(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg

Part 17

Chapter 173,043 wordsPublic domain

„Erster Mai! Tag der Heerschau des Weltproletariats! Tag du des Aufmarschs der Proletariermassen in allen fünf Erdteilen! Erster Mai: Kampftag: laß uns bereit sein! Laß stahlhart uns werden, ausfüllen die letzte Lücke in unserer Front! Laß denken unsere Gedanken nur dies eine: Kampf! Unsere Herzen nur dies eine fühlen, unsere Willen nur dies eine wollen: Kampf ...“

Ein Jugendgenosse tritt vor, er ballt die Faust zum Schwur:

„Unermüdlich wollen wir kämpfen! Unsere Muskeln spannen, unsere Gehirne stählen, mit unserem Herztakt euch alle, die ihr in Ketten noch schlaft, wachhämmern! In uns schüren den Willensbrand, bis diese Welt von uns erobert ist, bis du, erster Mai, du Weltkampftag, der Weltfeiertag aller werktätig Schaffenden geworden bist!“

Ein Sprechchor von Jungpionieren antwortet im Chor:

„Nicht eher werden ruhen wir! Nicht eher werden die Hände wir falten! Das schwören wir! ...“

Hunderttausende von Stimmen fallen jetzt wieder ein:

„Das schwören wir. Schwören wir. Schwören wir ...“

Ein Trompetensignal.

Ein Genosse in der Roten-Frontkämpfer-Uniform steht auf der Tribüne.

Der Fahneneid ...

Eine große und dunkle Stimme spricht vor:

„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören rot: Sieg oder Tod!“

„Sieg oder Tod!“ jauchzt die Menschenmasse.

„Wir schwören: beim Blut der Brüder, das zur Erde rinnt –

„Wir schwören: am Riesenstrom der Tränen, die vergossen sind –

„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören rot: Sieg oder Tod!“

„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht.

„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit!“ –

Wieder waren Hunderttausende von Menschenstimmen eine Felswand lebendigen Echos.

„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht.

„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit ...“

* * * * *

Die „Internationale“ erscholl.

Eine Sturmlawine –

Menschenkörper rissen unter dem Gesang sich steil empor.

Die rote Flut kommt. Die rote Flut steigt. Zeit der Ebbe: vorbei ... Aufwärts! Aufwärts! Aufrecht schon stehen wir hoch oben auf dem Kamm der Woge ...

Und plötzlich wurde spontan aus der Menschenmasse heraus ein bekannter illegaler Genosse der Zentrale auf die Schultern gehoben, er schwenkte die Mütze, sein Arm stand, schräg, wie ein Fahrtzeichen:

„Arbeiter! Proletarier! Genossen! Seid ihr bereit zum Kampf, seid ihr bereit, dem Ruf zum Generalstreik, dem Ruf zum bewaffneten Aufstand zu folgen, wenn ihn die Partei an euch ergehen läßt?“

„Allzeit bereit!“

„Keine Woche wird mehr vergehen, bis euch die Partei zum Kampf aufruft. Unsere Parole heißt: Eroberung der Macht!!!“

„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ tönte jetzt, einfach und schlicht gesungen. Viele bekamen es mit dem Schlucken. Manche weinten. Und manche wieder sangen, das Angesicht von einem glücklichen Lächeln verzückt.

Max hatte Lene eingehakt.

„Siehst du, Millionen an Millionen stürmen jetzt in diesem Augenblick, geordnet in unübersehbaren Reihen, den steilen Abhang der Zeit herauf im Sturmschritt. Dieser Abhang ist ein Geröllfeld, bedeckt mit Schädelstücken und Körperknochen, alle Sträucher haben statt der Knospen Knollen, getränkt mit Menschenblut. Alle die brechen heut auf, Blutrinnen, Blutbäche: alle die schießen, zu einem Wildstrom von vergossenem Menschenblut anschwellend, empor ... Was singen sie, diese proletarischen Sturmtruppen, diese Eroberer der Menschheitszukunft: „Wir fürchten nicht den Tod! Denn unsere Fahn ist rot ...“

Das Trompetensignal blies.

Ein kurzer Trommelwirbelstoß.

Die Züge ordneten sich zum Abmarsch ...

