(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 23
Zwischenstufen, Mischungen, seltsamste Kombinationen, Uebergänge: die ganze Welt erschien in einem strudelnd flüssigen Zustand, und gespensterhaft phosphoreszierend. –
II
Ein kurzer, schlagartig einsetzender Generalstreik: das war das Vorspiel zum bewaffneten Aufstand. Nicht überall lösten sich gleich bewaffnete Kämpfe aus, wie denn überhaupt die ganze Lage nicht schematisch zu beurteilen war. Ueber manchen Landesteilen lagerte eine unheimliche Stille; war es Stille vor dem Sturm oder Grabesstille!? Es war Stille vor dem Sturm, wie sich bald herausstellte. Und jene Führer der Arbeiterbewegung hatten wieder einmal damit bitter Unrecht behalten, die auch damals von der Kampfmüdigkeit und von der Gelähmtheit der proletarischen Energien unkten. Wurde auch die Generalstreikparole nicht überall gleich restlos befolgt, beim Ruf zum bewaffneten Aufstand zögerten nur noch wenige ...
* * * * *
Um diese Zeit starb auch plötzlich der hochbetagte Präsident der Republik am Schlagfluß.
„Berufsmörder!“ „Mit Orden ausgezeichneter Funktionär des Menschenmassenmords“, fluchten die einen ihm ins Grab nach. „Deutschlands letzte Stütze!“ „Unsere letzte Hoffnung!“ flennten die anderen.
„Deutschland über alles“, hörte man damals das letzte Mal.
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Deutschland war in den letzten Jahren immer mehr zur Bedeutungslosigkeit eines reinen Vasallenstaates, einer Industriekolonie, herabgesunken. Die nationalen Kreise, die mit der Parole „Nichterfüllung“ ans Ruder kamen, wurden im Moment der Regierungsübernahme zu Vollstreckern der Verschacherung des deutschen Nationalguts. Immer raffiniertere Methoden im Volksbetrug wurden ausgebildet, bis diese eines Tages in einen ganz gemeinen offensichtlichen und plumpen Schwindel umschlugen. Dann wurde künstlich sofort das patriotische Delirium aufs höchste gesteigert, „Deutschland über alles“ ertönte, wie immer, wenn ein ganz gerissenes Schiebermanöver im Gang war ...
Die hin und wieder unter Ausbrüchen heilig-flammender Empörung gegen Deutschlands Vergewaltigung erhobenen Proteste wie auch das ganze Gefasel von der Wiedergutmachung der Schuldlüge usw., war ein vorher genau mit den einzelnen Staatengruppen abgekartetes Spiel, damit sich den gutgläubigen Kleinbürgern gegenüber die nationale Farbe der Regierungsträger nicht verwischen sollte. Ja, diese hatten sich durch die Bank so brav und ordentlich gehalten, daß der Völkerbund ihnen sogar ihre einstigen Kolonien als Mandat übergab. –
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Wie Hammerschläge zum Sarge des Reichsoberhauptes dröhnten jetzt die Geschütze in das Stadtinnere aus den Vororten herein, wo Militär und bewaffnete Arbeiterschaft miteinander im Kampfe lagen.
Von Stacheldrahtverhauen geschützt bewegte sich der Leichenzug dem Dom zu, wo die Beisetzung stattfand. Auf Paraden und feierliches Gepränge hatte man, wie man öffentlich kundtat, in Anbetracht der traurigen Lage der deutschen Volksgemeinschaft verzichtet.
Vor dem Dom machte sich eine Gruppe von Provokateuren ans Werk, schleuderte eine Bombe ins Publikum, die fehlging, aber immerhin eine ungeheuere Panik hervorrief, bei der viele umkamen und es Hunderte von Verletzten gab; und eine viertel Stunde darauf ließ die Regierung bereits die Nachricht von einem kommunistischen Bombenanschlag verbreiten.
Man erklärte die Kommunisten für vogelfrei. Die „Schwarzweißroten“ zogen auf Kommunistenjagd. –
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Draußen in einem Arbeiterviertel auf einem weiten Platz waren in roten Särgen die ersten Revolutionsopfer aufgebahrt.
