Bruder Leichtfuß und Stein am Bein
Part 3
Peter Brenitz verbat es sich, daß in seiner Gegenwart das Andenken seines Vaters geschmäht würde, und das Zerwürfnis war fertig. Seither wurde er in dem Hause seines Onkels ein seltener Gast, der sich nur bei besonderen Gelegenheiten einstellte, und keiner fand den Weg zum andern, wenn sie sich im innersten Herzen auch einsam fühlten. Der Jüngere fürchtete den Spott, und der Ältere hatte sich über seiner enttäuschten Hoffnung verbittert. Erst als Peter zum Abschiednehmen kam, traten sie sich wieder um ein weniges näher.
Der alte Geheimrat empfing ihn gegen alles Herkommen sehr freundlich, hörte der Mitteilung, daß er ans Amtsgericht Stradaunen versetzt worden wäre, mit halbem Ohre zu, dann aber legte er los, um einen Groll, der ihm am Herzen fraß, in eine verschwiegene Brust zu entladen.
Eine Weile lang ging er in dem geräumigen Gemache, durch dessen hohe Scheiben die Eichen des Tiergartens im grünen Blätterschmucke grüßten, auf und ab, die Hände auf dem Rücken und das bartlose Gesicht mit der mächtigen Stirn leicht zur Seite geneigt. Und plötzlich blieb er stehen.
„Also, sie hat’s richtig geschafft, die geborene Guggenheimer,“ -- wenn er auf seine Frau zornig war, pflegte er sie mit ihrem Mädchennamen zu bezeichnen, auf den sie als Angehörige eines alten Frankfurter Geschlechts nicht wenig stolz war -- „es ist ein Gardeleutnant! Noch dazu von der Kavallerie und aus ältestem, verschuldetem Adel. Von Krotthelm heißt er. Schon in den Kreuzzügen haben seine Vorfahren gegen die Ungläubigen gekämpft, und er setzt die Traditionen seiner Ahnen mit ungeschwächten Kräften fort, nimmt mir mein Geld und meine Tochter. Die Ilse natürlich, denn die Frida ist, Gott sei Dank, so unbedeutend und häßlich -- sie schlägt mehr nach mir ... Also da hat sich noch keiner herangetraut. Denn die Lüge, seine Liebe wäre so abgrundtief und so weiter, wäre zu knüppeldick!“
„Aber, Onkel,“ warf Peter schüchtern ein, „ist es denn so ganz und gar ausgeschlossen, daß dieser Herr von Krotthelm für Deine Tochter Ilse eine wirkliche Zuneigung empfindet?“
Der Geheimrat Brenitz lachte höhnisch auf.
„Bloß Zuneigung, mein Söhnchen? Liebe empfindet er, eine so heftige Liebe, daß er ohne mein Kind nicht leben kann! Und das stimmt aufs Haar, denn ich habe mich sehr sorgfältig und bei allen möglichen Stellen über ihn erkundigt. Er kann wirklich ohne die Ilse nicht weiterleben, denn die Schulden schlagen ihm über dem Kopf zusammen. Seine Pferde und seine Maitresse kann er nicht weiter halten, wenn er meine Ilse nicht kriegt mit ihren baren zwei Millionen Mitgift.“
„Dann würde ich doch aber ganz einfach meine Zustimmung verweigern, lieber Onkel?!“
„Ach, was Du sagst!“ Der Geheimrat stellte sich vor seinen Neffen hin und legte ihm die Hand auf die Schulter: „Zustimmung! Dazu gehören doch immer zwei, einer, der fragt, und der andere, der Ja sagt. Meine Frau aber *hat* mich gar nicht gefragt“ -- er schlug mit der geballten Faust einen zornigen Lufthieb -- „sondern hinter meinem Rücken die Anzeigen verschickt. Aus der Vossischen Zeitung heut früh hab’ ich’s erfahren, daß meine älteste Tochter sich verlobt hat. Nicht auf die Börse hab’ ich mich getraut, um mich nicht auslachen zu lassen, und in die Ressource geh’ ich vor den nächsten drei Monaten nicht, trotzdem ich meine Partie Bridge vor dem Essen nötiger hab’ als ein Kranker seine Medizin! ‚Gratuliere,‘ sagt der alte Hirschfeld, der Louis Meyer und der Goldschmidt desgleichen, und nachher, beim Spielen, kommen die Gemeinheiten.
‚Ich überlasse,‘ sagt der Hirschfeld, ‚und nicht wahr, lieber Brenitz, Ihr zukünftiger Herr Schwiegersohn steht, wenn ich recht gelesen habe, bei den Gardedragonern?‘
‚Pik,‘ sagt der Meyer, ‚was soll es bei meinem Pech schon anders sein? Aber ich habe gehört, bei einer Heirat mit einer Jüdin muß der Bräutigam zum Train.‘
Und der Goldschmidt mit seinem kahlen Schädel und der einsamen Skalplocke nimmt die Karten zusammen:
‚Die Herren von der Gegenpartei hätten bei richtigem Verständnis der Lage drei Trick in _sans atout_ gemacht! Was aber Ihren zukünftigen Schwiegersohn angeht, lieber Brenitz‘ -- dabei wetzt er die Zunge an den Lippen, denn jetzt kommt die größte Gemeinheit -- ‚so kann ich’s verstehen, daß Sie mit beiden Händen zugegriffen haben. Einen versierteren Vorsteher der Wechselabteilung, als den Baron von Krotthelm, können Sie sich gar nicht wünschen. Der reitet auf ’nem Wechsel so gut wie auf ’nem Pferd, und auch in der Industrie weiß er Bescheid. Neulich hat er von einem Gurglerkonsortium einen größeren Posten Damenkorsetts übernommen und mit Nutzen losgeschlagen. Denn die Valuta blieb er natürlich schuldig ...‘
Also, was sollst Du da tun? Alten Freunden, die es gut mit Dir meinen, die Karten an den Kopf werfen? Oder mit der Faust auf den Tisch hauen: Da ist nur die geborene Guggenheimer daran schuld? Weil sie aus einem Geschlechte stammt, das mit den Rothschilds Haus an Haus gewohnt hat in der Judengasse zu Frankfurt und das damals schon über diese Parvenüs die Nase rümpfte, weil zweihundert Jahre früher ein Guggenheimer zu Worms auf dem Scheiterhaufen brannte? Deshalb aber -- ausgerechnet -- kennt sie keinen höheren Ehrgeiz, als ihrer Tochter einen adligen Christen zum Eidam zu suchen, und ich als Vater muß den Mund halten? Weil sie mich einmal erwischt hat, als ich ein junges Tanzmädchen aus einem Theater hübscher fand als die geborene Guggenheimer? Na, und jetzt freu’ Dich doch, Weltverbesserer,“ so schloß der Geheimrat Brenitz mit grimmigem Auflachen, „das Ziel Deiner Sehnsüchte ist ja erreicht. Einer aus dem anderen Lager steigt über die trennende Mauer, das Christentum verschmilzt mit dem Judentum, und -- Hosiannah -- ein neuer Fortschritt des Menschengeschlechtes ist endlich angebahnt?!“ ...
Der Geheimrat Brenitz wandte sich ab und starrte zornig über den blumengeschmückten Vorgarten auf die breite Straße hinab. Sein Neffe aber hob den feinen Kopf mit den schwärmerischen Augen.
„Mein seliger Vater, lieber Onkel, hat immer gesagt, in einem wäre die Lehre der Christen erhabener und schöner als die unsrige: in der verzeihenden Liebe, die einen reuigen Sünder höher einschätzte als eine ganze Schar von Gerechten. Und weshalb sollen wir uns diesen Satz nicht annehmen? Vielleicht, wenn Du Deinen zukünftigen Schwiegersohn mit Liebe empfängst, daß es Dir gelingt, durch Zuspruch und Beispiel aus ihm einen Mann zu erziehen, der Dir eine Freude wird und eine Stütze für Dein Alter?“
Der Geheimrat Brenitz fuhr jählings herum, als er aber in das Gesicht seines Neffen blickte, stockte ihm das kränkende Wort, das sie schon einmal geschieden hatte, auf den Lippen.
„Also, es ist gut, mein Sohn. Ich weiß, Du meinst es ehrlich. Aber geh hinüber auf die andere Seite des Hauses, da führen sie zu Dreien ein Lustspiel auf: ‚Der adlige Mitgiftjäger oder der geprellte Schwiegervater‘, und da paßt Du mit Deinen Anschauungen besser hin. Ich gratulier’ Dir, es wird ein Trauerspiel daraus. Aber was liegt Dir an dem Hause Brenitz? Ein leerer Name ist’s für Dich, Schall und Rauch, wie der Dichter sagt, und nichts spricht zu Dir, daß auch ein Name Pflichten auferlegt?!“ ...
Peter Brenitz atmete tief auf.
„Lieber Onkel, es kommt mir nicht zu, Dir Ratschläge zu erteilen, eins nur möchte ich Dir noch sagen: Dein zukünftiger Schwiegersohn ist doch ein Edelmann! Leichtsinnig vielleicht und auch leichtfertig, aber doch im Innersten von anständiger Gesinnung, sonst hätte er des Königs Rock nicht tragen dürfen. Und ein gutes Wort findet gute Stelle! Sprich Dich mit ihm aus, so recht aufrichtig und herzlich, und ich bin überzeugt, Du wirst noch an dieser Verbindung Freude erleben!“
Der alte Herr Geheimrat lächelte trübe.
„Mein Sohn, was bist Du noch jung! Fast könnte man Dich beneiden, denn es muß schön sein, das Leben durch eine rosenrote Brille anzusehen ... Auch ich kenne manchen Edelmann, Barone, Grafen, Fürsten und Herzöge ... den Hut ab vor ihnen; denn ihre Gesinnung ist lauter und ihr Wort wie Eisen. Aber sie kommen in mein Geschäftskontor in der Behrenstraße, um sich bei mir Rat zu holen für spekulative Anlagen, oder sie bringen mir ihr Vermögen zur Verwaltung, weil sie wissen, bei Samuel Brenitz sel. Witwe Söhne liegt es so sicher wie im Juliusturm. Was aber in mein Haus kommt hier in der Tiergartenstraße, das, mein Sohn, ist Ausschuß! Und glaub’ mir, jeder Edelmann, oder, ich will dieses Wort nicht mißbrauchen, sondern lieber dafür sagen, jeder Mann aus einer einstmals adligen Familie, der einem Judenmädchen in die Augen sieht, um es zu seinem Weibe zu machen, hat vorher schon in den Lauf einer Pistole gesehen. Solche Menschen aber erzieht man nicht! Und ich werde Dir sagen, wie alles kommen wird: Die Freude da drüben wird genau so lange vorhalten wie das Geld, das die Guggenheimer ihrer Tochter mitgeben kann, denn ich steure zu dieser Verbindung keinen Pfennig bei! Von dem Guggenheimerschen Gelde -- es sind immerhin zwei Millionen -- wird der Herr Baron erst seine Schulden bezahlen und dann sich ein Rittergut kaufen, hier irgendwo in der Nähe von Berlin. Dort aber wird ein Leben sein, wie im Himmel, jeden Tag ein Fest mit Gästen, bis das Geld zu Ende ist. Und eine Weile danach wird mein Kind hier vor mir stehen, an Leib und Seele gebrochen, mir vielleicht fluchen, daß ich sie heute nicht zurückgehalten habe ... Also, es ist gut, ich kann’s nicht ändern. Und jetzt adieu, mein Sohn, nimm’s mir nicht übel, daß ich alter Mann zu Dir von meinen Sorgen und Kümmernissen gesprochen habe. Reise mit Gott und nimm all Deine Ideale mit in Deinen neuen Wirkungskreis. Ich wünsch’ Dir alles Gute. Wenn Du jedoch Dir eines Tages das Herz wund gestoßen hast da draußen, denk’ an das alte Haus in der Behrenstraße mit dem verwitterten Firmenschild über der Tür. Der Tag soll gesegnet sein, an dem Du unter ihm durchschreitest, und das Haus hat schon Schwereres getragen als einen Chef, der nicht nur seine Angestellten und sich selbst, sondern die ganze Menschheit beglücken wollte“ ....
Da begehrte Peter Brenitz nicht auf, sondern hob dem Bruder seines Vaters die schlaff vom Lehnstuhle herabhängende Hand.
„Lieber Onkel, Du hast vorhin gesagt, ein Name verpflichtet. Der meinige legt es mir auf, meinem verstorbenen Vater zum Wohlgefallen zu leben. Er hat mir den Beruf eines Richters erwählt, und für diesen will ich mich mit Ernst vorbereiten. Verzeih mir also, wenn ich Dir nicht zu Willen sein kann, und verzeih mir auch jetzt in der Stunde des Abschieds, daß ich Dir damals vor vier Jahren mit heftigen Worten widersprach. Heute sehe ich, daß Du mich nicht in böser Absicht kränken wolltest, und es tut mir leid, daß ich nicht öfter den Weg zu Dir fand!“ ...
Dem alten Herrn wurden die Augen feucht, und noch lange saß er sinnend in seinem Lehnstuhle ...
Ein Kind ging da ins Leben hinaus, ein reiner Tor, der nach dem heiligen Grale der Versöhnung suchte ... Und fast wie Neid sprang’s ihn an gegen den verstorbenen Bruder, der in dem Sohne einen Nachfolger besaß, einen, der an seinem Werke weiterarbeitete, mochte es noch so unfruchtbar und töricht sein. Er aber?! ... Er hatte gerafft und gescharrt, Schätze auf Schätze gehäuft, und wenn er von dannen ging, mußte er sehen, daß die Arbeit seines Lebens in die Hände verschwenderischer Erben fiel ..
Ein heißer Groll stieg ihm im Herzen empor, und er reckte die Hand nach dem Klingelknopfe auf dem Schreibtische. Der Diener erschien in der Tür: „Herr Geheimrat?“
„Meinen Wagen!“
Und als er fünf Minuten später in Ueberzieher und Zylinder auf die Straße trat, sah er mit ingrimmigem Lächeln zu den Fenstern hinauf, hinter denen die geborene Guggenheimer sich ihres Triumphes freute -- mit ihrem adeligen Schwiegersohn.
Der Kutscher auf dem Bocke griff an den Hut.
„Jerusalemer Straße 21, Justizrat Wolff!“
Und mit einem kurzen Auflachen stieg der Geheimrat ein, wie jemand, der im Begriffe stand, einen guten Witz zu machen. Nur schade, daß er bei der Pointe nicht mehr dabei sein konnte! Aber die Vorfreude war auch etwas wert, und er sah ordentlich die langen Gesichter seiner Erben, wenn sie bei der Testamentseröffnung nachrechneten, was ihnen nach dem Abzuge aller Legate für wohltätige Stiftungen übrig blieb. So lange er lebte, hielt er das Brenitzsche Geld mit eiserner Hand, aber ein vorsichtiger Mann sorgte beizeiten dafür, daß sein Wille auch nach dem Tode respektiert wurde ...
* * * * *
Peter Brenitz hatte sich auf dem Schauplatze seiner neuen Tätigkeit umgesehen, und er gefiel ihm wohl. Aus den Fenstern der Vorderzimmer im Grand Hotel de Russie blickte er auf einen freien Platz, in dessen Mitte das übliche Kriegerdenkmal stand, eine geflügelte Viktoria auf einem Unterbau aus unbehauenen Findlingssteinen. Im Hintergrunde erhob sich ein altes Kirchlein mit schlankem Glockenturm, und freundliche Häuser mit sauberen Läden zogen sich zu beiden Seiten hin.
Aus dem Schlafzimmer aber bot sich die Aussicht auf den blauen Spiegel eines weitgestreckten Sees, sanft geschwungene Hügel umrahmten seine Ufer, und weit hinten in der Ferne grüßte der dunkle Saum des Waldes, lockte zum Wandern und Träumen ...
Die Zimmer waren hell und geräumig, auf dem Tische des sogenannten Salons prangte zum Willkomm ein großer Blumenstrauß, und Frau Popiella, die rundliche Gattin des Wirtes, knickste und dienerte.
„Aber bester, trautster Herr Referendarius, bloß von acht Tagen kann ja gar keine Rede sein, so rasch lassen wir Sie nich weg, i wo nein, Sie tragen uns ja die Ruh aus dem Haus!“
Peter bemerkte schüchtern, es hätte allerdings in seiner Absicht gelegen, eine mittlere Sechszimmerwohnung zu mieten, eine kleine Villa am liebsten, mit abgeschlossenem Garten. Frau Popiella aber legte, ordentlich erschrocken, die speckige Hand auf die zum Platzen gespannte Kattunbluse.
„Gott erbarm sich, sechs Zimmer und hier in Stradaunen? So viel hat ja nich mal der Herr Amtsgerichtsrat mit seinen sieben Kindern, und wozu braucht ein einzelner junger Herr bloß so viel Gelaß?“
„Ja,“ sagte Peter, ein wenig hilflos, „ich gebe zu, daß ich in dieser Beziehung wohl allzu sehr verwöhnt bin. Immerhin brauche ich doch mehrere Räume für meine Bibliothek, einen für den Flügel und etliche andere unentbehrliche Einrichtungsstücke, die ich mir aus Berlin nachschicken lassen möchte. Auch ein eigenes Badezimmer hätte ich gerne.“
Frau Popiella schüttelte den Kopf.
„Hier wird nur im Sommer gebadet, unten im See. Und überhaupt, so ’ne Wohnung werden Sie in ganz Stradaunen nich finden. Auf Spekelatzion wird hier nich gebaut, was die paar Herrschaften vom Steueramt sind, die sind froh, daß sie unter sind, wenn wer nach außerhalb versetzt wird, is auch gleich schon immer der Nachfolger da. Und die Herren Assistenten und so, die begnügen sich mit einem Budchen. Aber, was wollen Sie, Herr Referendarius, wir nehmen hier noch zwei Zimmer zu, und Sie leben wie im Himmel!“
So sprach Frau Popiella fort und fort, pries mit erheblicher Zungenfertigkeit die Annehmlichkeiten der zentralen Lage, deren sich das Grand Hotel de Russie erfreute, und hob die Vorzüge hervor, die das Wohnen in einem Gasthofe mit sich brächte: Prompte Bedienung von geschultem Personal und warme Restauration zu jeder Tageszeit.
Peter Brenitz aber zögerte noch immer, sich durch ein festes Abkommen für längere Zeit zu binden. Auf der Fahrt von Berlin hatte ihm etwas anderes vorgeschwebt als eine Wohnung im geräuschvollen Hotel ... irgendwo ein rosenumbuschtes Häuschen in schattigem Garten mit verschwiegenen Laubengängen am Ufer eines stillen Weihers ... Da spann man sich mit seinen geliebten Büchern ein, oder, wenn man das Glück hatte, einen gleichgestimmten Gefährten zu finden, wurde an den Abenden ein wenig musiziert und in langen Gesprächen alles erörtert, was in der Brust nach Klarheit rang ... Schließlich gab Herr Meltzer, der Chauffeur, der mit seinem pfauchenden und rasselnden Wagen eine halbe Stunde vorher unter dem Staunen der ganzen Bevölkerung einen triumphartigen Einzug gehalten hatte, den Ausschlag. Nach einer bedeutungsvollen Rücksprache mit Herrn Kalinski und einer kurzen Musterung des weiblichen Küchenpersonals, die ein zufriedenstellendes Ergebnis gehabt zu haben schien, begab er sich in den oberen Stock hinauf, wo sein Herr noch immer der Beredsamkeit von Frau Popiella standhielt.
„Also, Herr Doktor, ick hab mir informiert, so wat, wie wir suchen, jibt et hier nich. Det sind in bezuch auf hochherrschaftliche Wohnungsverhältnisse ja die reinen Zulukaffern. Wenn wir uns nich selbst ’ne Villa bauen wollen, müssen wir schon hier wohnen bleiben!“
Peter Brenitz seufzte auf und griff nach seinem Zylinderhute, um sich zur Meldung aufs Amtsgericht zu begeben. Alle geschäftlichen Verhandlungen waren ihm ein Greuel, und wenn Frau Popiella noch lange in ihn gedrungen wäre, hätte er schließlich das ganze Grand Hotel de Russie gemietet ...
„Es ist gut, hier unsere freundliche Wirtin hat mir schon Aehnliches berichtet. Also machen Sie für ein Vierteljahr zunächst alles ab! Einigen Sie sich auch über den Preis, und teilen Sie mir dann das Nötige mit!“
„Wird besorgt,“ sagte Herr Meltzer und schlug in militärischer Haltung die Hacken aneinander. Seinem findigen Geiste, der sich bisher nur bei der Neubeschaffung von Reifen und größeren Reparaturen des Autos in der Festsetzung seines, vom Chauffeurstandpunkte aus legitimen Gewinnanteils betätigt hatte, erschloß sich hier mit einem Male eine neue Erwerbsquelle, und nach einer langen, geschäftlichen Auseinandersetzung, bei der Frau Popiella leuchtende Augen und rote Backen bekommen hatte, klappte er befriedigt sein öliges Notizbuch zusammen. Die vereinbarten Preise betrugen ungefähr das Doppelte von dem, was Herrn Kalinski selbst bei ausschweifender Phantasie als Maximum vorgeschwebt hatte. Wenn die einträgliche Stellung noch ein paar Jährchen vorhielt, konnte man sich selbständig machen und ein kleines Geschäft anfangen ...
„Wenn er sich nu aber irgendwo erkundigt?!“ meinte Frau Popiella bedenklich. Herr Meltzer aber machte eine beruhigende Bewegung mit der von Oel und Benzin geschwärzten Hand:
„Und wenn schon, dann jloobt er’t nich! Wissen Se, jnädje Frau, wat det for ’n Mensch is? Immer mit ’n Kopp in de Wolken und ’n Herz wie ’n Lamm! Eher denkt er, de Welt jeht unter, als det ihn eener hochnehmen könnte, und janz abjesehen von dieser Noblijkeit -- et schadt ihm nischt, denn von den Reichtum kann sich unsereens jar keene Vorstellung nich machen. Klotzig, sag ick Ihnen, und wat er for ’n jutet Tierchen is, dafor nur een Beispiel. Ick hatt’ da unter anderm ooch ’ne Braut in Pichelswerder. Und wie wir nu fortmachten von Berlin, händicht er mir doch tausend Märker ein, als Entschädigung for det Mächen, und det se sich über meinen Verlust nich zu sehr jrämen sollte. Wie ville, meenen Se wohl, det ick meine jewesene Braut von diese tausend Märker abjejeben habe?“
„Taugenichtssche Berliner Kreet,“ sagte Frau Popiella und gab ihrem Gegenüber mit der quabbeligen kleinen Faust einen wohlgefälligen Stoß gegen die schwarze Lederjacke. Herr Meltzer aber zwirbelte sich das spärliche Schnurrbärtchen auf und revanchierte sich mit einem zärtlichen Blick in ein Paar wässerig-blaue Augen. Fortan war er auch über die Größe der Bratenportionen beruhigt, die zu seinem täglichen Ausgedinge gehörten ...
Herr Popiella, der gewichtige Besitzer des Grand Hotel de Russie, hatte sich unterdessen quer über den Marktplatz in die Apotheke zum goldenen Engel begeben, um mit deren Inhaber, dem Beigeordneten und Vorsteher des konservativen Wahlvereins, Herrn Kraska, ein ernsthaftes Gespräch unter vier Augen zu führen. Und das von Herrn Kalinski erfundene Argument eines gesteigerten Benzinabsatzes, das Herr Popiella jedoch nach den zwischen Prinzipalen und Angestellten herrschenden Grundsätzen als sein eigenes Geistesprodukt bezeichnete, tat seine Schuldigkeit. Herr Kraska fand, der Antisemitismus wäre durchaus kein integrierender Bestandteil der konservativen Parteirichtung, vielmehr ein lediglich nebensächlicher Satz, dessen Befolgung oder Nichtbefolgung ganz im freien Belieben des einzelnen läge. Herr Popiella aber hätte seinerseits vollkommen recht, wenn er im Interesse eines gesteigerten Fremdenverkehrs von dieser im Programme vorgesehenen Freiheit Gebrauch machte und sich, diskret, aber energisch, gegen eine unangemessene Störung seines Geschäftsbetriebes wandte. Und als er sich nach einem kräftigen Händedrucke entfernte, hörte er, wie der Provisor Kellmigkeit von seinem Chef aus dem vorderen Ladenraume nach hinten in die Rezeptierkammer gerufen wurde. Die Tonstärke dieses Rufes aber ließ darauf schließen, daß die nachfolgende Belehrung an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen würde ...
Das Gerücht von der Ankunft eines millionenreichen Berliner Referendars hatte sich schon in den frühen Morgenstunden im Städtchen verbreitet, kaum, daß Herr Kalinski seinen Gast unter verstärktem Anschlage der Hotelglocke in die vorher bestellten Gemächer geleitet hatte. Das Eintreffen des Autos, dem der bebrillte und staubbedeckte Lenker auf dem Vordersitze höchst überflüssigerweise eine Anzahl greulich klingender Signale entlockte, erregte geradezu Sensation und ließ auch die letzten Zweifler verstummen, denn eine solche Maschine war in Stradaunen noch nie zuvor gesehen worden. Wer sich einen derartigen Luxus verstattete, mußte allerdings sehr reich sein. Die abenteuerlichsten Erzählungen wurden weitergetragen und geglaubt. Das ganze Grand Hotel de Russie sollte er gemietet haben, dieser sagenhafte Millionenreferendar, und zwar mit der Bedingung, daß während seiner Anwesenheit dort kein anderer Gast wohnen dürfte. Später aber gedächte er sich an passendem Platze anzukaufen, und gar mancher Hausbesitzer trat auf den Marktplatz hinaus, musterte prüfenden Blickes sein Anwesen und überlegte, wie hoch im Ernstfalle wohl der Aufschlag zu dem ortsüblichen Grundstückspreise zu berechnen wäre.
In den Schaufenstern der beiden Läden, die mit Herrenartikeln handelten, erhielten die Auslagen einen keckeren Schmiß, und etliche der Mütter, die ihrem gesellschaftlichen Range gemäß darauf rechnen konnten, daß der neue Referendarius in ihrem Hause einen Besuch machen dürfte, sahen sich ihre heranwachsenden Töchter an.
„Olga, Du mußt Dir entschieden eine modernere Frisur zulegen. Du aber, Marie, spring’ rasch in die Buchhandlung hinüber und hol’ die letzte Modenzeitung. Man weiß ja schon gar nicht mehr, was getragen wird, und wenn einer aus Berlin kommt, möcht’ man sich doch nicht gern lächerlich machen.“ ...
So übte das rote Gold seine Macht, und als Peter Brenitz in korrektem Gehrock, Lackstiefeln und Zylinder unter der Obhut des wegkundigen Stiftes Louis über den Marktplatz nach dem in einer Seitenstraße gelegenen Amtsgerichte ging, verneigten sich die in den Türen stehenden Ladenbesitzer, und hinter den behutsam zur Seite geschobenen Gardinen im ersten Stock sahen blaue und braune Augen auf die Straße hinab. Peter Brenitz aber freute sich über die freundliche und zutrauliche Haltung der Bevölkerung. Sie stimmte so ganz zu dem Bilde, das ihm der verstorbene Vater von „seinem lieben Ostpreußen“ gezeichnet hatte ...