(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg

Part 24

Chapter 243,223 wordsPublic domain

„Die Wacht am Rhein“. „Heil dir im Siegerkranz“. „Wer hat dich, du schöner Wald!“ ...

Fern schluchzte ein altmodisches Grammophönlein ganz blechern erbärmlich, und mollige Katzen schnurrten hinter den mit Geranien bewachsenen Fenstersimsen ...

Die Zuschauer im Bratenrock und Zylinder mit gestickten Fahnen bildeten zu beiden Straßenseiten Spalier, wie schwarz anlackierte Menschenpuppen.

Auch die Bordellmutter Susanne stand mitten drin, notierte in Gedanken eine Bestellung auf Flaschenbier, leckte sich mit der Zunge die Lippen, faltete die Hände und schmunzelte ...

* * * * *

Und dann wieder:

Violine, Cello, Klavier ...

„Dabei läßt es sich zwar bis zum Schmelzen butterweich träumen, behaglich seelen-schmatzen, liebkosen, plauschen, schweifwedeln und wenn es hochkommt, bestenfalls noch ein „guter Mensch“ werden ... Nichts mehr. Also: Schluß damit!“

Max gab Vollgas und flitzte, sich immer noch vor Lachen schüttelnd, aus diesem gespenstischen Idyll von dannen ...

* * * * *

Es kam noch eine Irren- und Siechenanstalt, im Pavillonsystem erbaut: die Blöden tappten mit eckig ungelenken Bewegungen schwerfällig hinter den Zäunen entlang, nickten und grinsten, manche waren ein gleichmäßiges ewiges Wandeln auf und ab, andere wieder wie zu einer Säule erstarrt. Das Heim der idiotischen Kinder war bei weitem das Grauenhafteste, Säufergeburten lagen in den Windeln da, mit unförmigen klumpigen Köpfen, die glanzlosen, wirr in sich verschlungenen Augen schrien stumm eine entsetzliche Anklage ...

Einmal, mit einer Krankenkassenkommission, hatte auch Max schon einen Gang durch ein städtisches Krankenhaus gemacht. Gewiß, es war sauber, hygienisch, die Gänge, die Bettreihen blitzblank, die Aerzte, die Schwestern in ihren weißen Mänteln und Schürzen: dagegen war nichts zu sagen. Welch ein Widerspruch: die Reinlichkeit, die Pflege, die Barmherzigkeit: sie beginnt erst, wenn der Mensch durch die skandalösesten unsaubersten Verhältnisse draußen, durch Gemeinheit, Profitjägerei und Menschenniedertracht unheilbar auf das Totenbett gestreckt ist! Wie viele dieser hier liegenden Gangräne, Lungenvereiterungen, innerer Verletzungen hätte eine richtige Behandlung des betreffenden Menschen am Arbeitsplatz unmöglich gemacht. Zu neun Zehntel bestimmt sind alle diese Krankheiten unnötig: diese durchjauchten Verbände, diese Kübel stinkenden Eiters, diese verstümmelten Menschenkadaver im Leichenschauhaus: eine technisch besser angelegte Gesellschaftsordnung wird auch im Laufe der Jahre diesen ganzen kostspieligen und mit so ungeheuerlichen Leiden verbundenen Menschheitsaussatz hinwegfegen ... Und heute: die Mehrzahl der Menschen lebt nicht, sondern wird durchs Leben gehetzt; stirbt nicht, sondern verreckt ...

Noch am Abend traf Max am Ziel seiner Fahrt ein.

* * * * *

Es war ein gewaltiger Komplex von Farbstoff-Fabriken, der sich über eine Fläche von mehreren Quadratkilometern erstreckte.

Bei einem Genossen fand Max Unterkunft.

In einem schäbigen Anzug meldete er sich am nächsten Morgen auf dem Arbeitsnachweis, zeigte seine Papiere vor und wurde auf Grund seiner „schwarzweißroten“ Empfehlung sofort genommen.

Am Tage darauf sollte die Arbeit in der Giftbude beginnen.