* * * * *

Und –

In diesem Augenblick geschah, allen völlig unerwartet, das Unglaubliche. –

VIII

Die Sonne ging eben sprühend unter, Gewitterwolken trieben an wie Schlammfluten: da stand plötzlich mitten in den Menschenmassen auf der Südostseite des Platzes ein Geschwader von Kampfwagen: die kleinen Panzertürme drehten sich, die Maschinengewehrmündungen senkten sich abwärts, die Führer machten die Kampfmaschinen gefechtsbereit ...

Die Motore knatterten und unter einem metallischen Gebrüll schoben sie sich weiter in die Menschenmasse hinein.

Dort rammten sie sich fest.

Man konnte noch beobachten, wie sich die Gittertore der Einfahrt eines erstklassigen Hotels schlossen, eine Rolle mit Stacheldraht abgewickelt wurde und dahinter eine Gruppe mit Stahlhelmen im Anschlag lag.

Dieses Hotel hatte der Panzerwagenkolonne als Hinterhalt gedient ...

Schon ertönten laut die Kommandos des roten Ordnerdienstes:

„Ruhe halten, Genossen! Nicht provozieren lassen! Weitergehn!“

Da wurde auch schon die Abmarschstraße auf der Gegenseite des Platzes durch eine Gruppe Tanks abgesperrt. Es war eine neue mechanische Abriegelung das erste Mal zur Anwendung gebracht worden, und zwar mittels des sogenannten berüchtigten Schutzgitters, einer Art Stacheldrahtgürtel, der von Tank zu Tank gezogen war und der, wie es hieß, elektrisch geladen sein sollte.

Die Tanks machten Halt. Sie lagen breitseitig da, wie verankert.

In diesem Moment entstand die Panik.

Unter den Demonstranten waren schon von Anfang an große Mengen von sogenannten Zivilspähern verteilt worden, denen nun die Aufgabe zufiel, die Panik künstlich zu steigern und die empörten Massen zu einem Angriff aufzuputschen. Dies war sehr schwierig, denn die Massen hielten eine mustergültige Disziplin ...

Da fiel plötzlich vom Balkon eines Hotels, dann von einem gegenüberliegenden Haus, aus einem Fenster des ersten Stockes, ein Schuß, noch einer, mehrere: es waren kleine krachende Pistolenschüsse, und diese galten für die Führer der Kampfwagengeschwader als Angriffssignal ...

„Aus der Menge ist geschossen worden!“

Die Polizeiagenten, die auftragsgemäß die Schüsse abgegeben hatten, verdufteten schleunigst.

„Platz frei! Straße frei!“ gellte ein Lautsprecher ... „Oder es wird geschossen!“

Dabei knackten schon die M.-G.s.

Menschen sah man, die sprangen durch einen Kopfschuß getroffen über einen halben Meter hoch, Menschenleiber verschlangen sich, wurden zu einem unentwirrbaren Knäuel geballt und wälzten sich, sich gegenseitig erdrückend, ineinander-, übereinanderstehend, dem Ausgang zu.

Es gab aber nur noch einen Ausgang ...

Die M.-G.s strichen systematisch den ganzen Platz ab.

Einige Rote Frontkämpfer sprangen wie wilde Tiere, Schaum um den Mund, die gepanzerten Ungetüme an, schnellten federnd wieder zurück: gewaltige tellergroße Brandwunden an den Händen. Die eisernen Bestien spien elektrische Ströme.

Auch Max mußte sich mit Gewalt zurückhalten, um nicht einfach mit seinem Kopf gegen diese mörderische Wand zu rennen ...

Menschen lagen übereinander.

Ueber Max lag ein baumstarker, stämmiger Prolet, der sich mit der Hand die ausgefleischte Hüfte zuhielt und kräftig schrie: „Ich will nicht sterben. Ich will nicht sterben ...“ Dabei verdrehten sich ihm die Augen, quollen hervor rund und groß, wie zwei elfenbeinerne Billardkugeln.

Er biß sich in Max hinein –

Max bekam einen Genickkrampf. Ein eiserner Knopf massierte ihm den Halswirbel.

Einer umschlang einen Laternenpfahl. Barst mitten am Bauch entzwei. Die Gedärme schütteten sich vor ihm hin nach allen Seiten. Andere schleiften darüber hinweg, glitschten in eine schmierige Blutlache, krochen über ein Häuflein verspritzten Gehirns weiter ...

Einer gestikulierte, hatte den Mund weit offen, sprach, aber in dem allgemeinen Geschrei versackten die Worte. Einer gurgelte, ein anderer stieß ganz kurze trockene Hustenlaute hervor.

