Bruder Leichtfuß und Stein am Bein
Part 13
Es dunkelte schon, als Heino die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg. Müde und zerschlagen und in einer Art gleichgültigen Stumpfsinns, denn alle Versuche, wenigstens die Summe aufzutreiben, die er am Abend zurückerstatten mußte, waren vergebens gewesen. Den einen der in der Lebewelt bekannten Wucherer hatte er nicht zu Hause getroffen, der zweite mußte erst Erkundigungen einziehen, und der dritte wollte das Geld in emaillierten Kochgeschirren und einem fehlerfreien Damenreitpferd beschaffen, falls der Herr Baron für den Wechsel noch eine zweite, einigermaßen sichere Unterschrift beibrächte.
Damit war ihm nicht gedient, denn der Klubkassierer hatte ihm ja keine Kochgeschirre geliehen, sondern bare zweitausend Mark, und die waren gegen zehn Uhr abends, der üblichen Klubstunde, fällig auf Ehrenwort. Also blieb nichts anderes übrig, als mit einer plausiblen Ausrede einen Aufschub zu erbitten, um morgen früh die Jagd nach den paar tausend Mark von neuem zu beginnen. Der bequeme Weg aus allen Sorgen und Nöten, an den er noch vor wenigen Stunden leichtfertig gedacht hatte, war jetzt ja, nach dem Briefe der Mutter, verriegelt für alle Zeiten ...
In dem halbdunkeln Zimmer stand einer vom Sofa auf, der dort wohl auf ihn gewartet hatte. Er mußte erst näher hinzutreten, um das Gesicht zu erkennen: der Kollege Brenitz! Er drehte das Licht auf und sagte in einem Tone, der scherzhaft klingen sollte: „Na, Kollege, wollen Sie mir kondolieren? Und entschuldigen Sie mich gütigst, daß ich Ihnen die dreihundert Mark nicht zurückgeben kann, aber ich bin nach meinem Desastre vor der hohen Prüfungskommission noch nicht recht zu mir gekommen.“
Peter trat ein wenig näher.
„Verzeihen Sie, ich hätte Sie heute nicht mehr belästigt, aber ich habe einen Auftrag.“
Heino hob den Kopf.
„Nanu? Sollte ich vielleicht unwissentlich einen gekränkt haben, und Sie wollen’s wieder einrenken?“
Peter Brenitz faßte nach seinem ins Rutschen geratenen Klemmer.
„Es handelt sich nicht um solche Unbeträchtlichkeiten. Vielleicht entsinnen Sie sich, daß Sie einmal vor Wochen aus meiner Wohnung und auf einem meiner Briefbogen nach Hause schrieben. Daher hat Ihr Fräulein Schwester wohl meine Adresse, und daher mag der Auftrag stammen, mit Ihnen ein paar Worte zu sprechen.“
Heino griff in die Tasche und steckte sich eine Zigarette an.
„Verbindlichsten Dank, lieber Kollege, aber haben Sie Gnade! Mir ist schon ganz elend vor lauter Selbstvorwürfen, und alle irgendwie erdenklichen Beleidigungen habe ich mir bereits eigenhändig zugefügt. Wenn Sie mir also nichts anderes zu sagen haben?!“
„O doch! Nur sollte ich Sie meinem Auftrage gemäß erst schonend vorbereiten. Und jetzt nehmen Sie Ihr Herz in beide Hände, Heino ...“
Er schrie auf: „Meine Mutter?“
„Ja, Ihre Frau Mutter ist heute mittag gegen zwei Uhr sanft eingeschlafen. Wenn es Ihnen ein Trost ist, mit Ihrem Namen auf den Lippen. Vorne an der Freitreppe erklang die Glocke, und da richtete sie sich freudig auf: Horch, Brigitte, die Nachricht. Er hat’s bestanden, der Heino ...“
„Ah, pfui Teufel über mich!“
Der lange Heino griff in die leere Luft, schwankte einen Augenblick und stürzte wie ein gefällter Baumstamm zu Boden. Eine Weile lag er regungslos, dann schrie er auf und stoßweises Schluchzen erschütterte seinen mächtigen Körper. „Ich Lump, ich Vieh, und speit mich an, alle, die Ihr herumsteht, ich habe meine Mutter gemordet. Wie ein brünstiges Tier rannte ich hinter meiner Leidenschaft her, ihr aber brach langsam das Herz ...“
Wie von Sinnen gebärdete er sich, riß die Haare und krallte die Nägel in den Teppich. Peter Brenitz aber kniete ratlos daneben, streichelte ihm den Kopf und sprach allerhand Worte, von denen er annahm, daß sie dem andern ein Trost sein könnten. Er trocknete ihm die Augen, wischte ihm den Schaum vom Munde, tröstete und barmte, bis er den Verzweifelten allmählich vom Boden in einen Stuhl brachte. Dann aber rüttelte er ihn an der Schulter.
