(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg

Part 21

Chapter 213,164 wordsPublic domain

Stirnfetzen, Gerippe, Gerippsplitter; abgerissene bluttriefende Fleischstücke von Menschenwangen; niedergestampfte Säuglinge, Gehirnmasse, die aus einer von Gewehrkolben aufgehauenen Schädelnuß quillt; Mütter, flach an die Mauern gequetscht von dem Luftdruck einer Fliegerbombe; milchiges verflocktes Augenweiß; eingeknetet das alles zu einem grobknochigen zementfarbenen Brei oder wie seifige Lauge oder Mörtel, schon flüssiger geworden; Hautknäuel, Fleischknollen, Menschenkadaver, stinkender wie Exkremente; Torsos des Grauens, widerlichste Skelettfragmente ... Transport an Transport der zur Hinrichtung Abgeführten ... O, ich habe auch die Stellungen studiert, und nicht nur studiert!, dieses Zucken in den Mundwinkeln, die unendliche klumpige Gliederschwere, der ganze Mensch bis in die letzte Nervenfaser hinein elektrisch knisternd gespannt und qualgeprägt: all derer, die, zum Tod verurteilt, vor der Gewehrlinie knieen ... Ich weiß, was es heißt, die Schlinge im Genick und zehn Sekunden noch sind es, o diese ganz unfaßbaren, zeitlosen, weltweiten Sekunden!, zehn Sekunden noch bis zum Weggezogenwerden des Schemels unter deinen Füßen, und dann, dann der erste Augenblick des Freischwebens am Strang – –

Ich kenne wirklich auswendig das ABC des Kriegs, den menschlichen Elementarunterricht des Kriegs sozusagen, denn das Vergessenkönnen war nicht meine Tugend. Heilig ist mir auch heute noch jeder Tropfen Herzblut – und eben darum, und eben darum, weil ich nicht müde werden kann zu klagen: o Mensch, du kümmerlicher, du elend dich im rohesten Daseinskampf krümmender, du armseliger Wurm.

Klassenkrieg. –

Ich habe dieses Wort niedergehalten, trotzdem und trotz alledem, in mir: lange genug war ich bereit, die verruchte Grimasse dieser Welt mit schönen Illusionen zu umkränzen. Ich brachte es einfach nicht über mich, das auszusprechen, was ist. Das zu tun, was nottut ...

Klassenkrieg ...

Ich werde heute die Zähne zusammenbeißen und, wenn der Ekel mich würgt, mit einem kräftigen Fluch dreinspucken –

Klassenkrieg. –

Es geht nicht anders.

Darüber kommt man nur mit Schwindel hinweg ...

Ich habe nun alle Möglichkeiten, nicht nur in meinem Gehirn, sondern auch in meinem Blut durchprüft. Erlebnis an Erlebnis durchkontrolliert, Erfahrung durch Erfahrung. Es sickerte hindurch durch die vielen Jahre wie durch einen Filter.

Bitter zwar und herb, aber die lauterste, durch kein Surrogat künstlich verputzte Wahrheit: das ist das Grundresultat, der Extrakt.

„Bitte schön“, nun werden wir sagen, „Bitte schön, meine Herrschaften, Essenz gefällig!?“ Denn wir sind weder ein Kuriositäten-Kabinett noch ein Album, darin man abstrakte Lebensweisheit sammelt ...

Ich habe die Welt gründlich ausgeschmeckt. Nie und nirgends begnügte ich mich nur mit einer Kostprobe. Ich habe alle Menschenarten dieser Welt geschmeckt ...

Und ich komme heim von meiner Irrfahrt, still, sehr still geworden, ohne große Worte. Mein eigenes innerstes Wesen empfängt mich, mich umarmend, wie eine Mutter, bei meiner Heimkehr. Weiter: entdecke! erobere! Und ich reihe mich vorbehaltlos der proletarischen Front ein. Alles, was ist, alles, was je gewesen war, alle Erwägungen, die ich anstelle darüber, was je einst noch sein wird: alles Vergangene, Zukünftige, Gegenwärtige drängt mich schlicht, völlig naturgemäß zu dieser Entscheidung.

Sie hat mich organisch zersetzt, dann war es plötzlich abrupt, sprunghaft – und die Entscheidung war, lange bevor ich es eigentlich selbst bemerkte, gefallen ...

