Bruder Leichtfuß und Stein am Bein

Part 10

Chapter 103,648 wordsPublic domain

Und ganz allmählich gingen zwei Menschen wieder auseinander, die einen Augenblick lang drauf und dran gewesen waren, sich über alle trennenden Schranken hinweg die Hand zu reichen ... Ein großer dummer Junge, dem das Blut zu schwer in den Adern lief, und ein kleines Prinzeßlein, das vielleicht selbst nicht wußte, was es eigentlich wollte, und mit einem Male nach ein paar Stunden des Ueberschwangs eine beschämende Ernüchterung empfand. Gestern hatte er ausgesehen wie ein Befreier, der gekommen war, sie aus der Enge der heimischen Verhältnisse in die weite Welt hinauszuführen, in eine Welt mit neuen und nie gesehenen Wundern, und heute nahm er sich aus wie alle anderen ...

Der Diener trat in die Tür: „Herr Baron, der Pirschwagen ist vorgefahren.“

Brigitte stand auf und strich sich eine widerspenstige kleine Locke aus der Stirn.

„Kommen Sie, Herr Brenitz, Sie sollen neben mir sitzen und weiter von Fräulein Trudchen schwärmen!“ Sie sagte es lachend, aber ein leiser Ton des Aergers mischte sich ein.

Und Peter verneigte sich wieder mit der Hand auf der Brust: „Aber mit Wonne, mein gnädigstes Fräulein!“

Im Aufrichten sah er, wie das starkknochige Gesicht des jungen Grafen sich jählings verfinsterte. Da hätte er am liebsten gesagt: „Geh’, gräm’ Dich nicht, es ist doch bloß alles Komödie,“ aber er begnügte sich mit einem Achselzucken und schritt zur Tür hinaus.

Draußen neben dem leichtgebauten Wagen befestigte Brigitte das grüne Jagdhütchen, das ihr eine Kammerzofe reichte, auf dem vollen Haar, schlüpfte in einen bereit gehaltenen Mantel und zog langsam die Fahrhandschuhe an. Sie wartete auf irgendein Wort, das die Stimmung von gestern wiederbringen sollte, aber das Wort blieb ungesprochen. Peter Brenitz stand vor ihr, tausend sehnsüchtige Gefühle rangen in seinem Herzen nach Ausdruck, eine unklare Ahnung sagte ihm: „das jetzt ist der entscheidende Augenblick, nimm ihn wahr und halt ihn fest,“ aber er war mit einem Male wieder scheu und befangen. Und als er endlich den Mund öffnete, gab es eine glatte Phrase. Ob das Wetter sich wohl bis zum Abend halten würde, fragte er, denn hinter den Scheunen zöge eine dunkle Wolkenwand herauf.

„Möglich,“ erwiderte Fräulein Brigitte kurz angebunden, schwang sich leicht auf den Kutschsitz und versammelte die Zügel in ihrer nervigen kleinen Hand.

In der dämmerigen Halle aber faßte der große Hanns aus Hellingenau den Herrn von Bergkem mit festem Griffe am Arm.

„Du, Heino?!“

„Na, was denn?“

„Wenn das Rumgezerge noch lange so weitergeht, brech’ ich diesem schmachtlappigen Jüngling aus Berlin alle Knochen im Leibe entzwei!“

In Heinos Augen blitzte es auf, aber er neigte nur kühl den Kopf.

„Entschuldige, lieber Hanns, Herr Brenitz ist mein Gast. Und ich wüßte nicht, daß er Dir irgendwie zu nahe getreten sein sollte.“

„Unsinn, Du verstehst mich ganz gut. Der Kerl hat die Frechheit und macht Brigitte den Hof!“

Heino blieb stehen und lachte kurz auf.

