Bruder Leichtfuß und Stein am Bein
Part 7
„Da, sehen Sie her, Herr Kollege Brenitz, hier fängt Przygorowen an, der Platz, auf den mich Ihrer Meinung nach die Vorsehung gestellt hat! Und jetzt urteilen Sie, bitte, selbst, ob es verlohnt, daran ein Lebenswerk zu setzen! Mit gutem Willen und schönen Redensarten ist da nichts getan, solides Knochenmehl gehört in den Sand, Thomasschlacke und Superphosphat, und wenn’s mal einen Sommer nicht regnet, sieht’s auf den Feldern auch nicht viel anders aus als heute. Verkaufen ist das einzige, wenn sich nämlich ein Dummer findet. Glauben Sie ja nicht, daß ich kein Heimatsgefühl besitze, wenn ich so daherrede. Das Herz dreht sich mir im Leibe um, wenn ich daran denke, daß auf dem letzten Reste Bergkemscher Erde mal ein Fremder sitzen soll, aber was ist da zu machen?! Meine hochgeehrten Herren Vorfahren hätten weniger großspurig leben sollen, vielleicht daß für den letzten ihres Namens auf der Heimaterde Platz gewesen wäre! Aber wollen Sie wissen, was früher hier für eine Wirtschaft herrschte? Mein hochseliger Herr Urgroßvater, der so um das Jahr 1820 herum lebte, langweilte sich eines Tages und da ließ er anspannen, fuhr vierelang auf ein paar Wochen nach Paris. Fünfundachtzigtausend Reichstaler auf den Kopf betrugen die Kosten dieses Ausfluges, und in der Familienchronik findet sich eine eigenhändige Eintragung meines Herrn Urgroßpapas, das Kostspieligste wären die „Courtisanen“ gewesen, denn die „Ausverschämtheit dieser Personnagen hätte keine Gränzen gekannt.“ Mir kann es wohl niemand verdenken, daß ich diese Stelle meiner Familiengeschichte stets mit geteilten Empfindungen lese. Ich gönne meinem hochseligen Herrn Urgroßvater von Herzen das gehabte Amüsement, aber wenn er und außer ihm noch etliche andere es billiger getan hätten, müßte ich nicht wie ein Pracher auf einem Stück Heimaterde herumlaufen, wo die Bergkems mal wie Könige herrschten. Na, ist gut, reden wir nicht mehr davon!“
Er brach ab und sah mit schwimmenden Augen nach einem grauen Turme hinüber, der zwischen dunkeln Lindenwipfeln als ein Wahrzeichen seines alten Geschlechtes in die Lande ragte. Peter Brenitz aber überlegte in überströmendem Freundschaftsgefühle, wie da wohl zu helfen wäre. Und es hätte ein sehr einfaches Mittel gegeben, er brauchte nur einen groben Scheck auszuschreiben auf Samuel Brenitz sel. Witwe Söhne in Berlin, um hier dem Freunde eine klare Lebensbahn zu schaffen. Aber er traute sich mit diesem praktischen Vorschlage nicht hervor, denn er fürchtete eine schroffe Zurückweisung. Sein gutgemeinter Rat, über nichtigen Tändeleien nicht die Ziele eines hochgesinnten Strebens zu vergessen, war schon übel aufgenommen worden. Wie also sollte er für diese neue Aufdringlichkeit wohl die rechten Worte finden?! ...
Der scharfe Knall eines Büchsenschusses fiel reißend in die Stille des warmen Sommertages. Der lange Heino hob mit gespanntem Ausdrucke den schmalen Kopf:
„Nanu, was ist denn das, jetzt um diese Zeit? Und sie wird doch nicht etwa?“ ... Zur Erklärung aber fügte er hinzu: „Nämlich wir haben hier unter einer Anzahl guter Böcke einen einzigen, wirklichen Kapitalen, einen Kerl, der ein geradezu klotziges Gehörn aufhat. Schon ein dutzendmal bin ich auf ihn ausgewesen, ohne ihn vor die Büchse zu kriegen, denn er ist über die Maßen heimlich und schlau. Und da hat meine Schwester mit mir gewettet, sie würde ihn vor meinem nächsten Besuche auf die Decke legen. Zu lächerlich eigentlich so eine Frechheit von dem kleinen Frauenzimmer, manchmal aber findet auch ein blindes Hühnchen ein Korn ...“
Er kam nicht zu Ende, denn vom Felde her erklang eine helle Mädchenstimme:
„Tallihoh, Heino, er liegt! Und wenn Du ein braves Gehörn sehen willst, komm hierher!“
Hinter wogenden Kornähren reckte sich ein hochgehobener Büchsenlauf in die Luft, und der Herr von Bergkem schwang sich in weitem Satze über den Straßengraben, rannte querfeldein durch Hafer und Kartoffelbreiten. Peter folgte ihm, ein wenig verwundert und in gemächlichem Tempo: Wie konnte man um ein im letzten Grunde so unbeträchtliches Ereignis wie die Erlegung eines Rehbockes so in Eifer und Hitze geraten?!
Auf einem schmalen Wiesenraine neben einem Roggenschlag lag das gefällte Stück Wild, daneben aber stand ein schlank gewachsenes junges Mädchen in strapaziertem Lodenkleid, das Gewehr unter dem rechten Arm. Frei hob sich aus den Schultern ein herrlicher Kopf, die blauen Augen über dem feingeschnittenen Näschen blitzten, und jeder Nerv an dem jugendlich-blühenden Körper bebte vor Erregung nach der glücklich vollbrachten Weidmannstat.
Peter Brenitz blieb stehen, seine Augen weiteten sich, denn er erkannte in dem jungen Mädchen die Dame wieder, die ihm am ersten Tage auf dem Wege vom Bahnhof begegnet war, und der in heimlicher Sehnsucht sein letzter Gruß hatte gelten sollen ... Sie streckte ihm mit fröhlichem Auflachen die Hand entgegen: „Tag, Herr Brenitz. Wir sind ja eigentlich schon uralte Bekannte ...“
Da zog er mit verlegenem Gesichte den Hut, verneigte sich förmlich, und ihm war es, als empfinge er mitten gegen die Brust einen schweren Schlag. So jäh sprang ihn die Leidenschaft an für das holdselige Geschöpf, daß er fast einen körperlichen Schmerz verspürte ...
Der lange Heino blickte empor. „So, Ihr kennt Euch schon? Na, um so besser! Zur näheren Information aber, das kleine Scheusal da heißt Brigitte!“
Und er wandte sich wieder dem Bocke zu, dessen Gehörn er einer sachverständigen Prüfung unterzog. Nicht ohne einen gewissen Neid, denn er erklärte es für eine wahre Schande, daß ein so kapitaler Kerl sich von einem dummen kleinen Mädel hätte strecken lassen.
Brigitte aber widersprach lachend, erzählte voll Stolz und Eifer eine lange Geschichte, wie es ihr nach unsäglichen Mühen gelungen wäre, den Schlauen und über alle Maßen Vorsichtigen auf die Decke zu legen. Auf eine der hohen Tannen am Waldrand hatte sie klettern müssen, um mit dem Glase seinen Standplatz auszukundschaften, mitten in einem breiten Roggenschlag, den er nur zur Nachtzeit verließ, um sich auf der nahen Wiese satt zu äsen. „Und da war er natürlich geliefert,“ schloß sie mit leuchtenden Augen, „ich ging unter Wind geradenwegs auf ihn zu, scheuchte ihn mit lautem Zuruf hoch, als er mich verwundert anäugte, und wie er in langen Fluchten absprang, kriegte er die Kugel mitten aufs Blatt. Vorbeischießen gibt’s bei mir ja nicht so leicht, aber die Aufregung gönn’ ich keinem Hund, wie ich mit dem Finger an den Drücker ging ... na schön, es hat gefleckt und da liegt er!“
Sie wies triumphierend auf einen kreisrunden kleinen Fleck über einem der Vorderläufe des Rehbockes, aus dem ein paar purpurne Schweißtropfen über die rötlich-fahle Decke rieselten. Peter aber stand dabei und lauschte andächtig. Von den jagdlichen Auseinandersetzungen verstand er wenig, er hörte nur die wohllautende Stimme, sah die bei aller Lebhaftigkeit anmutigen Bewegungen, und in seinem Herzen regten sich allerhand unklare Wünsche und Träume ...
Heino hatte von einem niedrigen Erlenbusch am Wiesenrand einen kurzen Zweig gebrochen, zog ihn durch die Todeswunde des Bockes, so daß sich die grünen Blätter rötlich färbten, und überreichte ihn in feierlicher Haltung der Schwester.
„Weidmannsheil zum ersten Kapitalen!“
„Weidmannsdank,“ sagte sie stolz und schüttelte ihm mit einem Aufleuchten in den blauen Augen die Hand. Auch Peter bekam einen gnädigen Händedruck gespendet, und ein Schauer rieselte ihm durch die Nerven, als die warme kleine Hand einen Augenblick lang zwischen seinen scheu zufassenden Fingern ruhte ..
Der lange Heino packte den Bock am Gehörn, schleifte ihn hinter sich her, und sie gingen zu dritt einen schmalen Fußpfad entlang, der mitten durch die Felder nach dem Schlosse führte, einem weitgestreckten Bau mit ragendem Wartturme hinter grünen Lindenwipfeln.
Brigitte schritt voran, von Zeit zu Zeit streifte sie mit ihrer schlanken Hand durch die wogenden Kornähren ... blonde Locken ringelten sich über einem stolz getragenen Nacken, und wenn sie sich im Plaudern halb rückwärts wandte, schimmerte es auf ihrer leicht gebräunten Wange wie über der Haut eines reifenden Pfirsichs ...
Peter Brenitz folgte ihr wie im Rausche, sein Mund sprach gleichgültige Worte, in seinem Herzen aber war ein einziges Klingen und Singen. Von Zeit zu Zeit hielt er den Atem an, denn ihm war zumute, als müßte die Voranschreitende es vernehmen. Vor kurzem hatte er noch gelästert, unwürdig wäre es ihm erschienen, ein auf alles Ideale gerichtetes Streben mit läppischen Tändeleien zu verzetteln, jetzt aber vollzog sich an ihm ein Wunder, wie an einem Blinden, der plötzlich sehend wird ... Und mit einem gewissen Stolze erfüllte es ihn, daß er all seine Reinheit und Keuschheit aufgespart hatte bis zum heutigen Tag, denn noch niemals in seinem jungen Leben hatte ihm ein weibliches Wesen den Sinn beschwert ...
Auf der Freitreppe empfing sie die Mutter der beiden Geschwister, eine freundlich blickende Dame mit vorzeitig gebleichtem Scheitel und einem leidenden Zuge in dem sanften Gesichte. Und gleich nach der ersten Begrüßung führte sie ihren Gast in die weite Halle, die den langgestreckten Bau in zwei Hälften teilte. Sie hob die feine Hand mit dem Witwenring und deutete nach einem Bild in schwerem Eichenrahmen, das einen hochgewachsenen Offizier darstellte, in der Uniform des zweiten Garderegiments, auf der Brust das eiserne Kreuz.
„Der da, mein lieber Herr Brenitz, hat Ihnen hier einen ganz besonderen Empfang bereitet. Seien Sie in seinem Namen willkommen, und fühlen Sie sich bei uns zu Hause!“
Ihm aber wurden die Augen feucht, kaum daß er einen kurzen Dank stammeln konnte. Er neigte sich über die zarte Frauenhand, die sich ihm entgegenstreckte, und ihm war zumute, als müßte er „Mutter“ sagen ...
Zum Kaffee, den sie auf der Parkveranda einnahmen, mit dem Blicke auf weite Rasenflächen und dunkelgrüne Tannenhecken, erschien Brigitte in einem einfachen hellblauen Kleidchen, das Hals und Arme freiließ. Die kühne Jägerin hatte sich in das Haustöchterchen gewandelt. Sie reichte den Kuchen herum, schenkte die goldgerandeten alten Tassen voll und nötigte nach gut ostpreußischer Sitte zum reichlichen Zulangen. Peter mußte von seinem Elternhause erzählen, von der frühverstorbenen Mutter, die er kaum gekannt hatte, und von dem über alles geliebten Vater, der ihn von klein auf als einen Kameraden behandelte, an allem teilnehmen ließ, was ihm selbst das Herz bewegte. Von den Reisen erzählte er, die sie in den Ferien ausgeführt hatten, und wie sein Vater mit ihm gewissermaßen eine zweite Jugend durchlebte; die Aufgaben mitlernte, und, wenn es nicht gegen alles Herkommen gewesen wäre, am liebsten auch neben ihm die Schulbank gedrückt hätte. Wie in einer Vorahnung, daß ihm ein langes Zusammenleben mit seinem einzigen Jungen vom Schicksal nicht mehr vergönnt wäre ... Mitten im eifrigen Studium zum Abiturientenexamen raffte ihn eine hitzige Lungenentzündung fort, während sie beide schon hofften, daß der schlimmste Vorstoß der Krankheit überwunden wäre. Ganz leicht und froh fühlte er sich, sprach von seiner stolzesten Jugenderinnerung, dem glorreichen Sturme auf St. Privat, und weil in kurzer Frist der Tag sich wieder jährte, plante er eine Reise nach den blutgetränkten Feldern, auf denen das neue Deutsche Reich gewachsen war. Das neue Reich, das einstmals kommen mußte, und in dem es weder Haß noch Zwietracht gab ... Und mitten im fröhlichen Planen winkte ihm der Tod mit milder Hand, löschte ganz leicht und sanft ein Leben aus, das so rein gewesen war wie ein kristallklarer Bach und so hoffnungsfroh wie eine im Blütenschmuck prangende Flur ...
An dem runden Tische auf der Parkveranda war es still geworden. Die Dame mit dem weißen Scheitel weinte leise vor sich hin, der lange Heino sah ins Leere, und an den blonden Wimpern von Brigittes schönen Augen zitterte eine Träne ... Zwischen den dreien aber und dem Gaste wob sich ein Band der Sympathie, denn auch sie trauerten um einen, der ihren Herzen unvergeßlich war ... um einen, der in seiner Art ein echter Edelmann gewesen war, einen Aufrechten, der seinen eigenen Weg ging, wenn auch die Zeit um ihn sich gewandelt hatte. In dem Herzen des Gastes aber regte sich ein unsägliches Glücksgefühl. Er glaubte endlich die Stätte gefunden zu haben, von der der Vater immer geträumt hatte, die Stätte, an der niemand fragte, wer bist du und wo kommst du her, sondern was bist du wert? Und über ihr schwebten freundliche Geister, segneten den kommenden Bund, der sich leise zwischen den Nachkommen entspann. -- -- --
Am Spätnachmittag erschienen Gäste zu freund-nachbarlichem Besuche, die Gräfin Hellingen aus Hellingenau mit Sohn und Tochter, eine schier überlebensgroße Familie, die sich ausnahm wie ein aus vergangenen Märchenzeiten stammendes Riesengeschlecht. Die Mutter eine gewaltige Dame von mehr als sechs Schuh Höhe und einem Leibesumfange, der sich bequem mit dem einer mittleren Sprengtonne vergleichen ließ, der Sohn ein ungeschlachter Geselle mit schweren Gliedern, der den langen Heino reichlich um Kopfeshöhe überragte, und die Tochter eine walkürenhafte Erscheinung, neben der die schlanke Brigitte sich wie ein schmächtiger Backfisch ausnahm.
Als die drei, die Mutter voran, die Parkveranda betraten, lief durch den luftigen Bau ein Erzittern, und in den Dielen entstand ein bedenkliches Knacken. Der lange Heino sprang auf, um der Gräfinmutter die Hand zu küssen, vorher aber fand er noch Zeit, seinem Gaste rasch zuzuflüstern: „Die alte Hellingen, genannt die gräfliche Dampfwalze mit dem Elefantenküken und der Wunschmaid.“ Nach dieser respektlosen Bemerkung aber machte er seinen korrektesten Diener, half der Gräfin aus ihrem hellen Staubmantel, schüttelte dem „Elefantenküken“ herzlich die Hand und versicherte der „Wunschmaid“, sie sähe wieder einmal blendend aus, und es hätte ihm schon immer so geschwant, als sollte der Tag noch einen besonders festlichen Abschluß finden.
Das junge Mädchen errötete vor Vergnügen bis unter die flachsblonden Haare, gab dem langen Heino einen freundschaftlichen Klaps, der einen Schwächeren umgeworfen hätte, und der junge Graf lachte dröhnend auf.
„Geh, schabber nich, Heino, sonst erzähl ich hier öffentlich Deine allerneuesten Schandtaten. Aber ich bin ein christlicher Edelmann, ich kann schweigen!“
Peter Brenitz, der bei dem Eintritte der Gäste bescheiden in den Hintergrund getreten war, hatte bei dem Namen Hellingen argwöhnisch den Kopf gehoben; ein paar Worte fielen ihm ein, die er von dem redseligen Oberkellner des Hotels de Russie auf dem Wege vom Bahnhofe gehört hatte. Und jetzt glaubte er mit einem Male dafür die richtige Deutung zu haben ...
Eine jähe Eifersucht krampfte sich ihm ins Herz, gleich danach aber atmete er erleichtert auf, denn die blonde Brigitte erwiderte die geräuschvolle Begrüßung des jungen Grafen mit merklicher Zurückhaltung. Sie reichte ihm kaum die Fingerspitzen ihrer schlanken Hand, und als er sich hinabbeugte, um ihr irgend etwas zuzuflüstern, wich sie mit einer unmutigen Bewegung aus. Da mußte Peter Brenitz an sich halten, um nicht laut aufzulachen, ein übermütiges Glücksgefühl strömte ihm durch Nerven und Adern, er blickte zu Brigitte hinüber, und ein leises Blinzeln ihrer blauen Augen kam als Antwort zurück. Gleich als hätte sie ihm sagen wollen: geh, gräm dich nicht, der ungeschlachte Gesell ist mir genau so widerwärtig wie dir ...
Die Gräfin Hellingen hatte nach umständlicher Begrüßung der Hausherrin Platz genommen. Frau von Bergkem legte ihr leicht die Hand auf den umfangreichen Arm und lud Peter mit freundlichem Winke zum Näherkommen ein.
„Gestatte, liebe Irmgard, daß ich Dir Herrn Referendar Brenitz vorstelle! Ein Freund meines Heino, und von seinem lieben Vater her unserer Familie besonders verbunden.“
Die Gräfin hob eine langgestielte Lorgnette vor ihr breites Gesicht mit dem tief hinabhängenden Doppelkinn und warf einen zerstreuten Blick auf den schmächtigen Jüngling.
„Brenitz, Brenitz? Mit einem Brenitz habe ich mal in meiner Jugend getanzt. Ich glaube, er war so was wie Deutzer Kürassier, und, nicht wahr, Sie stammen auch aus dem schönen Rheinland?“
Peter wußte nicht recht, was er antworten sollte, aber der lange Heino sprang für ihn ein. In seinen blauen Augen lachte der Schalk, aber er verneigte sich ganz ernsthaft.
„Du irrst Dich, Tante Irmgard, mein Freund stammt aus der jüdischen Linie dieses alten Geschlechts. Sie hat sich hervorragend um die Eroberung des Kurfürstendammes verdient gemacht, der Papa aber meines Freundes und der meinige besaßen bei St. Privat eine kleine Versicherungsbank auf Gegenseitigkeit. Sie retteten sich immer umschichtig das Leben!“
„Sieh mal an,“ sagte die Gräfin Hellingen, „wie interessant!“ Sie hob von neuem die Lorgnette zu flüchtigem Blicke, gleich danach aber wandte sie sich zu der Frau von Bergkem. Der Fall Brenitz war für sie erledigt.
„Sag mal, liebe Mieze, ich bin da vorhin an einem Roggenschlag vorbeigekommen, er war wenig erfreulich, und wenn mir Dein Inspektor zur Hand gewesen wär’, hätte ich ihm gründlich den Marsch geblasen. Alle Spann’ lang einen Halm und oben statt Aehren lauter „Bremsenköppe“. Versteht der Mensch nichts von der Landwirtschaft, oder hat er im Herbst vielleicht nicht genug Dung gehabt?“
„Auch ’ne Gemeinheit, erklär’ Ihnen alles später,“ raunte Heino seinem Gaste zu und räusperte sich mit höflicher Verneigung.
„Du rührst da an ein Problem, liebe Tante, das mir auch schon schlaflose Nächte bereitet hat. Ich glaube, wir müßten zur Abhilfe der von Dir gerügten Mißstände öfter regnen lassen oder unser Vieh mit Rhabarber füttern. Jetzt aber verzeih, ich möchte meinen Freund auch Deinen Sprößlingen vorstellen!“ Er machte eine weit ausladende Handbewegung: „Komteß Hella von Hellingen, Herr Referendar Brenitz ... Herr Referendar Brenitz aus Berlin, Herr Burggraf Hanns von Hellingen auf Hellingenau!“
Die „Wunschmaid“ neigte kurz das mit flachsblondem Haar beschwerte Haupt, das „Elefantenküken“ hob sich ein wenig auf seinem Sitze an und schnarrte mit einem Zusammenklappen der Stiefelabsätze: „angenehm!“ Peter Brenitz aber wurde mit einem Male befangen und machte eine linkische Verneigung. Er empfand es dankbar, daß Heino vor der vornehmen Verwandtschaft sich so offen zu ihm bekannt hatte, aber ein bitteres Gefühl stieg ihm im Halse empor, und unwillkürlich mußte er denken, wie anders wohl die Vorstellung verlaufen wäre, wenn er wirklich zu diesem adligen Geschlechte der angeblich im Rheinlande ansässigen Brenitze gehört hätte.
Die Gräfin Hellingen machte ein ärgerliches Gesicht und richtete sich in ihrem Lehnsessel auf. Es war ihr nicht entgangen, daß Heino geflissentlich den Namen dieses kleinen Referendars vor dem ihres Sohnes genannt hatte ...
„Wir wollen nicht mehr lange stören, und ja, liebe Mieze, weshalb ich eigentlich zu Dir gekommen bin ... es hat sich da eine Person bei mir gemeldet, die früher bei Dir in Diensten stand ... meine bisherige Kammerzofe habe ich nämlich wieder einmal Knall und Fall entlassen müssen.“ ...
„Ach,“ sagte der junge Graf Hellingen plötzlich und stand auf, „Du sollst doch heute nachmittag einen ganz klotzigen Bock geschossen haben, Brigitte? Euer Gärtner erzählte vorhin was davon. Kann man ihn nicht mal sehen?“ Er bemühte sich, ein möglichst unbefangenes Gesicht zu machen, aber der Versuch gelang nur unvollkommen, denn in seinen gebräunten Wangen stieg eine verräterische Röte empor ...
„Meinen Bock“ fragte Brigitte, „mit Vergnügen! Kommt, Kinder, am Milchkeller irgendwo wird er hängen!“ Sie nahm die Wunschmaid unter den Arm und ging voran, gefolgt von dem erleichtert aufatmenden Elefantenküken. Der lange Heino aber verneigte sich erst höflich vor der Gräfinmutter: „Liebe Tante, darf ich für meinen Freund und mich ebenfalls um Urlaub bitten?“ Und draußen schlug er seinem Gaste kräftig auf die Schulter.
„Mann Gottes, jetzt machen Sie doch bloß nicht so’n miesepetriges Gesicht, die Leute verstehen’s eben nicht besser, und der Bann ist ja gebrochen. Sie sind der Gräfin Hellingen vorgestellt, und nachher werde ich’s schon deichseln, daß Sie von ihr aufgefordert werden, nächstens in Hellingenau einen Besuch zu machen. Dann aber sind Sie fein ’raus mit ’nem Freilos, denn sie ist immer noch nicht nur die dickste, sondern auch erste Dame des Kreises, und wer in ihrem Hause verkehren darf, ist für unsere hiesigen Begriffe so was ähnliches wie hoffähig.“
„Ich möchte Sie bitten,“ erwiderte Peter, „sich nach dieser Richtung hin nicht zu bemühen. Ich beabsichtige nicht, mich in eine Gesellschaft zu drängen, in der ich doch nur geduldet sein würde!“
Heino blieb stehen und schlug verwundert die Hände zusammen.
„Ja, Kind, liebes, was wollen Sie eigentlich?! Neulich, am Abend vor Ihrem sogenannten Duell, schwärmten Sie von den völkerbeglückenden Idealen Ihres seligen Herrn Papas, die natürlich auch die Ihrigen sind. Sie setzten mir in längerer Rede auseinander, all die beklagenswerten Mißverständnisse wären zum größten Teile darauf zurückzuführen, daß die beiden in Betracht kommenden Parteien viel zu wenig voneinander wüßten. Jetzt bringe ich Sie mit Leuten von der anderen Cotéseite zusammen, und Sie zoppen zurück! Woher sollen’s die denn lernen, daß hinterm Berg sozusagen auch Menschen wohnen, wenn ihr Gesichtskreis sich nur auf allerhand, auch in Ihren Augen nicht gerade sehr dekorative Objekte beschränkt? Auf die armseligen Gestalten, die mit gekrümmtem Rücken ihr Bündel von Dorf zu Dorf schleppen, auf Herrn Manufakturwarenhändler Pollnow am Markt, der mit den Bauern um ’ne Elle Kattun feilscht, oder, wenn’s hoch kommt, auf einen Königsberger Getreidehändler, der aber, weil er bei seinem Geschäft natürlich auch verdienen will, von vornherein ihr Feind ist? ... Also vorwärts, los, mein Jungchen! Und tun Sie mir einen Gefallen: Laufen Sie nicht immer mit so ’nem Entschuldigungszettel auf der Brust herum, in dieser unglückselig-schüchternen Haltung, als wenn Sie sagen wollten: „Verzeihen Sie, meine Herrschaften, ich bin zwar Jude, aber, Sie dürfen’s mir glauben, ein anständiger Mensch!“
Peter sah dankbar zu seinem Freunde hinüber. Dieser aber lachte, wie es seine Art war, kurz auf.
„Na also, abgemacht! Und haben Sie ’ne Ahnung von Orchideen?“
„Ein wenig,“ versetzte Peter leicht verwundert, „aber was hat das mit unserm Thema zu tun?“
„’ne Masse! Und können Sie auch, wenn Sie so ’ne Pflanze in die Hand kriegen, mit der gravitätischen Miene eines Sachverständigen Kohl darüber reden?“
„Ich denke doch! Mein seliger Vater war ein großer Blumenfreund, und auf einem unserer Terrains da draußen nach Lichterfelde zu stehen noch heute die Gewächshäuser!“
„Na, Menschenskind, dann ist ja alles in der schönsten Ordnung, denn die gräfliche Dampfwalze hat sich in neuerer Zeit auf die Orchideenkultur geworfen, weil ihr irgend jemand eingeredet haben mag, das wäre besonders vornehm. Zum nächsten Sonntag also lassen Sie sich aus Berlin einen dicken Strauß von diesen Dingern kommen, schwingen sich damit in Ihr Auto, und ich will zeitlebens Wasser trinken, wenn Sie nicht gleich zum Mittagessen dabehalten werden!“
Peter Brenitz blickte nachdenklich über den weiten Raum des Gutshofes. Langgestreckte Scheunen mit verwitterten Ziegeldächern rahmten ihn ein, allerhand Ackergerät lag und stand herum, drüben aber von der anderen Seite her leuchtete ein hellblaues Kleid ... Da lächelte er seinem Freunde zu: „Sie haben recht, ich muß wirklich mehr unter Menschen, und ich bin Ihnen von Herzen dankbar!“
Daß es ihm dabei im Augenblick weniger um seine Ideale ging, kam ihm vielleicht gar nicht zum Bewußtsein, aber wie sollte er die blonde Brigitte wiedersehen, wenn er sich selbst von der Gesellschaft abschloß, mit der sie verkehrte? Oder gar dem ungeschlachten Burschen den Platz räumte, der mit begehrlichen Augen um sie herumstrich ... Und aus dieser eifersüchtigen Regung entsprang ihm plötzlich die Frage: „Sagen Sie mal, Herr Kollege, wie ist die Familie Hellingen eigentlich mit Ihnen verwandt?“
„Die Hellingens mit uns?“