(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 19
Das „Neue Leben“. – Wie es im Himmel aussieht! Und auf Erden?! – Gespensterlandschaft. – Vom einzig gerechten Krieg. – Im Anfang war die Arbeit. – Fleisch. Blut. Knochen. – Denen, die in Ketten träumen. – Roter Marsch. – Gesang der Welteroberer.
Wir lassen hier die Aufzeichnungen folgen, die Genosse Peter Friedjung uns hinterlassen hat.
I
Im Anfang war die Arbeit
„Es sind nun schon einige Jahre her, daß ich das bürgerliche Leben verließ, in dem ich bisher, wenn vielleicht auch absonderlich und phantastisch, lebte. Daß eine Brücke nach der anderen ich hinter mir abbrach, bis endlich auch die Konturen dieses alten Lebens immer mehr schwanden, ich auf der neuen Erde Tag für Tag fester Fuß faßte, neue Menschen fand, neue Kameraden gewann, und ich mit meinem Vorleben, das ja auch nur ein bescheidenes Plätzchen innerhalb der allgemeinen bürgerlichen Verworfenheit darstellte, mich nurmehr dergestalt beschäftigte: den eisklaren revolutionären Vernichtungsplan im Gehirn; konkreten Willens, exakt und zweckmäßig gearbeitet wie ein modernes Brechwerkzeug; ein unerschütterliches Bollwerk von Haß gegen jede Form von Menschenausbeutung im Herzen; die Waffe in der Hand.
Die Realität dieses vergangenen Lebens ist notwendigerweise eine gespenstische.
Dieses Abschiednehmen, dieses Zurückweichen der Uferlinie mag, wie mir bekannt ist, am besten, wenn auch auf typisch kleinbürgerliche und idyllische Art und Weise, seinen Ausdruck gefunden haben in jenen Worten aus Strindbergs „Entzweit“ wo es am Schluß heißt:
„Und so fuhr er wieder in die Welt hinaus. Als der Dampfer an dem schönen Herbstabend sich den Strom hinaufarbeitete, sah er noch einmal das Häuschen, dessen Fenster jetzt leuchteten. Alles Böse und Häßliche, das er dort gesehen hatte, war jetzt verschwunden; er empfand kaum eine flüchtige Freude, diesem Gefängnis, in dem er so unerhört gelitten hatte, entronnen zu sein. Nur Gefühle der Dankbarkeit und der Wehmut ergriffen ihn. Einen Augenblick zog das Band, das ihn an Weib und Kind fesselte, so stark an, daß er sich ins Wasser stürzen wollte. Dann aber drehten die Schaufelräder den Dampfer einige Male kräftig vorwärts, das Band dehnte sich, streckte sich – und riß.“
Und riß! –
* * * * *
Nun zeichne ich hier die Kurve dieses Wegs der Ablösung auf, einer Kurve, die oft einer Fieberkurve gleicht.
* * * * *
Zuchthausmauern, Hinrichtungen, Verfolgungen, Leichenhaufen, lohnend bezahlter Meuchelmord: das ist die Landschaft, durch die dich der Weg auf seiner neuen Richtung, die er genommen, hindurchführt. Dein Schritt ist nicht mehr eines Einzelnen Schritt, du schreitest im Gleichtakt, du schreitest ihn als Kampfkolonne.
Hinter dir, weit hinter dir der andere Teil der Menschheit auf seinem verlorenen Posten, überwuchert von seinem eigenen Pesthauch wie von Giftschwaden; rache-fletschend, geifernd, verleumdend, zu jeder Untat und Gemeinheit allzeit bereit: die Profitrate sinkt – ein panisches Gezeter: und nun lassen sie hervorstürzen aus den Zwingkäfigen ihrer Kasernen, sie, die schöngeistigen Ruhmredner auf Kultur und Zivilisation, schlimmer als Hunnenhorden, die von ihnen im Namen des Vaterlandes gedungenen Söldnertruppen und die Garden der Streikbrecher, von Arbeiterverrätern und bornierten Gewerkschaftsvertretern kommandiert; Studenten- und Freiwilligenbataillone, durch deklassierte Offiziere, abenteuer-lüsterne Professoren und Pfaffen auf Arbeitermasscacres abgerichtet.