„Was Du sagst?! Aber, ganz unter uns, was geht’s Dich an? Wenn wir -- ich setze ’mal den Fall -- diese stille Bewerbung nicht ganz ungern sehen sollten, wer gibt Dir das Recht, hier so ungeschlacht eingreifen zu wollen?“

Die Worte waren geschickt gewählt und verfehlten nicht ihre Wirkung. Der große Hanns blieb stehen und schlug mit der mächtigen Faust an die Brust:

„Heino, wahrhaftigen Gott, ich mein’ es ehrlich, wenn ich’s auch nicht immer so geläufig von mir geben kann! Aber, glaub’ mir, es lag so allerhand drum ’rum, daß ich bisher noch nicht hier mit offenem Visier antreten konnte!“

„Ich denke doch, Du bist majorenn und seit dem Tode Deines Herrn Papas der Chef Deiner Familie?!“

„Das war das rechte Wort!“ Der junge Graf Hellingen richtete sich auf und streckte die Rechte aus. „Also Handschlag! Morgen nachmittag fährt meine alte Dame hier vierelang in den Hof mit der Glaskutsche, und ich hoffe, sie wird von Deinen Damen mit dem nötigen Entgegenkommen empfangen werden.“

Heino schlug mit einem Lächeln ein.

„Kommt ganz drauf an, was die gnädigste Frau Gräfinmutter zu sagen haben! Inzwischen aber dürfte es sich vielleicht empfehlen, daß auch der Herr Graf sich in dieser Angelegenheit ein bißchen persönlich bemühen. Nicht bloß so: „hier steh’ ich, der Burggraf Hanns von Hellingen auf Hellingenau, und nun treten Sie mal an, Freifräulein Brigitte,“ sondern den Galanteriedegen eingesteckt und fein Komplimente gedrechselt: junge Mädels haben manchmal Flausen im Kopf und wollen erobert sein! Im übrigen aber brauch’ ich Dir wohl kaum zu sagen, daß Du in meinem Hause willkommen bist, also los und Weidmannsheil!“

„Weidmannsdank, Schwager Heino,“ erwiderte der Graf von Hellingen und schüttelte dem Freiherrn von Bergkem die Hand. -- -- -- --

* * * * *

Am nächsten Tage aber, als es wieder auf den Abend ging, lag einer auf dem schmalen Wiesenrain neben dem Roggenfeld, krampfte die Hände in den weichen Grund und bäumte sich in lautlosem Weh. Ganz still hatte er sich aus der weiten Halle zurückgeschlichen. Den schmalen Pfad zwischen wogenden Kornhalmen entlang, den sie damals gewandert waren. Und an dem Flecke, an dem er die blonde Brigitte zum ersten Male gesehen hatte, übermannte ihn jählings der Schmerz, fiel ihm lähmend in die Glieder, so daß er sich kraftlos niedertun mußte, wie das armselige Stück Wild, dem ihr Weidwerken gegolten hatte ...

Am frühen Nachmittage hatte er sich aufgemacht, um endlich eine Entscheidung zu haben in all seiner Not und Pein, den wohlbekannten Weg entlang am Ufer des Stradauner Sees, über die kahlen Hügel mit den dürftigen Wacholderbüschen, durch hochstämmigen Tannenwald, bis endlich hinter dunkelgrünen Lindenwipfeln der verwitterte Turm des alten Hauses aufragte. Je näher er aber seinem Ziele kam, desto mehr verlangsamte sich sein Schritt. All die Skrupel und Zweifel, mit denen er in schlafloser Nacht gerungen hatte, drückten ihm die Schulter und hingen sich an seinen Fuß, eigentlich war die Entscheidung ja schon gestern gefallen! Als die blonde Brigitte ihm auf der Freitreppe die kühle Hand reichte: „Gute Nacht, Herr Brenitz!“ Tags zuvor die Abschiedsworte hatten anders gelautet ...

Er allein trug sicherlich die Schuld, irgend etwas hatte er bei ihr verfehlt, aber vielleicht war’s mit einem abbittenden Worte wieder gut zu machen, auch der Himmel verzieh ja einem reumütigen Sünder ... Oder ob er erst einmal mit der gütigen alten Dame sprach, ihr sein ganzes Herz ausschüttete, um aus ihren Händen sein Urteil zu empfangen? Was er eigentlich wollte, wußte er vielleicht selbst nicht, nur eine übermächtige Sehnsucht lenkte seinen Schritt, ein dumpfer Trieb, in der Nähe der Einzigen zu sein, die sein alles, sein Leben, sein Schicksal war ...

Der weite Hofraum lag wie ausgestorben, kein Mensch hielt ihn auf, als er in die weite Halle trat, und mit klopfendem Herzen blieb er stehen, denn irgend eine Entschuldigung mußte er sich doch ausdenken für sein ungeladenes Erscheinen ...

Draußen auf der Parkveranda waren Gäste, dieselben, die der lange Heino noch vor wenigen Tagen so lustig verspottet hatte. Jetzt aber stand er mit feierlichem Gesichte neben seiner Schwester, schüttelte dem, den er scherzend „das gräfliche Elefantenküken“ genannt hatte, die Hand und wandte sich mit einem aufleuchtenden Blicke zur Mutter. Der große Hanns aus Hellingenau aber strahlte übers ganze Gesicht, reckte die breite Hand nach Brigittes zarter Schulter und küßte sie mitten auf den roten Mund ...

Und Peter Brenitz stand hinter dem Fenster wie ein Zaungast, nickte bloß und sagte: recht so! Die breite Hand griff auch nach seinem Herzen, preßte es langsam zusammen, bis der letzte Blutstropfen verspritzte und alles taub und leer geworden war ...

Einen Augenblick lang wollte es ihm scheinen, als flöge über Brigittes zarte Schultern unter dem Griffe der breiten Hand ein jäher Schauer des Widerwillens, schon hob er den Fuß, um mit lautem „Halt ein“ dazwischen zu springen, aber seine kurzsichtigen Augen hatten ihm wieder mal einen Streich gespielt. Die blonde Brigitte bog lächelnd den Kopf in den Nacken, bot willig dem Verlobten den kirschroten Mund ...

Da blickte Peter mit wehem Lächeln zu einem Bilde auf, das zwischen vielen anderen in der weiten Halle hing. Einen aufrechten Herrn stellte es vor in der Uniform des zweiten Garderegiments mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust, dem gleichen schwarzen Kreuze, das auch fern in Berlin ein anderes Bildnis schmückte. Und wie hatten die Worte gelautet, die an dieser Stelle vor ein paar kurzen Tagen gesprochen worden waren? „Der da dort oben, mein lieber Herr Brenitz, hat Ihnen hier einen ganz besonderen Empfang bereitet ...“ Ein leises Aufstöhnen kam aus seiner Brust, er wandte den Fuß und ging still den Weg zurück, den er gekommen war ...

* * * * *

Drei Tage später saß er wieder in Berlin, mit kurzem Urlaube nur vorläufig, „in dringenden Familienangelegenheiten,“ aber der Arm seines einflußreichen Oheims reichte weit. Vielleicht gelang es mit seiner Hilfe, den Urlaub in eine Versetzung zu wandeln. Irgend wohin, nur möglichst weit fort von der Stätte, an der er einen kurzen, jäh abgerissenen Glückstraum geträumt hatte ...

Und der alte Herr schien gar nicht erstaunt zu sein, ihn nach so kurzer Frist schon wiederzusehen. Er empfing ihn freundlich, hörte aber ein wenig zerstreut zu. Vielleicht, weil ihn eigene Sorgen beschäftigten, vielleicht aber auch, weil er längst schon aus zuverlässiger Berichterstattung die Erlebnisse des Neffen kennen mochte. Die Firma Samuel Brenitz sel. Witwe Söhne hatte ihren Sitz zwar in Berlin, ihre letzten Verästelungen jedoch liefen weit in die Welt hinaus. In das entlegenste Nest deutscher Erde ebenso gut wie nach London, Paris, New York und Shanghai; der alte Herr im kleinen Kontor der Behrenstraße brauchte nur auf einen Knopf zu drücken und eine vieltausendarmige, geheimnisvolle Maschinerie setzte sich in Bewegung, um ihm in gemessener Frist die gewünschte Auskunft zu bringen ..

„So so, mein Söhnchen, das Klima bekommt Dir nicht da unten in Ostpreußen? Ja, es weht dort manchmal ein rauher Wind, na, und wie ist’s nun? Möchtest Du bei der Gelegenheit nicht die Juristerei gleich ganz an den Nagel hängen? Da drüben an dem Pulte war mal der Platz Deines Vaters. Der Stuhl ist noch immer frei und wartet auf Dich.“

„Lieber Onkel,“ sagte Peter, „meine Unpäßlichkeit hat doch nichts mit meinem Berufe zu tun!“

„So, nichts? ... Schade! Die geborene Guggenheimer setzt mir so zu, daß sie mich wohl bald unter der Erde haben wird, und wenn ich dann da oben, fein in Oel, neben all den Brenitzen hänge, die seit Friedrich Wilhelm dem Zweiten hier für die Firma gearbeitet haben, hätte ich gerne hier wieder auf einen Brenitz gesehen ... na, ist gut!“

Der alte Geheimrat fuhr mit der gepflegten Hand leicht über die Augen und richtete sich lebhaft auf.

„Weißt Du das Neueste, was sie ausgeheckt hatte, um sich so recht in ihrem schwiegermütterlichen Glanze sonnen zu können? Ein großes Verlobungsdiner im Kaiserhof, zu dem von überallher alle irgendwie auffindbaren Krotthelme geladen waren. Es war sehr fein, sogar ein richtiggehender Hofmarschall wurde in den Zeitungen „unter den Anwesenden bemerkt“. Mich hatte die geborene Guggenheimer auch eingeladen, aber ich glänzte durch Abwesenheit.“

„Aber, Onkel,“ versetzte Peter vorwurfsvoll, „es handelt sich bei dem allen doch um Dein Kind!“

Der Geheimrat sah ihn mit seinen klugen Augen an und lächelte schmerzlich.

„Mein Kind? ... Mein Kind werde ich wiederhaben, wenn die Scheidung ausgesprochen ist! In vier Wochen ist die Hochzeit, da kann ich’s mir ungefähr ausrechnen. Und anderthalb Millionen von dem Guggenheimerschen Geld sind schon weg, ein Teil für die Schulden, der größere aber für das Rittergut im Kreise Templin, das ich meinem Herrn Schwiegersohn verkauft habe. Keine Ahnung hat der Kerl von der Landwirtschaft, denn er hat mir mehr als zweimalhunderttausend Mark über den reellen Wert gezahlt.“

„Wie,“ fragte Peter erstaunt, „Du hättest Deinem zukünftigen Schwiegersohn --?“

Und der Geheimrat Brenitz unterbrach ihn schmunzelnd. „Natürlich! Oder hätte ich bei dem Geschäft vielleicht einen anderen verdienen lassen sollen? Die geborene Guggenheimer hat selbstverständlich keine Ahnung, daß ich das Objekt an der Hand hatte, aber sie wird mir für die geretteten 200000 Mark noch mal von Herzen danken!“

So plauderte der alte Herr mit ingrimmigem Humor von den Sorgen, die sein Herz erfüllten, bis Peter ihn mit leiser Mahnung an die Erfüllung seiner Bitte erinnerte. Da sagte er: „Ja, richtig, fast hätte ich’s vergessen! Also schreib nur Dein Gesuch an die zuständige Stelle. Ich werde mich darum bemühen, daß es auch bewilligt wird. Und wo möchtest Du am liebsten hin? Nach Berlin?“

„Wenn’s möglich wäre, gerne,“ erwiderte Peter.

„Möglich ist alles, mein Sohn, man muß nur vor die rechte Schmiede gehen. Und mir wär’s auch das allerliebste. Man hat sich doch bei der Hand, wenn was passiert, oder wenn einen der Zorn überkommt, und man braucht einen vernünftigen Zuhörer, um sich Luft zu machen“ ...

Damit reichte der alte Herr seinem Neffen die Hand; als Peter aber schon in der Tür stand, winkte er ihn noch einmal zurück, denn er hatte noch eine kleine Bosheit auf dem Herzen.

„Die geborene Guggenheimer gibt nächsten Donnerstag in meiner Villa in Wannsee einen _bal champêtre_. Ich sag’s Dir bloß, falls Du vielleicht Lust dazu haben solltest, denn ich geh’ nicht hin. Die Gesellschaft ist mir zu antisemitisch!“

Damit war Peter entlassen und ging langsam nach dem alten Hause in der Wilhelmstraße zurück, das er, kaum mehr als zehn Tage war es her, verlassen hatte, und das ihm nun wieder, wenn nicht alle Zeichen trogen, zur dauernden Heimat werden sollte.

Ein Gefühl des Geborgenseins überkam ihn in den altvertrauten Räumen, in denen jedes Stück seine besondere Geschichte hatte, und wenn er in dem breiten Lehnsessel an seinem Schreibtische saß, drüben an der Wand die Bilder der Eltern, war ihm zumute, als wäre er nie fort gewesen. Die Ereignisse dieser letzten Tage waren nicht mehr als ein wüster Traum, der mit dem Erwachen sein Ende fand, bis ein jäh einsetzender Schmerz in der Brust ihn wieder eines Besseren belehrte. Dann litt er stets unter einer seltsamen Einbildung. Eine riesige Faust griff nach seinem Herzen, preßte es langsam zusammen, bis der letzte Blutstropfen entwichen war ..

Und wenn er, ein wenig ruhiger geworden, an diese letzten Tage zurückdachte, wunderte er sich darüber, wie gut es ihm gelungen war, alle Welt darüber zu täuschen, wie es in ihm aussah. Am nächsten Vormittage nach seinem letzten heimlichen Besuche in Przygorowen traf er mit dem langen Heino auf dem Gericht zusammen und erfuhr als neueste Neuigkeit, was er tags zuvor mit eigenen Augen gesehen hatte, die Verlobung Brigittes mit dem jungen Grafen von Hellingen.

Da bekam er’s fertig, mit einem Lächeln seinen Glückwunsch auszusprechen und zu bemerken, etwas ähnliches hätte ihm schon bei seinem ersten Besuche geahnt. Leider aber müßte er sich’s versagen, persönlich zur Gratulation zu erscheinen, denn eine dringliche Familienangelegenheit riefe ihn für einige Tage nach Berlin.

„Ach,“ sagte der lange Heino, „wie schade! Ich hatte mich schon so darauf gefreut, Sie heute nachmittag mit hinauszunehmen, denn mein Schwager Hanns hat eigentlich ein Anliegen an Sie. Er wollte sich bei Ihnen entschuldigen, weil er nämlich noch vorgestern die Absicht hatte, Ihnen aus Eifersucht ans Leder zu gehen!“

Peter lachte hell auf: „Aus Eifersucht auf mich?“ Und Heino stimmte fröhlich ein:

„Ja, denken Sie sich bloß, wie ulkig! Aber ich gemeiner Kerl ließ ihn in dem Glauben, denn er war in der letzten Zeit in seiner Werbung ein bißchen lasch geworden, meine Schwester grämte sich schon.“

„So, so,“ erwiderte Peter. „Ihr Fräulein Schwester grämte sich. Nun, dann bin ich wohl der ganz unschuldige Stifter ihres Glückes geworden?“

Und der lange Heino hieb ihn lustig auf die Schulter: „Unschuldig, das ist das rechte Wort! Na, das werden wir nach Ihrer Rückkehr gehörig begießen.“ Sie schüttelten sich die Hände, und Peter machte sich an die Abfassung seines Urlaubsgesuches. Mit der festen Ueberzeugung, daß er ein rechter Narr gewesen war, als er noch an allerhand dunkle Machenschaften glaubte, die sich um seine Persönlichkeit woben. Der lange Heino stand vollkommen entschuldigt da, und auch für die paar kurzen Augenblicke auf der Diele der armseligen Tagelöhnerwohnung, auf denen all seine verwegenen Hoffnungen emporgeschlagen waren, stellte sich jetzt eine angemessene und zwanglose Erklärung ein. Die blonde Brigitte grämte sich, also war es da ein Wunder, wenn sie den trägen Bewerber zu ärgern und durch ein wenig Eifersucht anzustacheln gedachte? ...

So entschuldigte er, wie es seine sanfte Art war, die Handlungen der anderen vor dem eigenen Gewissen, putzte mit verstehendem Erklären an ihrem Bilde herum, bis es in glänzender Reinheit erstrahlte. Er selbst aber erhoffte die Genesung von einem raschen Ortswechsel. Wenn nichts mehr um ihn war, was ihn an die törichten Träume erinnerte, würde es ihm leichter werden, zu vergessen ...

Und im allerletzten Grunde war es doch eigentlich eine recht alltägliche Geschichte, die ihm da passiert war. Er hatte sich in eine junge Dame verliebt, ohne zu wissen, daß sie halb und halb schon einem anderen versprochen war. Kein Mensch auf der Welt, am allerwenigsten aber die zukünftige Gräfin Hellingen, hatte eine Ahnung, daß der Doktor juris und Referendarius Peter Brenitz an einem Juninachmittag einen törichten Dummejungentraum geträumt hatte! Brigitte Edle und Freiin von Bergkem-Przygorowski aus dem Hause Bergheim und der jüdische Referendar Peter Brenitz ... Zum Lachen war es wahrhaftig, wenn es nur nicht so unsäglich wehe getan hätte!

Aber auch dagegen gab es ein Mittel. Man nahm sein Herz in beide Hände, schrie es gröblich an, und wenn es gehörig eingeschüchtert war, bewies man ihm mit klaren Vernunftgründen, wie albern es wäre und ganz und gar unwürdig, sich nun für alle Zeiten so töricht zu benehmen, wie damals an jenem Juninachmittag. Das half dann wohl für ein kurzes Weilchen. Ehe man sich aber recht versah, war es auf und davon, flog den altbekannten Weg entlang, der am schilfumrahmten Seeufer führte, über kahle Hügel und schweigenden Tannenwald bis zu dem schmalen Wiesenrain neben einem fahlgrünen, schütternen Roggenschlag. Und dort stand eine, das Gewehr unter dem Arm ... Frei hob sich der prächtige Kopf aus den Schultern, und die blauen Augen leuchteten in stolzem Triumph ... Da gab man als der Klügere natürlich nach und flog mit, vergaß alle törichte Vernunft und hob ein seliges Träumen an. Wie herrlich alles hätte kommen können, wenn es nicht eben anders gekommen wäre ...

Aber die Tage kamen und gingen, ganz allmählich wurden diese Ausflüge seltener, zu Zeiten gab es lange Stunden, in denen er sich einbildete, er wäre genesen: die Arbeit hatte sich als ein gar kräftiges Heilmittel erwiesen! Wenn er vormittags sein Pensum auf dem Gerichte abgesessen hatte und nachmittags all die vielfältigen Geschäfte der von seinem Vater begründeten Wohltätigkeitsanstalten besorgt, die ihm als ein selbstverständliches Erbteil zugefallen waren, sank er abends müde ins Bett, fand keine Zeit mehr zum Grübeln und Denken und Unglücklichsein. Im ewigen Einerlei der Tage aber fingen die Bilder der Erinnerung an zu verblassen, und ganz in der Ferne, wenn man sich einmal daran machte, den Blick in die Zukunft zu schicken, tauchten neue Bilder auf. Ein unscheinbares Mädchen ohne sonderliche Vorzüge, das aber von dem Schicksal der älteren Schwester gelernt zu haben schien, still und ernsthaft geworden war. Tausend vernünftige Erwägungen drängten zu dieser Verbindung, dann aber kamen wieder Zeiten, in denen das dumme Herz sich törichter gebärdete denn je, tage- und nächtelang ohne Urlaub abwesend war und um einen schmalen Wiesenrain gaukelte oder um ein altes Gemäuer mit ragendem Wartturm hinter grünenden Lindenwipfeln ... Sei es, daß an Herrn Meltzer ein Brief gekommen war mit dem Poststempel Stradaunen, oder daß sein Herr im Gewühl der Straßen einem jungen Mädchen begegnet war, das in Erscheinung und Haltung der blonden Brigitte glich ... Dann empfand er mitten gegen die Brust einen dumpfen Schlag, das Blut lief ihm heiß durch die Adern, und eine innere Stimme raunte ihm zu, daß die Stradauner Zeiten noch lange nicht abgetan und vergangen waren -- -- -- -- --

V.

Es ging schon auf zwei Uhr nach Mitternacht, sie kamen aus dem Klub von 1898 und schritten quer über die Linden der stillen Wilhelmstraße zu. Das Wetter war umgeschlagen, der linde Vorfrühlingsabend hatte sich plötzlich wieder in kalten Winter gewandelt.

Vor einem alten Hause mit hohem Torbogen blieb Peter Brenitz stehen und zog den Schlüssel aus der Tasche. In sein schmales Gesicht trat ein eigentümlicher Ausdruck, halb Mitleid, halb zornige Verachtung.

„Na, gute Nacht, Kollege Bergkem, ich bin daheim! Und was nützt alles Reden? Morgen abend schießen Sie sich ja doch ’ne Kugel vor den Kopf!“

„Donnerwetter noch mal, Brenitz“ -- der andere fuhr jählings zusammen und schleuderte seine Zigarette in weitem Bogen auf die Straße -- „was fällt Ihnen ein? Sie waren doch früher nicht so bösartig! Sind Sie vielleicht plötzlich ein bißchen verrückt geworden?“

„Durchaus nicht! Sie haben heute Ihr letztes Geld verspielt. Morgen fallen Sie glatt im Examen durch und am Abend, schätze ich, werden Sie aus diesen beiden Prämissen die Schlußfolgerung ziehen!“

„Und das sagen Sie mir so brutal ins Gesicht?“

„Brutal?“ Peter kniff schmerzlich die Lippen zusammen. „Brutal dürfte nicht ganz der richtige Ausdruck sein. Vielleicht ist es Trauer und Zorn, daß ein Mensch von Ihren glänzenden Fähigkeiten und Anlagen rettungslos einem so unrühmlichen Ende zusteuert.“

Der lange Heino hatte seine Fassung wiedergefunden und lachte spöttisch auf:

„Ach nee! Dann hätte ich also Ihre düstere Prophezeiung gewissermaßen als Ausdruck einer übertriebenen Wertschätzung aufzufassen? Aber beruhigen Sie sich, gutes Peterlein, es stimmt nicht! Erstens verfüge ich noch immer über etliche Reserven auf der Deutschen Bank -- entschuldigen Sie, daß ich mit meinen paar Däusern zur Konkurrenz gegangen bin, ja -- und zweitens: Was wollen Sie wetten, daß morgen der Herr Präses der Prüfungskommission sein Tintenfaß ergreift, um auf meine stupenden Kenntnisse einen Hochachtungssalamander zu reiben?“

„Heino!“ Peter Brenitz war ganz entrüstet -- „das ist doch geradezu frivol! Sie haben in den letzten Monaten ja kaum ein Buch aufgemacht!“

„Woher wissen Sie das so genau? Vielleicht habe ich zuweilen herzhaft gebüffelt. Das heißt, was ich so büffeln nenne: Der eine braucht mehr und der andere weniger, um im entscheidenden Augenblick die hochwohllöbliche Prüfungskommission in Embarras zu versetzen. Im übrigen aber trinken Sie das nächste Mal nicht wieder so viel Selterswasser, wenn Sie mir beim Kartenspielen zusehen! Es bekommt Ihnen nicht, Sie sehen hinterher Männerchen!“

Er lüftete lässig den glänzenden Zylinderhut über dem korrekt gezogenen Scheitel und wollte sich zum Gehen wenden, der andere aber hielt ihn ängstlich am Rockärmel fest.

„Heino?“

„Na, was denn noch?“

„Wollen Sie mir wenigstens versprechen, morgen nachmittag, wie es auch ausgeht, zu mir zu kommen?“

Der lange Heino war wieder stehen geblieben und lachte auf. Aber es war nicht mehr das harmlos lustige Lachen, wie in alten Zeiten ...