Klassenkrieg ...

Rache juckt mich nicht.

Auch sachlich, kühl wie ein Stein kann ich sein. Nüchtern, wie nur der Nüchternsten einer, den Weltgang betrachten. Ich bin heute von keinem Fasching der Illusionen mehr gefoppt.

So sehe ich das unausweichbare Gegeneinandervorrücken, das Gegeneinander-mit-den-Spitzen-Zusammenstoßen, das explosionsartig Gegeneinander-Aufprallen zweier Welten, zweier Weltgruppen, zweier Weltgewalten, und in der Weltmulde offen lagernd das gewaltigste Dynamit unseres Zeitalters:

Der Klassen-Widerstreit. –

* * * * *

Und ihr?

Ihr versucht den Klassenkampf hinwegzudekretieren. „Volksgemeinschaft“ phrasendrischts heraus aus dem Programm der Volksverbrecher: ihr versucht dadurch die Einheitlichkeit eueres Weltbilds zu retten, o du hochgepriesene Einheit, die du doch nur, immer offenkundiger, eine Einheit unauflösbarer Widersprüche bist! O jämmerlich-hilfloseste Versuche ihr engstirniger, kurzsichtiger Kretins!

O ihr oft gar so honigsüß den Weltfrieden anlispelnden Verbrecher-Hochstapler und Narren!

Jede Unterdrückungsmaßnahme von euerer Seite her muß, vielleicht zähneknirschend erkennt ihrs, muß, muß nur unsere Waffen schärfen. Wir wetzen uns blank an euch wie an einem Schleifstein. Und der Griff, mit dem nach unserer Gurgel ihr euch streckt: damit reißt automatisch den Todesstoß ihr euch selbst in euere Herzmitte.

Ja, und die schlimmsten Fehler, die zu begehen wir überhaupt nur fähig sind, o wieviel unendlich mal richtiger sind sie, von der Perspektive der Geschichte der Menschheitsentwicklung aus gesehen, als euere lauterste Wahrheit! –

– – –

So singe ich hin im Kampf zweier Welten, ein stählerngefittichtes Schlachtlied, in Riesenschleifen kreisend über der Revolutions-Aera.

Zetert „Hilfe!“, Bürger! Kläfft „Jesus, Maria!“ und „Mordio!“

Jammert! Heuchelt! Heult!

Plärrt euch unseretwegen, wenn es sein muß, die Hosen voll!

Fabelt von Bürgerkriegsgreueln, Vergewaltigung, Terror, Geiselfüsilladen, bestialischen Grausamkeiten – aufrichtig sicherlich meint ihrs, ihr zivilisierten Kannibalen-Geschlechter!

Phantasiert nur des nachts im Traum vom Geschröpftwerden, von Barrikaden, von euch umschwirrenden Feuergarben und Bajonettstichen!

O welche Leichenbittermienen! O welch eine Krätze rumort in euerem Gehirn! ... Kickeriki ... Ja, ja, der Hahn kräht ... O ihr gütigen Visionen, Halluzinationen aller Bornierten!

Schmarotzer-Kulturphilister!

Bei heruntergelassenen Jalousien, bei abgeblendetem traumweichen Licht: so hockt ihr in eueren Luxusprachtappartements, nichtsdestoweniger aber sind es die Abfallgruben, die Parasitennester der lebendigen Geschichte. Aesthetisch vermodernd, trotz euerer Schönheits- und Gesundheitskuren in warmen Milch- und künstlichen Höhensonnenbädern!

O ihr Treibhausgewächse, von Generation zu Generation übernommen, wie mit Watte mit ausgesuchtesten Daseinsbedingungen sorgfältig umwickelt und mühsam am Leben erhätschelt! ...

Packt den Ranzen euch auf mit Traktaten und Katechismen, stopft den Wanst euch voll, bis zum tödlichen Erbrechen voll, mit Bibelsprüchen! Du göttliches Gesindel, ihr Augenaufschlagkünstler, ihr zynischen, ihr virtuosen Schufte der Kirchen! Mästet fortab euch mit Reliquienresten und langweilt unseretwegen zutod euch im stillen Kämmerlein mit eueren albernen Sophistereien: Hände aber weg, ein für alle Mal, von all dem, was lebt, und von all dem, was nach Leben, Leben, lebendigem Leben stöhnt, was sich Leben erobern will!!!