Polizeirock, Windjacke, Uniformfetzen stürzt sich auf Arbeitskittel:
„Jib ihm Saures!“
Oder:
„Komm mit! Kusch dich! Oder sonst beißt sich was –“
Und das letzte Stadium des Martyriums des blutdurchtränkten Arbeitskittels beginnt: endend mit jahrelangen Zuchthausstrafen oder „An die Wand“, und angefangen mit ausgeschlagenen Zähnen, ausgerissenen Augen und Rippenbrüchen schon bei der Verhaftung, auf dem Transport oder auf der Wachtstube. –
* * * * *
Auseinanderfallen der Weltwirtschaft. Unfähigkeit des Kapitalismus, irgend eines der großen internationalen Probleme zu lösen. Valuta-Chaos. Unlösbarkeit der Reparationsfrage. Verschärfte Krisenperiode. Einengung des Weltmarkts. Uneinheitlichkeit der Konjunktur. Unerträgliche Spannung zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften. –
Aber nur neue Terror-Akte gegenüber der werktätigen Bevölkerung produzierten diese Tatsachen, und, maskiert durch die Kulisse einer pazifistischen Aera, häuften sich allenthalb die Explosivstoffe. Unter unsäglichen Leiden und Opfern der von den Produktionsmitteln künstlich Abgetrennten, der die Fundamente der Gesellschaft mittels des lebendigen Kitts ihres Herzbluts, ihres Schweißes, ihrer Tränen gerade noch notdürftig Zusammenhaltenden: arbeitete in allen Fugen krachend weiter der altmodische und an den wichtigsten Stellen schon völlig unbrauchbar gewordene Welt-Mechanismus.
Der ganze Apparat taugt eben nichts mehr, funktioniert nicht mehr, kommt nicht in Schwung ...
Auch die Kolonialvölker hatten zugelernt, rebellierten.
Jeder, auch im entlegensten Weltwinkel, hatte allmählich eine genügend hinreichende Dosis Erfahrung geschluckt.
Unentwirrbar das Riesenknäuel der machtpolitischen Probleme –
Und die internationale Bourgeoisie bereitete trotz Völkerbund und gegenteiliger scheinheiliger Versicherungen bereits in ihren Flugzeugwerkstätten und chemischen Giftgasversuchslaboratorien einen großartigen Start vor zu neuen imperialistischen Weltkriegen.
Immer wieder von neuem dazwischen heftige elementare Ausbrüche ihrer inneren unüberwindbaren Interessengegensätze ...
Auch kamen die aufgewecktesten Teile des Proletariats endlich dahinter, wie höllisch-friedlich in Wahrheit so ein imperialistischer Frieden war.
Recht energisch knurrten schon ihre Reihen:
„Mißtrauen! Mißtrauen der menschenfressenden Kanaille gegenüber bis zum Aeußersten!“
Und:
„Ein Narr, wer Tigern predigt Pflanzenkost!“
„Euer herrlicher Frieden: eine Fortsetzung eures glorreichen Kriegs wohl, mit anderen Mitteln, was!?“
„Und wenn es schon einen „trockenen Putsch“ gibt, warum soll es nicht auch einen „trockenen Krieg“ geben?“
* * * * *
Wahre Volksschlächter- und Massenhenkernaturen entstanden auf diesem, von Fäulniskeimen durch und durch unterminierten Boden.
Professionelle Sadisten im Dienst der politischen Polizei, Gewohnheitsverbrecher, Verräter, Denunzianten, Attentäter, lebendige Marterinstrumente, menschliche Folterbestien, Lockspitzel, geriebene Erpresser: das marschierte wie ein Heer auf, verschlang, ein parasitäres Geschwür mörderisch durchseuchend den ganzen Volkskörper, Unsummen vom Staatshaushalt; denn diese, teils aus Unzurechnungsfähigen, teils aus Menschendreck rekrutierte Geheimarmee wollte eben auch gut bürgerlich leben und zählte nach Hunderttausenden.
