Bruder Leichtfuß und Stein am Bein

Part 2

Chapter 23,492 wordsPublic domain

Sie schritten selbander die schattige Allee entlang, die unter dichtbelaubten Linden vom Bahnhofe zum Städtchen führte. Herr Kalinski hob von Zeit zu Zeit die Hand, um seinen Begleiter auf besondere Sehenswürdigkeiten aufmerksam zu machen: den hohen Schornstein der Brauerei und die erst im vorigen Jahre neuerbaute Feldscheune des Stadtverordnetenvorstehers Pielemann, des reichsten Ackerbürgers von Stradaunen.

Sein Begleiter hörte ihm freundlich zu, unterbrach ihn jedoch plötzlich mit der Frage, ob sich im Hotel de Russie schon sein Chauffeur gemeldet hätte.

Herr Kalinski blickte verwundert auf.

„Ein Schofföhr?“

„Ja, mit meinem Auto. Mein Arzt hat mir zwar empfohlen, hier recht viel zu Fuß zu laufen, aber ich habe mich doch entschlossen, meinen Wagen mitzunehmen. Ich will auch etwas von der weiteren Umgebung kennen lernen. Meiner Berechnung nach hätte er eigentlich heute früh hier sein müssen.“

Jetzt blieb Herr Kalinski stehen und schöpfte tief Atem. Ein Referendarius, der ein Auto besaß, war ihm in seiner Praxis noch nicht vorgekommen.

„Ein Au... Auto? Und e... entschuldigen Sie, Herr Brenitz, Sie si... sind wohl sehr reich?“

Peter Brenitz lachte herzlich auf.

„Reich? Das ist ein recht relativer Begriff. Ich habe ungefähr so viel, wie ich brauche, denn mein seliger Großvater hatte die Vorsicht, mein zukünftiges Vermögen in Terrains anzulegen.“

„Terrains!“

Herr Kalinski nahm unwillkürlich einen halben Schritt Abstand und lüftete hochachtungsvoll seinen bräunlich schimmernden Zylinder.

„Von Terrains habe ich schon öfter gehört. Da sollen manche Leute in Berlin klotziges Geld verdienen. Wo früher kaum Sandhafer wuchs, soll man ja heute für den Morgen zehntausend und mehr Daler zahlen. Hier noch nicht mal dreihundert Mark.“

Von da an geriet die Unterhaltung ins Stocken, denn Herr Kalinski war in schweres Nachdenken versunken. Einen Gast, der ein eigenes Automobil und Terrains in Berlin besaß -- mit dem Worte „Terrain“ verband sich ihm unwillkürlich der Begriff von ungezählten Millionen -- hatte das Grand Hotel de Russie seit seinem Bestehen nicht beherbergt, märchenhafte Preise waren da zu nehmen, zum mindesten vier Mark pro Zimmer und Tag, und märchenhafte Trinkgelder zu verdienen. Dazu aber gehörten mehr als die vorläufig bestimmten acht Tage. Vor allem aber war es notwendig, den antisemitischen Uebereifer des Herrn Provisors Kellmigkeit zu dämpfen, damit dem hochgeschätzten Gaste unangenehme Eindrücke erspart blieben. Gewiß, wer ein bißchen ’was auf sich hielt, war natürlich Antisemit, aber, wenn das Geschäft in Frage kam, verschloß man seine Gefühle im innersten Schreine seines Herzens, und wenn die Millionen anfingen, hörten selbst in den allervornehmsten Kreisen die antisemitischen Gesinnungen auf. Also mußte in diesem ähnlich liegenden Falle eine diplomatische Aktion ins Werk gesetzt werden, vielleicht in der Weise, daß der Besitzer des Grand Hotel de Russie sich zu dem Besitzer der Apotheke zum goldenen Engel begab und diesem auseinandersetzte, daß sein Provisor den fatalen Ausschließungsantrag zurückzog. Wenn man ihm deutlich mit der Kündigung winkte, falls er sich’s beifallen ließe, den sozialen Frieden des Städtchens zu stören, war es anzunehmen, daß er im Interesse eines gesicherten Broterwerbs ein Opfer an Ueberzeugung brachte. Der Besitzer der Goldenen Engel-Apotheke aber war zu einer so gearteten Einwirkung sicherlich sehr leicht zu bestimmen, denn er handelte unter anderem auch mit Benzin, und weshalb sollte er wegen der antisemitischen Gesinnung seines Provisors auf einen Kunden verzichten, der als Automobilbesitzer sicherlich Tausende von Litern dieses kostbaren, in Stradaunen sonst nur zur Entfernung von Fettflecken verkauften Stoffes gebrauchte? ...

So weit war Herr Kalinski in seinen Erwägungen gekommen, als ihn eine Frage seines Begleiters aus dem Nachdenken riß. Wie geartet die Bevölkerung des Städtchens wäre, fragte nämlich der Herr Referendarius Brenitz, und da kam Herrn Kalinski ein Einfall, so genial, daß er vor Freude fast einen Luftsprung getan hätte.

„Die Bevölkerung? Prima, prima, Herr Referendarius! Pferde können Sie hier mit den Leuten stehlen gehen, so gutmütig und entgegenkommend sind sie. Der einzige Störenfried ist ein Apotheker.“

„Ach! Ein Apotheker?“

„Ja! Sonst ein ganz umgänglicher Herr, aber er fängt alle Nas’ lang Krach an. Namentlich mit Fremden. Wenn ’was Fremdes zugereist kommt, das ist für ihn, wie für den Bullen das rote Tuch. Aber man muß das nicht ernst nehmen, nach einiger Zeit begibt er sich wieder.“

„Um Himmels willen,“ sagte Peter Brenitz. „Da müßte ich mich ja hüten, bei ihm ein Rezept machen zu lassen!“

„Nein, so verrückt ist er nun nicht, der Herr Provisor Kellmigkeit, nur so leicht „übergebraten“, wie alle Apotheker. Aber Sie wissen ja jetzt Bescheid, und wenn Sie den Herrn Provisor treffen, werden Sie auch wissen, wie Sie ihn zu behandeln haben.“

„So so,“ erwiderte Peter Brenitz zerstreut, denn seine Aufmerksamkeit war von einem die Straße entlang fahrenden Wagen in Anspruch genommen, einem Dogcart, vor dem ein Paar schnittige Trakehner trabten, gelenkt von einer blondhaarigen jungen Dame. Die Aufmachung war tadellos, Peitsche und Zügelversammlung in bester Haltung, und die Trakehner gingen wie an der Schnur. Unwillkürlich war er stehen geblieben, hatte grüßend die karierte Reisemütze gezogen. Die junge Dame auf dem Bocke neigte dankend die Peitsche, und nach einem Dutzend Pferdelängen sah sie sich nach der unbekannten Erscheinung um ... eine scharf gegen den blauen Himmel gezeichnete, elegante Silhouette, deren Umrisse in dem von den Rädern aufgewirbelten Staube verschwanden, wie eine Fata Morgana, die sich dem Wanderer im Wüstensande zeigte ...

„Wer war das, eben?“

Herr Kalinski zuckte, ein wenig geringschätzig, mit den Achseln.

„Das gnädige Fräulein aus Przygorowen, auch so ’ne Sache mit unverkäuflichen Terrains. Wenn der Wind schlecht steht, laufen sie über die Grenze, aber neulich munkelte man so ’was von Hellingen. Hellingen! Man muß wissen, was das in hiesiger Gegend bedeutet: dreiundsechzigtausend Morgen! Lächerlich, an so was überhaupt nur zu denken!“

Peter Brenitz hätte seinen Führer gerne gebeten, diese, wohl nur einem eingeborenen Stradauner verständliche Runensprache ins Deutsche zu übersetzen, aber eine gewisse anerzogene und angeborene Schüchternheit verschloß ihm den Mund. Zuweilen, selbst von näheren Bekannten, wurde sie ihm als Hochmut ausgelegt, aber er konnte nichts dafür. Es war ein Erbteil vom Vater her, der in einer weltfremden Zurückgezogenheit gelebt hatte, halb ein Gelehrter, halb ein Fanatiker. Ein Gelehrter, der die gesamte Weltliteratur durchforschte, um Beweise für eine Theorie zu finden, daß das Volk Israel allenthalben als Träger einer höheren Kultur zu wirken hätte, und, trotz des eigenen, eingesponnenen Lebenswandels, ein fanatischer Gegner aller Absonderungsbestrebungen. Restlos hätte das auserwählte Volk in den Stämmen aufzugehen, die ihm nach höherer Weisung Schutz und Obdach gewährten, und von dieser Verschmelzung erhoffte er eine neue Blüte des ganzen Menschengeschlechtes ... Wie aus einer glücklichen Ehe, deren Nachkommen alle guten Eigenschaften der Eltern erbten, und ein Vermögen hatte er gemeinnützigen Stiftungen geopfert, die ihm geeignet erschienen, sein Ideal um einen einzigen kleinen Schritt der Verwirklichung näher zu bringen ...

Ein Erlebnis in heißer Feldschlacht hatte ihm den Sinn auf rastlosen Erwerb gewandelt und den neuen Weg gewiesen, wie die Erscheinung aus Himmelshöhen einstmals dem Apostel der Christengemeinde ... Bei St. Privat war es gewesen, das zweite Garderegiment rückte in Kolonne nach der Mitte gegen die feindlichen Stellungen vor. Die Kugeln pfiffen, die platzenden Schrapnells rissen Lücken in die stürmenden Reihen, die sich wie auf dem Exerzierplatze wieder zusammenschlossen, die Musik spielte den Avanciermarsch, wie auf dem Tempelhofer Felde. Ab und zu gab es in dem dröhnenden Gekrach einen schrillen Mißklang, wenn einem der tapferen Bläser von feindlichem Geschoß die Brust zerrissen wurde, unentwegt aber erklang nach dem letzten Paukenschlag die schrille Melodie der Pfeifer: „*Wir* geh’n dem Tod entgegen, tirilititi, tiriliti, *wir* geh’n dem Tod entgegen ...“

Eine Mauer stand im Weg, in weißlichen Pulverdampf gehüllt, irgendwoher kam ein lauter Kommandoruf: Drauf und drüber! ... Einen Augenblick lang geriet die anstürmende Welle ins Stocken, einen Augenblick später kletterten Hunderte von verwegenen Gesellen über das Hindernis ... Ein grober Kolben schwebte hoch in der Luft, um dem Einjährigen Brenitz den Kopf zu zerschmettern, eine blitzende Klinge fuhr dazwischen ... „_sac’ nom de Dieu_ ...“ Der Hieb ging vorbei, ein schwarzbärtiger Turko stürzte vornüber aufs Gesicht.

„Herr Leutnant, schön’ Dank!“

„Unsinn, Einjähriger! Einhauen!“

Und ein paar Augenblicke später, die Gefangenen waren in einem Winkel des Kirchhofes zusammengedrängt, gab es Revanche. Eine der am Boden liegenden braunen Bestien hatte hinterrücks den Revolver erhoben, zielte auf den Leutnant, wie ein Wurfspeer fuhr die bajonettbewehrte Flinte des Einjährigen dem Kerl in die Gurgel.

„Jetzt sind wir wieder quitt, Herr Leutnant!“

„Na schön, dann können wir das nächste Mal wieder von vorne anfangen!“ ...

Der Christ hatte dem Juden das Leben gerettet, und der Jude dem Christen, vierzehn Tage später aber kamen die Eisernen Kreuze heraus, und der Herr Regimentskommandeur hielt bei der Ueberreichung eine markige Ansprache, stellte sie beide, den Leutnant Freiherrn von Bergkem und den Kriegsfreiwilligen Hermann Brenitz den anderen als ein nacheifernswertes Beispiel todesverachtender Kameradschaft dar ...

An diesem Tage glaubte der Kaufmann Brenitz seinen wahren Beruf erkannt zu haben, und als ihm ein paar Jahre später der Tod seines Vaters die wirtschaftliche Unabhängigkeit verlieh, übergab er das Geschäft seinem Bruder und widmete sich mit stiller Zähigkeit der Arbeit an einem Ziele, dessen Erreichung ihn höher dünkte als alles, was Menschengeist sonst erstrebte.

In diesem Glauben hatte Hermann Brenitz seinen spät geborenen Einzigen erzogen, und als ihn noch vor der Schwelle des Greisenalters ein rascher Tod von dannen rief, hinterließ er dem Sohne als köstlichstes Erbteil seinen hochgerichteten, allem Kleinlichen abholden Sinn, seine schier leidenschaftliche Liebe zu allem, was schwach und unterdrückt war, und ein milde urteilendes Herz, das über Fehler und Gebresten der anderen verzeihend hinwegsah. Daneben aber leider keine Spur von praktischer Lebenserfahrung und auch nicht ein Quentchen jenes gesunden Egoismus, der in den heutigen harten Zeiten selbst einem reinen Idealisten vonnöten ist ...

Seine erste Tat, nachdem er die Universität bezogen hatte, war die Gründung eines Studentenvereins „Utopia“, in dem er zu seinem Teil an der Verwirklichung der väterlichen Ziele zu arbeiten gedachte, der Verbrüderung von Deutschtum und Judentum. Auf seinen Aufruf am schwarzen Brette meldeten sich drei Mitglieder, ein Jude und zwei Christen. Der Jude, ein Rabbinersohn aus dem Posenschen, war aus Opposition eingetreten und bewies ihm in stundenlangen Debatten, daß seine Theorien Unsinn wären, daß das Ziel des Judentums vielmehr in der strengen Absonderung läge und in letztem Sinne in der friedlichen Wiedereroberung der alten zionistischen Heimat. Die beiden Christen aber waren praktischer gesonnen. Sie faßten die geplante Verbrüderung mehr im Sinne einer Vermögensteilung auf, lebten ein Semester lang auf seine Kosten und pumpten ihn an. Und als der Rabbinersohn aus dem Posenschen zu Beginn des zweiten Semesters in seiner Eigenschaft als Kassenwart an die Zahlung der rückständigen Mitgliederbeiträge erinnerte, traten sie aus, bezeichneten die Bestrebungen der Verbindung roherweise als „Mumpitz“ und sengten den beiden jüdischen Mitgliedern der „Utopia“ bis zur Abfuhr auf. Der Rabbinersohn erklärte, seine Anschauungen gestatteten ihm nicht die Teilnahme an einem Zweikampfe, Peter Brenitz aber, der von seinem Vater gelernt hatte, ein rechter Mann müßte im Notfalle seine Ueberzeugung auch mit seinem Blute besiegeln, trat mit dem Schläger in der Faust für die gekränkte Ehre der „Utopia“ ein. Das Resultat waren zwei gewaltige „Abfuhren“, eine über den Kopf und die andere quer über die Stirn und Nase, so daß er nach dem langwierigen Ausheilungsprozesse Schwierigkeiten hatte, vor seinen kurzsichtigen Augen den Klemmer zu befestigen.

Aber das focht ihn weiter nicht an, viel schmerzlicher berührte ihn ein anderes Erlebnis, das mit der Pauksuite gegen die beiden abtrünnigen Mitglieder unmittelbar in Zusammenhang stand. Sein tapferes Verhalten auf den beiden Mensuren hatte das Wohlgefallen der „Alanen“ erregt, bei denen er „Waffen belegt“ hatte, und der Erste dieses in Berlin hochangesehenen Korps lud ihn ein, sich an einem der nächsten offiziellen Abende auf der Kneipe einzufinden. Diese Einladung aber erfüllte ihn mit Stolz, denn sie bedeutete nichts anderes, als daß man in den Kreisen der „Alania“ Wert darauf legte, seine Mitgliedschaft zu gewinnen. Mit geschwelltem Busen ging er zu der offiziellen Kneipe hin, trank mehr, als seinen frischen Schmissen dienlich war, sang begeistert im Chore mit „Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun“ und „Strömt herbei, ihr Völkerscharen“. Als er sich aber zum Eintritt meldete, nahm ihn der Erste der „Alania“, ein narbenbedeckter, sehniger Bursch’, der das schwere, dunkle Bier wie Wasser hinabschüttete, beiseite.

„Scharmant, lieber Herr Kommilitone, aber wir haben zu unserm lebhaftesten Bedauern erst heute nachmittag erfahren, daß Sie noch nicht getauft sind. Wenn Sie bereit sind, dieses Versäumnis nachzuholen -- es könnte ziemlich rasch und schmerzlos bewerkstelligt werden, denn einer unserer alten Herren ist zufällig Pastor in Rixdorf -- wären wir unsererseits ebenfalls bereit, Sie aufzunehmen.“

„Entschuldigen Sie gütigst,“ sagte Peter Brenitz darauf, „der Paragraph 1 Ihrer Statuten lautet doch: ›Das Korps ist eine Vereinigung von Studierenden zur Pflege echten Burschensinnes ohne Rücksicht auf Religion und politisches Glaubensbekenntnis‹?!“

„Gewiß, das war früher einmal, aber heute haben sich die Zeiten geändert. Heute müßten wir befürchten, im hohen Kösener Verband als ein Bund zweiter Klasse eingeschätzt zu werden, falls wir nicht lauter christliche Mitglieder hätten. Wenn wir Ihnen gestatten, durch eine, immerhin gangbare Hintertür das hohe Ziel der Mitgliedschaft eines Korps zu erreichen, so mögen Sie daraus ersehen, daß wir immerhin auf Ihren Eintritt einigen Wert legen.“

„Herzlichen Dank,“ erwiderte Peter Brenitz, „aber das Betreten dieser Hintertür muß ich ablehnen. Mein seliger Vater erträumte Zeit seines Lebens die Verschmelzung von Christen und Juden als sein höchstes Ideal, aber nur auf dem Grunde der Gleichberechtigung, als von zwei gleichwertigen Komparenten, die bei einer Vereinigung nichts aufzugeben hätten. Ich würde nicht in seinem Sinne handeln, wenn ich auf Ihre Bedingung einginge.“

Der Erste der Alanen stand auf und klappte förmlich die Hacken zusammen.

„Dann bedauere ich lebhaft! Darf ich meinen Rest auf Ihr Wohl trinken, Herr Studiosus?“ Er schüttete den Inhalt seines Glases die Kehle hinab, und Peter Brenitz verstand ihn. Er hob sein Glas: „Ich löffle mich, Herr Studiosus“ -- studentische Gebräuche hatte er gelernt, als er noch der selig entschlafenen „Utopia“ präsidierte -- und nach einer kurzen Schicklichkeitspause, damit sein Abgang nicht so absichtlich aussähe, entfernte er sich. Nicht so sehr über die Zumutung betrübt, die man ihm gestellt hatte, als über den Verlust jeder Möglichkeit, in den Kreisen der Alanen für die Ausbreitung der väterlichen Ideen wirken zu können.

In der Zeit, als er sich für die beiden Mensuren einpaukte, hatten die lustigen Gesellen ihm gar sehr gefallen, einer oder der andere unter ihnen sah auch wohl so aus, als entbehrte er nicht eines gewissen Interesses für höhere, über die tägliche Kneipe und den Fechtboden hinausreichende Ziele, aber wie sollte man ihm näher kommen? Sie lebten ja alle in einer Gemeinschaft, die sich mit einer aus Vorurteilen gebauten Mauer umgab. Und wenn er später im Vorhofe der Universität unter dem bunten Gewimmel der dort paradierenden Studentenverbindungen die Farben der Alanen auftauchen sah, zog sich ihm immer das Herz zusammen ...

Für eine Weile gab er es auf, Freundschaften im andern Lager zu suchen. Er betrieb mit gewissenhaftem Eifer sein juristisches Studium und versenkte sich in die Schätze der väterlichen Bibliothek. In seinen kärglichen Mußestunden aber huldigte er einem Sport, zu dem er aus Zufall und Gutmütigkeit gekommen war. Eines Tages nämlich hatte er aus der Konkursmasse eines Fabrikanten, dem sein Vater zur Etablierung eine erhebliche Summe vorgestreckt hatte, ein Automobil übernehmen müssen. Der Chauffeur erklärte, er müßte brotlos werden, wenn der Wagen in andere Hände überginge. Eine solche Verantwortung aber mochte Peter Brenitz nicht tragen, also behielt er Gefährt und Lenker, und wenn dieser in gemessenen Zwischenräumen erklärte, es wäre wieder einmal nötig, die Maschine zu bewegen, wurde eine Spazierfahrt in den Grunewald unternommen. Von dem alten Hause in der Wilhelmstraße, in dem der Studiosus Brenitz den ersten Stock bewohnte, nach Pichelswerder und nach einer Erfrischungspause, deren Dauer der Chauffeur bestimmte, wieder zurück. In Pichelswerder nämlich besaß dieser eine Braut, die im „Seeschlosse“ als Köchin diente, und wenn sie von beruflichen Pflichten nicht allzusehr in Anspruch genommen wurde, nützte der verliebte Chauffeur die günstige Gelegenheit zu einem längeren Beisammensein. Sein Herr aber trank indessen geduldig eine Tasse Kaffee, rauchte nachdenklich eine oder mehrere Zigaretten und paßte auf den in Sichtweite am Gartenzaun stehenden Wagen auf ...

So vergingen allmählich die Semester. Peter Brenitz war auf dem besten Wege, ein versponnener und menschenscheuer Einsiedler zu werden, wenn ihn nach dem glücklich bestandenen Examen nicht seine Wahrheitsliebe unversehens in eine andere Umgebung versetzt hätte. Als nämlich die neugebackenen Referendarien nach „besonderen Wünschen bezüglich ihres zukünftigen Beschäftigungsbezirks“ gefragt wurden und die Mehrzahl natürlich sich mit triftigen Gründen um das Verbleiben in Berlin bewarb, wußte er allein keine solchen Gründe anzuführen. Er besaß zwar als einziger, der das Examen mit dem Prädikate Gut bestanden hatte, einen gewissen Anspruch auf Berücksichtigung und wäre ja auch recht gerne in Berlin und seinen liebgewordenen Gewohnheiten geblieben. Die anderen aber versicherten, sie wären in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht, wenn man sie nicht in der Reichshauptstadt beschäftigte, und das traf bei ihm nicht zu. Er war weder genötigt, seinen Unterhalt durch Stundengeben zu verdienen, noch darauf angewiesen, bei Verwandten zu wohnen. Einen triftigen Grund aber frei zu erfinden, vertrug sich nicht mit seiner Wahrhaftigkeit.

Also trat er bescheiden hinter den anderen zurück und erhielt acht Tage nach dem Examen die offizielle Mitteilung, er wäre an das Amtsgericht Stradaunen im Landgerichtsbezirke Lyck versetzt. Er mußte das Konversationslexikon zu Rate ziehen, um zu erfahren, in welche Gegend des deutschen Vaterlandes ihn die amtliche Verfügung für die nächsten Jahre seines Lebens verschlug, und mit einem leichten Seufzer klappte er den dicken Band wieder zu.

„Stradaunen, Stadt im Regierungsbezirke Allenstein, Provinz Ostpreußen, 2000 Einwohner, Amtsgericht,“ lautete die dürftige Notiz. Das klang nicht sehr ermutigend, aber einen Trost gab es immerhin: das Städtchen lag in Ostpreußen, und von diesem Landstriche hatte der verstorbene Vater immer mit besonderer Liebe gesprochen. In jungen Jahren, noch vor dem Feldzuge, hatte ihn eine geschäftliche Reise dorthin geführt, und seit dieser Zeit bewahrte er in seinem Herzen eine dankbare Erinnerung an die gastfreie Aufnahme, die er allenthalben gefunden. Gar nicht genug aber wußte er die biedere und offene Gesinnung der Bevölkerung zu rühmen, bei der ein Wort und ein Handschlag mehr galten als anderwärts geschriebene Verträge, und mit einem gewissen Stolze pflegte er hinzuzufügen, daß bei „seinen lieben Ostpreußen“ die Seuche des Antisemitismus verhältnismäßig die geringste Ausdehnung gefunden hätte. In diesem Lichte besehen, nahm sich die Versetzung nach Stradaunen also schon bedeutend freundlicher aus, und schließlich, was ließ er denn in Berlin zurück, um das er sich sonderlich hätte grämen müssen? Freunde besaß er keine, die Vergnügungen der Weltstadt lockten ihn nicht, und mit seinen Verwandten von Vatersseite her verknüpfte ihn nur ein recht loses Band. Das Schwierigste dünkte ihm die Auseinandersetzung mit seinem Chauffeur, an den er sich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte, und den er doch nicht gut brotlos machen konnte. Auf der anderen Seite aber durfte er ihn doch auch nicht vor den schweren Konflikt stellen, zwischen den Pflichten gegen seinen Herrn und seine Braut zu wählen. Wider alles Erwarten jedoch vollzog sich die Lösung dieses Dilemmas in sehr einfacher Weise.

Der Chauffeur nämlich erklärte ziemlich gelassen, an der Braut in Pichelswerder läge ihm wenig. Er könnte alle Tage eine andere finden, nimmermehr aber einen so guten und freundlichen Herrn. Da hielt ihm Peter Brenitz eine kleine Standrede, daß es frivol wäre, mit einem Menschenschicksal so leichtsinnig zu spielen. Als er aber die Versicherung empfing, auch die Pichelswerderin würde sich gar bald mit einem anderen trösten, war er’s zufrieden. Er händigte dem Chauffeur ein namhaftes Geldgeschenk ein, um die verlassene Braut wenigstens ein bißchen für die Untreue zu entschädigen, an der er sich selbst nicht ganz schuldlos fühlte, und begab sich leichteren Herzens nach der Tiergartenstraße, um dem Geheimen Kommerzienrat Brenitz, dem einzigen Bruder seines Vaters und Inhaber der altangesehenen Bankfirma Samuel Brenitz’ sel. Witwe Söhne, deren Gründungsjahr in die Regierungszeit Friedrich Wilhelms des Zweiten hinaufreichte, seinen pflichtgemäßen Abschiedsbesuch zu machen.

Der alte Herr, der in den Kreisen der Börse und der Industrie ein gewaltiges Ansehen genoß, verwaltete dem Neffen das Vermögen, beteiligte ihn, ohne groß zu fragen, an sicheren und gewinnbringenden Unternehmungen, für seine besondere Wesensart aber hatte er kein Verständnis. Ein junger Mensch, aus dem etwas Tüchtiges werden sollte, hätte mit beiden Füßen im wirklichen Leben zu stehen, statt unerfüllbaren Phantastereien nachzuhängen, und was er einstmals dem Bruder verziehen hatte, machte er dessen Sohn zum Vorwurf. Ein hart empfundenes Geschick hatte ihm selbst den männlichen Erben versagt, nur zwei Töchter wuchsen ihm heran, die von einer eitlen Mutter nach dem eigenen Vorbilde erzogen wurden. Es verbitterte ihm die beste Schaffensfreude, daß er die stolze, alte Firma, die ihre in schweren Zeitläuften errungene Größe seiner rastlosen Arbeit verdankte, einmal fremden Händen hinterlassen sollte. Als sein Bruder starb, empfand er daher neben aller gerechten Trauer fast ein Gefühl der Freude, denn jetzt gab es eine Möglichkeit, sich einen Nachfolger zu erziehen, der seinen Namen trug und aus seinem Blute war; aber schon nach den ersten ernsthaften Gesprächen mußte er zu seinem Leidwesen erkennen, daß er sich einer trügerischen Hoffnung hingegeben hatte. Der damals kaum den Knabenschuhen entwachsene Jüngling hörte ihn respektvoll an, aber seinen Werbungen setzte er ein festes Nein entgegen. Denn er hatte dem sterbenden Vater in die Hand gelobt, seinem Lebenswerke mit allen Kräften ein Erfüllen zu geben.

Da wurde der Geheimrat heftig, schalt seinen verstorbenen Bruder einen Narren, der aus dem Sohne einen noch größeren Narren gemacht hätte, und erklärte, die einzige Lösung der Judenfrage wäre die, den Christen Respekt einzuflößen, statt ihnen nachzulaufen.