(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 18
„Amerika beabsichtigt, spätestens noch diese Woche anzugreifen. Der diplomatische Vorwand wird soeben geschaffen. Die Entscheidung liegt letzten Endes natürlich zwischen Amerika und Russland. Gemäß unserer Verpflichtungen, unseres militärischen Uebereinkommens, haben wir Deutschland als Aufmarschgebiet gegen Osten übernommen: unsere Vorbereitungen sind abgeschlossen. Genügend Plätze zur Landung und zur Verproviantierung von Bombenflugzeuggeschwadern sind vorhanden. Unsere eigenen Farbstoffabriken arbeiten mit Hochdruck ... Russland mobilisiert. Das ist das wichtigste Moment der letzten vierundzwanzig Stunden. Diese Nachricht wird von uns geheimgehalten. Denn wir befinden uns dadurch ohne Zweifel in einer verzwickten Lage. Denn bedenklich mußte uns schon an und für sich, abgesehen von dieser Tatsache, die Entwicklung unserer inneren Lage stimmen, die Arbeiterbewegung wird weiter entschieden radikal terrorisiert ... Auch große Teile der übrigen Bevölkerung treiben im revolutionären Fahrwasser ... Die Bekanntgabe der russischen Mobilisation, diese Nachricht wäre unseres Erachtens der Funke ins Pulverfaß! Wie Sie wissen, meine Herren, gestern abend ist es bereits zu einem aufstandähnlichen Zusammenstoß gekommen. Es ist uns gelungen, diese sporadische und ihrem Charakter nach spontane Bewegung ohne jeden Verlust für uns im Blut zu ersticken. Dieser Erfolg darf uns über den Ernst der Gesamtsituation nicht hinwegtäuschen. Wir haben jetzt ein heikles Thema zu besprechen. Bei dieser Beratung kommt es vor allen Dingen darauf an, Richtlinien für die wirksamste Niederkämpfung der Aufständischen und für die Unschädlichmachung ihrer Führer und für die Aushebung ihrer Unruheherde auszuarbeiten, gemeinverständlich, so daß sie jeder Mann im Heer begreift, besonders aber haben wir darüber zu entscheiden, ob, unter welchen Umständen und in welchem Ausmaß chemische Kampfstoffe eingesetzt werden sollen. Es ist eine Frage der Zweckmäßigkeit. Wobei das ideologische Moment nicht zu unterschätzen ist. Ich bitte die einzelnen Sachverständigen diese beiden letzten Punkte besonders scharf im Auge zu behalten! ...
„Noch das eine: bitte, meine Herren, berücksichtigen Sie: wir haben keine Zeit zu verlieren; also kurz und bündig!“
* * * * *
Die Beratung dauerte nicht lang.
Der Bericht des chemischen Sachverständigen fiel zur allgemeinen Zufriedenheit aus.
Man war prinzipiell einstimmig für die Anwendung der chemischen Kampfstoffe, doch sollte dieses Mittel so lang wie nur irgend möglich aufgespart werden. Und wenn eingesetzt, öffentlich abgeleugnet und vor allem auch eine Gasbeschießung bezw. Gasausräucherung von Kommunistennestern durch Anwendung genügender Mengen von Brisanzmunition verschleiert werden.
Außerdem sei in der nachfolgenden Pressekonferenz gebührend und eindringlich darauf hinzuweisen, daß es sich im Fall der Anwendung von Gasen von seiten der Regierungstruppen um einen an sich höchst bedauerlichen Fall von Notwehrakt bezw. Gegenmaßnahme handle, daß immer aber nur betäubende Gase, d. h. Reiz- und Tränengase, zur Verschießung kommen, die im übrigen bei weitem humaner und bedeutend weniger verlustbringend seien als die blanke Waffe bzw. das Brisanzgeschoß. Ferner: zuverlässigen Nachrichten zufolge hätten die Kommunisten schon an anderen Orten Gasmunition verschossen, besäßen außerdem umfangreiche Gasläger und arbeiteten nach russischer Tschekamethode mit Bakterienschleuderapparaten und Cholerabazillen. –
* * * * *
Wieder sprach der Präsident:
„Nun denn also! Im Namen – zum Wohl unserer geliebten deutschen Schicksalsgemeinschaft – im Namen des Allerhöchsten!“
Und unterschrieb den besonderen Schießerlaß, nach dem jeder, der mit der Waffe in der Hand ... ohne weiteres, sofort ... und den Geheimbefehl an die Kommandostellen der Flugzeuggeschwader, der Kampfwagenabteilungen und der technisch-chemischen Spezialtruppen über die Anwendung von giftigen Gasen im Fall eines Bürgerkrieges.