„Mit Stumpf und Stiel ausrotten ...“
Dieser Plan gegenüber dem klassenbewußten revolutionären Proletariat aller Länder kristallisierte sich also im Lager der zu einem eisern-gelenkigen Abwehrblock zusammengeschweißten, mit den raffiniertesten Großkampfmitteln ausgerüsteten internationalen Welt-Bourgeoisie immer deutlicher. Ob mit Hilfe des Faschismus oder mit Hilfe der Sozialdemokratie, d. h. mittels einer sogenannten „Arbeiterregierung“, ob offen, brutal oder ob pazifistisch, demokratisch, illusionistisch: das war eine reine Taktikfrage, und man war sich einig darüber drüben: das wird den verschiedenen Zeitumständen und Kräfteverhältnissen entsprechend abwechselnd, je nachdem, einmal so und einmal so, gehandhabt.
Welt-Mobilisation.
Front gegen Front.
Es riß durch –
Und es riß durch bis auf die Sprachverbindung hinab, bis hinab auf die gleiche Erlebnismöglichkeit:
Front gegen Front heißt: Sprache gegen Sprache, Gefühlsausdruck gegen Gefühlsausdruck, heißt Denkart gegen Denkart, heißt Anschauungsform gegen Anschauungsform, heißt Weltbild gegen Weltbild.
Denn eingetreten schon waren wir in das Zeitalter der alle Erdteile umspannenden, der die Welt-Zukunft entscheidenden Riesenklassenschlacht. Die Klassenkräfte gruppieren sich, die Klassenkräfte manövrieren gegeneinander –
Druck und Gegendruck –
Und gewaltig drückte herein das Rote Rußland, ein Einhundertundfünfzig-Millionen-Volk; einhundertundfünfzig Millionen, Arbeiter- und Bauernmassen, warfen sich jetzt, ein drückendes Gewicht, in die Wagschale; Rote Erde, ein Sechstel des Erdteils ... Und dahinter die aus dem Bann jahrtausendelanger Knechtschaft erwachenden, zu Meeren aus Schmelzglut verwandelten Völker des Ostens ...
Der Zeiger rückt vor in das letzte Viertel auf dem Ziffernblatt des Menschheitsmanometers. Die Alarmpfeifen an den Sicherheitsventilen trillern. Die Stahlhäute schwitzen. Der Augenblick der Sprengung ist nah! Die Stahlhäute werden rissig, beulen sich aus, dehnen, zerren, biegen sich – – –
Mit ewigkeitstriefenden Lippen beschwören zwar noch ihre imaginären, verschiedenartig uniformierten Götter die Fetischgläubigen, das gerechte, ja nur allzu gerechte Verdammnisurteil der lebendigen Geschichte von den Häuptern der heute Herrschenden gnädiglichst abzuwenden: immer eindringlicher aber, selbst bis in die letzte unscheinbarste geringste Alltäglichkeit hinein, kündigt sich an die gewitterschwangere Atmosphäre einer End-Phase. –
* * * * *
Wie je nur einer, so habe auch ich vormals begeisterungsinnig genug verehrt sie alle, die Meisterwerke euerer Dichtung, euerer Malerei, euerer Musik, euerer Plastik; ich selbst war einer jener „Verklärer“, jener Ekstatiker der Apotheose des „Abgrunds“; durchgeforscht habe ich mich durch alle Gefühlswildnisse und weisheits-süchtig mich durchgedacht durch die Labyrinthe eueres an Komplizierungen und Kombinationen so berauschend reichen, ja überreichen Denkens, durch alle scheinbar so lückenlos gefügten philosophischen Systeme hindurch, grausam-offen sprechende Zeugnisse des von euch zwangshaft nie und nimmer zu lösenden Widerspruchs. Kindlich staunend aufgeblickt habe ich zu den siebenmalsiebentausend Wundern euerer Maschinentechnik, euerer genialen Organisationskunst, zu der, wie ihr gern wahrhaben möchtet, metaphysisch-einheitlichen Geordnetheit eueres Weltbilds – – – aber ich habe den Blutsumpf auch mit eigenen Augen gesehen, auf dem euere Kultur erbaut ist, und ich habe den selbstverständlichen Mut geschöpft daraus, sie, und dadurch vor allem auch das, was in meinem eigenen Dasein damit zusammenhängt, rücksichtslos durch die Tat zu verneinen.
