(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 16
Während Peter versuchte, trotzdem dem Stänker noch einmal klarzulegen, was eigentlich eine Partei sei und wie er sie von seinem individuellen Standpunkt aus vollkommen schief sehe, ja sie auch, da er ihr inneres Leben und ihre innere Gesetzmäßigkeit nicht kenne, völlig daneben beurteilen und sie aus seinem ganzen blödsinnigen Egozentrismus heraus kindisch verzerren müsse.
„Wenn sich einer wie du immer um sich selbst dreht, glaubst du, der bekommt eine richtige Uebersicht ...? Die Umgebung erscheint dann natürlich unter einer individuell willkürlich verzogenen Perspektive.“
Und weiter erläuterte Peter, daß die Partei mit einer gewaltigen Filtriermaschine vergleichbar sei, in der jeder einzelne, ohne Rücksicht auf seine Funktion, ordentlich durchtrainiert und durchgeknetet werde und sicher in kürzester Frist bald auf einen Platz zu stehen komme, wo er letzten Endes seiner Begabung und Veranlagung nach hingehöre.
„Sicher, es gibt Reibungen, muß solche geben, es geht nicht immer alles so glatt ab, aber wozu diese Verweichlichung, lernen wir nur ein wenig den Ellenbogen gebrauchen, man muß es dem anderen deswegen nicht gleich so krummnehmen. Die Korruption wird nie ganz auszuschalten sein, trotzdem, natürlich, sie muß aufs Aeußerste reduziert und darum auf das Heftigste, überall dort, wo sie auftritt, bekämpft werden: aber, die revolutionäre Bewegung, aus dem Schoß der kapitalistischen Gesellschaft geboren, trägt deutlich die Zeichen ihres Ursprungs an sich ... Das nicht begreifen heißt, von Dialektik auch nicht das geringste verstanden zu haben ... Und nun, mein lieber Gottlieb Jeremias Stänker, treib es mit deinen Anschuldigungen nicht allzu toll, kühle dich ein wenig ab, verordne dir selbst eine kalte Abreibung, ich kann dir zum Schluß nur sagen: die Partei leistet heute wirklich, magst du es anpacken, wo du willst, positive Arbeit und daß es keine bessere Zentrale gibt als die, die wir heute haben, das ist gewisser als gewiß ... Es gibt aber immer zweierlei Kritik ... Na, Freundchen Stänker, du verstehst, was ich meine ...
„Und nun, mein Lieber, will ich dir noch sagen, was ich für eine Auffassung von einem Kommunisten, der diesen Namen zu recht trägt, habe. Schreib dirs, wenn dus kapiert hast, hinter die Ohren. Jeder Kommunist muß wissen, daß er, wo auch immer: im Betriebe, in der Gewerkschaft, in der Genossenschaft, nur dann voll seine Pflicht tun kann, wenn er in jeder Beziehung den Arbeitern ein Vorbild ist: der aufgeklärteste, gebildetste, geschickteste Arbeiter in der Betriebsversammlung, der energischste, mutigste, klassenbewußteste dem Unternehmer, Direktor, Antreiber gegenüber; der eifrigste, aufopferndste Gewerkschafts- und Genossenschaftsarbeiter, der sachlichste, positivste, kampfbereiteste als Betriebs-, Gewerkschafts-, Genossenschaftsfunktionär, kurz, überall dort, wo er Arbeiter vertritt. Jeder Kommunist muß sich der Verantwortung für jede Aeußerung bewußt sein. Sachlichkeit, Positivität, kritische Schärfe, Unerschrockenheit, glühender Haß und kalter Verstand allen Bonzen gegenüber, Geduld, große Geduld allen andersdenkenden Arbeitern gegenüber, organisatorische Fähigkeiten, Werben unter den Unorganisierten für die Gewerkschaften zur Verstärkung des kommunistischen Einflusses, Fähigkeit mit der Feder einfach, präzis, wirklichkeitsgetreu umzugehen, Abstreifen jedes zünftlerischen, spießbürgerlichen, individualistisch verseuchten Geistes, jeder Art von luxuriöser Gehirnfatzkerei – das muß die Partei von jedem ihrer Mitglieder verlangen, und nur der, der diesen Anforderungen voll gewachsen ist, verdient den Ehrentitel eines Kommunisten.“
Und Peter verabschiedete sich mit einem kurzen Ruck vom Stänker.
