(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg

Part 26

Chapter 263,259 wordsPublic domain

„Und wenn wir allesamt, sage ich, so wie wir hier beieinandersitzen jetzt, in diesem Augenblick futsch gehn, die Bewegung geht weiter, die Bewegung steht und fällt nicht mit dem Schicksal von Einzelpersonen, jeden von uns kann es treffen, heute den, morgen den, nur die Bewegung: die bleibt. Die kommunistische Bewegung ist: die materielle und die ideologische Auswirkung und die kollektive Auswertung des Klassen-Widerstreits. Die Bewegung, die ist: so lange noch einer auf Kosten eines anderen lebt, so lange noch einer satt und zufrieden die Hände sich reibt, während sein Mitmensch leidet und hungert ...“

Dann kam die Sprache auf die Gefangenen.

Die Genossen sprachen halblaut.

Die Zunge sträubte sich, alle die Grausamkeiten und bestialischen Gemeinheiten, die die „Weißen“ an völlig Wehrlosen und an schon Sterbenden verübt hatten, auszusprechen. Was Wunder: darüber regte sich ja längst keiner mehr auf: daß man Gefangene mit dicken Ketten um den Leib an Bäume und Laternenpfähle gebunden hatte ... und sich ihrer als Zielscheibe für ein frischfröhliches Pistolenpreisschießen bediente ... Das Anbinden, das kannte man ja aus dem Feld her ... Aber daß man Leichen den Kopf abschlägt und ihn auf die Bajonette spießt, das wollte man überhaupt nicht gelten lassen. Man hielt es absolut für eine ganz unmögliche Ungeheuerlichkeit und beschuldigte lieber den Erzähler hysterischer Uebertreibung ...

* * * * *

„An die Gewehre!“

Die Genossen erhoben sich.

„Heute oder morgen fällt die Entscheidung! Heute der, Max, morgen der! Machs gut! Leb wohl ...“

Wilhelm und Max trennten sich.

Schweigend bezog jeder seine Stellung.

Max kniete, fünf Stielhandgranaten im Gürtel, das Gewehr schußfertig im Anschlag, hinter dem Schornstein auf dem Dach einer Mietskaserne und beobachtete gespannt die Straßenmündung.

Es war halb vier Uhr morgens.

Es war völlig windstill.

Hie und da hörte man in der Ferne einen Schuß knacken.

Wie Spinnenarme geisterten jetzt die ersten Strahlen der Sonne am Horizont herauf. Wolken-Kolosse färbten sich blühend, überquellend rot, wie frisch blutende Fleischstücke.

VII

Das Bombardement hatte nicht länger als höchstens drei Minuten gedauert.

Fünf Gasbomben waren insgesamt abgeworfen worden.

Das gasverseuchte Gebiet erstreckte sich auf den zweiten Bezirk; einige daran angrenzende Parks und die Elektrizitätsanlage in der Hauptstraße waren davon noch betroffen worden.

Es bildete sich ein Gassumpf.

Trotzdem sich Max bei Erscheinen des Bombenflugzeuggeschwaders sofort schleunigst in Galopp gesetzt hatte, hatte er doch noch einen tüchtigen Gasschluck mitabbekommen.

Auch jetzt, wo er, was das Zeug hält, die Straße hinunterrennt, kann er das Gefühl nicht loswerden, als treibe er noch mitten in einem dichten Gasschwaden.

Kein Mensch ist zu erblicken.

So kann er sich nicht recht klar darüber werden, ob er sich eigentlich noch innerhalb oder schon außerhalb der verseuchten Zone befindet.

„Schlimme Sache das“, überdenkt er rasch, „Entseuchungskommandos haben wir nicht, Chlorkalk zum Entseuchen ist nur in ganz geringen Mengen da ...“

Mit einem Fetzen von Taschentuch hält er sich Mund und Nase zu. Die Augen beißen wie zwei ausgebrannte Wundlöcher. Automatisch fängt er zu heulen an. In den Ohren tackt und tickt es. Er schwankt, taumelt. Auch der Gleichgewichtssinn funktioniert nicht mehr ...

Er reißt sich immer wieder an sich selbst hoch, mit einer letzten Willensanspannung, wie an einem unsichtbaren Nervenzügel.

„Energie! Energie! Max!“ ruft er sich zu. Stolpert und schwankt sich wieder einige Schritte vorwärts.

„Man muß rücksichtslos Geiseln nehmen, sofort androhen lassen: lebenslängliche Anstellung an der Wand ... als Repressalie gegenüber solch einer unmenschlich-barbarischen Kriegsführung. Aber gut so: sie haben sich damit selbst ihr Grab gegraben ... Wenn das auch die ungeheuersten Menschenverluste noch kosten wird ...“

Da bricht er.

Ein langer blutiger Erguß.

Die Gedärme kommen ihm hoch dabei.