II
Man kann einem Menschen nicht zum Vorwurf machen, daß er in der bürgerlichen Gesellschaft gelebt hat. –
Der eine: zerfetzt, den Körper mit Wunden bedeckt – kämpft sich durch. Ob er den Uebergang gewinnt!? Und dann, ob er nach diesem gewaltsamen, oft mit Gehirnzerrüttung und Gesundheitsschädigung erkauften Durchbruch noch soviel an lebendiger Kraft erübrigt hat, um auf der Kampffront der werktätigen Millionenmassen seinen Mann zu stellen: vorn, in der offenen Feuerlinie, im Nahgefecht, bei der täglichen Kleinarbeit!? Denn das „Neue Leben“, die Revolution, sie erfordert dich ganz. Sie verlangt unerbittlich eine unendliche Fülle von exaktem Wissensmaterial von dir; sprunghafte Kühnheit zugleich und zweckhafte Fähigkeit ... Heroisch zu sein in den heroischen Momenten der Geschichte ist leicht. Aber von nun an heißt es: Spanne dich! – und wenn auch nur ein erbärmlicher sozialdemokratischer Gewerkschaftsbürokrat die Scheibe ist – auch dahinter leuchtet das große erhabene Ziel: auch da mußt du dich hindurchschießen!
Ob man die Möglichkeit der Gedankenvereinfachung noch hat!? Die Möglichkeit des Sichinbeziehungsetzens mit dem Ausdrucksorgan der Ausgebeuteten, der eine andere Sprache spricht als die deine ist, die aber auch von nun an die deine werden wird. Ob du dich damit bescheiden kannst, zu lernen, weiter nichts als zu lernen, dich durch die asketisch-strenge Schule der Partei hindurchzukneten, ein Lernender zu sein, nichts weniger und nichts mehr als nur ein Lernender ... Rücksichtslos alle deine bürgerlichen individualistischen Exzesse aus dir auszuschneiden ... Um eines Tages durch deine Arbeit dein neues Heimatrecht dir zu erobern: vom Proletariat als seinesgleichen adoptiert zu werden ...
* * * * *
Das Gehirn in jenem „Alten Leben“ wird abstrakt, wie eine Windblase, und entfernt sich, irrsinnig phosphoreszierend, ins Zeit- und Raumlose. Du schwelgst zwar in einem gewaltigen Pathos, aber es ist jenes berüchtigte romantische Pathos der Distanz, das Pathos vom Wissen des Niejeverwirklichenkönnens, das Pathos der hoffnungslosen Unüberbrückbarkeit zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll.
Andere geifern sich darüber hinweg mit Zynismen.
Es ist ein und dasselbe. –
* * * * *
Ob man sich selbst herunterholen kann!?
Herunter bis auf diese naheste aller Erdnähen, bis zu diesem festen granitenen fundamentalen Grund: Klassenkampf, Klassensolidarität, Parteidisziplin, Parteiehre!? Darnach, nachdem das ganze Dasein ausgelaugt von der bürgerlichen Gifthölle ist oder millionenscherbig zersplittert! Und man sich mühselig von neuem wieder zusammenklauben muß! ... Dreivierteln seines Menschendaseins den Todesstoß versetzen muß, um mit dem übriggebliebenen, ach so spärlichen Restviertel von vorne, ganz von vorne zu beginnen!? ...