Als die KPD-Truppen anmarschierten: das klang hart, exakt, schneidend. Schlagartig, metallisch, knallend.
Der Revolutionsgesang war ein kräftiges, in Rhythmen gefaßtes Klassenkampfbekenntnis, ein Schwur, eine Bürgerkriegsfanfare, eine unerbittliche Kampfansage.
Dieser Trauermarsch war ein Kriegsmarsch.
Ein Genosse sprach.
Er sprach von der roten Blutmauer der Föderierten: „Die Mauer der Föderierten auf dem Kirchhof Père Lachaise, wo damals der Massenmord vollzogen wurde, steht noch heute, ein stummberedtes Zeugnis, welcher Raserei die herrschende Klasse fähig ist, sobald das Proletariat wagt, für sein Recht einzutreten. Dann kamen die Massenverhaftungen, als die Abschlachtung aller sich als unmöglich erwies, die Erschießung von willkürlich aus den Reihen der Gefangenen herausgesuchten Schlachtopfern, die Abführung des Restes in große Lager, wo sie der Vorführung vor die Kriegsgerichte harrten ...“ Und der Genosse schilderte weiter, wie diese Mauer durch alle Länder hindurch, über alle Meere hinweg sich hinzieht, wie sie mit Strömen Proletarierblut getränkt ist, und wie diese Mauer auch heute wieder auferrichtet ist, turmhoch, wie an ihr das gesamte Proletariat steht, ausgesucht von der weißen Menschenbestie dazu, wehrlos niedergemetzelt zu werden ... Aber wie das Proletariat nun selbst zur Mauer wird, jede Brust ein Stein, jede Gruppe von Proleten ein scharfkantiger Quader, und wie plötzlich sich diese proletarische Menschenmauer in Bewegung setzt, stampfend über die Leiber der Mörder sich hinwegwälzt ... und das vergossene Blut in der Mauer zu leuchten beginnt, rotes Siegesblut und rotes Opferblut eins wird, glühend rot ...
Und schloß mit den Worten Lenins:
„Auf je hundert unserer Fehler, die die Bourgeoisie und ihre Speichellecker in die Welt hinausschreien, kommen zehntausend große Heldenakte, die umso größer und heldenhafter sind, als sie einfach und unscheinbar sind, sich im Alltag des Fabrikviertels oder des entlegenen Dorfes abspielen und von Menschen begangen werden, die nicht gewohnt sind und auch keine Möglichkeit dazu haben, ihren Erfolg in die Welt hinauszutrompeten ...“
... Unsterbliche Opfer ...
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Weiter ging der Kampf.
Maschinengewehrfeuer knatterte aus Flugzeugen, die dicht über die Dächer hinwegflogen. Proletarische Scharfschützen aber schossen in einem Stadtviertel aus Dachluken und hinter Kaminen hervor ein ganzes Geschwader ab. Ungemein beweglich war die Kampfesart, die sich im Verlauf der bewaffneten Aktion die Arbeiter zueigen machten. In kleinen elastisch hin und her manövrierenden Trupps wurde gekämpft, die sich trennten, blitzschnell sich wieder vereinigten und beinahe ohne Kommando sofort entschlossen zu einem Angriffsstoß ausholten. Polizeiwachen wurden erstürmt, niemand aber beging mehr den Fehler, sich darin festzusetzen und die anrückenden feindlichen Truppenteile aus der Verteidigungsstellung heraus zu bekämpfen. Jede erstürmte Stellung wurde sofort geräumt, geschickt maskiert, tagelang blockierte dann oft unter ungeheueren Verlusten der Feind solche Masken. Der Kampfgeist der „Weißen“ wurde dadurch bedenklich zermürbt. Schweres Artilleriematerial, Flammenwerfer, Phosphor-Brandspritzen wurden mühsam herangeschafft, denn nur nach gründlichster Vorbereitung konnten die weißen Kommandos noch einen Sturm wagen. Bei übermäßigen Verlusten oder Rückschlägen ergab sich sofort eine Unzahl von Insubordinationen und Desertionen, nur die technische Ueberlegenheit verhinderte in diesem Moment noch den völligen Auflösungsprozeß ...