Die Kommandeure traten ab.
Eine zweite kurze Besprechung folgte.
„Die Lage in Amerika aber scheint nach unseren letzten Berichten doch nicht so ganz einfach zu sein ... Heutzutage ist es den ziemlich aufgeklärten Massen gegenüber auch nicht mehr so kinderleicht, einen einigermaßen passablen Kriegsvorwand zu finden ... Doch Geschäft ist Geschäft ... Damit basta ...“
Einige prominente Gewerkschaftsführer erhielten das Wort.
„Wir können nur immer und immer wieder betonen, wir werden unsere Pflicht tun. Was in unseren Kräften liegt ... Aber wir sehen die Lage schwarz in schwarz. Die Arbeiterschaft ist gewillt, zu kämpfen, sie folgt unbedingt den Parolen der Kommunistischen Partei, die jedes Kriegsabenteuer mit dem Aufruf zum Bürgerkrieg beantworten wird ... Wir selbst sind ziemlich einflußlos geworden ... Wir warnen also dringend ... Ist der Krieg – sei es der Bürgerkrieg oder der äußere Krieg – aber einmal ausgebrochen, so ist es selbstverständlich, daß wir uns auf den Boden der gegebenen Tatsachen stellen, d. h. auf der Seite der verfassungsmäßig gewählten Regierung stehn werden. Wir folgen damit nur der bewährten ruhmreichen Tradition unserer Partei. Nur möchten wir bitten, um wenigstens den demokratischen Schein zu wahren, das Parlament nicht völlig auszuschalten. Vielleicht hie und da so eine kurze Sitzung, in der selbstverständlich nur Regierungsvertretern oder Abgeordneten der verfassungstreuen Parteien das Wort erteilt werden soll. Wir stimmen im übrigen von vornherein dafür, daß auch die kommunistischen Parlamentarier außerhalb des Gesetzes gestellt werden.“
Der Kommandeur der Schutzpolizei erschien und erstattete über die Vorfälle anläßlich der Demonstration am 1. Mai Bericht.
„Rhinozeros! Sie Gamaschenknopf!“ schnauzte ihn ein militärischer Befehlshaber kameradschaftlich an.
„Sie haben die ganze Lage künstlich überforciert. Die Folge ist morgen Generalstreik. Es geht uns zu frühzeitig los ... Haben Sie schon etwas Sicheres über den Termin, wann die losschlagen ... Na, sie werden ja ihrer Gewohnheit gemäß sich wieder gewaltig in der Zeitbestimmung, im Tempo verrechnen, das ist das einzige, was die Kommunisten immer noch nicht gelernt haben ... Also Nachrichten, detaillierte Angaben über Stimmung der Bevölkerung usw. Es ist höchste Zeit ... Und dann studieren Sie in Zukunft mit mehr Sorgfalt unser Reglement über den Bürgerkrieg ...“
„Ich habe gemeint“, stotterte der Schutzpolizeiler heraus, „je blutiger der erste Tag, desto besser ...“
Aber er hatte seine Schlappe weg.
Mehrere Vertreter der „Vaterländischen Verbände“ baten um Gehör.