„Kotzerbärmlich ist mir zu Mut. Max, was ist nur mit dir!? Soll es diesmal wirklich ernst werden!? Mach keinen Quatsch! Das kann, das darf doch nicht sein ... Heute oder morgen wird die Entscheidung fallen ... Nur jetzt nicht.“

Die ganze Oberfläche der Haut ist ihm brandig angelaufen, es juckt und kratzt in ihm herum, eine unheimliche innere Krätze, der Gaumen fühlt sich pelzig an, bei jedem Atemzug hat er den Geschmack, als ziehe er flüssiges Feuer ein.

„Ob ich angesteckt bin ...?! Und ob ich nicht mehr zu meinen Kameraden zurückkann, ohne auch sie anzustecken, wie das beim Sturm auf die „Menschenfalle“ vorgekommen ist ...?! Ist doch nichts zum Desinfizieren da ...“

„Nein! Ausgeschlossen, ich sterbe nicht!“ versichert er sich gleich darauf wieder krampfhaft. „Mir ist nur ein klein wenig übel!“ ermuntert er sich. „Unkraut verdirbt nicht. Mir kann nichts geschehen. Wird schon wieder werden.“

Und schiebt sich mühsam mit den Knien um eine Ecke.

Auch der Tastsinn, das Orientierungsvermögen funktionieren nicht: die Gegenstände in nächster Nähe rücken auf einmal in eine traumhafte Entfernung.

Das Gesichtsfeld verengt sich, verschiebt sich.

Eine ruckhaft von ihm sich abstoßende Häuserfront erscheint, jäh in den Hintergrund abfallend, spitzwinkelig nach innen zu verzogen ...

Schwerfällig wie ein Sack sinkt er, mit den Händen sich gerade noch aufstützend, nach vorne um.

Ihm ists, als stürze er viele tausend Meter tief.

Ein ganzes Leben dauert dieser Fall ...

Dreht sich auf die Seite. Wälzt sich.

Das Schwergewicht ist aufgehoben ...

Als glitte er schwebend über den Boden hinweg.

Bleibt liegen ...

Wie lange –?

Erwacht wieder ...

Eine Turmuhr schlägt eben fünf.

Er weiß nicht: ist es fünf Uhr morgens oder fünf Uhr abends.

Wiederholt noch wie aus einem früheren Leben:

„Nur jetzt nicht ... Heute oder morgen muß die Entscheidung fallen ... Ah, schön so, wie wunderbar, wie gut ... Rote Flieger über Berlin.“

* * * * *

Eine Maske, Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett, springt auf vor ihm.

„Hände hoch!“

Max macht eine mechanische drehende Armbewegung nach aufwärts ...

Die Bajonettspitze steht ihm senkrecht auf der Brust.

Ein zweiter, ein dritter, noch einer tappt herzu: sie alle sind in taucherähnliche, schwarzglänzende Gummiuniformen gekleidet. Das einzige Abzeichen, das sie tragen: je zwei kleine weißblecherne Totenkopfknöpfe oberhalb der beiden Kragenspitzen.

„Nur, nicht lange gefackelt ... Marsch! Kehrt um! Ab damit! Marsch! An die Wand ...“

Die Stimmen kommen, durch die Maske gedämpft, von tief unten herauf.

Max wird einfach in eine Wand hineingeschoben.

Er steht schon mit dem Gesicht gegen die Wand.

Es war eine kurze dicke Verbindungsmauer zwischen zwei Häuserblocks, zwischen der Delikateßwarenhandlung Andreas Gräulich und einer Sargfabrik, gegründet 1860, Grieneisen.

Max bemerkt:

Die Ziegelsteinmauer war nur notdürftig verputzt, überall Sprünge, Risse, faustgroße Löcher.

„Armes Kind, ganz pockennarbig ...“

„Aha“, ergänzt und kommentiert er sich selbst: „der Irrsinn.“

* * * * *

Das Gas hängt bleischwer in ihm.

Der Boden an dieser Stelle scheint ihm wieder abgrundtief und sehr schlüpfrig. Viel Geplätscher ist unten, Wellengeplätscher, wie Ozean ... Er befürchtet im letzten Moment noch auszurutschen.

Da spürt er plötzlich ganz deutlich in der Kehle, daß er schreien müsse. Es war ein langgezogener strangulierender, messerscharf schneidender Halsschmerz.

Schreien, nichts als schreien –

Schreit:

„Sowjet-Deutschland entgegen!“

Dabei schwitzt er, daß es nur so an ihm herunterläuft.

Neigt sich noch ein wenig vornüber.

Berührt leicht mit der Stirn die Wand.

Er verliert sein Gesicht. Das Gesicht schmilzt.

Der Boden unter ihm rollt wie Wellen ...

Und –

Mit einem jähen Ruck schnellt er sich plötzlich um sich herum ...

– – –

Die Salve knallte. –

* * * * *

Den Roten Entseuchungskommandos gelang es erst im Verlauf einiger Monate, den Gassumpf, in den die Regierungsflieger die Hauptstadt verwandelt hatten, trockenzulegen.

Quellennachweis

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Vom proletarischen Klassenstandpunkt aus

Aus den mit * bezeichneten Werken wurde teils wörtlich, teils dem Sinn gemäß zitiert.

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