* * * * *
So bewegte sich auch auf einer Erkundungsfahrt ein Geschwader von Kampfwagen mitten in das Zentrum des Arbeiterviertels hinein.
Die Kampfwagen waren gasdicht abschließbar und mit Sauerstoffapparaten ausgerüstet.
Glühend heiß war es im Innern des Panzerwagens. Die Fünf-Mann-Besatzung schwitzte, und das eiserne Ungetüm holperte polternd über die aufgerissenen Straßenpflaster. Der Leutnant stand am Sehschlitz, brüllt die Kommandos. Wie ein Unterseeboot schwankt der Tank im hellen Gewässer des Tages einher.
Nichts ist zu sehen. Nur kurz und hart schlagen außen die Geschosse unsichtbarer Schützen auf dem Stahlpanzer auf.
„Hagelwetter bei heiterem Himmel.“
Doch die Fünf-Mann-Besatzung ist nervös, es wird heiß und immer heißer bis zum Ersticken, man ist halbnackt und feuert, was die Kugelspritze hält, drauf los. Man stößt mit voller Kraft über die Straßenecken vor, vermeidet jeden toten Winkel, wendet kurz und schlenkert weiter im Zickzack straßeneinwärts. Hinter allen Fenstern spürt man Augen, Augen die wie sengende Strahlen in das Wageninnere hineinbrennen, vorwärts, rückwärts, oben und unten: überall lauert der Feind. Und die Antenne ist schon kaputt geschossen. Man ist abgeschnitten ... Nur der Motor rauscht und summt.
Wieder um eine Ecke.
Haustüren weit offen ... Man funkt hinein ...
Der Leutnant sieht sich um: die vier Soldaten, Bauernjungens, machen giftige Gesichter. Reißen mit Wut an den Hebeln, ihre Bewegungen sind Stoß und Faustschlag ...
Eine Leiche liegt mitten auf der Straße.
„Volle Fahrt!“
Drüber hinweg ...
War es eine Leiche!?
Oder hat es sich im Tuch bewegt?!
Und der Leutnant schreit noch:
„Jetzt Kinder, seid doch vernünftig, eine geballte Ladung! Achtung ...“
Und während die vier Soldaten ihm an die Kehle springen, einer ihm das Messer zwischen die Rippen stößt, die Pistole ihm zwischen den Fingern hindurchfällt, flutet auch schon eine Feuerwelle durch den Panzerraum; zwei, drei kurze Detonationen ... und die fünf Menschen hocken am Boden: in sich verkrümmt, wie verkohlte Baumstümpfe.
Auch die vier anderen Wagen des Geschwaders waren abgefangen. Die Mannschaften hatten sich bedingungslos ergeben.
Die Schäden waren leicht auszureparieren.
Genosse Max Herse gehörte zur Besatzung des Wagens „Roter Blitz“, der auf Patrouille ausfuhr ...
* * * * *
Wunderbare Dinge geschahen.
So kam einer die Straße herunter, ein gutgekleideter Mensch, mit dem Taschentuch winkend, auf den Wagen zu, meldet sich mit einer tränenerstickten Stimme: „Helft mir! Ich will wieder ein Mensch werden. Ich war es nur einmal in meinem Leben, drei Tage lang ... Seitdem, ach ...“ Der sonderbare Ueberläufer wird im Wagen mitgenommen, kämpft später bei einer roten Sturmabteilung, fällt, ist schwerverwundet und sein letztes Wort ist: „Ich kann euch nicht sagen, wie glücklich ich bin ... nun ist ja alles gut so ...“ –
* * * * *
Das Kampfgebiet wurde mehr und mehr von den Arbeitervierteln weg in den Westen der Stadt verlegt, wo sich die Villenquartiere und die vornehmen Geschäftshäuser befanden.
Gemeinsam mit den roten Partisanen operieren die roten Kampfwagen.
„Nicht verbarrikadieren!“ so heißt es immer wieder ...