– – –

Unter dem sausenden Gleiten der Transmissionsriemen beim Funkenspritzen der Schleifräder, beim Krach der Explosionen tief unten in den Schächten der Bergwerke –

Wenn der Hobel flitzt, beim Knirschen der Stahlsäge, beim Staub der Eisenspäne –

Gezeugt

Inmitten des Pulverdampfs –

In den unhygienischen gesundheitsmordenden Räumen der Granat- und der Phosphorfabriken –

Beim Granatendrehen der Proletarierfrauen, der Proletarierkinder –

Beim Kartoffelstehlen und auf den Heringspolonaisen –

Beim tage- und nächtelangen Anstehn der Arbeiterfrauen vor den Lebensmittelgeschäften –

Im verzweiflungsvollen Schluchzen von Millionen der ihrer Männer im imperialistischen Weltkrieg beraubten Arbeiterwitwen –

Dort

In der armseligen Proletenwohnung –

Dort

In Granattrichtern, in Schützengräben –

Dort

Im Geklapper der Prothesenglieder der demonstrierenden Kriegskrüppel auf den mit Luxusläden garnierten Hauptstraßen –

Im Zug der Erwerbslosen,

Im Beschluß „Generalstreik“,

Im ersten Schuß des bewaffneten Aufstands –

In der Salve des Exekutionskommandos, die die ersten roten Soldaten niederkracht –

Großgezogen

Mit Graupen und Grütze –

Mit Hungertränen,

Mit Tuberkeln,

Mit Skrophulose,

Mit Lebensangstschweiß –

_So_

_Steht die Neue Welt auf_ –

_So_

_Steht die Neue Geschichte_,

_Die Zukunft_

_Auf_ –

Unfertig,

Formlos,

So wie es sein muß:

Unter konvulsivischen Zuckungen,

Schaum ohnmächtiger Rache noch um den Mund wie ein Epileptiker –

Aber

Es wird schon,

Es formt sich schon,

Hart, stahlhart gerinnen die Umrisse –

Das Herz beginnt zu schlagen,

Zu hämmern:

Ein eiserner Takt –

O welch ein wunderbares, der Sonne gleich Menschenwärme ausstrahlendes Herz –

Hebel – Muskelstränge – Gelenke –

Und

Millionenfüßig ansteigend, kriechend, geduckt auf den Sprung lauernd, nun: wie eine Sturzwelle, nun – schreitend:

Und die Revolution steht da

Vor euch

Unerbittlich,

Ruhig – aus Millionen elektrisch blitzender Augen euch erspähend –

Mit Millionen zangenartiger Arme euch umklammernd –

Aufrecht,

Mann gegen Mann – – –

„Wie eine Lawine –“

„Wie ein Orkan –“

„Wie Lavamasse, die herein sich in eueren Weltraum wälzt – –“

Leibhafte Gestalt!!!

– – –

Biedert euch an, ihr Hampelmänner der Geschichte mit Göttern, Heroen, Titanen, mit dem ganzen wertlosen Plunder und Seelen-Krimskrams der Vorzeit! ...

Glotzt hinab in euch selbst, in den Abgrund des Nichts ...

Purzelbaumschlagt, ihr metaphysischen Clowns!

Auf! Ein Saltomortale ins Jenseits!

Los!

Auf zur Seelenwanderung!

Produziert euch im Himmelszirkus mit Wesensschau!

Heil euch, ihr Emigranten!

Flugs, desertiert aus den Reihen des Diesseits!

