Bruder Leichtfuß und Stein am Bein

Part 4

Chapter 43,470 wordsPublic domain

Das Gerücht von dem Reichtum des neu aus Berlin gekommenen Referendars war natürlich auch in das Amtsgericht gedrungen, und Heino von Bergkem saß mißmutig über einem dickleibigen Aktenstücke im Richterzimmer; baute an einem Erkenntnis, rauchte eine Zigarette nach der anderen und ärgerte sich. Aergerte sich über sich selbst, daß er tags zuvor in der „Masovia“ für diesen Kollegen Brenitz so gewaltig und nachdrücklich vom Leder gezogen hatte, halb aus innerlichem Gerechtigkeitsgefühl, halb, um die stumpfsinnigen Bonzen der Tischgesellschaft wieder einmal in Verlegenheit zu versetzen und sie die Ueberlegenheit seines Geistes fühlen zu lassen. Für ein hilfloses Bürschlein hatte er geglaubt zu fechten, und jetzt kam da ein protzenhafter Bengel daher, im eigenen Auto und aufgeblasen natürlich wie alle Berliner ... womöglich geriet man in den Verdacht, man hätte von diesem Reichtum vorher gewußt und rechtzeitig, wegen eines etwa vorzunehmenden größeren Pumpes, den Mantel nach dem Winde gehängt ... ah, pfui Deuwel noch einmal! ...

Der alte Gerichtsdiener Wichotta kam die Treppe hinaufgestürzt, riß die Tür zum Richterzimmer auf:

„Er kömmt, Herr Baron, er kömmt!“

Und wahrhaftig, sämtliche Orden und Feldzugsmedaillen hatte er zu seiner besten Sonntagsuniform angelegt. Da hieb der lange Heino mit der starken Faust auf den Tisch, daß das hölzerne Tintenfaß fast aus seinem Behältnisse sprang.

„Zum Donnerwetter noch mal, Schockschwerenot, sind Sie auch verrückt geworden, Wichotta? *Wer* kommt? Vielleicht der Herr Landgerichtspräsident aus Lyck, daß Sie sich in Wichs geschmissen haben?“

„N ... nein, Herr Ba ... baron,“ stotterte der brave Beamte, „aber der neue Herr Reff’rendarius aus Berlin mit dem Au ... Automobil!“

„Na, dann scheren Sie sich weg! Und der Deuwel holt Sie, bei meinem Zorn, wenn Sie sich draußen beifallen lassen, vielleicht stramm zu stehen!“ ...

Eine Weile danach pochte es an der Tür, auf das laute „Herein“ betrat der „neue Reff’rendarius aus Berlin“ das Zimmer. Heino von Bergkem markierte erst ein paar Augenblicke den eifrig Beschäftigten, dann hob er den Kopf.

„Sie wünschen?“

„Den Herrn Amtsgerichtsrat zu sprechen.“

„In welcher Angelegenheit?“

„Meldungshalber. Mein Name ist Brenitz, ich bin an das hiesige Amtsgericht versetzt worden.“

„Ah so, Sie sind der neue Herr Kollege aus Berlin? Bergkem! Und, bitte, nehmen Sie Platz!“

Der lange Heino hob sich zu einer leichten Verneigung und deutete nach dem nächsten Stuhle. Scheußlich patent sah dieser Herr Brenitz aus in dem modernen Gehrock, den diskret gestreiften Hosen und dem blanken Zylinderhute zwischen den in taubengrauen Handschuhen steckenden Händen. Nur ein Milderungsgrund war dabei, zwei ordentliche Schmisse, die quer über die Stirn liefen und zeigten, daß ihr Inhaber wenigstens kein „Kneifer“ war. Etwas freundlicher fügte er daher hinzu: „Ganz sicher ist es aber nicht, ob der Herr Oberkollege heute an Gerichtsstelle erscheint. Termine sind keine, und gestern abend hatte er, Gott sei Dank, einen recht kräftigen Gichtanfall.“

Peter Brenitz trat ein wenig näher, der lange Kollege gefiel ihm.

