersten Stockes lag wieder auf dem geborstenen Billardtisch einer Wirtschaft parterre. Das sah aus wie auf der Bühne, unwirklich, mit nichts Lebendigem mehr verbunden: daß Menschen je in diesen Ziegellöchern gehaust haben: eine unvorstellbare Vorstellung ...
Die Nachrichten, die noch im Laufe der Nacht eintrafen, lauteten durchwegs wieder günstig.
Der Druck der russischen Armee mache sich bereits deutlich bemerkbar. Die feindliche Front im Osten sei bereits gründlich aufmassiert, heute oder morgen spätestens erfolge der Durchstoß. Das rote Loch im Osten also werde zur Tatsache. Endlich! Inzwischen sei auch eine Luftschlacht geschlagen worden, ebenfalls siegreich für die „Roten“, ebenfalls, spätestens morgen gegen Abend, erwarte man die ersten roten russischen Flieger über Berlin ...
Mit einigen Genossen saß Max in einem Kellerunterstand bis zum Anbruch des Morgens zusammen.
Also: auch mit Lene stand alles gut. Sie war noch immer in Ostpreußen, wo es vorwärts ging. Ueberhaupt: das Land machte sich ...
Die Genossen sprachen Einzelheiten aus den Kämpfen durch, den und jenen nannte man, aber die Zeit reichte nicht hin, alle aufzuzählen, die etwas besonderes vollbracht hatten, sie hatten sich alle ausnahmslos ausgezeichnet gehalten.
Jeder von ihnen oder auch wiederum keiner von ihnen war ein Held. Der „Held“ war ein Kollektivbegriff geworden. Der Held war das Proletariat.
Einige, na das wußte man schon früher ... Daß sie abfallen und abtrünnig werden würden, damit rechnete man, und das gab also keine besondere Enttäuschung.
„Die machen noch lange keine Niederlage ...“