Bruder Leichtfuß und Stein am Bein

Part 11

Chapter 113,598 wordsPublic domain

„Sagen Sie mal, Kleiner, das Kinderfrauspielen können Sie wohl immer noch nicht lassen? Und womit verdiene ich eigentlich diese rührende Fürsorge? Das bißchen Hedderei mit den Herren der Masovia -- Gott hab’ sie selig -- die Bonzen, und der Provisor trägt’s Ihnen, glaub’ ich, heut’ noch nach, daß Sie ihn durch Ihre plötzliche Versetzung um die feierliche Abschiedsrede gebracht haben -- ja also, das war alles doch so unbeträchtlich?! Und Sie haben sich doch in so festlicher Weise revanchiert, mit der prachtvollen Doppelbüchse, mit der jetzt Brigitte daheim die Przygorower Böcke schießt?!“ ..

„Weil ... weil ...“ Peter griff nach seinem Klemmer und geriet vor plötzlicher Verlegenheit fast ins Stottern, „also weil ich mir persönlich die schwersten Vorwürfe mache. Hätte ich Sie nicht in meinen Klub eingeführt, damals nach unserem Wiedersehen und dem heftigen Frühschoppen, hätten Sie sich nicht so maßlos angeschossen. Wenn ich alles zusammenrechne, haben Sie in diesen paar Monaten über vierzigtausend Mark verloren, und so weit ich Ihre Verhältnisse zu beurteilen vermag, übersteigt dieser Betrag in jeder Hinsicht die Ihnen gezogenen Grenzen!“

Der andere hob spöttisch die schmale Oberlippe mit dem modisch gestutzten Schnurrbärtchen.

„Er steigt sogar über den alten Turm auf meiner heimatlichen Klitsche. Aber haben Sie Angst, ich mache Sie vielleicht im Sinne des mit Recht so beliebten Bürgerlichen Gesetzbuches ersatzpflichtig?“

„Herr von Bergkem?!“ Peter schrie fast auf, in sein Gesicht trat eine dunkle Röte. Und es dauerte eine ganze Weile, bis er wieder ruhig sprechen konnte.

„Sie hatten vorhin ganz recht, weshalb zerbreche ich mir eigentlich Ihren Kopf? Gewarnt habe ich Sie oft genug. Wer es nicht aushalten kann, soll nicht in einer Pokerpartie mitspielen, bei der man auf einen einzigen Sitz ein kleines Vermögen verlieren kann!“

Heino von Bergkem machte scheinbar ein ernstes Gesicht.

„Worte der Weisheit, edler Jüngling, und wahrhaftig, man soll es nicht! Vor allem aber nicht, wenn man, wie der ergebenst Unterfertigte, permanent schlechte Karten kriegt. Aber da unsere philosophischen Betrachtungen über die mangelhaften Einrichtungen der irdischen Weltordnung -- ich finde es z. B. empörend, daß man beim Kartenspielen zuweilen auch verlieren kann -- ja also, da unsere Betrachtungen doch irgendein praktisches Ergebnis haben müssen: Pumpen Sie mir bis morgen nach dem Examen dreihundert Mark! Ich lasterhaftes Individuum bin nämlich noch nicht gestimmt, schon jetzt in die Baba zu gehen. Ich möchte noch irgendwo einen Streifen Zigeunermusik hören und einige junge Damen mit Sekt auffüllen, bis sie nicht mehr können. Das ist dann immer sehr gemütlich, und ich finde, nichts bereitet so gut für geistige Anstrengungen vor, als der gänzliche Stumpfsinn. Na, und wie ist’s nun? Wollen wir uns wieder vertragen? Und kommen Sie mit?“

Peter zog seine Brieftasche.

„Ich bedaure, ich möchte lieber schlafen gehen!“

„Ah so, pardon, ich vergaß. Noch immer „inferiore Spezies des Menschengeschlechts“, und Sie haben’s gut! Können sich ausschlafen, so lange Sie lustig sind. Ich armes Huhn aber muß morgen früh ins Examen steigen!“

Der lange Heino steckte die zusammengeknüllten Banknoten lässig in die Westentasche, hob zwei Finger der Rechten an die Hutkrempe und ging mit hallenden Schritten die stille Straße entlang. Peter Brenitz aber sah ihm nach, bis die hohe Gestalt sich im Dunkeln verlor, und seufzte schwer auf.

„Sagen Sie mal, Kleiner, womit verdiene ich eigentlich all diese rührende Fürsorge?“ So oder ähnlich hatten die hochmütigen Worte gelautet. Er aber hatte dabei gestanden wie ein auf verbotenem Tun ertappter Schuljunge, statt frei und frank die Augen aufzuheben: „Sie haben recht, Herr von Bergkem, an Ihrem Schicksal liegt wenig, wer so frivol dahinlebt, ist wert, daß er zugrunde geht. Aber da unten tief im Ostpreußischen sitzt ein Mädel, das mir teurer ist als mein eigenes Herzblut, und dem stehlen Sie mit Ihrem bodenlosen Leichtsinn das bißchen Leben! Und der Teufel hat Sie mir wieder in den Weg geführt, ich hatte mich schon leidlich zurechtgefunden ... Verrückt, verrückt, verrückt! ...“

Er schrak zusammen, denn von der anderen Seite der leeren Straße kam der Widerhall seiner eigenen Worte zurück wie kicherndes Lachen aus hämischen Mäulern. Ein Frösteln zog ihm über den Rücken, er schloß die Haustür auf und stieg hastig die Treppe zu seiner Wohnung empor. Als er aber wieder in seinem hellen Schreibzimmer saß unter den gütigen Augen des Vaters, die von der Wand auf ihn herabsahen, fing er an zu grübeln und zu überlegen, wie er dem in Bedrängnis geratenen Freunde wohl helfen könnte, ohne sein empfindliches Zartgefühl zu verletzen ...

Sechs Monate waren es ungefähr her, seit er den langen Heino zum ersten Male wiedergesehen hatte nach dem kurzen Abschiede auf dem Amtsgericht in Stradaunen. Eines Mittags, als er in müßiger Stunde die Linden entlang schlenderte, legte sich ihm von hinten eine Hand auf die Schulter: „Tag, Brenitz, und wie geht’s denn immer, alter Kampfgenosse?“

Schon an der Stimme hatte er ihn wiedererkannt und wandte sich in freudiger Ueberraschung um. Aber es war nicht mehr der lange Heino von damals, mit den ein wenig schlaksigen Bewegungen und dem gutmütig-lustigen Jungengesicht, sondern ein ausgewachsener Mann, selbstbewußt und sicher, und um die früher so schalkhaften Augen ein müder, verdrossener Zug ...

„Herr von Bergkem! Was führt Sie denn nach Berlin?“

„Das leidige Examen! Und sehen Sie mich nicht so verwundert an, man kommt in die Jahre, wenn man das Tempo ein bißchen beschleunigt. Sie sind in den zwei Jahren seit Stradaunen ja auch nicht viel jünger geworden.“

Ein paar Minuten später stießen sie auf das frohe Wiedersehen an.

„Prosit, Herr von Bergkem!“

„Prost, Brenitz! Und, wenn ich bitten darf, nicht so förmlich. Wir sind uns in der kurzen Zeit damals doch ein bißchen näher gerückt?!“

„Allerdings. Wenn ich mir also gestatten darf: Prosit, Heino!“

„Prost! Aber jetzt sagen Sie mal, Menschenskind, weshalb haben Sie in den ganzen Jahren nichts von sich hören lassen? Immerzu hab’ ich auf irgend ’ne Nachricht von Ihnen gelauert, aber nichts, nicht ein Wort, nicht ’ne Silbe, na und da verstockte sich auch mein Herz. Ich dachte schließlich, Sie hätten irgend ’was übelgenommen.“

„Aber durchaus nicht!“ Peter spielte verlegen mit seinem Glase und stotterte ein paar dürftige Entschuldigungen. In der ersten Zeit wäre er zu sehr in Anspruch genommen worden, dann aber hätte er befürchtet, mit Berichten über sein Ergehen vielleicht nur lästig zu fallen.

„Unsinn!“ sagte der lange Heino, „Sie mußten es doch gemerkt haben, daß wir Sie alle recht gern hatten. Und meine alte Dame hat mir viele Grüße für Sie aufgetragen!“

„Herzlichen Dank! Und wenn ich fragen darf, wie geht es Ihrer verehrten Frau Mutter?“

„Danke, so leidlich. Plagt sich auf Przygorowen und ist noch ein bißchen weißer und hinfälliger geworden.“

„Und Ihrer Frau Schwester? ...“ Zu der Frage hatte er sich erst ganz besonders sammeln müssen, um sich nicht nachträglich noch zu verraten. Und der andere schien wirklich nichts gemerkt zu haben. Er runzelte die Stirn und nahm einen hastigen Schluck.

„Frau stimmt nicht ganz. Immer noch Fräulein!“

Das Herz drohte Peter still zu stehen vor freudigem Schreck.

„Ja, aber! ... Wenn ich mich recht entsinne, war Fräulein Brigitte damals doch verlobt?“

„Die Verlobung ist wieder zurückgegangen!“

„Was Sie sagen!“

Der lange Heino stürzte den Rest seines Glases hinab.

„Positiv auseinander und nicht mehr zu leimen! Wissen Sie, der große Hanns aus Hellingenau war natürlich kein Säulenheiliger, trieb’s vielleicht ein bißchen toller als die anderen. Ein forscher Kerl war er, kein großes Kirchenlicht, aber, Du mein lieber Gott, „Burggraf von Hellingen“ -- na, Sie haben ihn ja damals gesehen -- die Frauenzimmer liefen ihm nach, und mit einer gab’s ein Unglück, sie ging ins Wasser. ’ne kleine Gouvernante, die bei seinem Oberförster die Gören unterrichtete ... zu blöd! Also die Sache wurde ruchbar, irgend so ein vertrackter Dorfschulmeister schrieb sie der Hartungschen Zeitung, und, bems, war das Unglück fertig! Es gab einen großen Skandal. Fräulein Brigitte von Bergkem heulte sich erst ein paar Tage lang gründlich satt, dann aber schickte sie einen reitenden Boten nach Hellingenau mit ’nem Brieflein, in dem der gräfliche Verlobungsring lag, eingewickelt in ein paar geschwollene Redensarten. Und nichts war zu machen. Die *Mutter* redete ihr zu, *ich* sprach ein paar deutliche, der Veranlassung angemessene Worte, und der Hellingen, der Riesenkerl, kniete vor ihr, weinte wie ein kleines Kind, schlug sich mit der groben Ritterfaust gegen die Brust, schwor bei Tod und Teufel, er würde sich bessern. Alles umsonst, Fräulein Brigitte stand da wie ein Bild aus Stein, wandte sich schließlich mit ’ner Gebärde des Ekels ab und ging langsam auf ihr Zimmer! Na, reden wir nicht mehr davon! Die Galle steigt mir noch heute ins Blut, wenn ich nur daran denke.“

Es bedurfte gar nicht der Aufforderung, denn Peter hatte Mühe genug, den Sturm zu meistern, der in seinem Innern losgebrochen war. Der Tor, der er damals gewesen war. Der feige Narr, daß er sich versteckt hatte, um still sich einem weichlichen und weibischen Wehgefühl hinzugeben, statt die Faust auszurecken: „Hollah, hier steh ich! Und ich bin mehr wert als Du, denn meine Hand ist rein!“ Die gütige Vorsehung, die ihm bis dahin den Weg gewiesen, hatte ihm auch den Sieg bereitet. Der andere verstrickte sich selbst in seiner häßlichen Unreinheit, er aber war dem Kampfe feig ausgewichen ...

Der lange Heino saß mit finsterem Angesicht da, stürzte ein Glas Sekt nach dem andern hinunter, und nach einer Weile fing er wieder an zu sprechen.

„Sehen Sie, lieber Brenitz, Sie haben ja damals einen Blick in unsere Verhältnisse getan: es ging höllisch knapp zu, kaum das standesgemäße Sattessen war aus Przygorowen herauszuwirtschaften; jedes schlechte Jahr aber brachte eine neue Hypothek auf das alte Dach. Und das sollte mit einem Schlage anders werden, denn der Hellingen wollte unsere zweitausend Morgen, für einen Phantasiepreis natürlich, zur Abrundung seines Besitztums ankaufen. Wie früher schon immer die Hellingen, wenn die Bergkems schlecht gewirtschaftet hatten, aber bei ihm war es was anderes. Denn die letzte Bergkem trat ja in sein Haus. Die Mutter war einverstanden, ich war einverstanden, denn was konnte uns Besseres passieren? Die auskömmlichen Zinsen wären dagewesen, und ich hätte ein großes Tier in der Verwaltung werden können, womöglich Minister. Und lachen Sie nicht, denn was gehört dazu? Herkunft, Ehrgeiz, heller Kopf mit dem Blick für das Notwendige und Unabhängigkeit von dreckigen Sorgen. Die Zähne muß man zeigen können, wenn man sich durchsetzen will, um Gottes willen nur keinen krummen Buckel -- der ist bloß für die kleinen Geister gut! Alles also wäre vorhanden gewesen, und da muß das Malheur passieren! Stellt sich hin, das kleine Freifräulein, und spielt nicht mehr mit. Ein Mädel, das auf dem Land aufgewachsen ist, bei uns in Ostpreußen. Will barmherzige Schwester werden, weil der Zukünftige einen Rückfall ins alte Herrenrecht gehabt -- weiß der Teufel, was ihr den Kopf verdreht hat. Na, also aus, erledigt. Ich lern’ jetzt wieder auf Rechtsanwalt, weil’s zur Regierung natürlich nicht langt, und zu etwas muß das große Mundwerk doch gut sein, zum Geldverdienen! Na, prost, Brenitz, auf vergnügte Konkurrenz!“

Er hob sein Glas, und Peter tat mit zerstreuter Miene Bescheid. Sein Herz war schon längst wieder unterwegs, gaukelte irgendwo herum am schmalen Wiesenrain oder in einem alten Hause unter grünen Linden ... er glaubte zu wissen, was dem „kleinen Freifräulein den Kopf verdreht hatte“, ein paar kurze Minuten auf der Diele der armseligen Tagelöhnerwohnung standen ihm ja noch recht gut im Gedächtnis ...

Der lange Heino hatte eine neue Flasche bestellt, der zweiten folgte eine dritte, als sie endlich aufstanden, hatten sie heiße Köpfe. Weil sie sich aber noch nicht trennen mochten, faßten sie den Plan, gemeinschaftlich ein Theater zu besuchen, nur Peter hatte noch vorher in dem Klub, in dem er zu Mittag aß und seine Zeitungen zu lesen pflegte, eine kurze Besprechung zu erledigen. Als er aus dem Schreibzimmer trat und sich nach seinem Freunde umsah, saß dieser an dem runden Tische der hohen Pokerpartie und spielte mit: einer der Jeu- und Rennleutnants, der ihn von Königsberg her kannte, hatte ihn eingeladen! Da machte Peter sich Vorwürfe, daß er nicht an Heinos Leidenschaft gedacht hatte, aber das Unglück war einmal geschehen und nichts mehr daran zu ändern. Nur ging’s diesmal noch glimpflich ab, denn Heino gewann. Gewann unaufhörlich, und als er merkte, daß die Karte gegen ihn zu schlagen begann, hörte er auf. Aus dem gemeinschaftlichen Theaterbesuch war natürlich nichts geworden, als sie wieder auf der Straße standen, ging es schon auf Mitternacht.

Peter faßte seinen Freund unter den Arm.

„Ich schätze, Sie haben heute abend gegen fünftausend Mark gewonnen.“

„Ein Endchen mehr, gegen sieben.“

„Wollen Sie mir einen Gefallen tun, Heino?“

„Aber mit Vergnügen!“

„Niemals mehr da oben in den Klub hinaufgehen?“

Der lange Heino lachte hell auf.

„Nee, mein Jungchen, das wär’ ja blanker Unsinn. Ich gedenke unter den Jünglingen da oben noch öfter ein Blutbad anzurichten! Keine Ahnung haben die Kerle vom Pokerspiel, und ich wäre ein Narr, wenn ich diese Chance auslassen wollte!“

Da seufzte Peter nur auf, verabschiedete sich mit kurzem Gruße. Und er sah sich mit dem langen Heino noch manch liebes Mal hier unten stehen, nur das Blättlein hatte sich gewendet ...

Zu Hause, als er allein zwischen seinen vier Pfählen war, wollte er sich so recht von Herzensgrund freuen, die frohe Botschaft, die ihm der andere gebracht hatte, still für sich genießen, ehe er seine Entschlüsse faßte, aber der erste Rausch war verflogen, und das Grübeln setzte wieder ein. Gewiß, die blonde Brigitte war frei, aber waren der Hindernisse, die sie voneinander trennten, drum weniger? Hatte sich in der Zwischenzeit vielleicht seine Herkunft verbessert, oder war er mit einem Male ein in Kraft und Schönheit prangender Jüngling geworden, dem die Frauenherzen auf den ersten Blick zuflogen? Wie sollte er’s überhaupt anstellen, Brigitte wiederzusehen? Er konnte doch nicht einfach nach dem alten Hause hinausfahren: Hier bin ich!? Und bitte, gnädige Frau, gewähren Sie mir eine Zeitlang Gastfreundschaft, ich habe die Absicht, mich um Ihr Fräulein Tochter zu bewerben!? ...

Also was frommte ihm da die Nachricht, die der lange Heino gebracht hatte? Es gab nur Trübsal und Pein und neue Kämpfe zwischen der kühlen Vernunft und dem heißen Herzen. Und mit wehem Lächeln sah er den einzigen Weg, auf dem es vielleicht glücken konnte, die blonde Brigitte zu erringen: Wenn sie eines Tages zu ihm hier in die Stube trat: „Da bin ich! Und weil Du nicht zu mir kamst, mußte *ich* mich wohl aufmachen, Dich zu suchen!“ ...

* * * * *

Von dem wolkenverhangenen Himmel schwebten zarte Schneesterne hernieder, um auf dem im Laternenschein spiegelnden Asphalt zu vergehen, ab und zu knarrte es in dem Wipfel einer überständigen Eiche, wenn der Frühlingswind an die trockenen Aeste rührte, und von ferne her kam der Atem der nimmer rastenden Riesenstadt. Ein dumpfes Brausen, das sich in bestimmtem Rhythmus hob und senkte, wie Brandung am Meeresufer, wenn der Wind die Welle in ewiger Wiederkehr ans flache Gestade wälzt ...

Heino von Bergkem schritt unter den Bäumen des Tiergartens dahin, und unter dem an sein Ohr dringenden Gleichklang formten sich ihm die Gedanken ... verspielt, verlumpt ... mach Schluß, mach Schluß ...

Mit der Absicht, den Rest der Nacht in einem sinnlosen Gelage zu vertun, war es ihm nicht rechter Ernst gewesen. Besser schon mit ausgeschlafenem Kopfe ins Examen gehen, obwohl es ihm nichts verschlagen hätte, bis zu der entscheidenden Stunde wach zu bleiben und einigen Flaschen Sekt den Hals zu brechen. Sein eiserner Körper hatte schon mehr ausgehalten, die Prüfung selbst aber erschien ihm nicht mehr als eine überflüssige Zeremonie, nicht wert, sich darüber Sorgen zu machen; zu allem Ueberflusse hatte er ja zuweilen ganz gründlich gelernt, aber wenn sie glücklich bestanden war, was dann? ... was dann? ...

Als er sich von Peter Brenitz in der Wilhelmstraße trennte, war es ihm noch gar nicht recht zum Bewußtsein gekommen, was er eigentlich verspielt hatte. Die Erregung vom Kartentische jagte ihm das Blut durch die Adern, allerhand abgerissene Worte schwirrten ihm ans Ohr ... ich passe ... ich öffne ... drei Karten, bitte ... noch fünfzig besser ... und noch fünfzig ... Spielkombinationen bildeten sich in seinem Hirn, drei, vier hohe Karten standen gegeneinander, er aber hatte die allerhöchste und gewann ... gewann ohne Unterlaß wie damals an jenem ersten Abend. Und die Gewinne Nacht für Nacht häuften sich zu einem riesigen Vermögen, mit all dem mühelos erworbenen Gold aber kaufte er alles Land zurück, auf dem einstmals die Bergkems gesessen hatten. An dem Platze des alten Gemäuers, auf dessen moosgrünem Dache die Schulden sich häuften, erhob sich ein schimmernder Palast, leuchtete weit in die Lande hinaus als ein Wahrzeichen seines, im neuen Glanze aufblühenden Geschlechts ...

So ging er mit weit ausgreifenden Schritten dahin, schlug mit dem Stocke zuweilen einen sausenden Lufthieb, bis ihn ein unvermutetes Geräusch unter den nachtdunkeln Bäumen zusammenfahren ließ. Ein Waldkauz hatte im Schlafe aufgeschrien, oder das Gesindel, das vielleicht im Buschwerk neben ihm strich, gab sich ein Zeichen. Da blieb er stehen und sah sich um. Furcht kannte er keine, aber der aus dem Spielertraume geborene Rausch war vorüber, die nackte Wirklichkeit grinste ihn an. Vierzigtausend bare Mark hatte er in diesen kurzen sechs Monaten verspielt, und das Fürchterlichste: diese vierzigtausend Mark gehörten nicht ihm. Unter allerhand Vorspiegelungen hatte er die Mutter dahin gebracht, ihm das sichergestellte Erbteil der Schwester auszuliefern. Wie ein von allen guten Geistern Verlassener hatte er in seinem Wahne gehandelt, von einem Tage zum andern gehofft, das Verlorene wieder einzuholen, aber das Glück war eine feile Metze, verkaufte sich denen, die den größten Geldbeutel hatten. Und als er sich zu einem letzten Schlage sammelte, in einer Art von Aberglauben den Tag vor dem Examen auswählte, um noch einmal sein Heil am Spieltische zu versuchen, hatte es eine geradezu verhängnisvolle Niederlage gegeben. Ehe er eigentlich recht zur Besinnung kam, waren die letzten dreitausend Mark fort, über die er noch verfügen konnte, und in nicht allzu langer Frist zweitausend dazu, die er, unter Verpfändung seines Wortes, von dem vorsichtigen Klubkassierer entliehen hatte. Ohne diese im Spielerwahn eingegangene Verpflichtung wäre es vielleicht noch weiter gegangen, man hätte sich eben eingeschränkt und unter Sorgen und Entbehrungen die ersten paar Jahre nach dem Examen krumm gelegen, bis mit der wachsenden Praxis bessere Zeiten kamen, aber diese eine Schuld stand wie eine unübersteigbare Mauer vor allen guten Vorsätzen. Alle irgendwie verfügbaren Hilfsquellen waren erschöpft, und morgen abend waren zweitausend Mark fällig, die er zahlen mußte, wenn er nach allen landläufigen Begriffen nicht als ein Ehrloser herumlaufen wollte.

Viel nichtswürdiger aber noch der Augenblick, wenn er mit der Schamröte in den Wangen vor Mutter und Schwester hintreten mußte mit dem Bekenntnis: Ich hab’ Euch hintergangen, Euer Vertrauen schmählich getäuscht ... Also aus und erledigt. Ein Abenteurer hatte um Glück und Ehre gewürfelt und hatte verloren, verkroch sich am Straßenrain und machte ein rasches Ende ...

Leise Rufe und Zeichen kamen aus dem Dunkel, lichtscheues Gesindel sammelte sich auf der Straße und zog einem Ziele zu, einem Knäuel von Menschen, aus dessen Mitte erregtes Schreien und Kreischen und Streiten drang. Ein elegantes Privatautomobil, dessen Steuerung wohl versagt hatte, war über die Straßeneinfassung geraten, lag mit zertrümmerten Scheiben halb zur Seite, und der Chauffeur zankte mit einem langen Kerl, der drohend eine Entschädigung forderte, weil er angeblich samt seiner Braut von dem unsinnig daherrasenden Ungetüm beinahe überfahren worden wäre. Der lange Heino trat näher heran. Das war ein Spektakel nach seinem Herzen, im Nu waren all seine finstern Gedanken verflogen ...

Im Innern des Wagens kauerten ein paar Damen, halb ohnmächtig vor Schreck und Furcht, der Chauffeur beteuerte seine Unschuld, schrie dazwischen laut nach einem Schutzmann, das Gesindel aber johlte und strich herum, wie eine Schar hungriger Wölfe. Die Damen da in dem Wagen trugen kostbares Pelzwerk und darunter blitzendes Geschmeide, wenn der aufgeregte kleine Kerl in Livree noch ein Weilchen weiter schrie, war wirklich kein Schutzmann in der Nähe ... im Augenblick konnte alles vorüber sein, man hatte mit gierigen Händen zugegriffen, zerstreute sich wieder im schützenden Dunkel ...

Schon faßte einer nach dem Wagenschlag, die anderen drängten näher heran, da stand der lange Heino plötzlich zwischen ihnen, mit den Händen in den Paletottaschen und sagte ganz gemütlich:

„Erlauben Sie, meine Herrschaften, ich möchte auch gern von der Partie sein! Aber, ehe wir uns weiter unterhalten, ersuche ich Sie höflichst, ein paar Schritte zurückzutreten.“

Einen Augenblick lang gab es ein kurzes Stutzen, dann drängte sich der Kerl vor, der angeblich beinahe überfahren worden war, ein Frauenzimmer schrie irgendwoher aus der Menge ein gellendes Wort, das wie ein Peitschenhieb klang, eine Klinge blitzte im Laternenschein, da schlug der lange Heino zu, mitten zwischen ein Paar tückisch blickende Augen. Lautlos sank der Kerl zu Boden, der nächste flog wie ein Sturmklotz gegen den feststehenden Ring, noch ein paar gewaltige Maulschellen sausten wahllos nieder, schreiend und kreischend stob das Gesindel auseinander. Und plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, stand ein Schutzmann da, schnob mächtig gegen einen zerlumpten Strolch, der aus der Nase blutete, schrie den anderen an, der sich am Boden krümmte, und trillerte schließlich heftig auf einer schrillen Signalpfeife.

Da mußte Heino unwillkürlich laut auflachen. Er lüftete höflich den Zylinder und verneigte sich:

„Verehrter Herr Wachtmeister, Ihr zielbewußtes Auftreten läßt mich vermuten, Sie haben schon eine ganze Weile lang Gelegenheit gehabt, sich über die Schuldfrage bei diesem Renkontre ein zuverlässiges Urteil zu bilden. Bitte, nehmen Sie sich also auch der beiden Damen an, ich hab’s eilig, muß wieder ins Städtchen zurück!“

Der Schutzmann hatte eine grobe Erwiderung auf der Zunge, aber der lange Herr da im Zylinder sah ihm stark nach einem Offizier in Zivil aus, und da war es geratener, den Mund zu halten. Ein leeres Mietsauto kam vorübergefahren, er hielt es mit lautem Zurufe an und geleitete die verängstigten Damen mit der beruhigenden Versicherung über die Straße, daß ihnen unter polizeilichem Schutz nun nichts mehr geschehen könnte. Die kleinere der beiden Damen, ein junges Mädchen mit blassem Gesicht und dunklem Haar, blieb an dem Schlage des Mietsautos stehen und sah sich suchend um, aber von dem mannhaften Retter, der im Augenblicke der höchsten Gefahr furchtlos eine ganze Horde von Strolchen in die Flucht gejagt hatte, war nichts mehr zu erblicken.