(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg

Part 20

Chapter 203,122 wordsPublic domain

Das ganze werktätige Volk ist nichts mehr weiter als ein einziger zuckender Schmerzenskadaver, ein fleischerner Berg, von abgerissenen Gliedern dicht überwachsen wie von Gestrüppen ... Der stößt keine lebendigen Schreie mehr aus, Millionen erloschener Augen glühen daran schwarz; schwärzer, durchdringender als selbst die Finsternis. Unterirdisch nur ein unverständliches Murmeln. Hie und da Wortfetzen. Hie und da ein fieberiges, feuriges Flackern; fernes Alarmheulen ... Und hie und da ängstliches Zusammenrücken an den Tischen der Götter, Halbgötter, Rentner, Parasiten und anderer Heiligen:

„Der Berg ... der Berg ... wehe ... Kommt er nicht doch eines Tages über uns ...“

Aber die ganze Welt ist mit Fatalismen vollgepfropft. Alles, was da ist, ist im molkig getrübten Bewußtsein der Mehrzahl der Menschen heute noch vernünftig und muß eben so sein, der Pfaffe, der Gerichtsherr, der Mehrwerts-Vampir, der Journalist: das alles hängt zusammen an unsichtbaren Fäden und zappelt sich herum im Weltraum im Auftrag jenes großen grandiosen Ueberirdischen ...

Hah! Und die papierene Sintflut schwemmt befehlsgemäß heran!

Tausende von Laboratorien fabrizieren das so beliebte Volks-Opium: Aberglauben, Kulturdünkel, Verstocktheit ... Immer wieder und immer von neuem wieder wird erfolgreich das Preisrätsel gelöst: wie erhalte ich am besten die Massen der Ausgebeuteten in Abhängigkeit und Dummheit? ... Die Bücherfabriken rascheln, die Zeitungen flattern fröhlich wie winzige Papierdrachen von Hand zu Hand im Wind ... In wunderbaren Einbänden, mit herrlichen verlockenden Titeln geschmückt, auch sonst fein säuberlich aufgemacht, präsentieren die Menschenfänger ihre im Interesse der Massenverbreitung recht preiswert gehaltenen Köder ... Aestheten, Schriftsteller, Gelehrte hocken herum, gierig lauernd auf jeden Auftrag, gesellschaftstüchtige Heimarbeiter. Sie sind ordentlich elastisch geworden mit der Zeit, ihre geistigen Glieder zu Gummi gebogen, sie lernten es, sich rasch umzustellen ... Tempo! Das Geschäft verlangt es ... An solch originellen Charakteren hat es ja bekanntlich nie gefehlt. Und die Kultur muß dem Volk erhalten bleiben, koste es, was es wolle. Und der Heldentod ist schließlich nur auf dem Papier was wert, in Wirklichkeit keinen Pfifferling.

* * * * *

Die Kinomaschinen rattern.

Hopla, mein Freund, damit auch deine Augen nicht verhungern. Und ein strammer Militärmarsch „Ruck-zuck“ sorgt für den Ohrenschmaus.

Und die Männer der Regierung marschieren auf, liebe freundliche Herren, kein Zweifel. Wie schön und blendend neu gestärkt ist dem Herrn Präsidenten sein Frackhemd, wie ein Harnisch; und einen Blick tut er, einen Blick, sage ich Ihnen, aus der Tiefe seiner Seele in die Tiefe deiner Seele: akkurat wie durchschaun tut er einen ... Da gibt es sogar einen Wohltätigkeitstee, und die ausgemergelten dünnen Fingerchen einiger extra ausgesuchter Musterproletarierkinder zupfen an der Frau Minister herum: da ist alles Samt und Seide, Perlenkettlein und Brillantring ... Gottwohlgefällig rauscht dahin über das prima gebohnerte Parkett der Hermelinmantel ... Wessen Herz blüht da nicht über in Ehrfurcht und Bewunderung ... Und da nippt so eine Exzellenz an einer anderen mit einem Handkuß ... Und stehen da nicht, in holder Umarmung mit Unternehmern, Generälen und Bankpiraten aufgenommen, hoffähige Gewerkschaftsbeamte, wie aus dem Ei gepellte, tadelfrei geschnitzte und ebenholzschwarz mit neuen Paradefräcken anlackierte Männlein: sie, die letzten Endes glorreich immer wieder sich selbst begaunernden Schlaumeier! ... Ihre Rede: ein bedingungsloses zu allem Ja und Amen ... An Gründen hinterher, sogar überzeugenden, fehlt es bekanntlich ja nie, und sie kommen sogar, einem Eingeweihten zwar nicht gerade überraschend, ihren Unterdrückern zu Hilfe, wenn diese ausnahmsweise einmal in Verlegenheit geraten sind, und offerieren sich ihnen, lakaienhaft lächelnd, auf dem Präsentierteller.

