(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 15
Uebrigens scheint der Neue das Klopfen nicht zu verstehen. Morgen muß ich versuchen, ihm das Klopfalphabet zuzustellen. Durch wen? Ich überlege. Denke an verschiedene Kriminelle, die Zutritt zum unteren Korridor haben. Am einfachsten wäre es ja, den Brief durchs Fenster an einem Strick hinabzulassen. Doch das ist gefährlich. Die Posten haben Befehl, zu feuern, sobald sich jemand am Fenster zeigt. Ich werde mit Butkewitsch sprechen. Der hat als Putzer zu allen Zellen unseres Korridors Zutritt. Vielleicht kann er mir helfen. Es eilt ja auch nicht. Morgen wird sich schon ein Weg finden. Ich schließe die Augen und versuche zu schlafen. Lange höre ich noch das Knarren des Fensters, lange höre ich noch das Heulen des Windes ... Dann aber allmählich legt sich bleierne Müdigkeit wie ein Reifen um die Stirn, und ich schlafe ein ...
Langsam dreht sich der Schlüssel im Türschloß. Einmal, zweimal. Knarrend geht die Tür auf. Ekelhafter Geruch von Dutzenden von Paraschas (Eimern) schlägt vom Korridor in die Turmzelle. Ich öffne die Augen. Es dämmert kaum. Gähnend steht der Wärter in der Tür, nestelt am Gurt, steckt den Revolver zurecht. „Guten Morgen“, „Guten Morgen“. Klappernd mit den Holzpantoffeln auf dem steinernen Boden, klirrend mit den eisernen Ketten, läuft Butkewitsch, der Korridorputzer, hin und her. „Guten Morgen.“ – Er läuft ans Fenster, reißt es auf und kühlend netzt die frische Morgenluft mir das Gesicht. Ich wende den Kopf zum Fenster, atme in vollen Zügen die Luft ein. Da gewahre ich im fahlen Morgenlicht auf dem Fensterbrett etwas Weißes: einen kleinen Zettel. Schnell sehe ich weg, damit der Wärter nicht der Richtung meines Blickes folgt. Doch er hat nichts gemerkt. Noch immer macht er sich gähnend am Revolver zu schaffen. Wieder klirren die Ketten und klappern die Pantoffeln: Butkewitsch bringt die leere Parascha. Schnell wechseln wir einen Blick des Einverständnisses. Dann nimmt er die leergebrannte Lampe vom Tisch, und die Tür fällt dröhnend ins Schloß. Zweimal drehte sich der Schlüssel. Ich bin wieder allein.
Einen Blick aufs Guckloch in der Tür: Nein, niemand. Ich nehme den Zettel vom Fenster. Ich erkenne die Handschrift, ein Genosse vom unteren Korridor schreibt mir: „Genosse! Gestern nacht hat man einen Neuen gebracht. Du kennst ihn nicht. Er sitzt unter Dir im Turm. Morgen wird er zur Hinrichtung transportiert. In unserer Zelle sitzen seine Freunde. Sie wollen ihm einen letzten Gruß senden. Jede Verbindung mit seiner Zelle im unteren Korridor ist abgeschnitten. Versuche den beiliegenden Zettel zu ihm zu schaffen. Es sind letzte Abschiedsgrüße. Dank im voraus ...“
Den ganzen Vormittag gehe ich in meiner Zelle auf und ab und überlege. Unten ist die Verbindung mit ihm abgeschnitten. Es gibt nur ein einziges Mittel: Ich muß ihm den Brief durchs Fenster zustellen ...
