Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards

Part 20

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Die Schwester, die den andern vorsteht, mag allezeit bedenken, daß sie die Verantwortung für Leib und Seele der Ihrigen übernommen hat. Für die Obhut des Leibes findet sich eine Mahnung im Jesus Sirach: »Hast du Töchter, so bewahre ihren Leib und zeige ihnen kein allzu heiteres Angesicht«. Und weiter: »Eine Tochter macht dem Vater viel Wachens, davon niemand weiß, und das Sorgen für sie nimmt ihm viel Schlaf, da sie möchte geschändet werden«. Wir schänden aber unsern Körper nicht bloß durch Unzucht, sondern durch jede unreine That, geschehe sie nun mit der Zunge oder mit irgend einem andern Glied, indem wir es zu irgend einem flüchtigen sinnlichen Genuß mißbrauchen. Es steht geschrieben: »Der Tod dringt ein durch unsere Fenster«, d. h. die Sünde gelangt ins Herz auf dem Weg unserer fünf Sinne. Giebt es einen schrecklicheren Tod als den Tod der Seele, und ist irgend etwas schwerer zu behüten als sie? »Die Wahrheit« spricht: »Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten«. Von allen, die diesen Rat vernehmen: wer fürchtet nicht mehr den leiblichen Tod als den der Seele? Wer flieht nicht ängstlicher das Schwert als die Lüge? Und doch steht geschrieben: »Der Mund, der da lüget, tötet die Seele«. Was ist so leicht zu töten wie die Seele? Welcher Pfeil ist so schnell fertig wie die Sünde? Wer ist auch nur über seine Gedanken Herr? Wer ist fähig, sich selbst vor Sünde zu bewahren, geschweige denn andere? Welcher menschliche Hirte ist imstande, seine geistlichen Schafe vor den geistlichen Wölfen, eine unsichtbare Schar vor dem unsichtbaren Feinde zu bewahren? Wer hätte nicht Angst vor dem Räuber, der nicht aufhört uns anzugreifen, den kein Wall auszuschließen, kein Schwert zu töten oder zu verwunden vermag? der ohn' Unterlaß uns nachstellt und besonders die Frommen verfolgt nach dem Wort des Propheten Habakuk: »Seine Lockspeisen sind auserlesen«. Der Apostel Petrus warnt uns vor ihm mit den Worten: »Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er verschlinge«. Und wie sicher er in der Hoffnung ist, uns zu verschlingen, das sagt der Herr in dem Wort an Hiob: »Siehe, er schluckt in sich den Strom und achtet es nicht groß; läßt sich dünken, er wolle den Jordan mit seinem Munde ausschöpfen«. Denn was sollte der nicht anzugreifen wagen, der den Herrn selbst zu versuchen sich nicht gescheut hat? Der schon die ersten Menschen im Paradies überlistet und aus der Schar der Apostel dem Herrn einen Jünger geraubt hat? Welcher Ort wäre sicher vor ihm? Welches Schloß vermöchte er nicht zu sprengen? Wer vermag sich zu schützen gegen seine Nachstellungen, wer seinen Anläufen zu widerstehen?

Er ist es, der durch Einen Stoß die vier Wände des frommen Hiob zu Fall gebracht und seine unschuldigen Söhne und Töchter gewaltsam umgebracht hat. Was wird vollends das schwache Geschlecht gegen ihn vermögen? Wer hat seine Verführungskünste mehr zu fürchten als die Frau? Denn bei ihr hat er mit der Verführung angefangen und hat durch sie den Mann und die ganze Nachkommenschaft überlistet. Die Begierde nach dem Besitz eines noch höheren Gutes hat das Weib auch um den des geringeren gebracht.

Diese Verführungskunst wird er auch jetzt noch beim Weib mit Erfolg anwenden, da sie lieber herrschen als gehorchen will und sich durch das Verlangen nach Besitz und Ehre bestimmen läßt. Das was nachfolgt, wirft ein Licht auf das, was vorangegangen ist. Wenn die Vorgesetzte ein genußreicheres Leben führt als die Untergebene oder wenn sie sich etwas erlaubt, was über das eigentliche Bedürfnis hinausgeht, so ist doch außer Zweifel, daß sie danach Verlangen getragen hat. Wenn sie jetzt nach kostbarerem Schmuck trachtet als sie früher hatte, so muß ihr Herz doch gewiß von eitlem Wahn erfüllt sein. Ihr Vorleben wird durch ihr späteres Verhalten gerichtet. Ob das, was sie früher gethan hat, echte Tugend oder nur Heuchelei war, das kommt nach ihrer Erhöhung an den Tag. Sie soll sich auf ihren hohen Ehrenplatz eher mit Gewalt ziehen lassen als von selber kommen -- nach dem Worte des Herrn; »Alle, die kommen, sind Diebe und Räuber«. -- »Es sind gekommen,« sagt Hieronymus, »die nicht gesandt waren.« Man soll sich eine Ehre lieber aufzwingen lassen als sie erzwingen. »Denn niemand,« sagt der Apostel, »nimmt sich selbst die Ehre, sondern der auch berufen sei von Gott, gleichwie Aaron.« Wirst du berufen, so traure wie eine, die zum Tode geführt wird, wirst du verschmäht, so freue dich, als wärest du dem Tode entgangen.

Wir erröten über Worte, durch welche wir uns anderen überlegen zeigen; wenn wir aber zu einem Ehrenamt erwählt werden, und durch die Verhältnisse selbst unsere Tüchtigkeit dargelegt wird, dann sind wir ohne Schüchternheit und Scham. Und doch weiß jedermann, daß es die Besseren sind, die den anderen vorgezogen werden. Darum heißt es in den Moralia, Kapitel XXIV: »Wer die Menschen nicht gut zu vermahnen und zurechtzuweisen versteht, der soll auch nicht die Leitung derselben übernehmen. Wer dazu erwählt wird, daß er die Fehler anderer verbessere, der darf nicht selber begehen, was er ausrotten soll«.

Wenn wir aber bei einer solchen Wahl einen oberflächlichen Widerstand leisten mit angenommener Bescheidenheit und uns der angebotenen Ehre für unwürdig erklären, so klagen wir uns gewiß nur darum an, weil wir dadurch den Schein um so größerer Gerechtigkeit und Würdigkeit erwecken wollen. Wie viele habe ich bei ihrer Wahl mit den Augen weinen und mit dem Herzen lachen sehen! Des Unwertes zeihen sie sich, um dadurch nur noch mehr Beifall und Gunst bei den Menschen zu erjagen. Sie wissen, daß geschrieben steht: »Der Gerechte klagt sich selber zuerst an«. Und wenn sich später einmal wirklich eine Anklage gegen solche Leute erhebt und ihnen Gelegenheit geboten wäre zu weichen, dann halten sie aufs unpassendste und unverschämteste an der Ehrenstelle fest, und doch haben sie einst mit falschen Thränen und wahren Anklagen gegen sich selbst bewiesen, daß sie ihnen aufgenötigt worden sei.

Wie oft habe ich es mit angesehen, daß Kanoniker ihren Bischöfen, die ihnen die heiligen Weihen aufnötigen wollten, widerstrebt und erklärt haben, sie seien eines solchen Amtes unwürdig und könnten es nicht mit gutem Gewissen annehmen. Wenn sie dann der Klerus später zum Bischofsamt erwählte, fand er geringen oder gar keinen Widerstand. Und solche, die gestern noch das Diakonat ausschlugen, um, wie sie sagten, nicht für ihre Seele Gefahr zu laufen, fürchteten sich schon am andern Tage nicht mehr vor dem Sturz von viel höherer Stufe, als wären sie über Nacht tüchtig geworden. Von ihnen gilt das Wort, das in den »Sprüchen« geschrieben steht: »Ein Thor klatscht in die Hände, wenn er für seinen Freund Bürge geworden ist«. Denn der Unglückliche freut sich da, wo er viel eher Ursache zur Trauer hätte: nämlich wenn er den Oberbefehl über andere erhält und sich selbst verpflichtet, für seine Untergebenen zu sorgen, von denen er mehr geliebt als gefürchtet werden soll.

Um solchem Verderben nach Möglichkeit zu steuern, verbieten wir durchaus, daß die Äbtissin ein besseres und gemächlicheres Leben führe als ihre Untergebenen. Weder beim Essen noch beim Schlafen soll sie sich von den übrigen absondern, sondern sie soll alles in Gemeinschaft der ihr anvertrauten Herde thun und dadurch, daß sie immer zugegen ist, Gelegenheit haben, um so besser für sie zu sorgen. Es ist uns zwar wohl bekannt, daß der heilige Benedikt, in seiner Fürsorge für Pilger und Gäste, dem Abt gestattete, mit diesen an einem besonderen Tische zu sitzen. Diese Bestimmung ist damals in gutem Glauben getroffen worden, später aber ist sie zum Besten der Klöster dahin geändert worden, daß der Abt den Konvent nicht verlassen, sondern daß ein zuverlässiger Hausmeister die Sorge für die Pilger übernehmen solle. Denn während der Mahlzeit kann gar leicht ein Verstoß vorkommen, und gerade bei dieser Gelegenheit muß besonders streng auf Ordnung gehalten werden. Es kommt auch vor, daß man unter dem Vorwand der Gastfreundschaft mehr sich selber etwas Gutes gönnt als den Gästen. Dadurch setzt man sich bei denen, die nicht dabei sind, dem schlimmsten Verdacht aus und erregt ihre Unzufriedenheit. Je weniger die Lebensführung des Abtes den Seinigen bekannt ist, desto geringer ist sein Ansehen. Jede Art von Entbehrung erscheint dagegen allen dann erträglicher, wenn alles gleicherweise daran trägt, und in erster Linie die Vorgesetzten. Dies lehrt uns das Beispiel Catos. Denn von ihm wird berichtet: sein Heer mußte mit ihm Durst leiden; als man ihm nun ein wenig Wasser anbot, verschmähte er die Gabe und goß es zur allgemeinen Befriedigung aus.

Da also den Vorgesetzten vor allen Dingen Nüchternheit not thut, so müssen sie selber um so genügsamer leben, da sie ja auch noch für andere zu sorgen haben. Um die Gabe Gottes, d. h. das ihnen verliehene Ehrenamt, nicht in Übermut zu verkehren und dadurch besonders bei ihren Untergebenen Anstoß zu erregen, mögen sie sich zu Herzen nehmen, was geschrieben steht: »Sei nicht ein Löwe in deinem Hause und nicht ein Wüterich gegen dein Gesinde, denn Hochmut ist bei Gott und Menschen verhaßt. Gott hat die hoffärtigen Fürsten vom Stuhl heruntergeworfen und demütige darauf gesetzt. Man hat dich zum Lenker gemacht: wolle dich darum nicht überheben, sondern sei wie einer von den andern«. Auch der Apostel, indem er dem Timotheus Verhaltungsmaßregeln gegen Untergebene giebt, sagt: »Einen Alten schelte nicht, sondern ermahne ihn als einen Vater, die Jungen als die Brüder, die alten Weiber als die Mütter, die jungen als die Schwestern«. -- »Nicht ihr habt mich erwählt« -- spricht der Herr -- »sondern ich habe euch erwählt«. Alle andern Vorgesetzten werden von den Untergebenen gewählt und eingesetzt, denn man nimmt sie weniger zum Herrschen als zum Dienen. Gott allein ist der wahre Herr und kann sich seine Unterthanen auswählen zu seinem Dienst. Und doch hat er sich weniger als Herrn denn als Diener gezeigt, und die Seinigen, welche nach der höchsten Ehre trachten, weist er zurecht durch sein eigenes Vorbild und indem er sagt: »Die weltlichen Könige herrschen und die Gewaltigen heißet man gnädige Herrn. Ihr aber nicht also«.

Die weltlichen Könige ahmt also nach, wer über seine Untergebenen nur herrschen will, statt ihnen zu dienen, und wer lieber gefürchtet als geliebt sein will; wer, aufgebläht durch sein hohes Amt, bei Tische gern oben sitzt und in der Synagoge auf dem vordersten Platz; wer sich gern grüßen läßt auf dem Markt und sich gern Rabbi nennen läßt von den Leuten. Diesen Ehrentitel verbietet der Herr anzunehmen, damit wir auch unserer Namen uns nicht rühmen und in allen Stücken auf Demut gehalten werde. Darum sagt er: »Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen und niemand Vater heißen auf Erden«. Und endlich, um allem Rühmen ein Ende zu machen, sagt er: »Wer sich selbst erhöhet, der wird erniedriget werden«.

Auch das muß vermieden werden, daß die Herde durch Abwesenheit der Hirten Gefahr laufe, und daß, während die Vorgesetzten draußen herumschweifen, im Kloster die Regel beiseite gesetzt werde. Wir bestimmen daher, daß die Äbtissin mehr für die geistlichen als für die leiblichen Bedürfnisse ihrer Schwestern sorgen und das Kloster nicht um äußerlicher Angelegenheiten willen verlassen soll. Vielmehr möge sie ihre ganze Sorgfalt mit allem Eifer auf die ihr anvertrauten Seelen wenden; auch wird sie unter den Menschen ein um so größeres Ansehen genießen, je seltener sie sich unter ihnen sehen läßt -- wie geschrieben steht: »Wenn du von einem Mächtigen gerufen wirst, so halte dich ferne; denn er wird dich nur um so dringender rufen«. Wenn aber das Kloster eine Sendung zu verrichten hat, so mögen dies Mönche oder deren Laienbrüder besorgen. Denn allezeit sollen die Männer für die Bedürfnisse der Frauen Sorge tragen. Und je frömmer die letzteren sind, desto mehr Zeit verwenden sie auf den Dienst des Herrn, und desto mehr sind sie auf die Hilfe der Männer angewiesen. Darum wird auch dem Joseph die Sorge für die Mutter des Herrn vom Engel übertragen, wiewohl er ihr nicht beiwohnen durfte. Und der Herr selbst hat seiner Mutter sterbend gleichsam einen zweiten Sohn bestellt, der für ihr zeitliches Wohl Sorge tragen sollte. Wie sehr auch die Apostel für die frommen Frauen besorgt waren, ist allgemein bekannt, wir haben davon schon anderswo gesprochen. Zu ihrer Unterstützung haben sie ja auch die sieben Diakonen eingesetzt. Ihrer Autorität folgend, und da die Verhältnisse es gebieterisch verlangen, bestimmen wir, daß Mönche und Laienbrüder nach der Weise der Apostel und Diakonen in den Frauenklöstern diejenigen Besorgungen auf sich nehmen, die zum äußeren Leben notwendig sind. Und zwar braucht man die Mönche hauptsächlich für die Messen, die Laienbrüder für die sonstigen Arbeiten.

Es ist also notwendig, daß den Frauenklöstern Mönchsklöster zur Seite stehen, und daß die äußeren Angelegenheiten der Frauen von Männern besorgt werden, welche durch das gleiche Gelübde gebunden sind. Dieser Brauch bestand schon in den Anfangszeiten der Kirche zu Alexandria unter der Leitung des Evangelisten Markus. Und ich glaube, daß in den Nonnenklöstern die Ordensregel strenger gehalten wird, wenn dieselben der Sorgfalt und Leitung geistlicher Männer unterstellt sind und für Schafe und Widder ein und derselbe Hirte eingesetzt wird, so daß derjenige, der über die Männer gebietet, auch über die Frauen die Aufsicht führe und die apostolische Verordnung bestehen bleibe: »Der Mann ist des Weibes Haupt, wie Christus des Mannes Haupt ist, Gott aber ist Christi Haupt«.

So wurde auch das Kloster der heiligen Scholastica, das auf dem Grund und Boden eines Mönchsklosters lag, durch ihren Bruder geleitet, und seine oder der anderen Brüder häufige Besuche dienten den Frauen zur Belehrung und zum Trost. Die Regel des heiligen Basilius giebt an irgend einer Stelle über eine derartige Oberleitung folgende Verhaltensmaßregeln: »Frage: Darf außer der Äbtissin auch der Abt eines benachbarten Mönchsklosters mit den Nonnen seelsorgerliche Gespräche führen? Antwort: Ja, wenn dabei die Vorschrift des Apostels bewahrt wird: 'lasset alles ehrlich und ordentlich bei euch zugehen'«. Ebenso im folgenden Kapitel: »Frage: Darf ein Abt mit einer Äbtissin häufig reden, besonders wenn einige von den Brüdern daran Ärgernis nehmen? Antwort: Der Apostel sagt zwar: 'Warum sollte ich meine Freiheit lassen urteilen von eines andern Gewissen' -- aber es ist gut, sich nach seinen folgenden Worten zu richten: 'Wir haben solcher Macht nicht gebraucht, damit wir nicht dem Evangelium Christi eine Hindernis machten'. Man soll die Frauen so selten wie möglich besuchen und die Unterredung möglichst kurz machen.«

Daher auch der Beschluß des Konzils von Hispalis: »Einstimmig haben wir beschlossen, daß die Frauenklöster in der Provinz Bätica von Mönchen bedient und verwaltet werden sollen. Denn wir glauben für das Wohl der Christo geweihten Jungfrauen zu sorgen, wenn wir geistliche Väter für sie erwählen, nicht bloß um ihnen durch eine solche Oberleitung einen Schutz zu verschaffen, sondern auch damit sie von ihnen belehrt und erbaut werden. Doch soll in Betreff der Mönche die Einschränkung gelten, daß sie in kein näheres Verhältnis zu den Nonnen treten, auch keinen Zutritt in den Vorraum des Kloster haben sollen. Auch soll der Abt, oder wer sonst die Oberaufsicht hat, nicht mit Umgehung der Äbtissin den Nonnen Anweisung über ihr sittliches Verhalten geben. Auch mit der Äbtissin selbst soll er nicht zu oft und nicht unter vier Augen reden, sondern in Gegenwart von zwei oder drei Schwestern; sein Besuch soll selten sein, und die Unterredung kurz«.

Ferne sei es von uns, zu wollen, was auch nur auszusprechen schon eine Sünde wäre, daß die Mönche mit den Jungfrauen Christi in vertrauten Umgang kämen, sondern sie sollen gemäß den Bestimmungen der Regeln und Vorschriften in strenger Geschiedenheit von ihnen leben. Wir stellen die Frauenklöster nur unter die Oberleitung von Mönchen und bestimmen, daß aus den Mönchen ein besonders erprobter Mann erwählt werde, dessen Sorge es sein soll, ihre Güter auf dem Lande oder in der Stadt zu überwachen, die nötigen Bauten auszuführen und für die sonstigen Bedürfnisse des Klosters zu sorgen, damit die Dienerinnen Christi allein mit dem Heil ihrer Seele beschäftigt ausschließlich dem Dienste des Herrn leben und frommen Werken obliegen können. Auch soll, wer von seinem Abte zu solchem Amte vorgeschlagen wird, die Bestätigung des Bischofs einholen.

Die Nonnen aber sollen den Mönchen, deren Schutz sie erwarten, die nötigen Kleider anfertigen, wofür sie dann wiederum die Früchte ihrer Arbeit und die helfende Fürsorge derselben zu genießen haben sollen.

Dieser weisen Einrichtung folgend wollen wir, daß die Frauenklöster allezeit Männerklöstern unterstellt werden, damit die Brüder für die Schwestern sorgen und beide Ein gemeinsames väterliches Oberhaupt haben, auf dessen Fürsorge beide Klöster angewiesen sind: so wird dann Eine Herde und Ein Hirte im Herrn sein. Eine solche brüderliche geistige Genossenschaft ist darum vor Gott und Menschen so angenehm, weil sie den Bedürfnissen beider Geschlechter, soweit sie sich dem Klosterleben weihen, entgegenkommt. Die Mönche sollen Männer, die Nonnen Frauen aufnehmen, und so wird jede Seele, die um ihr Heil bekümmert ist, finden, was ihr not thut. Und wenn einer zugleich mit seiner Mutter oder Schwester oder Tochter oder einer Pflegebefohlenen sich dem Klosterleben weihen will, so wird er hier vollen Trost finden. Solche Mönchs- und Nonnenklöster werden um so liebevoller miteinander verbunden und füreinander besorgt sein, je mehr unter den Insassen derselben Freunde und Verwandte sich befinden, welche nun dieses neue Band noch enger umschlingt.

Wir wollen aber, daß der Vorgesetzte der Mönche, den man Abt nennt, die Aufsicht über die Nonnen in der Weise führe, daß er in ihnen, die Gottes Bräute sind -- und er ist Gottes Diener -- seine Herrinnen erblicke, über die er nicht gebieten, sondern denen er nur nützen soll. Er soll sein wie der Kämmerer im königlichen Palaste, der auch nicht durch sein Regiment die Fürstin belästigt, sondern nur auf ihr Wohl bedacht ist. Was sie braucht, wird er ihr ohne Widerrede beschaffen; für das, was ihr nachteilig sein könnte, wird er kein Ohr haben; alle äußeren Angelegenheiten wird er so erledigen, daß er niemals das Innere ihrer Gemächer betritt, außer wenn er befohlen wird.

In dieser Weise soll -- das ist unser Wille -- der Knecht Christi Sorgen tragen für die Bräute Christi und ihnen an des Herrn Statt ein treuer Haushalter sein. Alle ihre Bedürfnisse soll er mit der Diakonisse besprechen und ohne sie zu Rat gezogen zu haben, soll er über die Dienerinnen Christi und ihre Angelegenheiten keine Bestimmung treffen, auch soll er keiner von ihnen etwas vorschreiben und mit keiner reden ohne die Vermittlung der Äbtissin. So oft ihn die letztere ruft, soll er bereitwillig kommen und soll das, was die Äbtissin selbst oder ihre Untergebenen nötig haben, unverzüglich und so gut wie möglich erledigen. Wird er von der Äbtissin gerufen, so soll er stets nur öffentlich und in Gegenwart erprobter Personen mit ihr reden, nicht allzu nahe zu ihr hintreten und sie nicht mit langer Rede hinhalten.

Alles, was an Mundvorräten, Kleidern, auch an Geld vorhanden ist, soll bei den Dienerinnen Christi niedergelegt und aufbewahrt werden, und von dem, was den Schwestern übrig bleibt, soll den Brüdern mitgeteilt werden. Das, was draußen zu holen ist, sollen die Brüder beschaffen, und die Schwestern sollen nur das thun, was im Innern des Klosters passenderweise von Frauen besorgt werden kann: den Brüdern Kleider anfertigen oder reinigen, Brot bereiten, zum Backen einliefern und das Gebackene wieder in Empfang nehmen. Ihnen liegt auch die Milchwirtschaft, sowie die Hühner- oder Gänsezucht ob, überhaupt alle Verrichtungen, die besser für Frauen passen als für Männer.

Der Abt selbst soll nach seiner Einsetzung in Gegenwart des Bischofs und der Schwestern schwören, daß er ihnen ein treuer Haushalter im Herrn sein und sie vor aller Befleckung des Fleisches sorglich behüten wolle. Und wenn er, was ferne sei, vom Bischof über der Vernachlässigung der übernommenen Pflichten betroffen werden sollte, so soll er alsbald als ein Meineidiger abgesetzt werden. Auch alle Brüder sollen bei Ablegung ihres Gelübdes sich den Schwestern gegenüber eidlich verpflichten, daß sie dieselben in keiner Weise werden belästigen lassen und daß sie zur Erhaltung ihrer Keuschheit ihr möglichstes beitragen werden.

Keinem Mann soll der Zutritt zu den Schwestern verstattet sein ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Oberen, und alles, was ihnen von den Schwestern zugeschickt wird, muß durch die Hand des Oberen gehen. Nie soll eine Schwester die Umfriedigung des Klosters überschreiten, sondern alle äußeren Angelegenheiten sollen, wie gesagt, von den Brüdern besorgt werden -- die Starken mögen im Schweiß ihres Angesichtes die schwere Arbeit verrichten. Auch soll keiner der Brüder den Bereich des Klosters betreten, er habe denn die ausdrückliche Erlaubnis dazu vom Abt und von der Diakonisse im Fall einer dringlichen, ehrbaren Angelegenheit. Wenn jemand sich untersteht, diesem Gebote zuwiderzuhandeln, soll er ohne Verzug aus dem Kloster ausgewiesen werden.

Damit aber die Männer ihre überlegene Stärke nicht zu irgend welchen Bedrückungen der Frauen mißbrauchen, so bestimmen wir, daß sie nichts gegen den Willen der Äbtissin unternehmen dürfen, sondern auch sie sollen in allem ihres Winkes gewärtig sein. Alle, Männer wie Frauen, sollen vor der Äbtissin das Gelöbnis des Gehorsams ablegen! Friede und Eintracht werden um so fester gewahrt werden, je weniger man dem starken Geschlecht erlaubt. Und die Starken werden um so williger den Schwachen Folge leisten, je weniger sie von den letzteren etwas zu fürchten haben, und je gewisser es ist, daß der erhöht wird, der sich hienieden vor Gott erniedrigt. Die Bestimmungen, betreffend die Äbtissin, mögen damit erledigt sein, und ich will mich nunmehr zu den verschiedenen Klosterämtern wenden.

Die _Meßnerin_, die zugleich auch Schatzmeisterin ist, hat die Aufsicht über das Gotteshaus; sie bewahrt die Schlüssel dazu und alles was zum Gottesdienst notwendig ist. Gaben, welche dem Kloster dargebracht werden, hat sie in Empfang zu nehmen und für alles, was im Gotteshaus zu machen oder wiederherzustellen ist, sowie für die gesamte Ausschmückung desselben Sorge zu tragen. Außerdem fällt ihr die Sorge zu für die Hostien, für die Gefäße und Becher, die auf den Altar gehören und überhaupt für dessen Ausschmückung; ferner für die Reliquien, für den Weihrauch, für die Kerzen, für den Stundenzeiger und für die verschiedenen Glockenzeichen. Die Hostien sollen womöglich die Jungfrauen selbst bereiten und das Mehl dazu reinigen, auch sollen sie die Altargefäße reinhalten. Doch soll weder die Meßnerin noch sonst eine der Nonnen die Reliquien oder die Altargefäße oder Altardecken berühren, wenn sie ihnen nicht zum Zweck der Reinigung übergeben werden. Zu diesem Behuf soll man Mönche oder Laienbrüder herbeirufen und auf ihre Ankunft warten. Wenn nötig, sollen unter Aufsicht der Meßnerin aus ihrer Zahl etliche zu diesem Geschäft bestellt werden, die würdig sind, die Gefäße zu berühren. Die Schwester soll die Schränke öffnen, und die Mönche sollen die Gefäße daraus nehmen und wieder hineinstellen. Diejenige Schwester, welche diese Aufsicht über das Sanktuarium hat, muß sich durch Reinheit ihres Lebenswandels besonders auszeichnen. An Leib und Seele soll sie, soweit möglich, tadellos und von erprobter Enthaltsamkeit und Keuschheit sein. Auch muß sie in der Berechnung der kirchlichen Festtage nach dem Lauf des Mondes bewandert sein, damit die Festzeiten im Gottesdienst genau eingehalten werden.