* * * * *
Nun, ich habe viele kennen gelernt, die auf diesem Wege gefallen sind, zu etwas Besserem geboren als zu farblosem Verzicht und ruhmlosem Opfertum: freiheits-fanatische, prächtige, an allem Wahren und Schönen entzündbare und alle Menschen rings um sich mitentzündende, gemeinschaftssüchtige Menschen; Menschen, in ihrer Jugend wie Kraterberge, mit explosiver Lava angefüllt, rissig rings von einem ununterbrochenen ekstatischen Bersten; Jahr für Jahr aber mehr und immer mehr abglühend bis zu einem wandelnden Aschenhaufen, durchdunkelt von unheilbarer Schwermut. Manche von ihnen schüttelten sich in dem ihnen von der Gesellschaft angeborenen brennenden Kettengewand oft rasend wie Berserker. Sie waren allesamt wissend, zum mindesten aber ahnend, und in Gesprächen gelegentlich oder in einem hingezuckten Blick verrieten sie ihr Geheimnis.
Wie lautete ihr Geheimnis?
Einfach:
„Die Lebenskraft reicht uns eben nicht mehr hin, herüber, herauf über den Rand zu kommen. Man bleibt hilflos, einsam hängen wie in einem ungeheuren Rauchfang im Weltabgrund ... Man läßt los. Ein Traum, ein violetter vielleicht, wenn Sie wollen, von einem seligen, vergessenheitstrunkenen Absturz. Fratzenhaft das alles, grimmassierend ... Ein elektrischer Einstich jeder Sternblick. Alles Leben ist gläsernes Schweben ... Ueber metallisch fließende Traumsteppen hin uferloses Tonwehen ... Die Atmosphäre, die Atmosphäre, die ist es ... Sie ist zwangshaft ... Ein unheimlich unsichtbarer, mörderischer Fetisch ... Unentrinnbar umklammert von einer mystischen Gefühls- und Denkzange: ein mystischer Terror: man – kann nicht mehr.“
Solchen kann man wirklich nicht zurufen:
„Nur Mut!“
Das ist das völlige Abgekämpftsein, ein Bruchton aus der Symphonie des bürgerlichen Klassensterbens, das in seltsamen Klangkombinationen hinschmelzende Finale der physiologischen Gebrochenheit.
Ihr Welt-Rätsel!? Ihres Welträtsels Unergründbarkeit!?
Sie fanden nicht mehr den Anschluß an die allein rettende, an die alleinig heilende Realität dieser Erde, an die einzig die Menschheitserlösung erkämpfende Macht dieser Erde, an das Proletariat, an die Kampftruppe der Zukunft – und so würgten sie sich selbst ab unter metaphysisch-grotesken, oft harlekinhaften Todesgesten im Luftleeren.
Mit welchem Aufwand an Sentimentalität, Zärtlichkeit, Andacht bauten sie sich aus in dem auf dem Boden des Nichts errichteten Elfenbeinturm ihrer Individualität für jede Laune, für jede Absonderlichkeit ein eigenes Wohngemach; ganze Appartements darin für treibhausdünstiges „Höhenleben“ –: bis eines Tages dieses künstlich aufgeführte Gebäude schwankte und zu dem zusammenstürzte, was es war: zu einem Häufchen von Daseinsmoder, Lebensekel und verworrener, ihrer blendenden Umschalung entkleideten Weltlüge.
Sie endeten alle mit Selbstmord, ob sie nun Hand an sich legten oder nicht.
Auch ihr Wahnsinn war Selbstmord.
Man kann sie nicht verurteilen, man kann sich nicht zum Richter aufwerfen über sie.