Viele waren wie irrsinnig, hatten Lachkrämpfe, knieten mit entblößtem Oberkörper, wackelten mit dem Kopf, ohne sich von der Stelle zu rühren, und starrten mit brennenden Augen lang in den Tumult.

Es wurde dunkel.

Scheinwerferabteilungen waren auf den Dächern der angrenzenden Häuserblocks postiert. Scharfe Stöße Lichts blendeten herab.

Eine dritte Tankkolonne knatterte an und begann die Räumung des Platzes von Norden her. Es waren wieder drei Kampfwagen, durch straff gespannte Stahltrossen miteinander verbunden: so rasierten sie langsam und schräg dahin.

Der Platz war nun völlig eingepfercht. Auch der einzige Ausgang war nicht mehr frei, er war längst von Schwerverwundeten und von Leichenhaufen verstopft.

Max kauerte zum Sprung geduckt in Deckung hinter einer dürftigen, aus drei Toten aufgeworfenen Menschenbarrikade.

An ein Durchkommen war jetzt nicht mehr zu denken.

Max biß sich die Lippen: „Jetzt Achtung: daß mir nicht schlecht wird!“

Hob sich ein wenig und sah über den Platz hinweg die Straße hinunter: immer noch rannten ab und zu welche im Zickzack, bis zu einer bestimmten Grenze, hier streuten die M.-G.s eine genau vorher berechnete und markierte Linie ab: dort klappten die Flüchtlinge plötzlich nach vorn oder nach rückwärts in sich zusammen wie ein Taschenmesser, streckten alle Viere von sich und blieben flach auf die Erde gedrückt liegen ...

Max schnellte hoch, wie eine Sprungfeder warf sich in ihm das Rückgrat, setzte sich den Hut auf und schritt, als ob nichts geschehen wäre, schräg über den Platz. Er hatte nur den einen Gedanken: wenn schon, dann nicht von hinten, es ist leichter, den Tod im Angesicht ...

Der ganze Hinterkopf schien ihm offen, das Gehirn bloß zu liegen: eine einzige Wundfläche ...

In diesem Moment öffneten sich sämtliche mechanische Sperren, die Tankgeschwader führten einige kurze Manöver aus und ratterten ab.

Max sah noch, sich rasch in die Dunkelheit drückend, eine Hundertschaft, noch eine, eine dritte im Laufschritt heranstürzend, mit gefälltem Bajonett. Sie hatten den Befehl, die noch Lebenden von den Ermordeten zu sondieren.

Der Platz lag unter den Scheinwerfern wie unter einer kaltgelben gespenstischen Lichtdusche.

Wimmernd und langgedehnt, vollrauschend, oft wie Akkorde, so tönten daraus noch Menschenschreie, der Platz machte von dieser Stelle aus den Eindruck eines mit Zappelndem angefüllten Kessels, an den Wänden klebten noch Menschen, die Truppen stießen sie der Mitte zu: dort schichtete sich Haufen an Haufen ... Mit Eisensplittern, Geschoßspitzen, Stahlspänen war reingekehrt.

Fleisch. Blut. Knochen.

Pulverqualm, Ausdünstung, Todesangstschweiß: es war ein feuchter Brodem ...

* * * * *

Es begann langsam in großen Tropfen zu regnen.

Bald ferner, bald näher: nun prasselte ein Gewitterhagel hinweg.

Es trommelte, knatterte, tackte ...

Viel Menschen fuhren erschreckt auf, öffneten die Fenster:

„Gehts los? ... Wird schon wieder geschossen? ...“

Nichts. Nur die Dunkelheit. Die Häuserfronten: zackige Konturen darin.

Hie und da zuckte ein Blitz. Die Dunkelheit leuchtete. Dann ächzte ein Donner ...

* * * * *

Die ganze Stadt blieb die Nacht über aufgescheucht.

Schon die zweite Nacht in solcher Unruhe ...

Ueberall war es auch noch zu Zusammenstößen mit den „Vaterländischen“ gekommen.

Alle wichtigen Punkte der Stadt waren bereits im Lauf des Abends militärisch gesichert worden. –

IX

Max trottete sich in einem beinahe bewußtlosen Zustand heim.

Oft mußte er sich anhalten, aber das waren nur die Aufregung und die Nerven, er war unverletzt.