Der rief ihm noch nach:
„Bei Philippi sehen wir uns wieder! Denk an mich! Mit der Parole „Diktatur des Proletariats!“ gewinnt ihr keinen Blumentopf ...“
Und hopste verbissen von dannen.
* * * * *
Peter widerte es an.
„Wozu nun diese lange Auseinandersetzung? Ein hoffnungsloser Fall. So einer wird aus seinen Komplizierungen und seelischen Verkrümmungen heraus eines Tages noch zum Spitzel ... Das Besondere, das Originale, das Interessante, das ist bei diesen sensationslüsternen, pseudodämonischen Individual-Säuen die Hauptsache! Nervenkitzel und Seelenschleim, mit einem tüchtigen Schuß „Gottes-Rummel“ gemischt: diese Welt liegt hinter uns ...
„Komische Käuze!
„Der eine lebt nach dem Motto: „Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich lebe vegetarisch: mein Kopf ward schon zum Kohlkopf ...“ Ein anderer hat schon den Zustand des reinen Wurzelkauertums erreicht und ein dritter endlich, ein biederer Schmock von Stinnes Gnaden, wittert rote Morgenluft, stellt sich um und fristet sein Dasein als feiste Revolutionswanze ... Lebendige Leichname sind am schwersten totzukriegen.“ –
Auch der Inhaber eines kleinen Kramladens, Eugen Brennessel, der „Heringsbändiger“ genannt, erkundigt sich neulich eingehend bei Peter, meinte aber am Schluß ganz treuherzig: „Nur glaub ich nicht, daß Sie auf diese Weise es zu etwas bringen werden ...“
V
Max und Lene saßen beieinander.
„Und morgen ist der 1. Mai ... Ach, Max, wenn ich an die Maifeiern bei der SPD denke, mir wird bei der Erinnerung noch ganz übel ... Die vielstimmigen schmalzigen Männerchöre und die Reigentänze ... Dieses ganze „Jupeidi Jupeida“. Einmal haben wir sogar aufgeführt: „Sah ein Knab ein Röslein stehn ...“ Und dann die Umzüge: im Gehrock, die Angströhre aufgestülpt, den Zylinder, mit roter Schärpe um und die Blechmusik an der Spitze: Tschindarassa ... Es war wirklich ein schöner gemütlich-biederer sozialdemokratischer Bußbrüder- und Betschwesternverein ... Ich bin froh, daß es jetzt gründlich aus ist mit diesen Spießbürgerparaden ... Weißt du was, morgen wird es großartig werden. Der Aufmarsch! Der große Sprechchor! Die roten Frontkämpfer! ... Aber es ist jetzt auch eine Zeit! In der ganzen Welt wird morgen das Proletariat aufstehen, wir sind wieder gewaltig mächtig und selbstbewußt geworden ... Es ist freilich eine Lust zu leben! ...“
„Ja, Lene, auch ich, wenn ich zurückdenke ... Damals, bei den Sozialdemokraten ... Eine abscheuliche Erinnerung! ... Wir haben uns einfach verlaufen. Jetzt erst weiß ich richtig, wozu ich in der Welt eigentlich da bin ...“
„Ach, Max, ich bin ja auch so sehr glücklich ...“
Nun kam auch schon der Genosse Lange.