Als ich um zwölf das Mittagessen in Empfang nehme, raune ich Butkewitsch zu: „Das Telephon!“ Er nickt. Eine halbe Stunde später bringt er heißes Wasser für den Tee. Der Wärter bleibt in der Tür stehen. Butkewitsch macht sich am Tisch zu schaffen. Der Wärter wird ärgerlich. „Na, wirds bald?“ Da beginnen zwei Kriminelle in dem Korridor Streit. Absichtlich, um den Wärter abzulenken. Laut schallen die Schimpfworte. Der Wärter geht hinaus. „Wollt ihr wohl Ruhe halten!“ Butkewitsch benutzt den Augenblick, zieht unter seiner Jacke ein Bündel hervor, wirft es schnell unter meine Pritsche und geht auch hinaus. Auf dem Korridor ist es wieder ruhig, der Wärter kommt zurück, läßt seine Blicke prüfend durch die Zelle schweifen und geht dann auch hinaus. Die Tür fällt ins Schloß, wieder knarrt zweimal der Schlüssel und wieder bin ich allein. Das „Telephon“ liegt unter der Pritsche: ein langer Strick aus Fetzen von Bettüchern zusammengesetzt. Der Zettel ist in einer Spalte der Wand versteckt. Ich muß warten. Ein dreifacher Ring umgibt das Gefängnis. Innen im Hof Gefängniswärter und Feldjäger, draußen, vor der Mauer, Schutzleute. Gerade vor meinem Fenster – ein Feldjäger. Er muß es sehen, wenn ich das „Telephon“ hinablasse. Doch ich habe Glück. Heute abend soll ein Feldjäger auf Wache kommen, der mit uns heimlich sympathisiert. Der wird schon ein Auge zudrücken. Und die Außenposten werden es nicht so schnell merken. Ich habe alles für den Abend bereit. Schreibe ein Klopfalphabet mit Erläuterungen, damit der Genosse wenigstens die letzte Nacht mit mir sprechen kann. Vielleicht hat er letzte Wünsche zu übermitteln, letzte Grüße ...
Es dämmert. Ich hocke auf dem Fensterbrett. Im Garten des Gefängnisdirektors, draußen, vor unserer Mauer, räkeln sich die Schutzleute. Innen im Hofe, vor dem Fenster, steht der Feldjäger. Sieht er mich nicht? Will er mich nicht sehen?
Ich stecke die Hand zwischen die Gitterstäbe und lasse langsam das „Telephon“ hinab. Unten baumelt der Brief. Nach meiner Berechnung muß er jetzt vor seinem Fenster sein. Ich klopfe an die Wand, um den Genossen aufmerksam zu machen. Keine Antwort. Das Telephon baumelt im Winde. Vielleicht kann er es nicht greifen, weil es so hin und her geht. Ich ziehe das Telephon wieder herauf, beschwere es mit dem Metallbecher und lasse es hinab. Gerade gespannt hängt jetzt der Strick. Jetzt muß der Brief vor seinem Fenster sein. Ich klopfe mit dem Fuß auf den Boden, klopfe mit dem schweren Holzschemel. Laut. Er muß es hören. Aber unten bleibt alles still. Keine Hand greift nach dem Brief.
Der Feldjäger wird unruhig. Er winkt mir und macht mir ein Zeichen. Ich soll aufhören. Ich beachte es nicht. Die Schutzleute an der Außenmauer haben es auch bemerkt. Laut tönen ihre Stimmen. „Hundesohn! – mach, daß du fortkommst vom Fenster!“
Jetzt gilt es. Länger kann ich nicht bleiben. Gesehen hat man mich ja doch schon. Ich presse das Gesicht an die Gitterstäbe und rufe: „Genosse! Genosse! Warum nehmen Sie den Brief nicht?“ – „Hundesohn! Wirds bald? Wir schießen!“ Und schon greifen sie nach den Gewehren. Ich lausche – noch einen Augenblick, sonst ist es zu spät. Da dringt eine Stimme von unten herauf, stammelnd und klagend, leise und kraftlos, so leise, daß ich das Gehör anstrengen muß, um zu hören: „Genos–se ... Ich kann ... den Brief ... nicht ... nehmen. Beim Verhör ... hat man ... mir ... beide Arme ... gebrochen. Genosse ... leb wohl ...“ Leise und klagend tönt die Stimme und bricht plötzlich ab.
Ein wütendes Winken des Feldjägers; die Schutzleute vor der Mauer haben schon angelegt. Mit einem Ruck reiße ich das Telephon nach oben und lasse mich vom Fensterbrett gleiten, verstecke alles schnell unter der Pritsche.