Kanaillen –

Deutschland über alles –

Hurra! ...

Kein Zweifel: diese Herren wollen – das Wohl der Volksgemeinschaft scharf im treudeutschen Auge – alle nur das Beste.

Und da verschwindet eben so ein großer Schieber der Weltgeschichte, die Aktentasche mit genialen Spekulationsprojekten unter dem Arm, im Auto; vierzehn Stunden jeden Tag ist er zu Konferenzen unterwegs, und jetzt, spät schon über Mitternacht, noch mit einem ausländischen Vertreter eine Verhandlung –

Und hier der Reichstag: eine stürmische Sitzung zwar: aber wirklich nur ein ganz bösartiger kann da bei der Betrachtung dieser Ehrwürdigen, von Volkes Gnaden Gesalbten, auf den Gedanken kommen: Schafstall ... Das Schicksal des Volkes wird hier entschieden: darum, bist du katholisch: bekreuzige dich! ...

Blechmusik, Trommeln, Pauken, ein gellendes Trara – Bajonett aufgepflanzt! Andacht! Bravo, die Reichswehr! Prächtige Jungens, hieb- und stichfest ... Verwendbar zwar vorerst, aber das ist ja grad kein Nationalunglück, nur im Bürgerkrieg. Da kann man sich denn auch nicht wundern, daß die Sympathie breitester Volkskreise auf ihrer Seite ist, besonders, na besonders, wenn man den Kommunisten dort als Gegenstück betrachtet: unordentlich, die Hose in Fetzen, kein Hemd, nur ein blutbeflecktes Wollsweater, tief in seiner Kellerwohnung, wie er dort bei Kerzenlicht an seinem Schraubstock Handgranaten aus alten Konservenbüchsen fabriziert, und man außerdem noch gerade zufällig mitanzusehen freundlicherweise Gelegenheit nimmt, wie eben ein anderer Genosse mit gewichtiger Miene, durch eine Geheimfalltüre natürlich, eintritt, und ihm dann glückstrahlend eine Handvoll Cholerabazillen überreicht ... Nach dieser gewitterschwangeren Stimmung strahlt selbst der im Kreis seiner Opfer extra für das verehrte Publikum photographierte berühmte Massenmörder heiter wie ein Sommertag ...

Und nun noch zum Schluß:

Badeszene am Lido: bewimpelte Strandflächen, neueste Badetoiletten, blitzende Meerwellen – –

Alles blökt, grunzt, summt –

Auch die Begleitmusik schwellend-weich, ein gemütvolles Tonsofa –

Gottseidank!

Großes Welt-Wettschnarchen.

Es wird wieder behaglich ...

IV

Das „Jenseits“-Panorama

So beschaffen ist nun eben einmal die Welt:

