Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards

Part 12

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Du magst hieraus ersehen, wie durchaus ungefährlich, ja, wie billig es ist, uns in Anbetracht unserer schwachen Natur in Speise und Trank volle Freiheit zu gewähren, da wir ja der Schwelgerei und der Trunkenheit nicht leicht zum Opfer fallen können; vor jener bewahrt uns unsere Bedürfnislosigkeit, vor dieser die Beschaffenheit des weiblichen Körpers, wie oben ausgeführt worden ist. Für unsere schwachen Kräfte muß es genug sein und alles, was man verlangen kann, wenn wir enthaltsam und besitzlos leben, mit dem Dienst Gottes unsere Zeit ausfüllen und im Essen und Trinken es halten, wie die Leiter der Kirche selbst oder wie fromme Laien oder endlich wie die regulierten Chorherren, die vor andern ein apostolisches Leben zu führen behaupten.

Es ist ein Beweis von großer Klugheit, wenn die, welche sich Gott durch ein Gelübde verpflichten, weniger versprechen und mehr halten, so daß sie allezeit einen Überschuß haben, den sie aus freien Stücken zu der pflichtmäßigen Leistung hinzufügen können. Die Wahrheit selber spricht: »Wenn ihr alles gethan habt, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir schuldig waren«. Deutlicher ausgedrückt soll dies heißen: Darum sind wir für unnütz und unwert zu achten und ohne Verdienst, weil wir, zufrieden mit der Erfüllung des Notwendigen, nicht aus freien Stücken mehr gethan haben. Über solche freiwillige Leistungen sagt der Herr selbst an einer andern Stelle gleichnisweise: »So du was mehr wirst darthun, so will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme«.

Möchten dies doch in unserer Zeit alle diejenigen zu Herzen nehmen, die leichtsinnig das Klostergelübde ablegen; wollten sie sich's doch klar machen, was es mit diesem Gelübde für ein Bewandtnis hat und vorher die Regel nach ihrem ganzen Inhalt genau durchforschen: dann kämen weniger Verstöße gegen dieselbe und weniger Fahrlässigkeitssünden vor. Jetzt aber drängt sich alles ohne Wahl zum Klosterleben; so oberflächlich die Aufnahme solcher Leute vor sich geht, ebenso ist nachher das Leben, das sie führen. Leichtsinnig verpflichten sie sich auf eine Regel, die sie gar nicht kennen, ebenso leichtsinnig lassen sie dieselbe nachher unbeachtet und setzen an die Stelle des Gebotes das was ihnen beliebt. Darum wollen wir Frauen uns hüten, eine Last auf uns zu nehmen, unter der wir die Männer fast alle wanken, ja erliegen sehen. Es scheint, als wäre die Welt alt geworden, als hätten die Menschen samt den anderen Kreaturen ihre ursprüngliche Jugendfrische verloren, als wäre, nach dem Worte der Wahrheit, die Liebe nicht bloß in vielen, sondern in allen erkaltet. Da sich die Menschen geändert haben, sollte man auch die sittlichen Gebote, die für sie aufgestellt sind, ändern oder ihre Strenge mäßigen.

Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus wohl beachtet; er giebt von seiner Regel zu, die Strenge der mönchischen Askese sei durch dieselbe so ermäßigt worden, daß seine Regel im Vergleich zu den früheren Bräuchen nur eine Art Anleitung zur Rechtschaffenheit und eine Einführung ins Klosterleben genannt werden könne. »Diese Regel, sagt er, haben wir verfaßt, damit sie uns, wenn wir nach ihr leben, ein Wegweiser zur Rechtschaffenheit oder die Grundlage unserer Lebensweise werde. Im übrigen, wer nach Vollkommenheit strebt, dem stehen die Lehren der heiligen Väter zu Gebote, deren Befolgung den Menschen zur Höhe der Vollendung emporführt«. Weiter sagt er: »Wer du auch seist, der du der himmlischen Heimat zustrebst: erfülle zuerst mit Christi Hilfe zur Vorübung das Geringe, das unsere Regel verlangt, alsdann erst wirst du unter Gottes Schutz zu den erhabenen Gipfeln der Weisheit und Tugend gelangen.« Während wir von den heiligen Vätern lesen, daß sie an Einem Tag den ganzen Psalter gebetet haben, sagt Benedikt selber, er habe in Anbetracht der lauen Gemüter die Übung des Psalmodierens dahin ermäßigt, daß die Psalmen über die ganze Woche verteilt wurden, so daß jetzt die Mönche sogar weniger zu thun haben als die Kleriker.

Was ist dem frommen Stand und der Ruhe des Klosterlebens mehr zuwider als das, was der Üppigkeit Nahrung zuführt und Streit und Zank erregt, ja, das Ebenbild Gottes in uns, das uns von den andern Kreaturen scheidet, das heißt die Vernunft, zerstört? Dies aber thut der Wein; darum versichert uns die Schrift, daß er von allem, was dem Menschen zur Nahrung dient, am schädlichsten sei und warnt uns vor ihm. Der größte aller Weisen sagt im Buch der Sprüche von ihm: »Der Wein macht lose Leute und starkes Getränke macht wild; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise ... Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote Augen? Nämlich wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenket ist. Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön stehet. Er gehet glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und du wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, wie ein Steuermann, der eingeschlafen ist und das Ruder verloren hat. Und du wirst sprechen: Sie schlagen mich, aber es thut mir nicht wehe, sie zerren mich hin und her, aber ich fühle es nicht. Wann will ich aufwachen, daß ich wiederum Wein finde?« Und weiter heißt es: »O nicht den Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn nichts bleibt geheim, wo die Trunkenheit herrscht. Sie möchten trinken und der Rechte vergessen und verändern die Sache irgend der armen Leute«. Im Buch Sirach steht geschrieben: »Wein und die Weiber bethören die Weisen«.

Auch Hieronymus, in seinem Brief an Nepotianus »vom Leben der Kleriker«, hält sich darüber auf, daß die Priester des alten Bundes in der Enthaltsamkeit von allen berauschenden Getränken strenger waren als die heutigen. Er sagt: »Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum porrigere, sed vinum propinare (das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen)«.

Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis verbietet ihnen den Weingenuß: »Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht Wein und Gegorenes trinken«. -- »Sicera« heißt im Hebräischen jedes berauschende Getränk, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht. »Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den Wein.«

Der Wein also, vor dessen Genuß die Könige gewarnt werden, der den Priestern gänzlich verboten wird, ist sicherlich von allen Nahrungsmitteln das gefährlichste. Gleichwohl sieht sich ein so geistbegnadeter Mann wie der heilige Benedikt genötigt, den Bedürfnissen seiner Zeit Rechnung zu tragen und für die Mönche eine Ermäßigung eintreten zu lassen. »Wir lesen zwar,« sagt er, »daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei, allein weil man in unserer Zeit die Mönche davon doch nicht überzeugen kann u. s. w.«

Er hatte wahrscheinlich auch gelesen, was in dem »Leben der Altväter« berichtet wird: »Man hatte einem Vater von einem Mönche gesagt, daß er keinen Wein trinke, worauf dieser erwiderte: der Wein ist überhaupt nichts für Mönche«. Ferner ist dort zu lesen: »Eines Tages feierte man die Messe auf dem Berge des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. Einer der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. Der trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber zum drittenmal angeboten wurde, wies er's zurück und sagte: 'Laß genug sein, Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?'« Und weiter wird von dem Vater Sisoi berichtet: »Abraham sagte zu seinen Schülern: 'Wenn man an einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und trinkt drei Kelche Wein, ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wäre nicht zu viel, wenn der Satan nicht wäre'«.

Wo in aller Welt, ich bitte dich, ist der Fleischgenuß von Gott mißbilligt und den Mönchen verboten worden? Beachte wohl, wie Benedikt sich genötigt sah, die Strenge seiner Regel zu ermäßigen, sogar in einem Stück, das für die Mönche noch viel gefährlicher ist und wovon er wußte, daß es überhaupt nichts für sie sei; er that es, weil er die Mönche zu seiner Zeit schon nicht mehr von der Notwendigkeit, in diesem Stück enthaltsam zu sein, überzeugen konnte. Möchte man doch auch in unserer Zeit mit derselben Schonung verfahren, und wenigstens die Dinge, welche in der Mitte zwischen Gut und Böse liegen und darum Indifferentien heißen, mit derselben Unbefangenheit behandeln. Etwas, das jetzt niemand mehr einleuchtet, sollte das Gelübde nicht verlangen; man sollte sich damit begnügen, alles, was in der Mitte liegt, zu erlauben, ohne Anstoß daran zu nehmen und nur das wirklich Sündhafte zu verbieten. Auch in Beziehung auf Nahrung und Kleidung sollte man die Forderungen dahin ermäßigen, daß man sich dessen bedienen dürfte, was billig zu haben ist; in allem sollte man auf das Notwendige sehen und alles Überflüssige meiden. Denn was uns nicht tüchtig macht für das Reich Gottes oder was uns vor Gott nicht besser macht, das ist auch unserer Sorge nicht wert. Dazu gehören alle äußerlichen Verrichtungen, an denen Verworfene und Auserwählte, Heuchler und Fromme in gleicher Weise teilnehmen. In nichts unterscheiden sich Christen und Juden so sehr als in den äußeren und inneren Werken; denn die Liebe allein, die der Apostel des Gesetzes Erfüllung und Ende nennt, scheidet die Söhne Gottes von denen des Teufels. Darum setzt der Apostel auch den Ruhm der Werke so sehr herunter, um dafür die Gerechtigkeit durch den Glauben zu erheben und ruft den Juden zu: »Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus. Durch welch Gesetz? Durch der Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz. So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben«. Weiter heißt es: »Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget aber die Schrift? Abraham hat Gott geglaubt und das ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet«. Und wiederum sagt er: »Dem, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit, nach dem Vorsatz der Gnade Gottes«.

Derselbe Apostel giebt auch den Christen volle Freiheit, alle Speisen zu essen und unterscheidet davon das, was wirklich gerecht macht: »Das Reich Gottes, sagt er, ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen Geist. Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isset mit einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel besser du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stößt oder ärgert oder schwach wird«.

An dieser Stelle wird nicht der Genuß einer Speise überhaupt verboten, sondern das Ärgernis, das daraus entstehen könnte; wie denn wirklich einige der bekehrten Juden Ärgernis daran genommen hatten, als sie sahen, wie die anderen auch solche Speisen aßen, die im Gesetz verboten waren. Diesen Anstoß wollte auch der Apostel Petrus vermeiden und wurde darum von Paulus nach dessen eigenem Bericht im Galaterbrief schwer getadelt und heilsam zurechtgewiesen. Dasselbe schreibt er den Korinthern: »Die Speise macht uns nicht besser vor Gott« und wiederum: »Alles was feil ist auf dem Fleischmarkt, das esset ... denn die Erde ist des Herrn und was drinnen ist«. Und an die Kolosser schreibt der Apostel: »So lasset nun niemand euch Gewissen machen über Speise oder über Trank« und gleich darauf: »So ihr denn nun abgestorben seid mit Christus den Satzungen der Welt, was lasset ihr euch dann fangen mit Satzungen, als lebetet ihr noch in der Welt, die da sagen: du sollst das nicht angreifen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren, welches sich doch alles unter Händen verzehret, und ist Menschengebot und Lehre«.

Satzungen dieser Welt nennt er die Anfangsstufen des Gesetzes, welche sich auf die äußerlichen Regeln des Fleisches beziehen, in deren Befolgung die Welt, das heißt ein bislang noch fleischliches Volk, sich anfangs übte, wie an einem Alphabet. Diesen Anfangsstufen, d. h. diesen Regeln des Fleisches sind die abgestorben, die Christo angehören. Sie bedürfen ihrer nicht mehr, da sie nicht mehr in dieser Welt leben, d. h. nicht mehr im Fleisch nach dem Sichtbaren trachten und Unterschiede machen in den Speisen und in anderen Dingen, indem sie sagen: rühret dieses und jenes nicht an. Solche Dinge können durch die Art und Weise, wie man sie gebraucht, der Seele zum Verderben werden, wenn man sie, um mit dem Apostel zu reden, angreift, kostet, anrührt; aber man kann sich ihrer auch in demütiger Gesinnung bedienen; »Menschengebot und Lehre« soll heißen: Gebot und Lehre fleischlich gesinnter, das Gesetz nur in äußerlichem Sinn verstehender Menschen, nicht Lehre Christi und der Seinigen. Denn er hat seinen Jüngern, als er sie aussandte zu predigen, in Beziehung auf Essen und Trinken volle Freiheit gelassen, obwohl es gerade für sie besonders wichtig war, jeden Anstoß zu vermeiden. Wo sie gastlich aufgenommen wurden, da sollten sie leben wie ihre Gastgeber, und essen und trinken, was man ihnen vorsetzte. Paulus scheint indessen schon im Geiste vorausgesehen zu haben, daß man von dieser Vorschrift des Herrn, die zugleich seine eigene war, abkommen werde. Denn an Timotheus schreibt er: »Der Geist aber saget deutlich, daß in den letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhangen den verführerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleißnerei Lügenredner sind, und verbieten, ehelich zu werden und zu meiden die Speise, die Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung, den Gläubigen und denen die die Wahrheit erkennen. Denn alle Kreatur Gottes ist gut und nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiliget durch das Wort Gottes und Gebet. Wenn du den Brüdern solches vorhältst, so wirst du ein guter Diener Jesu Christi sein, auferzogen in den Worten des Glaubens und der guten Lehre, bei welcher du immerdar gewesen bist«.

Wenn man allein das äußere Werk der Enthaltsamkeit mit dem leiblichen Auge ansehen wollte, müßte man da nicht den Johannes und seine Jünger, die sich mit übertriebener Kasteiung quälten, über Jesus und seine Jünger stellen? Haben doch eben die Jünger Johannes, weil sie noch in der äußerlichen Werkheiligkeit der Juden steckten, Christum und die Seinigen getadelt und den Herrn selbst gefragt: »Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten nicht?«

In Erwägung dieses Gedankens macht der heilige Augustin einen Unterschied zwischen echter und äußerlicher Tugend und urteilt, daß durch rein äußerliche Werke kein besonderes Verdienst erworben werden könne. So sagt er in seiner Schrift »Über das Gut der Ehe«: »Keuschheit ist nicht eine Tugend des Leibes, sondern der Seele. Tugenden der Seele aber zeigen sich bisweilen am Körper, bisweilen bethätigen sie sich in der Gesinnung: so wird die Tugend der Märtyrer offenbar, wenn sie körperliche Leiden erdulden«. Weiter sagt er: »Hiob besaß schon vorher die Geduld, dem Herrn war sie bekannt und er legte Zeugnis davon ab, aber die Menschen lernten sie erst durch die Prüfungen und Heimsuchungen kennen, die er durchzumachen hatte«. Ferner: »Um aber ganz deutlich zu machen, daß die Tugend in der Gesinnung bestehen könne, auch ohne äußerlich sichtbares Werk, so will ich ein Beispiel anführen, das jeden Gläubigen überzeugen wird. Daß der Herr Jesus in Wirklichkeit gehungert und gedürstet, gegessen und getrunken habe, daran zweifelt keiner, der an das Evangelium glaubt. Stand er darum in der Tugend der Enthaltsamkeit von Speise und Trank vielleicht Johannes dem Täufer nach? Denn: 'Johannes ist kommen, aß nicht Brot und trank keinen Wein, so sagten sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist kommen, isset und trinket, so sagen sie: Siehe der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Freund'. Und nachdem er von Johannes und von sich selber dies ausgesagt, fügte er noch bei: 'Die Weisheit ist gerechtfertigt worden durch ihre Kinder, welche sehen, daß es bei der Tugend der Enthaltsamkeit allezeit in erster Linie auf die Beschaffenheit des Herzens ankomme, daß sie sich aber je nach Zeit und Gelegenheit auch äußerlich bethätige, wie die Tugend der heiligen Märtyrer durch ihre Geduld im Leiden.' Darum ist das Verdienst des Petrus, der den Märtyrertod erlitten, nicht größer als das des Johannes, der nicht gelitten hat; auch hat sich Johannes, der nie verehelicht war, durch seine Enthaltsamkeit kein größeres Verdienst erworben als Abraham, der Kinder gezeugt hat: beide haben an ihrem Teil und zu ihrer Zeit Christo gedient, der eine im ehelosen Stand, der andere in der Ehe. Aber Johannes hat die Enthaltsamkeit auch äußerlich bethätigt, Abraham übte sie nur in der Gesinnung. Auf die Tage der Patriarchen folgte eine Zeit, in welcher durch das Gesetz jeder verdammt wurde, der in Israel keine Nachkommenschaft erzeugte; dennoch traf denjenigen nicht der Fluch des Gesetzes, der unfähig war, Kinder zu erzeugen. Nun aber ist die Fülle der Zeiten erschienen, wo es heißt: 'Wer es fassen kann, der fasse es; wer da hat, der wirke Werke; wer aber nicht Werke wirken will, der sage nicht, daß er etwas in sich habe'«. Aus diesen Worten geht klar hervor, daß vor Gott die tugendhafte Gesinnung allein ein Verdienst hat und daß alle, die an solcher Gesinnung einander gleich sind, und wären sie in Ansehung der Werke noch so verschieden, von Christus gleich belohnt werden. Darum sind alle wahren Christen so ganz mit ihrem inneren Menschen beschäftigt, ihn mit Tugenden zu zieren und von Fehlern zu reinigen, daß sie sich um das Außenwerk nicht oder wenig kümmern. So lesen wir auch von den Aposteln, daß ihr äußeres Gebaren, selbst als sie dem Herrn nachfolgten, so bäurisch und fast unanständig gewesen sei, daß es aussah, als hätten sie Ehrfurcht und Anstandsgefühl gänzlich vergessen. Scheuten sie sich doch nicht, beim Gang durch die Felder Ähren zu raufen, mit den Händen zu zerreiben und zu essen, wie Kinder, und auch mit dem Waschen der Hände vor dem Essen nahmen sie es nicht genau. Als sie aber deswegen von den Leuten der Unreinlichkeit gezeiht wurden, entschuldigte sie der Herr mit den Worten: »Mit ungewaschenen Händen essen verunreinigt den Menschen nicht.« Und er fügt gleich den allgemeinen Satz hinzu, daß überhaupt durch Äußerlichkeiten die Seele nicht befleckt werden könne, sondern nur durch das, was aus dem Herzen hervorkomme, nämlich arge Gedanken, Ehebruch, Mord u. s. w. Denn wenn nicht durch den bösen Willen die Seele vorher verderbt würde, so könnte das, was äußerlich mit dem Leibe geschieht, nicht Sünde sein. Darum heißt es ganz richtig, daß auch der Ehebruch und der Mord aus dem Herzen komme. Denn keine körperliche Berührung ist dazu nötig -- nach dem Spruch: »Wer ein Weib ansiehet, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen« und nach dem andern: »Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger«. Andererseits bewirkt die bloße äußere körperliche Berührung oder Verletzung noch keineswegs das Verbrechen: ein Weib, das der Gewalt erliegt, wird niemand des Ehebruchs zeihen, so wenig wie einen Richter, der nach Recht und Gerechtigkeit einen Verbrecher zum Tode verurteilt, des Mordes. »Denn kein Mörder -- steht geschrieben -- hat teil am Reiche Gottes«.

Wir müssen also weniger darauf sehen, was geschieht, als darauf, aus welcher Gesinnung eine Handlung entspringt, wenn wir dem gefallen wollen, der Herzen und Nieren prüft und im Verborgenen siehet, der, wie Paulus sagt, »richten wird das Verborgene der Menschen laut meines Evangeliums«, d. h. nach der Lehre meiner Predigt. Darum ist auch die bescheidene Gabe der Witwe, die zwei Scherflein einlegte, die machen einen Heller, allen prunkenden Gaben der Reichen von dem vorgezogen worden, zu welchem wir sprechen: »Du bedarfst nicht meiner Güter«, und der die Gabe nach dem Geber beurteilt, nicht den Geber nach der Gabe, wie geschrieben steht: »Der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer«; das will sagen: er sah vorher an die Frömmigkeit des Opfernden und um deswillen, der es gab, war ihm das Opfer angenehm.

Wahre Herzensfrömmigkeit hat vor Gott um so höheren Wert, je weniger wir unser Vertrauen auf äußere Werke setzen. Darum schreibt auch der Apostel dem Timotheus, nachdem er in der oben geschilderten Weise den Genuß aller Speisen freigegeben, über leibliche Übung und Kasteiung folgendes: »Übe dich selbst in der Gottseligkeit; denn die leibliche Übung ist wenig nutz, aber die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens«. Denn die fromme Ergebung in Gott erhält von ihm die Notdurft dieses Lebens und dereinst die Güter der Ewigkeit.

Aus diesen Zeugnissen sollen wir nichts anderes lernen als die christliche Weisheit; wir sollen, gleich Jakob, von den Tieren des Hauses unserem Vater eine Labung bereiten, nicht wie Esau draußen nach Wildbret fahnden und in jüdischer Art am Außenwerk hängen bleiben. So ist auch jenes Wort des Psalmisten gemeint: »Vor mir sind, o mein Gott, die Gelübde, die ich dir gethan, und ich will sie lösen, indem ich dich preise«. Nimm dazu noch das Wort des Dichters: »Suche dein Wesen nicht außer dir selbst«.

Viele, ja unzählige Aussprüche weltlicher und geistlicher Lehrer legen Zeugnis dafür ab, daß man sich um äußerliche und gleichgültige Dinge nicht gar sehr kümmern solle. Wo nicht, so müßten ja die Werke des Gesetzes und das nach dem Ausspruch des Petrus unerträgliche Joch seiner Knechtschaft der Freiheit des Evangeliums vorzuziehen sein, und dem sanften Joch Christi und seiner leichten Last. Christus selbst ladet uns ein zu diesem sanften Joch, zu dieser leichten Last: »Kommet her zu mir, ruft er, alle die ihr mühselig und beladen seid«. Darum hat auch der Apostel einige zum Christentum bekehrte Juden scharf getadelt, als sie dafür hielten, man müsse die Werke des Gesetzes noch beibehalten. Nach dem Bericht der Apostelgeschichte sagte er: »Ihr Männer, lieben Brüder, was versucht ihr denn nun Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie«.

Dich selbst aber, der du nicht bloß Christi Vorbild nachlebst, sondern auch seinem Apostel durch deine Klugheit wie durch deinen Namen gleichst, beschwöre ich: halte in den Forderungen äußerer Werke das Maß, welches durch die Rücksicht auf unsere schwache Natur geboten ist, damit wir uns um so mehr dem Dienste und Preise Gottes widmen können. Denn nachdem der Herr alle äußerlichen Opfer abgelehnt hat, empfiehlt er dieses ausdrücklich mit den Worten: »Wo mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der Erdboden ist mein und alles was darinnen ist. Meinest du, daß ich Ochsenfleisch essen wollte oder Bocksblut trinken? Opfere Gott Dank und bezahle dem Höchsten deine Gelübde. Und rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen«.