„Na, ihr beiden! ... Und du, Max, du Dr. Unblutig des Klassenkampfs! ...“
„Gut gehts, Wilhelm ... Wir haben gerade von früher gesprochen ... Was den Dr. Unblutig anbelangt: laß mich aus damit, mit dem, was gewesen ist, bin ich fertig ... Strich darunter: und ich glaub, ich hab in den letzten Monaten meine Parteivergangenheit nachgeholt ...“
„Also: nichts für ungut, Max. Ich widme dir hiermit – wie es so schön in dem Bericht über eine SPD.-Bonzenzusammenkunft heißt – einen Anerkennungsschluck! Prost! ... Ja, Max, an den Heimweg von damals hab ich noch oft gedacht! ... Halsstarrig wart ihr, dickschädelig ... mich hats oft recht gewurmt und dabei in der Hand gejuckt. Hätt aber damals auch nicht viel geholfen ... Na, und was sagst du zu den Nachrichten über China, über die amerikanischen Manöver, zu dem intensiven Wettrüsten!? ... Und hast du den Artikel über den Gaskrieg von den amerikanischen Genossen gelesen?! ... Ich glaub halt immer, wir müssen schleunigst unsere Arbeit verdoppeln ... Ganz gewaltig scharf auf der Hut sein! ...“
„Was ich dazu meine!? ... Wenn man bedenkt, wie wir 1914 ausgezogen sind: mit blanken Knöpfen an den Uniformen, mit der Pickelhaube auf, meist noch ohne Ueberzug, und wenn man sich jetzt klarmacht, wie rapid schnell die ganze Kriegstechnik während des Krieges selbst sich entwickelt hat, und daß man sich allem Anschein nach auch nach Kriegsschluß nicht auf die faule Bärenhaut gelegt hat, sondern weitergearbeitet und weiterexperimentiert hat, so muß man meines Erachtens schon ein ganz phantasieloses und borniert verblendetes Rindvieh sein, um nicht einzusehen, daß ein kommender Krieg eine ganz höllische Sache sein wird, mit der verglichen der vorhergegangene Krieg sich noch wie eine harmlose Holzerei ausnehmen wird ... Und daß wir Proleten dabei eine wesentlich andere Rolle spielen werden, die Regie hat uns gleichsam die Statistenrolle übertragen, nur haben diesmal eben die Statisten ganz und gar allein den Hauptdreck auszufressen ...“
„Das weißt du ja auch schon, daß morgen die vaterländischen Verbände aufmarschieren wollen. Da wirds wieder ein „Gloria! Gloria! Victoria!“ gröhlen, wenn wir Proleten ihnen nicht ordentlich diesmal das Maul verstopfen ... Auch die Polizei liegt in erhöhter Alarmbereitschaft. Truppen sind um Berlin konzentriert. Man wird uns provozieren wollen ... Also: Vorsicht! ... Es sind auch von der Zentrale dahingehend entsprechende Vorkehrungen getroffen worden ... Na, wir sprechen uns ja morgen früh im Lokal noch ... Gute Nacht beieinander! ...“
VI
Max überlegte sich noch einmal den Artikel über den kommenden Krieg. Keine Uebertreibungen, sagte er immer wieder zu sich selbst. „Natürlich, es ist wahrscheinlich: zuerst geht es schon noch mit Tanks und mit Brisanz und mit Dreadnoughts los. Die Bombenflugzeuggeschwader mit Gasmunition: das ist sozusagen der Clou. Der neue Krieg wird kein hundertprozentig reiner chemischer Krieg sein, auch hier gibt es Uebergänge, Variationen, Kombinationen wie überall, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist tief miteinander verfilzt, das ist knorpelig ineinander verwachsen und löst sich nicht so abrupt von einander los ... Ganze Industriegebiete werden zwar gegen die Sicht der Flieger eingenebelt werden. Aber andererseits gibt es auch bereits Apparate, mit denen man von über 3000 Meter hoch genaueste Standortfeststellungen machen kann. Die Einnebelung wird also wenig Zweck haben. Nur als Vertröstung, als Beruhigungsmittel im ersten Augenblick ... Und die, die das Geld dazu haben, werden natürlich die Gefahrenzone schleunigst verlassen und sich auf dem Land in Sicherheit bringen ... Ja, wenn es in der Macht der einzelnen imperialistischen Gruppen läge, ich glaube ihren flennenden Versicherungen gern, der Krieg ist heute bei dem hohen Stand des Klassenbewußtseins des Proletariats ein großes Risiko und sie möchten natürlich am liebsten den Krieg vermeiden ... Aber das System, dessen Gesetzmäßigkeit sie treibt und zum Handeln zwingt, ist stärker als ihr Wille ... Sie müssen, ob sie wollen oder nicht ... Und für die Arbeiterschaft heißt es diesmal endgültig: verrecken oder kämpfen. Etwas anderes gibt es gar nicht ... Ich glaube aber auch nicht mehr, daß einer der unseren noch auf die pazifistischen Schwindeleien hereinfällt ... An diesem Schmus hat sich heute die Mehrzahl der Menschheit bereits ordentlich überfressen ... Ein deutlich hörbares Bauchgrimmen geht durchs Land ...“
* * * * *
Es war am Vorabend des ersten Mai.