Wahrscheinlich, so erfuhr er durch die Genossen, werde er als Neuling gleich ins Gift gestellt ...

Max trieb sich noch ein wenig in der Umgegend herum.

Einige Holzfabriken in der Nähe streikten. In Gruppen standen die Menschen vor den Telegraphenbüros.

Die Farbstoffindustrie, durch eine besonders zuverlässige Belegschaft ausgezeichnet, arbeitete nach wie vor mit Hochdruck.

Die Konzentration des Militärs war in dieser Gegend besonders stark. Zu Zusammenstößen war es bisher noch nicht gekommen. Ueberall war die Meldung verbreitet: „Aufstandsbewegung in Berlin niedergeworfen. Ruhe und Ordnung wieder hergestellt.“

Die Farbstoffindustriearbeiter waren sofort an der gelblich fahlen Hautfarbe zu erkennen. Die Zähne waren auffallend schlecht, manche Münder wiesen mit eiterigen Geschwüren behaftete klaffende Lücken auf. Die Augen waren durchwegs entzündet.

Viele Arbeiter litten dazu noch an inneren Nasengeschwüren, an einer sogenannten Stinknase ...

Der größte Teil der Arbeiterschaft der chemischen Industrie war im Fabrikkomplex selbst in kleinen Backsteinhäuschen mit einem spärlichen Gemüsegarten davor angesiedelt. Sie durften augenblicklich nur mit besonderer Genehmigung der Fabrikverwaltung das Areal verlassen ...

Es war ein älterer, gutmütig aussehender Genosse, mit dem Max ein längeres Gespräch anknüpfte.

„Mehr als höchstens ein viertel Jahr, Freundchen, hält es darin keiner aus. Wenn du an den Bottichen mit der Gifttunke zu arbeiten hast oder beim Umfüllen in die Flaschen ... in drei Monaten spätestens bist du eine Leiche ... da heißt es rasch Karriere machen oder aber ... Hier leiden sie alle an Lungenkrebs, das ist sozusagen unsere Berufskrankheit ... Und die vielen Fälle von Verbrennungen und Erblindungen ... Na, richtige Krepierer sind das ... Und überhaupt jetzt: täglich kommen fünfzig neue herein, täglich haben wir an die fünfzig Mann Abgang! Siehst du die Baracken da drüben: das sind die Hoffnungslosen, unser Sterbesalon ... Ist eben auch die gefährlichste Industrie ... Und grad gegenwärtig: Hochbetrieb, Saison, Hochkonjunktur! Lohnzuschlag! Ueberstunden, daß es nur so kracht! Gewaltige Aufträge aus Amerika, sagte man. Heilmittelaufträge. Aber man munkelt allerlei. Ist eben alles noch ungewiß. Keiner weiß was genaueres darüber ...“

Max ließ den nichtsahnenden Genossen wiederholen:

„Aufträge aus Amerika ... Heilmittel ...“

Dabei sah er ihn prüfend von unten an.

„Glaubst du eigentlich selbst, was du sagst? ...“

„Ja, wir werden ja vermutlich auch streiken ... Soll aber bereits alles abgewürgt und eine aussichtslose Sache sein ...“

„Eine bestochene, eine korrumpierte Bande seid ihr!“ fuhr es Max heraus. „Was ihr produziert, na, vorerst Schwamm darüber ...!“

Und Max klärte den Genossen zunächst über Berlin auf.

Dem Proleten standen dabei die Tränen in den Augen.

„Nein, was du nicht sagst ... Diese Erzgauner ... So eine Lumperei ...“

„Verlaß dich drauf ... Auch hier, wir werden schon Trieb dahinter setzen. Auf euch vor allem kommt es jetzt an. Ihr habt das Schicksal der ganzen Bewegung in der Hand. Jetzt oder nie! ... Morgen wird die Arbeit losgehn! ... Parole: auf der ganzen Front ganze Arbeit!“

IV

Am anderen Morgen wurde Max auch wirklich gleich mitten ins Gift gestellt.