Es ist höchste Zeit gewesen. Aufgescheucht vom Lärm, macht der Wärter auf dem Korridor seine Runde. Und jetzt schaut sein Auge durchs Guckloch. Aber ich liege schon auf meiner Pritsche auf dem Rücken mit verschränkten Armen und beruhigt geht er weiter ...
Nachts als es ganz still ist und draußen vor der Tür regelmäßiges Schnarchen ertönt, stehe ich auf und verbrenne alles: das Klopfalphabet, die Erläuterungen und die letzten Grüße.
Rußig züngelt die Flamme zur Lampe heraus, ergreift das Papier und leckt gierig daran. Ein Häufchen Asche fällt auf den Tisch. Der Wind heult, fährt zwischen den Fensterritzen hindurch, und die Aschestückchen flattern durch die Zelle: Das Alphabet, die Erläuterungen und die letzten Grüße.
Unten aber sitzt der, dem sie galten. Am Vorabend seiner Hinrichtung. Mit gebrochenen Armen. Und niemand, der ihm ein letztes Abschiedswort sagen könnte.
Der Wind heult. Unruhig flackert die Flamme. Phantastisch tanzen die Schatten. Am Fußboden bewegen sich zitternd Aschestückchen.
Ich liege wieder auf der Pritsche. Hülle mich fester in den Pelz. Fröstle trotzdem. Schließe krampfhaft die Augen, beiße die Zähne zusammen. Im Ohr klingt immer noch leise und klagend die stammelnde Stimme:
„Ich kann den Brief nicht nehmen, Genosse! Leb wohl!“
* * * * *
Es ging gegen Morgen.
Peter las noch immer den Brief.
„Dieser Brief soll eine Antwort sein ... Sind denn auch ihr bei einer Voruntersuchung beide Arme gebrochen worden ...? Aber sie war doch nicht verhaftet ... oder sollte das ganz anders gemeint sein, so vielleicht, daß ...“
„Ja, so ist es!“ Nun kannte er plötzlich die Bedeutung der Antwort.
„Zehn Jahre solch eines „Zusammenlebens“, das war ihre Voruntersuchung, und jetzt ... Sie ist einfach ein körperlich und geistig gebrochener Mensch, und kann nicht mehr.“
Peter rieb sich den Schlaf aus den Augen und machte sich an seine Arbeit. –
* * * * *
Und wieder strahlte die Sonne auf.
Früher war es: die Stadt erwachte. Jetzt wacht sie Tag und Nacht.
Alle Gegenstände ringsum – Kleider, Möbel, Häuser, Straßen, was es auch sei – sprechen laut und eindringlich im Frühlicht ihre stumme Sprache:
„Im Anfang war die Arbeit. Alle Waren, die heute produziert werden, sind geronnenes Menschenleid ... Du kleidest dich in Blut und Tränen. Was du ißt und trinkst: heißt Menschenschweiß, ist Menschenbitternis ... Du schwebst nicht in der Luft. Der Grund, auf dem deine Füße stehen, was ist er anderes als eine Plattform gekrümmter Menschenrücken ...?! Unsichtbar eingegraben ist in alles, was dich umgibt, die Rune der Not ...“
So, so ist es, und nicht anders. –
II
Zur gleichen Zeit ging auch über den Schweizer Bergen die Sonne auf. Groß, rot, schmetternd ...
Ein Horn blies. Die Kurgäste, in Pelze und Mäntel gehüllt, traten aus ihren Appartements und Prachtzimmern auf die Veranden und die Balkone des Hotels „Rigikulm“ hinaus, um den Sonnenaufgang zu bewundern.
Der Kurhaussaal unten wurde eben aufgeräumt, noch hingen Girlanden, Papierschlangen und bunte Lampione herum von dem Fest, das vorige Nacht zu Ehren der Ankunft der „Deutschen“ gegeben worden war.
Es war ein wildes, ausgelassenes Fest, an nichts wurde gespart, es glich einem Karneval, alle Teilnehmer hatten sich phantastisch kostümiert. Es waren die letzten Deutschen, die über die Grenze gekommen waren, bevor diese endgültig abgesperrt wurde.