Da trifft die Nachricht ein:
„Die Funkstation ist besetzt.“
„Der Generalsturm bricht los!“
„Ueberall in ganz Deutschland!“
„Rußland mobilisiert. Rußland marschiert.“
„Ueber der polnischen Grenze steht schon das Rote Gewitter.“
So stark wirkte die Nachricht, daß zwei weitere Stadtviertel in dieser Nacht von den Arbeitern erstürmt wurden.
* * * * *
Die Arbeiter sind ihrer Sache sicher und siegesbewußt. „Die Welt wird unser sein!“ „Wir haben es lange genug nur gesungen.“
Erwischt man einen von den „Schwarzweißroten“, so haut man ihm die Jacke voll, läßt ihn laufen ...
Bis eines Tages ein „Roter“ den „Weißen“ entkommt, der Leib ist über und über mit Peitschen- und Säbelstriemen bedeckt, über zwanzig Bajonettstiche, das eine Auge ausgerissen ... und er erzählt: an den Laternenpfählen ... unmenschliche Martern ... Spießrutenlaufen ... Vergewaltigung von Arbeiterfrauen ... Hinschlachtung von politischen Gefangenen in den Gefängnissen ... und Gas, Giftgas ... die Vorbereitungen sind getroffen ... Nehmt euch in Acht! ... Dicke Luft ... Die Hauptsache, die kommt erst ...“
Von mehreren Seiten werden jetzt kurz hintereinander diese Aussagen bestätigt.
Der Prolet beißt die Zähne fester zusammen:
„Gut so, wenn sie es haben wollen ... Von nun an wird kurzer Prozeß gemacht! ...“
III
Max wurde in besonderem Auftrag ins Reich geschickt.
Die Bahnhöfe, noch in den Händen der Regierungstruppen, waren gesperrt. Nur Munitionszüge und Truppentransporte verkehrten. Viele Brücken waren gesprengt, auf weite Strecken die Schienen aufgerissen, Züge flogen jeden Tag in die Luft.
Max fuhr mit dem Motorrad.
Serien von Landschaften zogen an ihm vorüber, kaleidoskopartig, wie ein Filmstreifen.
Die Aufträge, die er zu übermitteln hatte, waren in den verschiedenen Hohlteilen der Maschine gut untergebracht. Auch besaß er verschiedene Ausweise, darunter auch einen „schwarzweißroten“ ...
* * * * *
So flog er an dunkelgrünen Wiesengründen vorbei, auf denen noch friedlich die Kühe weideten, an Aeckern, die leicht gekräuselten Wellenbeeten glichen: so lag das Heu in Reihen ... Durch Dörfer hindurch, wo ihm Bittgebete leiernd eine gebrechliche Prozession entgegenhinkte. Unbewegt stand noch so ein Dorf, wie ein träger zähflüssiger Tümpel, inmitten der gewaltigen Wirbelbewegung, die die Industriegebiete bereits längst ergriffen hatte.
Andere Orte wieder durchfuhr er, lange Autoreihen hielten vor prächtig und amerikanisch aufgemachten Hotels: die ausgewanderten Reichen waren hierher geflüchtet, hier hatten sie sich wie die Ratten bei einer Feuersbrunst in die Schlupflöcher verkrochen. Landhäuser, Villen mit Laubgängen und herrlichen Gartenanlagen grenzten an den See: wie viele Tausende von Menschen werden einst in diesen Erholungsheimen ihr Leben feiern! Schwer und solid gebaute Klöster standen vierschrötig auf Bergkuppen: auch hier, das ganze Land in dieser Gegend war ein tief wieder Lebensatem schöpfendes Ausruhen.
Auch Siedlungen: mit Freideutschen, Christussen und „Wandervögeln“ darin, die sich selbst auf den Aussterbeetat gesetzt hatten, in die seltsamsten metaphysisch-verschrullten Gedankengänge verstrickt, dabei vegetierend und wurzelkauend. Eine zwanglose Selbstausschaltung dauernd Lebensuntüchtiger aus dem Gesellschaftsprozeß, ein Ersatz für Irrenanstalten bei harmloseren Fällen von Geisteserkrankungen.