Wie ein gewaltiger atmosphärischer Druck so drückte es auf die Stadt herein.
Alles war noch „verdeckt“, da und dort an den Straßenecken sah man Gruppen von Menschen, die debattierten, die einen oder anderen begrüßten sich mit „Rot Front!“ oder mit „Heil!“, die Läden waren überfüllt, vor Lebensmittelgeschäften stand man Polonaise, in langen Windungen kroch vor den Brotgeschäften die Schlange der Hausfrauen. „Wie einst im Mai ... In unserer herrlich großen Weltkriegszeit nämlich ...“
Eine Abteilung Motorradfahrer der Schutzpolizei durchknatterte jetzt die Straße, ein Tank manövrierte quer über einen Platz ...
Die ganze Stadt rüstete ...
Sie war wie ein unsichtbares Kriegslager ...
* * * * *
„Au Backe!“ entfuhr es Max beim Anblick eines Kampfwagens. Der trug in weißen ungelenken Buchstaben den Namen „Totila“, vorne an der Motor-Haube einen Totenkopf. „Eine geballte Ladung Handgranaten darunter, und wie ein Kartengehäuse klappt diese ganze Stahlschachtel auseinander. Auch abblocken oder, was schon vorgekommen sein soll, ein wohlgezielter Schuß eines Scharfschützen durch den Sehschlitz: auch damit wird der Bursche zu erledigen sein. Aber trotzdem: so ein Kerl schlaucht einem gewaltig ... Das psychische Moment dabei ist das Wichtigste ...“
Die Nachricht kam:
Eine Erwerbslosendemonstration ist in der Linienstraße von der berittenen Hundertschaft zur besonderen Verwendung zusammengehauen worden. Tote. Viele Verletzte ... Auch Plünderung von Lebensmittelgeschäften im Norden der Stadt. Offenbar: Provokateure an der Arbeit. Ein Aufruf der Regierung kam heraus mit Amnestieversprechen, Ankündigung ausreichender Lebensmittelzufuhr im Lauf der nächsten Tage, mit einem ausführlichen Dementi aller Kriegs- und Krisengerüchte. „Einigkeit macht stark. Unsere Stärke beruht in unserer Einigkeit.“ Solche und ähnlich bereits historisch sattsam bekannte Flausen, von denen kaum noch jemand Notiz nahm, wenn nicht mit einem bissigen Witz, ließ der damalige Reichspräsident tagaus tagein wieder durch die Presse austrompeten ...
Die ganze Wirtschaftslast lag auf den Knochen der Arbeiter. Mit den Knochen der Arbeiter wurde gezahlt, die Knochen der Arbeiter selbst wurden zu einem Spottpreis an ausländische Finanzcliquen verschachert, an allen Ecken und Enden händerangen und feilschten kreischend die Finanzmagnaten: „Knochen her! Wir brauchen Knochen! Knochen!“
Alle Klassenkräfte befanden sich damals in einer ununterbrochenen Bewegung, ein steter Fluß, jeder Tag brachte eine neue Situation, ganze Gesellschaftsschichten tauchten plötzlich unter in einem jener gespenstischen Krisenwirbel, wie sie damals an der Tagesordnung waren; das alles wechselte und veränderte sich im Laufe einer Stunde.
„Nichts steht fest. Nicht einmal das.“
Aus dieser Stimmung heraus kam es oft genug zu Selbstmord und Wahnsinn.
Lohnkämpfe. Teilstreiks. Ueberall Ansätze zu einer Massenaktion. Ueberall Ausbrüche der Volkswut. Eine elementare Verzweiflungswelle fegte über ganze Landesteile.