Hier gibt es nur das eine:
„Es ist schade, jammerschade.“
Ueber alle diese „Zu-kurz-Gesprungenen“ schreibe ich als Epilog:
Ich weiß, welches unausmeßbare Maß an Schmerzen ihr erlitten habt. Ich bin fähig und ich bin auch willens, sie mitzuleiden. Mancher von euch hat tapfer sich gewehrt; jahrelang, jahrzehntelang sich tapfer gewehrt, bevor er die Arme verschränkte oder die Hände faltete ... Wieviel, o wie unaussprechbar viel an unausgelebter Kameradschaftlichkeit, Herzensgüte, Menschenwärme, Lebensschwung ist mit euch dahingegangen! Legionen von Begabungen unbarmherzig erdrosselt! Ausgehungert irrtet herum ihr oft monate-, ja jahrelang; ausgehungert bis auf den nackten Knochen ... In diesem menschenschlächterischen, menschenunwürdigen Menschheitszustand: was wird nicht zum Spekulationsobjekt!? Euere Trauer, euere Not, euere Tränen, euere Verzweiflung, euer Angstschweiß, euer Verfolgungswahn, jede Pille der Bitternis, die ihr geschluckt habt, jede Art euerer Marter bis zum letzten Todesröcheln ... Das alles ... Und mehr noch ... Geduldet, gedacht, gefühlt, von Leidensstation zu Leidensstation gehetzt – für wen?! Warum?! Wozu?! ... Für nichts und wieder nichts! ... Hoch über der Sinnlosigkeit jeder Einzel-Existenz thront, weiter behäbig sich mästend, der Welt-Unsinn ... Nicht eine Sekunde lang währte sein ach so oft euch flammend versichertes Beileid! ... Dem Fresser dientet ihr nur dazu, sich mehr noch anzufressen; dem Geilen nur, sich von neuem aufzugeilen. Kein einziges seiner Massenopfer habt je ihr den Massenmördern abgerungen. Euere Waffen waren stumpf geworden mit der Zeit, ihr merktet es vielleicht selbst nicht, aber sie ritzten nurmehr ganz an der Oberfläche die wie zu einem Panzer geronnene Menschenhaut ... Da liegt ihr nun mit eueren gerupften Traumflügeln auf dem Abfallhaufen der Geschichte ... Wir haben es nicht nötig zu schwören: denn wir selbst sind gestaltgewordene Schwüre der Rache ... Aber die Geschlechter aller heute Herrschenden zusammengenommen: was ists mehr denn ein elendes Häuflein Menschendreck ...
Wir aber haben keine Zeit, euere Gräber auszugraben, keine Zeit, euch zu mumifizieren, keine Zeit weder zu einer Verklärung noch zu einer elegischen Gloriole ... Wir haben nur Zeit, uns zu rüsten, damit wir bereit sind, wenn es wieder soweit ist, diese barbarische Menschengesellschaft mit dem Bajonett zu sondieren. –
III
Der imperialistische Frieden war ein Krieg gegen das Proletariat. Und nicht nur gegen das Proletariat, sondern auch gegen die Mittelschichten und jeden einzelnen Kleinbürger.
(Nach einem der Fundamentalsätze der Lebenseinsicht: lerne scharf zu unterscheiden zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt einer Sache; oder: nicht auf das, was einer sagt, kommt es an, sondern darauf, was einer tut. Auf die Fäuste sehen! Worte sind Lügenbeine!)
Da lebt man nun so ein Leben lang herum: Feierabend – und man kriecht sich wieder herein in seine zwei blümchentapetenüberzogenen Wohnlöcher, an Körper und Geist gleichermaßen erfrischt durch einen kräftigen, herzhaften Vierzehnstundentag ...
Für wen das eigentlich?! –
Und da gibt es so eine gottverfluchte ketzerische Lehre vom Mehrwert! ...
Und das Kätzchen schnurrt so idyllisch-warm am Sims, neben dem Nähkorb, und vielleicht auch so ein Kanarienvogelgeripp in einem Goldstabkäfig, der Fliegenfänger hängt herab von der Decke in der Mitte des Zimmers, dicht besät mit den noch zappelnden Pünktchen der Schmeißfliegen. Unten im Hof wimmert die Drehorgel, auf den Dächern die Armeleutewäsche im Abendrot –
Man knurrt, wird bissig wie ein Köter. Mit den Kollegen hälts auch schwer, sich zu vertragen ... Man müßte sich eigentlich wieder mal tüchtig sattessen und ordentlich ausschlafen ... Das ganze hundsverreckte Dasein taugt ja so zu nichts ... Man ist angesäuert wie gestockte Milch ... Aber vielleicht: ’s langt doch noch einmal zu einer Laube und darnach auch zu einem Einfamilienhaus ... Deutschland: ’s geht vorwärts, es bessert sich von Woche zu Woche, wenn die Arbeitszeit auch steigt und der Reallohn auch sinkt ... Die Rentenmark bleibt stabil ... Ueberall stehts ja zu lesen ...
