(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg
Part 14
Man traut seinen Ohren nicht, man liest die Ueberschriften der Extrablätter einige Male:
„Mary Green und drei Genossen sind zum Tode verurteilt.“
Schon eine halbe Stunde darauf kommt es zu Zusammenstößen mit der Arbeiterschaft.
Am Abend wird der Generalstreik verkündet.
Ganz Amerika ist plötzlich ein riesiges Grab. Die Menschen gehen leis wie auf den Fußspitzen.
„Jetzt nur nicht nachgeben! Durchbrechen!“ feixt das Gericht. „Man wird es uns sonst als Schwäche auslegen ...“
Die Armee und die Flotte sind mobilisiert. Die Luftstreitkräfte versehen zunächst noch den Aufklärungsdienst.
Amerikas Lunge atmet nur mit viertel Kraft.
Schlaff hängen die Muskeln herunter.
* * * * *
Manche äußern:
„Man hätte sie nicht zum Tode verurteilen sollen ... Man soll keine Märtyrer schaffen ... So erledigen ... geschickt ... Das stürzt uns in zu große Unkosten ...“
* * * * *
An Sing-Sing ist nicht heranzukommen. Schwere MGs funken in die Menschenmassen hinein ...
Während draußen die Kugelspritzen knattern, wird Mary Green mitgeteilt, daß morgen früh fünf Uhr das Urteil vollstreckt wird.
Sie zuckt zurück, einen Augenblick ... fern verrauschen die Salven.
* * * * *
Es ist fünf Uhr früh.
Mary Green wird einen langen zementgemauerten Korridor entlang in das „Todeskabinett“ geführt.
Sie singt mit leiser Stimme.
Sie hört fern, fern, ganz fern als Antwort:
„Macht auf –“
Eine zweite Stimme –
Eine dritte –
Die fernen Stimmen werden zum fernen Chor.
Der ferne Chor wird zum Massengesang.
Der Massengesang zum Orkan.
Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne:
Gewaltige Zeiten dröhnen heran, in denen der Mensch das Letzte, was er zu handeln und zu erdulden fähig sein wird, aus sich auspressen wird. Groß und opferreich wie noch keine wird diese Zeit sein; grausam, niedrig und erbärmlich aber zugleich. Diese Zeit donnert, rast, knattert dahin, ein reißender Feuerstrom. Die Menschen: gestaltgewordene Leidensbrände entzünden sich an sich selbst. Das Gewölbe des Himmels schmilzt und tropft flüssiges Feuer, die Erde schäumt, wird Lava und fließt über die Horizonte ab.
Und alle diese Menschen werden namenlos sein, tragen nur das Zeichen ihrer Klassenzugehörigkeit an sich. Es gibt kein Menschendasein außerhalb der Klasse mehr. Alles fühlt, denkt, ringt sich der Klasse zu, kämpft sich bis ins Klasseninnere hinein, kämpft auf Leben und Tod um das Wesentliche, um den Klassenkern.
Das wird die Zeit sein, wo die Galgen und Hinrichtungsmaschinen wieder öffentlich mitten auf den Plätzen der Städte errichtet werden. Von allen Seiten hupen die herrschaftlichen Automobile herbei. Die Herren und Damen der vornehmen Gesellschaft sind zahlreich vertreten. So viel Blut aber auf der Erde gibt es nicht, daß je sie ihren Blutdurst stillen könnten ... Sie sind mit Operngläsern und photographischen Apparaten versehen, es ist, als wohnten sie einem großen Sportereignis bei. Auf dem Platz der Hinrichtung sind Reihen von Filmapparaten aufgestellt. O die einst so friedliebende Bourgeoisie: sie schwelgt heute in Orgien von Blutrache und sadistischen Greueln ohne Maßen.
Die Polizeichefs werden nicht mehr für die Zuchthäuser arbeiten, nicht mehr für Krüppelheime und Obdachlosenasyle, sondern für die Friedhöfe ...
Das wird auch die Zeit sein der Wiederauferstehung der Folter.
Mit schweren eisernen Ketten wird man die Leiber der Gefangenen umschmieden. Das Schlagen mit Gummiknüppeln, das Aufreißen der Fingernägel, Einschlagen von Nägeln in die Füße, Brechen der Körperteile und der Rippen: das wird keine allzu große Seltenheit mehr sein. Man wird die Gefangenen aus den Städten herausfahren, sie zwingen, ihre Gräber selbst zu schaufeln, sie bei lebendigem Leib begraben ... Man wird nach raffiniert ausgeklügelten wissenschaftlichen Methoden die Qualen steigern, bis zum Wahnsinn des Gefolterten sie steigern und dann die Geständnisse, deren man bedarf, Protokoll um Protokoll auspressen.
Aber die Galgen reden eine Sprache, der Galgen, die Hinrichtungsmaschine, die Folter spricht ...
* * * * *
Und der Galgen kreist.
Kreist um Europa.
Kreist durch alle fünf Weltteile ...
In jeder Himmelsrichtung wächst riesengroß aus der Erde auf Galgen an Galgen.
Der Tisch unter ihm ist umgeworfen.
Der Leichnam an dem eingeseiften Hanfstrick, eine weiße Kapuze dem Kopf übergezogen, dreht sich jetzt langsam, schwingt hin und her wie ein Pendel ...
Und die Leichname unter dem Galgen, die Galgen selbst sprechen:
„Hört es! Und lernt daraus!
„Kein Erbarmen gibt es im Bürgerkrieg.
„Kein Erbarmen.
„Wer den Klassenfeind nicht hart zu schlagen versteht, der wird von ihm vernichtet ...
„Sie oder wir ...“
– – – –
Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne, während ihr im Beisein eines Dutzend braver amerikanischer Bürger noch einmal das Todesurteil verlesen wird.
Vierzig wohlangesehene Bürger der Stadt Newyork nehmen an der Hinrichtung teil.
Es dauert insgesamt drei Minuten.
Schon ist sie auf dem elektrischen Stuhl festgeschnallt ...
Spricht fest, und in den ledernen Bandagen noch einmal ein wenig sich aufrichtend:
„Lenin ist tot.
„Der Leninismus lebt.
„Lenin lebt.
„Wir in ihm.
„Er in uns ...
„Es lebe die Welt-Re ...“
Sie bricht mitten im Wort ab.
Drei amerikanische Untertanen stehen hinter einem Schirm. Jeder drückt auf einen Kontaktknopf. Nur einer aber löst den tödlichen Strom aus ...
* * * * *
Wo ein Polizist in den Arbeitervierteln sich noch sehen läßt, wird er abgeknallt. Jetzt gilt das Gesetz der Klassenrache ...
Drei oder vier Zeitungen können noch arbeiten. Sie sind von Regierungstruppen besetzt. Streikbrecherkompagnien sind dorthin beordert.
Die Presse kläfft:
„Ende der Giftmörderin.“ Bazillenmärchen und abenteuerliche Gaslegenden werden von neuem aufgetischt. Der Glaube daran aber ist im Volk Amerikas schon bedeutend erschüttert ...
Und Japan horcht nach Amerika hinüber mit gespannten Ohren.
Der japanische Kriegsrat hat die Mobilisation angeordnet.
Die Bankiers Amerikas erstarren.
Es sind Menschenmasken, blutleer, wie gehauen aus Granit.
„Das ist das Weltende ... Das ist Amerikas Untergang ...“
Die Regierung ruft auf:
„Amerikaner! Wahrt eure heiligsten Güter! Der äußere Feind ... Laßt für die Zeit des Verteidigungskrieges gegen die gelbe Gefahr euere inneren Zerwürfnisse schweigen ... Regierungswechsel ... Die neue Regierung ist bereit ... Das Gesamtwohl der Nation erheischt ... Auf zu den Waffen ...“
Die Geistlichen versuchten es im Auftrag der neugebildeten Regierung von den Kanzeln herab: „Auf! Söhne Amerikas! Dem Feind das Bajonett zwischen die Rippen gerannt! Im Namen Gottes ...“
Die Antwort der amerikanischen Arbeiterschaft ist ein einziges Kopfschütteln.
Der Generalstreik geht weiter ...
XI
In der Arbeiterpresse der ganzen Welt erscheint jetzt folgender Artikel:
Die chemische Waffe im kommenden Krieg
1. Gaskrieg und Luftkrieg
Das Gaskampfmittel wird erst durch das Flugzeug zu der furchtbaren Kriegswaffe. Flugzeug und Gaskampfmittel bilden zusammen eine Einheit, die ausschlaggebend für die völlige Veränderung der Kriegstaktik und Strategie ist.
Das Wesentliche dabei ist die Aufhebung der Front, damit auch die Aufhebung des Hinterlandes. Das Hinterland wird zur Front.
Sehr deutlich und offen sprechen die Generäle aller Staaten es aus, daß das Hauptziel, das Angriffsobjekt des nächsten Krieges nicht mehr so sehr die Front, d. h. die sich vorwärts und rückwärts bewegende bezw. stillstehende Linie der feindlichen Armee ist, sondern daß vielmehr die Hauptangriffspunkte die Großstädte, die Industriewerkstätten usw. sind, also, daß das Hauptgewicht auf die Vernichtung gerade jener Teile des Proletariats gelegt wird, die in den Produktionsstätten des Krieges beschäftigt sind, d. h. bei der neuen Form der Armeen, der größte Teil des Proletariats.
Hier zeigt sich bereits der Grundzug der veränderten Kriegstechnik. Die Anwendung des Gaskrieges, des Flugzeugkrieges bedingen eine kleine Armee von Spezialisten, mit anderen Worten: im Zusammenhang mit der Entwicklung des Klassenbewußtseins des Proletariats tritt immer stärker die Trennung des Proletariats von der Waffe ein.
Die Luftwaffe ist außerordentlich stark vermehrt worden.
Die französische Heeresluftflotte z. B. verfügt über etwa 5000 Flugzeuge, davon sind 3000 startbereit. Zurzeit produziert Frankreich 150 Flugzeuge monatlich. Man spricht vom Flugzeug nur noch als von einem fliegenden Geschütz, vom Gas als von mikroskopischen Geschossen. Die französische Industrie ist auf Grund der fortschreitenden Normungstendenzen so organisiert, daß im Ernstfall stündlich je ein Flugzeug hergestellt werden kann ... Auf eine besondere Verwendung der Flugzeuge ist insbesondere aufmerksam zu machen: das ist der Bau von Spezialflugzeugen für Gasverwendung, bei denen vermittels von in einem Röhrensystem angebrachten Düsen Gas auf die Erde gestreut wird. Durch die starke Abkühlung infolge des Ausströmens kühlen sich das Gas und die fein verteilten Flüssigkeitspartikelchen stark ab und senken sich wie ein feiner Nebel, wie Tau – daher auch der Name „Tau des Todes“ – mit großer Schnelligkeit auf die Erde. Bei Versuchen im Jahre 1922 auf dem Schießplatz in Aberdeen in den Vereinigten Staaten wurde eine unschädliche aromatische Flüssigkeit durch einen derartig gebauten Flieger herabgestreut. In weniger als einer Minute war der Geruch deutlich auf einer Fläche von über 50000 Quadratmetern wahrnehmbar. Es sei noch darauf hingewiesen, daß seit langem bereits erfolgreich die Flugzeuge ohne Führer von der Erde aus gelenkt werden können. So berichtet bereits am 15. November 1923 die „Revue d’Artillerie“ von erfolgreichen Versuchen mit automatischen Flugzeugen, die auf Entfernungen von 20 Kilometern ganz sicher, ohne Eingriffe des Passagiers durch funkentelegraphische Lenkung geführt wurden.
2. Die Giftgasstoffe
Ueber die Giftgasstoffe selbst bewahren natürlich die einzelnen imperialistischen Mächte völliges Stillschweigen. Die Wirkung eines Gasstoffes, der bekannt ist, wird dadurch entweder stark herabgesetzt oder überhaupt wertlos gemacht. Es ist äußerst wahrscheinlich, daß zu Beginn des nächsten Krieges oder in seinem Verlauf gänzlich neue Gasstoffe von bisher unbekannter Wirkung auftauchen. Das „Idealgas“, nach dem die einzelnen imperialistischen Gruppen suchen, ist ein Gas, das durch keinen Sinn wahrgenommen wird, Gasmasken völlig durchtränkt, sofort tödlich wirkt und außerdem den Körper auch von außen her angreift. Diese „idealen“ Bedingungen hat man gespalten und beschäftigt sich vor allen Dingen nunmehr mit der Suche nach zwei Richtungen hin: dem geruch- und geschmacklosen Gas, das absolut tödlich wirkt, und dem auch tödlichen Gas, das außerdem noch den Körper angreift. Das „Idealgas“ für die erste Richtung ist das Kohlenstoffmonoxyd (CO), das bei der unvollständigen Verbrennung von Kohle entsteht. Dieses Gas ist absolut tödlich. Es scheint, daß es den Amerikanern gelungen ist, dieses Gas als Kriegswaffe zu verwenden.
Das zweite Gas, das außerordentlich stark auf die Haut wirkt, ist das Yperite (Senfgas) und das Levisite. Wahrscheinlich sind beide Sorten längst überholt, aber die neuen Mittel liegen in ähnlicher Richtung.
Yperite und Levisite oder die ihnen ähnlichen Gase werden sich insbesondere in zerstörender Gewalt auswirken, wenn sie, was ohne Zweifel steht, auf die Industriezentren angewandt werden. War das Bewegen während des Krieges 1914 bis 1918 in durch Yperite vergasten Gebieten nur möglich, wenn man außer der Gasmaske noch eine besondere undurchdringliche Schutzkleidung trug, so mag man sich selbst die Wirkung dort vorstellen, wo in dicht gedrängten Haufen, in Proletariervierteln, in Fabriken, die Menschen leben, ohne daß sie mit den geringsten Schutzmitteln ausgerüstet wären. Da gleichzeitig eine Rettung aus den vergasten Gebieten unmöglich sein wird durch die ungeheure Ausdehnung des vergasten Raumes, so liegt offensichtlich die Vernichtung eines großen Teiles des Proletariats als zwangsläufige Folge vor.
3. Giftgase und chemische Industrie
Besonders wichtig bei der modernen Gastechnik ist, daß alle diese schweren Giftstoffe Abkömmlinge der Farbindustrie bezw. der Heilmittelindustrie sind. Es handelt sich daher für die einzelnen Länder nicht so sehr darum, einen möglichst großen Vorrat aufzuspeichern, sondern es geht bei den einzelnen imperialistischen Gruppen um die möglichst hohe Steigerung der Produktionsmöglichkeit. Wir haben infolgedessen eine außerordentlich starke Entwicklung der chemischen Industrie, die natürlich hohe Profite einheimst, hohe Unterstützungen vom Staate erhält. In den Vereinigten Staaten z. B. gab es 1914 sieben chemische Fabriken. 1918: 118 mit einem Kapital von 200 Millionen Dollar. Die Gesamtfarbenproduktion belief sich in den Vereinigten Staaten 1914 auf 6,6 Millionen Pfund, 1922 auf 64,6 Millionen, 1923 auf 93,7 Millionen, so daß die Farbenproduktion in den neun Jahren auf mehr als das 14fache gestiegen ist. Gegen eine Einfuhr von 46 Millionen Pfund im Jahre 1913 wurden 1923 lediglich drei Millionen eingeführt, dagegen 17,9 Millionen ausgeführt. In dem Zolltarif sind außerordentlich hohe Zollsätze für Farben festgelegt worden. Während England 1913 etwa 14 Prozent seines Bedarfs selbst produzierte, stellt es nach einem Bericht des Handelsamtes in Washington gegenwärtig 80 Prozent seines Verbrauches selbst her. Die englische Regierung hat sich verpflichtet, ein Sechstel der Produktion selbst zu übernehmen. Die französische Produktion ist noch stärker gestiegen. Während Frankreich noch 1920 46 Prozent seines Verbrauchs einführte, ist diese Einfuhr im ersten Halbjahr 1924 auf 5 Prozent zurückgegangen. Die Produktion hat sich demzufolge in diesen vier Jahren verdoppelt. Während Frankreich 1920 noch 7000 Tonnen jährlich produzierte, produziert es im ersten Halbjahr 1924 bereits 8000 Tonnen. Die Entwicklung in anderen Ländern ist ganz ähnlich.
Diese schnelle Entwicklung der Farbenindustrie hat zur Ursache, daß die meisten Gasstoffe entweder Zwischenprodukte von Farbstoffen sind oder daß die Farbstoffe (und Heilmittel) Ausgangspunkt für die Gasmittel sind. So haben die Arsine, also die Reihe der Levisite usw., das gleiche Ausgangsprodukt wie das Salvarsan. Yperite und auch der andere Gasstoff, die Levisite, haben ein gleiches Zwischenprodukt wie das vielgebrauchte Indigo. Das Phosgen und die Tränengase haben gleiche Zwischenprodukte wie die hellroten, blauen und violetten Farben. Die Pikrinsäure, Ausgangspunkt einer Reihe von giftigen Farben, ebenso wie sie in der Sprengtechnik angewandt wird, ergibt durch einfache Chlorierung das sehr schädlich wirkende Chlorpikrin. Aus dem Anilin werden gleichzeitig Yperite, verschiedene Anilinfarben und Heilmittel hergestellt.
4. Giftgase und Proletariat
Damit zeigt sich ein weiterer wesentlicher Zug des Gaskampfes. Das Proletariat, das früher Panzerplatten, Kanonen, Sprengstoffe, Munition herstellte, kannte genau den Zweck der Fabrikation. Im Zeitalter des Giftgaskrieges weiß der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr, ob er ein harmloses Heilmittel, irgend eine Farbe oder ein äußerst gefährliches Giftgas herstellt.
Hier enthüllt sich mit voller Schärfe die konterrevolutionäre Forderung der Zweiten Internationale, daß man bei Kriegsausbruch den Krieg einfach unmöglich mache, dadurch, daß man keine Munition herstellt. Hier zeigt sich klar, daß diese Forderung nur dazu dient, das Proletariat von der Erkenntnis der unerbittlichen Notwendigkeit des Kampfes gegen die Bourgeoisie, des „Krieg dem Kriege“, abzuhalten.
Der nächste Krieg wird in der Hauptsache geführt werden gegen die großen Städte und gegen die Industriezentren. Das Proletariat ist in seiner Masse im nächsten Krieg an die Produktionsstätten gebunden. Der Hauptangriff richtet sich gegen die Produktionswerkstätten, die verschärfte Bedeutung haben, da es in diesem nächsten Krieg auf die dauernde Produktion der Giftstoffe und der Flugzeuge ankommt.
Der nächste Krieg wird geführt werden von einer vom Proletariat losgelösten Spezialistentruppe mit Waffen, bei deren Produktion der Arbeiter nicht weiß, daß er Waffen herstellt. So erscheint das Proletariat zunächst getrennt und losgelöst von der Waffe, aber in weit höherem Maß ist die Waffe wiederum dadurch in seine Hand gegeben, daß das Proletariat an den Stätten der Produktion von Kriegsmitteln, die eine weit höhere Bedeutung gewinnen, in starkem Maß konzentriert ist. Damit wird die einzige Möglichkeit für das Proletariat, diesem kommenden Krieg zu begegnen oder ihn zu beendigen, klar sichtbar: nur wenn es die Leitung der Produktion in den Händen hat, nur wenn es den Betrieb besitzt, kann es die Produktion der Kriegsmittel verhindern. Daher wird mit erhöhter Notwendigkeit die Umwandlung der kapitalistischen Wirtschaft in die proletarische vorzunehmen sein. Dies kann nur geschehen dadurch, daß die Bourgeoisie gestürzt und das Proletariat die Leitung der Produktion, die Macht überhaupt übernimmt. So verlangt die moderne Kriegsführung ihre schleunigste Beendigung durch die Umwandlung des Krieges in einen Krieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie zu ihrem Sturze. Diese Kriegsführung verlangt schon vorher die Vorbereitung des Kampfes des Proletariats.“
XII
Die Proletarier wußten nun, woran sie waren.
„Das also hätten wir von diesem Menschen-Kehricht zu erwarten gehabt. Pfui Teufel! ...“
Ueberallhin flatterten die Flugblätter.
Die Regierungen setzen Kopfprämien aus.
Hilft nichts.
Das Geheimnis des kommenden Kriegs war enthüllt. Es war eine schreckliche Bewußtwerdung.
„Wer ist nun der wirkliche Giftgasfabrikant!? Wer ist der Bazillenmassenmörder nun in Wirklichkeit? ...“
Millionen knirschten vor Wut ...
„Wie stehts in Edgewood!? Können wir uns auf die Mannschaften der Bombenflugzeuggeschwader verlassen!? Sind die Arsenale in Ordnung!?“
* * * * *
Die Nachrichten lauteten unbestimmt.
Die Krise zog sich enger wie ein Strick um die Hälse der Finanzmagnaten zusammen. Man hatte Verdauungs- und Schluckbeschwerden. Viele Hebel am Regierungsapparat funktionierten schon nicht mehr. Von vielen Stellen blieb die Antwort aus. Eine rote Zelle ist in der Armee, hieß es. Die Panik fieberte empor. GBRO. Was ist GBRO.? Geheimbund revolutionärer Offiziere ... Den reaktionären Gewerkschaftsführern entglitt nun völlig die Bewegung ...
Mechanische Armeen ließ die Regierung aufmarschieren:
Bataillone schwerer Tanks, Bataillone mittlerer Tanks, Brigaden mechanischer Artillerie, schwere MG.-Kompagnien. ... Man verließ sich auf die niederschmetternde psychologische Wirkung.
Vergebens.
Die Arbeiterschaft steht Gewehr bei Fuß.
Wir sind gerüstet.
Wir sind bereit, die Feuerprobe zu bestehen ...
Wir warten nur auf das Angriffssignal.
Die Stellungen des Gegners sind genau bekannt.
Es gibt kein Verhandeln mehr.
Nun ist es klar:
„Die Frage, die die geschichtliche Situation dem Proletariat stellt, ist nicht die Wahl zwischen Krieg und Frieden, sondern zwischen imperialistischem Krieg und Krieg gegen diesen Krieg ...“
Wie bewegungslos ist in diesem Augenblick Amerika! Einige Muskelbänder nur spielen an ihm noch, wie im Starrkrampf.
„Nieder mit dem Menschenschlachthaus!“ gellt jubelnd eine Stimme.
„Für heute und für immer!“
Millionen Augen zucken nach oben.
„Werden sie es wagen ... Schicken sie uns die Flieger ... Und –“
„Und –“
„Werden die Unseren in Edgewood ihre Pflicht tun ...“
Kein Laut.
Die Stadt ist wie vergletschert ...
Da ...
Dort stürzen sich schon im Sturmschritt Arbeiterbataillone über den Platz –
„Sprung auf! Marsch! Marsch!“
„Wir haben mehr zu verlieren als nur unsere Ketten: wir haben die Zukunft der Welt zu verlieren!“
Vorwärts! Auf drum! Los!
Es kann beginnen!
6. Kapitel.
Der erste Mai
Ein Brief. – Sonne über Schweizer Bergen. – „Gebt uns eine Partei!“ Der 1. Mai: ein Welt-Kampftag! – Aufmarsch der „Vaterländischen Verbände“. Rote Gegendemonstration. – Provokateure an der Arbeit. – Ein Blutbad. – Am Abend des 1. Mai.
I
Als Peter spät nachts nach Hause kam, fand er von seiner Mutter einen Brief vor.
„Mein Lieber! Auf Deinen ausführlichen Brief will ich Dir antworten, indem ich Dir den folgenden Ausschnitt aus einer Zeitung schicke, die ich jetzt täglich lese. Diese Schilderung stammt von Eugen Leviné, wie Du weißt, vom Münchener Standgericht zum Tode verurteilt und erschossen. Dieser Bericht ist auch meine Antwort auf Deinen Brief. Ich bin glücklich über Dich, Peter, Du hast den richtigen Weg gefunden. Nun, nimm und lies!“
* * * * *
Und Peter las:
„Der Wind heult. In der kleinen Petroleumlampe flackert die Flamme, züngelt hin und her, biegt sich und beugt sich. Phantastisch tanzt der Schatten des Teekessels an den runden Wänden der Turmzelle. Auf der harten Pritsche liege ich, fest gehüllt in meinen Pelz, und lausche dem Liede des Windes. In den verrosteten Angeln knarrt das Fenster und ächzt. Die kleine Ratte, die mir sonst Gesellschaft leistet, graziös über den Tisch läuft und hin und her huscht, wagt sich heute aus dem Loch nicht heraus. Ganz allein bin ich heute. Starre zur Decke. Lasse müde den Blick über die Wände gleiten. Alles so bekannt. Die Namen an den Wänden. Kommentare der Nachfolger: „Ab nach dem Zuchthaus zu Smolensk“, „Hingerichtet in Wilna“ ... Und daneben immer und immer wieder: „Es lebe der Kampf“, „Es lebe die Revolution.“
Der Wind heult und wieder flackert das Licht in der Lampe, wieder tanzen phantastische Schatten. Immer fester hülle ich mich in den Pelz, den sie mir gelassen haben. Es ist kalt in der Turmzelle. Schon ermüden die Augen und fallen langsam zu. Da plötzlich fahre ich auf. Draußen auf der eisernen Treppe höre ich Schritte und Kettengeklirr, Stimmen und Kommandorufe. Sie nahen in der Richtung meiner Zelle. Unter mir verstummen sie. Dumpf dröhnend fällt in der unteren Turmzelle die eisenbeschlagene Tür ins Schloß. Wieder Stimmengewirr und stampfende Schritte. Dann wieder Stille.
Nur der Wind heult. Der Fensterrahmen knarrt, die Flamme in der Lampe züngelt und flackert, und phantastisch tanzen die Schatten.
Ich lausche angestrengt. In die Zelle unter mir haben sie einen „Neuen“ gebracht. Wer ist es? Ein Fremder, ein Freund? Ein Genosse oder Krimineller? Was droht ihm? Der Galgen? Oder bloß Kerker? Ich lausche. Wird er nicht klopfen? Nicht seinen Namen nennen? Nein, es bleibt still. Nur der Wind singt sein Lied.
Ich lege das Ohr an die Wand – alles still. Kein Laut.
Vielleicht weiß er nicht, daß jemand über ihm sitzt. Ich nehme den Metallbecher und klopfe leise an die Wand: ta ta – tatatatata – tatata – leise, rhythmisch. „Kto wy?“ – „Wer seid ihr?“ Aber ich komme nicht zu Ende. An der Tür ein leises, schleichendes Geräusch. Schnell ist der Becher versteckt. Ich liege auf dem Rücken, mit verschränkten Armen, mit künstlich gleichgültigem Gesicht. Ich schaue nach dem Guckloch an der Tür. Ein entzündetes Auge richtet seinen Blick auf mich. Ich erwidere den Blick und fühle, wie etwas Feindseliges wider meinen Willen aus meinem Auge spricht. Da wird das Guckloch wieder geschlossen und an Stelle des Auges grinst hinter der kleinen Oeffnung die dunkle Metallplatte.
Nun bin ich wieder allein. Mit dem Klopfen ist es heute nacht zu Ende. Sonst werde ich angezeigt.