Die Frontlinien des bevorstehenden Kampfes zeichneten sich immer deutlicher ab. Es drängte an vielen Orten bereits stürmisch zur Entscheidung. Die einzelnen Führungen hielten noch zurück ...
Die meisten Menschen blieben in dieser Nacht zusammen.
Viele gingen, trotzdem die Regierung teils pathetisch-beschwörend, teils energisch drohend dazu aufforderte, nicht von der Straße –
VII
Draußen vor der Stadt war ein warmer Frühlingstag.
Der Wind fegt übers Land.
Das Gras fließt ...
Kolonnen von Landarbeitern marschieren stadtwärts.
Auf allen Wegen Landarbeiterkolonnen, sie tragen rote Fahnen, singen: „Wacht auf ...“
Ein alter Bauer sitzt, an der Pfeife nagend, vor seiner halb verfallenen Hütte:
„Bravo, Jungens, machts gut! ... Dann baut ein neues Dorf auf, das alte ist ja so zu nichts mehr zu gebrauchen ... Bevor dieses Jahr das Korn in die Scheuer fährt, wird die Erde noch viel Menschenblut in sich hineinstürzen. Meine Hand ist trocken. Der Boden hitzig. Das bedeutet Menschenblut ... O, das sind Zeiten ...“
„Recht so, Alter!“ schreien ein paar junge Burschen zu ihm herüber: „Nur den Mut nicht verlieren! Wir schaffens schon ...“
Der ferne Dunstschleier zerreißt. Näher rückt heran die Stadt. Wie ein noch schlafendes Steinungeheuer liegt sie da, die Vororte inmitten breiter Flächen Grün wie Tatzen.
Kein Fabrikschlot raucht.
Keine Kirchenglocke läutet ...
Eine Pappelallee zieht sich am Horizont hin, wie eine Reihe schwarzschwälender Flammen ...
* * * * *
Ganze Stadtteile sind seit dem frühesten Morgen von Polizei und Militär abgesperrt.
Die sämtlichen Zufahrtsstraßen zur Stadt sind durch Panzerwagen und Maschinengewehrabteilungen gesichert.
Erkundungsflieger kreisen hoch in der Luft.
Die Eisenbahngleise entlang streifen Militärpatrouillen.
Ein Panzerzug rangiert: jetzt gibt er Volldampf und heult der Stadt zu.
* * * * *
Immer wieder werden die Landarbeiterkolonnen abgedrängt.
Es wird schon gegen Mittag.
Unruhig kreisen sie um die Stadt.
Sie müssen durch –
Im Südosten brechen sie endlich herein. Dort sind die Arbeiterbezirke.
Von den Offizieren der Absperrungskommandos wird der Befehl zum Feuern gegeben.
Viele Soldaten schießen nicht. Viele halten in die Luft ...
Die Offiziere werden an die Wand gedrückt.
Gewehre und Bajonette zerbrechen ...
Die Absperrungskommandos sind überrannt.
Laut singend, geschlossenen Zugs, marschieren die Landarbeiter weiter ...
Aus jeder Straße strömt jetzt ein neuer Zug.
„Des Volkes Blut verströmt in Bächen“, singen die einen.
Die anderen:
„Bolschewisten! Bolschewisten! Edelste der Kommunisten!“
Auf den Balkonen beugen sich Menschen herab, in die Hände klatschend. An den Straßenecken begrüßen die Marschierenden große Menschengruppen im Chor:
„Rot Front! Rot Front! Rot Front!“
Es trommelt.
Es pfeift.
Trompetensalven schmettern darein ...
* * * * *
Das Militär wird zurückgezogen.
Hie und da fern am Straßenende sieht man noch einen Panzerwagen davonrattern.
In den Flanken ist der Arbeiterzug durch Radfahrerabteilungen gesichert.
Auf den Dächern sind Arbeitertrupps aufgestellt, sie winken mit den Mützen.
Ob die Regierung im letzten Augenblick noch ein Versammlungs- oder Demonstrationsverbot erlassen hat, ist nicht mehr in Erfahrung zu bringen.
Die ganze Stadt ist ein gewaltiger, roter Menschenwirbel.