Auch der Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung war unter ihnen.
Er fungierte in den letzten Jahren als Untersuchungsrichter und war durch einige bedeutende politische Prozesse allgemein bekannt geworden. Die Zuspitzung der inneren Verhältnisse in Deutschland ließ es für ihn geraten erscheinen, Deutschland zu verlassen. Seine vorgesetzte Behörde selbst riet ihm dazu. Er sollte sich im Ausland bereithalten, bis sich die weitere Entwicklung der Lage besser übersehen ließ.
Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung, übernächtigt, den Mantel über, darunter noch im Maskenkostüm, stand, abseits von der übrigen Gesellschaft, am Rand der Felsen.
Der berühmte Hofopernsänger Eugen Garu, eine etwas fettlich geratene Siegfriedsgestalt, sang eben zur Begrüßung der aufgegangenen Sonne eine italienische Arie. Als er mit einer geschwollenen Stimme endete, die wie der Bizeps eines Ringers klang oder wie Nackenspeck, klatschten die Zuhörer begeistert Beifall.
Es waren Politiker, hohe Beamte, Schauspieler, Tänzerinnen, Filmstars, auch Literaten, Professoren und ähnliche Kulturträger darunter.
Im gesamten neutralen Ausland schossen jetzt solche Kolonien deutscher Emigranten empor.
* * * * *
Der Landgerichtsdirektor klingelte in Gedanken.
„Wo bleibt heute nur der Gerichtsdiener mit der Aktenmappe!?“
Dr. Friedjung war allein im Büro. Niemand war zur Stelle.
Die ganze Alpenwelt glühte jetzt ...
Ein flammender Blutballon schwebte die Sonne am blaudunstigen Gewölb herauf.
„Auch die Zeitungen bleiben aus ...“
Und er sah auf die Uhr. Der Zeiger stand. Das Uhrwerk war abgelaufen ...
„Sehr verehrter Herr Dr. Reuchlin! Ich habe die verzweifelte Ehre, Ihnen, leider Gottes, mitteilen zu müssen, auch meinerseits Vater eines Sohnes zu sein, der ...“, setzte der Landgerichtsdirektor in Gedanken auf und knüllte dabei hastig nervös in der Hosentasche seiner Maskenuniform an einem Brief herum, in dem ihm ein Kollege über die neueste Entwicklung Peters schrieb ...
„Verdammt!“
Und sein ganzes Leben schrumpfte ihm plötzlich in einen Akt zusammen, Akt Heinrich Friedjung, er blätterte darin, dann schlug er die erste Seite auf und siehe da, darauf stand: Versalien, Fraktur, wie früher „Im Namen des Volkes“: „Verlustliste.“
Namen standen der Reihe nach herunter, hinter jedem ein Kreuz.
Andere Namen, dahinter:
8 Jahre Zuchthaus, 17 Jahre Zuchthaus, 25 Jahre Zuchthaus, lebenslänglich ...
Er zählte zusammen:
15 Kreuze, 987 Jahre ...
* * * * *
Wieder sang der Hofopernsänger.
Alle Kurgäste sangen im Chor:
„Deutschland über alles ...“
Auch zu Dr. Friedjung drang der Gesang:
„Damit steh und falle ich ... Herrlich weit haben wirs gebracht ... Dahin also ist es jetzt gekommen ...“
Es wurde schon warm, die Sonne brannte und die Schminke lief ihm dick vom Gesicht.
„Das Untersuchungsverfahren gegen Friedjung Heinrich ist abgeschlossen“, hörte er jetzt sich selbst sprechen. „Die Hauptverhandlung ist bereits eröffnet. Die Zeugenvernehmung ist beendet. Das Plädoyer des Staatsanwalts beginnt:
„und so stelle ich hiermit den Antrag auf Zuerkennung einer Strafe in der Höhe des gesetzlich zulässigen Mindeststrafmaßes und beantrage demnach ...“
Mit den Händen schob sich der Angeklagte Dr. Friedjung in ein Gebüsch hinein, setzte sich auf einen Stein und lächelte.
