Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards

Part 19

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Damit ihr aber auch euer eigenes Geschlecht in der Ausübung dieser Tugend kennen lernet: wer vermöchte jene Jungfrau würdig zu preisen, welche selbst den Besuch des heiligen Martinus zurückwies, um in ihrer Andacht nicht gestört zu werden? Hieronymus schreibt darüber an den Mönch Oceanus: »Im Leben des heiligen Martinus erzählt Sulpitius: der heilige Martinus wollte, da sein Weg ihn vorbeiführte, eine durch ihre Sittenstrenge berühmte Jungfrau besuchen. Allein diese wollte nicht, sondern schickte ihm ein Geschenk und rief dem frommen Mann vom Fenster aus zu: bete dort, mein Vater, denn noch niemals hat mich ein Mann besucht. Martinus, dies vernehmend, dankte Gott, daß sie, von solchem sittlichen Ernst erfüllt, ihrem keuschen Vorsatz treu geblieben war. Er segnete sie und ging fröhlich von dannen«. Diese Jungfrau verschmähte es oder scheute sich, von dem Lager ihrer frommen Betrachtung aufzustehen und war bereit, dem Freunde, der an ihre Thür pochte, zu antworten: »Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?« Wie würden sich Bischöfe und Prälaten in unserer Zeit gekränkt fühlen, wenn sie eine solche Zurückweisung von Arsenius oder von dieser Jungfrau erfahren hätten! Möchten sich durch diese Beispiele die Mönche beschämen lassen, die jetzt in der Einsamkeit leben und sich so sehr über den Besuch von Bischöfen freuen, daß sie zu ihrer Aufnahme eigene Häuser bauen. Statt die Herren dieser Welt, die gewöhnlich großes Gefolge mitbringen, zu meiden, laden sie dieselben ein, und unter dem Vorwand der Gastfreundschaft vergrößern sie ihre Niederlassungen und machen die Einsamkeit, die sie aufgesucht haben, zur belebten Stadt. Gewiß ist es das Werk des alten listigen Versuchers, daß fast alle heutigen Klöster, während sie in alter Zeit, um den Menschen zu entgehen, in der Abgeschiedenheit gegründet worden waren, später, als die Glut der Frömmigkeit erkaltete, Leute herbeigezogen, Knechte und Mägde in Menge angestellt und große Baulichkeiten an den der Einsamkeit geweihten Orten errichtet haben; so sind sie selber in die Welt zurückgekehrt oder haben vielmehr die Welt bei sich eingeschleppt. In die größten Erbärmlichkeiten verwickelt und von weltlicher wie von geistlicher Gewalt geknechtet, haben sie zugleich Namen und Wesen des Mönchs, d. h. des Einsiedlers, verloren, während sie müßig und von der Arbeit anderer leben wollten. Ihre Lage ist oftmals eine so bedrängte, daß sie, mit der Verteidigung ihrer Schutzbefohlenen und ihres Eigentums beschäftigt, oft ihr eigenes Besitztum einbüßen, und daß bei dem häufigen Brande der benachbarten Häuser auch die Klöster selbst vom Feuer ergriffen werden. Und dennoch legen sie ihrem Übermut keine Zügel an.

Solche Menschen halten es innerhalb des Klosterbezirks nicht aus, sondern selbzweit und selbdritt, manchmal auch allein, durchstreifen sie Dörfer, Schlösser und Städte, ohne um eine Ordensregel sich zu kümmern. Sie sind viel schlechter als die Weltmenschen, weil sie an ihrem Gelübde zu Verrätern werden. Die Häuser, in welchen sie wohnen, nennen sie mißbräuchlich »Obedientien«, und doch wird hier keine Regel eingehalten und nur dem Bauch und dem Fleische wird Gehorsam geleistet. Hier hausen sie mit ihren Verwandten und guten Freunden und leben ungestört nach ihres Herzens Gelüste, da sie von ihrem Gewissen nichts zu fürchten haben. Solchen frechen Verrätern werden gewiß auch solche Ausschweifungen zum Verbrechen, die bei anderen Menschen verzeihlich sind.

Mit derartigen Menschen dürfet ihr nicht bloß nicht in Berührung kommen -- ihr solltet nicht einmal von ihnen hören. Für eure Schwachheit aber ist die Einsamkeit darum so notwendig, weil wir hier den Angriffen fleischlicher Versuchungen weniger ausgesetzt sind und unsern Sinnen weniger Gelegenheit geboten ist, uns zum Stofflichen hinabzuziehen. Darum sagt auch der heilige Antonius: »Wer in der Einsamkeit wohnt und ein beschauliches Leben führt, dem bleiben dreierlei Kämpfe erspart, der mit dem Gehör, der mit der Zunge und der mit den Augen, und nur Ein Kampf bleibt ihm zu bestehen: der mit dem Herzen«. Diese Vorzüge der Einsamkeit hat auch der große Kirchenlehrer Hieronymus gar wohl erkannt, und dem Mönche Heliodorus sie vorhaltend, ruft er aus: »O Einsamkeit, die du dich des vertrauten Umgangs mit Gott erfreust! Mein Bruder, was machst du dir in der Welt zu schaffen, der du über der Welt stehst!«

Nachdem ich nun im allgemeinen darüber gesprochen habe, wo ein Kloster passend anzulegen sei, will ich noch zeigen, wie die Lage des Ortes selbst des näheren beschaffen sein soll. Bei der Wahl des Ortes für ein Kloster ist, soweit dies irgend geschehen kann, der Rat des heiligen Benediktus zu befolgen: innerhalb des klösterlichen Bezirkes soll womöglich alles das beschlossen sein, was für ein Kloster unumgänglich notwendig ist: nämlich Garten, Brunnen, Mühle, Bäckerei mit Backofen und Räumlichkeiten, wo die Schwestern ihre täglichen Geschäfte verrichten können, so daß kein Anlaß vorhanden ist, draußen herumzuschweifen.

Wie im Kriegslager eines weltlichen Heeres, so muß auch in den Lagern des Herrn, d. h. in den klösterlichen Gemeinschaften, ein Oberhaupt sein, das den andern zu gebieten hat. Dort steht Ein Befehlshaber, dessen Wink in allem befolgt wird, an der Spitze des Ganzen. Wegen der Größe des Heeres und seiner zahlreichen Amtspflichten überträgt er einen Teil seiner Last auf andere und setzt zu diesem Zweck mehrere Unterbefehlshaber ein, welche die einzelnen Abteilungen beaufsichtigen und den Dienst überwachen. So soll es auch in den Klöstern gehalten werden: eine würdige Schwester soll die Oberaufsicht über die andern haben; nach ihrer Meinung und nach ihrem Gutdünken sollen sich die andern richten, keine soll sich unterstehen, ihr Schwierigkeiten zu machen oder gegen ihren Befehl zu murren. Denn keine menschliche Gemeinschaft, nicht einmal die kleine Genossenschaft auch nur Einer Familie kann bestehen, wenn man nicht streng auf Einigkeit hält und nicht das Regiment in der Hand eines Einzigen liegt. Darum schloß auch die Arche, das Abbild der Kirche, mit Einer Elle ab, obwohl sie deren in die Länge und Breite viele hatte. Und in den Sprüchen steht geschrieben: »Um ihrer Sünden willen hat die Erde viele Herren«. Auch nach dem Tod Alexanders vermehrte sich mit den Königen zugleich das Unheil, und in Rom hatte die Eintracht keinen Bestand, als mehrere sich in die Herrschaft teilten; daher sagt Lukanus im ersten Buch seiner Gedichte:

»Den Grund deiner Leiden Schufst du dir selbst, o Rom, da du drei Herren gehorchtest: Nie noch ward ein Vertrag, der die Herrschaft teilte, zum Segen.«

-- -- -- Und einige Verse weiter unten heißt es:

»Ja, so lange die Erde das Meer, der Äther den Erdball Trägt, und die Sonne den Lauf in weiten Bahnen vollendet, Und den Tag ablösend die Nacht mit denselben Zeichen heraufzieht: _So lang_ traut von mehreren Herrn nicht einer dem andern, Und kein Herrscher trägt mit Geduld den Genossen der Herrschaft.«

So ging es gewiß auch mit den Jüngern des frommen Abtes Frontonius. Er hatte deren in seinem Geburtsort gegen siebzig um sich versammelt und große Gnade bei Gott und den Menschen erlangt. Auf einmal verließ er das Kloster in der Stadt und alles, was er an Gütern besaß, und nahm seine Jünger, von allem entblößt, mit sich in die Wüste. Nach kurzer Zeit murrten sie, wie einst das Volk Israel gegen Moses, weil er sie von den Fleischtöpfen Ägyptens und dem Überfluß des Landes in die Wüste geführt habe, und sprachen: »Ist die Keuschheit nur in der Wüste zu Hause, nicht auch in den Städten? Warum kehren wir nicht zurück in die Stadt, die wir nur auf kurze Zeit verlassen wollten? Oder erhört Gott nur in der Wüste Gebete? Wer kann von der Speise der Engel leben? Wer macht sich gern zum Genossen der wilden Tiere? Was nötigt uns, hier zu bleiben? Warum kehren wir nicht zurück in die Heimat, um dort Gott zu preisen?«

Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: »Liebe Brüder, unterwinde sich nicht jedermann Lehrer zu sein und wisset, daß wir desto mehr Urteil empfahen werden«. Und Hieronymus schreibt in der Lebensregel, die er dem Mönch Rusticus gab: »Keine Kunst lernt sich ohne Lehrer. Selbst die unvernünftigen Geschöpfe und die Rudel wilder Tiere haben ihre Führer, denen sie folgen. Bei den Bienen geht Eine voran und die andern folgen. Die Kraniche folgen ihrem Führer in geschlossener Ordnung. Ein Herrscher, Ein Richter der Provinz. Als Rom gegründet wurde, konnte es die beiden Brüder nicht zugleich als Herrscher ertragen, und es kam darob zum Brudermord. Im Leib der Rebekka haben Esau und Jakob einander bekämpft. Jeder Bischof, jeder Oberpriester, jeder Archidiakon und überhaupt der ganze hierarchische Stand hat seinen Vorgesetzten. Im Schiff Ein Steuermann, im Haus Ein Herr. Im größten Heere sieht alles auf den Wink eines Einzigen. Durch all dies will ich nur soviel klar machen, daß man im Kloster nicht nach seinem eigenen Willen lebt, sondern unter der Zucht eines einzigen Vorgesetzten und in der Gemeinschaft mit vielen«.

Um aber die Einigkeit aufrecht zu erhalten, ist es notwendig, daß Eine Schwester allen andern vorstehe, und daß ihr alle übrigen gehorchen. Unter ihr sollen dann wieder andere gleichsam als Hilfsbeamte stehen, welche sie nach eigenem Ermessen wählen mag. Diese sollen ihres Amtes warten in dem Umfang, wie es ihnen von der Oberin übertragen worden ist, und gleichsam die Anführer und Berater im Heere des Herrn sein. Die Gesamtheit der übrigen aber soll als der Truppenkörper unter ihrer Leitung gegen den Bösen und seine Trabanten tapfer ankämpfen.

Ich bin der Meinung, daß für die gesamte Verwaltung des Klosters nicht mehr und nicht weniger als sieben Schwestern notwendig sind: nämlich eine Pförtnerin, eine Kellermeisterin, eine Kleiderbewahrerin, eine Krankenpflegerin, eine Vorsängerin, eine Sakristane, endlich eine Diakonisse, oder, wie man sie jetzt nennt, eine Äbtissin. Diese Diakonisse bekleidet gleichsam die Stelle des Feldherrn, dem alles gehorcht, in diesem geistlichen Lager, in diesem Kriegsdienst des Herrn; steht ja doch geschrieben: »Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kriegsdienst« -- und anderswo: »Schrecklich wie Heeresspitzen«. Die sechs andern Schwestern, die wir Offizialen nennen, stehen unter dem Befehl der ersten und nehmen den Platz der Führer und Konsuln ein. Alle übrigen Nonnen aber, die wir Klausnerinnen nennen, verrichten nach Art von Kriegern den göttlichen Dienst, in welchem sie stehen. Solche Schwestern aber, die sich bekehrt und, ebenfalls der Welt entsagend, sich den Nonnen angeschlossen haben und ein frommes, wenngleich nicht klösterliches Leben führen, nehmen eine mehr untergeordnete Stellung ein, wie der Troß bei einem weltlichen Heer.

Nun aber bleibt noch übrig, unter der Leitung des göttlichen Geistes die einzelnen Rangstufen in diesem Heerwesen genau festzusetzen, damit sie den Angriffen der bösen Geister gegenüber wirkliche »Heeresspitzen« seien.

Bei der Aufstellung unserer Regel wollen wir mit dem Oberhaupte, nämlich mit der Diakonisse, beginnen und unsere Anordnungen über diejenige Person feststellen, die dann wiederum alles andere anzuordnen hat. Ich habe schon in meinem letzten Brief erwähnt, wie der Apostel Paulus dem Timotheus ihre Frömmigkeit als eine solche beschreibt, die ganz besonders hervorragend und erprobt sein müsse; nämlich also: »Laß keine Witwe erwählt werden unter sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich«. Derselbe Apostel sagt in seiner Unterweisung für Diakonen über die Diakonissen: »Desselbengleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen«. Den Zweck und die Absicht, welche der Apostel mit diesen Bestimmungen verfolgt, glaube ich in meinem letzten Brief genügend besprochen zu haben, besonders auch die Frage, warum die Diakonisse nach dem Willen des Apostels Eines Mannes Weib und vorgerückten Alters sein soll. Darum können wir uns auch nicht genug wundern, daß in die Kirche der verderbliche Brauch sich eingeschlichen hat, lieber Jungfrauen als gewesene Ehefrauen mit diesem Amte zu betrauen und öfters Jüngere den Älteren vorzuziehen, da doch der Prediger sagt: »Wehe dir, Land, des König ein Kind ist« -- und da wir doch alle gewiß dem Worte des frommen Hiob recht geben: »Bei den Großvätern ist Weisheit und Verstand bei den Alten«. Darum heißt es auch in den Sprüchen: »Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf den Wegen der Gerechtigkeit gefunden werden«. Und im Buche Sirach: »O wie fein steht's, wenn die grauen Häupter weise und die Alten klug und die Herren vernünftig und vorsichtig sind! Das ist der Alten Krone, wenn sie viel erfahren haben; und ihre Ehre ist, wenn sie Gott fürchten.« Weiter heißt es da: »Der Älteste soll reden, denn es gebühret ihm, als der erfahren ist ... Ein Jüngling mag auch wohl reden einmal oder zwei, wenn's not ist; und wenn man ihn fragt, soll er's kurz machen, und sich halten als der nicht viel wisse und lieber schweige. Und soll sich nicht den Herrn gleich achten und wenn ein Alter redet, nicht drein waschen«.

Darum nennt man auch die Priester, welche in der Kirche über dem Volk stehen, Älteste; schon ihr Name will ausdrücken, was sie sein sollen. Und in den Lebensbeschreibungen der Heiligen heißen diejenigen, die wir jetzt Väter nennen, Alte.

Mit allem Ernst also hat man darauf zu sehen, daß bei der Wahl und Weihe der Diakonisse vor allem der Rat des Apostels befolgt und eine Schwester gewählt werde, welche durch ihre Lebensführung und durch ihr Wissen den andern überlegen ist; ihr reifes Alter soll eine Bürgschaft sein auch für die Zuverlässigkeit ihrer Sitten; durch Gehorsam soll sie sich das Recht zum Befehlen erworben haben; die Regel soll sie nicht bloß vom Hörensagen, sondern vom Ausüben kennen gelernt und sich fest eingeprägt haben. Wenn sie nicht durch Gelehrsamkeit glänzt, so mag sie sich darüber trösten: sie ist ja nicht zu philosophischen Verhandlungen und dialektischen Übungen da, sondern sie soll sich mit der Kunst des regelrechten Lebens und mit der Ausübung guter Werke befassen. So heißt es vom Herrn: er fing an zu thun und zu lehren -- also zuerst thun, dann erst lehren. Denn die Kunst des Handelns ist besser und vollkommener als die des Redens, die That ist mehr wert als das Wort. Wir wollen uns das Wort merken, das vom Vater Ipitius überliefert ist: »Der ist der rechte Weise, der nicht durch Worte, sondern durch Thaten andere belehrt«. Diese Äußerung ist dazu angethan, uns in dieser Hinsicht Kraft und Vertrauen mitzuteilen.

Wir wollen uns auch den Ausspruch des heiligen Antonius merken, mit dem er phrasenreiche Philosophen abwies, die über seine Art zu lehren spotteten, als sei er ein einfältiger, ungebildeter Mensch. »Antwortet mir« -- sagte er zu ihnen -- »was ist älter: der gesunde Menschenverstand oder die Gelehrsamkeit? Und welches von beiden ist aus dem andern entstanden, der Verstand aus der Gelehrsamkeit oder die Gelehrsamkeit aus dem gesunden Menschenverstand?« Auf ihre Antwort, daß der Verstand Urheber und Erfinder der Gelehrsamkeit sei, erwiderte Antonius: »Also braucht sich, wer gesunden Menschenverstand besitzt, um Gelehrsamkeit nicht zu kümmern«.

Man vernehme auch das Wort des Apostels, das uns Stärke verleiht im Herrn: »Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Thorheit gemacht?« Und wiederum; »Was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zu schanden mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er zu schanden mache, was stark ist, und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß er zu nichte mache, was etwas ist, auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme«. Denn das Reich Gottes besteht, wie er selbst sagt, nicht in Worten, sondern in Kraft.

Hält es die Äbtissin jedoch für nötig, zu gründlicherer Erkenntnis dieses oder jenes Gegenstandes sich an die Schrift zu wenden, so mag sie, ohne zu erröten, sachverständige, gelehrte Leute darüber befragen, etwas Neues lernen und hierbei die Aufschlüsse, welche die Wissenschaft giebt, nicht gering achten, sondern sich dieselben bescheiden und sorgfältig aneignen; hat doch auch das Haupt der Apostel sogar die Rüge seines Mitapostels Paulus geduldig hingenommen. Auch der heilige Benedikt bestätigt es, daß der Herr oft gerade den Geringsten sich am herrlichsten offenbart.

Um aber dem göttlichen Willen, so wie der Apostel ihn oben gekennzeichnet hat, noch weiter zu willfahren; so soll man bei der Wahl der Äbtissin, wenn nicht die gebieterische Not und triftige Gründe eine andere Maßregel erheischen, von vornehmen, in der Welt einflußreichen Personen absehen. Denn solche könnten im Vertrauen auf ihre Abkunft leicht hochfahrend, anspruchsvoll und stolz werden; die Wahl solcher Frauen würde dem Kloster zum Verderben ausschlagen, besonders dann, wenn dieselben Landeskinder sind. Denn es steht zu befürchten, daß die Nähe ihrer Angehörigen sie in ihrer Anmaßung bestärke, daß das Kloster durch den häufigen Besuch ihrer Verwandten belastet und in seiner Ruhe gestört werde, daß sie selbst durch die Ihrigen die Klosterordnung antasten lasse oder die Mißbilligung anderer sich zuziehe nach dem Worte der Wahrheit; »Der Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande«.

Dies hat auch der heilige Hieronymus im Auge, wenn er nach Aufzählung alles dessen, was einem Mönche, der in seiner Heimat bleibe, zum Schaden gereichen könne, in seinem Brief an Heliodorus sagt: »Aus diesen Erwägungen geht hervor, daß ein Mönch in seinem Vaterlande nicht zur Vollkommenheit gelangen kann. Nicht vollkommen werden wollen ist aber so viel wie Sünde begehen«. Wie großen Schaden aber werden die anvertrauten Seelen nehmen, wenn es diejenige mit den Pflichten der Religion nicht genau nimmt, die dazu bestellt ist, über die Erfüllung derselben zu wachen? Für die Menge der untergeordneten Schwestern genügt es, wenn sie die eine oder andere Tugend aufzuweisen haben. Die Äbtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, so daß sie in allem, was sie von den andern verlangt, selbst mit gutem Beispiel vorangehen kann, und nicht etwa ihre Sitten mit ihren eigenen Geboten im Widerspruch stehen, oder daß sie nicht mit Worten aufbaut und mit Thaten selbst wieder einreißt und so das Wort der Zurechtweisung aus ihrem Munde verloren gehe, daß sie erröten müßte andere zu tadeln über Fehler, deren sie sich selber schuldig macht.

Diesem Fehler zu entgehen, bittet der Psalmist den Herrn: »Laß die Wahrheit nimmer ferne sein von meinem Munde«; denn er gedenkt der schweren Drohung des Herrn, die er an anderer Stelle erwähnt, wenn er sagt: »Zu dem Sünder aber hat Gott gesprochen: Was verkündigest du meine Rechte und nimmst meinen Bund in deinen Mund, so du doch Zucht hassest und wirfst meine Worte hinter dich?« Und der Apostel Paulus, diesem Vorwurf zu entgehen, sagt: »Ich betäube meinen Leib und zähme ihn, daß ich nicht den andern predige und selbst verwerflich werde«. Denn wessen Leben verächtlich ist, der darf sich nicht wundern, wenn auch seine Predigt und Lehre mißachtet wird. Und wenn der, der einen andern heilen sollte, an der nämlichen Krankheit selbst leidet, so kann ihm der Kranke mit Recht zurufen: »Arzt, hilf dir selber!«

Möchte sich doch jeder, der in der Kirche eine gebietende Stellung einnimmt, klar machen, welch große Zerstörung sein eigener Fall verursacht, da er seine Untergebenen mit hinunterreißt in den Abgrund des Verderbens. Die Wahrheit spricht: »Wer eines von diesen kleinsten Geboten auflöset und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich«. Es löst aber das Gebot auf, wer das Gegenteil davon thut, und ein solcher Mann, der durch sein schlimmes Beispiel auch andere verdirbt, sitzt auf seinem Stuhl als ein Lehrer der Pestilenz. Wenn nun einer, der sich also verschuldet, der Kleinste heißen soll im Himmelreich: wofür soll dann ein schlechter Vorgesetzter gelten, von dessen Pflichtvergessenheit der Herr nicht bloß das Blut seiner eigenen Seele, sondern auch aller ihm untergebenen Seelen Blut verlangen wird?

Darum spricht die »Weisheit« folgende Drohung aus: »Denn euch ist die Obrigkeit gegeben vom Herrn und die Gewalt vom Höchsten, welcher wird fragen, wie ihr handelt, und forschen, was ihr ordnet. Denn ihr seid seines Reiches Amtleute; aber ihr führet euer Amt nicht fein, und haltet kein Recht, und thut nicht nach dem, das der Herr geordnet hat. Er wird gar greulich und kurz über euch kommen, und es wird ein gar scharf Gericht gehen über die Oberherrn. Denn den Geringen widerfähret Gnade; aber die Gewaltigen werden gewaltiglich gestraft werden, und über die Mächtigen wird ein stark Gericht gehalten werden«.

Der Untergebene hat genug gethan, wenn er seine eigene Seele vor Sünde bewahrt. Den Vorgesetzten droht der Tod auch für fremde Vergehungen. Denn mit der Größe der anvertrauten Gabe wächst auch die Verantwortung, und wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert werden. Das Buch der »Sprüche« warnt uns vor dieser großen Gefahr eindringlich mit den Worten: »Mein Kind, wirst du Bürge für deinen Nächsten und hast deine Hand bei einem Fremden verhaftet, so bist du verknüpft mit der Rede deines Mundes und gefangen mit den Reden deines Mundes. So thue doch, mein Kind, also und errette dich, denn du bist deinem Nächsten in die Hände gekommen. Eile, dränge und treibe deinen Nächsten. Laß deine Augen nicht schlafen noch deine Augenlider schlummern«.

Bürge für einen Freund werden wir, indem unsere Liebe irgend jemand in unsere Lebensgemeinschaft aufnimmt. Wir sagen ihm unsere liebevolle Fürsorge zu, wie er seinerseits uns Gehorsam verspricht. Und unsere Hand »verhaften« wir insofern bei ihm, als wir infolge des Gelübdes ihn zum Gegenstand unserer thätigen Fürsorge machen. Endlich sind wir ihm auch »in die Hände gekommen«, denn, wenn wir uns nicht vor ihm vorsehen, so kann er zum Mörder unserer Seele werden. Um dieser Gefahr zu entgehen, ist der Rat zu befolgen: »Eile, dränge und treibe« u. s. w.

So soll denn die Äbtissin gleich einem umsichtigen, unermüdlichen Feldherrn bald hier bald dort sein und ihr Lager in Ordnung halten und mustern, damit nicht durch Nachlässigkeit dem ein Zugang sich öffne, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Alle Schäden des Hauses soll sie zuerst bemerken, damit sie von ihr gutgemacht werden können, ehe sie von andern bemerkt werden und böses Beispiel geben. Möge es ihr nicht so gehen, wie den thörichten oder nachlässigen Leuten, denen der heilige Hieronymus den Vorwurf macht: »Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, wenn in unserem Hause etwas nicht in Ordnung ist und wissen nichts von den Fehlern unserer Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon sprechen«.