Bruder Leichtfuß und Stein am Bein
Part 6
Peter war von dem plötzlichen Umschwunge der Ereignisse so benommen, daß er sich auf eine stumme Erwiderung des Händedruckes beschränkte. Der lange Heino aber warf in gemachter Begeisterung den Hut in die Luft, schrie mit gewaltiger Stimme: „Ein donnerndes Hoch unseren edelmütigen Herren Duellanten. Sie leben einmal hoch, noch ’mal hoch, und zum drittenmal hoch!“
Die Corona stimmte jubelnd ein, einschließlich des Polizeiwachtmeisters, der bei dem feierlichen Vorgange eine ähnliche Erhebung empfand wie bei festlichen Veranstaltungen des Kriegervereins, nur das fehlende Absingen der Nationalhymne störte ihn am Schlusse. Und alles atmete erleichtert auf, nicht zum mindesten die Herren Steuerbeflissenen, denn der unblutige Ausgang der „unerquicklichen Affäre“, wie sie Herr von Bergkem treffenderweise genannt hatte, bewahrte sie vor einer hochnotpeinlichen Untersuchung, ob sie im gegebenen Falle nicht des erforderlichen, für die Erreichung höherer Rangstufen unbedingt nötigen Taktgefühls ermangelten. Als daher Herr Popiella den Vorschlag machte, in Anbetracht des feuchten „Klimas“ auf den Schreck ein ordentliches Glas Grog zu setzen, fand er allseitige Zustimmung, und in schönster Harmonie wurde der Rückweg zum Städtchen angetreten. Nur die Zugfolge war ein wenig anders als auf dem ungemütlichen Hinwege.
Voran schritt der dicke Herr Polizeiwachtmeister mit einer großen Zigarre im Munde, flankiert von dem Baron von Bergkem und dem Besitzer des Grand Hotel de Russie, die ihm beide auseinandersetzten, das Ganze wäre doch eigentlich ein lustiger Streich gewesen, nicht wert, daß sich eine hohe Behörde darum echauffierte. Und der Herr Polizeiwachtmeister neigte als Privatmann ihrer Meinung zu, offiziell aber gedachte er den Widerstreit zwischen menschlicher Nachsicht und strenger Beamtenpflicht erst nach dem dritten Glase Grog im Sinne der Milde zu entscheiden. Einmal war er das seiner Würde schuldig, zum zweiten aber war der Polizist sozusagen doch auch ein Mensch. Wenn man ihn zu nachtschlafender Zeit in ein solches Hundewetter hinaustrieb, mußte man doch auch dafür sorgen, daß er an seiner Gesundheit keinen Schaden nahm ...
Den Beschluß des Zuges bildete der Herr Provisor mit seinem vormaligen Duellgegner. Der Zufall hatte es wohl gefügt, daß sie zusammenkamen, aber Herr Kellmigkeit nahm dankbar die Gelegenheit wahr, sich vor „zuständiger Stelle“ über seine Haltung gegenüber dem Antisemitismus im allgemeinen und dem Herrn Brenitz im besonderen auszusprechen.
Und da ergab es sich, daß er seinen vielbemängelten Antrag in der Tischgesellschaft Masovia lediglich aus prinzipiellen Gründen gestellt hätte, erst durch die „ewigen Witzeleien“ des Herrn von Bergkem hätte die Angelegenheit eine so persönliche Zuspitzung erfahren, wie denn dieser Herr überhaupt ein recht unbequemes Mitglied wäre, nur mit größter Vorsicht zu genießen.
Peter Brenitz hörte mit höflichem Schweigen und ohne Widerspruch zu, nur wollte es ihm scheinen, als wenn der Lauf der Verhandlungen in der Tischgesellschaft ein wenig anders gewesen wäre. Er akzeptierte dankend die Einladung, sich von nun an „voll und ganz“ als Mitglied zu fühlen, aber ein heißer Dankesblick flog zu dem an der Spitze des Zuges Schreitenden hinüber, der die anderen alle um Haupteslänge überragte. ...
An den ersten „Erwärmungsgrog“ im Hotel de Russie schloß sich auf Vorschlag des Herrn Popiella eine Versöhnungsbowle aus Türkenblut, einem Gemisch aus Porter, Sekt und Kognak, das abscheulich schmeckte, in hohem Grade aber die Eigenschaft besaß, Männerherzen fröhlich zu stimmen. Trinksprüche wurden gewechselt, und mit einem Male -- der Polizeiwachtmeister war unter Obhut des Herrn Kalinski in das Bürgerzimmer abgeschoben worden -- stand ein Würfelbecher auf dem Tische. Eine Tafel mit Zahlen wurde ausgebreitet, und Herr Referendarius Meyer übernahm zu einem „harmlosen kleinen Frühschoppenspielchen“ die Bank. Die Gesellschaft drängte sich zusammen, in die Augen trat ein Funkeln, und Silberstücke schoben sich auf die Tafel. Der Bankhalter schüttelte rasselnd den Becher ... „drei gewinnt, meine Herren,“ strich ein und zahlte aus. Peter wollte sich still entfernen, aber ein paar Hände griffen nach seinem Rock, „Halt, hiergeblieben! Und mitgefangen, mitgehangen!“ Da setzte er sich wieder hin. Das starke Getränk tat seine Wirkung, und er verspielte, was er bei sich trug. Der Referendarius Meyer aber mußte sich einen Suppenteller geben lassen, um seinen sich häufenden Gewinn zu bergen, und Peter sah wie durch einen Schleier, daß der lange Heino nach öfterem Verluste den Wirt oder den Oberkellner beiseite nahm, um mit heißem Gesichte weiter zu spielen. Da zog sich ihm das Herz zusammen, und ihm war zumute, als wäre auf ein liebes Bild ein häßlicher Fleck gefallen. -- -- -- --
III.
Des langen Heino scherzhafte Prophezeiung war eingetroffen, Peter Brenitz hatte sich an dem regennassen Duellmorgen einen fürchterlichen Schnupfen geholt, und die Erkältung mit den bösen Nachwehen der ungewohnten Türkenblutbowle hielt ihn ein paar Tage lang ans Zimmer gefesselt. Aber er hatte sich nicht über Mangel an Gesellschaft zu beklagen, ab und zu erschien irgendein Mitglied der „Masovia“ bei ihm, um im Vorbeigehen einen Kognak zu trinken oder eine Zigarette zu rauchen. Auch der Herr Amtsgerichtsrat stellte sich ein, bedauerte herzlich, zugleich im Namen von Frau und Tochter, daß der geplante gemütliche Abend im engsten Familienkreise eine Verschiebung erfahren müßte. Bloß der lange Heino, nach dem er sich sehnte, erschien nur ein einziges Mal zu kurzer Stippvisite, erklärte, er wäre durch ein geradezu greuliches Erkenntnis über alle Gebühr in Anspruch genommen. Von seinen anderen Besuchern aber erfuhr Peter, daß diese Abhaltung in Wirklichkeit aus einer Frauenzimmergeschichte bestände, einem Verhältnis mit der bildhübschen Tochter des Posthalters Wykrasinski, das allgemach schon zu einem öffentlichen Stadtskandal auszuarten drohte. Auch sonst schienen die Herren von der Tischgesellschaft ihrem Mitgliede Bergkem wenig gewogen. Sie beklagten sich über seinen anmaßenden, herrischen Ton und wunderten sich, woher er die Mittel zu seinem ausschweifenden und kostspieligen Lebenswandel nähme. Herr Meyer z. B., der es genau wissen mußte, erklärte, an ihn allein hätte er an dem vergnügten Duellmorgen siebenhundert Mark verloren, dreihundert bar und den Rest auf Ehrenwort, aber der Himmel mochte wissen, wann diese Schuld eingelöst würde, denn das väterliche Gut steckte bis unter den Schornstein voll von Hypotheken, und die alte Frau Baronin hätte ihre liebe Not, nur die Zinsen herauszuwirtschaften.
Und Peter Brenitz hörte betrübten Herzens zu. Zum Widerspruche fehlte ihm jedes Recht, wenn er auch zu erraten vermeinte, woher diese Mißgunst der Kleinen stammte. Es verdroß ihn tief, daß sein neu gewonnener Freund ihn behandelte wie all die anderen, ihn mit einer leeren Ausflucht abspeiste, statt ihm Vertrauen zu schenken. Als aber der Lange am vierten Tage nachmittags unvermutet ins Zimmer trat: „Na, wie geht’s denn unserm Patienten? Und fühlt er sich kräftig genug, mit mir nach meiner Klitsche ’raus zu marschieren?“, da war aller Unmut verflogen. Peter stimmte freudig zu, nur ein Bedenken war dabei: Am Abend war er in die Familie des Herrn Amtsgerichtsrats geladen, um mit Fräulein Trudchen vierhändig Chopin zu spielen. Da lachte der lange Heino fröhlich auf: „Recht geschieht Ihnen, Herr Kollege. Weshalb sollen Sie es gerade besser haben als alle Referendare, die vor Ihnen in Stradaunen wirkten? Und mir paßt es ebenfalls ausgezeichnet. Ich habe einen guten Vorwand, mich rechtzeitig zu drücken. Also bestellen Sie Ihr Auto auf sieben Uhr nach Przygorowen, und wir fahren zusammen nach Hause.“
Sie schritten selbander zum Städtchen hinaus, am schilfumrahmten Ufer des Stradauner Sees entlang, über eine kahle Hügelkette, auf der zwischen groben Findlingssteinen dürftige Wacholderbüsche grünten, bis sie nach dem Gange im heißen Sonnenbrand der schattige Hochwald aufnahm. Und da faßte Peter sich nach einigem Zögern ein Herz, beklagte sich über die stattgefundene Vernachlässigung und den Mangel an Vertrauen. Alle anderen hätten den Grund seines Fernbleibens gekannt, ihn allein aber hätte er mit einem Vorwande abgefertigt. Der Herr von Bergkem hörte verdrossen zu, kaute an seinem kurzen blonden Schnurrbärtchen und ging eine ganze Weile lang schweigend neben ihm her. Als er aber zu sprechen anfing, klang es wie Groll in seiner Stimme.
„Die Bande! Hat sie’s richtig wieder einmal ausspioniert? Das arme Ding wird natürlich böse Tage kriegen! Was aber den Vorwurf angeht, ich hätte Sie vernachlässigt“ -- über sein bewegliches Gesicht flog schon wieder ein fröhliches Leuchten -- „ja, sagen Sie mal selbst, Herr Kollege, und versetzen Sie sich in meine Lage: Was würden Sie vorziehen? Mit gleichgestimmten Jünglingen Grog zu trinken und die soziale Frage zu lösen, oder ein Paar rote Mädchenlippen zu küssen, wenn sich Ihnen zu letzterem reichliche Gelegenheit bietet?“
Peter wurde rot und erwiderte fast heftig: „Ich halte das Weib überhaupt für eine inferiore Spezies, würde also nie in die Lage kommen, vor eine solche Wahl gestellt zu werden!“
„Ach nee!“
Der lange Heino blieb stehen und schlug belustigt die Hände zusammen.
„Ist das wirklich Ihr Ernst? Und Sie haben noch nie ein herziges, liebes Mädel im Arme gehabt, um mal zu vergessen, daß der Mensch nicht bloß zum Studieren und Büffeln auf der Welt ist?“
„Niemals,“ sagte Peter stolz, „ich würde mich schämen, meine Zeit mit solchen Nichtigkeiten zu vertrödeln! Und mich betrübt es tief, daß ein Mann von Ihren Fähigkeiten sich mit solchem kläglichen Firlefanz abgibt, statt all seine Kräfte der Aufgabe zu widmen, die ihm vom Schicksal gestellt ist. Sehen Sie, Herr von Bergkem,“ fuhr er mit steigender Begeisterung fort, „wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich mit Händen und Zähnen daran arbeiten, den von meinen Vätern ererbten Besitz wieder in die Höhe zu bringen, statt auf dem Gericht Aktenbogen zu füllen. Das können andere auch. Sie aber haben einen von der Vorsehung bestimmten Platz, und es müßte doch herrlich sein, wenn Sie ihn sich wiedereroberten und in zäher Arbeit zu dem machten, was er einstmals gewesen ist, ein stolzer Herrensitz?!“ ...
Der lange Heino stieß einen leisen Pfiff aus.
„Sieh mal an, über meine pekuniären Verhältnisse hat man Sie auch schon informiert?! Nun, es ist ja kein Wunder. Ich ärgere die Herrschaften zu meinem Vergnügen so oft an, daß sie sich zuweilen revanchieren! Ehe ich aber dazu übergehe, Ihren schätzenswerten Ratschlag zu beantworten, eine kurze Bemerkung, Herr Kollege: Wenn wir gute Freunde werden wollen, geben Sie die Versuche auf, mich zu einem, in Ihrem Sinne vielleicht höheren Wesen zu erziehen, ich bin reichlich erwachsen, brauche keine Kinderfrau mehr! Zur Sache selbst aber folgendes. Wenn Sie sich auf den Stradauner Kirchturm stellen und in die Runde blicken, gehörte einst alles, so weit Sie sehen, und noch etliches mehr den Bergkems. Mehr als drei Quadratmeilen Boden war in unserem Besitz, und als im siebzehnten Jahrhundert einer meiner Vorfahren die Letzte aus dem gräflichen Hause der Przygorowski heiratete, kam ein gewaltiges Ende Land dazu. Was ist davon übrig geblieben? Eine armselige Klitsche von knapp zweitausend Morgen, auf der sich schon mein Vater vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht abmarachte -- er war ein vorzüglicher Landwirt, aber er hatte keine glückliche Hand. Wissen Sie, ich besinne mich zum Beispiel, daß uns in einem einzigen Sommer allein über dreißig Stück Rindvieh fielen -- na ja, also, und da soll ich an eine so verlorene Sache meine Kraft setzen? ... Und wissen Sie, was ich am liebsten geworden wäre, wenn ich nicht meinem verstorbenen Vater zuliebe die juristische Karriere eingeschlagen hätte? Ein Abenteurer, wie mein erster Vorfahr, der unter dem Kreuz der Deutschordensritter mit Schwert und Spieß in dieses Land einritt, und ich bin gewiß, ich hätte draußen in der Welt meine Fortune gemacht. Als Goldgräber vielleicht in Alaska, als Schafzüchter meinetwegen in Australien oder als eins der ganz großen Börsenraubtiere, die der liebe Gott von Zeit zu Zeit zum Schrecken der Völker in die Welt setzt! Hier aber? Im günstigsten Falle werde ich -- sagen wir mal - in Lyck oder Allenstein ein gesuchter Rechtsanwalt, nähre mich von der Prozeßsucht der Bauern, mache den Herren vom Amts- und Landgericht das Leben schwer und verdiene im Jahre, hoch gerechnet, zwanzigtausend Mark!“
Er schlug mit dem Stocke einen sausenden Lufthieb und blickte ingrimmig zu dem Stückchen Himmel empor, das über dem schmalen Wege zwischen eng nebeneinander stehenden Tannenwipfeln blaute ...
„So sieht in Wirklichkeit der Platz aus, den mir die Vorsehung angewiesen hat, um Ihre Worte zu zitieren, lieber Brenitz. Aber begeistert bin ich gerade nicht, wenn ich an ihn denke!“ ...
Peter erwiderte darauf, weil ihm im Augenblick nichts Besseres einfiel, man brauchte auch im bescheidenen Wirkungskreise nicht auf seine Ideale zu verzichten, könnte in den Mußestunden der beruflichen Arbeit an irgendeinem, über die Alltagsinteressen hinaushebenden Werke schaffen, der lange Heino unterbrach ihn aber mit einer beinahe zornigen Bewegung.
„Unsinn, die Kleinstadt drückt. Ich habe schon heute mich zu wehren, daß ich nicht zum Philister werde, wie all die übrigen! Oder, wie einer, der alle Höhen und Tiefen des Menschentums kannte, es besser ausgedrückt hat, „im engen Kreise verengert sich der Sinn!“ Heulen könnte man vor Wut, wenn man daran denkt, daß man verkommen und versauern muß, weil ... weil ... na, ist gut!“
Er brach ab, denn eigentlich hatte er sagen wollen, „weil einem die Mittel fehlen, frei nach seinen Neigungen zu leben!“ Und das Wort mochte er nicht aussprechen, denn es hätte sich vielleicht ausgenommen, als wollte er dem andern an den wohlgefüllten Geldbeutel klopfen. Gleich danach aber lachte er wieder fröhlich auf und wirbelte seinen derben Eichenstock durch die Luft: „Das sind so die galligen Anschauungen, gut für Regenwetter und ähnliches Ungemach! In Wirklichkeit aber -- ich kann mir nicht helfen -- ist mir öfter zumute, als hätte der liebe Gott noch irgendwo für mich eine Extrawurst im Sack. Und wollen Sie wissen, worauf sich diese Hoffnung gründet? Auf ein Märchen aus der Kinderzeit!“
Peter blickte ein wenig verwundert auf.
„Auf ein Märchen?“
„Ja,“ nickte der andere, „und vielleicht schadet es Ihnen nichts, wenn Sie’s hören: es steckt immerhin eine kleine Nutzanwendung darin ... Meine alte polnische Amme hat es mir erzählt, und aus frühen Kindertagen ist’s mir haften geblieben.“
„Also: ein ehrsamer Müller hatte zwei Söhne. Der eine sang und sprang den ganzen Tag, dem andern aber war der schwere Mühlstein auf den Fuß gefallen. Er bewegte sich nur mühselig vorwärts und mußte immer darüber grübeln, weshalb ihm dieses Unglück geschehen wäre. Darüber aber sah er nicht, daß im Frühling die Bäume Blüten trugen und im Sommer Früchte, er wurde ein griesgrämiger Gesell, und als der Vater seine Söhne eines Tages anblickte, nannte er den einen „Leichtfuß“, den andern aber „Stein am Bein“, und diese Namen behielten sie, so daß sich niemand erinnern konnte, wie sie in Wirklichkeit geheißen hatten. So lebten sie dahin, jeder nach seiner Art. Als sie aber zwanzig Jahre alt geworden waren, berief sie ihr Vater vor sein Angesicht.
„Ihr seid jetzt groß und erwachsen, meine Mühle aber ist viel zu klein, um Euch ferner zu ernähren. Zieht in die weite Welt hinaus, sehet zu, Euer Glück zu machen, und Gottes Segen sei mit Euch!“
„Schön,“ sagte der Leichtfuß, „mit diesem guten Wunsche kann es uns nicht fehlen,“ packte sein Ränzel und war marschbereit. Stein am Bein aber mußte erst bedenken, was alles auf eine so lange Reise mitzunehmen wäre, und viel Kopfzerbrechens machte es ihm, den Weg in die weite Welt zu finden. Bis eine alte Muhme ihm erklärte, die weite Welt finge dort an, wo das Elternhaus aufhörte. Da wunderte er sich, daß der Weg so einfach wäre, und am dritten Tage nach dem Geheiß des Vaters wanderten sie fort.
„Als es gegen Abend ging, kamen sie an ein fremdes Königreich, zwei Wächter hielten eine Schnur über die Straße gespannt und sprachen, niemand dürfte die Grenze überschreiten, ehe er nicht zuvor ein Rätsel gelöst hätte. Dieses Rätsel aber lautete: „Was ist so hoch wie der Himmel und so tief wie das Meer?“ Wenn man es löste, durfte man das Königreich betreten, erhielt eine reichliche Wegzehrung ausbezahlt, im anderen Falle aber mußte man das Leben lassen. Ein Henker im roten Wams mit breitem Schwerte stand bereit, um alle Ankömmlinge, die das Rätsel nicht lösten, um eines Hauptes Länge kürzer zu machen, die meisten aber machten vorher kehrt, denn es dünkte sie unbillig, so harten Zoll zu zahlen.
„Stein am Bein ließ sich die Fassung des Rätsels wiederholen, setzte sich in den Grabenrand und begann zu grübeln. Bruder Leichtfuß aber tat so, als wenn er sich die schöne Gegend ansehen wollte, und als ihn ein Gebüsch vor den Augen der Wächter deckte, schwang er sich behend über den Grenzgraben, der an dieser Stelle nicht mehr als sieben Schuh maß. Am dritten Tage traf er seinen Bruder, und diese Begegnung war nur einem glücklichen Zufall zu danken, denn Stein am Bein hätte vielleicht noch ein Jahr am Grabenrand gesessen, wenn ihm ein mitleidiger Rabe nicht des Rätsels Lösung verraten hätte. „Was ist so hoch wie der Himmel und so tief wie das Meer?“ ... „Das Meer und der Himmel, denn nichts auf der Welt ist tiefer oder höher!“ Stein am Bein hatte diese Deutung schon in der ersten Stunde gefunden, aber sie erschien ihm zu einfach, um damit die Grenze eines fremden Königreiches zu überschreiten, und erst von dem weisen Vogel mußte er lernen, daß das Schwerste oft das Einfachste war.
„Nach einiger Frist kamen sie an die Hauptstadt des Landes, aber es war kein vergnüglicher Einzug, denn die Bewohner waren traurig und ließen die Köpfe hängen. Es bedrückte sie, daß die Königstochter an einer unheilbaren Krankheit litt. Viele Aerzte hatten sich schon an ihr versucht, aber keiner hatte das rechte Mittel gefunden. Und von dem betrübten Vater war eine hohe Belohnung ausgeschrieben worden, wenn einer sein Kind wieder gesund machte.
„Heißa,“ sagte Bruder Leichtfuß und sprang in die Luft, „mein Glück ist gemacht. Diese Belohnung werde ich mir verdienen!“
„Du Tropf,“ erwiderte darauf Stein am Bein, „bist Du vielleicht ein Arzt? Oder kennst Du die Natur dieser bösen Krankheit?“
„Nein,“ sagte Leichtfuß, „aber im Palast werden wir alles hören. Wenn ich kein Heilmittel weiß, bin ich noch immer so reich wie zuvor und ziehe meines Weges weiter!“
„Sie kamen in den Palast, und alles war mit Gold und Edelsteinen bedeckt von oben bis unten, nur den Untertanen war es bei Todesstrafe verboten, etwas abzubrechen. Der König saß auf seinem Thron aus Marmelstein, Tränen rannen ihm in den Bart, die Großen des Hofes aber schrien und wehklagten laut, denn ihr Amt bringt es mit sich, daß sie in allem königlicher sind als der König. Wenn ihr Herr weint, müssen sie schreien, wenn er aber lächelt, sich vor ausgelassener Freude am Boden wälzen.
„Neben dem König saß seine einzige Tochter, eine wunderschöne Prinzessin in edelsteingesticktem Gewande, aber ihre Augen schienen erloschen, und ihr Gesicht glich einem Bild aus Stein!
„Leichtfuß und sein Bruder warfen sich vor dem Throne nieder, der König aber putzte sich den Bart und sprach: „Heil Euch, Fremdlingen, wenn Ihr meiner Tochter Genesung bringt, sie leidet an einer Verstopfung der Leber und kann nicht lachen. Mein eigenes Herz aber ist darüber so betrübt geworden, daß ich meiner Krone nicht mehr froh bin: Kurz und gut, der soll mein Eidam und Nachfolger werden, der die Prinzessin von ihrem Leiden befreit.“
Da erhob sich Stein am Bein als erster.
„Herr König, ich bin kein Arzt, denn mein Vater war zu arm, mich an die Stätten der Bildung zu schicken. Wenn Du mir aber Frist gibst, will ich drei Jahre lang die Erkrankungen der Leber studieren, vielleicht daß ich einen Umschlag erfinde, der die Verstopfung löst und den Weg zum Lachen wieder frei macht!“
Der König wiegte sein Haupt, der Vorschlag schien ihm erwägenswert, denn seine Leibärzte hatten schon Unsinnigeres geraten. Bruder Leichtfuß aber lachte plötzlich laut auf. Ihn dünkte es schnurrig, daß eine Prinzessin, die doch alles haben konnte, was Menschenherzen begehrten, traurig sein sollte. Von goldenen Tellern durfte sie essen, was sie sich nur wünschte, Eier mit Speck, Bratwürste in Bier, ein Spansäulein mit Aepfeln und Beifuß gefüllt oder gar einen leckern Gänsebraten, und bei jedem Gerichte, das ihm einfiel, mußte er nur immer lauter und fröhlicher lachen, denn alle waren seine Leibspeisen. Die hohen Herren des Hofes wurden angesteckt, blickten jedoch unschlüssig drein, weil der König noch nicht seine Willensmeinung dem Fremdlinge gegenüber kund getan hatte. Da aber geschah ein Wunder. Ueber die starren Züge der Prinzessin lief ein Beben und Zucken, plötzlich kräuselten sich ihre Lippen, und mit einem Male lachte sie hell auf, daß es im ganzen Palaste klang wie von silbernen Glocken. Da lachte auch der König, daß sein Thronsessel wackelte. Die hohen Herren des Hofes aber warfen sich auf dieses Zeichen zu Boden, kugelten sich umeinander und strampelten mit den Beinen in der Luft. Und der König stieg die Stufen hinab, hielt sich den Bauch und sprach: „Sei mir gegrüßt, mein Eidam, Du hast mein Reich aus schwerer Not errettet!“ Da er aber kein Freund von langem Warten war, winkte er dem Hofprediger, damit er auf der Stelle die Trauung vornähme, und so wurde der Leichtfuß ein Königssohn. Stein am Bein aber grübelte noch lange darüber, wie die Prinzessin lachen konnte, ehe die Verstopfung ihrer Leber gelöst war, weil er jedoch durch die Heirat seines Bruders ein naher Verwandter der königlichen Familie geworden war, fand sich für ihn ein einträgliches Amt, und wenn er nicht gestorben ist, lebt er noch heute!“
„Nun, und die Nutzanwendung?“ fragte Peter Brenitz.
„Die Nutzanwendung?“ Der lange Heino reckte die Arme in die Luft. „Vielleicht finde ich auch mal eine Prinzessin mit verstopfter Leber, die von mir das Lachen lernt!“ Und mit einem Seitenblicke auf seinen Begleiter fügte er hinzu: „Aber auch andere Leute könnten aus dem Märchen lernen, daß es nicht gut ist, sich das Leben unnütz schwerer zu machen, als es schon ist. Wir alle schließlich tragen von unsern Vorfahren her irgendeinen Stein am Bein, aber -- in drei Deuwels Namen -- muß man denn jeden Augenblick daran denken?!“ ...
Er kappte im Vorübergehen den Stengel einer blauen Glockenblume, die am Wegrand blühte, Peter Brenitz aber seufzte auf. Wie gerne wollte er seinen Stein vergessen, wenn nur die anderen nicht gewesen wären, die sich immer an ihm stießen ...
Der Weg führte ins Freie, hinter den lichter werdenden Stämmen des Hochwaldes tat sich eine flache Feldmark auf. Schlecht stehender Roggen mit kurzen Aehren, fahl schimmernde Wiesen und Kartoffelbreiten, in denen die graue Ackerkrume durch das spärlich gewachsene Kraut sah.
Heino von Bergkem war stehen geblieben und deutete unmutig auf die kümmerlich bestandenen Felder.