„Jetzt nehmen Sie sich zusammen, Heino, in anderthalb Stunden geht Ihr Zug. Ihre Schwester steht ganz allein da und hat außer Ihnen keine Hilfe!“
Heino stöhnte ratlos auf: „Ich ... ich ...“
„Ja, ich weiß. Sie haben mir’s schon vorhin gesagt, daß Sie in all dem Wirrwarr keine Zeit hatten, auf die Bank zu gehen, aber was liegt daran? Wenn Sie zurückkommen, geben Sie’s mir wieder. Die Geschichte mit dem Klubkassierer bringe ich gleich nachher in Ordnung, und hier sind zweitausend Mark -- Sie müssen entschuldigen, aber mehr habe ich nicht bei mir. Ich schicke morgen einen Kranz, vielleicht haben Sie die Güte, ihn auf das Grab Ihrer Frau Mutter zu legen. Sie war gut und freundlich zu mir, und es tat mir damals von Herzen leid, daß die Verhältnisse mich nötigten, nach so kurzer Bekanntschaft wieder fortzugehen.“
Heino hatte mit einer mechanischen Bewegung das Geld in die Tasche geschoben, eine ganze Weile saß er schweigend, nur seine Brust hob und senkte sich in mächtiger Bewegung.
„Womit verdiene ich das alles bloß?“ Es klang fast wie ein Aufschrei. Peter Brenitz aber lächelte nur trübe.
„Das haben Sie mich, wenn ich mich recht erinnere, schon einmal gefragt, als ich mich wie ein Pharisäer über Sie erhob. Und da ist mir nachher eingefallen, es wäre vielleicht manches besser auf der Welt, wenn die Menschen einander nicht immer so viel nachrechnen wollten. Im guten nicht und nicht im bösen ...“
Der lange Heino atmete tief auf und zog den andern in seine Arme, sah ihm fest in die Augen.
„Es ist gut, Peter Brenitz, wollen nicht rechnen, sonst ständ’ ich vielleicht noch kläglicher da. Aber der Teufel hol’ mich, wenn ich Dir diese Stunde jemals im Leben vergesse!“ -- -- --
Peter hatte den Freund zur Bahn gebracht und, während sie in der weiten Halle auf und nieder schritten, um den Zug zu erwarten, manches mit ihm besprochen, was die nächste Zukunft anging. Heino, wie immer rasch von Entschluß, hegte die Absicht, den ihm ohnedies wenig zusagenden Beruf des Juristen an den Nagel zu hängen und sich der Bewirtschaftung des heimatlichen Gutes zu widmen. Diesen Entschluß hielt er in seiner Lage für den einzigen Weg, sich und der Schwester eine bescheidene Existenz zu gründen, während ein schleuniger Verkauf bei der Lage der Verhältnisse zu einem gänzlichen Zusammenbruche führen mußte. Peter jedoch widersprach eifrig und führte allerhand Gründe ins Feld, die diesen Plan wenig aussichtsvoll und verlockend erscheinen ließen. Zum ersten verstände Heino doch wohl nicht genug von der Landwirtschaft, um sich an eine so schwierige Aufgabe zu wagen, zum zweiten aber wäre er nicht der Mann, bei so mühseliger und wenig Ertrag verheißender Arbeit auszuharren. Anlage und Begabung wiesen ihm vielmehr den Weg zu einer anders gearteten Tätigkeit, zu irgendeinem freien Berufe, mitten im modernen, großzügigen Erwerbsleben, in dem er all seine reichen Gaben und Fähigkeiten voll entfalten könnte.
In Heinos blauen Augen leuchtete es auf, er sah sich schon an der Spitze eines riesenhaften Unternehmens, in dem er mit zäher Arbeit und frisch zupackender Energie ungemessene Werte schuf.
„Das wär’ schon was für mich, aber wo herkriegen und nicht stehlen?“
„Man müßte eben danach suchen,“ erwiderte Peter, „und wenn es zu Anfang vielleicht auch nur ein bescheidener Platz ist, so bietet er doch die Gelegenheit zu raschem Aufsteigen. Da geht’s danach, was einer leistet, nicht aber nach der Ochsentour der sogenannten Anciennität.“
Er hatte schon seinen Plan für die Zukunft des Freundes, nicht erst seit heute und gestern, ehe er aber seiner Sache selbst noch nicht sicher war, mochte er sich nicht näher darüber auslassen.
„Schön,“ sagte Heino, „aber meine Schwester? Ich kann das arme Ding mit seinem Kummer doch nicht in ein Pensionat sperren, wenn ich hier irgendwo als Lehrling anfange?“
Peter griff nach seinem Klemmer und sah ein wenig verlegen zur Seite, denn er wußte jetzt ganz genau, daß er in diesem Augenblicke höchst eigensüchtigen Zielen nachging.
„Fräulein Brigitte? Nun, was hindert Sie -- entschuldige -- was hindert Dich daran, mit ihr hier eine gemeinschaftliche Wohnung zu beziehen? Wenn ich mich recht erinnere, sprachst Du vor einiger Zeit davon, sie hätte die Absicht, sich der Krankenpflege zu widmen. Wo könnte sie diese Absicht besser verwirklichen als in Berlin? Niemand kennt sie hier, niemand fragt nach ihren Gründen, und falls ihr der Beruf eines Tages vielleicht nicht mehr zusagen sollte, wird’s ihr niemand verargen, wenn sie ihn wieder aufgibt.“
Und Heino hatte den Freund verstanden. Trotz allen schweren Kummers flog über sein Gesicht ein Lächeln.
„Das klingt nicht dumm und hat was für sich. Jedenfalls will ich’s ernsthaft mit ihr besprechen!“
Und unwillkürlich flogen seine Gedanken zu einer Stunde zurück, da er mit einer jetzt Dahingegangenen andere Pläne für Brigittes Zukunft geschmiedet hatte. Seither hatten sich die Zeiten gewandelt und sein Sinn mit ihnen. Was er damals mit schroffem Hochmute von sich gewiesen, erschien ihm heute als ein erstrebenswertes Ziel, denn der Kleine da neben ihm war ein herrlicher Mensch, ein besserer Edelmann vielleicht als mancher, der sich stolz mit den Verdiensten seiner Ahnen brüstete ...
Der Zug, der nach dem Osten führte, rollte donnernd in die weite Halle. Weißlicher Dampf erfüllte den hochgespannten Bogen. Gepäckträger und hastende Reisende drängten eilig zu den geöffneten Türen. Heino schlang dem Freunde den Arm um den Hals und küßte ihn auf den Mund.
„Leb wohl, kleiner Peter, Dank für alles! Und, wenn ich heimkomm’, darf ich grüßen?“
Er schwang sich auf das Trittbrett. Der andere aber suchte nach der passenden Erwiderung, bis der Zug sich schnaufend und fauchend in Bewegung setzte. Eine jäh aufsteigende Hoffnung war ihm ins Herz gedrungen und hatte ihm ein paar Augenblicke lang die Rede verschlagen. Nachdem er aber endlich die richtigen Worte gefunden hatte, war der Zug längst schon zur Halle hinaus, nur ein paar rote Laternen leuchteten noch im Dunkel auf, um bei der nächsten Biegung zu verschwinden. Der Bahnsteigbeamte zog an dem Signalmaste eine neue Tafel, neue Fahrgäste drängten sich in der Halle, jeder seinem Ziele zu. Peter aber stand noch geraume Zeit auf der Stelle, an der er von dem Freunde Abschied genommen hatte. Und seine Gedanken flogen dem eilenden Zuge voraus, an dem Ufer des Sees entlang, über kahle Hügel mit dürftigem Wacholdergestrüpp und schweigendem Tannenwald zu einem alten Hause unter ragenden Linden. Dort saß eine, lauschte dem Wehen des Frühlingswindes, der hier sein heimliches Werben trieb wie dort, und hielt mit bangem Herzen die Totenwacht am Bette der Mutter. Grämte sich und barmte in ihrer Verlassenheit und wußte vielleicht nicht, daß fern von ihr einer sich in Sehnsucht verzehrte, bereit, sein Leben hinzugeben, um auf das Gesicht der armen Prinzessin wieder ein Lächeln zu locken ...
Hinter einem der vergitterten Erdgeschoßfenster des Hauses Brenitz in der Behrenstraße war Licht. Der alte Herr Geheimrat saß einsam in seinem Privatkontor und sann irgendeinem weitausschauenden Plane nach. Aber die sonst so schaffensbereiten Gedanken fügten sich nur mühsam dem zwingenden Willen, ganz als wären sie müde geworden. Sie blieben schließlich an einem leeren Platze haften, zu dem einer trotz aller Mahnungen nicht den Weg finden wollte ..
Draußen im Flur erklang die Glocke. Der alte Herr hob überrascht den Kopf, und eine kurze Weile danach trat der auf die Schwelle, dem seine sehnenden Gedanken gegolten hatten. Und er nahm die plötzliche Erscheinung als ein gutes Zeichen für die Erfüllung seiner heimlichen Wünsche, aber er verbarg die unwillkürlich aufsteigende Bewegung hinter einem Scherzwort.
„Nanu, Peter? Wo brennt’s denn, daß Du so spät noch Deinen alten Onkel aufsuchst?“
Peter folgte nicht der einladenden Handbewegung, sondern blieb stehen. Und in einem Atem sprudelte er das Anliegen heraus, das ihn in das väterliche Stammhaus geführt hatte.
„Lieber Onkel, Du hast mich oft gefragt, ob ich nicht hier in diesem Kontor den Platz einnehmen wollte, an dem einmal vor Zeiten mein Vater gesessen hat. Ich selbst kann ihn nicht ausfüllen, denn mir fehlt alles, was dazu nötig wäre, aber ich wüßte Dir einen, der an meine Stelle treten könnte. Ein prächtiger Mensch, den der liebe Gott in einer besonders guten Stunde erschaffen hat, treu, offen und bieder, dabei aber von erlesener Klugheit. Wenn andere sich mühsam den Kopf zerbrechen, hat er längst schon die Lösung. Er war bisher Jurist, aber der eng umschlossene Beruf gewährt ihm wenig Befriedigung. Er sucht etwas anderes, wo er seine großen Fähigkeiten besser verwerten könnte.“
„So, so,“ sagte der alte Herr. „Das klingt ja sehr verlockend und kommt meinen Wünschen recht entgegen. Ich suche auch schon lange nach einem, auf dessen Schultern ich ein Teilchen von meinen Lasten abladen könnte. Nur vertrauen müßte ich ihm können wie Dir, denn hier in diesem Hause spinnt sich manches an, was verfehlt wäre, wenn man’s vorzeitig auf die Gasse tragen würde.“
„Vertrauen?“ Ueber Peters schmales Gesicht flog ein Lächeln. „Würde ich wohl für ihn eintreten, wenn ich für ihn nicht bürgen könnte, wie für mich selbst?“
Der Geheimrat Brenitz stand auf, der Fall fing an ihn zu interessieren.
„Wie heißt denn der Freund, für den Du Dich so ins Zeug legst?“
„Heino Freiherr von Bergkem!“
„Sieh mal an! Die Traditionen der Väter setzen sich also in den Söhnen fort! Der Name ist immerhin eine gewisse Empfehlung. Aber, verzeih, wenn ich in einer so wichtigen Frage ein wenig vorsichtig bin. Ein junger Herr aus altadligem Hause, der sein Fortkommen in einem Bankgeschäft sucht, ist eine etwas ungewöhnliche Erscheinung, Du wirst es mir also wohl nachsehen, wenn ich nach den Gründen forsche.“
Da senkte Peter, ein wenig beklommen, den Kopf.
„Er ist heute im Assessorexamen durchgefallen und hat gestern im Klub sein letztes Geld verspielt.“
Der alte Herr lachte belustigt auf.
„Das ist allerdings eine seltsame Empfehlung! Und wenn ich sie in einer trockenen Auskunft lesen würde, glaube ich nicht, daß ich mich mit diesem Herrn von Bergkem noch lange beschäftigen würde. Aber ich schätze, Du wirst nicht bloß in blinder Freundschaft gehandelt haben, sondern aus dem Gefühl heraus, Deinem alten Oheim und der väterlichen Firma einen Dienst zu erweisen?“
„Lieber Onkel,“ sagte Peter mit einem tiefen Aufatmen, „das ist das rechte Wort. Und wer weiß, ob mein Freund Heino ohne dieses doppelte Unglück sich bereit finden lassen würde, in irgend jemandes Dienste zu treten. Trotz seines Durchfalles ist er vielleicht ein besserer Jurist als alle, die neben ihm das Examen bestanden haben. Was aber seine Leidenschaft für das Kartenspiel anlangt, so glaube ich aus ganz besonderen Gründen, er ist geheilt für alle Zeiten. Seine Mutter hat sich’s so zu Herzen genommen, daß sie darüber vor Kummer und Gram gestorben ist.“
„Tut mir leid,“ erwiderte der Geheimrat Brenitz, aber es war ungewiß, was er damit meinte. Den Tod der alten Dame oder die Heilung des Freiherrn von Bergkem von seiner Leidenschaft. In der Schilderung des Neffen war manches, was ihn lockte, diesen jungen, so vielfältig begabten Menschen einmal anzusehen; wie es aber seine Art war, lenkte er das Gespräch in eine andere Bahn, um unterdessen Zeit zu reiflicher Ueberlegung zu finden. Und was hätte ihm wohl näher gelegen als die Ereignisse in der eigenen Familie?
„Apropos, hast Du in der letzten Zeit mal die geborene Guggenheimer gesehen? Nicht? ... Das tut mir leid, so klein ist sie nach der Scheidung geworden!“ Und er deutete mit der Rechten eine ganz unwahrscheinlich niedrige Entfernung vom Boden.
„Geht herum mit ’nem Gesicht, als wenn sie immer um Entschuldigung bitten wollte, und interessiert sich neuerdings für die Liste der unverheirateten Rechtsanwälte, was meiner Ansicht von vornherein das Richtige gewesen wäre. Leider um einiges zu spät, denn meine arme Aelteste hat erst den verfehlten Umweg über diesen adligen Herrn von Krotthelm nehmen müssen, um einzusehen, daß sie eine närrische Mutter hat, und ich bitte Dich -- was ist das schon für ’ne Sorte Rechtsanwalt, unter der sie als Geschiedene jetzt noch die Auswahl hat? Keiner aus dem Tiergartenviertel und aus den alten Familien, denn die haben’s nicht nötig, ihre Frauen _second hand_ zu kaufen. Also irgendeinen jungen Mann aus Breslau oder Posen oder noch weiter her. Und ich, der Geheimrat Brenitz, muß tief in den Geldschrank steigen, um seine Liebe zu wecken! ... Seit heute früh aber hat die geborene Guggenheimer einen neuen Sport. Sie sucht nach ’nem Lebensretter für meine Zweite, die Frida.“
„Verzeih,“ sagte Peter,„ aber das ist mir unverständlich.“
„Mir auch,“ erwiderte der Geheimrat, „aber sie sucht nach ihm und setzt mir zu, mich an diesen Recherchen zu beteiligen. Am liebsten hätte sie schon eine Annonce in ihrem Leiborgan losgelassen, aber ich hab’s ihr begreiflich gemacht, der, den’s angehen könnte, schiene mir seinem ganzen Verhalten nach kein gewerbsmäßiger Leser des Heiratsmarktes zu sein.“
„Nimm’s mir nicht übel, lieber Onkel, aber das Ganze ist mir ein Rätsel. Ist denn Frida irgendwie in Gefahr gewesen, daß Du von einem Lebensretter sprichst?“
„Mein Söhnchen,“ erwiderte der alte Herr, „die Gefahr -- Gott behüte -- würde vielleicht erst anfangen, wenn sie diesen sogenannten Lebensretter persönlich kennen lernte. Ganz trocken aber erzählt, liegt die Sache so. Meine Frau ist gestern nacht gegen zwei Uhr von einem Wohltätigkeitsfest bei Kroll durch den Tiergarten nach Hause gefahren. Unterwegs in der Lichtenstein-Allee hatten sie eine Panne, und allerhand Gesindel sammelte sich um den Wagen. Da kam mit einem Male ein elegant gekleideter junger Mann aus dem Dunkel, verdrosch das Gesindel und entfernte sich nach getaner Arbeit wie der Ritter im „Handschuh“ von Schiller. „Den Dank, Dame, begehr’ ich nicht!“ Das, muß ich sagen, hat mir sehr gefallen, denn sonst sind solche Herren meistens schnell bei der Hand, an der zuständigen Stelle die Quittung zu präsentieren.“
„Hm,“ sagte Peter nachdenklich, „wie sah denn dieser Lebensretter aus?“ Eine gewisse Uebereinstimmung in der Zeit hatte ihn stutzig gemacht und die nachträgliche Feststellung, daß der lange Heino ebenfalls gegen zwei Uhr nachts den Weg nach dem Tiergarten eingeschlagen.
„Wie er aussah?“ erwiderte der Geheimrat, „nun, da gehen die Schilderungen ziemlich weit auseinander. Meine Tochter Frida sagt einfach, wie ein „Held“, in der Erzählung der geborenen Guggenheimer ist’s ’ne Art Kreuzung des Apoll von Belvedere mit unserem Landsmann Simson, der seinerzeit die Philister schlug. Mein Chauffeur aber sagt, es wäre ein eleganter junger Mann gewesen in Zylinderhut und langem Paletot, und er hätte mit der Rotte Korah erst sein lustiges Späßchen getrieben, ehe er sich daran machte, sie zu verdreschen.“
Da lächelte Peter still vor sich hin, denn jetzt glaubte er’s ganz genau zu wissen, wer dieser geheimnisvolle Lebensretter war, aber er empfand fast ein Gefühl des Neides gegen den Bruder Leichtfuß, der sich wieder einmal, vielleicht ohne es zu wollen, für seine zukünftige Laufbahn das beste Bett bereitet hatte ...
Nach einer Weile fragte er: „Lieber Onkel, verzeih, aber Du bist mir noch immer die Antwort auf meine Frage schuldig. Würdest Du also vielleicht geneigt sein, den Herrn von Bergkem in Dein Geschäft aufzunehmen? In irgendeiner Stellung, in der er nach angemessener Vorbereitung seine besonderen Fähigkeiten zeigen könnte, als Volontär etwa oder meinetwegen als Dein Privatsekretär?“
Der alte Herr Geheimrat hob den klugen Kopf mit dem mächtigen Schädel.
„Ich denke, darüber waren wir uns doch schon einig? Also schick’ ihn her, Deinen Freund, und ich will ihn mir ’mal ansehen. Aber -- verzeih, im Augenblick nämlich hab’ ich’s wieder vergessen -- wie hieß die Schwester dieses Herrn von Bergkem mit Vornamen?“
„Brigitte,“ antwortete Peter rasch, und zu spät erst merkte er mit jähem Erröten, daß er in eine geschickt gelegte Falle getreten war.
„So, so,“ sagte der alte Herr, „Brigitte! Ein sympathischer Name, und ich erinnere mich jetzt, ihn mal vor Zeiten, ehe Du krank aus Ostpreußen zurückkamst, in einer Auskunft gelesen zu haben. Du aber, mein Söhnchen, nimm Dich in acht, daß er Dir nicht etwa auch hier das Klima verleidet. Vielleicht ist’s nicht gesund für Dich, mit diesem Fräulein Brigitte ein und dieselbe Luft zu atmen.“ -- -- --
VII.
„Przygorowen, am Ostermontag.
Mein lieber Peter!
All die gleichgültigen Menschen, die eine halbe Stunde lang die Hügel auf unserem kleinen Kirchhof zertrampelt haben, sind fort. Mein liebes Mütterchen liegt draußen in der kühlen Erde, und ich sitze allein mit Brigitte in dem alten Hause der Bergkems. Es geht ans Abschiednehmen.
Es waren schwere Tage, und mich drückten sie doppelt nieder, denn ich stand als ein Schuldbeladener an dem Sarge meiner Mutter, aber all meine Reue weckte sie nicht mehr auf. Auch kein Schwur, von jetzt an ein neues Leben zu beginnen. Ein einziger Trost hielt mich aufrecht: daß sie noch nicht allen Glauben an mich verloren hatte, als sie sanft hinüberging. Daß ich mein Examen nicht bestehen könnte, war ihr ein unmöglicher Gedanke, und den Verdacht, daß ich ein rettungslos in seine Leidenschaft verstrickter Spieler geworden wäre, hatte die gute Brigitte ihr wieder ausgeredet. Ich hab’ dem lieben Mädel die Hand geküßt, und ich glaube, ich bin in dieser Stunde ein anderer Mensch geworden. Auch vor Dir, lieber Peter, möchte ich mich nicht heftig verschwören, sondern nur sagen, Du darfst mich Deinem Herrn Oheim ruhig empfehlen. Ich will ihm ein treuer Mitarbeiter sein, soweit es in meinen Kräften steht, und hoffe, mir seine Zufriedenheit zu erwerben.
Zu dem Begräbnis war, was man so sagt, der gesamte Adel der Umgegend erschienen. Es war wenig echte Teilnahme dabei, aber viel Neugierde. Die meisten waren wohl gekommen, um zu sehen, was der durchgefallene Heino Bergkem für ein Gesicht machen wird bei dem gänzlichen Zusammenbruch seines Hauses. Da war mir Dein lieber Brief eine rechte Stütze, ich trug meinen Kopf hoch und konnte auf alle mitleidigen Fragen nach meinen Zukunftsplänen eine den Hörern mißliebige Antwort geben. Ich träte als nationalökonomischer und juristischer Beirat in ein großes Berliner Bankhaus, gegen Gehalt und Tantième, und hoffte, in nicht allzu langer Zeit eine ausnehmend einträgliche Stellung zu haben. Darauf sagten sie: „Sieh mal an, was es in diesem Berlin doch für dolle Sachen gibt, und gratuliere herzlich“. Du aber, Peterlein, verzeih, wenn ich nicht ganz der Wahrheit gemäß meine Lehrlingsstellung in dem Hause Deines Oheims mit so hochtrabendem Titel bezeichnete. Nichts ist mir verhaßter als geheucheltes Mitleid, hinter dem sich die Schadenfreude birgt, und sollte ich vor diesen Menschen, über die ich mich mein Leben lang lustig gemacht hatte, wie ein Bettler dastehen? Da ersetzte ich also, wie es in dem alten Studentenspruche heißt, den mangelnden Sommerüberzieher durch eine schneidige Haltung und schnurrte sie ein wenig an.
Unter den Leidtragenden befand sich auch die Gräfinmutter aus Hellingenau mit ihrer Tochter. Der große Hanns war aus Dir ja bekannten Gründen ferngeblieben. Die Wunschmaid ist womöglich noch größer und stärker geworden, sah mich freundlich an und schüttelte mir fast den Arm aus dem Schultergelenk. Ich glaube, ich würde noch heute bei ihr eine günstige Aufnahme finden, wenn ich fragen wollte: „na, Hella, wie ist’s mit uns beiden?“ Aber mir fehlt zu der Rolle einer Art von Prinzgemahl jeder Beruf. Ich möchte mir mein bißchen Geld selbst verdienen, habe außerdem ein viel zu schönheitsdurstiges Auge für das, was alle Tage um mich sein soll bis an mein seliges Ende, und wenn ich die Mutter ansehe, schaudert’s mich. Aber auch die Wunschmaid liebt mich wohl nur aus proportionalen Gründen. Wenn sie einen Jüngling findet, der zu ihrer Länge ebenso gut paßt wie ich, wird sie sich trösten.