Sie jammerten über Zersetzungserscheinungen. Ohne hinreichende Geldunterstützung von seiten der Großindustrie sei nichts zu machen. Die Kleinbürger seien nur noch mit alleräußerster Anstrengung bei der Stange zu halten. „Jede Stunde, die wir zögern, bedeutet für uns eine ebenso gewaltige moralische wie auch materielle Schlappe. Alles ist bei uns auf sofortiges Losschlagen eingestellt. Dieser Stimmung müssen wir Rechnung tragen. Wir lassen uns ohnedies vielzuviel gefallen. Endlich ist die Stunde gekommen, rücksichtslos durchzugreifen ... Wenn sich die Arbeiterschaft erst wieder erholt, dann „Kopf ab“ und „Gute Nacht!“ Für den Gummiknüppel ist die Zeit zu ernst ...“
„Ganz unsere Meinung“, pflichteten Vertreter der Industrie und der Landwirtschaft dem Vorredner bei. „Sehen Sie sich, meine Herren, bitte die Betriebe an! Fünfzig Prozent davon stillgelegt, und der Rest arbeitet, aber fragen Sie nur nicht, wie. Unter passiver Resistenz, unter täglichen Sabotageakten ... Nein, so geht es nicht mehr weiter. Keineswegs ... Und der Zustand der Eisenbahnen. Die Eisenbahnergewerkschaften sind von allen die aufsässigsten ... Jeder Respekt vor der Autorität der Regierung ist zum Teufel ... Wir Arbeitgeber können die Ausartung unserer Republik in den Bolschewismus keineswegs dulden. Schon heute spricht man mit Fug und Recht von einem Staat im Staate ... Und wie sieht es auf dem Land aus? ... Unsereins ist ja seines Lebens nicht mehr sicher ... Jetzt oder nie ... Meine Herren, entscheiden Sie sich jetzt, unmittelbar, sofort: oder unser aller letztes Stündchen hat geschlagen ...“
„Bitten Sie den Leiter der politischen Abteilung der Polizei!“
Oberregierungsrat Ledermann erschien.
„Ihr Nachrichtenmaterial bitte. Wir brauchen unverzüglich konkreteste Angaben. Unserer militärischen Exekution muß sofort ein großangelegter Propagandafeldzug koordiniert werden. Lassen Sie Berichte anfertigen, Zeugenaussagen, Geständnisse von Gefangenen ... Nicht allzu konstruiert, es muß raffinierter als bisher kombiniert werden ... Man ist draußen im Land inzwischen durch verschiedene unserer Fehlleistungen hellhöriger und scharfsichtiger geworden. Mißgriffe in der augenblicklichen Situation können wir uns nicht leisten, jede Zufälligkeit kann katastrophale Auswirkungen haben ... Also: Sie verbreiten zunächst alarmierende Meldungen über kommunistische Putschvorbereitungen, bezw. setzen Sie sich mit den entsprechenden Stellen augenblicks in Verbindung und lassen Sie durch Polizeiagenten Attentate und andere Terrorakte, am besten auf sogenannte dem Volksempfinden nach geheiligte Orte, wie Kirchen, Säuglingsheime, Krankenhäuser usw., fabrizieren. Das neulich am 1. Mai soll die Feuerprobe gewesen sein. Nun also rüstig weiter ... Lassen Sie noch heute einige Höllenmaschinen in die kommunistischen Parteibüros einschmuggeln. Dadurch kommen wir zu einer populären Begründung der allgemeinen Mobilisierung. Dadurch bekommen wir auch bedeutend mehr Reserven heran und können die unzuverlässigen Regimenter auffüllen. Setzen Sie Fahndungskommandos ein, schreiben Sie Kopfprämien aus, zunächst muß der ganze Funktionärkörper der Kommunisten rücksichtslos zerschlagen werden. Erst auf dieser Basis können wir dann erfolgreich an der Sanierung weiterarbeiten. Fälle von Insubordination, Meuterei bei der bewaffneten Macht, rote Zellenbildungen in Armee und Marine sind mir direkt zu melden. Anweisung an die Kriegsgerichte: exemplarisch bestrafen, sofort Exempel statuieren! Keine offizielle Hinrichtung revolutionärer Führer. Solche sind auf der Flucht zu erschießen bezw. ist in besonders geeignet erscheinenden Fällen geschickt ein Selbstmord zu arrangieren ... Was „Auskundschafter“ und derartige Individuen anbetrifft, so kaufen Sie in großer Anzahl dazu geeignete Subjekte auf, wir brauchen Vorrat für mindestens einen Monat. In den Obdachlosenasylen, die Sie durch Polizeistreifen säubern lassen müssen, werden gegen entsprechendes Handgeld sich immer welche in großer Anzahl finden lassen ... Jede derartige Dienstleistung wird gegen bar honoriert. Nach festen Sätzen. Spesen extra. Staatsstellung in Aussicht stellen ... Ich empfehle mich und erwarte Sie spätestens morgen früh persönlich zum Bericht ...“
Der Oberregierungsrat war entlassen.