„Entschuldigen Sie gütigst, aber vorhin, als Sie sich vorstellten, habe ich Ihren werten Namen nicht verstanden.“

Der lange Heino erhob sich und sagte deutlich: „Heino Freier und Edler Herr von Bergkem-Przygorowski aus dem Hause Bergheim.“

Peter Brenitz aber fuhr vor freudigem Schrecke ordentlich zusammen.

„Verzeihung, Herr Kollege, aber es ist nicht bloße Neugier: war einer Ihrer Herren Verwandten vielleicht Leutnant im zweiten Garderegiment?“

„Zu dienen, so ziemlich alle. Das zweite Regiment war für uns Bergkems sozusagen Familientradition. Ich bin als erster aus der Art geschlagen, ich zog es vor, Kürassier zu werden.“

„Aber Ihr Herr Papa, nicht wahr, der hat doch den Sturm auf St. Privat mitgemacht?“

„Allerdings! Aber, wenn ich fragen darf, weshalb interessiert Sie das?“

Peter Brenitz atmete tief auf, griff mit der Linken nach dem herabfallenden Klemmer und streckte dem Kollegen in heißer Aufwallung die Rechte entgegen.

„Weil ... weil ... also Ihr Herr Vater hat dem meinigen, und er wiederum dem Ihrigen das Leben gerettet!“ Und mit sprudelnden Worten erzählte er die Episode aus dem heldenmütigen Ringen um den Kirchhof von St. Privat, wie er sie wohl hundertmal aus dem Munde seines Vaters gehört hatte.

Der lange Heino aber stand dabei, machte ein seltsam bekniffenes Gesicht, und als die Erzählung zu Ende war, sagte er: „Ach nee, wie ulkig, wie manchmal der Zufall spielt: Wir, die beiderseitigen Söhne, treffen uns jetzt hier als Kollegen.“

Als Peter jedoch weiter berichtete, wie sein verstorbener Vater jedesmal am Tage der Schlacht von St. Privat in einem Glase edlen Weines das Hoch auf seinen Lebensretter und Waffenbruder ausgebracht hätte, wurden dem Langen plötzlich die Augen feucht, und er sah ins Leere.

„Na ja, die alten Herren! Mein seliger Papa machte aus diesem Jahrestage ebenfalls immer ein großes Festschießen und knüpfte daran allerhand Nutzanwendungen für mich, wissen Sie, er war sonst ein riesig anständiger Kerl, natürlich ein Grandseigneur vom Scheitel bis zur Sohle, aber politisch gehörte er einer Spezies an, die in Ostpreußen längst ausgestorben ist, nämlich den liberalen Großgrundbesitzern ... ihre Söhne sitzen im Bund der Landwirte, ja, und ich war damals noch sehr jung, verstand ihn kaum, denn ich bin erst lange nach dem Feldzuge geboren ... Sie sehen ja, Ihr werter Name war mir bedauerlicherweise nicht so geläufig wie Ihnen der meinige. Immerhin ist wohl einiges aus jener Zeit bei mir hängen geblieben ... Aber, um auf unsere Gegenwart zurückzukommen“ -- der lange Heino richtete sich auf -- „weshalb in drei Deuwels Namen haben Sie hier in diesem kleinen Nest einen so geräuschvollen Einzug gehalten? Das stößt manchen vor den Kopf, denn wir sind arme Luders, und mit ’nem Automobilbesitzer können wir nicht Tempo halten!“

Da lachte Peter Brenitz fröhlich auf, denn der neue Kollege hatte mit seiner offenen Art sein Herz im Sturm erobert, und mit kurzen Worten erklärte er, wie wenig er für diesen Anstoß erregenden Luxus könnte. Sein Chauffeur hätte eines Tages Besitz von ihm ergriffen, um ihn seither nicht mehr loszulassen. Und als sein Zuhörer lustig mitlachte, ging er noch mehr aus sich heraus, erzählte ein weniges von seinem einsamen Leben, den Enttäuschungen, die er durchgemacht hatte, und schloß mit der schüchternen Hoffnung, hier neben einer befriedigenden Tätigkeit vielleicht auch ein bißchen Freundschaft zu finden. Heino von Bergkem hörte aufmerksam zu, in sein sonst zu allerhand lustigen Streichen aufgelegtes Gesicht war ein Zug nachdenklichen Ernstes getreten, und als der andere ein wenig scheu die Hand ausstreckte, schlug er kräftig ein.

„Na, wir wollen mal sehen! Für heute mittag bitte ich Sie, im Hotel de Russie mein Gast zu sein. Um ein Uhr _cum tempore_ treffen wir uns dort, alles übrige aber werde ich schon vorher einrenken!“

Peter Brenitz wollte in aller Harmlosigkeit fragen, was dabei „einzurenken“ wäre, wenn sie beide im Hotel de Russie Mittag äßen, aber der Herr Amtsgerichtsrat betrat das Zimmer, und Heino bat wegen eines dringenden Ganges um Urlaub. Noch im Abgehen winkte er mit der Hand, schnitt hinter dem Rücken des Oberkollegen eine lustige Grimasse, und Peter wollte es scheinen, als wäre die vorhin so ungemütliche und nüchterne Amtsstube plötzlich ganz hell und freundlich geworden ...

Einen „ulkigen Zufall“ hatte der andere in seiner burschikosen Sprechweise ihr Zusammentreffen genannt, ihm aber dünkte es eine von Anbeginn bestimmte Fügung. Ein gütiges Geschick ließ ihn gleich in der ersten Stunde den Sohn jenes Mannes finden, der in dem Leben seines Vaters eine so bedeutungsvolle Rolle gespielt hatte, einen herrlichen Jüngling von echt deutscher Art, den zum Freunde zu haben ein gar köstlicher Gewinn sein mußte ...

Es folgte die Zeremonie der Vereidigung mit einigen kernigen Worten über die erhabenen Aufgaben des juristischen Berufes, und als der Amtsgerichtsrat -- ein kränklich aussehender Herr in den Sechzigern -- die schwarze Robe ausgezogen hatte, lud er den jüngeren Kollegen für einen der nächsten Abende zu einem gemütlichen kleinen Essen ein, im allerengsten Familienkreise. Wenn er musikalisch wäre, würde er ein paar gleichgestimmte Seelen finden.

Peter Brenitz sagte freudig zu. Es überraschte ihn nicht weiter, daß eine kurze Weile danach ein junges Mädchen den Kopf zur Tür hereinsteckte, „na, Papchen, bist Du noch nicht fertig? Mutti läßt sagen, die Suppe wird kalt!“

Hier in der gemütlichen kleinen Stadt schienen selbst die Amtsgeschäfte einen familiären Anstrich zu haben, denn die junge Dame zog sich nicht etwa zurück, sondern betrat in lieblicher Verwirrung das Zimmer. Ob sie jung war oder alt, hübsch oder häßlich, konnte Peter nicht erkennen, denn zu dem feierlichen Vorgange der Vereidigung hatte er den Kneifer abgenommen, nur so viel vermochte er zu unterscheiden, daß sie ein fußfreies Kleid trug und einen Strudelkopf brauner Locken.

Der Herr Amtsgerichtsrat stellte vor: „Herr Kollege Brenitz -- meine Tochter Trudchen,“ und fügte freudig hinzu: „Denk Dir nur, eben hab’ ich erfahren, Herr Brenitz ist musikalisch!“

Peter wehrte bescheiden ab, er wäre wohl ein großer Verehrer guter Musik, seine eigene Kunstübung erhöbe sich jedoch in nichts über einen mäßigen Dilettantismus.

Fräulein Trudchen aber trat mit zierlichem Knixe näher und klatschte in die Hände:

„Das ist himmlisch! Dann wollen wir recht fleißig vierhändig spielen. Wer so bescheiden tut, ist immer ein Künstler. Lieben Sie Chopin?“

Und als Peter, ein wenig verwundert über die plötzliche Frage, bejahte, erfuhr er, daß Fräulein Trudchen eine geradezu leidenschaftliche Verehrerin des großen Tondichters wäre, der wie kein zweiter die schwermütige Note des polnischen Nationalcharakters zu treffen gewußt hätte, darin aber wäre sie sachverständig, denn von ihrer Mutter her, einer geborenen von Zuchopolska, flösse ihr polnisches Blut in den Adern.

Und weiter erfuhr Peter, daß sie nach vierjährigem Studium am Königsberger Konservatorium schweren Herzens auf den Beruf einer Künstlerin verzichtet hätte, aus Rücksicht auf die amtliche Stellung ihres geliebten Papchen. Zugleich aber sah er in der Nähe, daß Fräulein Trudchen sich bedeutend jugendlicher trug, als es ihren fünf- oder sechsundzwanzig Jahren angemessen war. Auf einem hageren braunen Halse saß ein unschöner eckiger Kopf mit einer breiten Stumpfnase, über deren Sattel ein Streifen häßlicher Sommerflecke lief. Das tat ihm leid für die junge Dame, aber da sie freundlich zu ihm war, mochte er sie durch einen raschen Abschied nicht kränken. Er hörte ihr noch eine ganze Weile geduldig zu, wie sie von den Triumphen erzählte, die sie auf einigen Wohltätigkeitskonzerten gefeiert hätte. Und als er sich schließlich empfahl, weil die Zeit, zu der ihn sein Gastgeber ins Hotel de Russie geladen hatte, schon verstrichen war, hatte er, ohne es zu wollen, ein Mädchenherz in helle Flammen gesteckt.

Das hatte nun freilich nicht viel auf sich, denn Fräulein Trudchen verliebte sich schon seit Jahren gewohnheitsmäßig in jeden neu an das Stradauner Amtsgericht versetzten Referendar; diesmal jedoch war die Leidenschaft heftiger denn je, und sie gestand sich errötend, daß auch sie entschieden Eindruck gemacht haben müßte. Freimütig erklärte sie dem Vater, daß sie es nicht verstände, wie junge Mädchen einem sonst sympathischen Bewerber gegenüber konfessionelle Bedenken haben könnten. In den Augen jedes aufgeklärten Menschen wäre der Antisemitismus ein verbrecherischer Unfug, und sie dürfte stolz bekennen, daß sie sich dessen niemals, auch in ihrer frühesten Jugend nicht schuldig gemacht hätte.

Der alte Herr Amtsgerichtsrat nickte dazu und lächelte trübe. Mit Freuden hätte er selbst einem Heiden oder Türken den väterlichen Segen gegeben; denn in der im Oberstock des Gerichtes belegenen Dienstwohnung wuchs ihm noch eine ganze Schar von Töchtern heran, die aus Rücksicht auf die älteste Schwester sich noch jugendlicher tragen mußten als Fräulein Trudchen, aber im Laufe der Jahre war er ein Pessimist geworden. Zu dem ersten „gemütlichen Abend im engsten Familienkreise“ erschienen die Herren Referendarien wohl, in der Folge aber blieben sie fort .....

Als Peter auf die Straße trat, flogen seine Gedanken zu einer anderen Begegnung, die er am frühen Vormittag auf dem Wege vom Bahnhofe gehabt hatte, und der Vergleich fiel nicht zugunsten von des Herrn Amtsgerichtsrats Töchterlein aus. Ein Paar rassige Trakehner streckten sich in schlankem Trabe, eine elegante junge Dame in rohseidenem Jackett mit Herrnschlips und Kragen führte auf dem Kutschersitze mit sicherer Hand die Zügel. Von dem Strohhütchen auf schwerem blonden Haar wehte ein kurzer blauer Schleier, grüßend neigte sich die Peitsche, und jetzt, da, ganz als wenn der heute über ihm stehende Glücksstern es besonders freundlich mit ihm meinte, wiederholte sich vor seinen sichtigen Augen die Erscheinung, mit der er sich in langenden Gedanken getragen hatte!

Aus einer Seitenstraße bog das Gefährt auf den Marktplatz, die Trakehner flogen dahin wie der Wind, und grüßend neigte sich wie am Vormittag die Peitsche neben einem Strohhütchen mit flatterndem Schleier.

Ganz unwillkürlich hatte er nach dem Hute gegriffen und sah dem davonrollenden Wagen nach, bis er im Staube verschwand, und wieder blickte die junge Dame auf dem Kutschersitze sich um .... Da trieb ihm das Blut rascher durch die Adern. Ein sehnsüchtig-beklommenes Gefühl erfüllte seine Brust, und eine Vorahnung stieg in ihm auf, daß diese beiden Begegnungen in seinem Leben noch mal eine Rolle spielen würden ....

Als Peter Brenitz ein paar Augenblicke später das Grand Hotel de Russie betrat, läutete die Glocke schon zum Mittagessen. Eilig begab er sich nach dem Speisezimmer, und da verstand er mit einem Male, was der rätselhafte Zusatz am Schlusse der Einladung des Herrn von Bergkem bedeutet hatte. Sein Gastgeber saß allein an dem einen Ende der langen Tafel, die in der Mitte des nüchternen Raumes stand, am anderen Ende aber eine Anzahl jüngerer Herren, die seinen höflichen Gruß mit eisiger Zurückhaltung erwiderten. Da blieb er neben seinem Stuhle stehen und kämpfte wacker gegen den wehen Kloß, der ihm plötzlich die Kehle zuschnürte. Auch hier in diesem freundlichen Städtchen, in dem ihm alles sonst so liebenswürdig entgegengekommen war, gab es anscheinend eine „Alania“, und um lächelnd über sie die Achseln zu zucken, war er noch immer zu jung .....

„Herr von Bergkem,“ sagte er, und die Stimme bebte ihm ein wenig, „ich danke herzlich für Ihre Einladung, die ich ohne Absicht gewissermaßen provoziert habe, aber ich möchte nicht die Veranlassung sein, Sie von Ihren bisherigen Freunden zu trennen!“ Nach diesen wohlgesetzten Worten wollte er sich mit einer gemessenen Verneigung zurückziehen, der lange Heino aber hielt ihn lachend am Aermel zurück und gab sich nicht die geringste Mühe, seine Stimme zu dämpfen.

„Aber nicht doch, lieber Herr Kollege. Wo wir beide sitzen, ist immer das vornehmere Ende. Wer sich davon ausschließt, hat die Folgen selbst zu tragen, aber alles auf der Welt endet schließlich friedlich und schiedlich. Wie oft bin ich zum Beispiel in Gedanken schon im Zweikampfe gestreckt worden, ehe es aber Ernst wird, verträgt man sich wieder, und, wie Sie sehen, lebe ich noch heute. Na, prost, Herr Kellmigkeit, darf ich mir einen Schluck aufs Spezielle gestatten? .... Ach so, wir haben noch keinen Stoff, also, Kalinski, los! Eine Buddel guten Schampus, aber kalt und ein bißchen plötzlich!“

Der Oberkellner verschwand mit hastigem Serviettenschwung, und ein am anderen Ende der Tafel sitzender Herr mit goldener Brille und bartlosem Gesicht verneigte sich gemessen: „Wenn ich Stoff habe, werde ich mich löffeln!“

Ganz beiläufig fügte Heino hinzu: „Nämlich unser verehrter Herr Vorsitzender, der nach glücklicher Beilegung eines unbeträchtlichen Zwistes zu meiner großen Freude den Präsidentensitz in unserer Tischgesellschaft Masovia wieder eingenommen hat! Na und nun erzählen Sie mal, Herr Kollege, wie sieht’s in Berlin aus? Haben Sie eine nette Reise gehabt? Es muß nicht ganz leicht gewesen sein, sich bis zu unserm geliebten Stradaunen durchzufinden!“

Peter erwiderte, es wäre ganz leidlich gegangen. Am liebsten aber hätte er seinem neuen Freunde und Beschützer die Hand geschüttelt, nicht zum wenigsten aus Bewunderung über die nonchalante Manier, mit der er die Herren vom anderen Ende der Tafel behandelte. Er unterließ es nur, weil es ihm unwürdig dünkte, vor der mit unverhohlener Neugier herüberspähenden Gegenpartei irgendwelche Gefühlsregungen zu zeigen. Aber das Herz wurde ihm dick in der Brust, und er wünschte nichts sehnlicher, als für den langen Heino auch einmal in die Bresche springen zu dürfen ...

Die Suppe wurde aufgetragen, die Spannung zwischen den beiden Tischenden verstärkte sich. Der Herr Provisor saß finster brütend da, drehte ein Brotkügelchen zwischen den Fingern und überlegte, wie er wohl die beabsichtigte Beleidigung der Gegenseite am witzigsten formulieren könnte, um den Beifall der Parteigenossen zu erringen und zugleich dem Grolle in seiner Brust Luft zu machen. Vor ein paar Stunden nämlich hatte ihn sein Chef in die Rezeptierkammer gerufen. Um schnödes Geld sollte er seine innerste Ueberzeugung verkaufen, nur weil sein Chef in kapitalistischer Verblendung eins der erhabensten Parteiprinzipien verleugnete? Gütlichem Zureden wäre er vielleicht zugänglich gewesen, aber der plumpen Drohung gegenüber verstockte sich sein Herz. Bei seinen Tischgenossen von der Masovia fand er einhellige Zustimmung, als er erklärte, ein aufrechter Mann in seiner Lage könne sich nur durch einen Eklat revanchieren. Nur über das Wie dieses Eklats war er sich trotz angestrengten Nachdenkens noch nicht klar geworden. Als aber Louis, der Stift, die von dem Freiherrn von Bergkem bestellte Flasche Champagner im Eiskühler hereinbrachte, kam ihm ein erleuchteter Gedanke. Er räusperte sich ein wenig, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf seine Person zu lenken, und als in der Tischgesellschaft Stille eintrat, bestellte er sich in jüdelndem Tonfalle ebenfalls eine Flasche Sekt, wobei er den mit der Verteilung der Suppe beschäftigten Kalinski mit dem Titel „Herr von Oberkellnerleben“ anredete.

Heino von Bergkem sprang zornig auf, die blaue Ader auf seiner weißen Stirn war dick angeschwollen.

„Herr Provisor Kellmigkeit, ich habe nach einem fehlgeschlagenen Versuche zu gütlicher Einigung Ihnen und den anderen Herren vorhin erklärt, ich würde keine irgendwie geartete Kränkung meines Gastes dulden. Ich ersuche Sie also, sich auf der Stelle wegen Ihres unglaublich rohen Benehmens zu entschuldigen!“

„Niemals,“ schrie der andere heftig zurück, Peter Brenitz aber, dem bei dem Worte „Provisor“ die Erinnerung an eine Unterredung durch den Kopf schoß, die am frühen Vormittag zwischen ihm und dem Oberkellner stattgefunden hatte, zupfte den langen Heino am Rockschoße und deutete zugleich mit dem Zeigefinger in diskreter Weise nach der Stirn. Leider war aber diese gutgemeinte Bewegung auch von der Gegenseite bemerkt worden, Herr Kellmigkeit sprang auf und schnappte erst ein paarmal nach Luft, ehe er sich mit zornrotem Kopfe zu einer Erwiderung anschickte.

„Das ist infam,“ kreischte er auf, „eine ganz bodenlose jüdische Unverschämtheit!“ Warf seinen Stuhl zurück und wollte sich auf seinen ruhig dastehenden Gegner stürzen. Herr Popiella aber, den der laute Wortwechsel herbeigeführt hatte, umschlang ihn von hinten mit starkem Arm, drehte ihn in gewandter Ausführung eines oft geübten Griffes blitzschnell um die eigene Achse, und ehe Herr Kellmigkeit sich recht versah, war er draußen. Dort aber setzte Herr Popiella ihn auf einen Stuhl und hielt ihm eine kurze Ansprache. „Herr Provisor, ich schätz’ Sie sehr, und Sie sind mein angenehmer, lieber Gast seit vielen Jahren. Wenn Sie aber jetzt noch einen Ton reden, hau’ ich Ihnen eine ’runter, daß Sie glauben, Ostern und Pfingsten fällt auf einen Tag! Wir leben doch nicht in Rußland, sondern im zwanzigsten Jahrhundert!“ ...

Diesen, aus körperlichen und intellektuellen Argumenten zusammengesetzten Ausführungen gegenüber hielt Herr Kellmigkeit es am geratensten, zu schweigen, drinnen aber im Speisezimmer bemühte sich Herr Referendarius Meyer nach stattgehabter Vorstellung, die Rolle eines besonnenen Vermittlers zu spielen. Das Ganze wäre nichts weiter als ein bedauerliches Mißverständnis und bei einigem Entgegenkommen von beiden Seiten in kürzester Frist aus der Welt zu schaffen.

Peter Brenitz jedoch schüttelte den Kopf. Unter der jähen Beleidigung war er bleich geworden bis in die Lippen, jetzt aber stand er äußerlich ganz ruhig da, nur seine Nasenflügel bebten ein wenig, und in seinen Augen brannte ein seltsames Feuer.

„Ich bedaure! Wenn dieser Herr Provisor mit mir persönlich nicht verkehren will, so steht das in seinem freien Belieben. Nur wäre es vielleicht empfehlenswert gewesen, mit der Aeußerung seiner Willensmeinung zu warten, bis ich von meiner Seite seinen Verkehr gesucht hätte. Nichts aber gibt ihm das Recht, mich zu verunglimpfen, weil ich Jude bin. Ich müßte keine Selbstachtung besitzen, wenn ich mich nach einer solchen Beleidigung mit einer einfachen Abbitte begnügen würde.“

„Bravo,“ sagte der lange Heino, und weil ihn der Spotteufel plagte, fügte er hinzu: „Sie, Herr Kollege, sind schon zu lange Christ, um meinem Freunde Brenitz die Schwere dieser Beleidigung nachfühlen zu können!“

Darauf erklärte Herr Referendarius Meyer gekränkt, unter solchen Umständen müßte er auf eine Fortsetzung seiner Vermittlertätigkeit verzichten.

Die Angelegenheit nahm den üblichen Verlauf. Der Herr Provisor beauftragte den Steueramtsassistenten Annuschat, der als Vizefeldwebel der Reserve eine Autorität in allen die Ehre angehenden Fragen war, mit der „Wahrnehmung seiner Interessen“. Peter Brenitz betraute von seiner Seite aus den Herrn von Bergkem mit den gleichen Funktionen, die beiden Sekundanten aber vereinbarten in würdevoller Sitzung die Bedingungen des bevorstehenden Zweikampfes, dreimaligen Kugelwechsel aus gezogenen Pistolen bei fünf Schritten Barriere. Der lange Heino erklärte sich bereit, aus dem heimatlichen Gewehrschranke die benötigten Waffen zu stellen, und als er sich von dem Gegensekundanten verabschiedete, ließ er ganz beiläufig die Bemerkung fallen, wie sehr er’s bedauerte, daß die Herren von der Tischgesellschaft Masovia sich seinen gütlichen Vorstellungen nicht zugänglich gezeigt hätten. Herr Brenitz wäre, soviel er gehört hätte, ein ausgezeichneter Pistolenschütze, der sicherlich nicht vorbeischießen würde, und wenn er persönlich dem Herrn Provisor zwar einen gehörigen Denkzettel gönnte, so dauerten ihn dafür umsomehr die anderen Herren. Der unerquickliche Handel, der bei einem blutigen Ausgange des Zweikampfes unfehlbar zur Kenntnis der vorgesetzten Behörden kommen müßte, wäre durchaus nicht dazu angetan, fördernd auf die Karriere einzuwirken, denn man flöge dabei gar leicht in die Versenkung: als ein sonst ganz tüchtiger Beamter, der jedoch in schwierigen Situationen des nötigen Taktgefühls ermangelte!