Da sitzen sie also nach wie vor hoch oben auf dem Palmengarten des himmlischen Wolkenkratzers, von ihren eigenen parfümierten Ausdünstungen umfächelt: die Kaiser und die Könige, die Propheten und die Erzväter mit goldenen und mit elfenbeinernen Szeptern und mit anderen demagogischen Zauberstäben bewaffnet, und um sie herum, vielfach in sich gestapelt, die Geschlechter der Menschheitshyänen, der gottwohlgefälligen Menschheitsgeißeln und Zuchtruten: Finanzoligarchen, je nach den Extraprofiten der Rang, Admirale, Minister, Generale, in blendenden, ordensüberklirrten Uniformen, Federbusch, Zylinder, Stahlhelm, und die violett vom Ewigkeitsatem angehauchten Pfäfflein klappern, teils inbrünstig schielend, teils mürrisch geifernd ihre Gebete, und er, der Herr dieser aller, blinzelt und schmunzelt, und saugt, wohl ein wenig zu wollüstig schlürfend, die narkotischen Düfte des Weihrauchs ein und räkelt sich, daß der ewigkeitsschwangere Leib beinahe aus dem Leim kracht, auf seinem himmlischen Plüschsofa ... Die berühmtesten Medizinmänner Europas aber betreuen ihn. Naht mit einer Zeitenwende eine Ohnmacht dem Schöpfer der Welt: da läuten gellend und wimmernd die unsichtbaren Sturmglocken des Himmels, mit Strömen von wunderwirkendem Digitalis durchpumpt man das göttliche Herz ... So hatte er sich schon einigemale wieder erholt. Nach erfolgter Genesung huldigten ihm die Heerscharen bei der Himmelsparade. Die Antennen auf dem Himmelssanatorium wisperten. Radio-Glückwünsche rieselten herein ins Operationsprunkgemach aus allen Ecken der diesseitigen und jenseitigen Welt. Nie sangen so innig wie damals die Chöre der Heiligen das Halleluja, versammelt mitten im Raum auf einer schwebenden Plattform. Auch die purpurn glühende Abendwolke weinte vor Rührung. Es lächelten selig verzückt die Friedenspalmwedel und die in ihrer Einfalt kindisch naiv psalmenstammelnden Weihwasserpinsel. Delegierte erschienen zur Audienz aus allen Himmelsbetrieben –

Diplomaten rutschen heran auf herrlich gepolsterten Klubsesseln, die Oberengel spielen jetzt Skat, einer der im diesseitigen Jammertal erfolgreichsten Henker bereitet die allabendliche Fußwaschung.

Wieder ein Zug: Epauletten-Helden, die Dirigenten des Riesenflugzeugbombenwerfer-Orchesters, die Generalfeldmarschalle der Trusts, und preisgekrönt mit den Ordensauszeichnungen aller Erdteile, das größte Schmarotzergenie dieser Zeit. Konzern-Päpste. Kartell-Kardinäle. Syndikat-Kommandeure ...

Etwas abseits, die auserwählten Vertretungen der Arbeiteraristokraten und kleinbürgerlicher Emporkömmlinge, in leichtgeschürzten Batikgewändern, die Riesenplattfüße in blumenbestickten Wollpantoffeln, sie schmauchen blaudunstig die Ewigkeit an aus spiralig gewundenen Tabakspfeifen.

Hier ist der Boden schlüpfrig von lakaienhaftem Gesabber.

Sie krampfen sich noch jetzt hysterisch jauchzend zusammen bei der Erinnerung an die mancherlei unseligen Taten jener Abtrünnigen, Kommunisten geheißen, und sie versichern sich immer wieder gegenseitig, voll pathetischen Ernstes, Sprechchor gegen Sprechchor:

„Wir sind doch allzumal zahme Haustiere ...“

Ein donnerähnliches Geblöke erfüllt in dieser Gegend des Paradieses die siebenmal siebentausendfach echoenden sphärischen Himmel.

Richter, mit den aus den Fetzen der Todesurteile bunt zusammengestückten Talaren; Korpsstudenten, die prominentesten Angehörigen der Studentengarden, jedem die Anzahl seiner Morde an der Arbeiterbevölkerung am Steiß aufnummeriert; berühmte Faschistenhäuptlinge, Polizeispitzel und Meuchelmörder. Hier auch Naturapostel und jene sonderbaren Heiligen, die die Ankunft des jüngsten Tages auf Erden predigten, die prophezeien und weissagen konnten aus ihren Exkrementen.

Da –

Wie Heuschreckenschwärme ... Ein schwarzes Flügelschlagen: so stürzt es sich heraus aus dem goldenen Lichtloch der Ewigkeit ...