Frauen mit roten Kopftüchern. Der Jung-Spartakus-Bund. Greise. Witwen und Waisen. Aber es marschiert auch ein Frauen-Regiment auf, genannt „Regiment Rosa“. Hell schmettert Gesang aus ihren Reihen ...
* * * * *
Auf den Asphaltstraßen der Stadt dröhnt daher ein roter Menschenmassen-Orkan.
Da marschiert an, langsam und immer wieder stockend, der Zug der Kriegsopfer: manche werden auf Bahren getragen, die meisten humpeln sich mühsam vorwärts auf monoton klappernden Krückstöcken, da ist die Abteilung der Erblindeten, hier die der Armlosen, hier die der Beinlosen, hier sind welche, die nur einen gliederlosen Rumpf noch ihr eigen nennen. Hier werden Tafeln getragen: „Wir sind das ABC des Kriegs!“ Oder: „Krieg dem Krieg!“ Oder: „Proletarier, gedenkt des imperialistischen Kriegs!“
Ohne Musik marschiert der Zug.
Ein Skelett an der Spitze, mit der Zahl: 13 Millionen.
Die Straße erstarrt. Die Häuserpforten erstarren. Jedes Wort gerinnt im Mund. Das Leben friert ... Es ist großes Schweigen.
Schweigend marschiert der Zug. –
* * * * *
Im Westen der Stadt sind die vaterländischen Verbände aufmarschiert.
In straffester militärischer Disziplin.
Die Mannschaften sind außerordentlich gut und modern eingekleidet. Sie haben den Sturmriemen umgeschnallt. Feldflasche und Brotbeutel. Viele tragen den Stahlhelm. Pistolen. Auch Leinwandsäckchen mit Eierhandgranaten.
Eine Unzahl Autos und Lastkraftwagen stehen ihnen zur Verfügung.
In einer Autogarage befindet sich ein Waffenlager. Dort in einem Bankhaus eine Befehlsstelle. Nach überall hin durch Kuriere verbunden.
Eine Feldtelephonleitung wird unter besonderer Sicherung jetzt nach vorne gelegt.
Die Spitzentruppen setzten sich unauffällig in Bewegung.
Der Westen ist tot, ausgestorben. Jalousien und Läden sind heruntergelassen. Nur wenig Menschen zeigen sich noch ... Wo überhaupt noch Verkehr ist, kann man immer mit ziemlicher Sicherheit ein Munitionsdepot oder eine Reservestelle vermuten.
Ein grauhaariger Spitzbart instruiert an einer Straßenecke nochmals seine Gruppe:
„Treudeutsch!“ schließt er seine Instruktion.
„Allewege!“ schnarrt es ihm zurück.
Die deutsche Kriegsflagge weht. Schwarzweißrot. Hakenkreuzstandarten.
Trommler, Trompeter, Pfeifer.
Die Eichenstöcke, mit eisernen Spitzen versehen, schultern sich.
„Achtung!“
„Ohne Tritt! Marsch ...“
Parole: „Baltikum.“
„Die Vöglein im Walde ...“ „Das Flaggenlied.“
Die Gesichter unter den Stahlhelmen sind hartkantig, erdig. Zum Aeußersten entschlossen. –
* * * * *
Die Kasernen der Schutzpolizei und des Militärs werden durch Stacheldrahtverhaue abgesperrt.
An der Bannmeile ist eine mechanische Barrikade aus einem Geschwader Panzerwagen und gepanzerter Lastkraftwagen errichtet.
Festen Schritts marschieren dort stundenlang die roten Bataillone vorüber.
Es wird gegen 3 Uhr nachmittags.
Zu Zusammenstößen ist es nicht gekommen. Kleine Zwischenfälle, nicht der Rede wert.
Auch von den „Vaterländischen“ ist weit und breit nichts zu sehen.
Wie es heißt: sie sind wieder in ihre Quartiere abgerückt.
Und so findet das Arbeiter-Riesen-Meeting auf einem Platz mitten im Stadtzentrum statt.
* * * * *
Es sind über Hunderttausende.
Aus allen Straßenmündungen preßt es sich schwer herein.