In der Nähe befanden sich einige ausgedehnte Konzentrationslager, in denen neue Armeen gebildet wurden, Büros zur Anwerbung von Freiwilligen waren fast in jeder Gemeinde untergebracht, die Pfaffen warben eifrig für diese Verbände im Beichtstuhl und von der Kanzel herab bei ihrer Predigt.
Weiter gings.
Hier und dort hatten es die Regierer allerdings schon gründlich mit den Bauern verscherzt, die ihre Dörfer verlassen hatten und sich, wie das Gerücht ging, in einer bestimmten Gegend zu einem Heerhaufen sammelten. Manchmal waren Flammenschein und Rauchsäulen am Himmel: Gutshöfe und Kirchen brannten: die Bauernschaft war aufgestanden und hatte ihre Peiniger zu Paaren getrieben. Unbewegt wie holzgeschnitzte Figuren standen an Wegkreuzungen, rote Binden um den Arm, die bäuerlichen Wachtposten, und oft, durch einen kurzen Durchblick durch einen Wald hindurch, sah man: auf geschlungenen Feldpfaden Züge von Marschierenden. An einer Stelle war es zum Zusammenstoß gekommen. Max mußte einen Umweg machen, alle Straßen lagen unter einem schweren Feuerdruck.
An dem berüchtigten Zuchthaus kam Max vorbei, in dem ein halbes Tausend von politischen Gefangenen elend ihr Leben fristete, über zweitausend Jahre Gefangenschaft saßen darin; dort in dem Mauerwinkel, über den großen Lindenbaum hinweg, war die Stelle, wo die Hinrichtungen mit dem Fallbeil stattfanden.
Kein Gefangener war hinter den Gittern zu erblicken.
Schlafen sie noch oder haben sie ihren Zwingkäfig bereits verlassen?
Der Nächstbeste unten im Dorf konnte ihn darüber aufklären.
Vor zwei Tagen, da war es, da hätten die Gefangenen gemeutert, seien unruhig geworden, man hätte es bis ins Dorf herunter gehört. Da habe die Gefängnisleitung die einzelnen Zellen mit Matratzen abdichten lassen, die Zellenräume vergast, in jede eine Giftgasflasche hineingelegt ... Drei Minuten hat es gedauert und der Lärm, der in diesem Stadium dem Gebrüll von Tobsüchtigen glich, war zuende.
Es wird die Zeit kommen, knirschte Max grimmig, da man wieder dazu zurückkehren wird, Galgen öffentlich auf den Plätzen zu errichten, eine Hinrichtung zur Volksbelustigung zu machen, und wo man Torturen rücksichtslos anwenden wird. Da werden Reihen von Märtyrern auf den Tischen unter dem Strang stehen, eine weiße Kapuze über, um den Hals die Bulle des Todesurteils ... und man wird den Tisch unter ihren Füßen hinwegziehen, fest strafft sich der Strick, und die zwei oder drei Henkersgesellen hängen sich mit ihrem Gewicht noch an den Leib des Verurteilten ... und die Sache ist erledigt. Man wird Menschen bis oben hin in Watte einwickeln, mit leicht brennbarem Oel begießen, anzünden und sie laufen lassen. Wir sind im Anfang einer Zeit von Grausamkeiten, Barbareien, Greueln ohnegleichen und bei all dem wird man verlogen, wie man ist, verächtlich und human aufgeklärt auf die Geschichtsepoche der Inquisition und der Hexenprozesse herabblicken ... Unsere Gerichte sind Fabriken, weiter nichts als Fabriken, in denen nach einem bestimmten Schema, Gesetz genannt, serienweise Urteile fabriziert werden. Wer in dem Besitz dieser Fabriken ist!? Na, wir werden dafür sorgen müssen, daß diese Betriebe möglichst bald betriebsunfähig gemacht werden! ...
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So kam Max bis ins Ruhrgebiet.
Eine gelbliche Nebelschicht lag in der Luft. Es war still, wie ein Feiertag. Max erinnerte sich an jene Bergwerkskatastrophe, die damals den ersten Anstoß zu seiner proletarischen Bewußtwerdung und zu seinem neuen Leben gegeben hatte. Was der Kollege Straßenbahner jetzt wohl machen mag!? ... Und Wilhelm!? Ein jeder von denen stand auf seinem Posten, ein jeder hatte im großen Schlachtfeld seinen bestimmten Kampfplatz.
Auch Lene ... Sie war seit der Ausrufung des bewaffneten Aufstands als Sanitäterin bei einer neu sich bildenden roten Armee in Ostpreußen ...
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Das gesamte Ruhrgebiet war ein einziges rotes Riesenbollwerk.
Fieberhaft wurde gearbeitet.
Ueberall Patrouillen, Sicherungen, Motorradfahrerabteilungen ...
Die Erde war geplatzt: nicht eine Armee nur, nein drei, vier rote Armeen waren aus dieser mit Proletarierblut überreichlich gedüngten Erde herausgestampft.
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Nach heftigsten und für beide Seiten verlustreichsten Kämpfen war die weiße Armee geschlagen worden, sie löste sich auf dem Rückzug vollends auf, und die rote Armeeleitung war eben dabei, einen großangelegten Aufmarschplan gegen Norden, über Hannover, gegen Berlin auszuarbeiten.
Hier sah Max zum erstenmal einen roten Panzerzug. Pfeifend und schnaubend, unter dem Gesang „Völker, hört die Signale“ schob er sich ins grüne Land hinein.
„Glänzend organisiert“, mußte Max anerkennen. „Und was für eine Disziplin!“
„Kein Fall von Plünderung oder ähnlichem ist bei uns vorgekommen, ja ja, wir haben eben eine revolutionäre Tradition ... Die vielen Kämpfe in den vorhergegangenen Jahren sind nicht umsonst gewesen ...“ Wurde ihm im Hauptquartier berichtet. Und Heldentaten wurden erzählt, ohne Namensnennung, jeder hatte sie vollbracht, sie gehörten allen zusammen ...
Hier erfuhr Max weiter:
Generalstreik in USA. Bewaffnete Demonstrationen gegen den imperialistischen Krieg in USA. Die Negervölker in den Kolonien stehen auf ... Bis über Afrika, in Aegypten und Indien. Streik der chinesischen Arbeiter in den japanischen Spinnereien in Tsingtau. Sympathiestreik des japanischen Proletariats. Bewaffnete Zusammenstöße. Japans werktätige Massen sind in Aktion; Massen-Mobilisation; brechen ihr Sklavenjoch ...
Den Nachrichten von Amerika gegenüber verhielt sich Max von Anfang an skeptisch.
Die Partei ist noch schwach. Und das kann einer revolutionären Bewegung immer das Genick brechen. Wie viel Schutt spült eine Revolution herauf: Desperados, Hochstapler, Hasardeure: wenn da nicht fest zugegriffen wird, und die Mießmacherschweine dazu und die Flautegeier ...! Spitzel und Provokateure ...! Nur eine starke Organisation ... sonst geht das Spiel blutig verloren ... Alle gescheiterten Aufstände lassen sich auf den Mangel einer führenden Rolle der Partei zurückführen ...
So 1919 zum Beispiel!