Und die Maitressen der Reichen und Uebersatten schweben vorüber, in der neuesten Mode, pedikürt, manikürt, ein jedes Zeitalter, ein jedes Land strömt seinen besonderen, gottlobpreisenden Wohlgeruch ... Tipptopp. Totschick. Geschminkt, gesalbt, gepudert. Die Haare frisiert wie Stukkatur. Fressen in die modrig duftenden Fratzen linienscharf hineinziseliert ...

Maler aller Zeiten haben ihnen leuchtende Glorienkringel aufgemalt, auf die Hinterbacken Sprüche tätowiert. Schenkel aus Brokat, fließende Gebeine; Dicke wie zentnerschwere Fleischsäcke, Spindeldürre wie Drahtfigürchen, bunte Kreuzchen statt der Brustwarzen ...

Da verstummen augenblicks die heiligen Reden und die Gespräche und die Gesänge – alles strömt herab von den Tribünen und eilt nach den Marmordampfbädern und Massagezellen, Knutsch-Dielen und Lustgemächern – und der gesamte überirdische Chor ist ein einziges wollüstiges Zungenschnalzen. Aller Nasenflügel schnuppern ...

Halleluja!

Andere Choräle tönen schon an, von Jazzband und Niggertrommeln begleitet, mit absonderlichen Zynismen und Zoten vermischt ...

Der Blick von unten

Und tief unten die Völker der Bauern und die Völker der Arbeiter, im Schweiß ihres Angesichts vollbringen sie ihr Tagwerk: zur Ehre Gottes, zur Ehre der Menschheit, zur Ehre ihres Vaterlandes ... Brot, Fleisch, alle Nahrung, alle Kleidung: das alles hebt aufwärts sich wie auf automatischen Fahrstühlen, dort breitet sichs aus in den Kammern der Vornehmen, in den Küchen der Reichen – und ach, was vom Tische des Herrn abfällt: es ist ein dürftiger, ein nur allzu dürftiger Brosamen ... Ach, und sieh doch: gibts nicht unter den Christen so viele Wohltäter der Menschheit, sie gründen Kinderbewahranstalten und Sparkassen-Bibelvereine und veranstalten so seelenstärkende Gefallenenfeiern und Heldengedenkfeste, Stierkämpfe und Boxkämpfe, Fußballmeetings und Baseballwettspiele, Tennisturniere, Autowettfahrten, internationale Pferderennen, und lassen Messen lesen zum Besten der noch kümmerlich Lebenden und zum Heil der Seelen der glücklicherweise schon Verstorbenen, und auch die Kirche, die alleinseligmachende, sie hat ihr Teil daran, Sündenablaß gibts, Generalabsolution, richtig deine kümmernisbeladene Seele auskotzen kannst du bei der Beichte, und wenn du nur schön brav wedelst, hie und da auch mal Almosen; Museen werden gebaut, mit den farbenprächtigsten Gemälden darin, Eintritt frei, Bibliotheken eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in Saffian, Bibeln auf Zanderbütten und solche billig wie ein Ei zum täglichen Hausgebrauch ... Und Gefängnisse sind da für die Atheisten und Uebeltäter und ganz natürlicherweise für alle die, die der himmlischen Weltordnung sich einfach nicht fügen wollen, und eine moderne elektrische Hinrichtungsmaschine; unterirdisch, schön unsichtbar sind dran die Kabel, und bequem mit Leder gepolstert Arm- und Rückenlehne, beinahe wie ein gotischer Großväterstuhl: das aber nur für die Ewig-Rückfälligen oder völlig Unbekehrbaren; denn Strafe, Buße und Abschreckung bei humanem Strafvollzug zwar muß sein; Ruhe und Ordnung: so will es der Allerhöchste Gerechtsame, wie es geschrieben steht im Buch, Seite X, Seite Z bis Y, und auch der Soldat tut in diesem wunderlichen Weltwerk seine Pflicht: ihm ist das kalte Eisen in die Hand gegeben, er soll es führen ohne Scheu, er soll dem Feind das Bajonett zwischen die Rippen rennen, er soll sein Gewehr auf ihre Schädel schmettern, das ist sein heiliger Beruf, das ist sein Gottesdienst.

Und so ist demnach es unausbleiblich:

„Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, die Massengräber der Tiefe stinken sein Lob, überall, allüberall ist eitel Glück und Friede und Freude und Segen, und auch die Erde trieft vor Wonne, ist voll davon.“

Das ist das Werk der Schöpfung.

Und siehe da:

Wie wir gesehen haben und wie wir es an uns erlebt haben, Tag für Tag:

Es war gut, nur allzu gut so. –

V

Der Ausweg aus diesem Menschheits-Irrgarten!?

Breit und wunderbar eben angelegt, asphalt-glatt, mit Phrasen von Menschheitstum gepolstert, mit allen Bürgertugenden gepflastert, auf Viadukten über die abgründigsten aller Abgründe scheinbar schwebend gespannt, oft mit bengalischen Fackeln phantastisch, märchenhaft erleuchtet: das ist der Weg, der immer tiefer, gleichsam zwangshaft hineinführt ins Labyrinth, ins völlig Ausweglose.

Offizielle Wegweiser sind angebracht, wie:

„Hier Rettung aus der Not!“

„Der richtige Weg!“

„Pfad der Hoffnung!“

„Hier: Weg des Fingerzeigs Gottes aus dem Tal der Verdammnis!“

Auch antike, togaumhüllte Göttergestalten sind links und rechts, diesem heiteren Lebenskorso entlang aufgestellt, bronzene Reiterdenkmäler, Siegessäulen, marmorne Kriegergedächtnishallen, und feierlich bewegen sich daher, auf hohen Kothurnen stelzend, die Heldengestalten der vergangenen Geschichte, berühmte Sprüche orakelnd, manche mit Dreispitz oder in Ritterrüstung, Friedrich der Große, der Große Kurfürst.

„Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“

Oder:

„Wenn auf unseren verödeten Exerzierplätzen wieder die Schritte preußischer Grenadiere hallen, dann gehts mit uns aufwärts!“

Auch für Musik ist auf dieser Wanderung hinreichend gesorgt, für Tanz, für Poesie, für Bildung. In den kargen Ruhestunden wirst du ausgiebig mit den erhabensten Gedanken gratis gefüttert, Denk-Automaten schnurren, es wird für dich gedacht, auf diese Weise wird ein schreckliches Unglück verhütet, nämlich: daß du selbst zu denken etwa gezwungen wirst. Und würde solch ein Unglück unvorhergesehenerweise gar massenhaft auftreten, keine Epidemie käme dem an Gemeingefährlichkeit gleich, es wäre das Chaos, so ein Zustand wäre für die moderne Gesellschaft unertragbar. So schmilzt auch die Stimme des berühmten Professors der Gesellschaftskunde herab vom staatlichen Universitätskatheder: „Klassenversöhnung! Volksgemeinschaft! Rückkehr zum Gottesglauben!“ ... Oder ein anderer, seine Brust wölbt sich unter einem Taifun von sogenannter Vaterlandsbegeisterung: „Der heiligste Beruf der deutschen Arbeiterklasse ist, die deutsche Wirtschaft für alle Verluste, die sie im Weltkrieg erlitten hat, schadlos zu halten ...“ Und flugs werden Menschenleben und verlorene Landstriche in Arbeitsstunden umgerechnet, die der deutsche Kuli nun als Ueberstunden hereinzuschuften hat ... Und die ganze Luft ist erfüllt wie bei einer mittelalterlichen Hexenorgie mit Idealen, Idolen, Phantomen.

* * * * *

Das also ist ein eiliges Gekrabbel mit zugehaltenen Ohren, verkleisterten Augen, verkniffenen Mündern; kopfüber drängt und zwängt sich alles, einer schiebt den andern, rücksichtslos gebraucht man den mit einem Eisenstachel noch besonders wirksam bewaffneten Ellenbogen, und alles mischt sich freudig erregt hinein in die Verwesung; alles maskiert, es ist wie bei einem Karneval; alles wird breiig, verschwommen, die Umrisse enträndern sich, nun fliegen die Menschen dahin als Schemen, nebelhaft, mit Fangarmen, künstlichen Rüsseln, unnatürlich sich überwuchernden Gebissen, vergespenstert: mit Scheuklappen vor den links und rechts sich ruckhaft-mechanisch aufgipfelnden Schädelpyramiden: ein Staatsmann zeigt einen neuen Bluff, alle klatschten hypnotisiert ekstatischen Beifall, „spontan“, „frenetisch“ wie es im Zeitungsbericht heißt, durch einen Gaunertrick zeugt man unter geheimnisvollen Beschwörungsformeln ein neues polypenartiges Gebilde, den Völkerbund; da heben plötzlich alle die Sektgläser, kreischen „Prost Neujahr!“ fallen sich gegenseitig in die Arme vor Entzücken, würgen sich und beißen sich aber gleich darauf die Gurgeln durch, und die Glocken läuten dazu noch ganz ernsthaft „Friede auf Erden!“ Sektierer aller Arten nun schwärmen heran, spleenige Käuze, Prediger, von denen ein jeder eigensinnigst darauf erpicht ist, auf seine nur ihm allein eigene und geschäftstüchtig natürlich patentierte, höchst originelle Weise in den Untergang zu stolpern; Pazifisten, mit Palmenschweifen wedelnd, auf allen Vieren hopsend vor dem von ihnen mitgetragenen imaginären Standbild des von ihnen nie zu verwirklichenden Weltfriedens; geschäftig verhandeln sie unter sich die gegen jedes Blutbad garantiert imprägnierten Schutzmäntel ... O Prozession des Todes! ... Und Strenggläubige noch, den Bedürfnissen eines modernen Zeitalters nicht unbegabt angepaßt: auf fahrenden, in einem eindrucksvollen Hundertkilometertempo angleitenden, elektrisch betriebenen Betstühlen ... Lachsalven: ein irrsinniges Grinsen ... Und das alles mit „Hoppsassa! Heisassa!“ immer tiefer hinein in einen riesigen Pfuhl, mit blut- und kottriefenden Masken.

* * * * *

Mit Gebälken, Barrikaden und Schranken aller Art aber verrammelt ist der Weg, der aus dieser Marter-Höhle herausführt.

Mit Stacheldrahtverhauen von den Herrn dieser Erde abgesperrt, unterminiert, durchtupft mit Wolfsgruben, von Schützengräben durchquert, von Schlingen und Fallen umstellt, und mit einer Riesenwarnungstafel gütigst versehen:

„Wer weitergeht, wird erschossen!“

Polizeitruppen, schweißtriefend, rasen in Lastwagen auf und nieder, angaloppieren schneidig die berittenen Hundertschaften „zur besonderen Verwendung“, die Gummiknüppel flitzen, Säbelschneiden ziehen durch, die Gewehrkolbenschläge dröhnen dumpf, Bajonettspitzen zucken, Schüsse knacken ... und Panzerwagen, aus allen Luken beinahe lautlos Feuer speiend, kriechen wie stahlhäutige Riesenkäfer hervor aus den zu Forts ausgebauten Regierungsvierteln. Gasgranaten, Bomben; Maschinengewehre knattern oben aus Flugzeugen.

Haufen Erschossener.

Haufen lebenslänglich in Zuchthäusern an die Mauern Geketteter.

Millionen: das Lebensmark ausgesogen von übermenschlichen Entsagungen.

Ein Haufen zum Tode Verurteilter: wie groß und unendlich ruhig stehen sie an der Wand –

Millionen namenloser Märtyrer:

Und sie halten sich unverrückbar im Herzen eines jeden Lebenden fest, im Kampf den Kämpfern ein gerades Richtzeichen.

* * * * *

Und aufrecht schreitet diesen Weg trotzdem und trotz alledem ein Zug: rußgeschwärzte Gestalten, beinahe nackt, singend, unter einer großen roten Wolke als Fahne ...

Ihre Schritte klirren, klirren wie Hämmer im Takt ...

Kein Schönredner ist da, der die Gehirne dieser Männer auslaugt mit Schwatz und mit Flausen ...

Rhythmisch, hart schwingend, als ob die Straße selbst marschiert, ist es. Die Lebendigkeit, das Leben, die Erde, die Welt selbst ist hier in Bewegung; die Erdkugel rollt, das Sonnenfeuer dreht sich, das Firmament zieht glanzstark auf und nieder, die ganze Natur, alle Kreatur: alles marschiert, alles singt hier, triumphierend und kühn, das:

„Vorwärts!“

* * * * *

Ein Kommando ertönt.

Ist es der Sturm selbst, der menschliche Sprache gewonnen hat; das Meer, das aufgewühlte Meer, das schreit, schreit und tief hinten am Horizont hochpeitscht, der in Millionen Flammensplitter zerspringt!?

Ein Kommando –

Stürzen die Gräber herauf, stülpt sich der Weltraum wie ein sphärische Glasglocke um ... und die Pflastersteine würfelts dahin wie kantige Granitschädel – – –

Wie Lehm ist die Haut des Menschen, alles Blut zieht sich bis ins Innerste des Herz-Kerns zurück – – –

Und die Arme renkt es weit aus dem Körper hervor, die Fäuste hängen schon wie rotierende Eisenkugeln dran an den muskelschwellenden Gelenken ...

Ein Kommando –

Und widerhallen die Stimmen der Wurzeln in der Tiefe ...

– – –

Und dies Kommandowort, das die Geschichte den werktätigen Massen aller Länder zuruft, heißt:

Klassenkrieg! –

VI

Keiner ist so blind, daß er letzten Endes nicht doch noch sehend werden könnte. Auch die Verblendetsten sind nicht verloren.

Die gepanzerte Faust der Geschichte meißelt auch die verstocktesten Schädel noch auf.

Auch hier rinnen, über und über verschüttet, Quellen unheimlicher Rache, Quellen lebensspendender Kraft.

Ein magnetischer Streif donnert dahin der Rote Strom.

Wenn er durch die Städte treibt: die Städte brechen auf, die Fabriken ziehen mit, die Werften hämmern sich herein, die Schiffssirenen aufruhrtrillern, die Krane neigen sich, die Ufer bröckeln: der Strom, der Strom: uferlos, immer uferloser wird er ...

Was ist dieser Strom anderes als befreiungsschmetternd aus den alten Welträumen sich ergießendes, alle Dämme niederreißendes, jahrtausendelang gemartertes Herzblut!?

– – –

Schlag um Schlag in ihr Angesicht:

Auch die Kleinbürger werden eines Tages noch gezwungen werden, ihrem Feind ins Auge zu sehen.

Herunter mit den Scheuklappen, aus ists mit dem Sichherumdrücken, Schluß mit jedem Dem-Kampf-Ausweichen, Farbe bekennen heißt es, Brust an Brust, Brust an Brust gekettet: so beginnt auch hier das Ringen um die Entscheidung ...

Langsam, zögernd, mißtrauisch rücken die Kleinbürger in die proletarische Front ein: mancher auch im letzten Augenblick noch bereit, seine Kameraden, seine Mitkämpfer, sich selbst zu verraten.

Aber die Erde kracht, die Risse reißen immer tiefer sich ein, und sie, die Erde, sie ist mit keiner noch so ausgeklügelten Phrase auf die Dauer mehr ganz zu leimen.

Der Kleinbürger kann sich vorerst sein Vaterland bis in alle Ewigkeit hinein nur schwarzweißrot vorstellen.

Es wird nicht schwarzweißrot sein.

Es wird nicht schwarzrotgold sein.

Es wird rot sein.

Die Kleinbürger täten klug daran, sich beizeiten damit abzufinden.

– – –

Die Welt wird unser sein. –

VII

Klassenkrieg –

Ich habe nicht ein Jahr, nicht zwei, nicht drei Jahre – ich habe zehn Jahre lang gebraucht, um dieses Wort auszusprechen.

Von Angesicht zu Angesicht habe ich dieses Wort geschaut; ich war allein mit ihm, so allein, wie nur ein Mensch mit sich selbst sein kann ...