Er hatte sich schon beizeiten auf den Weg gemacht, setzte sich noch vor Beginn der Arbeit mit den roten Zellenobleuten in Verbindung, ermittelte genau die Struktur der Belegschaft: wieviel Sozialdemokraten, Schwarzweißrote, Persönliches usw., und besprach mit den Genossen kurz die Situation im Reich, besonders in den großen Industriestädten, worüber die Proleten, da die Regierung noch den gesamten Nachrichtenapparat besaß, völlig uninformiert waren. Dann ging er dazu über, ihnen klipp und klar das Wesen und die Bedeutung ihrer Tätigkeit zu erklären. Einige Flugschriften unterstützten das, doch im allgemeinen konnte man sagen, was das Gebiet der Technik des kommenden Krieges anbetraf, so war darin vom proletarischen Standpunkt aus nur recht wenig Brauchbares geleistet worden. Die Artikel der amerikanischen Genossen, die Resolution, hie und da Aufsätze in den revolutionären Tageszeitungen: aber mit Propaganda allein war eben nicht alles zu machen und Erfahrung – die Genossen in der chemischen Industrie waren auf dem besten Wege dazu, sich diese möglichst teuer zu erkaufen.

Immer wieder kamen sie mit den Einwänden: „Stimmt ja gar nicht, was du sagst, diese Säuren braucht man zu Seife und daraus werden Parfümerien gemacht, darüber besteht doch gar kein Zweifel, sind doch genaueste Kontrollen da, lies doch das Buch der Schweizer Chemikerin, die erstens Kanone in ihrem Fach und zweitens noch dazu eine Pazifistin ist, die läßt sich doch sicher nicht so leicht was vormachen, ihre Kontrollvorschläge hat doch der Völkerbund einstimmig angenommen, und die ganze öffentliche Meinung der Welt ist gegen den Gaskrieg, na und überhaupt ... Der Chemische Krieg ist doch verboten und alle Nationen haben unter Abgabe feierlichster Versicherungen sich dagegen erklärt ... Siehst du, Genosse, du magst es ja recht ehrlich meinen, aber wir, die wir jahrelang in der Bude stecken, wir müssen doch schließlich am Ende auch noch was davon verstehn: was wir zum Beispiel in letzter Zeit fabrizieren, sind lediglich Heilmittel, Aufträge nach Amerika, Salvarsan, davon wirst du ja gewiß auch schon gehört haben ... Nicht wahr? ... Und deshalb auch der Lohnzuschlag.“

Man behandelte Max beinahe etwas herablassend wie einen Laien.

„Einen Vorschlag, Genosse Max! Alles, was du uns da sagst, hat weder Hand noch Fuß! Komm erst einmal in unseren Betrieb, schau dich einige Tage gründlich darin um und informiere dich! ... Wir wollen dir gern dabei behilflich sein ...“

„Gut so!“ Max schlug ein.

„Verschrobene Vorstellungen! Inhaltsleere, blödsinnige Phantastereien, alles ein hahnebüchener Schwindel, wenn man ihm ernsthaft auf den Grund geht. Ein Kinderschreck! Für alte Weiber und Flennbrüder! Da sieh nur mal her, Max, Märchenerzähler!“ Und immer noch schüttelten sie ungläubig die Köpfe. Sie schleppten bürgerliche illustrierte Zeitungen an mit Beschreibungen mechanischer Polizeimänner, die gar gruselig anzusehen waren, mit Todesstrahlen, die mörderisch in den Lüften nach Fliegern herumstocherten und mit anderem ähnlichen Mumpitz.

Dann begannen aber doch einige der Genossen die Artikel der Amerikaner zu lesen, langsam und schwerfällig lasen sie, als ob sie buchstabierten.

Einer dachte schon nach.

Sah lang dabei in die Ferne.

Schüttelte wieder den Kopf, las wieder.

„So meinst du also, Genosse Max, das ganze so großartig ethisch und human aufgezogene Verbot des Gaskriegs durch den Völkerbund soll nichts weiter als nur ein ganz elendiglicher Bluff gewesen sein. Eine Beruhigungspille sozusagen ... Um uns Proleten vor allem in Sicherheit zu wiegen ... Und damit man um so ungestörter sich der Vorbereitung einer gewaltigen Massenhenkerarbeit widmen kann.“

„Das allerdings meine ich“, entgegnete Genosse Max.