Die Roten Frontkämpfer halten den Ordnerdienst.
Die ungeheure Anzahl der roten Fahnen: sie flattern in der Luft wie glühende Flammenzungen.
Jeder Betrieb hat seine Fahne.
Ein langgezogener Trommelwirbel ...
Von den Dächern widerhallt es.
Ueber die ganze Innenstadt hin fluten die Trommelwellen.
Ein Trompetenstoß.
Elektrisch zuckts in den Gliedern ...
Das Meeting beginnt.
* * * * *
Ein Sprechchor, tausend Genossen und Genossinnen, donnert empor.
„Der erste Mai!“
Dann:
Alle singen.
Ist dies ein Gesang noch!? Es ist ein Stimmenstrom, eine Riesenklangwoge, die sich hebt und senkt, die aufsteigt, anschwillt, in Millionen von Stimmenlichtern blinkend, jäh und steil sich überschlägt, dann ruhig wieder und gewaltig ihres Weges dahinzieht ... Nur die letzte Strophe: die Stimmen verstärken sich, es schlägt auf: hart, gehackt, rhythmisch: als eine eiserne Brandung.
Durch einen Schalltrichter wird verkündet:
„Ein amerikanischer Genosse spricht!“
Zwei Arme schwingen, zwei Fäuste ballen sich: jetzt wächst die Menschengestalt übermenschengroß heraus aus der Tribüne.
„Wir amerikanischen Genossen, wir grüßen dich, deutsches Proletariat! Wir stehen vor der Entscheidung ... Die Kriegsrüstungen ... Der Krieg gegen Rußland. Gegen Japan ... Und euere Regierung: wißt ihr von den Geheimverträgen, den geheimen militärischen Bündnissen ... Deutschland, das Aufmarschgebiet gegen Rußland ...“
Ein tosender Millionenschrei stieß in diesem Moment hoch:
„Nein! Niemehr! Nimmermehr! Bürgerkrieg!“
Der amerikanische Genosse fuhr fort:
„Der Völkerbund hat den Krieg gegen Russland gefordert! Ueberall Kommunistenverfolgungen, Hinrichtungen, Pogrome, Massakres ... Es lebe die Diktatur des Proletariats! Sie allein vermag diesem menschenmörderischen, niederträchtigen Spuk ein für alle Mal ein Ende zu machen! ...“
„Die amerikanische Kommunistische Partei! Sie lebe –“
„Hoch! Hoch! Hoch!“
Nur: Wortbrocken, Sprachfetzen.
Aber den Sinn verstand jeder.
Und schon spricht der japanische Genosse, der russische, ein bulgarischer Genosse spricht.
„Genossen! Deutsche Kommunisten! Deutsche Arbeiter! Deutsche Proletarier! Die Stunde zum Handeln ist da! Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Tag der Abrechnung mit den Volkspeinigern und Volksmördern ...“
Wieder ein Zwischenschrei:
„Nieder mit den Verrätern des Volks ... verrecken ...
„Genug jetzt der Foltern und Bestialitäten! Wir setzen dieser vergangenen Zeit den Grabstein ... Heute, am ersten Mai: überall, bei den kleinen japanischen Maisbauern, bis hoch hinauf in die einsamsten Bergdörfer Chinas: der Sturm bricht los, der Sturm erfaßt Höhen und Tiefen, über Deutschland hinweg, über Europa hinweg, von Asien über Afrika; in allen fünf Erdteilen: die große rote Sturmglocke läutet: das werktätige Volk, das Proletariat steht auf ...“
Für die Frauen spricht Genossin Martha, eine alte erfahrene Bolschewistin, zehn Jahre Zuchthaus hat sie hinter sich, sie hat auch mit der Waffe in der Hand gekämpft, sie ist lungenkrank, jedes Wort preßt sie aus sich heraus, immer wieder von begeisterungsflammenden Zurufen unterbrochen: „Auch wir Frauen, das geloben wir, werden unsere Pflicht tun. Wir Genossinnen werden nicht hinter euch, Genossen, zurückstehen! Verlaßt euch darauf!“
Ein deutscher Genosse erhält noch das Wort: