Bruder Leichtfuß und Stein am Bein
Part 12
Nachdem Heino gesehen hatte, daß auf den schrillen Ruf der Signalpfeife vom Großen Stern her ein paar blinkende Schutzmannshelme auftauchten, wandte er sich ab und ging rasch den Weg zurück, den er gekommen war. Dafür, daß die beiden Damen ungefährdet ihr Heim erreichten, war gesorgt, und mit allen Weiterungen wie Zeugenvernehmungen oder gar einer Gerichtsverhandlung mochte er nichts zu tun haben. Am allerwenigsten aber mit gerührten Danksagungen, nachfolgender Einladung zum Mittagessen und vielsagendem Händedruck des Herrn Papas: „Herr Baron, meine Frau hat mir alles erzählt, meine Tochter träumt bei Tag und Nacht von ihrem heldenmütigen Lebensretter, falls wir uns also irgendwie revanchieren können, bitte ich voll und ganz über uns zu verfügen ...“ Und er darauf: „Sie haben ganz recht, Herr Kommerzienrat, es war schon lange mein Wunsch, Ihr Fräulein Tochter kennen zu lernen, und eigens zu diesem Zwecke hab ich ihr gestern nacht im Tiergarten aufgelauert. Also pumpen Sie mir mal vorläufig zweitausenddreihundert Mark, die ich heute abend auf _Parole d’honneur_ zurückzahlen muß. Das übrige, was ich sonst noch schuldig bin, können wir ja später von der Mitgift abziehen.“
Er lachte grimmig auf und schob den Hut aus der erhitzten Stirn.
So hätte es kommen können, ohne allzu ausschweifende Phantasie. Er hätte vielleicht nur an den Wagenschlag zu treten brauchen: „Gestatten Sie, meine Damen, Freiherr von Bergkem! Und darf ich mir erlauben, Sie zu Ihrer Wohnung zu begleiten?“ Alles übrige entwickelte sich dann von selbst, wie in dem Programm, das ihm vor Monaten einmal eine würdige Frau unterbreitet hatte, die ihn nachmittags in seiner Wohnung überfiel. „Wirklich und wahrhaftigen Gott, Herr Baron, die junge Dame ist rasend in Sie verliebt. Sie brauchen sich auf dem Donnerstagskränzchen nur vorstellen lassen, durch mich natürlich, und alles übrige ist Formsache. Fünfmalhunderttausend bar, die Terrains von dem seligen Vater her -- wissen Sie, Herr Baron, er war bloß ein einfacher Rixdorfer Oekonom, aber sonst ein ganz anständiger Mensch, und wo er glücklich tot ist, kann er ja überhaupt nicht mehr störend wirken -- ja also, die Terrains gar nicht gerechnet.“
Da hatte er scheinbar ganz ernsthaft zugehört und mit dem Kopfe genickt: „Hochverehrte gnädige Frau, es schmeichelt mir ungemein, daß ich der unbewußte Gegenstand einer so plötzlichen und heftigen Liebe bin. Leider liegt mir aber schon von anderer Seite ein ernsthaftes Kaufangebot vor, von dem hiesigen Anatomischen Institut, dessen Leiter durchaus und für siebenundzwanzig Mark fünfzig meinen Kopf von innen studieren will. Sie werden einsehen, daß ich diesem Offert den Vorzug geben muß, denn einmal handelt sich’s dabei nur um meinen Leichnam, und zweitens interessiert es mich lebhaft, ob ich zu Lebzeiten nicht vielleicht ein bißchen verrückt gewesen bin. Bitte, empfehlen Sie mich Ihrer scharmanten Rixdorferin, und es täte mir leid, wenn ihr nun das Herz brechen sollte. Aber Gottes Wege sind wunderbar, vielleicht wird sie wieder gesund und findet einen anderen Baron, der sich schon bei lebendigem Leibe verkauft“ ...
So hatte er damals gesprochen und, als die würdige Dame an der scherzhaften Abweisung nicht genug hatte, seiner Wirtin geklingelt. So niedergebrochen war er denn doch noch nicht, damals nicht und heute nicht, daß er sich verschachern ließ, nur um das Leben zu fristen. Selbst und mit eigener Hand gedachte er sich Schicksal und Glück zu schmieden. Was war denn Großes geschehen, daß er sich mit allerhand finsteren Gedanken trug? Er hatte kein Geld und sollte morgen abend zweitausend Mark zurückzahlen, die er heute auf Ehrenwort entliehen hatte! Nach dem Examen sah die Welt ganz anders aus. Wozu gab es denn Wucherer in Berlin, die auf Nimbus und Namen Tausende borgten? Oder noch besser, man erschlug den filzigen Onkel Reineke mit einem größeren Pumpe, trotzdem man mit ihm in arger Feindschaft lebte. Setzte ihm so lange zu mit gleißnerischen Worten, spielte wohl auch den reumütigen Sünder, bis er widerstrebend und laut jammernd den Geldbeutel auftat. Dann aber zog man unter das wilde Leben einen dicken Schlußstrich, verlegte sich auf die Arbeit und zeigte all dem mittelmäßigen Volk, das an den Berliner Gerichten sein Wesen trieb, den Herrn und Meister.
Warmer Brodem schlug ihm entgegen, Zigarettenqualm, Lärm und fiedelnde Musik; der dicke Wirt des Nachtlokals in der Jägerstraße begrüßte ihn mit vertraulicher Freundlichkeit auf der Schwelle. „Hab’ die Ehre, Herr Baron, ein feines Platzerl ist noch frei in der Lauben, und alles ist da, nicht wie bei armen Leuten!“ Ein schlankes Mädel in Balltoilette und riesigem Federhut schrie auf: „Der lange Heino ist da, Kinder, jetzt gibt’s Schampus,“ die Musik, mit der näselnden Ziehharmonika an der Spitze, schwenkte aus dem neuesten Operettenschlager mit kurzem Uebergang in seine Lieblingsmelodie, die schmachtende Weise der Paloma. Er aber stand da, den Zylinder im Genick und lachte. Kein Mensch sah ihm an, daß er vor einer knappen Stunde drauf und dran gewesen war, Schluß zu machen ... Blödsinn! Dazu war es immer noch Zeit, wenn alle Straßen, die nach oben führten, verrammelt waren. Heute lebte er noch. Wie ein Stück Borstenvieh, das sich im Schlamm wälzte, aber er lebte, und aus der mit lärmendem Leichtsinn erfüllten Luft wehte ihn etwas Aufreizendes an. Nicht umsonst floß ihm polnisches Blut in den Adern von jenem Grafen Przygorowski her, der in der Nacht vor seiner Hinrichtung auf dem Marktplatze von Thorn sich die Marketenderin ausgebeten hatte und den Stückpfeifer des Regiments ..
Der Sekt perlte in den Gläsern. Drei, vier Mädel drängten sich an Heinos Tisch. Er griff in die Westentasche und warf die letzten blauen Scheine auf den Tisch: „Da, Kinder! Zwei sind für Euch, teilt sie schwesterlich, der dritte wird vertrunken!“
„Heino,“ schrie die eine, „hast Du einen totgeschlagen?“
„Beinahe,“ sagte er lachend, „und hätte nicht viel gefehlt, mich selber! Aber trinkt, Kinder, es gilt einen Abschied, so oder so ... Nach unten oder oben, das wird sich morgen erweisen!“
Die anderen Mädchen taten fröhlich Bescheid, aber eine Blondine mit sanften Augen zog ihr Glas zurück.
„Lacht nicht, der hat etwas vor. Ich hab’ schon mal mit einem zusammengesessen, der sein letztes Geld verteilte. Fünf Minuten darauf zog er einen Revolver ’raus und schoß sich, bums, vor den Kopf!“
„Beruhigen Sie sich, meine Gnädigste,“ erwiderte Heino mit einem trockenen Auflachen, „ich bin viel zu edel veranlagt, um Euch, arme Würmer, im Vergnügen zu stören. Ich pflege mich immer im Tiergarten totzuschießen, möglichst zur Nachtzeit und ohne Beunruhigung harmloser Spaziergänger. Bei meinem fünfundzwanzigsten Jubiläum hoffe ich sehr stark auf eine öffentliche Belobigung von seiten des Herrn Polizeipräsidenten. Kellner, zahlen!“
Er ließ sich in der Garderobe Hut und Mantel reichen und ging auf die Straße. Ein jäher Ekel war ihm aufgestiegen und stand ihm wie ein Knäuel im Halse. Er drückte den Hut ins Gesicht und schritt hastig durch das schwärzliche Gewimmel der Friedrichstraße seiner Wohnung zu. Es war wirklich an der Zeit, mit diesem Luderleben ein Ende zu machen, so oder so ...
VI.
Heino von Bergkem kam geschlagen aus dem Examen zurück. Wie zu einer überflüssigen und bedeutungslosen Feier war er in die Prüfung gegangen, und als ein schmählich Durchgefallener kehrte er heim: ganz als wenn’s ihm einer verwünscht und berufen hätte, war es gegangen. Gleich die erste Frage hatte er verfehlt, und da wurde er unsicher, die Ruhe verließ ihn und die Kaltblütigkeit; bei dem mündlichen Vortrage aber, der seinem Schicksal vielleicht noch eine günstige Wendung hätte geben können, passierte ihm das Mißgeschick, daß er in der Vorbereitung eine Entscheidung des Reichsgerichtes übersehen hatte. Und da half ihm alle Beredsamkeit nichts, keine noch so elegante Verteidigung seines Standpunktes, denn dieses Uebersehen war ein Verbrechen, für das es keine andere Sühne gab als einen glatten Durchfall. Ganz gleichmütig verkündete der Vorsitzende das Ergebnis der Prüfung, alle anderen hatten bestanden, nur der Freiherr Heino von Bergkem war durchgefallen. Auf sechs Monate zurückgestellt, um die bei dem mündlichen Examen zutage getretenen Lücken seines Wissens auszufüllen, denn die schriftlichen Arbeiten wären leidlich zufriedenstellend gewesen. Die anderen stürmten die breite Treppe hinab, begrüßten freudig die draußen wartenden Freunde. Er allein ging ganz langsam hinterdrein, es eilte ihm nicht ..
Auf der anderen Seite der Straße stand der kleine Brenitz, spähte mit besorgter Miene zu dem hohen Portal hinüber. Da blieb Heino im Hausgange stehen, bis er sah, daß der andere nach einer Erkundigung bei einem der glücklich durchgekommenen Kollegen langsam weiter ging. Mit betrübtem Gesichte und nachdem er noch einmal zögernd nach dem Ausgange des Ministeriums hinübergeblickt hatte. War ja sehr rührend, daß der Kleine für einen schließlich doch Fremden so viel Interesse zeigte, aber jetzt war es ihm wohl klar geworden, daß es nichts zum Gratulieren gab. Und Mitleid brauchte er nicht, auch keine gutgemeinten Predigten, wie bei einigem Wohlverhalten das betrübende Ereignis zu vermeiden gewesen wäre. Außerdem aber gab es in der plötzlich so veränderten Lage gar manches zu bedenken. Es war nicht gerade anzunehmen, daß die Wucherer, an die er sich zu wenden gedachte, sich zur Hergabe eines erheblichen Darlehns besonders willfährig zeigen sollten, und auch der Gang zu Onkel Reineke erschien ihm heute in anderem Lichte. Mit dem glücklich bestandenen Examen in der Tasche hätte er sich’s schon zugetraut, dem hartgesottenen alten Fuchs ein ordentliches Stück Geld abzujagen. Wenn er aber mit der demütigen Miene eines kläglich Durchgefallenen antreten mußte, war das Spiel schon von vornherein verloren, ganz abgesehen von dem schweren Zerwürfnisse, das ihm monatelang den Weg in das Haus seines nächsten Verwandten verlegt hatte ..
Einen hätte es ja gegeben, dem er nur ein Wort zu sagen brauchte, um aller Bedrängnis und Not ein Ende zu machen, aber ehe er dieses Wort sprach, hätte er sich lieber die Zunge abgebissen vor Stolz. Sich mal von einem Tag zum andern mit einer Kleinigkeit aushelfen zu lassen, ging an, aber sich vor dem Freunde bis aufs Hemd auszuziehen und zu sagen: „Da sieh her, so ein erbärmlicher Kerl bin ich, daß ich im Spielerwahnsinn mein Wort verpfände, ohne zu wissen, ob ich’s am andern Tag auch einlösen kann“ ... ah, pfui Deuwel, das war nicht zu machen! Und noch etwas anderes war dabei, was er mehr fühlte, als daß er dafür einen bündigen Beweis gehabt hätte; eine Art von Schuldbewußtsein, daß er mit derb zufassender, plumper Faust einst in zwei Menschenschicksale gegriffen hatte, die in voller Freiheit des Gewährlassens vielleicht zueinander gefunden hätten ....
Auf der roten Plüschdecke des Sofatisches in seiner Wohnung lag ein Brief. Die mit Bleistift geschriebene Adresse zeigte eine merkwürdig zittrige Hand, die er noch niemals gesehen zu haben glaubte, und fast achtlos erbrach er den zerknitterten Umschlag. Nachdem er den Brief aber gelesen hatte, brach er zusammen ...
„Mein lieber Junge, mein Einzigster!
Ich schreibe Dir von meinem Krankenbette aus und möchte Dir manches sagen, was ich sonst wohl nicht herausgebracht hätte. Du bist nach dem Hinscheiden Deines Vaters das Oberhaupt der Familie, ich habe Dir Respekt zu erweisen, obwohl ich Dich unter dem Herzen trug, und vielleicht ist es deshalb besser, ich schreibe Dir. Wenn Du vor mir stehst mit den blauen Augen Deines Vaters, die ich so sehr geliebt habe, würde ich mir wohl nicht die rechten Worte zutrauen. Worte der Ermahnung und des Vorwurfs.
Ich wollte Dich in den Vorbereitungen zum Examen nicht ablenken noch beunruhigen, aber jetzt, wo der schwere Tag hinter Dir liegt, möchte ich einiges mit Dir besprechen. Vielleicht, daß Du Veranlassung nimmst, manches zu ändern. Ich setze voraus, daß Du das Examen bestanden hast, denn Du hast mir ja immer gesagt, es würde Dir nicht schwer fallen, weil Du Dich gewissenhaft vorbereitet hättest. Und ich hätte gewartet, bis Deine Nachricht kam, aber seit Wochen liege ich zu Bett, ich weiß nicht, wie lange das kärgliche Flämmchen noch flackern wird. Außerdem muß ich heimlich schreiben, denn Brigitte ist eine strenge Aufpasserin. Sie teilt meine Furcht, aber sie will nicht, daß wir uns gegen Dich auflehnen. Das will ich ja auch nicht, nur bitten möchte ich Dich, Du sollst daran denken, daß Du eine Schwester hast. Du hast ihr Vermögen eingefordert, um es in nutzbringenden Spekulationen anzulegen, aber mir zog sich schon bei Deinem ersten Briefe das Herz zusammen. Es waren unwahre Worte darin, wie ich sie vor Zeiten schon einmal gehört hatte, wenn einen anderen die unselige Leidenschaft gefaßt hatte. Einen herrlichen Mann, der sonst mehr tat als seine Pflicht, der in allen Tugenden eines Herrn ein nacheifernswertes Beispiel sein durfte, mit sehenden Augen aber die Früchte einer Jahresarbeit vernichtete, wenn die Leidenschaft über ihn kam. Wieviel Nächte habe ich durchweint, wieviel Tage verhärmt, aber es half nichts, ich mußte ihn gewähren lassen. Jedesmal, wenn im Herbst die Treibjagden kamen, fing es an. Er selbst wehrte sich dagegen, drei-, viermal sagte er ab, aber es riß und zerrte an ihm, so daß ich schließlich ihm selbst zuredete: „Geh’ und versuch’ es!“ denn mit der Zeit hatte sich in mir ein Aberglaube gebildet. Wenn ich ihm gut war, kam er ungeschlagen zurück, wenn ich ihm aber zürnte, verlor er ...
Ihr Kinder habt ihn nicht anders gekannt als einen gewissenhaften und treu sorgenden Vater, und ich komme mir wie eine Verbrecherin vor, wenn ich sein Andenken vor Dir entblöße, aber Gott helfe mir, ich kann nicht anders, denn Du, mein Sohn, spielst auch!
Ich mache Dir keine Vorwürfe, denn ich habe gesehen, wie diese unselige Leidenschaft alle edlen Gefühle niederwerfen kann, wie ein verheerendes Unwetter, Unglück und Reue läßt sie auf ihrem Weg. Nur bitten möchte ich Dich, gib Deiner Schwester zurück, was ich ihr in einer glücklichen Stunde gerettet habe, Deinem und ihrem Vater abgeschmeichelt, als er eines Morgens mit großem Gewinn heimkehrte und frohlockend vor mir auf und ab ging. Ein paar Tage danach war das übrige wieder verloren, aber das einmal Hergegebene war ihm ein Heiligtum, er rührte nicht daran.
Du hast mich vor langen Jahren, als Du einmal in der Dämmerstunde zu meinen Füßen saßest, gefragt: Mutti, woher hast Du nur Deine grauen Haare? Jetzt weißt Du’s, mein Sohn, und es tut mir leid, daß ich’s Dir offenbaren mußte, aber die Angst um Deine Schwester frißt mir am Herzen: Ich möchte wenigstens den einen Trost mitnehmen, daß sie nicht in Sorgen und Entbehrungen zurückbleibt. Seit der Lösung ihres Verlöbnisses hat sie einen schweren Stand, man spottet über sie und verdreht ihren Entschluß, der doch aus einem reinen Herzen geboren war, ins Lächerliche. Die Freier meiden unser Haus, und was soll aus ihr werden, wenn sie keinen Schutz mehr hat?
Meine Kräfte gehen zu Ende, der Brief muß noch heute zur Post, wenn ich hoffen soll, Deine Antwort zu sehen. Ich küsse und umarme Dich in Liebe als Deine treue Mutter ...“
Ganz vernichtet starrte Heino auf die von den Tränen seiner Mutter verwischten Zeilen, unfähig einen Gedanken zu fassen. Nur von Zeit zu Zeit stöhnte er auf, wenn Reue und Scham gar zu heftig brannten. Hätte die Mutter gezürnt und gescholten, wäre es vielleicht nicht so schwer zu tragen gewesen, so aber fraß es wie ätzende Säure, und jedes Wort der nachsichtigen Liebe bohrte sich wie ein Stachel in schwärende Wunden. Seit Wochen lag sie krank, keine Klage kam über ihre Lippen, sie sorgte nur, daß er’s nicht erführe, um ihm nicht die Ruhe zur Arbeit zu rauben, zur Arbeit! Erst, als sie zu fürchten begann, sie könnte ihn vielleicht nicht mehr sehen, entschloß sie sich zu einer mahnenden Bitte. Bat ihn, die Schwester nicht zu verlassen, deren Vermögen er vertan hatte ...
Und jählings sprang ihn eine Erinnerung an: Er sah sich als halbwüchsigen Knaben vor einem Bette knien, eine schwere Hand lag auf seinem Scheitel und eine Stimme, der sich nur mühsam noch die Worte formten, kam wie aus der Ferne zu ihm. „Es hat Rest gegeben, Heino, ich muß von Euch gehen, viel zu früh. Halt’ Dich aufrecht, mein Junge, und werd’ ein ganzer Mann! Du sollst einmal Mutter und Schwester die einzige Stütze sein“ ... Er hatte aufgeschrien: „Vater, bleib’ bei uns, lieber Vater!“ und, als die Hand von seinem Scheitel sank, unter Schluchzen einen Eid geschworen, er würde der empfangenen Mahnung immerdar eingedenk sein ...
Also irgend etwas mußte geschehen, nur durfte er natürlich hier nicht so untätig herumsitzen und jammern. Für sechs kurze Monate galt es Rat zu schaffen, sechs Monate nur, in denen er sich gewissenhaft vorbereiten mußte, um das Examen zu bestehen und Geld zu verdienen ...
Er hatte sich in fieberhafter Hast umgezogen. Als er auf die Straße trat, kam ein leeres Auto vorüber. Er sprang hinein: „Joachimsthaler 39“, und während der Chauffeur in kurzem Bogen wandte, um den Weg übers Schöneberger Ufer zu nehmen, überlegte er, was Onkel Reineke wohl sagen würde, wenn er nach mehr als einem Vierteljahr so plötzlich vor ihn hinträte. Damals nämlich hatte es einen vollkommenen Bruch gegeben, und heftige Worte waren gefallen zwischen ihm und dem Stiefbruder seiner Mutter, dem Oberverwaltungsgerichtsrate von Hegelingen, dem der Familienwitz den Beinamen Onkel Reineke angehängt hatte. Wegen der fuchsigen Perücke und seines hinterhältig-schlauen Wesens, das ihn überall seinen Vorteil finden ließ, bei seinen Vorgesetzten sowohl wie bei kleinen Spekulationen an der Börse oder auf dem Grundstücksmarkte, mit denen er sein Vermögen im Laufe der Jahre recht ansehnlich vergrößert hatte.
Und der Grund zu dem Zerwürfnisse hatte rein äußerlich darin gelegen, daß Heino sich eines Tages die salbungsvollen Vorwürfe verbat, zu denen Onkel Reineke sich jedesmal verpflichtet fühlte, wenn er dem Neffen mit einem kleinen Darlehen aushelfen mußte. Der wirkliche Grund aber lag tiefer, und zwar in der einfachen Tatsache, daß Heino keine Lust verspürte, sich von seiner Kusine Adelheid an den Traualtar führen zu lassen. Die nicht mehr ganz jugendliche Dame nämlich, die ungefähr im fünfzehnten Lawn-Tennis-Semester stand und seit ebensovielen Wintern jedes Wohltätigkeitsfest unsicher machte, hatte sich’s in den Kopf gesetzt, ihren Vetter Bergkem zu heiraten. Und als Heino ihren deutlichen Annäherungsversuchen hartnäckig auswich, hatte es eine wenig erquickliche Szene gegeben. Onkel Reineke sprach von schnödem Undank und dergleichen. Heino fragte, ob er’s von seinen anderen Geschäften her gewöhnt wäre, so hohe Wucherzinsen zu nehmen. Der Onkel gab zur Antwort, ein derartig verbummelter Mensch müßte überhaupt froh sein, in einer anständigen Familie unterzukommen, und der Bruch war fertig. Ein Bruch, wie er nur unter nahen Verwandten eintreten konnte. Denn fremde Menschen sagen einander die letzten Wahrheiten nicht so schonungslos ins Gesicht ...
Danach kostete es also ein großes Stück Selbstüberwindung, den Weg nach der Joachimsthaler Straße noch einmal einzuschlagen, aber es ging nicht anders, und auch Onkel Reineke mußte einsehen, daß in diesem Falle jeder kleinliche Groll zu schweigen hatte. So rachsüchtig war er denn doch wohl nicht, daß er ihn in der Not ein paar scharfe Worte entgelten ließ, die in der Erregung gefallen waren ...
Und zu Anfang ging es ganz leidlich. Die Kusine Adelheid war allein zu Hause, erzählte von ihren Balltriumphen in den letzten Monaten und machte ihre süßesten Augen, und nach einigen Minuten kam der Onkel aus dem Nebenzimmer. Verzog das faltige Gesicht mit den leicht geäderten Rotweinäuglein zu einer erstaunten Grimasse.
„Ei, sieh da, der Herr Neffe!“
Und als Heino aufstand, er bäte um die Erlaubnis, ihn ein paar Minuten lang allein sprechen zu dürfen, rieb er sich die Hände.
„So, so, ganz allein? Na, denn geh’ nur, mein Töchterchen, und hast Du dem Vetter schon Dein Geheimnis verraten?“ ...
„Noch nicht, Papa,“ erwiderte Fräulein Adelheid und verließ mit verschämtem Erröten das Zimmer.
Onkel Reineke aber ging erst ein Weilchen auf und ab und blieb schließlich stehen, die Hände auf dem sanft gerundeten Bäuchlein gefaltet.
„Also, lieber Heino, falls Du nach Deinem Mißgeschick im Examen -- der Kollege Breidtschwert hat’s mir schon vor mehr als ’ner Stunde telephonisch nach dem Amte gemeldet, und Du erinnerst Dich vielleicht, daß er in Deiner Prüfungskommission saß -- ja also, wenn Du vielleicht jetzt bezüglich meiner Tochter Deinen Sinn plötzlich geändert haben solltest, so bedaure ich, Dir mitteilen zu müssen, daß es dafür zu spät ist. Ein jüngerer, in mein Amt versetzter Kollege bewirbt sich ernsthaft um ihre Hand. Ich bin geneigt, diesem Liebesbunde meinen väterlichen Segen zu geben.“
Heino griff sich nach dem Halse, ein Ekel stieg ihm auf, aber er bezwang sich.
„Lieber Onkel, ich gratuliere. Aber Du irrst Dich, ich bin nicht hergekommen, um mir bei Adelheid einen Korb zu holen, ich brauche Deine Hilfe. Für heute handelt sich’s nur um eine verhältnismäßig geringfügige Summe, aber ich habe eine schwere Zeit vor mir, in der ich selbst noch nichts verdienen kann, und da wäre es mir eine rechte Beruhigung, wenn ich auf Deinen Beistand zählen könnte.“
Onkel Reineke zog die Augenbrauen in die Höhe, so daß die fuchsige Perücke sich an der Stirn leicht anhob.
„Ach, sieh mal an! Und ich hatte immer geglaubt, Du machtest in den Spekulationen mit dem Vermögen Deiner Schwester geradezu glänzende Geschäfte?!“
Da stöhnte Heino auf. Jetzt wußte er, wer bei seiner Mutter den heimtückischen Angeber gespielt hatte, aber er bekämpfte wacker den aufsteigenden Zorn.
„Onkel, höhn’ mich nicht noch dazu, Du weißt nicht, wie es in mir aussieht! Und sag’ ja oder nein. Mit Vorwürfen bin ich von mir selbst aus schon reichlich versehen!“
„Also denn nein!“ Der Oberverwaltungsgerichtsrat von Hegelingen richtete sich auf und schob den Zeigefinger mit dem Wappenring in die Weste. „Wer so ruchlos und freventlich ...“
Weiter kam er nicht, denn Heino fiel ihm mit einem bittern Auflachen ins Wort.
„Lieber Onkel, laß sein! Zum Wüstenprediger fehlt Dir jeder Beruf! Spielen tust Du auch, Deine patentierte Frömmigkeit hält Dich nicht davon ab, zuweilen ein leckeres Früchtchen von dem verruchten Giftbaum der Börse zu pflücken, und das übrige, der sogenannte lasterhafte Lebenswandel? Lieber Onkel Reineke, mancher treibt ihn noch in seinem hohen Alter, aber selbstredend nur zu Studienzwecken und um sich hinterher sittlich über das wohlgefällig Gesehene zu entrüsten! Und nun gehab’ Dich wohl, mehr haben wir uns in diesem Leben wohl nicht zu sagen!“
Onkel Reineke sprang erst zur Tür des Nebenzimmers, um sich zu vergewissern, daß seine Tochter wieder einmal gelauscht hatte, dann hob er die Hand mit dem Wappenring und donnerte so laut wie es sein Asthma zuließ: „Hinaus! Hinaus! Du schnöder Verleumder, der sich nicht entblödet, ernsten Männern unsittliche Motive unterzuschieben, wenn sie in den Höhlen des Lasters ...“
„Sich auch mal amüsieren wollen,“ vollendete Heino, als dem andern der Luftmangel die Stimme abschnitt, „und streng Dich nicht an! Pathos unter zweien, die sich gut kennen, ist unnütze Kraftverschwendung. Ich wünsche Dir herzlich, Du sollst auch mal irgendwo eine Viertelstunde lang um Dein Leben betteln, aber hab’ keine Angst, dieser Wunsch geht, wie alle frommen Wünsche, nicht in Erfüllung. Du bist ein braver Mann und wirst mal im Herrn sterben!“
Draußen vor der Tür spie er heftig aus, und es war ihm ordentlich leicht zumute, daß er nach der heimtückisch vorbereiteten Ablehnung sich nicht noch weiter in nutzlosen Bitten gedemütigt hatte. Lieber zu einem Wucherer gehen und Blutzinsen zahlen, als jeden Hundertmarkschein mit einer Erniedrigung zu erkaufen ...