Die verschiedenen Herren verabschiedeten sich.
Man salutierte. Stand stramm.
Alle gingen an die Arbeit.
Der Chef des Generalstabs stand mit mehreren Offizieren vor der Karte.
Mit blauen Marken wurde Berlin eingekreist ...
* * * * *
Die Telefunkenzentrale fieberte.
Telegraphenapparate klapperten.
Lärmende Gerüchte poltern durch Stadt und Land.
Extrablätter:
„Generalstreik!“
Extrablätter:
„Entdeckung kommunistischer Waffenlager. Drohender Kommunisten-Putsch. Kommunistische Giftgase ... Die Regierung hat die Mobilisation angeordnet ...“
XII
Unter den Schwerverwundeten befand sich auch Peter.
Er hatte einen Nierenschuß, und zwar einen Querschläger. Die rechte Hüftenseite war fleischig ausgefetzt.
Sein Zustand war hoffnungslos.
Daran war überhaupt nicht zu zweifeln.
Er war als Polizeihäftling in das Krankenhaus eingeliefert worden.
Es war jetzt Abend. Die Vögel sangen im Krankenhausgarten. Immer wieder schrillte die Torglocke. Aufnahme an Aufnahme. Auf den Gängen war Bewegung ...
* * * * *
Peter lag in einer vergitterten Einzelzelle.
Der Arzt untersuchte kurz. Auf einer Holztafel wurde der Name mit Kreide aufgeschrieben. Drei Polizeikommissare erschienen, wie es hieß, zu einer vorläufigen Vernehmung.
Der Sterbende sprach nicht.
Drei photographische Aufnahmen wurden gemacht. Man zog ihm dazu die Jacke wieder an, drückte ihm den Hut auf, dann stellte man ihn aus dem Bett heraus an die Wand.
„So stehen Sie doch! Stellen Sie sich doch nicht dümmer an als Sie sind! Knicken Sie doch nicht immer wieder in sich zusammen wie ein hohler Schlauch! ...“
Fingerabdrücke. Messungen.
Der Arzt spritzte, um den Sterbenden dabei frisch zu halten, Herzmittel.
Man mußte aber auch noch eine Aussage erpressen, man mußte, koste es, was es wolle, ein Geständnis erzwingen, klipp und klar mußte es sein, gemeinverständlich für jedermann, nur er, Peter, konnte darüber Aufschluß geben; der Student: war er nicht Leiter einer militärischen Abteilung, vielleicht gar der berüchtigten kommunistischen GAKAB, Gaskampfabwehrabteilung!? Man war informiert darüber. Peter wußte am ehesten Bescheid ...
„Lassen Sie, bitte, Herr Doktor, Sekt auffahren! ... Wünschen Sie zu rauchen, eine Zigarette gefällig, Herr Friedjung ... Oder was ist Ihnen angenehm!? ... Haben Sie vielleicht Angehörige, gute Freunde, ein Fräulein Braut, die Sie noch sprechen möchten ... Verheiratet sind Sie ja nicht ... Und ihr Herr Vater, eine telegraphische Benachrichtigung vielleicht ... Wir stehen Ihnen selbstverständlich zu jeder Art Dienstleistung bereitwilligst zur Verfügung. Das ist auch der eigentliche Grund unseres Kommens ... Aber bequemen Sie sich bitte zu einer ganz kurzen Aussage. Ihr Entgegenkommen soll Sie nicht reuen ... Sie kennen doch den ... Und wo hält der sich auf ... Bitte, bitte, wir lassen Sie sofort in Ruhe. Sie sind aus der Haft entlassen! Sofort sind Sie frei ...!“
Peter schwieg.
