Bruder Leichtfuß und Stein am Bein

Part 5

Chapter 53,472 wordsPublic domain

Diese offensichtlich wohlgemeinte Bemerkung zeitigte zunächst die Folge, daß Herr Provisor Kellmigkeit sich am Nachmittag im Stadtwäldchen mit einem verrosteten Revolver „auf Pistolen einpaukte“, bis ihm der städtische Polizeiwachtmeister die Fortsetzung dieser gefährlichen Uebung untersagte. Die Herren Steueramtsassistenten aber sowie der Referendarius Meyer fanden mit einem Male, daß ihr sonst gewiß recht schätzenswerter Vorsitzender in diesem Falle einen bedauerlichen Mangel an Taktgefühl gezeigt hätte. Wo kühle Zurückhaltung allein am Platze gewesen wäre, hätte er einen plumpen und geschmacklosen Vorstoß inszeniert. Man diskutierte ernsthaft die Frage, ob es angängig wäre, ihn noch länger auf dem immerhin verantwortlichen Posten eines Präsidenten zu belassen, und stellte einstimmig fest, daß von ihm allein die erste Anregung zu dieser verhängnisvollen Demonstration ausgegangen wäre. Man selbst huldigte gar nicht so extremen Anschauungen, ein jeder vielmehr entsann sich plötzlich, unter den Juden auch recht anständige Kerle getroffen zu haben, und schließlich bezeugte man sich gegenseitig, auch in diesem Falle eine derartig korrekte Haltung bewahrt zu haben, daß man selbst bei einem tödlichen Ausgange des bevorstehenden Zweikampfes keine Maßregelung von seiten der vorgesetzten Behörde zu fürchten hätte.

Als der Herr Provisor sich am runden Tische des Grand Hotel de Russie zum gewohnten Abendschoppen einfand, stieß er zu seiner großen Ueberraschung auf verlegene und verfrorene Mienen. Seine Versicherung, er würde den „kleinen Judenknaben“ am nächsten Morgen mit einem tadellosen Blattschusse zur Strecke bringen, begegnete durchaus nicht der erwarteten freudigen Zustimmung, und gegen zehn Uhr fand unter nichtigem Vorwande ein allgemeiner Aufbruch statt. Nur der Steueramtsassistent Annuschat in seiner Eigenschaft als Sekundant und der trinkfeste Kreisarzt, den man notgedrungen ins Vertrauen hatte ziehen müssen, weil er bei dem bevorstehenden Zweikampfe als Paukdoktor fungieren sollte, blieben sitzen. Die Unterhaltung aber war wenig dazu angetan, den ohnedies schon nicht erheblichen Mut des Herrn Provisors zu steigern, denn der Kreisarzt verbreitete sich in längeren Ausführungen über Wundverletzungen im allgemeinen und Geschoßwirkungen im besonderen. Und er tadelte es heftig, daß bei Pistolenduellen nicht die verhältnismäßig humanen, modernen Hinterlader gebraucht würden, sondern die gänzlich veralteten „Vorderstopfer“, deren Projektile die unangenehme Eigenschaft besäßen, Teile der mit Milliarden von Bazillen infizierten Bekleidung in den Wundkanal zu reißen. Die Folge aber wäre bei leichten Verletzungen eine langwierige Eiterung, bei schwereren hingegen, trotz aller ärztlichen Kunst, ein _exitus letalis_, ein tödlicher Ausgang. Denn gegen eine Wundinfektion mit Tetanusbazillen z. B., den Erregern des so gefürchteten Starrkrampfes, besäße die moderne Medizin noch immer kein wirksames Mittel.

Der Herr Provisor lächelte dazu, trank aber einen Magenbittern nach dem andern, angeblich, um am andern Morgen eine ruhige Hand zu haben, in Wirklichkeit aber, weil die mit praktischen Beispielen aus der medizinischen Literatur belegten Schilderungen des Kreisarztes in ihm neben einem starken körperlichen Unbehagen eine seelische Zwangsvorstellung ausgelöst hatten. Er sah sich plötzlich mit einem gewaltigen Loche im Leibe am Boden liegen. Der Doktor aber beugte sich über ihn.

„Ja, mein lieber Herr Kellmigkeit, da ist nichts zu machen! Die verdammte Bleikugel hat Ihre halbe Hose in den Wundkanal hineingerissen. Wenn Sie in dieser Zeitlichkeit noch einiges zu ordnen haben, besorgen Sie’s ungesäumt. In drei Tagen sind Sie ein stiller Mann!“ ...

Da erhob er sich, wünschte den beiden Herren eine geruhsame Nacht und erklärte, er hätte vor der morgigen Entscheidung noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Einen Brief an die „alte Dame“, etliche noch immer unbezahlte Rechnungen aus seiner feucht-fröhlichen Studentenzeit und eine ganze Schublade voll Dokumente von zarter Hand, die ein Gentleman unmöglich indiskreten Augen aussetzen dürfte.

Dabei fuhr er sich mit vielsagendem Blicke durch die spärlichen Haare und schüttelte den Insassen des runden Tisches, die sich mittlerweile um die Person des „zufällig vorbeigekommenen“ Herrn von Bergkem vermehrt hatten, die Hand.

Dieser aber erwiderte den Händedruck mit besonderer Herzlichkeit, und seine Stimme klang leicht umflort, als er, unbeschadet natürlich seiner offiziellen Stellung als Sekundant der Gegenpartei, dem „Genossen froher Stunden“ den Rat erteilte, sich für alle Eventualitäten gerüstet zu halten. Dieser jüdische Referendarius wäre ein Teufelskerl, in allen Sportkünsten wohl erfahren und ein Schütze, vor dem man selbst als erfahrener Weidmann den Hut ziehen müßte. Vor seinen Augen hätte er mit einer Zimmerpistole ein Pik-As so zerschossen, daß das Mittelstück der Karte ein einziges Loch bildete, und nachdem er, Heino von Bergkem, sich zu seinem Bedauern davon überzeugt hätte, daß die alten Mensurpistolen seines Vaters ungefähr dieselbe Schaftlage besäßen wie die tägliche Uebungswaffe des Referendars Brenitz, sähe er dem kommenden Morgen mit einiger Besorgnis entgegen. Der Herr Provisor erwiderte darauf mit grünlichem Lächeln, im Ernstfalle pflegte doch die „Mensurpraxis“ zu entscheiden, die Ruhe und Besonnenheit des kampferprobten Fechters, und erzählte rasch noch zwischen Tür und Angel, wie er als Erster der „Pharmazeutia“ in Königsberg, einer farbentragenden Vereinigung studierender Apotheker, den Fechtwart der „Germania“ im Zweikampfe auf schwere Säbel „hinabgetan“ hätte. Der lange Heino versetzte darauf, eine heimtückische Kugel wäre doch etwas anderes als ein ehrlicher Säbelhieb, den man im Notfalle mit einer starken Schädeldecke parieren könnte, ohne Gefahr für Leib und Leben, und Herr Kellmigkeit empfahl sich mit der Bemerkung, was der kommende Tag auch bringen möge, er sei sich jedenfalls bewußt, für eine gerechte und tief im Nationalempfinden des deutschen Volkes wurzelnde Sache zu fechten. Er schloß mit einem Zitate, das ihm einmal in dem Feuilleton einer reichshauptstädtischen Zeitung gar mächtig imponiert hatte: „_Qui vivra verra!_“ Danach schlug er mit seinem Spazierstocke eine elegante Terz. Draußen aber auf dem nachtdunklen Marktplatze stimmte er mit lauter Stimme den uralten Schlachtgesang an, den die Füchse der „Pharmazeutia“ am frühen Morgen eines Mensurtages zu singen pflegten:

„Wir reiten still, wir rei-eten stumm, Wir reiten ins Verderben! ... Wie weht so kühl der Mo-orgenwind, Frau Wirtin noch ein Gla-as geschwind, Vorm Sterben ... vorm Sterben ...“

Der Nachtwächter gesellte sich zu ihm mit der besorgten Frage, ob er ihn über die gefährlichen Untiefen des Marktplatzes gegen Erlegung eines Trinkgeldes nach dem sicheren Hafen der Apotheke geleiten sollte, der Herr Provisor aber schluchzte in betrunkenem Elend auf: „Hol’ Sie der Teufel, kommen Sie lieber morgen zu meinem Begräbnis!“

Und während er in wehmütiger Stimmung dem roten Lichtlein zuschwankte, das zu Häupten eines goldenen Engels flackerte, führte der Schalksnarr Heino im Hotel de Russie mit dem Kreisarzte und dem Sekundanten allerhand tiefsinnige Gespräche über die letzten Fragen des Menschentums, Sterben und Vergehen, Auferstehung und Fortleben nach dem Tode, bis der schlaftrunken in einer Ecke lehnende Herr Kalinski erklärte, er könnte sich länger nicht mehr auf den Füßen halten, müßte unter allen Umständen „Kasse machen“.

Fahles Frühlicht drang durch die Scheiben und mischte sich mit dem Scheine der blakenden Petroleumlampe über dem runden Tische, draußen aber, in Dachrinnen und auf dem Eisengitter der kranzhaltenden Viktoria des Kriegerdenkmals lärmten mißtönend die Spatzen. Da stand der Herr von Bergkem auf und reckte gähnend die langen Arme in die von Zigarrenrauch geschwängerte Luft:

„Meine Herren, war’s heute nicht recht nett in unserem geliebten Stradaunen? Ordentlich großstädtisch ging es zu mit Automobilgehupe und dem Zusammenstoß feindlicher Weltanschauungen! Und was meinen Sie, Herr Doktor, wo werden wir die Leiche des Herrn Provisors Kellmigkeit waschen, wenn der Brave, von jetzt an gerechnet, in anderthalb Stunden als ein Opfer seiner Ueberzeugungen den Märtyrertod stirbt?“

Der Herr Steueramtsassistent Annuschat, der seit dem Mittag unter Alkohol stand, sah ihn verständnislos an. Der trunkfestere Kreisarzt aber erwiderte mit schwerer Zunge: „Scheußlich, ei ... einfach scheußlich! Früher wurde so ein K ... Kerl glatt verbrannt!“

„Ja,“ sagte der lange Heino, „das war entschieden gesünder! Aber der Herr Provisor gehört so vielen Vereinen an, daß ich mich der Hoffnung hingebe, er ist auch Mitglied des Bundes für Feuerbestattung. Guten Morgen, meine Herren!“

Der Kreisarzt wollte erwidern, daß er eigentlich den andern gemeint hätte, aber der Herr von Bergkem war schon draußen, schritt mit hochgeklapptem Rockkragen über den Marktplatz seiner Wohnung zu. Pfiff vergnügt vor sich hin, denn das war wieder einmal ein Tag nach seinem Herzen gewesen. All die Philister im Städtchen hatte er gehörig durcheinander gewirbelt, ihnen gezeigt, was für Hohlköpfe sie waren. Seinen Hauptwitz aber sparte er für den feierlichen Augenblick des Zweikampfes auf. Nicht so sehr aus übermütiger Lust an allerhand Fastnachtsstreichen, als aus mitleidigem Herzen. Da oben im ersten Stockwerke des Hotels de Russie saß ein netter kleiner Kerl am Schreibtische, ordnete Papiere und zimmerte an einem umfangreichen Testamente, weil er trotz allen freundlichen Zuredens der Ueberzeugung war, er müßte bei dem bevorstehenden Duelle sein junges Leben lassen. Der Teufel mochte wirklich wissen, wie der tückische Zufall sein Spiel trieb. Eine Bleikugel riß ein böses Loch, und gar manchmal schon war der Bessere gefallen. Also war es am geratensten, man schaltete den blinden Zufall aus und setzte sich selbst an die Stelle einer freundlich waltenden Vorsehung, die über Gerechte und Ungerechte die schützende Hand hielt: Man sorgte dafür, daß im entscheidenden Augenblicke die Pistolen nicht losgingen.

Und als er seine bescheidene Junggesellenwohnung im Hause des Kaufmannes Pollnow erreicht hatte, klopfte er mit hartem Knöchel an die Schlafzimmertür seiner Wirtin, einer ehrsamen Briefträgerwitwe:

„Frau Wengoborski, rasch, kochen Sie mir einen ordentlichen Kaffee! Ich will auf ’nen Rehbock. Dann aber pumpen Sie mir zwei dünne Nähnadeln!“

„Um Gottes willen nein, Herr Baron,“ erwiderte die Wirtin und erhob sich von ihrer Lagerstatt, „wollen Sie sich am End’ in aller Herrgottsfrühe Hosenknöpfe annähen?“

„Dieses nun weniger,“ sagte der lange Heino, „vielleicht aber einer alten Dame, die mit ihrer großen Schneiderschere gewohnheitsmäßig Fäden abschneidet, ein bißchen ins Handwerk pfuschen.“

Und in seinem Zimmer versenkte er sorgfältig die beiden Nadeln in die Pistons der Duellpistolen, brach sie ab und verwischte ebenso sorgfältig die Spuren seiner Tätigkeit mit einer Fingerspitze voll Staub, den er vom Ofensims holte. Als er sich aber durch mehrmaliges Abfeuern eines Kupferhütchens davon überzeugt hatte, daß die Zündkanäle der beiden Waffen gründlich verstopft waren, schmunzelte er stillvergnügt vor sich hin, denn er allein wußte jetzt, daß der bevorstehende „Zweikampf“ kein Opfer fordern würde. Um den einen wäre es schade gewesen, für den anderen aber war schließlich die ausgestandene Todesangst Strafe genug ...

Gegen fünf Uhr des Morgens setzte aus wolkenverhangenem Himmel ein dauerhafter Landregen ein, der Wald und Flur in einen trüben Schleier hüllte, und der lange Heino zog zur Vorsorge einen Gummimantel an, als er sich anschickte, seinen Paukanten mit dem Pistolenkasten unter dem Arm aus dem Hotel de Russie abzuholen. Peter Brenitz erwartete ihn schon auf der Freitreppe, bleich von der schlaflos verbrachten Nacht, aber leidlich gefaßt, und während sie sich begrüßten, konnten sie sehen, wie die Mitglieder der Tischgesellschaft Masovia sich von dem Portale der Kirche, die man wohl als allgemeinen Treffpunkt ausersehen hatte, nach dem nahen Stadtwalde in Bewegung setzten. Paarweise schritten sie unter aufgespannten Regenschirmen dahin, in dunkeln Ueberröcken und friedlichen Zylinderhüten.

Peter Brenitz hob mit trübem Lächeln die Hand.

„Da! Sieht’s nicht wie ein Leichenzug aus, der einem unsichtbaren Sarge folgt? Wem mag es wohl gelten? Mir oder dem andern?“

„Hm,“ sagte der Herr von Bergkem ernsthaft, „das möchte ich nicht so ohne weiteres entscheiden. Sie haben -- das steht nun mal fest -- für das nasse Wetter viel zu dünnes Schuhwerk an und werden sich bei dem Zweikampf bestimmt einen Schnupfen holen. Von da aber bis zu ’nem Begräbnis ist immer noch ein ganzes Ende!“ Und als Peter ein wenig gekränkt vor sich hin sah, fügte er hinzu: „Nichts für ungut, Herr Kollege, mir fehlt eben jede Anlage zum Pathos. Wo andere sich entrüsten oder begeistern, sehe ich fast immer die komische Seite. Sie aber grübeln zu viel, und trotzdem ich Sie erst ein paar Stunden kenne, möchte ich wetten, Sie haben noch nie in Ihrem Leben einen dummen Streich gemacht!“

Peter nickte. „Dazu hatte ich vielleicht keine Zeit. Aber wenn alle so dächten wie Sie, Herr Kollege, wo bliebe da der Fortschritt der Menschheit? Und wer keine Fähigkeit besitzt, sich für ein Ideal zu begeistern, muß doch rettungslos im Schlamme des Alltags ertrinken?!“

Der lange Heino zuckte mit den Achseln.

„Larifari, Fortschritt der Menschheit! Der kommt ganz von selbst, wenn jeder von uns ein tüchtiger Kerl ist und an dem Platze, an den ihn das Schicksal gestellt hat, seine Pflicht und Schuldigkeit tut. Aus der Summe der also geschaffenen Werte ergibt sich auch ein stetiger Fortschritt, denn es findet eine Mehrung unseres Kulturbesitzes statt. Was aber die Frage der Begeisterungsfähigkeit anlangt, so reden wir ein bißchen aneinander vorbei. Ich kann mich auch begeistern, freilich für andere Dinge in der Regel als die Mehrzahl unserer Zeitgenossen. Wenn bei politischen Parteiversammlungen zum Beispiel der Redner allen Andersdenkenden die „Maske der Heuchelei vom Gesichte reißt“ oder unter dem Beifallsgebrüll seiner Parteifreunde den schnöden Eigennutz der andern „geißelt“, muß ich immer lachen, denn ich sehe deutlich, daß -- der Klempnermeister Pigulla meinetwegen -- beim Bravoschreien nach dem Vorstandstische schielt, ob seine patriotische Begeisterung auch gebührend bemerkt wird. In den nächsten Tagen gelangen nämlich die Arbeiten am neuen Schulhause zur Vergebung! ... Wenn ich aber in der Zeitung lese, daß irgendwo im fernen Indien ein kleiner Doktor gestorben ist, weil er in Pesthöhlen einen neuen Bazillus zu greifen gedachte, sehen Sie, da läuft mir ein Schauer über den Rücken vor Begeisterung. Der kleine Doktor ist vielleicht auch nur in den Pesthöhlen herumgekrochen, weil er ein berühmter Mann werden wollte. Ist egal! Aber an seinem Platze war er ein ganzer Kerl und hat mehr für den „Fortschritt der Menschheit“ getan als alle, die mit geschwollenen Worten davon reden, schreiben oder predigen! ... Und vielleicht liegt auch auf einem ähnlichen Wege“, so fuhr er mit einem Gedankensprunge fort, „eine Lösung der Frage, die Ihnen ja am allermeisten am Herzen liegt. Seht nicht immer so viel zu uns hinüber, sondern nötigt uns durch besondere Leistungen Achtung ab. Vielleicht kommen wir dann ganz von selbst zu Euch!“

„Wie sollten wir wohl,“ warf Peter Brenitz bitter ein, „wenn uns die Mehrzahl aller Berufe verschlossen ist!! Nicht durch das Gesetz, aber durch ein Vorurteil, das stärker ist als alle Gesetze?!“

Der lange Heino lachte auf, und als der andere verwundert emporblickte, machte er eine entschuldigende Gebärde.

„Verzeihen Sie, ich bin kein berufsmäßiger Weltverbesserer, und eben fiel mir etwas Schnurriges ein. Als ich in unserer Kreisstadt Lyck die Schulbank drückte, hatten wir in der Untersekunda einen Juden namens Salomon. Ich gehörte auch nicht gerade zu den kleinsten, aber ich reichte ihm gerade bis zum Ohrläppchen, und der Kerl hatte Bärenkräfte, daß er uns am ausgestreckten Arm den Aufschwung machen ließ. Aus dieser Zeit stammen vielleicht meine ersten philosemitischen Regungen, denn der p. Salomon prügelte jeden Andersdenkenden windelweich.“

Da mußte Peter mitlachen und trug’s dem Herrn von Bergkem nicht nach, daß er Fragen, die ihm an das Innerste seines Wesens rührten, im oberflächlichen Plaudertone behandelte. Und von da an setzten sie ihren Weg schweigend fort. Der lange Heino überlegte, wie die bevorstehende Mensur wohl am besten mit einem möglichst zeremoniellen Brimborium zu umgeben wäre, und Peter sann darüber, daß er vor wenigen Tagen ein ähnliches Gespräch geführt hatte. Ein wenig verschieden in der äußeren Form, aber im Inhalt gleich. Und er nahm sich vor, bei dem Zweikampfe eine recht würdige Haltung zu bewahren, um sich die Achtung der Gegenpartei zu erringen. Im kritischen Augenblicke gedachte er natürlich in die Luft zu schießen, denn es verlangte ihn nicht nach dem Blute seines Gegners. Wenn er aber mit der Wunde in der Brust auf dem grünen Rasen lag, sollte sein letzter Gruß einer gelten, die ihn in diesen Stunden mehr als alles andere beschäftigt hatte. Blaue Augen hatte sie über einem feingeschnittenen Näschen, so viel er hatte erkennen können, und über blonden Haaren wehte ein kurzer blauer Schleier im Wind ... Gar zu gerne hätte er sich bei seinem Begleiter nach ihr erkundigt, aber er fürchtete die lachende Gegenfrage: „Nanu, Herr Kollege, Sie haben sich vor Ihrem seligen Ende doch nicht etwa rasch noch verliebt?“ ...

Die vorausziehende Gegenpartei hielt auf einer kleinen Lichtung, Peter blieb auf das Geheiß seines Sekundanten am Rande stehen, und der lange Heino näherte sich mit formellem Gruße der ein wenig ratlos in der Mitte haltenden Gruppe. Er zog den verregneten Hut:

„Wir von unserer Seite sind bereit!“

„Na schön,“ sagte der zum Unparteiischen erwählte Referendarius Meyer, „dann können wir ja anfangen!“

Danach aber entstand ein peinliches Schweigen, denn Herr Meyer hatte sich zwar am Abend vorher über seine Funktionen von der Autorität in Ehrenfragen, dem Steueramtsassistenten und Vizefeldwebel der Reserve Annuschat, informieren lassen, als es aber Ernst wurde, versagten seine mühsam erworbenen theoretischen Kenntnisse. Und weil er sich nicht anders zu helfen wußte, sagte er mit verlegenem Lächeln:

„Ach, Herr Kollege von Bergkem, Sie sind wohl so liebenswürdig, die erforderlichen Arrangements zu übernehmen?“

„Ich bedaure,“ erwiderte der lange Heino kühl, „das ist ausschließlich Sache des Herrn Unparteiischen. Hier sind die Waffen, zu deren Besorgung ich mich verpflichtet hatte,“ damit setzte er den Pistolenkasten vor dem Referendar Meyer nieder. „Alles übrige liegt jetzt in Ihrer Hand, Herr Kollege!“

Er trat zu seinem Paukanten zurück. In dem Kreise der Gegenpartei aber steckte man die Köpfe zusammen und nach einer längeren Belehrung durch den Steueramtsassistenten trat Herr Meyer endlich vor.

„Ich mache die Herren Paukanten darauf aufmerksam, daß es meine Pflicht ist, einen Versöhnungsversuch zu veranstalten.“

„Von unserer Seite aus abgelehnt,“ sagte der lange Heino.

„Na schön,“ bemerkte wiederum Herr Meyer und begab sich nach der empfangenen Instruktion an die Abmessung der Entfernung. Sprang dreimal je fünf Schritte ab und bezeichnete die Grenzen durch abgebrochene Zweige. Der Herr von Bergkem jedoch erklärte sich nicht einverstanden, schätzte die Entfernung für viel zu weit und verlangte im Auftrage seines Paukanten eine kürzere Bemessung.

„Sie wollen wohl mit Gewalt,“ flüsterte ihm der Referendar Meyer zu, „daß bei der Sache ein Unglücksfall vorkommt?“

„Das ist allerdings unsere feste Absicht,“ erwiderte der Herr von Bergkem. „Wenn Herr Provisor Kellmigkeit nicht die gleichen Intentionen hegen sollte, hätte er sich’s gestern überlegen müssen!“

Er trat mit höflichem Gruße zurück und sah zu seiner innigen Befriedigung die spitze Nase des Herrn Provisors noch um ein Endchen länger werden, während sich um die hohlliegenden Augen grünliche Schatten breiteten. Sein eigener Paukant sah auch nicht gerade festlich aus in seinem verregneten Sommerröckchen, aber er bewahrte wenigstens äußerlich eine korrekte Haltung ....

Es folgte das Laden der Pistolen, bei welchem schwierigen Geschäfte Heino notgedrungen aushelfen mußte, denn in der Behandlung von Vorderladern wußte selbst der Herr Steueramtsassistent Annuschat nicht Bescheid, und endlich standen sich die beiden Duellanten mit der Waffe in der Hand gegenüber. Der Kreisarzt hatte unter dem Schutze einer überhängenden Tanne sein schweres Besteck entfaltet, die Hähne über den blank funkelnden Zündhütchen waren verderbendrohend gespannt, vom trüben Himmel rann unablässig der feine Regen, und die Corona der Zuschauer, die sich zum Rande der Lichtung gezogen hatte, wartete bangen Herzens auf das Kommando des Unparteiischen.

Statt dessen erscholl aus der dichten Kiefernschonung, die die Lichtung von der einen Seite umgab, eine gewaltige Stimme:

„Halt, im Namen des Gesetzes, halt!“

Gleich danach aber arbeitete sich die dicke Figur des städtischen Polizeiwachtmeisters durch die regennassen Zweige, gefolgt von Herrn Popiella, dem Wirte des Grand Hotel de Russie, trat in die Mitte und schrie:

„Halt und nochmal halt! Wer sich von der Stelle rührt, ist verhaftet!“

Der lange Heino war der erste, der sich von der plötzlichen Ueberraschung erholte.

„Nanu, Herr Wachtmeister, und weshalb stören Sie uns in unserm harmlosen Vergnügen? Das Ganze ist nämlich nur eine Wette, weil der Herr Provisor behauptet hatte, er schieße besser als Herr Brenitz!“

„Hat sich was mit Wette,“ sagte der Wachtmeister, „und mich machen Sie ja nicht dumm, Herr Baron! Das hier ist eine zweikämpferische Vergehung gegen das Strafgesetzbuch, Sie kriegen alle zu sitzen, meine Herren, und infolge eingegangener Anzeige werde ich jetzt die Corpusse Delikti konfiszieren!“

Der Herr von Bergkem wandte sich lachend zu dem Wirte des Grand Hotel: „Ihnen also, Herr Popiella, verdanken wir diese Störung unseres morgendlichen Spazierganges?!“

„Na nu, nein,“ erwiderte der Brave und schickte einen zornigen Blick zu dem Herrn Provisor hinüber, „wenn Sie, und Sie haben einen Gast, der bei Ihnen fest auf drei Monate gemietet hat, würden Sie sich den so mir nichts dir nichts totschießen lassen?“

„Nein,“ versetzte der lange Heino, „und das ist ein sehr vernünftiger Standpunkt, viel vernünftiger als manches, was in den letzten vierundzwanzig Stunden hier von den verschiedensten Seiten vertreten wurde!“ Er steckte die Hände in die Taschen seines Regenmantels und sah sich lachend um.

„Na, meine Herren! Sollen wir den Spaß noch einmal wiederholen oder wäre es vielleicht angebracht, jetzt zu einer restlosen Versöhnung zu schreiten? Ein zweites Paar Pistolen habe ich nicht zu versenden, und beide Paukanten haben ja gezeigt, daß sie zu ernsthaftem Austrag ihres Handels entschlossen waren!“ ...

Da übergab Herr Kellmigkeit als erster seine Waffe dem dicken Polizeiwachtmeister, schritt auf den Referendar Brenitz zu und zog mit würdevoller Verneigung den Hut. Jetzt ging’s ans Reden, und das lag ihm als geborenem Vereinspräsidenten besser als der Umgang mit Schußwaffen.

„Herr Brenitz, zu meinem Bedauern bin ich um die Ehre und das Vergnügen gekommen, mit einem ritterlichen Gegner die Waffen zu kreuzen, aber wie sagt der Lateiner? „_Et in magnis voluisse sat est._“ Nehmen wir den Willen für die Tat und betrachten die Angelegenheit als erledigt. Ich revoziere meinerseits alle irgendwie beleidigenden Aeußerungen, strecke Ihnen die Hand zur Versöhnung entgegen und erwarte von Ihnen das gleiche!“