Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards

Part 13

Chapter 133,778 wordsPublic domain

Wir reden nicht davon als wollten wir überhaupt die Anstrengung äußerlicher Arbeit verwerfen, soweit dieselbe notwendig ist; nur wollen wir das, was der leiblichen Notdurft dient und uns in der Verrichtung des Gottesdienstes hinderlich ist, nicht gar zu hoch schätzen; besonders da durch apostolische Autorität frommen Frauen gerade das zugestanden wird, daß sie mehr durch fremde Handreichung ihren Lebensunterhalt bestreiten als durch eigene Arbeit. Darum schreibt auch Paulus an den Timotheus: »So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden; auf daß die, so rechte Witwen sind, genug haben«. Unter rechten Witwen versteht er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben, denen nicht nur ihr Mann gestorben, sondern denen auch die Welt gekreuzigt ist und sie der Welt. Diese haben ein gutes Recht darauf aus den Mitteln der Kirche, die gleichsam das Eigentum ihres himmlischen Bräutigams sind, unterhalten zu werden. Darum hat auch der Herr seine Mutter unter den Schutz des Apostels gestellt, nicht unter den ihres Mannes, und die Apostel haben sieben Diakonen, d. h. Diener der Kirche, eingesetzt, die den gläubigen Frauen Handreichung thun sollten.

Wir wissen zwar wohl, daß der Apostel in seinem Brief an die Thessalonicher einen Teil der Gemeinde, der sich einem müßigen, träumerischen Leben ergab, scharf verurteilt hat und auch die Regel aufstellte: »Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen«; auch ist uns bekannt, daß der heilige Benedikt, um dem Müßiggang zu steuern, Handarbeit vorgeschrieben hat. Allein saß nicht auch Maria einst müßig zu den Füßen des Herrn, um ihm zuzuhören, während Martha ihr und dem Herrn diente und mit einem gewissen Neid über die Saumseligkeit der Schwester murrte, welche sie allein des Tages Last und die Hitze tragen lasse? So sehen wir noch heute oftmals diejenigen, die mit äußerlichen Geschäften sich abmühen, murren, wenn sie denen mit der irdischen Notdurft dienen sollen, welche sich dem Dienste Gottes geweiht haben. Und oftmals beklagen sie sich über einen Verlust, den sie durch eine Gewaltthat erleiden, nicht so sehr, wie über das, was sie solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, entrichten müssen. Und doch sehen sie, daß solche Leute nicht allein damit beschäftigt sind, die Worte Christi zu hören, sondern daß ihre Zeit auch mit dem Lesen und Singen derselben ausgefüllt ist. Sie vergessen, daß es, wie der Apostel sagt, nichts besonderes ist, wenn sie diejenigen mit dem Leiblichen versorgen, von denen sie geistliche Gaben erwarten, und daß es nicht mehr als billig ist, wenn die, deren Streben auf das Irdische gerichtet ist, denen dienen, welche sich mit dem Geistlichen beschäftigen. Darum ist diese heilsame Muße und Freiheit auch vom Gesetz selber den Dienern der Kirche eingeräumt worden: der Stamm Levi sollte keinen Teil an dem erblichen Landbesitz haben, um desto ungestörter dem Herrn dienen zu können; dafür sollten ihm Zehnten und Abgaben von der Arbeit der anderen zufallen.

Was Fasten und Enthaltsamkeit betrifft, die der Christ mehr den Lastern gegenüber üben soll als in Beziehung auf Essen und Trinken, so wird es sich fragen, ob es sich empfiehlt, hierin zu der kirchlichen Vorschrift noch weitere Forderungen hinzuzufügen, und dann soll man diejenige Verordnung geben, die für uns am besten paßt. Ganz besonders richte dein Augenmerk auf die gottesdienstlichen Verrichtungen und auf die Verteilung der Psalmen, und trage wenigstens in diesem Stück, wenn irgend möglich, unserer Schwachheit Rechnung. Wir wollen nicht jede Woche den ganzen Psalter durchmachen und so immer dieselben Psalmen wiederholen müssen. Auch der heilige Benedikt, der die Woche so einteilte, wie er's für angemessen hielt, hat doch seinen Nachfolgern in diesem Punkt freie Hand gelassen, indem er sie ermahnt, eine andere Ordnung einzuführen, wenn sie sich mehr empfehlen sollte. Er war sich dessen bewußt, daß im Laufe der Zeit die Herrlichkeit der Kirche immer schöner sich entfalten werde und daß sie, anfangs gegründet auf ein unscheinbares Fundament, dereinst zum herrlichen Bauwerk sich erheben werde.

Das aber bitten wir dich vor allem festzusetzen, wie wir uns zu verhalten haben in Beziehung auf die Verlesung des Evangeliums und auf die nächtlichen Vigilien. Denn um diese Zeit Priester oder Diakonen zu solcher Verrichtung bei uns einzulassen, scheint mir gefährlich, da wir doch die Nähe und den Anblick von Männern peinlich meiden sollen, um uns desto aufrichtiger Gott widmen zu können und vor Versuchungen desto sicherer zu sein.

Dir, mein Geliebter fällt die Aufgabe zu, so lange du noch lebst, uns eine Regel zu geben, die für alle Zeiten bei uns in Geltung bleiben soll. Du bist ja doch nächst Gott der Gründer dieses Heiligtums, du warst durch Gottes Hand der Schöpfer unserer Gemeinschaft, du sollst jetzt mit Gottes Hilfe der Gesetzgeber unseres Ordens sein. Vielleicht bekommen wir einst nach dir einen andern Lehrer, der einen andern Grund legen und darauf bauen möchte. Wir fürchten, ein solcher möchte weniger für uns besorgt sein oder es möchte uns schwerer fallen, ihm zu gehorchen; auch könnte er vielleicht wohl den guten Willen, aber nicht die Kraft zum Vollbringen haben. Rede du zu uns und wir werden hören. Lebe wohl!

VII. Brief.

Abaelard an Heloise.

Geliebte Schwester! Deine Liebe verlangt in deinem und in deiner geistigen Töchter Namen Aufschluß über den Orden, welchem ihr angehöret und über den Ursprung des Standes der Nonnen: ich will dir so kurz und knapp als möglich darüber Auskunft geben.

Die erste Grundlage seiner Lebensordnung hat der Stand der Mönche und Nonnen von unserem Herrn Jesus Christus selber überkommen. Gleichwohl gab es auch schon vor der Menschwerdung des Herrn unter Männer und Frauen gewisse Anfänge dieser Lebensform. So schreibt Hieronymus an Eustochium: »Die Söhne der Propheten, von denen wir im Alten Testament lesen als von Mönchen«. Auch erzählt der Evangelist von jener Hanna, die beständig im Tempel und beim Gottesdienst war und die zugleich mit Simeon den Herrn im Tempel begrüßen durfte und dabei vom prophetischen Geiste erfüllt wurde. Dann, als die Zeit erfüllet war, kam Christus, das Ende des Gesetzes und alles Guten Vollendung, um das angefangene Gute hinauszuführen und das, was noch unbekannt war, auszurichten. Wie er gekommen war, um beide Geschlechter zu sich zu rufen und zu erlösen, so hat es ihm auch gefallen, beide Geschlechter in dem wahren Mönchtum seiner Gemeinschaft zu vereinigen. Dadurch sollte dieser Beruf für Männer wie für Frauen seine weihevolle Bedeutung erhalten, und allen wurde durch Christus die Vollkommenheit des Lebens vor Augen gestellt, der sie nachstreben sollten. Und so lesen wir denn von einer Gemeinschaft frommer Frauen, die mit den Aposteln und übrigen Jüngern und mit der Mutter des Herrn in Verbindung standen. Diese Frauen entsagten der Welt und verzichteten auf jeden eigenen Besitz, um Christum allein zu gewinnen, wie geschrieben steht: »Der Herr ist mein Erbteil«. Sie erfüllten in frommem Eifer die Bedingung, welche nach der vom Herrn aufgestellten Regel alle erfüllen müssen, die der Welt den Abschied geben und in die Gemeinschaft dieses frommen Lebens eintreten wollen. »Wer nicht verleugnet alles was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.«

Mit welcher Ergebenheit diese heiligen Frauen und wahren Nonnen dem Herrn nachgefolgt sind, und wie ihre Frömmigkeit von Christus selbst und nachher von den Aposteln anerkannt und in Ehren gehalten worden ist, das steht ausführlich in der heiligen Geschichte zu lesen. Wir lesen im Evangelium, wie der murrende Pharisäer, bei dem der Herr zu Gaste war, von diesem getadelt und der Liebesdienst des sündigen Weibes weit über die genossene Gastfreundschaft gestellt wurde. Wir lesen weiter, wie Lazarus nach seiner Auferweckung mit den andern bei Tische saß und seine Schwester Martha allein die Bedienung übernahm, wie Maria ein Pfund köstlicher Salbe auf die Füße des Herrn goß und mit ihren eigenen Haaren sie abtrocknete, und wie vom Duft dieser köstlichen Salbe das ganze Haus erfüllt wurde, und wie im Gedanken an ihre Kostbarkeit und weil hier eine unnötige Verschwendung getrieben zu werden schien, der Geiz des Judas und der Unwille der übrigen Jünger geweckt wurde. Während also Martha sich um die Bewirtung bemüht, bereitet Maria Wohlgerüche, die eine erquickt den Müden innerlich, die andere läßt ihm äußerliche Pflege angedeihen.

Nur von Frauen erzählen die Evangelien, daß sie dem Herrn gedient haben. Sie gaben ihr Eigentum für seinen täglichen Unterhalt hin und versorgten ihn besonders mit der Notdurft dieses Lebens. Er selbst hat sich seinen Jüngern gegenüber bei Tisch, bei der Fußwaschung zum Diener erniedrigt. Es ist uns aber nichts davon bekannt, daß ihm von einem seiner Jünger oder überhaupt von einem Manne ein ähnlicher Dienst erwiesen worden sei: die Frauen allein stellten ihm, wie schon gesagt, in solchen und allen anderen Fällen der Bedürftigkeit ihre Dienste zur Verfügung. Das Gegenstück zu der dienenden Demut des Herrn bei Tische sehen wir in dem Walten der Martha, und im Liebesdienst der Maria das Gegenstück zur Fußwaschung. Maria zeigt dabei um so mehr frommen Eifer, je schuldvoller ihre Vergangenheit gewesen war. Der Herr goß Wasser in eine Schale, um die Fußwaschung zu verrichten: sie aber netzte seine Füße mit Thränen tiefinnerster Reue, nicht mit äußerlichem Wasser. Jesus trocknete mit einem Linnen den Jüngern die Füße, ihr mußten die Haare statt des Tuches dienen. Maria fügte noch wohlriechende Salben hinzu, während uns nicht bekannt ist, daß der Herr etwas Ähnliches gethan habe. Ferner weiß ja jedermann, daß sie im Vertrauen auf seine Güte und Nachsicht sich nicht scheute, ihre Salbe über sein Haupt auszugießen. Und zwar wird berichtet, daß sie die Salbe nicht aus dem Gefäß habe träufeln lassen, sondern sie habe das Gefäß zerbrochen und so dessen Inhalt über den Herrn ausgegossen. Sie wollte damit der Glut ihres frommen Eifers Ausdruck geben; denn ein Gegenstand, der so hohen Dienstes gewürdigt war, sollte hinfort zu nichts anderem mehr benutzt werden. Durch diese That stellte sie jenen Verbrauch der Salbe dar, von dem der Prophet Daniel geweissagt hatte: wann der Heilige der Heiligen werde gesalbt werden.

Siehe da, ein Weib salbt den Heiligen der Heiligen und legt durch ihre That Zeugnis ab, daß er zugleich derjenige ist, an den sie glaubt und der, welchen der Prophet im voraus angekündigt hatte. Welch unbegreifliche Güte des Herrn, oder was für ein besonderes Verdienst kommt den Frauen zu, daß er nur ihnen sein Haupt wie seine Füße anvertraut, sie zu salben? Wie kommt das schwächere Geschlecht zu dem hohen Vorrechte, daß ein Weib den Herrn der Herrlichkeit salben durfte, der doch von seiner Empfängnis an mit dem heiligen Geist gesalbt und geweiht war. Mit sichtbaren Weihemitteln durfte sie ihn zum König und Priester weihen und ihn so auch äußerlich zum Christus, d. h. zum Gesalbten machen.

Wir wissen, daß zuerst der Erzvater Jakob einen Stein gesalbt hat, in prophetischem Hinweis auf den Herrn. Und auch später war es nur den Männern gestattet, die Salbung von Königen oder Priestern vorzunehmen oder überhaupt die Sakramente zu verwalten, nur das Recht zu taufen wurde den Frauen unter Umständen eingeräumt. Der Erzvater hatte einst den Stein zum Tempel geweiht, und noch jetzt weiht der Priester den Altar mit Öl ein. Also die Männer geben nur den Abbildern die Weihe, das Weib dagegen hat am Urbild selbst ihre Wirkung ausgeübt, wie denn die Wahrheit selbst bezeugt: »Sie hat ein gutes Werk an mir gethan«. Christus selbst wird von einem Weibe gesalbt, die Christen von Männern, das Haupt von einer Frau, die Glieder von Männern.

Mit vollem Recht wird von ihr erzählt, sie habe die Salbe auf sein Haupt nicht geträufelt, sondern darüber ausgegossen, nach jenem Wort, das die Braut im Hohenlied von dem Herrn sagt: »Dein Name ist eine ausgegossene Salbe«. Auf die überströmende Fülle dieser Salbe deutet auch der Psalmist vorbildlich hin, wenn er von einer Salbe spricht, die vom Haupt bis zum Saum des Kleides hinabfloß: »Wie der köstliche Balsam ist, der herabfließt vom Haupt Aarons in seinen ganzen Bart, der herabfließt in sein Kleid«.

Von David lesen wir, daß er eine dreifache Salbung erhalten habe, und auch Hieronymus erwähnt dies zu Psalm XXVI. Eine dreifache erhalten auch Christus und die Christen: an den Füßen und am Haupt ist der Herr von einem Weibe gesalbt worden, seinen Leichnam haben, nach dem Bericht des Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus mit Spezereien bestattet. Und auch die Christen werden durch dreifache Salbung geweiht: die erste geschieht durch die Taufe, die zweite durch die Konfirmation, die dritte durch die letzte Ölung.

Erkenne nun, wie die Frau hier bevorzugt wird: Zweimal wird der lebendige Christus von ihr gesalbt, an Füßen und Haupt, und erhält von ihr die Weihe des Königs und des Priesters. Die Salbe aus Myrrhen und Aloe, die zur Einbalsamierung der Leichen dient, deutet im voraus hin auf die Unverweslichkeit des Leibes des Herrn, welche auch die Auserwählten in der Auferstehung erlangen. Die vorausgehende Salbung durch das Weib aber deutet an die einzigartige Würde seines Königtums wie seiner Priesterwürde; und zwar die Salbung des Hauptes bedeutet die höhere, die der Füße die niedrigere Würde. Siehe da! selbst die Weihe des Königs empfängt er von einem Weibe, der doch die von Männern ihm gebotene Krone ausschlug und ihnen entfloh, als sie ihn mit Gewalt zum König machen wollten. Himmlischen, nicht irdischen Königtums Weihe vollzieht das Weib an ihm, der selbst später von sich gesagt hat: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.«

Bischöfe rühmen sich, wenn sie unter dem Beifallsruf der Menge irdische Könige salben, wenn sie, angethan mit ihren prächtigen goldglänzenden Gewändern, sterbliche Priester weihen und dabei oftmals diejenigen segnen, die Gott verflucht. Hier das einfache Weib in ihrem gewöhnlichen Kleid, ohne Pomp und Prunk; trotz des Unwillens der Apostel vollzieht sie an Christus die Weihe; nicht hoher Rang giebt ihr das Recht dazu, sondern allein ihre hingebende Frömmigkeit. O starke Glaubensbeharrlichkeit, o unsagbare Liebesglut, die alles glaubet, alles hoffet, alles träget! Der Pharisäer murrt, daß des Herrn Füße von einer Sünderin sollen gesalbt werden; die Apostel mißbilligen es laut, daß das Weib selbst sein Haupt zu berühren wagt. Aber ihr Glaube bleibt allenthalben unerschüttert, sie traut auf die Güte des Herrn, und der Herr läßt sie nicht ohne Schutz und Hilfe. Wie lieblich und angenehm ihm diese Salbung gewesen, gesteht er ja selbst, indem er verlangt, man solle sie gewähren lassen, und zu dem entrüsteten Judas sagt: »Laß sie mit Frieden, sie mag's so halten zum Tag meiner Begräbnis«. Als wollte er sagen: mißgönne nicht diesen Liebesdienst dem Lebendigen, damit du nicht dadurch zugleich dem Toten das letzte fromme Zeichen der Verehrung entziehest. Bekannt ist ja, daß auch für die Bestattung des Herrn fromme Frauen Spezereien bereitet haben. Maria hätte dabei vielleicht nicht mitgewirkt, wenn sie bei jener ersten Gelegenheit durch eine Zurückweisung in Verlegenheit versetzt worden wäre. Ja, als die Jünger über die große Kühnheit des Weibes unwillig wurden und nach dem Bericht des Markus sie anfuhren, besänftigte er ihren Zorn durch milden Zuspruch und erhob dann des Weibes That also hoch, daß er sie ins Evangelium aufgenommen wünschte und voraussagte, daß wo in aller Welt von ihm gepredigt werden werde, man auch das sagen werde zu Lob und Gedächtnis dieser Frau, die damals ihrer Kühnheit wegen sich tadeln lassen mußte. Wir wissen von keiner andern That der Liebe, die in solcher Weise vom Herrn selber gelobt und anerkannt worden wäre. Auch an dem Beispiel der armen Witwe, deren Almosen er allen reichen Kirchenstiftungen vorzog, hat er deutlich gezeigt, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit der Frauen sei.

Petrus hat sich nicht gescheut, es laut auszusprechen, daß er und seine Mitjünger alles um Christi willen verlassen haben. Zachäus, voll Sehnsucht die Ankunft des Herrn erwartend, schenkt die Hälfte seiner Güter den Armen und ist bereit, so er jemand betrogen hat, es vierfältig wiederzugeben. Viele andere haben es sich im Namen Christi oder für Christum noch viel mehr kosten lassen und haben viel größere Herrlichkeiten in seinen Dienst gestellt oder um seinetwillen verlassen. Und doch haben sie alle nicht das hohe Lob des Herrn geerntet wie die Frauen.

Wie groß ihre fromme Hingabe für ihn war, das lehren uns am deutlichsten die Vorgänge beim Tode des Herrn. Sie, die Frauen, harren unerschrocken aus, während das Haupt der Apostel seinen Herrn verleugnet, während der Jünger, den der Herr lieb hatte, entflieht und die übrigen sich zerstreuen. Keine Furcht, keine Verzweiflung konnte die Frauen während seines Leidens und in der Stunde des Todes von Christus trennen. Auf sie ganz besonders scheint das Wort des Apostels zu passen: »Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst?« Darum hat auch Matthäus, nachdem er von sich selber und von den andern Jüngern gleicherweise berichtet hatte: »Da verließen ihn alle Jünger und flohen von ihm« -- im weiteren Verlauf seiner Erzählung das treue Ausharren der Frauen hervorgehoben, die selbst dem Gekreuzigten noch zur Seite standen, soweit es ihnen verstattet wurde: »Und es waren viel Weiber da, die von ferne zusahen, die da Jesu waren nachgefolget aus Galiläa und hatten ihm gedienet«. Auch erzählt derselbe Evangelist getreulich, wie sie sich selbst vom Grabe des Herrn nicht trennen konnten: »Es waren aber Maria Magdalena und die andere Maria, die setzten sich gegen das Grab«. Von diesen Frauen berichtet auch Markus: »Es waren auch Weiber da, die von ferne solches schaueten, unter welchen war Maria Magdalena und Maria des kleinen Jakobs und Joses Mutter, und Salome, die ihm auch nachgefolget, da er in Galiläa war und gedienet hatten, und viele andere, die mit ihm hinauf gen Jerusalem gegangen waren«.

Johannes erzählt, sie seien unter dem Kreuze gestanden, und auch er selbst, der vorher geflohen war, sei bei dem Gekreuzigten gestanden; aber von dem Ausharren der Frauen spricht er zuerst, wie wenn er durch ihr Beispiel ermutigt und zurückgerufen worden wäre. »Es stund aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter, und seiner Mutter Schwester, Maria, Kleophas Weib, und Maria Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sahe und den Jünger dabei stehen« u. s. w.