Und fuhr fort:

„Und die Bestätigung dieser Meinung wird nicht lange mehr auf sich warten lassen. Aber wir müssen unseren Gegnern zuvorkommen. Wir können nicht warten bis es soweit ist, da es dann unter Umständen auch bereits zu spät sein kann ...“

Wieder kam ein anderer gelaufen:

„Also, das ... wir, wir Farbindustriearbeiter ... Nein, das kann nicht möglich sein ... das wäre ja ...“

Er machte eine Bewegung, als ob er sich krümmte.

Langsam und hartnäckig, mit viel Geduld, arbeitete sich Max in diese Schädel hinein, er gab nicht nach, hielt sie wie mit einer eisernen Umklammerung an ihrem eigenen Gedankengang fest, bohrte weiter und führte sie sicher aus ihren Illusionen heraus.

„Schwierigkeiten sind nur dazu da, um überwunden zu werden. Schwierigkeiten lechzen geradezu nach ihrer Ueberwindung.“ Das war sein Leitspruch bei dieser Tätigkeit.

Immer nachdenklicher wurden die anderen.

Max gab ihnen ungeschminkte Wahrheit. Dadurch gewann er ihr volles Vertrauen. So schilderte er ihnen eindringlich, wie die Revolution ein langwieriger Prozeß sei, voll von Aufopferung, Martern, Blut und Wunden, und daß gar nicht daran zu denken sei, daß die Lage der Arbeiterschaft bei der Machtübernahme sich gleich von heute auf morgen bessere. Im Gegenteil ... „Wir Kommunisten gaukeln euch nichts vor. Wer die Wahrheit nicht ertragen kann, bitte sehr ... Aber es gibt für euch Proleten gar keine andere Wahl. Entweder – oder. Ihr müßt kämpfen oder – untergehn.“

„Nein, wir wollen nicht untergehn. Gewiß nicht ... Und wenn, wie du uns mitgeteilt hast, unsere Brüder jetzt kämpfen ...“

Max bemerkte schon: mit geschärften Augen beobachteten sie alles, was im Betrieb vor sich ging, oft verschwand der eine oder der andere für eine Weile, bis plötzlich eines Vormittags, grün vor Schrecken, einer der Obleute zurückkam und Max leise ins Ohr flüsterte:

„Max, ich habs, es stimmt, was du sagst ... Hier ist die genaue Aufstellung ... Eine ganze Liste ... Also es ist festgestellt: seit drei Monaten fabrizieren wir weiter nichts als Giftgas.“

* * * * *

Max beobachtete genau die Herstellungsverfahren.

Die Arbeiter hier in den Betrieben machten lediglich Vorarbeiten. Erst im letzten Stadium vollzog sich die Umwandlung der Produkte in chemische Kampfstoffe. Diese Arbeit geschah in einem besonderen Gebäude, zu dem niemand Zutritt hatte. Die Arbeiter dort waren vertragsgemäß unkündbar auf mindestens 12 Jahre verpflichtet. Vor dieser Zeit verließ auch keiner seinen Arbeitsplatz. Sie wohnten dort. Nur Unverheiratete wurden aufgenommen. Dieser Teil des Farbstoffwerkes hieß „Die Falle“ oder auch „Die feste Burg“. Die meisten Arbeiter betrachteten die „Falle“ als eine Art freiwilliger Quarantäne, da gewisse Arbeiten mit Ansteckungsgefahr verbunden waren. Nur besonders zuverlässige Leute, am liebsten aus den „Vaterländischen Verbänden“, wurden hier aufgenommen. Auch frühere Angehörige des Heeres, entlassene Unteroffiziere, Soldaten wurden mit Vorliebe eingestellt. Nach allen vier Himmelsrichtungen hin war die „Falle“ von der übrigen Welt abgemauert, über die Mauer selbst aber zog sich noch ein zwei Meter hoher Stacheldraht, wie man vermutete, elektrisch geladen. „Versuche, das isolierte Gebiet zu betreten, mit Lebensgefahr verbunden!“ warnten überall Tafeln. Durch ein doppeltes Geleise war dieser mysteriöse Teil des Farbstoffwerks direkt mit der Staatsbahn verbunden. Ununterbrochen rollten nachts Güterzüge ein und aus.

Was dort vor sich ging, darüber erfuhr man im übrigen Betrieb nichts.

Die Arbeiter kümmerten sich nur wenig um die „Falle“.

Sie war beinahe von einer Legende umwoben und atmete ein geheimnisvolles Schweigen.

Nur einmal: da soll es zu einem Zwischenfall gekommen sein, als sich einer der Insassen aus dem Fenster stürzte im Wahnsinn, wie es hieß, der durch die unsachgemäße Behandlung von chemischen Mischungen erzeugt worden sei.

Dieser Vorfall kam damals auch in den Betrieben zur Sprache und wurde in Zusammenhang gebracht mit einer Meldung aus Amerika, die über ein neues sogenanntes „Wahnsinnsgas“ berichtete.

Die Diskussion darüber dauerte vielleicht eine Woche.

Es kam nichts dabei heraus.

Man wollte zuerst eine Untersuchungskommission einsetzen.

Doch wie gesagt: eine Woche lang, und die erregten Gemüter beruhigten sich. –

* * * * *

Der Fabrikraum, in dem Max arbeitete, war bis aufs äußerste ausgenützt. Es war genau berechnet, wieviel Platz jeder Arbeiter brauchte, jede Arbeitsbewegung war kinematographisch festgestellt: ein elektrisch betriebenes Band rollte und führte dem Arbeiter die einzelnen Arbeitsprodukte zu, an denen jeder Arbeiter nur mit einem Handgriff eine bestimmte Prozedur vorzunehmen hatte. Zeit, Arbeitstempo waren bis auf die Sekunde geregelt. Und immer wieder wurden von den zu diesem Zweck besonders angestellten Arbeitstechnikern neue Methoden herausgefunden, die Arbeitsintensität zu steigern.

Sämtliche Arbeiter trugen zum Schutz gegen die giftigen Dämpfe haubenähnliche Masken, die Gläser der Sehschlitze waren gegen den Beschlag durch ätzende Säuren besonders eingefettet.

Trotzdem waren die Schutzmaßnahmen, hauptsächlich die an den in einem rasenden Tempo wirbelnden Maschinen, recht mangelhaft.

Die schönste Erholung war schließlich der „Sauerstoffraum“, der nach je drei Stunden Arbeitszeit auf drei Minuten aufgesucht werden konnte.

* * * * *

Ein dunkles Zischen und Surren schwebte in der Luft, ein knatternder, gedämpfter Orkan, Eisenarme drehten sich und neigten sich vielgelenkig über; Bottiche, gefüllt mit dickklebrigen Brühen, schwenkten sich dicht unter der Decke dahin, ein harziger Brei schwemmte selbsttätig von Kübel zu Kübel, Wunderwerke von Präzisionsmaschinen nahmen die kompliziertesten Mischungen vor. Durch andere Räume hindurch, die großen Hallen glichen, sah man Kessel an Kessel, zwei- und dreistöckige Kessel sozusagen, an denen auf langen Leitern die Arbeiter herumstiegen. Mehrere Plattformen teilten so einen Kessel nach oben ab, Max schien es, als glichen sie ganz den gotischen Kirchen.

* * * * *

Mitten in der Arbeit hatte Max einmal die Vision:

Alles gast, dampft, spritzt; der ganze Raum ist mit fliegenden, spritzenden Säuren durchspannt; es knistert und flackert phosphoreszierend an den Böden, die krautig und haarig bewachsen sind, als Steinbrocken darin klotzige Knochenschädel, und das Ganze brennt tropisch glühend, eine morastige Landschaft, so heiß, daß die Haut unempfindlich wird und die Augen aus den Stirnhöhlen heraustropfen, dicke, perlenähnliche, weißlich-festgeronnene Blasen. Wesen hausen in auszementierten Schlupflöchern und in Gräbern als Unterständen, in schwere Gummianzüge gepreßt, Masken-Helme aufgestülpt, durch die Worte nur noch als dumpfes Gurgeln und Röcheln vernehmbar sind. „Der neue Mensch!“ dozierte jemand, und immer dichter und dichter ward das gasige Dickicht. „Jetzt endlich haben wir es!“ dröhnte pathetisch und wohlig schnalzend eine Stimme: „eine hochkonzentrierte Gaswolke, die die Möglichkeit bietet, den Gegner zu überrumpeln und dabei doch die Eigenschaft hat, von topographischen und meteorologischen Einflüssen völlig unabhängig zu sein ... Dies Problem zu lösen war in der Tat nicht ganz einfach ...“ Das Besondere an dieser visionären Landschaft war, daß sie geometrisch exakt und sauber aufgeteilt war, ja daß die zahllosen Einzelteile und Figuren in ihr aufs feinste ausgebildet und aufs strengste sich organisiert erwiesen, das Ganze aber durchaus chaotisch und einem mittelalterlichen Spuk und Hexensabbath vergleichbar. Alles drängte nach Auflösung, ein in Strudeln sich um und um drehender Abgrund schwamm, voll von Algen, Lurchen, Schnecken und Quallen. Gestaltgewordene eitertriefende Geschwüre wandelten dazwischen, Gewürme und stachlichte Riesenkletten: alles fabriziert, saugt, atmet Gas: verfärbt sich und verwandelt sich jeden Augenblick, Muscheltiere und Mollusken kommen hoch, ganze Haufen exotischer, mit schlingenden Fangarmen bewehrter fleischfressender Pflanzen, und darüber schillert und brennt es wieder magisch hinweg, man hört beinahe nichts: die Gashölle ist geruchlos und lautlos, und die Sonne in diesem modernen Inferno glüht eisern, roh ausgezackt und völlig unbewegt, schmettert sengend Strahl auf Strahl nieder, jede Luftschicht wirkt wieder, die Hitzgrade vervielfachend, als eine besondere Art atmosphärischen Brennspiegels: und darunter dickt die Luft sich von selbst ein, wird milchig, flockig und schwimmt, schleimige Fäden lassend, über dem Erdsumpf dahin als eine molkige Riesenwolke ... Alle Völker, alle Erdwesen sind durch die Giftgasschwemme hindurchgegangen. Ein neues Wüstengebiet entsteht: alles wie unter einer Bleiche gefleckt, und knöcherig überkrustet. –

– – – –

* * * * *

Max studierte die tabellarische Uebersicht der wichtigsten chemischen Kampfstoffe. Es war klar, die neuesten Verfahren waren darunter nicht aufgezählt. Chemische Bezeichnung, chemische Formel, militärische Bezeichnung, militärisch-technischer Deckname, physiologische Wirkung, physikalische Beschaffenheit, Siedepunkt, Flüchtigkeit, Wasserbeständigkeit, das alles galt es gründlich durchzuarbeiten und zu erforschen.

Da erfuhr er, wie in der Geschichte der Entwicklung des Gaskampfes die Gase selbst wechselten. Das Chlor wurde vom Phosgen, einem Gase mit stärkerer Erstickungs- und Giftwirkung als Chlor, abgelöst. Phosgen verdichtet sich bereits bei 8 Grad zur Flüssigkeit und war daher vom physikalischen Standpunkt aus kaum mehr als Gas anzusprechen. Auch waren fast alle Stoffe, die im Gaskampf künftighin zur Anwendung gelangten, unter gewöhnlicher Temperatur und Druck entweder Flüssigkeiten oder feste Körper. Die Bezeichnung „Gase“ wurde nur beibehalten, weil diese Stoffe im Augenblick der Aktion sich entweder im dampfförmigen Zustande befanden oder dünn als Rauch oder Nebel zerstäubt wurden. Feste Stoffe, wie z. B. einzelne Arsine, wurden bei der Explosion in feine Partikel zerstäubt und verharrten lange Zeit schwebend in der Luft ...

Die chemischen Formeln schwankten ihm zunächst in langen, sich immer wieder zersetzenden und sich wieder verdichtenden abstrakten Reihen durch den Kopf. Endlich erreichte er dabei eine klare, konkret-lebendige, sachlich-nüchterne Vorstellung.

Was bedeutete zum Beispiel:

(CHCl=CH)3As!?

Es war die Formel für Chlorovinyldichlorarsin, eine Arsenverbindung, und die Bezeichnung für eine der drei Arten der vielgenannten amerikanischen Levisite.

Das Verfahren zu dessen Herstellung war zwar ungeheuer kompliziert, aber trotzdem mit den technischen Mitteln, die damals in jeder Farbstoffabrik vorhanden waren, unbedingt auszuführen.

Ebenso klar war: man konnte sich aber auch darauf nicht festlegen. Im Gegenteil: alles sprach dafür, daß auch dieser Kampfstoff überholt war. Doch diese Formel war ein Programm, ein Warnungssignal, ein Ausrufungszeichen, ein proletarischer Imperativ: „Wacht auf, Verdammte ...“

Sie war sozusagen das Symbol des Nullpunktes, des Gefrierpunktes, auf dem jetzt die bürgerliche Kultur angelangt war. –

* * * * *

Dabei stieß Max auch auf die ungeheure Bedeutung des Normenwesens.

Die moderne Industrie, eingestellt auf Normisierung und Massenherstellung, ermöglichte es nämlich, in verhältnismäßig rascher Zeit anfangs experimentelle Erfolge bald auf Massenverarbeitung umzustellen, so daß bis zu einem gewissen Grade infolge der kolossalen Erweiterungsmöglichkeiten, die dann zu einer rein mechanischen Fortführung des gelungenen Experimentes werden, bei manchen Kriegsmitteln im Frieden die Ausgaben ohne Gefährdung für die militärische Schlagkraft beschränkt werden konnten. Daher legten schon seit langem sämtliche Staaten ein so starkes Gewicht, auch aus militärischen Gründen, auf die Durchführung einer strengen Normisierung innerhalb der verschiedenen Kriegsindustrien und der Industrie überhaupt, die die erhöhte militärische Schlagkraft gewährleistete. Die deutsche Industrie hatte gegenüber allen anderen Industrien schon vor dem Kriege 1914-1918 ein verhältnismäßig stark entwickeltes Normenwesen gehabt. Trotzdem herrschte damals bei Kriegsbeginn in Deutschland auf den verschiedensten Gebieten ein wirres Neben- und Durcheinander von Modellen. Jede Truppengattung hatte beispielsweise Spaten und sonstiges Schanzzeug, aber kaum zwei hatten gleiche Modelle. Es gab unzählige Fahrzeuge, Fahrzeugteile, Beschläge, Beschirrung, optisches und Fernsprechgerät und noch vieles andere, was bei allen Waffengattungen hätte gleich sein können, aber doch nicht gleich war. Verschlimmert wurde diese Buntscheckigkeit durch die Zustände in der Industrie. Jede Fabrik hatte an ihren Erzeugnissen kleine Besonderheiten, die, an sich oft ziemlich belanglos, doch den Austausch und die Durcheinanderverwendung mit den Erzeugnissen anderer Fabriken ausschlossen. Um die Kriegsindustrie und auch die übrigen Industrien auf Massenproduktion von Kriegsmaterial vorzubereiten, wurden in verschiedenen Staaten ähnlich wie längst in Deutschland, Normenausschüsse der Industrien, die natürlich mit den Generalstäben in enger Verbindung standen, geschaffen. –

Man muß nur hören können, wie „das Gras wächst“! –

* * * * *

Mit konkretem Material konnte nun Max der Belegschaft gegenübertreten.

„Der Kern der Sache –!?

„Der Kern der Sache ist der Besitz der Produktionsmittel! ...