Nur einmal drehte er sich kurz auf:
„Lassen Sie mich doch ... Quälen Sie mich nicht ... Sie wissen doch, es hat keinen Zweck ... Das müßten Sie sich doch eigentlich selbst sagen. Wozu diese Folter ... Sie müßten sich eigentlich schämen ...“
Wieder wurde er im Bett aufgesetzt.
„Sehen Sie, Herr Friedjung, Herr „Doktor“, alle diese Unannehmlichkeiten müssen Sie über sich ergehen lassen. Sie erschweren sich durch Ihr hartnäckiges, uns geradezu unverständliches Schweigen nur ganz unnötigerweise selbst die Lage ... Wollen Sie ... Es geschähe in einer solch kritischen Situation auch sicher im Einverständnis mit der Partei ...“
Peter schwieg.
„Na, also, da müssen wir scheinbar andere Seiten aufziehen, da werden wir kurzen Prozeß machen. Wollen Sie jetzt oder wollen Sie nicht, Sie verfluchtes Kommunistenschwein? Heraus mit der Sprache: Wo sind eure Gasläger!? He! Oder wir brechen Ihnen noch bei lebendigem Leib die Knochen entzwei ... Sie haben vielleicht gehört, in Ihrem schönen heiligen roten Rußland benützt man Gefangene dazu, um an ihnen ein neues Gas auszuprobieren ... Daß so ein Dreckskerl, so ein Luder wie du nur ein Mal verreckt, das genügt nicht ... Man müßte die Kommunisten, diese Kannibalen, zur Vivisektion freigeben ...“
Und versetzte ihm einen Puff, daß der Sterbende an die Wand rutschte.
„Warte, du wirst gleich aus dem Bett herauskollern, Freundchen, dann wirst du schön hübsch und brav auf dem Boden unseren Dreck fressen ...“
„Laß ihn deinen ... lecken, diese Kommunistensau, so haben es seine Bundesbrüder, die Franzosen, mit unseren Gefangenen gemacht ... Na, so ein stures Vieh ...“
Einer der Kommissare klingelte.
Der Arzt erschien.
„Herr Doktor, der Kerl schweigt. Haben Sie vielleicht so was wie einen elektrischen Pinsel!? Oder, was stark schmerzt, eine Aetherinjektion vielleicht unter die Haut!? Oder kann man ihn noch in eine drei Viertel Narkose, in einen Chloräthylrausch versetzen, um dadurch vielleicht etwas herauszukriegen!? ...“
„Aber meine Herren, ich muß davon abraten. Diese Mittel versprechen hier keinen Erfolg mehr, fühlen Sie doch den Puls, bei Mittelkranken ja, aber in solchen Fällen: kurz vor dem Torschluß, fünf Minuten vor dem Exitus ... Ich bin zwar Gerichtsarzt und in erster Linie Gehilfe des Richters, aber, Herr Inspektor, wir wollen uns doch nicht noch an einer Leiche vergreifen ...“
Der Herztakt des Sterbenden galoppierte. Setzte aus. Brach sich wieder stockend, zögernd durch ... tropfenweise ... Dann hämmerte er ganz, ganz langsam ...
„Sehen Sie doch! ...“
Der Arzt lüpfte die Decke.
„Es kommt ganz dick durch den Verband ...“
„Ein solches Kommunistendreckschwein!“
„Aber Herr Friedjung,“ versuchte es jetzt wieder einer der Kommissare, „ich beschwöre Sie, im Augenblick Ihrer letzten Stunde, vor Gottes Angesicht! Auch ich bin innerlich tiefreligiös und ich spreche jetzt zu Ihnen wie Mensch zu Mensch! ... Sie können uns doch unmöglich so unverrichteter Dinge abziehen lassen! Versetzen Sie sich, bitte, wenn es Ihnen auch schwer fällt, doch einmal für einen Augenblick in unsere Lage! Was wird unser Chef dazu sagen, wenn wir so mit leeren Händen nach Hause kommen! Wir verlieren Ihretwegen, Herr Friedjung, noch unsere Stellung! Und sind allesamt doch verheiratete Männer, bedenken Sie, mit Weib und Kind und Haushalt! Sind schließlich doch auch nur Proletarier!“
„Also, haben Sie Erbarmen mit uns!“ gab ein zweiter dazu. „Mut gefaßt. Auf eine Aussage mehr oder weniger kommts doch nicht an. Sprechen Sie, wir sind doch Männer! Deutsche ehrliche offene Männer, die nichts zu befürchten und zu verschweigen haben, und wenn die Welt voll Teufel wär, unsere feste Burg ist unser Gott. Also ... Wir wollen im Grund letzten Endes doch alle das Gleiche ...“
Peter schwieg ...
Die Kommissare zogen türenschlagend ab.
Die Schritte schleiften den Gang hinunter, ein Schlüssel klirrte, eine Tür schnappte ... Nur fern wo schrie jemand ...
„Der Nächste ...“
„Halt auch du stand, Genosse, und schweig!“
Peter war mit sich allein. –
XIII
Sind es Spinnenweben!? Licht-Gespinste? Sind es Strahlengeflechte, die kreuz und quer in sich verschlungen, durch den Weltraum gezogen sind!?
Nein.
Es ist das Gitter.
Und das Gitter kommt auf Peter zu, wandert, wandert vor ihm her, wandert ihm nach bis in den kleinsten Weltwinkel.
Er steht in einer sauberen Stube. Er ist einem Mädchen gut. Er hat sie umgefaßt. „Du, wollen wir nicht zueinander „Du“ sagen!?“ Er ist eigentlich ganz glücklich ...
Da senkt sich auch schon wieder schwer, schwarz, vierkantig und schemenhaft vor ihm das Gitter herab.
Das Gitter spricht:
„Bevor ich nicht zerbrochen bin, gibt es für dich Ruhe nicht! ... Peter, tu deine Pflicht! ... Feile, beiße dich mit den Zähnen fest, reiße deine Hände wund daran, kniee dich herauf zu mir, ziehe dich zu mir empor, presse deine Schädelknochen hinein zwischen mich, rüttle daran, schüttle mich ... Friß das Gitter ...“
Das Gitter spricht:
„Ich laß dich nicht!“
„Wie schön das Leben ist!“ flüstert Peter. „Die Berge, das Meer, wellengebuckelt, Gewitter darüber metallisch, wie über einer gerippten Fläche aus schwarzem Erz! Und die Jahreszeiten! So ein Winter voll Schneefließen und Skilauf! ... Wie die Bäume blühen, die Wälder duften ... Wie ein Klotz liegt man ausgestreckt inmitten des Wiesenkrauts ... Windmühlenflügel am Horizont! Kornwagen, die auf der steinigen Landstraße polternd von der Ernte dorfwärts schwanken ... Menschen, gebräunte knochige Gesichter, die in der Schenke vor einem hölzernen Tisch sitzen, bei Rauch und bei Wein! ... O noch einmal! O noch _ein_ Mal!“
Und wieder fällt das Gitter, ein Netz diesmal, gewoben aus Geschoßbahnen und Feuerdampf, es fällt und fällt, bis der ganze Weltraum durchgittert ist. Auch das „schöne Leben“ durchgittert ist! Irrsinnig flackernde Augenpaare dahinter, Bajonette und Stacheldraht, Knochenknacken und Aechzen und Tränenwimmern, das schwere Stampfen einer Riesenpumpe, die Menschenblut pumpt, die Menschenmark, Menschenlebenskraft saugt. Mordmaschinen, Fabrikanlagen: Massenmord wie harmloses Kinderspielzeug fabrizierend ...
Da sind Menschen, die vor dem Gitter flüchten. Menschen, die hinter dem Gitterwerk träumen. Es ist ein goldener Käfig, darin sie sich schändlich zutod träumen. Die Stäbe sind broncen lackiert ...
Das Gitter wächst ... Setzt Glieder an, Knoten, Verkuppelungen ... Es kann Menschen umarmen, Menschen umarmend zu Tode drücken. Die Gitterstäbe sind vielkantig, messerscharf ...
Und das Gitter steht mitten in Europa.
Und das Gitter steht in Asien.
Steht um Afrika herum ...
Dehnt sich aus und zieht sich wieder zusammen ...
Schwimmt aufrecht stehend übers Meer –
Umgittert Japan. Umgittert China ...
* * * * *
Die Gitterstäbe werden lebendig, sind Menschen, uniformiert, bewaffnet mit Pistolen und Handgranaten ... Und das lebendige Gitter marschiert, macht Menschenjagd ... Und die Gitterstäbe pflanzen sich wie spitze Pfähle fest mitten hindurch durch Menschenleiber. Und das Gitter schwenkt sich jetzt wehend im Wind wie eine Fahne über krampfhaft sich zutode zuckende Menschenhaufen. Diese Fahne ist gehißt auf einem pyramidenähnlichen Hügel von Leichenmüll.
Die Fahne spricht:
„Ich proklamiere die Menschenrechte. Ich bin die Fahne der Zivilisation! Glaubt denen nicht, die da sagen: ich sei eine Todesfalle. Glaubt denen nicht, die da prophezeien, ich würde über kurz oder lang dennoch heruntergeholt. Beugt euch, ihr heidnischen Völker, in Glauben und Demut vor mir. Ich bin das Christentum. Ich bin die Erlösung. Die Freiheit, die Arbeit, das Glück, die Lebensmöglichkeit für alle ... Ich bin der Menschheitsfortschritt ...“
* * * * *
Ein feiner, in messerscharfen Strichen heruntergerissener Regen rann. Rann senkrecht und wagrecht und schlang sich plötzlich um Peter herum, ein fließendes Gitter ... Ein unentwirrbares Regendickicht. Bis ein gewaltiger Lichtsturz niederschoß ... das Regengitter durchschmolz ...
Unter der Glut einer roten Sonne löste es sich auf.
Peter stand frei in einer unbegrenzten Landschaft.
Eine unendlich tiefe, jubilierende, glanzblaue Klang-Mulde war die Welt. –
* * * * *
Ein Genosse reichte ihm die Hand.
Die Hand Peters war farblos geworden, alles Blut hatte sich in das Herzinnere zurückgezogen, Peter sah auf seine Hand hinab: da lag sie vor ihm auf der bunt gewürfelten Bettdecke, groß, ausgeruht, unfaßbar fremd.
„Gute Nacht! Peter!“ nickte der Genosse ihm zu. „Hasts gut gemacht! Hab keine Zeit, viel noch zu schaffen. Muß jetzt weiter ...“
„Bleib wohlauf!“ antwortete Peter, und das schon aus einem sehr tiefen, wie mit einer samtenen Nacht ausgelegten Hintergrund hervor: „Laß dirs gut gehen! Du schaffst es schon! Zähne fest zusammenbeißen. Weiterarbeiten so. Nicht wahr ...! Denn das eine steht heute unumstößlich fest: mag der Einzelne auch fallen, das Ganze, die proletarische Klasse siegt! ...“
Das sprach Peter schon wortlos.
Der Genosse hörte es nicht mehr.
Dieser Genosse, von dem Peter jetzt Abschied genommen hatte, war aber nicht ein einzelner. Keine Einzelperson. Er war anonym, namenlos, dieser Genosse war: die Partei, dieser Genosse war: das Proletariat, dieser Genosse war die Masse aller Ausgebeuteten und Verelendeten. Dieser Genosse war die siegreiche Revolution.
Dieser Genosse hieß auch: die Zukunft der Welt. –
* * * * *
Peters Lippen bewegten sich immer noch.
Nun versank er in sich.
Die Augen glühten glanzweiß ...
Menschenmassen schrieen gegeneinander. Menschenmassen schoben immerfort kämpfend sich aufeinander zu ...
Die Geräusche bewegten sich jetzt von ihm fort, wie ein Blätterschwall, der dicht über den Boden dahinfegt.
Noch einmal wölbte sich ein Wipfel von Geräusch über ihm: Schüsse, Schreie, Knochensplitter ... Der Wipfel schwang schmetternd über ihn hin ... Und es wurde Herbst ... Der Wipfel entblätterte ...
Es wurde traumhaft ruhig um ihn ...
* * * * *
Trotzdem nun Peter ganz mit sich allein in der vergitterten Zelle lag: so wenig einsam wie jetzt war er in seinem Leben noch nie. –
7. Kapitel.
Vom einzig gerechten Krieg