„Der Angeklagte hat das Schlußwort.“
„Meine Herren Richter!“ Der Angeklagte stand vom Stein auf. „Eigelb ist nun die Sonne. Die Sonne: ein Dotter. Und wenn man von dieser Tatsache ausgehend den Weltraum sich als etwas Atmosphärisch-Gläsernes vorstellt, dann ... Ei im Glas ...“
Weiter kam er in seiner Betrachtung nicht.
„Jetzt beginnt er zu simulieren“, bemerkte irgendwer im Zuhörerraum spöttisch.
Die Richter erschienen wieder nach einer Sekundenpause.
Alles erhob sich.
„Das Gericht hat dem Antrag des Anklagevertreters stattgegeben und auf das gesetzlich zulässige Mindeststrafmaß erkannt, auf ...“
„Der Strafvollzug tritt sofort in Kraft.“
* * * * *
Aus der Tasche, in der er an dem Brief herumgeknüllt hatte, zog der Landgerichtsdirektor die Pistole hervor.
„Schwarzblau ... Prima Stahlware ... Wie ein kleiner Monteur siehst du ja aus ... Bist mein Söhnchen vielleicht gar selbst, heißt am Ende noch Peter, und bist wohl nun schon auch inzwischen zum klassenbewußten Proleten geworden!? ... Wie dem aber auch sein mag ... Dein alter Vater ist dir nicht lange mehr gram darüber ... Mußte ja so kommen ... Kann auch gar nicht anders sein ...“
Nun traten plötzlich alle die von ihm Voruntersuchten auf ihn zu, alle sie, die er nur in der einzigen Absicht voruntersucht hatte, um sie dem Henker zu überantworten: Gehängte, Gefallbeilte, die in der Untersuchungshaft meuchlings Ermordeten, Kopfschüssler:
„Im Namen des Volkes! Bitte ...“
„... über a–alles in der Welt!“ schloß vielstimmig, hoch tremolierend die Schar der Kurgäste.
Kreischend lachte der Landgerichtsdirektor auf.
Durch alle Räume hindurch, wie aus einem Megaphon durch die ganze Welt schrie dieses Gelächter.
Dann drückte er ab.
Es tat wie ein die ganze Herzgegend tief durchdringender leichter Schlag mit der flachen Hand. –
III
Ein schluchtenartiges, von steilen Gefällen überschüttetes Gelände war diese Zeit.
Die Partei arbeitete sich hoch hinauf durch diese Zeit wie ein Traktor: die schwer keuchende Masse des Proletariats hinter ihm dumpf, wie eine aus Fleisch, Eisen und Ruß geknetete Wolke.
Mit Blut, Tränen und Schweiß unlösbar ineinander verkittet, bewegte sich der Menschenmillionenknäuel der Ausgebeuteten daher. –
* * * * *
Die Partei war zu einer Kampfmaschine geworden.
Absolute Starrheit, Festigkeit, Sicherheit in allem Prinzipiellen, größte Biegsamkeit, Elastizität, Beweglichkeit, Manövrierfähigkeit in allem übrigen ...
Jeder hatte seine Funktion. Der Hydra der Korruption wurde rücksichtslos Kopf um Kopf abgeschlagen ...
Ein unermeßliches Kampffeld war zu übersehen.
Die Fühler und Tastorgane der Partei reichten bis in den kleinsten Winkel hinein. Kein Verein, keine Vereinigung gab es ohne rote Zelle. Die Betriebszellen wuchsen, fraßen wie reißend Feuer um sich, die Proletariermassen wurden wieder glühend ... Die Fabriken wurden die Kasernen der Arbeiter, wurden zu roten Kampfarsenalen, zu roten Bollwerken ...
Die Sektionen der Komintern, eisern in sich gefügte, disziplinierte Organismen, krümmten und schlugen sich, stießen vor, wichen aus, nahmen hier den Kampf mit dem Gegner auf, bissen und rissen sich durch, zogen dort sich zurück; an einer anderen Stelle wieder ließen sie es nur beim Geplänkel.
Millionenäugig war dieser Kampfkörper. Das Gehirn, ein einziger Erfahrungs- und Willensapparat, über Millionen Muskeln, Arme, Herzen, Nervenbündel gebietend. Jede Schraube an diesem lebendigen Mechanismus war fest angezogen, jeder Teil bis auf den letzten Grad seiner Leistungsfähigkeit ausgenützt und gespannt ...
* * * * *
Die Partei hatte aus ihren Fehlern und Niederlagen gelernt, im Kreuzfeuer der Verfolgungen und der Illegalität ward sie nur widerstandsfähiger und härter geschmiedet, jeder Prolet hatte seinen beträchtlichen Anteil an den tausendfachen Verbesserungen, die unter den erschwertesten Umständen in den letzten Jahren durchgeführt werden mußten. Voll Stolz, Zuversicht und mit unerschütterlichem Vertrauen sah er auf seine Partei, auf seine Kampfführung: ein gewaltiges, aus Proletarierherzblut gewachsenes Instrument, das exakt funktionierende Hebelwerkzeug der sozialen Revolution.
Das Proletariat war wieder auf sich selbst gestellt.
Das Proletariat glaubte wieder an sich selbst. –
IV
Der Student Peter Friedjung und der Arbeiter Max Herse waren beinahe zu gleicher Zeit in die Partei eingetreten.
Lene arbeitete sogar seit einem halben Jahr schon in einer Parteistellung.
Peter verrichtete ganz selbstverständlich die Parteikleinarbeit wie jeder andere. So hatte er auch binnen kurzem das Mißtrauen, das die Proleten zuerst ihm als einem Intellektuellen gegenüber hatten, überwunden. Man hatte ihn herzlich gern, er sprach immer nur ganz kurz in der Diskussion, aber alles, was er sagte, hatte Hand und Fuß und war nicht aus dem Abstrakten her oder aus dem Lichtblauen gesogen.
Zu berechtigt war dieses Mißtrauen gegenüber den Intellektuellen, sah Peter immer mehr ein, die Intellektuellen sind zu schwach, zu beeinflußbar, treten häufig nur in die Partei ein, um dort unter einem anderen Vorzeichen die große Rolle zu spielen, und wenn man auf ihren verfluchten, meistens noch dazu eingebildeten Individualismus und ihre läppischen Eitelkeiten keine Rücksicht nimmt, dann ist es kaum mit ihnen auszuhalten. Immer heißt es da ihrem seelischen Differenzierungsquark Reverenz erweisen, die Empfindlichkeit ihrer feinen Seelenplatte ist aufs höchste übersteigert, und bestimmt ist mindestens jeder dritte in diesem Augenblick eine gekränkte Leberwurst. Aber für das alles ist kein Raum in einer bolschewistischen Partei. Man muß ihnen den Schädel ordentlich einboxen ...
Unzuverlässig. Unpünktlich ...
Mit solchen Menschen läßt sich eben rein schon gar nichts anfangen ...
* * * * *
Da begann wieder einmal einer jener Menschenart mit Peter anzubinden, einer der an der Peripherie der Partei Herumwimmelnden, für gewöhnlich „Sympathisierender“ genannt, einer, der in alles hineinschmeckte, von außen her sich alles zu beurteilen anmaßte, und zu dessen einträglichem Berufe es gehörte, alles, was es auch sein mag, an der Partei zu bemäkeln. Ein Groß-Nörgler, ein sympathisierender Gernegroß, einer, der die gesamte kommunistische Bewegung am liebsten zur Deckung seines Größenwahnbedarfs für alle Ewigkeit gepachtet hätte ... Ebenso, wie er für sich selbst einen fanatischen Persönlichkeitskult beanspruchte, ebenso hinterhältig griff er mit Verleumdungen in der oder in jener Person die Gesamtpartei an, ging immer mit alarmierenden Gerüchten krebsen, trug jeder einmal aufkommenden Panikstimmung gewissenhaft Rechnung und erwies sich so in weitesten Intellektuellenkreisen als ein zugkräftiger Miesmacher. Er selbst rührte natürlich, mit den verwegensten Projekten zwar immerdar schwanger, in der praktischen Arbeit keinen Finger.
