Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards
Part 18
Sodann aber verlassen wir alles und folgen nackt dem nackten Christus nach, wie es die heiligen Apostel gemacht haben. Dazu gehört, daß wir um seinetwillen nicht bloß irdischen Besitz oder Bande des Blutes, sondern auch unsern eigenen Willen hintansetzen, so daß wir nicht nach eigenem Gutdünken leben, sondern durch den Willen unseres Vorgesetzten uns lenken lassen und uns dem, der an Christi Statt unser Oberhaupt ist, völlig unterwerfen wie Christo selbst. Er sagt selbst von solchen: »Wer euch höret, der höret mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich«. Selbst wenn jener, was Gott verhüte, einen üblen Lebenswandel führen sollte -- wenn er nur gute Vorschriften giebt; denn um der schlechten Menschen willen darf man Gottes gute Absicht nicht verachten. In dieser Beziehung sagt der Herr selbst: »Was sie euch sagen, das haltet und thut, aber nach ihren Werken sollt ihr nicht thun«. Worin aber diese Bekehrung von der Welt zu Gott bestehe, darüber äußert er sich deutlich also: »Wer nicht entsagt allem, das er hat, der kann nicht mein Jünger sein«. Ferner: »So jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kind, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein«. Seinen Vater oder seine Mutter hassen heißt aber so viel als: sich nicht durch die Rücksicht auf Bande des Blutes halten lassen; gleichwie sein Leben hassen so viel ist als: auf seinen eigenen Willen verzichten. Dieses Verlangen stellt der Herr selbst ein anderes Mal an uns mit den Worten: »Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir«. Denn also gehen wir hinter ihm drein auf seiner Spur, wir folgen ihm nach, indem wir mit Eifer sein Beispiel nachahmen, der gesagt hat: »Ich suche nicht meinen Willen, sondern des Vaters Willen, der mich gesandt hat«. Als wollte er sagen: wir sollen alles im Gehorsam thun. Denn was heißt »sich selbst verleugnen« anderes als: das Behagen des Fleisches und den eigenen Willen hintansetzen und sich von fremdem, nicht vom eigenen Gutdünken leiten lassen? Und so empfängt der Mensch sein Kreuz nicht aus eines anderen Hand, sondern er nimmt es selbst auf sich, und durch dasselbe ist ihm die Welt gekreuzigt und er der Welt, wenn er durch ein freiwilliges Gelübde allen weltlichen und irdischen Wünschen entsagt, d. h. auf seinen eigenen Willen verzichtet. Denn was wollen die, die vom Fleische sind, anderes als _ihren_ Willen durchsetzen? Und giebt es eine höhere irdische Lust, als die Befriedigung des eigenen Willens, wenn dieselbe gleich mit höchster Mühe und Gefahr erkauft werden muß? Dagegen das Kreuz tragen, d. h. eine Qual aushalten -- was ist es anderes, als etwas geschehen lassen, was unserem Willen zuwider ist, wiewohl die Durchsetzung desselben uns leicht und angenehm wäre? Darum spricht ein anderer Jesus, der freilich an den wahren nicht hinanreicht, im Buch Sirach die Warnung aus: »Folge nicht deinen bösen Lüsten, sondern brich deinen Willen, denn wo du deinen bösen Lüsten folgest, so wirst du dich deinen Feinden selbst zum Spott machen«. Wenn wir aber so unsern Wünschen wie uns selber ganz und gar entsagen, dann geben wir in Wirklichkeit jeden Eigenbesitz auf und führen jenes apostolische Leben, dem alles gemeinsam ist, wie geschrieben steht: »Die Menge aber der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele; auch keiner sagete von seinen Gütern, daß sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemein, und es wurde jedem zugeteilt nach dem ihm not war«. Nicht alle hatten ja die gleichen Bedürfnisse, darum teilte man nicht allen das gleiche Maß zu, sondern jedem, nachdem ihm not war. »Ein Herz« -- im Glauben, denn mit dem Herzen glaubt man. »Eine Seele« -- denn aus Liebe kamen sie einander mit ihren Wünschen entgegen; jeder wünschte dem andern das, was er selbst wollte, und niemand war mehr auf den eigenen Vorteil bedacht als auf den des Nächsten, sondern alles wurde dem allgemeinen Wohl dienstbar gemacht. Niemand suchte und erstrebte das Seine, sondern das, was Jesu Christi ist. Denn anders wäre ein Leben ohne persönliches Eigentum nicht denkbar, das mehr im Ehrgeiz als im eigentlichen Besitz seinen Grund hat.
Jedes überflüssige, müßige Wort ist ebensogut wie Schwatzhaftigkeit. Der heilige Augustin sagt im ersten Buch seiner Retraktationen: »Es sei ferne von mir, den Vorwurf der Schwatzhaftigkeit zu erheben, wo Notwendiges geredet wird, sei es auch mit großer Wortfülle und Ausführlichkeit«. Und Salomo seinerseits sagt: »Wer viel redet, der wird leicht in Sünden fallen; wer aber seine Zunge im Zaum hält, der ist klug«. Wir dürfen uns also wohl hüten vor einem Ding, das so leicht zur Sünde führt; je gefährlicher die Krankheit ist und je schwieriger zu vermeiden, desto ängstlicher müssen wir vor ihr auf der Hut sein. Im Hinblick darauf sagt der heilige Benedikt: »Die Mönche sollen sich allezeit des Schweigens befleißigen«. Aus dem Schweigen eine förmliche Übung zu machen, ist sicherlich mehr als einfach Schweigen beobachten. Denn zum Begriff der Übung gehört es, daß man den Willen streng dazu anhält, irgend etwas zu thun. Denn vieles thun wir nachlässig oder unwillkürlich; soll aber etwas herauskommen, so muß unser Wille und unsere Aufmerksamkeit dabei sein.
Wie schwer, aber auch wie nützlich es ist, seine Zunge im Zaume zu halten, das weiß der Apostel Jakobus wohl und sagt deshalb: »Wir fehlen alle manchfältiglich; wer aber auch in keinem Wort fehlet, der ist ein vollkommener Mann«. Und weiter sagt er: »Alle Natur der Tiere und der Vögel und der Schlangen und der Meerwunder werden gezähmet und sind gezähmet von der menschlichen Natur«. Indem er sich aber deutlich macht, wie die Zunge eine Urheberin von so viel Bösem und alles Guten Zerstörerin ist, sagt der Apostel weiter oben und weiter unten in seinem Brief: »Die Zunge ist ein klein Glied, aber welch ein Feuer! Welch einen Wald zündet's an!... eine Welt voll Ungerechtigkeit, ein unruhiges Übel, voll tödlichen Giftes«. Was aber ist gefährlicher und mehr zu fürchten als Gift? Wie also durchs Gift das Leben vernichtet wird, so zerstört die Geschwätzigkeit alle Frömmigkeit. Darum heißt es im gleichen Briefe weiter vorn: »So aber sich jemand unter euch lässet dünken, er diene Gott und hält seine Zunge nicht im Zaum, sondern verführet sein Herz, des Gottesdienst ist eitel«. So heißt es auch in den Sprüchen: »Ein Mann, der seinen Geist nicht halten kann, ist wie eine Stadt ohne Mauern«. So meinte es auch jener Greis, als ihm Antonius in Beziehung auf einige vielredende Brüder, welche sich zu ihm gesellt hatten, sagte: »Du hast rechtschaffene Brüder angetroffen, mein Vater.« Jener antwortete: »Rechtschaffene wohl, aber ihr Haus hat keine Thüre. Wer nur will, kann in ihren Stall eintreten und den Esel losbinden«. Denn unsere Seele ist gleichsam angebunden an die Krippe des Herrn, und nährt und erquickt sich da mit frommen Betrachtungen. Von dieser Krippe wird sie gelöst und schweift mit ihren Gedanken in der ganzen Welt herum, wenn das Gebot des Schweigens sie nicht zurückhält. Durch Worte wird die vernunftbegabte Seele veranlaßt, auf das, was sie hört, aufzumerken und darüber nachzudenken. Mit Gott aber reden wir in Gedanken, wie mit den Menschen in Worten. Während wir nun hier auf die Worte der Menschen hören, muß unsere Aufmerksamkeit notwendig von dort abgezogen werden, denn wir können nicht Gott und den Menschen zugleich unsere Aufmerksamkeit schenken.
Und nicht bloß müßige Worte sollen wir vermeiden, sondern auch solche, mit denen vielleicht einiger Nutzen verbunden sein könnte; denn allzuleicht kommt man vom Notwendigen aufs Unnütze und vom Unnützen aufs Schädliche. Denn »die Zunge, sagt Jakobus, ist ein unruhiges Übel«. Je kleiner und feiner sie ist als die übrigen Glieder, desto beweglicher, und während die andern durch Bewegung müde werden, ermattet sie, wenn sie nicht in Bewegung gesetzt wird, und gerade die Ruhe ist ihr unerträglich. Je feiner und biegsamer sie aber infolge der Weichheit unseres Körpers ist, desto lebhafter ist ihre Neigung, sich zu bewegen und zu sprechen, und so kann sie zur Pflanzstätte alles Bösen werden.
Der Apostel wußte, daß die Zunge hauptsächlich euch viel zu schaffen mache und untersagt deshalb den Frauen das Sprechen in der gottesdienstlichen Versammlung, selbst das Reden über religiöse Fragen; sie sollen zu Hause ihre Männer fragen, und auch wenn sie über solche Dinge belehrt werden, sollen sie, wie überhaupt bei all ihrem Thun, demütiges Schweigen beobachten. Dem Timotheus schreibt er hierüber: »Ein Weib lerne in der Stille mit aller Unterthänigkeit; einem Weib aber gestatte ich nicht, daß sie lehre, auch nicht daß sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei«. Wenn nun der Apostel Laien und verheirateten Frauen solche Vorschriften in Betreff des Schweigens giebt -- was werdet dann ihr zu thun haben? Indem er dem Timotheus solche Vorschriften giebt, will er damit sagen, daß die Frauen wortreich seien und gern reden, wo es nicht nötig ist.
Um diesem Übel nun einigermaßen zu steuern, soll die Zunge im Zaum gehalten und vollständiges Schweigen beobachtet werden an folgenden Orten und zu folgenden Zeiten: beim Gottesdienst, im Kloster, im Schlafsaal, im Refektorium, beim Essen, in der Küche und ganz besonders nach dem Kompletorium. Wenn es notwendig ist, kann man an den genannten Orten und zu den vorgeschriebenen Zeiten statt der Worte Zeichen anwenden. Man hat dafür Sorge zu tragen, daß jedermann diese Zeichen erlerne. Durch dieselben kann man einander, wenn man notwendig etwas zu sagen hat, auch an einen geeigneten, dazu bestimmten Ort bestellen. Und nachdem man sich mit möglichst wenig Worten verständigt hat, gehe man an seinen vorigen Platz zurück oder thue, was zu thun ist. Auch soll man den Mißbrauch von Worten oder Zeichen schonungslos tadeln, besonders aber das Übermaß von Worten, weil hier die größte Gefahr droht.
In dem lebhaften Wunsche, dieser vielfachen und großen Gefahr zu steuern, giebt uns der heilige Gregorius im achten Buch seiner »Moralia« folgende Vorschrift: »Wenn wir uns nicht vor überflüssigen Worten hüten, so kommen wir bald bei den wirklich schädlichen an. Daraus entstehen dann Reibereien und Streitigkeiten, der Zündstoff des Hasses gerät in Flammen und mit dem Frieden des Herzens ist es vorbei«. Daher sagt Salomo mit Recht: »Wer Wasser verschüttet, der ruft Streit hervor«. Wasser verschütten, das heißt: seiner Zunge den Lauf lassen. Dagegen sagt er in lobendem Sinn: »Tiefes Wasser kommt aus dem Munde des Mannes«. Also wer Wasser verschüttet, der ruft Streit hervor: denn wer seine Zunge nicht im Zaum hat, der sät Zwietracht. Darum heißt es in der Schrift: »Wer einem Narren Schweigen gebietet, der lindert den Zorn«.
Das ist eine deutliche Mahnung für uns, gegen diesen Fehler die größte Strenge walten zu lassen und ja keine Nachsicht ihm gegenüber zu üben, wodurch die Frömmigkeit schwer gefährdet würde. Denn aus dieser Quelle entspringen Verleumdung, Streit, Verunglimpfung, ja manchmal Zusammenrottungen und Verschwörungen, welche das Gebäude der Religion erschüttern, ja über den Haufen werfen. Ist dieses Laster ausgerottet, so werden damit freilich nicht auch zugleich die bösen Gedanken unterdrückt, doch werden wenigstens andere vor Ansteckung bewahrt.
Der Abt Macarius warnte vor diesem Laster so nachdrücklich, als glaubte er, daß die Vermeidung desselben allein schon zur Frömmigkeit genüge. Es wird von ihm erzählt: »Der Abt Macarius in Skythien gab seinen Mönchen die Weisung: 'Nach der Messe meidet einander, meine Brüder'. Da sagte einer der Mönche: 'Vater, wohin sollen wir, um eine größere Einsamkeit zu finden als diese?' Da legte er den Finger an die Lippen und sagte: 'Das ist es, was ihr fliehen sollt'. Damit trat er in seine Zelle, schloß die Thür hinter sich zu und blieb allein«. Diese Tugend des Schweigens, die nach Jakobus den Menschen vollkommen macht und von der Jesaias sagt: »Schweigen ist Pflege der Gerechtigkeit« -- sie wurde von den heiligen Vätern mit so glühendem Eifer geübt, daß z. B. der Vater Agatho drei Jahre lang einen Stein im Munde trug, bis er schweigen lernte.
Wiewohl die Seligkeit nicht am Ort hängt, so kann er doch unter Umständen zur Bewahrung und Festigung der Frömmigkeit förderlich sein, und je nachdem trägt er zur Förderung oder zur Beeinträchtigung derselben bei. Darum zogen sich auch die Schüler der Propheten, von denen Hieronymus sagt, sie seien die Mönche des alten Bundes, in die Einsamkeit zurück und bauten sich an den Ufern des Jordans ihre Hütten. Auch Johannes und seine Schüler, die Begründer unserer Lebensweise, ferner Paulus, Antonius, Macarius und alle hervorragenden Vertreter unseres Standes haben dem Lärm der an Versuchungen so reichen Welt den Rücken gekehrt und haben sich in der Einsamkeit eine Stätte frommer Betrachtung errichtet, um ganz ungestört des Umgangs mit Gott zu pflegen.
Selbst unser Herr, der doch für keine Versuchung zugänglich war, giebt uns in dieser Hinsicht ein Beispiel, indem er, wenn er etwas Großes vorhatte, mit Vorliebe die Einsamkeit aufsuchte und dem Lärm des Volks aus dem Wege ging. So hat der Herr selbst durch sein vierzigtägiges Fasten die Wüste für uns geheiligt, in der Wüste hat er die Menge gespeist, und um von seinem Gebet jede Störung fernzuhalten, hat er sich nicht bloß von der Menge, sondern auch von seinen Jüngern zurückgezogen. Auch die Jünger hat er abseits auf einem Berg unterrichtet und erwählt, die Einöde war es, die vom Glanze seiner Verklärung wiederstrahlte, auf einem Berge teilte er den versammelten Jüngern die freudige Gewißheit seiner Auferstehung mit, und vom Berge fuhr er gen Himmel, und außerdem verrichtete er noch viele mächtige Thaten in der Wüste oder an einsamen Örtern.
Auch dem Moses und den alten Vätern ist Gott in der Wüste erschienen; durch die Wüste hat er sein Volk ins gelobte Land geführt, in der Wüste hat er es festgehalten, ihm sein Gesetz gegeben, Manna regnen lassen, Wasser aus dem Fels gespendet, durch häufige Erscheinungen sein Volk getröstet und viel Wunder gethan. Durch all das hat das einzigartige Wesen uns deutlich gezeigt, wie sehr es die Einsamkeit für uns liebe, weil wir in derselben reineren Umgangs mit ihm pflegen können.
Ja, unter dem mystischen Bilde des Waldesels, der die Wildnis liebt, die Freiheit beschreibend und preisend, spricht Gott zu dem frommen Hiob: »Wer hat den Waldesel so frei lassen gehen, wer hat die Bande des Wildes aufgelöst? Dem ich das Feld zum Hause gegeben und die Wüste zur Wohnung. Er verlacht das Getümmel der Stadt, das Pochen des Treibers hört er nicht. Er schauet nach den Bergen, da seine Weide ist und suchet, wo es grün ist«.
Es ist als wollte er sagen: Wer hat das gemacht? Bin Ich es nicht? Unter dem, was wir Waldesel nennen, ist der Mönch zu verstehen, der ledig aller weltlichen Bande die ruhevolle Freiheit des einsamen Lebens aufgesucht hat und der Welt entflohen ist. Er wohnt in der Wüste, denn seine Glieder sind ausgetrocknet und abgemagert vom Fasten. Das Pochen des Treibers hört er nicht, wohl aber seine Stimme, weil er seinen Magen nicht überladet, sondern ihm nur das Notwendige zukommen läßt. Denn wer ist tagtäglich ein ungestümerer Treiber als der Magen? Er erhebt ein Geschrei, d. h. er verlangt mit Ungeduld nach überflüssigen und leckeren Speisen, und darauf darf man durchaus nicht hören. Die Berge, da seine Weide ist, das sind die Lebensbilder und Lehren der ehrwürdigen Väter, die wir zu unserer Stärkung lesen und betrachten. Unter dem Grünen sind zu verstehen alle die Schriften, die uns den Weg zum himmlischen, unverwelklichen Leben zeigen.
Eine Mahnung zur Einsamkeit enthält auch das Wort, welches Hieronymus an den Mönch Heliodorus schreibt: »Besinne dich auf die Bedeutung des Wortes 'Mönch', d. h. des Namens, den du trägst. Was thust du unter der Menge, der du der Einsamkeit gehörst?« Derselbe Schriftsteller unterscheidet unsere Lebensweise von derjenigen der Kleriker in einem Brief an den Presbyter Paulus folgendermaßen: »Wenn du das Amt eines Presbyters verwalten willst, wenn dir die Würde oder vielmehr die Bürde eines Bischofs gefällt, dann wohne in Städten und festen Plätzen und suche dein Glück im Seelenheil anderer. Willst du aber sein, was du heißest, nämlich ein Mönch, d. h. ein Einsamer, was thust du dann in den Städten, die doch nicht Aufenthaltsorte für Einsame sind, sondern für die Menge? Jeder Stand hat seine obersten Vertreter ... um nun auf den unsrigen zu kommen: Bischöfe und Presbyter mögen sich die Apostel und apostolischen Männer zum Vorbild nehmen und sich bestreben, ihnen nicht bloß an Rang, sondern auch an Tugend gleichzukommen. Wir aber sollen als unsere Vorbilder betrachten Männer wie Paulus, Antonius, Hilarion, Macarius. Und um wieder auf das zu kommen, was die Schrift uns sagt: unsere Oberhäupter sind Elias, Elisäus, auch die Prophetenschüler sind unsere Führer, welche wohnten im wüsten Gefilde und sich Hütten bauten an den Ufern des Jordans. Zu ihnen gehören auch jene Söhne des Rechab, die keinen Wein und kein gegorenes Getränke tranken, die in Zelten wohnten und welche durch die aus Jeremias ertönende Stimme Gottes gelobt wurden: es solle in ihrem Stamme nie an Männern fehlen, die in Gottes Dienst stehen«.
So sollen also auch wir unsere Wohnung in der Einsamkeit aufschlagen, damit wir fähig sind, vor Gott zu stehen und seinem Dienste uns widmen können. Da wird kein Zudrang von Menschen unsere Ruhestätte erschüttern, unser Stillleben stören, uns mit Versuchungen nahen und die Gedanken von unserem heiligen Beruf abziehen.
Uns allen mag der heilige Arsenius ein deutliches Vorbild sein, den der Herr zur Freiheit eines beschaulichen Lebens geführt hat. Von ihm wird erzählt: »Der Vater Arsenius, als er noch in seinem Palast lebte, betete zu Gott: 'Herr, führe mich auf den Weg des Heils'. Da ertönte eine Stimme, die sprach: 'Arsenius, fliehe die Menschen und du wirst gesund werden'. Er ergab sich nun dem Mönchsleben und betete wieder einmal mit denselben Worten: 'Herr, führe mich auf den Weg des Heils'. Und er vernahm eine Stimme, die sprach: 'Arsenius, fliehe, schweig, halte Ruh', das sind die Wurzeln der Sündlosigkeit'«. Diese göttliche Vorschrift machte er sich zu seiner Regel und floh nicht bloß selber die Menschen, sondern sorgte auch dafür, daß sie vor ihm flohen. Als einmal der Erzbischof in Begleitung einer Magistratsperson ihn besuchen und ein erbauliches Gespräch mit ihm führen wollte, sagte Arsenius: »Und wenn ich euch etwas sagen werde, werdet ihr euch danach richten?« Als sie dies bejahten, sagte er: »Überall, wo ihr hören werdet: Arsenius ist da -- da bleibet ferne«. Als ihn der Erzbischof ein zweites Mal besuchen wollte, schickte er zuvor zu ihm, um zu sehen, ob er ihn empfangen werde. Arsenius ließ ihm sagen: »Wenn du kommst, so werde ich dir zwar meine Thür öffnen; habe ich aber dir geöffnet, so muß ich auch allen andern öffnen, und dann wird meines Bleibens hier nicht länger sein«. Darauf sagte der Bischof: »Wenn ihn mein Besuch nur vertreibt, so will ich nie mehr zu dem heiligen Manne gehen«. Einer römischen Dame, die gekommen war, um seiner Heiligkeit zu huldigen, sagte er: »Was ist dir eingefallen, eine so weite Reise zu machen? Weißt du nicht, daß du ein Weib bist und nicht in der Welt herumfahren sollst? Oder willst du den andern Frauen in Rom erzählen: ich habe den Arsenius gesehen -- so daß das Meer bald von Weibern wimmeln wird, die mich besuchen wollen?« Die Frau antwortete: »Wenn Gott mir die Rückkehr nach Rom verstattet, so will ich dafür sorgen, daß niemand hierher kommt. Aber bitte für mich und gedenke allezeit meiner.« Darauf Arsenius: »Ja, ich will Gott bitten, daß er die Erinnerung an dich aus meinem Herzen verwische«. Als die Dame dies vernahm, entfernte sie sich ganz betroffen.
Es wird weiter von ihm erzählt: als der Vater Markus ihn fragte, warum er den Menschen so sehr aus dem Wege gehe, habe er geantwortet: »Weiß Gott, ich liebe die Menschen, aber ich kann nicht mit Gott und mit den Menschen zugleich verkehren«.
Die heiligen Väter scheuten den Verkehr und die Bekanntschaft mit den Leuten so sehr, daß einige von ihnen, nur um die Menschen ganz fern von sich zu halten, sich wahnsinnig stellten, ja, was fast unglaublich ist, sich selbst für Ketzer ausgaben. In dem »Leben der Altväter« kann man es lesen, was der Vater Simeon für Anstalten machte, als der Statthalter der Provinz ihn besuchen wollte: er bedeckte sich mit einem Sack, nahm ein Stück Brot und Käse in die Hand, setzte sich unter die Thür seiner Zelle und fing an zu essen. Man lese auch die Geschichte von jenem Einsiedler, der, als er erfuhr, daß Leute mit Fackeln zu ihm kommen, seine Kleider auszog, sie in den Fluß warf und alsdann ganz nackt sich anschickte, sie zu waschen. Sein Diener errötete bei diesem Anblick und bat die Leute: »Kehret um, der Alte hat den Verstand verloren«. Als er wieder zu ihm kam, fragte er ihn: »Was hast du denn gemacht, Vater? Alle, die dich sahen, sagten: der Alte ist besessen«. Da antwortete der Greis: »Das eben wollte ich hören«.
Von dem Vater Moses ist ferner zu lesen, daß er, um dem Besuch des Statthalters zu entgehen, sich in einen Sumpf flüchtete. Unterwegs begegnete ihm der Statthalter mit seinen Leuten und fragte ihn: »Sag uns, Alter, wo ist die Zelle des Moses?« Dieser antwortete: »Was wollt ihr von ihm? Er ist ein Narr und ein Ketzer«. Was soll man dazu sagen, daß der Vater Pastor sich nicht von dem Statthalter besuchen ließ, obgleich er dadurch den Sohn seiner Schwester, die ihn flehentlich darum bat, aus dem Gefängnis hätte befreien können? Wie seltsam! Die Mächtigen dieser Welt kommen voll Verehrung und Demut, die Heiligen zu besuchen, und diese sind bestrebt, sie gänzlich von sich fernzuhalten, selbst auf Kosten ihres guten Rufes.