Die jenseitigen Geister verspüren Appetit nach euch. –

VIII

Ihr lebendig wandelnden Marter-Maschinerien der Menschheit in menschenähnlicher Gestalt! Ihr großen allgewaltigen Saugpumpen! Ihr demokratischen Würg-Götter, ihr Knochenmühlen Gottes! Ihr allmächtig euch dünkenden Akteure der Weltgeschichte – –

(– bis auf weiteres)

Die Erde, die ganze Erde haltet umkrallt ihr mit eueren Gliedern, geheimnisvolle Riesenspinnen: euere Organe wachsen sich aus, euere Organe verlängern sich: euere Hände, euere Arme, euere Beine, euere Muskelbündel setzen sich fort: Eisengelenke, Riesendampfer, Dampf-Hämmer, Hebel, Krane, Räder, Maschinen, Werkzeuge! Euer Gehirn: ein allgewaltiges Verrechnungsinstitut. Fest steht ihr mit beiden Füßen, nein mit Millionen Füßen auf der Erde, verknüpft untereinander mit blitzenden Stahlschienenbändern die fernsten Weltteile, stopft voll, und das nennt ihr Kulturmission, mit euerem wertlosen Gerümpel jeden Weltwinkel. „Der Anfang sind wir“, so prahlt ihr großmäulig, „die Mitte und das Ende der Welt.“

„Cäsarennaturen –“

„Führen zurück wir nicht unseren geistigen Stammbaum auf die Schöpfer der Pyramiden –!?“

Da marschieren sie heran, lakaienhaft grinsend, euere Angestelltenheere, es speichelt im Chor: „Respekt vor dem Kapitalismus! Respekt vor dem Ungeheuer! Respekt!“ –: Millionen Beamte, Techniker, Chemiker, Pfaffen, Aerzte, Lehrer, Professoren, Künstler; so fein säuberlich wie auf Emaille gemalt: Generäle als Trabanten. Eine Handbewegung von euch, Druck auf einen Signalknopf: und automatisch die Fabriken öffnen sich, und Hunderttausende von Erwerbslosen speit es hinaus aus dem zementenen Rachen auf die Straße; Menschenrudel überstürzen sich; das humpelt, kriecht, rast schon irrsinnig geworden auf den Arbeitsnachweis, von euch, ihr Auserwählten, die Gnade des Arbeitendürfens in Empfang zu nehmen. Mürrisch gewährt ihrs, wenn es euch in eueren räuberischen Produktionsplan paßt, wenn nicht – wieder ein Signal, und rasch verständigt ihr euch, das Militär sperrt ab – Handgranaten, Fliegerbomben, Maschinengewehrsalven als Begleitung – und Millionen laßt abschwenken ihr von der Straße des Lebens zum Marsch in die Hunger-Dschungel ...

„Gewürm, Abfall, Dung der Geschichte –“

Konstatiert ihr. _Der_ Geschichte, die euere Geschichte ist. Denn dort, wo die höchsten Schlote enden, dort ziehen sich hin euere Höhen, mit Prachtgärten und Villen bebaut, die modernen Götterwohnungen, die Königsschlösser unserer Zeit, unsichtbar gegen jeden Ansturm der Rebellen verbarrikadiert, und alles vom werktätigen Volk Geschaffene findet dort in euch seinen endgültigen sinnvollen Ausklang.

„O ihr gütigen Spender des heiligen Lebens, wie danken wir euch! Den Lohn, den ihr uns auszahlt, welch ein kostbares Geschenk! ... Und kleiden wir uns auch in Lumpen, bewohnen wir auch Höhlen, und haben weder Speise noch Trank ... und wir Frauen und Kinder: man kann sich schon nirgends mehr anlehnen, so schmerzt es vor lauter Gerippe – – – o ihr, euer gütiges Lächeln ist unseren Wunden ein Balsam, und unser Vierzehnstundentag nichts weniger und nichts mehr als ein Gottesdienst –“

* * * * *

Anders aber spricht die Wirklichkeit.

Die Rußknäuel, die die Schächte ausatmen, ballen sich am Himmel zu einer schweren Wolke. Stöße brennenden Windes furchen das Land.

Waggonweise nun laßt ausschütten ihr unter den Murrenden, unter den Todgeweihten die jedes Klassenbewußtsein mordende Korruption. Von euch gedungene Arbeiterführer spalten auftragsgemäß jede proletarische Kampforganisation. Verrat, Bestechung, Niedertracht ohne gleichen. Die Arbeiter selbst bekriegen sich. Unter dem Aushängeschild des Arbeiterwohls und der „Volkserneuerung“ gründen sich neue arbeiterversklavende Verbände. Mißtrauen gegen die bewährten revolutionären Führer: in jeder Herzfalte sprießt schon euere giftige Saat. Da wieder laßt ihr einen, freudig gewährend, einherstelzen im Prunkgewand anarchistischer Phrasen; andere wieder orakeln von Rednertribünen – und schmunzelnd kostet ihrs aus –: „Langsam voran, im Zickzack vorwärts!“ Und das instinktiv schon klar entschiedene Arbeitergehirn verwirrt sich, die Kampfkraft laugt sich aus, planlos verläuft die Aktion und uneinheitlich – und das Ende: ein blutiges Menschenknäuel.

Denn rücksichtslos gebraucht ihr, wo das System der Korruption nicht mehr ausreicht, gegen die sich Empörenden euere schärfste Waffe: die Machtorganisation des Staates.

* * * * *

Es marschiert aber, es marschiert, es marschiert.

Die Straße selbst zu eueren Höhen hinan, ihr Unerreichbaren, bewegt sich.

Der Hungertod marschiert, die Arbeitslosigkeit marschiert, es marschieren die Tuberkulose, die Syphilis, das Alkoholdelirium, die unhygienischen Wohnungsstätten der Arbeiterbevölkerung: schwer, schwerfällig, tappend, denn schwer nur kommt es noch in Bewegung. Und das Massengrab des imperialistischen Krieges marschiert, und Selbstmord und Lebensverzweiflung, und dahinterher wieder Skrophulose und fahrlässige Verstümmelung, und nebenan die Kolonialschmach und die amerikanische Lynchjustiz, die Todesstrafe marschiert, Gerichtsurteil an Gerichtsurteil, Millionen Jahre Zuchthaus und Gefängnisstrafen, die Kinderarbeit, die Herzensträgheit, die Gedankenzerrüttung ... eine riesige schmutzig-gelbe gallertartige Masse von Millionen von Menschen zerstörten Lebensglücks.

Die Menschenunterdrückung, die Ausmergelung, die Unnatur, der brutale Daseinskampf marschiert.

Es ist eine Sintflut der Daseinssinnlosigkeit, eine Sintflut des Nichts.

Ist es Walhall, ist es der Olymp selbst, den ihr stürmen wollt!?

Hoffährtig glotzend psalmensingen die Priester zum christlichen Himmel: aber schon schüttelt es wie Hagelkörner über die ganze Welt hin zu Stahlgeschossen geronnene Menschentränen ...

Und –

Ein Gesang marschiert.

Die „Internationale“ marschiert ...

* * * * *

Wie ruhig, wie unendlich ruhig stehen die sieben „Der Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes“ angeklagten Revolutionäre vor ihren Richtern.

Vier, fünf, zehn, zwölf, fünfzehn Jahre Zuchthaus.

So lautet der Antrag des Staatsanwalts.

Die Angeklagten haben das Schlußwort.

„Wir haben jederzeit unser Ziel unumwunden zugegeben. Die Strafe, die Sie gegen mich beantragt haben, wenn das eine Strafe für meine kommunistische Gesinnung sein soll, nun gut. Für den Kommunismus setze ich alles ein.“

„Für mich ist es einerlei, was der Gerichtshof beschließt. Ich habe bis jetzt mit meinen Genossen gelitten: ich bin bereit, wenn es sein muß, für meine Ueberzeugung weiter ins Gefängnis zu gehn.“

„Ich habe für meine Ueberzeugung bisher im Gefängnis gesessen. Ich habe dafür meinen Beruf aufgeben müssen. Ich werde, wenn Sie es wollen, weiter zu leiden verstehn.“

„Eine Gesellschaftsordnung, die Millionen ins tiefste Unglück hineingestoßen hat, ist nicht wert, weiter zu existieren. Ich habe im Gefängnis in die tiefsten Tiefen hineingeschaut. Wir werden es zu ändern verstehen. Sie werden mir mit dem Strafantrag einen Lorbeerkranz um mein Haupt legen, den ich gar nicht verdiene, denn ich bin ja nur ein einfacher Funktionär. Ich werde trotz alledem den Kopf hochtragen.“

„Ich bin mir völlig klar darüber: der Leidensweg des Proletariats erfordert große Opfer. Ich bin es gewohnt, für den Kommunismus zu kämpfen und zu leiden. Ich werde auch weiter Opfer zu bringen verstehn. Aber das Bewußtsein habe ich und das macht uns alle stark: Zuletzt werden wir die Sieger sein und triumphieren über den Schmutz der heutigen bankrotten Gesellschaftsordnung.“

Und auch die Jugend des revolutionären Proletariats meldet heroisch an ihre Stimme:

„Ich bin stolz darauf, für meine Ueberzeugung vor Ihnen, hoher Gerichtshof, zu stehen. Ein großer Arbeiterführer hat uns einmal gesagt: wenn euere Altersgenossen ins Gasthaus und ins Tingeltangel gehen, so werdet ihr mit einem Lächeln ins Zuchthaus wandern. Nun, wenn sie mich ins Gefängnis schicken wollen, ich bin bereit, für den Kampf der Jugend meine ganze Person einzusetzen und werde stolz die Gefängniszelle auf mich nehmen.“

„Wenn Sie mich verurteilen, nun gut, so werde ich dieses Lehrgeld zahlen. Ich glaube, es wird sich lohnen.“

* * * * *

Was ist das für eine Ruhe!?

Das ist die Ruhe des Schongesiegthabens, nur einen Schritt, nur einen kleinen Schritt noch ist die Geschichte zurück. Morgen, übermorgen: es kommt, es wird kommen, es muß kommen ... Der Kampf ist schon entschieden – und wenn du zur Bekräftigung des Sieges noch das Siegel deines Lebens drauf drücken mußt: so geschieht es ohne Zögern und voller Heiterkeit.

Was ist das für eine Sprache!?

Das ist eine Sprache, die gesprochen wird, bald laut, bald weniger laut, doch deutlich vernehmbar, bekennerisch, in allen Erdteilen. Das ist der Grundton einer neuen Weltsprache, der Sprache der Zukunft. Und jeder echte Dichter müßte sie sprechen.

Ja, die Höhe der Strafe: das ist einer der Gradmesser der revolutionären Tüchtigkeit, einer der Gradmesser deiner Menschheitsverantwortlichkeit. Das „An die Wand“: das ist für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, das aus seinem Herzblut mit Freuden gespritzte Blutsiegel unter die Botschaft: Einst kommen wird der Tag ...

Denn –

„Wer Kampf gegen den Bolschewismus beginnt, der sinkt immer tiefer und tiefer. Er wird Verbündeter von Monarchisten, Werkzeug von Imperialisten, dann Spion und Bandit. Auf diesem Weg gibt es kein Zurück mehr.“

Mit diesem offenen Geständnis beschloß vor dem Roten Revolutionstribunal einer der unerbittlichsten Gegner des Sowjetsystems seinen verruchten Kampf gegen die Arbeiter- und Bauernrepublik: Sawinkow.

Und so ist es. –

IX

Aus diesen Fangarmen sich zu befreien, aus Fangarmen, die unsichtbar sind, die fließend sind, die wie ein millionenästiges Gezweig dein Denken und Fühlen durchzweigen, um so mehr, je mehr du vermeinst, ihrem eisernen Zugriff bereits dich entzogen zu haben; heraus aus allen Verkettungen und Verwindungen, denn wie ein Sperrfeuergürtel ist die Not der Zeit um die begrenzte Zone deines Daseins gelegt; heraus dich zu arbeiten, das Messer zwischen den Zähnen, aus all den tausendfachen Verstrickungen, Durchgarnungen, Hinterhältigkeiten und Unbewußtheiten: dazu ist die Kraft eines einzelnen Lebens nicht genug, und wäre sie noch so eine übermenschliche und gigantische. Aber du lebst dein Leben weiter. Lebst dein Leben weiter im Leben von Kämpfern, die um dich sind, die mit dir sind, im Leben von Kämpfer-Generationen, die nach dir kommen werden. Die besser kämpfen werden wie du, zielsicherer, konzentrierter, gerüsteter. Die eines Tages auch den Kampf zu Ende gekämpft haben werden, von dem es heißen wird:

* * * * *

Er war der größte, er war der herrlichste, er war der an Niederlagen reichste: keiner war ihm gleich.

Gekämpft habt ihr in Träumen; gekämpft habt ihr mit entzündenden Worten, mit Melodien; mit Wandzeichnungen, mit Debatten; mit euerer Atemzüge monotonen Rhythmen; mit jedem euerer Herztakte, hart, gehackt klopfend hindurch durch die stickicht qualmenden Fabrikräume: ihr lebendigen Arbeitsmaschinen!

Lawinen von Menschenmassen schüttelt aus sich heraus die Erde. Lava von Menschenblut stampfte dampfend daher.

Türme von Menschenleichen stiegen an aus der Tiefe. Massengräber schluckten, ein schlammiger Rachen, die Lichtfrucht der Sonne.

Strang, Füsillade, elektrischer Hinrichtungsstuhl:

Bis zur Neige geleert den Kelch der Bitternis!

Nicht einen Tropfen nicht geschmeckten Leids schenkt euch die nach Menschenopfern lechzende Menschenerde!

Schritt auf Schritt auf dem wie eine getretene Schlange sich windenden Weg siehst du, hereingebaut bis ins blaue Erz des Himmels, Schädelpyramiden.

Blutquellen perlten. Blutbäche schossen. Blutströme rollten. Die Riesenorkane, mit den Flügeln des Hagels sie schlagend, furchten das Blutmeer.

Wer seid ihr!?

Kolonnen rußgeschwärzter Männer –

Kolonnen der Arbeitskittel –

Kolonnen der Genossen, der Leninisten-Kommunisten –

Kolonnen der Genossinnen –

Kolonnen der Jungkommunisten –

Kolonnen der Parteilosen-Sympathisierenden –

Proletariat.

Menschheitsgranit.

Zu Wellenbergen der Geschichte verwandelte Menschenmassen.

Welt-Eroberer. –

* * * * *

Es hingen nieder die Wälder von den Bergen wie schwarzes Geläute. Die Felsen donnerten hoch oben im Luftleeren.

Keine Tafel faßt je die Namen der Helden, gefallen in der Riesenklassenschlacht.

Die kommenden Geschlechter werden ein Instrument erfinden, die Namen der Helden und Kämpfer der ganzen Erde, die Schlachtäcker und Kampftaten alle gleichzeitig zu nennen: das dröhnt wie Gebläse einer millionenstimmigen Riesenorgel; alle Kreatur singt mit im Chor.

Jeder Blick deiner Augen kämpft, jede Faser deines Herzens, jede Bewegung deiner Hand kämpft.

Einer voraus!

Einer in der Mitte.

Einer ist der Anfang.

Das Gewölb hallt wieder vom Refrain des ersten Tausends.

Das zweite Tausend –

Das dritte –

Das vierte ...

Das erste Hunderttausend –

Schritt gefaßt! Schwenkt! Ausgeschwärmt –

Massenprotest – Generalstreik – Massenaktion – Bewaffneter Aufstand – – –

Und wie ein Fächer sich entfaltet –

Sturmwellen wirft der hohe Triumphgang der Geschichte.

Alles ist Kampf, ist Bewegung.

Die Natur selbst trommelt den Kampftakt.

– – – –

„Wer ist das!?

„Was ist das!?

„Einfach ein Irrsinniger!?

„Oder –?!

„Ein Projektil der Geschichte – von nie dagewesener Sprengkraft!?“

– – – –

_Lenin_

– – – –

„Aus diesem Teig sind geknetet die Robespierres, die Marats – und sogar noch viel, viel Größere ...“

– – – –

Ihr stahlgepanzerten Großkampfmaschinen, rot bewimpelt, seid gegrüßt!

Hinüber!

Ruckend zuckt es hinweg schon über Gräben, angefüllt mit Stößen regenbogenfarbig schillernder Gasleichen.

Stahl, Erz, Kohle, Kupfer, Metall, Wasser, Zement, das Gift, die Wurzeln der Tiefe, das zarteste Blümlein der Erde: nenn mir ein Ding, nenn mir ein Fleckchen im Weltraum, nenn ein Element mir, das heute nicht kämpft.

Auch die Vögel, die Sonne, Stern, Wald, Meer, von Schwarz bis Purpur; Bergpfade und Gefälle:

Alles jauchzt Kampfwillen. –

* * * * *

Tausend Jahre oder darüber – ich zähl sie nicht –: aber ich höre deutlich das Siegeslied, gesungen von dem befreiten Welt-Volk, hereinschmettern in den Strudel der Klassenkampfzeit aus der alle Menschenzeitalter triumph-kühn überhöhenden Zukunft: