Bruder Leichtfuß und Stein am Bein

Part 8

Chapter 83,661 wordsPublic domain

Der lange Heino blieb stehen und sah grübelnd auf den grünen Rasen hinab. „Warten Sie mal ... im siebzehnten Jahrhundert hat mal ein Hellingen eine Bergkem geheiratet, oder umgekehrt. Genau weiß ich’s nicht, dazu müßte ich erst die Familienchronik wälzen!“

„Aber Sie duzen sich doch untereinander?“ warf Peter ein.

„Ach so?! Nun, die Urgroßmütter sind schon zusammen aufgewachsen, mit dem großen Hanns haben wir uns gegenseitig die Nasen blutig geschlagen, da kommt das ganz von selbst. Die Gräfin aber ist meine Patin und genießt infolgedessen das Vorrecht, von mir von Zeit zu Zeit mit einem größeren Pump beehrt zu werden ... Autsch, Backe,“ sagte er plötzlich und sah besorgt nach dem Herrenhause zurück, „sie wird meiner alten Dame doch nichts erzählt haben?!“

„Um Gottes willen --“ Peter fuhr ordentlich erschrocken zusammen -- „weshalb haben Sie mir denn nicht ein einziges Wort nur gesagt? Ich hätte doch so gerne ...“

Er brach ab, denn Heino legte ihm die schwere Hand auf die Schulter.

„Nee, mein Jungchen, das wollen wir lieber lassen! Unsere Freundschaft soll keinen metallischen Beigeschmack bekommen! Sie meinen es gut und ehrlich, ich weiß es, aber es soll niemand sagen dürfen, der Heino Bergkem hätte aus nicht ganz lauteren Gründen gehandelt ... na, ist gut!“ Er hatte ernster als sonst gesprochen, und gleich danach lachte er wieder lustig auf.

„Aber beruhigen Sie sich, sie tut’s nicht, denn sie fürchtet sich vor meinem losen Mundwerk. Und sie trägt den neuen Posten auf ein recht zweifelhaftes Konto, denn im stillen hofft sie, ich werde mal die Wunschmaid heiraten, dann zieht sie mir alles auf einmal von der Mitgift ab! Schließlich, das Dümmste wär’ es ja nicht, aber wir wollen es uns noch ’ne ganze Weile lang überlegen, trotz der ungemessenen Däuser, die sie mal von ihrer Mutter erbt! Und der große Hanns da drüben neben meiner Schwester? Der Kerl ist dumm wie Bohnenstroh, fast könnt’ man sagen, wegen allzu alten Adels des Lesens und Schreibens unkundig, aber mit vierundzwanzig Jahren Herr auf dreiundsechzigtausend Morgen Land! Dreiundsechzigtausend Morgen, über denen mal der weiße Wappenvogel meines Geschlechts flog. Na schön, kann vielleicht alles wieder werden. Und jetzt kommen Sie, sonst bilden sich die beiden Riesenkinder noch ein, wir hätten nichts Besseres gewußt, als über sie zu klatschen!“

Er ging mit weit ausgreifenden Schritten voran, und Peter folgte ihm mit angstvoll beklommenem Herzen. Die Worte „kann vielleicht mal alles wieder werden“ ließen doch nur eine einzige Deutung zu, aber gleich danach schalt er sich einen Toren. Der lange Heino wäre doch der letzte gewesen, an so schnöden Handel, bei dem es um das Schicksal der eigenen Schwester ging, überhaupt nur zu denken. Sie selbst aber, die blonde Brigitte, schien ihm viel zu stolz und hochgesinnt, um sich an diesen täppischen Burschen zu verkaufen, nur weil er eine Grafenkrone trug und Herr über drei Meilen Land war! Und schließlich war er ja auch noch da und gedachte nach dem Rate des Freundes von jetzt an auf den Plan zu treten. Ein stilles Werben und Dienen sollte anheben vom heutigen Tage, bis sie sich ihm in seliger Stunde neigte wie eine gnadenreiche junge Königin ...

Das Gehörn des Bockes war von allen Seiten besichtigt und sachverständig geprüft worden. Brigitte schlug vor, wieder nach der Parkveranda zurückzukehren, und da widerfuhr dem großen Hanns ein Mißgeschick. Aus den nahen Tagelöhnerwohnungen waren die Kinder herzugelaufen, standen scheu im Kreise herum und starrten die jungen Herrschaften aus dem Schlosse an. Eins der Kleinsten aber, das barbeinig im Hemdchen auf allen Vieren krabbelte, hatte sich vorwitzig zu nahe herangewagt, und im Umwenden trat ihm der junge Graf Hellingen unachtsam auf die winzige Hand.

„Ueberall wimmelt’s von dem kleinen Geschmeiß,“ sagte er ärgerlich und wollte seinen Weg fortsetzen, aber es gab einen unliebsamen Aufenthalt, Peter Brenitz eilte hinzu und hob den schreienden Kleinen auf. Er trug ihn zu dem nächsten Hause, setzte ihn in dem verräucherten Flure auf einen Schemel, und da geschah etwas Merkwürdiges, der strampelnde Schreihals wurde mit einem Male still, ließ sich geduldig das Blut von der Schramme wischen und die dicke Patschhand untersuchen.

Peter hob den Kopf, denn er hörte sich nähernde Schritte.

„Ich glaube, es ist nichts passiert, Herr Graf, er kann alle Finger bewegen, und das Schlimmste wird wohl der Schreck gewesen sein!“

„Nein, ich bin’s,“ sagte Brigitte, „der andere steht draußen und mokiert sich. Aber das ist famos, besser hätten Sie ihn gar nicht ärgern können.“

Ueber Peters schmales Gesicht huschte ein verlegenes Lächeln.

„Verzeihen Sie, daran hatte ich im Augenblick wirklich nicht gedacht, und ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich mich da gewissermaßen vorgedrängt habe. Dem Herrn Grafen tut’s sicherlich auch recht leid, nur ...“

„Ja,“ fiel Brigitte feindselig ein, „nur er hat eine andere Art, sein Mitleid auszudrücken. Und Sie bekämen’s wahrhaftig fertig, ihn noch in Schutz zu nehmen!“

„Er hat’s gewiß nicht gerne getan, und das andere liegt wohl nur an seiner Erziehung. Wer in so bevorzugter Stellung aufwächst, lernt schwer einen richtigen Maßstab für all das Armselige, was zu seinen Füßen kriecht!“

„Sie sind ein komischer Mensch,“ sagte Brigitte, sah ihn groß an. „Und ist das wahr, was Heino eben draußen erzählte, daß Sie nämlich ...“ Sie stockte einen Augenblick, dann warf sie mit einer kurzen Bewegung den Kopf in den Nacken: „also, daß Sie noch nie ein Mädchen geküßt haben?“

Peter wurde rot bis unter die Haarwurzeln.

„Es ist sehr unrecht von Ihrem Herrn Bruder, daß er etwas, das nur für ihn bestimmt war, vor anderen weitererzählt. Die lachen vielleicht darüber! Aber weshalb soll ich es leugnen? Es ist ja wahr und wohl auch keine Schande. Früher hielt ich’s für unwürdig, heute aber“ -- seine Brust dehnte sich unter einem tiefen Atemzuge -- „heute wäre mir zumute, als würde ich damit ein Heiligtum entweihen, das ich in meinem Herzen trage.“

„Ich habe nicht gelacht,“ sagte Brigitte ernsthaft, gleich danach aber wurde sie verlegen. „Kommen Sie, bitte, die anderen warten draußen!“ Und sie wandte sich zur Tür.

Peter nickte freundlich.

„Bitte, gehen Sie voran, und entschuldigen Sie mich für einen Augenblick. Ich will nur zusehen, ob ich meinen kleinen Patienten hier irgendwo in sichere Hände abliefern kann.“

Die Tür hatte sich geschlossen, und Peter sah sich in dem dämmerigen Raume um. Feuchter Ruß klebte an den Wänden, in einer Ecke stand ein Lehmherd, auf dem ein Kohlenfeuer schwelte, irdene Töpfe hingen an einem Gestell, und über einem zerbrochenen Stuhl lag ein geflickter Kittel. Ihm aber war zumute, als stände er in einem goldschimmernden Palast, einem Palast, in dem eben sein Glück geboren war ...

Aus einer niedrigen Seitentür trat eine abgearbeitete Frauengestalt, trocknete sich die feuchten Hände an der Schürze und erging sich in demütigen Entschuldigungen.

„Ach Gott, gnädiger Herr, seien Se nich bös! Ich stand an der Waschtonn’, und da is er mir weggekrochen. Und hätten Se ihm man noch ordentlich eins drauf gegeben, dem naseweisschen Bengel! Was hat er da ’rumzukraufen, wo die gnädigen Herrschaften stehen?“

Der Kleine fing wieder an zu schreien, Peter aber sprach ihm beruhigend zu und glaubte mit einem Male zu verstehen, weshalb der junge Graf Hellingen achtlos weitergegangen war, als sein schwerer Fuß das am Boden liegende Kind gestreift hatte. Wie sollten die Herren anders sein, wenn rings um sie knechtische Demut war, die nach empfangener Wehtat unterwürfig um Verzeihung bat?!

Ein unsägliches Mitleid quoll ihm im Herzen empor, er griff in die Tasche und legte neben dem Kinde, was er an kleinem Gelde bei sich trug, auf den Schemel. Es schien ihm herzlich wenig, ein paar Goldstücke nur und etliches Silbergeld, das arme Tagelöhnerweiblein aber starrte ordentlich erschrocken hin.

„Gnädiger Herr, und das soll ich? ...“ Es haschte nach seiner Hand: „Trautester, goldenster gnäd’ger Herr, schön Dank, und der liebe Gott vergelt’s Ihnen hunderttausendmal. Was Sie sich man bloß wünschen, schon soll es da sein, und Glück soll immer bei Ihnen sein!“

Da lachte Peter wieder fröhlich auf.

„Glück, liebe Frau? Glück kann man immer brauchen, aber eben war es da, und so Gott will, werd’ ich’s draußen wiederfinden!“ -- -- --

* * * * *

Als Peter auf den Hofraum trat, sah er vor der Freitreppe sein Auto halten. Der brave Meltzer war abgestiegen, erklärte den Herrschaften in einem mit Fachausdrücken reichlich gespickten Berlinisch die Maschine, und auch die beiden alten Damen, die von der Parkveranda gekommen waren, hörten mit Interesse zu. Der lange Heino winkte mit der Hand und rief hinüber: „Brenitz, die Komteß und meine Schwester haben noch nie in so einem Ding gesessen! Darf Ihr Chauffeur sie mal ’n bißchen rumkutschieren?“

„Aber mit Vergnügen,“ rief Peter zurück und lief eilig hinzu, um seinem Wagenlenker die größte Vorsicht einzuschärfen. Herr Meltzer salutierte militärisch.

„Befehl, Herr Doktor, wird nischt passieren. So ’ne noble Fuhre schmeißt man nich um!“

Die jungen Damen stiegen lachend ein, auch das Elefantenküken folgte, und die Gräfinmutter richtete ihr Lorgnon auf Peter, als wollte sie sich diesen Referendarius in seiner Eigenschaft als Automobilbesitzer noch einmal genauer ansehen. Am liebsten wäre sie ebenfalls mitgefahren, aber ein prüfender Blick auf die schmalen Wagensitze hatte sie leider belehrt, daß die Ausführung dieses Vorsatzes auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen mußte ...

Der lange Heino kniff seinen Gast in den Arm.

„Ihre Aktien steigen riesig, der rotlackierte Kasten hat ihr mächtig imponiert, und nachher lass’ ich die Orchideen steigen. In fünf Minuten sind Sie eingeladen!“

Herr Meltzer kurbelte den Motor an, schwang sich in den Führersitz und fuhr mit erster Geschwindigkeit ab, um nach einigen Wagenlängen gleich die zweite einzustellen. Puffend und knatternd stob das Auto von dannen, um in wenigen Augenblicken am Hoftor hinter einer Staubwolke zu verschwinden. Die Gräfinmutter wehte begeistert mit einem Taschentuche, und Heino näherte sich ihr listig.

„Liebe Tante Irmgard, das wird Dich gewiß auch interessieren: Mein Freund Brenitz teilt eine Deiner Hauptpassionen. Er ist ebenfalls ein begeisterter Orchideenzüchter, und seine Gewächshäuser sind geradezu eine Sehenswürdigkeit von Berlin. Sie liegen auf seinen großen Terrains, nach Lichterfelde zu, und ja, ich sage Dir, es ist kolossal, was für Orchideen da wachsen! In allen Farben und wie Milchschüsseln so groß.“

„Mein lieber Junge,“ sagte die Gräfin belehrend, „bei Orchideen kommt es nicht auf die Farbe und Größe an, sondern auf die Seltenheit. Ich habe eine, die ist kaum wie ein kleines Nelkchen so groß, und sie kostet fünfhundert Mark! Lang’ aber werd’ ich sie nicht mehr züchten, denn sie fängt schon an, ziemlich gemein zu werden, auf der letzten Ausstellung in Königsberg waren schon sechs Stück!“ Und nach diesen, mehr für die Allgemeinheit gesprochenen Worten wandte sie sich mit einem wohlwollenden Lorgnettenschwunge zu Peter.

„Also Sie züchten auch Orchideen! Nun, es ist jedenfalls das Zeichen eines exquisiten Geschmacks. Es wäre mir interessant, gelegentlich Ihr Urteil über meine Gewächshäuser zu hören. Wenn Sie Ihr Weg einmal in die Nähe von Hellingenau führt, wird es mir ein Vergnügen machen, sie Ihnen zu zeigen.“

Peter verneigte sich höflich: „Es wird mir eine hohe Ehre sein, gnädigste Frau Gräfin,“ und der lange Heino sah triumphierend zu ihm hinüber. Die Gräfinmutter aber wandte sich zu Frau von Bergkem, denn sie fand, fürs erste hätte dieser dunkle junge Referendarius genug Huldbeweise empfangen.

Das Auto erschien wieder im Außentor, fuhr eine elegante Schleife im Hofraum, um vor der Freitreppe zu halten, Brigitte stieg als erste aus.

„Himmlisch,“ sagte sie und schüttelte Peter die Hand. Die Wunschmaid folgte ihr auf dem Fuße: „Gottvoll,“ und schließlich stellte sich auch der lange Hanns mit einem Händedruck ein: „Tadellos! Ich bin ja in Berlin schon oft genug gefahren, aber Ihr Chauffeur hat ein Tempo am Leibe: großartig! Hat mich auf die Idee gebracht, mir auch so’n Dings zuzulegen, und, pardon, was kostet so ’ne Maschine mit allem Klimbim per Jahr?“

Peter lächelte verlegen.

„Das müssen Sie gütigst meinen Chauffeur fragen, ich habe keine Ahnung.“

Er wußte es wirklich nicht, denn er hatte sich noch niemals die Mühe gemacht, die Rechnungen des Herrn Meltzer am Jahresschlusse zusammenzuzählen, mit dieser Antwort aber verstärkte er, ohne zu wollen, den bisher erzielten günstigen Eindruck um ein Bedeutendes. Der lange Heino hatte vorhin schon gelegentlich ein paar Worte über den immensen Reichtum seines Freundes fallen lassen, und das rote Gold übte wie überall seine Zauberwirkung, auch auf die stolze Gräfinmutter von Hellingenau ...

Als Peter nach kurzem Abschiede davongefahren war, um die amtsgerichtsrätliche Familie nicht durch unangemessenes Zuspätkommen zu kränken, äußerte sie wohlwollend:

„Ein recht sympathischer junger Mann, dieser Referendarius Brenitz, und ich finde, nicht nur im beschränkten Kreise präsentabel. Hätte Heino mich nicht darauf aufmerksam gemacht, wär’ es mir nicht im Traume eingefallen, ihn für einen Israeliten zu halten. Ueberhaupt, wer will heutzutage nach dem Aeußern eines Menschen urteilen? Ich kenne Prinzen, die von irgendeiner Urgroßmutter her in Zivil so aussehen, als wollten sie einem alte Hosen verkaufen. Auf das Innere kommt es bei ’nem Menschen an, und ich muß gestehen, auch in der Hinsicht hat dieser junge Mann auf mich einen recht vorteilhaften Eindruck gemacht. Liebenswürdig, bescheiden und zurückhaltend. Jedenfalls werde ich’s mir angelegen sein lassen, ihn zu protegieren, soweit es in meinen schwachen Kräften steht.“

So lobte die Gräfin von Hellingen vor Brigittens eifrig zuhörenden Ohren den abwesenden Peter Brenitz, und in ihrem allzeit auf Mehrung des Familiengutes bedachten Sinne regte sich der Gedanke, ob sich hier nicht eine Möglichkeit bieten könnte, ihren anwesenden Einzigen vor einer wenig vorteilhaften Verbindung zu bewahren. Frau von Bergkem aber blickte noch bedrückter drein als sonst und neigte sorgenvoll den vorzeitig gebleichten Scheitel, denn sie glaubte zu verstehen, was die andere dachte. Ein langgehegter Plan schien ihr ins Wanken zu geraten, auf den sie das Schicksal ihres Hauses gebaut hatte, ein Luftschloß vielleicht nur, aber in allen Nöten und Sorgen des Tages war es ihr immer für sich und die Ihrigen als letzte Zuflucht erschienen ...

Als jedoch am späten Abend der Hellingenauer Besuch nach Hause gefahren war, schlang Heino der Mutter seinen langen Arm um die Schulter.

„Sag, Mutti, hältst Du Deinen Aeltesten für dumm?“

„Nein, mein Kind, aber ...“

„Kein Aber! Ich weiß genau, was ich will! Es war höchste Zeit, dem langen Hanns mal ’ne kleine Aufmunterung zu geben, wie ’nem trägen Gaul ’nen Peitschenschmiß. Auf seine Art hat er unsere Brigitte recht lieb, aber er glaubt, mit ihren siebzehn Jahren läuft sie ihm nicht fort, und läßt sich Zeit wie ein Pascha, der nur die Hand auszustrecken braucht. Also da ist es recht gut, wenn ihn die Bremse der Eifersucht sticht. Glaub’ mir, in vierzehn Tagen tritt er hier mit ’nem Blumenstrauß an -- trotz seiner hochgräflichen Mutter! ... Meinst Du, ich hätte sie nicht durchschaut, als sie heute nachmittag in Brigittes Gegenwart von ihrer weggejagten Kammerjungfer oder, _implicite_, von einem neuen Streiche ihres Herrn Sohnes zu erzählen anfing?“

Frau von Bergkem schmiegte sich an ihren Sohn und sah in neu erwachender Hoffnung zu ihm auf. Nur ihr streng christlicher Sinn wehrte sich gegen so unziemliche Beeinflussung des Schicksals.

„Ich glaub’ Dir, mein Kind, aber ist es nicht eigentlich ein frevles Spiel mit Menschenlosen? Wenn nun Brigitte ...“

„Mutter!“

Der lange Heino hob die Hand, und zwischen seine blonden Augenbrauen schob sich eine tiefe Falte:

„Ich hoffe, sie denkt ebenso wie ich, und wenn nicht, dann ist es Deine Pflicht, diesem siebzehnjährigen Gissel die Augen klar zu wischen. Ich glaube, im Sinne meines Vaters ein leidlich moderner Mensch zu sein, aber bei gewissen Dingen hört mein Horizont auf! Und glaub mir, eher würd ich in Dreck und Speck verkommen, als daß ich einem Juden, und wär er der edelste Mensch, der je diese Erde beschritten, meine Schwester zum Weibe gäbe.“

Die Mutter neigte zustimmend den feingeschnittenen Kopf.

„Mein Sohn, Du bist nach dem Hingang Deines Vaters der letzte Deines Geschlechts, Dir kommt es zu, in solchen Fragen zu bestimmen, und ich will Deinen Anweisungen getreulich folgen. Bangt es Dir aber nicht um Deinen Freund, und ist es nicht unchristlich, ihn ahnungslos in eine Gefahr treten zu lassen, die ihm vielleicht Kummer und Herzeleid bringt?“

Da lachte der lange Heino wieder lustig auf.

„I bewahre, Mama! Das heißt, versteh mich nicht falsch! Ich wollte sagen, der gute Peter Brenitz ist gegen diese Gefahr gepanzert und gefeit. Vor lauter himmelhohen Idealen hat er keine Zeit, sich hier unten auf der Erde umzuschauen, und ich wette mit Dir, er weiß trotz stundenlangen Beisammenseins noch nicht einmal, ob Brigitte blaue Augen hat oder braune. Sonst vielleicht“ -- und seine Stimme klang unwillkürlich leiser -- „wäre er mir doch zu schade, ihn als Puppe in mein Spiel zu stellen! In seiner Art ein prachtvoller Kerl, und -- weshalb soll ich’s leugnen -- in gewissem Sinne bin ich stolz darauf, ihn meinen Freund zu nennen ...“

So sprach der lange Heino, schritt mit der Mutter bis in den späten Abend hinein in den schweigenden Gängen des Parkes auf und ab, bedachte klüglich, wie die Beziehungen der Häuser Hellingen und Bergkem zu naher Vereinigung zu gestalten wären. Eines nur bedachte er nicht, daß ein großes Jungenherz längst schon lichterloh brannte, in dem eines kleinen Mädchens aber ein Funke glimmte, der mit rasch zufassender Hand ausgedrückt werden mußte, um nicht in heller Flamme emporzuschlagen ....

IV.

Peter Brenitz fuhr allein nach Hause, denn Heino hatte ihm erklärt, er müßte seines geplanten Finanzgeschäftes wegen mit der Gräfinmutter von Hellingen noch ein kräftiges Wörtlein im Vertrauen reden. Herr Meltzer drehte den Motor an, noch ein Winken und Grüßen, und der schöne Nachmittag in dem gastlichen Hause unter den grünen Lindenwipfeln war zu Ende. Als Peter im Hoftor sich noch einmal umwandte, war die Freitreppe leer, nur an einem Fenster der weiten Halle leuchtete noch ein bläulicher Schimmer ...

Aber das mochte vielleicht nur eine Einbildung sein, die ihm seine kurzsichtigen Augen vorspiegelten, oder sein von Glückseligkeit übervolles Herz ...

Da legte er sich im Wagensitze zurück und kostete in der Erinnerung alles noch einmal durch, was sich an diesem gesegneten Nachmittage zugetragen, von dem Augenblicke an, da er sie dort drüben auf dem schmalen Wiesenraine erblickt hatte, bis zu der flüchtigen Sekunde, in der sie ihm die kleine Hand zum Abschiede reichte. „Kommen Sie recht bald wieder, lieber Herr Brenitz,“ hatte sie gesagt und ihn freundlich angesehen, die blonde Brigitte. Nun wohl, das sollte geschehen, denn jede Minute, die er fern von ihr verbringen mußte, erschien ihm ein Raub an dem ihm zukommenden Glücke.

So träumte er glückselig vor sich hin, indes ihn der rasche Wagen den Weg zurückführte, den er am Nachmittag an der Seite des Freundes gegangen war. Himmelhoch ragten die grauen Stämme der Tannen empor, zwischen sandigen Hügeln wuchs dürftiges Wacholdergestrüpp, und über dem blauen Spiegel des Sees stand die abendliche Sonne, nur schien ihm das Bild der Landschaft gegen sonst ganz eigentümlich verändert. Alles rings um ihn her war viel farbiger und bunter geworden, noch nie glaubte er ein so prächtiges Blau, ein so leuchtendes Grün gesehen zu haben, als hier auf Schilf und Wasser, und noch niemals war es ihm aufgefallen, welche verschwenderische Pracht von Glanz und Gold die liebe alte Sonne über Wald und See zu streuen vermochte. Wohin ihr Strahl auch traf, überall ergleißte es von Purpur und Gold, bis ihm mit einem glücklichen Lächeln einfiel, daß diese Veränderung vielleicht an seinen Augen läge ... Und grüßend flogen seine Gedanken zu der Einzigen, Herrlichen zurück, die ihn zu neuem Leben erweckt hatte ...

Als er vor der Veranda des Grand Hotel de Russie ausstieg, um sich für den „gemütlichen Familienabend“ bei Amtsgerichtsrats in den schwarzen Rock zu werfen, gab er seinem braven Wagenlenker einen übermütigen Klaps auf die Schulter.

„Na, Meltzer, wie gefällt’s Ihnen hier im Städtchen?“

„Bedeutend, Herr Doktor! So ’ne Station ha’ck mir schon lange immer jewünscht. Stullen, wie Holzpantinen so jroß, un det Fleesch scheint hier ooch mächtig billig zu sein!“

„Na und sonst? Haben Sie auch schon wieder ’ne Braut?“

„Ick schwanke noch, Herr Doktor! De Mächen sind alle hier durch de Bank so sauber und appetitlich, det ick mir for ’ne einzelne noch nich hab entschließen können. Immer jefällt mir ’ne andere besser, und vorläufig lieb ick se alle mitenander!“

„Dann beeilen Sie sich aber, Ihre Wahl zu treffen,“ sagte Peter lächelnd. „Denn wie steht’s geschrieben? Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei!“

Damit begab er sich ins Haus, Herr Meltzer aber blickte ihm mit einiger Verwunderung nach. So aufgeräumt und lustig hatte er seinen Herrn noch niemals gesehen. Und mit einem Male kniff er das rechte Auge ein und pfiff vergnügt vor sich hin: „Hast’s endlich auch gemerkt, daß zweierlei Menschen auf der Erde wohnen?“ Nur wußte er nicht recht, an welcher der beiden jungen Damen, die er so behutsam hatte fahren sollen, sein Herr Feuer gefangen hatte, an der schlanken Zierlichen im hellblauen Kleid oder der Großen mit dem weißblonden Haar. Eins aber schien ihm auf jeden Fall sicher, daß er ihn noch manch liebes Mal von diesem Gutshofe abholen würde, dessen vertrackten Namen kein anständiger Christenmensch richtig aussprechen konnte ...

* * * * *

Bei Amtsgerichtsrats ging es hoch her. Die beiden Vorderzimmer erstrahlten im festlichen Lichte mehrerer Lampen, die Frau Rätin, eine stattliche Dame mit einem Schnurrbärtchen auf der Oberlippe und dunkeln Augen, hatte ihre vollen Formen in das Schwarzseidene eingezwängt, Fräulein Trudchen aber prangte in Rosa, weil ihrem brünetten Teint diese Farbe bei Abendbeleuchtung am besten zu Gesichte stand. Die sechs jüngeren Geschwister aber mußten in den Hinterzimmern bleiben, um den Gast nicht durch ihre große Zahl zu erschrecken und der ältesten Schwester keine unziemliche Konkurrenz zu bereiten.

Als Peter gegen halb neun in Gehrock und Zylinder erschien, empfing er den wohltätigen Eindruck eines wenn auch bürgerlich-einfachen, so doch harmonischen Familienlebens, und auch hier war die Begrüßung eine ausnehmend herzliche. Die Frau Rätin, die zur Erklärung ihrer harten Aussprache des Deutschen bemerkt hatte, sie wäre eine geborene von Zuchopolska aus dem alten Woiwodengeschlechte derer von Zuchopolski aus der Gegend von Grajewo, lud Peter neben sich aufs Sofa, und als sie in der üblichen Pause vor Tisch auf Befragen erfahren hatte, er besäße weder Vater noch Mutter mehr, schlug sie bedauernd die fleischigen Hände ineinander.

„Arrmer Herr Brenitz! Wie tun Sie mir leid, namentlich weggen Ihrer Frau Muter! Nun denn kommen Sie nurr recht oft, auch onne Einladung, und wenn Ihnen zumute ist, Ihr Cherz auszuschüten, hier ist iemer Platz!“ Dabei legte sie ihre Rechte auf den umfangreichen Busen und sah ihn mitleidig an, Fräulein Trudchen aber schüttelte ihm mit einem gefühlvollen Aufleuchten ihrer braunen Augen die Hand.