Oft wurde er angesprochen, ein Prolet sah ihm ins Gesicht, fragte ihn kurz, drückte ihm die Hand und verschwand wieder im Dunkel.

„Rache!“

Dieses Wort hörte Max auf seinem Heimweg oftmals.

Auch an einer Gruppe von „Vaterländischen“ kam er vorbei, sie unterhielten sich angeregt und laut, da sie in größerer Anzahl beisammen standen. Sie trugen bereits Karabiner. Es waren breit aufgedunsene und verfettete Gesichter, aber auch scharfgeschnittene Profile waren darunter, richtige Galgenvögel- und Mördervisagen.

„Den Arbeiterschweinen wird jetzt gründlich der Garaus gemacht werden“, quietschte einer. Er hatte dünne Beinchen und trug eine Gymnasiastenmütze.

„Was suchst du Schwein hier!“ schrie einer, mit Schmissen im Gesicht, Max nach, der ohne zu mucken weiterlief.

„Mach, daß du weiterkommst oder du bist eine Leiche ...“

Derartiges wurde ihm oft noch nachgerufen.

Max dachte: „Jetzt, jeden Augenblick ...“

Er spürte es in den Ohren ...

Es waren meist, wie sich Max schnell vergewisserte, Reserveoffiziere, Studenten, Fabrikantensöhne, Angestellte, aber wenig, und hie und da auch noch ein wütiger Kleinbürger.

Die gaben kein Pardon.

„Nun aber auch kein falsches Mitleid mehr wie früher diesen berufsmäßigen Mörderbanden gegenüber ... Jeder von diesen, den wir schonen, kostet uns Blut! ... Keine Illusionen mehr, die Blut kosten!“

Auffällig war: der Wachtdienst in und außerhalb der Kasernen wurde durchwegs von verstärkten Offiziersposten versehen ... Holla, da stimmt etwas nicht, schloß Max, die scheinen ihrer Sache nicht ganz sicher zu sein, und Max schlich sich noch ein wenig in dieser Gegend herum, bis er auf einen einzelnen Soldatenposten stieß.

„Kamerad!“

Der Soldat sprang drei Schritte zurück.

Dann lachte er plötzlich und kam auf Max zu:

„Rot Front!“

„Richtig, es rumort gewaltig auch unter uns. Dicke Luft. Sehr brenzlich. Alles in Alarmbereitschaft. 30 Prozent sind euch, wenn es losgeht, sicher ... Die Behandlung wird immer gemeiner: „Halten Sie die Schnauze oder ich schieße Sie nieder ...“ Das ist gang und gäbe. Ohne Scheißkerl und Arschloch kommt man uns gegenüber überhaupt schon nicht mehr aus ... Gestern ist bei den Kraftfahrern ein Leutnant hochgegangen, bei den technischen Truppen ein Major, auch bei den Fliegern ists faul ... Fortsetzung folgt. Nun genug für heute! ... Rot Front!“

Max war auf diese Auskunft sehr stolz.

„Natürlich“, wiederholte er für sich, „einen Platz zu räumen und dazu nur verhältnismäßig geringe militärische Kräfte einsetzen: das bedeutet den Willen, den Vorsatz haben, es zu einem Zusammenstoß kommen zu lassen. Das ist absichtlicher Massenmord von seiten der Regierung. Mißverständnisse und Irrtümer sind bei der verhältnismäßig langen Zeitdauer dieser Exekution völlig ausgeschlossen ... Ein neues Schandwerk der Volksverbrecher ... Aber alles was sie tun, zwingt sie mit unerbittlicher Folgerichtigkeit in ihre eigene Katastrophe hinein ...“

An der Ecke seiner Straße traf Max auf seinen Zimmernachbarn, den Straßenbahnschaffner.

„Na, und –“

„Schon beschlossene Sache: Morgen ist Generalstreik. Einstimmig angenommener Beschluß ... Sollst sofort in das Lokal von Fritz kommen ... Wartete auf dich, um dir das zu sagen ... ich hab einen anderen Auftrag, muß noch in die Stadt ...“

Aus seiner inneren Manteltasche zog der Straßenbahnschaffner ein Pack Klebestreifen hervor.

„Nieder mit der Mörderregierung! Es lebe die Diktatur des Proletariats! Generalstreik! Alle Macht den Räten!“

X

Max klopfte sein Zeichen.

Der eiserne Rolladen vor der Eingangstür der kleinen Gastwirtschaft hob sich ein wenig, Max schlüpfte hindurch.

Ungefähr fünfzig Genossen waren anwesend.

* * * * *

Niemand sprach ein Wort.

Der Genosse Lange saß in der Ecke, den Kopf eingebunden, so kreidebleich, staunte Max, habe ich noch nie einen Menschen gesehen.

Lene schluchzte in sich hinein.

Es dauerte eine halbe Stunde.

Einer stand hin und wieder auf und ging vor sich hersummend unruhig auf und ab.

Hie und da zählte einer still für sich die Anwesenden.

Zehn Genossen waren noch dazugekommen.

„Nun aber Schluß!“ Genosse Lange erhob sich.

„Wer fehlt!?“

Dann erstatten die Betriebszellenobleute kurz Bericht.

„Also, das sind allein von unserer Gruppe zehn Mann. Nahezu ein fünftel ... Auch Genosse Friedjung. Die Funktion übernimmst du, Max. Einverstanden!“

Das „ja“ war das selbstverständlichste von der Welt.

„Weiß jemand etwas vom Genossen Friedjung?“

Mehrere Genossen meldeten sich.

„Einige Polizeiagenten haben ihn herausgestochert. Er muß schwer verletzt sein. Man hat ihn über den Platz fortgetragen ... In ein Sanitätsautomobil ...“

„Gut, wir wissen Bescheid ...“

* * * * *

„Also! Genossen und Genossinnen! Morgen ist wahrscheinlich Generalstreik ...“

Max bestätigte:

„Es ist schon sicher ... Einstimmig ...“

„Also, um so besser! Wir erwarten heute noch einen Kurier der Zentrale ... Ich denke, bis dahin werde ich einen kurzen Ueberblick über die politische Lage geben ... Ich glaube, eine Diskussion zu diesem Punkt ist nicht nötig ... Dann wird inzwischen der Kurier erschienen sein, und wir werden im Anschluß daran sofort das Weitere beraten. Im übrigen: seit heute werden keine neuen Mitglieder mehr in die Partei aufgenommen. Den Revolutionsschmarotzern muß gleich im Anfang das Handwerk gelegt werden ... Dies nur nebenbei ...

„Die Kriegsgefahr zwischen Amerika und Japan hat sich bedeutend verschärft. Die Kriegsvorbereitungen haben ihren Höhepunkt erreicht. Wie das amerikanische und japanische Proletariat darauf reagiert, ist noch ungewiß. Ferner: die Hälfte aller Betriebe ist in Deutschland stillgelegt. Der Außenhandel war in dem vorhergehenden halben Jahre gleich null. Die Stabilisierung ist zu Ende ... Die Absatzschwierigkeiten aller kapitalistischen Staaten sind enorm. Auch das Mandat, das Deutschland vom Völkerbund über seine früheren Kolonien erhalten hat, konnte nicht viel retten. England hat die größten Schwierigkeiten in Indien. Der Konkurrenzkampf hat die schärfsten Formen angenommen. Eine kriegerische Auseinandersetzung ist nicht mehr zu vermeiden ... Jeden Tag also ist die Kriegserklärung zu erwarten, oder vielmehr die erste kriegerische Handlung ... Wir alle wissen, was das bedeutet ... Selbstverständlich ist es für uns gleichgültig, wer, diplomatisch gesehen, der angreifende Teil ist. Jeder der Partner ist gleichschuldig und ein Räuber ... Zur Lage in Deutschland im besonderen: überall Plünderungen von Lebensmittelgeschäften, Industriekrisen, eine ungeheure Arbeitslosigkeit, verbunden mit Hungersnot, besonders in den ländlichen Bezirken, wo teilweise von den völlig industrialisierten Großgrundbesitzern das Getreide zurückgehalten wird, Hungersnot also bei vollen Scheunen ... Die nationalistischen Banden bewaffnen sich ... Zu gleicher Zeit starke Tendenzen, den Krieg gegen Russland zu proklamieren als „heiligen Krieg“ und damit im Zusammenhang der Entschluß der kapitalistischen Regierungen, zu diesem Zweck die revolutionäre Arbeiterschaft mit treuer Unterstützung der allerdings heute völlig isolierten SPD.-Führerschaft entscheidend aufs Haupt zu schlagen ... Also, wir befinden uns alle inmitten eines Krisenwirbels von internationalem Ausmaß ... Die weitesten Kreise der werktätigen Bevölkerung stehen heute hinter uns und sind bereit, mit uns ...“

Der Kurier der Zentrale stürzte herein.