Diese Ausdauer der heiligen Frauen und die Schwachheit der Jünger hat lange vor dieser Zeit der fromme Hiob für die Person Christi angedeutet in prophetischen Worten: »All mein Fleisch ist geschwunden und an meiner Haut hängt das Gebein, und nur die Lippen an meinen Zähnen sind übrig geblieben«. Auf den Gebeinen nämlich beruht die Rüstigkeit des Körpers, weil sie dem Fleisch und der Haut zur Stütze dienen. In dem Leib Christi nun, d. h. in der Kirche, ist unter dem Gebein der feste Grund des christlichen Glaubens gemeint oder jene glühende Liebe, von welcher es im Lied der Lieder heißt, daß auch viel Wasserströme die Liebe nicht mögen verlöschen; von welcher auch der Apostel sagt: »Sie träget alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles«. Das Fleisch aber bildet am Körper das Innere, die Haut das Äußere. Die Apostel, die durch ihre Predigt für die Nahrung der Seele sorgen und die Frauen, die sich um die Bedürfnisse des Körpers bemühen, werden mit dem Fleisch und mit der Haut (am Leibe Christi) verglichen. Da nun das Fleisch dahinschwand, hing das Gebein Christi unmittelbar an der Haut; das heißt: als die Jünger am Leiden ihres Herrn Anstoß nahmen und über seinen Tod in Verzweiflung gerieten, blieb die fromme Ergebenheit der Frauen unerschüttert und wich keinen Zoll breit von dem Gebein Christi. Denn die Beharrlichkeit des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe hielt sie so fest bei ihm zurück, daß sie selbst von dem Toten sich nicht trennen konnten, weder in Gedanken noch körperlich. Die Männer sind ja von Natur an Geist und Körper den Frauen überlegen. Darum wird mit Recht die männliche Natur unter dem Bilde des Fleisches dargestellt, welches dem Gebein näher ist, die schwache Natur des Weibes dagegen unter dem Bilde der Haut. Ferner: die Aufgabe der Apostel ist es, die sündigen Menschen durch ihre Rüge gleichsam zu beißen, darum stellen sie die Zähne des Herrn dar. Ihnen sind nur noch die Lippen übrig geblieben, das heißt Worte statt Thaten; denn in ihrer Hoffnungslosigkeit redeten sie wohl von Christus, thaten aber nichts für ihn. In dieser Verfassung waren auch die beiden Jünger, die nach Emmaus gingen und miteinander redeten von allem, was in diesen Tagen geschehen war; denen dann der Herr erschien und ihrer Mutlosigkeit aufhalf. Endlich: was hatten Petrus und die übrigen Jünger anderes als Worte, als der Herr seinen Leidensweg betreten mußte und der Herr selbst ihnen vorausgesagt hatte, daß sie sich an seinem Leiden ärgern werden? »Wenn sie auch alle, sprach Petrus, sich an dir ärgerten, so will ich doch mich nimmermehr ärgern.« Und noch mehr: »Und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht verleugnen. Desgleichen sagten auch alle Jünger«. Freilich: sie sagten mehr als sie thaten. Jener erste und größte Apostel, der mit dem Munde so standhaft war, daß er zum Herrn sagte: »Ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen«; dem der Herr seine Kirche im besonderen anvertraut hatte mit den Worten: »Wenn du dich dermaleins bekehrst, so stärke deine Brüder« -- er schämt sich nicht, auf das Wort einer Magd hin seinen Herrn zu verleugnen. Und nicht bloß einmal thut er das, sondern dreimal hintereinander; während sein Meister noch lebt, verleugnet er ihn, und ebenso fliehen alle übrigen Jünger von ihm in alle Winde; die Frauen dagegen lassen sich von ihm, auch nach seinem Tode, nicht trennen, weder geistig noch körperlich. Eine von ihnen, jene fromme Sünderin, spricht, indem sie den Toten noch sucht und ihn ihren Herrn nennt: »Sie haben meinen Herrn weggenommen«, und weiter: »Hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hingeleget, so will ich ihn holen«. Die Widder, ja vielmehr die Hirten, der Herde des Herrn, sie fliehen: die Schafe harren mutig aus. Seine Jünger mußte der Herr ihrer fleischlichen Schwäche wegen tadeln, denn sie vermochten selbst in seiner höchsten Leidensnot nicht eine Stunde mit ihm zu wachen. Die Frauen brachten an seinem Grab eine schlaflose Nacht unter Thränen zu und wurden gewürdigt, die Herrlichkeit des Auferstandenen zuerst zu sehen. Dem sie so treu waren bis in den Tod, sie haben ihm ihre Liebe, während er lebte, nicht mit Worten, sondern mit Thaten bewiesen. Und von der Angst, die sie um sein Leiden und Sterben erlitten hatten, wurden sie zuerst befreit durch die frohe Kunde, daß er auferstanden sei und lebe.

Während, nach Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus den Leichnam des Herrn in Leinwand wickelten und mit Spezereien bestatteten, sahen, nach dem Berichte des Markus, Maria Magdalena und Maria, die Mutter Joses, mit Eifer zu, wohin er gelegt wurde. Auch Lukas erzählt von ihnen; »Es folgten aber die Weiber nach, die mit ihm kommen waren aus Galiläa und beschaueten das Grab und wie sein Leib gelegt ward; sie kehreten aber um und bereiteten Spezereien«. Sie begnügten sich nicht mit den Spezereien des Nikodemus, sie wollten auch die ihrigen noch dazu thun. Und den Sabbath über waren sie stille nach dem Gesetz; nach Markus aber kamen, als der Sabbath um war, in aller Frühe am Tage der Auferstehung selbst Maria Magdalena und Maria Jakobi und Salome zum Grab.