Vom Roland bis zur Viktoria standen die Massen Kopf an Kopf. Bis weit hinein in den Tiergarten standen sie. Sie hatten ihre Waffen mitgebracht, sie ließen ihre roten Banner wehen. Sie waren bereit, alles zu tun, alles zu geben, das Leben selbst. Eine Armee von 200000 Mann. Und da geschah das Unerhörte. Die Massen standen von 9 Uhr früh an in Kälte und Nebel. Und irgendwo saßen die Führer und berieten. Der Nebel stieg, und die Massen standen weiter. Aber die Führer berieten. Der Mittag kam, und dazu die Kälte, der Hunger. Und die Führer berieten. Die Massen fieberten vor Erregung: sie wollten eine Tat, auch nur ein Wort, das ihre Erregung besänftigte. Doch keiner wußte, welches. Denn die Führer berieten. Der Nebel fiel weiter, und mit ihm die Dämmerung. Traurig gingen die Massen nach Hause: sie hatten Großes gewollt und nichts getan. Denn die Führer berieten. Im Marstall hatten sie beraten, dann gingen sie weiter ins Polizeipräsidium und berieten weiter. Draußen die Proletarier auf dem leeren Alexanderplatz, die Knarre in der Hand, mit leichten und schweren Maschinengewehren. Und drinnen berieten die Führer. Im Präsidium wurden die Geschütze klargemacht, Matrosen standen an jeder Ecke der Gänge, im Vorderzimmer ein Gewimmel, Soldaten, Matrosen, Proletarier. Und drinnen saßen die Führer und berieten. Sie saßen den ganzen Abend und saßen die ganze Nacht und berieten, sie saßen am nächsten Morgen, als der Tag graute, teils noch, teils wieder, und berieten. Und wieder zogen die Scharen in die Siegesallee, und noch saßen die Führer und berieten ...
Nur war es mehr eine Frage der Führung als der einzelnen Führer, es war die Partei, die fehlte.
Die Konterrevolution aber arbeitete indessen nach einem einheitlichen Plan. Sie rechnete nicht nur mit Berlin, sondern mit dem ganzen Reiche. Ein Werbebüro nach dem andern wird eingerichtet, auf Lastautomobilen werden Waffen herbeigefahren. Kraftwagen aus Kasernen und Depots, ein ganzer Park von Fuhrwerken wird in Dahlem zusammengestellt, wohin inzwischen Noske und Oberst Reinhard aus Berlin geflüchtet sind. Nach drei Tagen schon glich die Gegend einem Kriegslager. Es wurde mit fabelhaftem Eifer und großer Schnelligkeit gearbeitet. Auffüllung von Restbeständen der Gardekavallerieschützendivision in Berlin – Zusammenfassung kleiner Truppenteile in den märkischen Dörfern – eine letzte Besprechung und nach schleuniger Zusammenstellung von Einwohnerwehren in den Berliner Bourgeoisievierteln: Einmarsch, Sturm auf die von den Arbeitern besetzten Gebäude und fünf Tage darauf: Berlin, die stärkste Festung der deutschen Revolution, war gefallen.
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„Und nun Glück auf die Reise, Max, wie ungeheuer wichtig das ist, was du durchzuführen hast, weißt du ja selbst ...“
Und schon lag das Ruhrgebiet hinter ihm. Weiter gings.
Max traute seinen Augen nicht:
Da bewegte sich durch die Straßen eines Provinzstädtchens ein großer Festzug, Militärvereine und Musikkapellen waren in dem Zug, den verschiedene historische Gruppen „verschönerten“. Auf zwei Wagen zogen die Pfahlbauern mit ihren Häusern daher. Ihnen folgte Hermann, der Cherusker, mit einem bewaffneten Gefolge. In Tierfelle gekleidet zeigten sich die Alemannen. Die Kreuzfahrer, ein gewisser Graf Eberhard im Bart, Landsknechte zu Fuß und zu Pferd. Stolz marschierte Theodor Körner in lebenswahrer Nachahmung, hinter ihm ritten die Schillschen Offiziere. Und gar welch ein erinnerungsvolles Bild bot die Kolonialtruppe, bei der ein mit acht Ochsen bespannter Wagen schwarze und weiße Bewohner der Kolonien mit sich führte ...
Was war das nur!?
Max lachte aus vollen Kräften.
Es war ein Bezirkskriegertag.
Eine tragigroteske Illustration dafür, wie die Vorstellungen und die Ideen der Menschen noch lange an Zuständen haften bleiben, die bereits durch die tatsächliche materielle Entwicklung der Geschichte längst überholt sind ...
Und schon tobten mit bärtigen Stimmen kerndeutsche Männerchöre gegeneinander, vielstimmig, und mit tremolierenden Gefühlsschnörkeln am Ende gesungen, ein Sängermassenwettstreit, ein echt arisches Wettsingen ...