„Und was sagst du nun, Peter, zu der Genossin Kramer! ... Diese aufgeplusterte Kröte! Aber Geld hat sie immer, niemand weiß woher, und eine Villa hat sie sich auch gebaut und sie trieft nur so von französischem Puder und Schminke ... Sie lebt offenbar mit drei Genossen zugleich zusammen ... Da gibt es Sowjetsterne bei ihr aus Schlagsahne, hörst du, auf Kuchen, zum Geburtstag ... Aber wenn sie nur den Mund auftut: das raspelt herunter wie aus einer Blechtrommel ... Das ist ein richtiges antibolschewistisches Greuel ... Wenn ich die schon sehe, da vergeht mir schon wieder die ganze Lust an der Bewegung ... Schau dir nur diese Feldwebelin an, wie aufdringlich die herumquatscht, Phrasen, nichts als Phrasen ... Man müßte ihr einmal ordentlich den Hintern ... Aber daß so etwas auch die Partei duldet ...
„Na, überhaupt die Partei! Sieh dir, Peter, einmal die Führer an! Hochwürden! Marx-Pfaffen! Euer organisatorischer Leiter, dieser verknöcherte Bonze, bezieht er nicht zusammen mit seiner Frau ein doppeltes Gehalt? ... Ja, euere Führer verstehen sich zwar fürtrefflich aufs Kuhhandeln, aber nicht aufs Kämpfen. Haben sie _die_ Situation vielleicht ausgenützt!? Und die, und die ... Und da soll wieder das und dort wieder jenes vorgekommen sein. Hast du nicht gehört, daß ... Und übrigens neulich habe ich den Genossen Bittermann getroffen, sieht sehr schlecht aus, der mir erzählt hat, daß ... und auch im Bezirk soll es oberfaul stehn ... und R. und A. sollen aus der Partei bereits wieder ausgeschlossen sein, und von G. sagt man, daß er ein Spitzel sei, und L. soll zur SPD übergetreten sein ... Auch hab ich gehört, daß die Arbeiterkorrespondenzen von Intellektuellen geschrieben seien, stimmt daran nicht was, und schau nur die Berichterstattung unserer Presse an ... Im übrigen bitt ich dich, Peter, mach keinen Gebrauch von dem, was ich dir soeben vertraulich mitgeteilt habe. Ich möchte nicht haben, daß ...“
Am liebsten hätte Peter gleich dem Stänker den Rücken gekehrt. Aber er hatte Geduld gelernt und blieb ruhig. Sagte jetzt nur ganz sachlich:
„Nun aber stopp, Stänker! Mach Schluß! Mich interessiert nicht, wessen Nase dir nicht gefällt!“
Der Stänker platzte jetzt beinahe vor Erbitterung. Spie Gift und Galle. Nichts war ihm radikal genug, aber auf einmal schlug er wieder ins Gegenteil um, stülpte sich um, völlig haltlos warf es ihn von einem Extrem ins andere ... Vom Abkillen und mißverstandenen Reformvorschlägen sprach er im selben Augenblick.
„Eine heilige Sache fürwahr, für die sichs zu sterben lohnte, war vormals der Kommunismus! Was habt ihr aus dem schönen Kommunismus gemacht? Einen der Idee feindlichen Kloakenhaufen ...“
So schloß der Stänker seinen Wutausbruch.
„Daß du jetzt nur keinen Anfall bekommst, Stänker! Dir scheint ja eine Riesenlaus über die Leber gelaufen zu sein ... Aber, du entschuldigst schon, das, was du hier verzapfst, ist Quatsch mit Sauerkohl. Mir ist schon ganz speiübel ...“
Und ein schöner Misthaufen ist das, dachte sich Peter, was da alles ins Zeug schießt: Utopien, Ueberradikalismus, Versöhnlertum, Menschenliebe, dummdreiste Gehässigkeit: alles hübsch einträchtiglich chaotisch sprießt da beieinander.
„Ist das wirklich, Stänker, deiner Weisheit letzter Schluß? Du tust mir ordentlich leid ...“
„Und was ist das mit der Kaltstellung Trotzkis? ...“, kläffte der Stänker noch ...