Man spielt Fußball, hört Radio ... Siehst du wohl! Recht muß Recht bleiben. Auch das Volk hat sein Vergnügen. Auch verheiratet man sich frühzeitig: man hungert, friert, man klöhnt zu zweien und ein regelmäßiger Beischlaf ist gesichert ... Ach, außer dem gibt es noch tausend, abertausend schöne Dinge, die einen von der Beantwortung der Grundfrage seines eigenen Daseins abziehen. Ja, die Fragestellung selbst: sie ist gründlich in Frage gestellt – –
Und des Sonntags wackelt man sich hinaus ins Freie, die Familie lüftet sich, das ist doch immerhin schon ein ganz reeller Vorgeschmack vom Paradies.
Nun, und auch der „Große Unbekannte“ erscheint in mannigfaltiger Gestalt. Er streckt ausgerechnet immer gerade dort seinen anbetungswürdigen klotzigen Schädel hervor, wo das eigene Elend-Dasein das mit bestem Willen nicht mehr zu verkleisternde Loch hat. An jeder Bruchstelle erscheint er, der liebe Wundermann. Er hängt am Kreuz, steigt widerspruchslos herunter, sofort, wenn z. B. der Kaiser sein Volk zu den Waffen ruft, und bedient ein Maschinengewehr, nimmt die Parade ab als S. M. oder hurt hurtig in Berlin herum, bis auf Widerruf in der deutsch-nationalen Presse, als Kaisersohn; drückt freundlich herablassend, umstrahlt vom auserwählten Offizierskorps, einem Veteranen die Hand, richtet rührend-anerkennende Worte vom Dank des Vaterlandes an den Kriegskrüppel; überschüttet wieder vom amerikanischen Himmel herab das von seinen eigenen Finanzmagnaten bis auf das Weißbluten ausgepowerte Deutschland mit einem im herrlichsten Unschuldsweiß sprühenden Dollarregen; er ist weder ein Wuchererstaat, noch spekuliert er auf Extraprofite aus dem Kapitalexport; er ist Fabrikbesitzer, bieder, Treu und Redlichkeit. Reserveleutnant, patenter Kerl, versteht was vom Geschäft, und wenn er nicht wäre, wo gäbe es dann überhaupt sonst noch Arbeit!? –
„Nur Tagediebe und Müßiggänger bringen es bekanntlich in dieser Welt zu nichts. Sei darum auch als Sklave ein ganzer, vollkommener, treuer Sklave ... Jegliche Seele sei den vorgesetzten Gewalten untergeben, denn es gibt keine Gewalt außer von Gott; die es aber sind, die sind von Gott eingesetzt ...“
Und weiter gehts in der allbekannten Melodie:
Die Knochen knacken entzwei, die Muskelstränge lockern sich, das Gesicht verzerrt sich in unausglättbare Falten, die Dichter singen zwar: „Wie ein Fächer tut sich auf dem Müden die Nacht“ – aber es ist anders, schade eigentlich, aber was tuts auch ...
Ausgequetscht der Leib wie eine Frucht, und die Haut dann fortgeworfen.
Vaterländische Lieder gröhlend waten Millionen im Blutsumpf, ein Schlückchen „Heldenschnaps“ – und wenn du grad nicht das übliche Pech hattest, das E.K. I. war dir sicher ... Der Füsilier-Feldwebel wettert heute wieder im Unterstand herum: die Kaiserbilder sind wieder von den Ratten verschlissen ... Und das gewittert zudem bleischwer über einem am Himmel; rabiat ... Zum Teufel mit diesen himmlischen Heerscharen ... Aber man schmort sich ja, so heißt es wenigstens, frischfröhlichgesund in diesem Feuerkessel ... Arbeitetest du in einer Phosphorfabrik: fünf Jahre – und schon stahlst du dich davon als eine Leiche ... Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehn!? ... Pah, Quatsch ... Was soll ich mich als Einzelner dagegen auflehnen – –
Mitgefangen, mitgehangen.
Alles Jacke wie Hose.
Schnurzegal. –
* * * * *
Leib an Leib krümmt sich übereinander.