* * * * *

Und!

?

Er schüttelte kräftig dem Genossen Lange die Hand.

Alle Genossen waren wie elektrisiert aufgesprungen.

Und –

Und –

Nur zwei Worte brachte der Kurier noch heraus:

„Generalstreik! ...“

„Krieg dem Krieg!“

Viele Genossen umarmten sich. Einige heulten drauf los.

Einer flüsterte nur immer wieder die Namen:

„Rosa!“ „Karl!“ „Lenin!“

„Bravo! Nun Gott sei Dank! Endlich!“

Lene stürzte auf Max zu:

„Na, Max, hab ichs nicht gleich gesagt ...“

Max sang leise vor sich hin.

„Daß ich das noch erleben durfte ...“

„Nun aber zur Sache!“

Der Kurier stürzte fort.

Es war feierlich und ernst.

Eingehend wurden die einzelnen organisatorischen Maßnahmen besprochen.

XI

Die Regierung beriet ununterbrochen Tag und Nacht.

Die Herren kamen kaum noch zum Essen ...

Das Regierungsviertel war ein offenes Heerlager.

Die Keller der Regierungsgebäude waren in Waffenmagazine umgewandelt worden. An jeder Straßenecke Alarmmelder. Ueberall ragten Antennenmasten.

Die Bannmeile ward erneut militärisch-mechanisch abgesperrt ...

* * * * *

Der Präsident der Republik war damals schon altersschwach. Er litt an Arterienverkalkung. Er saß in einem der Konferenzzimmer in einem hohen Lehnstuhl, dessen Rückenwand mit dem Adler und mit den Reichsfarben geschmückt war. Er trug Pulswärmer und hatte die geschwollenen Füße in ein dickes Plaid eingewickelt. Seine Frau titulierte er mit dem Kosenamen „Schnucki“. Die Augenbrauen waren ihm nach Bismarck-Art buschig über der Nasenwurzel zusammengewachsen. Er atmete schwer. Von Zeit zu Zeit erhob er sich, eine Klingel schrillte durchs Haus, aus allen Beratungszimmern strömte es herbei, und der Präsident sprach: „Hochansehnliche Versammlung! Hohes Haus! Einigkeit macht stark. Unsere Stärke ist die Einigkeit. Schon damals, als mich das Vertrauen des Volkes auf diesen hohen und verantwortungsvollen Posten berufen hatte, erklärte ich, daß ich mich besonders der Armen und Elenden annehmen werde, aller jener, die in dem gewaltigen wirtschaftlichen Ringen unserer Zeit nach Aufopferung ihrer Kräfte zu Boden liegen. Mein Bestreben bleibt es auch heute, die Klassengegensätze zu mildern, ich reiche darum heute erneut jedem Deutschen feierlich die Hand. Durch Treue und Pflichterfüllung auch im Kleinsten müssen wir uns die Achtung in der Welt wiederverschaffen. Durch Selbstachtung zur Weltachtung! Dann kann Deutschland nicht untergehn ... Treue um Treue! ...“

Diese Rede las er ab.

Das Blatt knisterte bedenklich. Der Präsident litt auch an einem ausgesprochenen Tatterich.

„Hat der Trottel den Aufruf „An mein Volk“ jetzt endlich unterzeichnet!?“ fragte inzwischen ein höherer Militär einen Sekretär des Innern.

Der Sekretär nickte diensteifrig.

„Alles druckfertig, Exzellenz, hier in meiner Mappe ... Man mußte ihm dabei die Feder führen ... Schrecklich, nicht wahr, schrecklich ...“

* * * * *

Ueber das Land war der Ausnahmezustand verhängt. Die Militärdiktatur war errichtet.

Die Zimmer, in denen wirklich über Wohl und Wehe des Landes entschieden wurde, lagen in einem anderen Stockwerk. Die Minister und die einzelnen ministeriellen Abteilungen wurden von dorther nur kurz unterrichtet und hatten weiter nichts zu tun, als binnen kürzester Frist die einzelnen Ordres genau nach Anweisung auszuführen.

Die sämtlichen militärischen Befehlshaber der einzelnen Kommandobezirke der Hauptstadt waren erschienen. Der englische und der amerikanische Militärattaché waren ebenfalls zugegen.

* * * * *

Der Chef des Generalstabes referierte: