Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards

Part 11

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Daran denke und halte dein Schamgefühl wach: du möchtest sonst die begangenen Frevel durch noch Frevelhafteres verstärken. Und so nimm denn geduldig hin, meine liebe Schwester, ich bitte dich drum, was die göttliche Barmherzigkeit über uns geschickt hat. Das ist die Rute des Vaters, nicht das Schwert des Verfolgers. Der Vater züchtigt, um zu bessern, damit nicht der Feind schlage, um zu töten. Durch die Wunde führt er nicht den Tod herbei, sondern rettet vor ihm; er wendet das Messer an, um abzuschneiden, was krank ist. Er verwundet den Leib und heilt die Seele. Er hätte töten sollen und macht lebendig. Er entfernt die Unreinigkeit, bis alles rein ist. Er straft einmal, um nicht ewig strafen zu müssen. Einer muß die Verletzung erleiden, damit zwei mit dem Tode verschont werden. Zwei in der Schuld, einer in der Strafe. Die göttliche Barmherzigkeit hat Nachsicht gehabt mit der Unkraft deiner Natur, und das gewiß mit Recht. Schon durch dein Geschlecht warst du von Natur schwächer und dennoch stärker in der Enthaltsamkeit, und darum weniger strafwürdig. Auch dafür sage ich dem Herrn Dank, daß er dir die Strafe erlassen und dir die Ehrenkrone aufbehalten hat. In mir hat er, um mich zu retten, durch einen einmaligen körperlichen Schmerz für immer alle Glut der Begierde erstickt, in der mich meine unbändige Leidenschaft gefangen hielt. Dein junges Herz hat er durch die beständige Lockung des Fleisches vielen noch größeren Leiden anheimgegeben, um dich der Märtyrerkrone teilhaftig werden zu lassen. Es mag dich vielleicht verdrießen, dies zu hören; du möchtest mir vielleicht das Wort verbieten, aber es ist die offenkundige Wahrheit selber, die hier redet. Wer beständig zu kämpfen hat, dem wird zuletzt auch die Krone zu teil; denn »keiner wird gekrönt, er kämpfe denn recht«. Mir aber winkt keine Krone, weil ich keinen Anlaß zum Kampfe mehr habe. Wem der Stachel der Begierde genommen ist, dem fehlt der Grund zum Kämpfen.

Doch wenn ich schon hienieden keine Krone erlange, so ist es doch gewiß immer schon etwas, daß ich keine Strafe mehr zu fürchten habe und daß mir um den schmerzhaften Augenblick meiner Bestrafung auf Erden vielleicht viele Strafen in der Ewigkeit erlassen werden. Denn von den Menschen, die an dieses elende Leben sich hängen, gilt das Wort der Schrift, das von den Tieren geschrieben steht: »Das Vieh ist verfault in seinem Mist«.

Ich will mich nicht darüber beklagen, daß ich mein Verdienst schwinden sehe, weil ich dessen sicher bin, daß das deinige zunimmt. Denn in Christus sind wir beide eins, ein Fleisch durch das Band der Ehe. Alles was dein ist, achte ich auch mir nicht fremd. Dein aber ist Christus, denn du bist seine Braut geworden. Darum bin ich jetzt, wie ich schon oben sagte, dein Knecht, ich, den du einst deinen Herrn nanntest: doch bin ich dir mehr in geistiger Liebe verbunden, als in Furcht unterthan. Darum verspreche ich mir auch so viel von deiner Verwendung für mich bei Jesus Christus und hoffe durch deine Fürsprache zu erlangen, was mein eigen Gebet nicht erwirken kann; vornehmlich in dieser bedrängten Zeit, wo tägliche Gefahr und Anfechtung mir kaum Zeit zum Leben, geschweige zum Beten läßt. Auch kann ich nicht dem Beispiel jenes frommen Eunuchen folgen, jenes vornehmen Mannes am Hofe der Äthiopenkönigin Candace, der über alle ihre Schätze gesetzt war und die weite Reise gemacht hatte, um in Jerusalem anzubeten. Zu ihm wurde auf dem Heimweg vom Engel des Herrn der Apostel Philippus gesandt, daß er ihn zum rechten Glauben bekehre: denn der Mann hatte es verdient durch sein Gebet und durch fleißiges Lesen der heiligen Schrift. Nicht einmal unterwegs ließ er davon ab; darum fügte es Gott in seiner gnädigen Nachsicht, wiewohl jener ein reicher Mann und Heide war, also, daß er auf eine Stelle der heiligen Schrift stieß, die dem Apostel eine treffliche Gelegenheit zur Anknüpfung bot.

Damit aber meiner Bitte nichts im Wege stehe und die Erfüllung derselben hinausschiebe, so beeile ich mich, den Wortlaut des Gebetes, welches ihr für mich in Demut vor den Herrn bringen möget, hier aufzusetzen und dir zu übersenden:

»O Gott, der du von Anbeginn der Schöpfung, da du aus der Rippe des Mannes das Weib gebildet, das heilige Sakrament der Ehe eingesetzt und es zu unendlicher Ehre erhoben hast, indem du selbst durch ein Weib Mensch geworden bist und dein erstes Wunder auf einer Hochzeit gethan hast; der du auch meiner Unenthaltsamkeit und Schwachheit die Ehe als Heilmittel nach deinem Wohlgefallen gewährt hast: verschmähe nicht die Bitten deiner Magd, die ich für meine und meines Geliebten Vergehen in Demut vor dein heiliges Angesicht bringe. Vergieb, o Allgütiger, der du die Güte selber bist, vergieb uns unsere Sünden, so groß und viel sie sind, und laß an der Menge unserer Schulden den Reichtum deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit offenbar werden. Ich flehe dich an: strafe die Schuldigen hienieden, damit du sie drüben schonen könnest. Strafe sie in der Zeit, daß du nicht in der Ewigkeit strafen müssest. Nimm die Rute der Zucht für deine Knechte zur Hand, nicht das Schwert deines Grimms. Schlage das Fleisch, daß die Seelen erhalten bleiben. Läutere uns, aber vergilt uns nicht nach unserer Missethat: laß deine Güte walten mehr als Gerechtigkeit; sei uns ein barmherziger Vater, nicht ein strenger Herr.«

»Prüfe und versuche uns so, wie der Prophet es für sich selber von dir erfleht mit Worten, die so viel sagen wollen als: siehe zuerst auf meine Kräfte und bemiß nach ihnen die Last der Prüfung. Auch der heilige Paulus giebt ja seinen Gläubigen den Trost: 'Denn Gott ist getreu, der euch nicht lässet versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß ihr es könnet ertragen'.«

»Du hast uns vereint, o Herr, und wiederum getrennt, wie und wann es dir gefallen hat. Nun Herr, vollende in deiner großen Barmherzigkeit, was du so gnädig begonnen; die du in der Welt für kurze Zeit auseinander gerissen, vereinige sie mit dir im Himmel für alle Ewigkeit. Denn du bist unsere Hoffnung, unser Erbteil, unsere Sehnsucht, unser Trost, o Herr, gepriesen in Ewigkeit. Amen.«

Lebe wohl in Christo, du Braut Christi, in Christo lebewohl, und lebe Christo! Amen.

VI. Brief.

Heloise an Abaelard.

(Ihrem unumschränkten Herrn seine ergebene Dienerin.)

Damit du mich nicht in irgend einem Stück des Ungehorsams zeihen könnest, so habe ich nach deinem Befehl den Äußerungen meines Schmerzes, so groß er ist, Zügel angelegt und will mich wenigstens beim Schreiben davor hüten, Worte zu gebrauchen, die ich bei der mündlichen Rede schwerlich, ja unmöglich würde zurückhalten können. Denn nichts haben wir so wenig in der Gewalt als unser Herz und statt ihm gebieten zu können, müssen wir ihm folgen. Darum, wenn wir den Stachel seiner Leidenschaften fühlen, ist niemand imstande, seine ungestümen Triebe so zu dämpfen, daß sie nicht leicht zu Thaten werden und noch leichter durch Worte sich Luft machen, welche stets die bereitwilligen Dolmetscher leidenschaftlicher Herzen sind, nach dem Worte der Schrift: »Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über«. Darum will ich wenigstens beim Schreiben meiner Hand Halt gebieten, wenn ich schon meiner Zunge das Wort nicht verbieten könnte. Wäre doch mein trauerndes Herz so bereit zu gehorchen, wie die schreibende Hand!

Etwas kannst du doch zur Milderung unseres Schmerzes beitragen, wenn du ihn auch nicht ganz zu stillen vermagst. Wie nämlich ein Nagel durch den andern ausgetrieben wird, so verdrängt ein Gedanke den andern, und der Geist, in anderer Richtung in Anspruch genommen, muß die Erinnerung an Früheres schwinden oder doch in Hintergrund treten lassen. Ein Gedanke beschäftigt aber den Geist um so lebhafter und ausschließlicher, je edler sein Inhalt ist und je notwendiger die Angelegenheit erscheint, auf welche wir unser Sinnen und Denken richten. Wir alle nun, Dienerinnen Christi und in Christus deine Töchter, bringen in Demut zwei Bitten vor dich als unsern Vater, deren Erfüllung für uns von der höchsten Wichtigkeit ist. Die erste Bitte ist die: du möchtest uns über den Ursprung des Standes der Nonnen und über das Wesen unseres Berufes aufklären. Die zweite: du möchtest uns eine Regel aufstellen und zusenden, in welcher den besonderen Bedürfnissen des weiblichen Geschlechts Rechnung getragen und die Einrichtung und Gestaltung unseres Ordenslebens von Grund aus festgesetzt würde: denn wir haben uns überzeugt, daß dies von den heiligen Vätern bis jetzt unterlassen worden ist. Diese Versäumnis hat die unangenehme Folge, daß jetzt bei der Aufnahme ins Kloster Männer und Frauen gleicherweise auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, und daß das schwache Geschlecht unter dieselbe Klosterordnung sich beugen muß wie das starke. Zu der Regel des heiligen Benediktus bekennen sich in der abendländischen Kirche die Frauen genau so wie die Männer. Es ist aber klar, daß sie ausschließlich für Männer aufgestellt worden ist und darum auch nur von Männern eingehalten werden kann, von Untergebenen wie von Vorgesetzten. Um von anderen Bestimmungen der Regel zu schweigen: was sollen wir Frauen anfangen mit den Vorschriften über Kutten, Beinkleider, Skapulire? Wie können sich Frauen die Bestimmung über Unterkleider oder wollene Hemden zu eigen machen, da sie doch solche wegen ihrer monatlichen Reinigung gerade gar nicht brauchen können? Was soll ihnen ferner die Vorschrift, daß der Abt das Evangelium selbst verlesen und danach den Hymnus anstimmen solle? Und daß der Abt mit den Pilgern und Gästen abseits an einem besonderen Tische sitzen solle? Was schickt sich für unsern Stand? Sollen wir überhaupt keine Männer gastlich aufnehmen oder soll die Äbtissin mit den Männern, die zu Gaste sind, an Einem Tisch essen? O wie schnell ist es um ein Herz geschehen, wo Männer und Frauen unter Einem Dach zusammenwohnen! Vollends aber bei Tische, wo so oft Völlerei und Trunkenheit herrscht und wo im süßbethörenden Wein die Lüsternheit lauert. Davor warnt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief an eine Mutter und ihre Tochter: »Schwer ist's, bei Schmausereien die Keuschheit zu wahren«. Auch Ovid, aller lüsternen Üppigkeit Sänger und Meister, beschreibt es in seinem Buch von der »Kunst zu lieben« des langen und breiten, wie bei festlichen Gelagen die Buhlerei ihre Rechnung finde:

»Sind vom Wein erst benetzt die durstigen Flügel Cupidos, Dann verweilt er und weicht nimmer von selbigem Ort. Frohes Lachen ertönt, der Traurige hebet das Haupt nun Sorg' entweichet und Schmerz, glatt wird die faltige Stirn. Manchem Knaben ging so das Herz an die Mädchen verloren; Lieb' durchströmet den Leib, Glut sich entzündet an Glut.«

Ja, selbst wenn man nur Frauen Herberge und Tischgemeinschaft gewährt: lauert nicht auch hier schon die Gefahr? Wahrhaftig, das wirksamste Mittel, ein Weib zu verführen, sind die Schmeicheleien durch ein anderes Weib. Auch vertraut am liebsten eine Frau der andern ihr verdorbenes Herz an. Darum warnt auch Hieronymus Frauen, die sich einem heiligen Beruf geweiht haben, nachdrücklich vor dem Verkehr mit weltlichen Frauen.

Wenn wir nun aber die Männer von unserer Gastfreundschaft ausschließen und nur Frauen unsere Pforte öffnen, so werden wir -- das sieht jeder ein -- durch solche Unfreundlichkeit den Männern, auf deren Unterstützung die Klöster des schwächeren Geschlechts angewiesen sind, vor den Kopf stoßen, da es dann den Anschein hat, als wollten wir denen wenig oder nichts geben, von denen wir das meiste empfangen.

Können wir aber nicht den ganzen Inhalt der Regel befolgen, so fürchte ich, es möchte in jenem Worte des Apostels Jakobus auch unsere Verurteilung ausgesprochen sein: »So jemand das ganze Gesetz hält und sündiget an einem, der ist's ganz schuldig«. Das heißt: Einer, der viel thut, wird gerade dadurch schuldig, daß er nicht alles erfüllt. Zum Übertreter des Gesetzes wird er schon durch eine Versäumnis; erfüllt hat er das Gesetz erst dann, wenn er alle Gebote desselben befolgt hat. Dies meint auch der Apostel, wenn er sagt: »Der gesagt hat: du sollst nicht ehebrechen, der hat auch gesagt: du sollst nicht töten. So du nun nicht ehebrichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes«. Deutlicher ausgedrückt soll dies heißen: Weil der Herr selbst das eine Gebot so gut wie das andere aufgestellt hat, darum macht sich der Übertretung des Ganzen schuldig, wer auch nur Eines nicht hält, gleichviel was für eines es sei. Und die Übertretung jedes einzelnen Gebotes ist eine Mißachtung gegen den Gesetzgeber, der sein Gesetz nicht etwa auf Ein Gebot gestellt hat, sondern gleichmäßig auf alle zusammen.

Doch ich will nicht reden von den Bestimmungen der Regel, die wir überhaupt nicht, oder doch nicht ohne Gefahr einzuhalten vermögen. Ich möchte nur fragen: wo in aller Welt ist es Sitte, daß Nonnen aufs Feld gehen, um die Ernte einzuheimsen und den Acker zu bestellen? Ferner: ist ein einziges Probejahr genügend für die Frauen, die in den Orden aufgenommen sein wollen, und sind sie hinreichend unterrichtet, wenn man ihnen die Regel dreimal vorgelesen hat, wie dies die Regel selber verlangt? Was ist thörichter, als einen unbekannten und noch nicht deutlich gezeichneten Weg zu beschreiten? Was ist voreiliger, als ein Leben zu erwählen und zu seinem Beruf zu machen, das man noch gar nicht kennt, oder ein Gelübde zu thun, das man doch nicht halten kann? Wenn die Klugheit die Mutter aller Tugenden ist und die Vernunft die Vermittlerin aller Güter -- wer wird dann etwas, das mit ihnen in Widerspruch steht, für ein Gut oder für eine Tugend halten? Selbst die Tugenden, sagt Hieronymus, können zum Laster werden, wenn sie Maß und Ziel überschreiten. Das ist aber ganz gewiß ein unkluges vernunftwidriges Verfahren, wenn man jemand eine Last auflegen will, ohne vorher die Kräfte dessen, der sie tragen soll, zu untersuchen, so daß die zugemutete Leistung im richtigen Verhältnis zur natürlichen Fähigkeit steht. Wer wird einem Esel die gleiche Last zumuten wie einem Elefanten? Wer wird Kindern und Greisen dieselbe Bürde aufladen wie Männern? Schwachen so viel wie Starken, Kranken so viel wie Gesunden, Frauen so viel wie Männern? Dem schwächeren Geschlecht so viel wie dem starken?

Mit Rücksicht darauf hat der Papst Gregorius im 24. Kapitel seines »Pastoralis« in Beziehung auf Ermahnungen und Vorschriften folgenden Unterschied gemacht: »Anders sind Männer zu ermahnen, anders Frauen; jenen kann man Schwereres zumuten, diesen nur Leichtes. Männer mögen sich in harter Übung bewähren, Frauen werden am besten durch Sanftmut und Milde gewonnen«. Diejenigen aber, welche Klosterregeln aufgestellt haben, haben nicht nur die Frauen mit gänzlichem Stillschweigen übergangen, sondern sie haben auch Bestimmungen getroffen, von denen sie wissen mußten, daß sie für Frauen keineswegs passen: wußten sie ja doch auch sehr wohl, daß man nicht Stier und Kuh unter das gleiche Joch spannen darf, weil man denen, die von Natur verschieden sind, nicht die gleiche Arbeit zumuten kann.

Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus keineswegs vergessen, und gleichsam vom Geiste aller Gerechten erfüllt, trägt er in allem der Verschiedenheit der Menschen wie der Zeiten Rechnung, damit alles, wie er dies selbst in seiner Regel festsetzt, im richtigen Maße geschehe. Beim Abt beginnend, verlangt er von demselben, er solle in der Weise das Regiment führen, daß er dem Charakter und der Einsicht eines jeden seiner Untergebenen Rechnung trage und sich so mit allen in ein gutes Einvernehmen setze; so werde er es nicht erleben müssen, daß die ihm anvertraute Herde Schaden nehme, im Gegenteil werde er sich ihres Wachstums freuen dürfen ... Seine eigene Gebrechlichkeit solle er niemals vergessen und daran denken, daß man das geknickte Rohr nicht zertreten dürfe. Er soll auch mit den besonderen Zeitumständen rechnen und sich die Klugheit des frommen Jakob zum Beispiel nehmen, welcher sagte: »Wenn sie einen Tag übertrieben würden, würde mir die ganze Herde sterben.« Solche und ähnliche Beispiele von kluger Erwägung, die aller Tugenden Mutter ist, soll er vor Augen haben und in allem so maßvoll handeln, daß die Starken genug zu thun haben und die Schwachen nicht zurückschrecken.

Diesem Bestreben, allen gerecht zu werden und überall das richtige Maß zu halten, verdanken ihren Ursprung die Ausnahmebestimmungen für Kinder, Greise und überhaupt gebrechliche Leute, ferner die Verordnung, daß der Vorleser, der, welcher den Wochendienst hat und der Koch vor den übrigen ihr Essen bekommen sollen, endlich die Fürsorge dafür, daß beim gemeinsamen Mahl Speise und Trank nach Güte und Menge mit Rücksicht auf die Art der einzelnen Leute verteilt werden -- worüber genaue Einzelvorschrift vorhanden sind. Auch für die festgesetzten Fastenzeiten sind in der Ordensregel in Rücksicht auf die Jahreszeit oder ausnahmsweise Arbeitslast mildernde Bestimmungen enthalten, wie die Schwachheit der menschlichen Natur sie erfordert.

Der Mann, der in solcher Weise in allen Stücken der besonderen Beschaffenheit der Menschen und der Zeiten Rechnung getragen hat, so daß seine Verordnungen von allen ohne Murren erfüllt werden können: wie hätte der die besonderen Bedürfnisse der Frauen berücksichtigt, wenn er seine Ordensregel, die ursprünglich nur für Männer bestimmt war, auch auf das weibliche Geschlecht hätte ausdehnen wollen! Sieht er sich schon in Rücksicht auf Knaben, Greise und Kranke wegen der Hinfälligkeit und Schwachheit der menschlichen Natur genötigt, in einigen Stücken von der Strenge der Regel etwas nachzulassen: wie viel mehr hätte er Sorge getragen für das zarte Geschlecht, das von Natur -- wie jeder weiß -- schwach und kraftlos ist. Darum so erwäge, wie es jedem vernünftigen Denken widersprechen würde, wollte man Frauen und Männer auf ein und dieselbe Regel verpflichten und die gleiche Last Schwachen wie Starken auflegen. Ich glaube, daß es in Anbetracht unserer Schwachheit genug ist, wenn wir in der Tugend des Gehorsams und der Keuschheit den Leitern der Kirche und den Geistlichen, die in frommen Gemeinschaften leben, gleichstehen; auch der Mund der Wahrheit spricht ja: »Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein Meister«. Schon das müßte uns als Leistung angerechnet werden, wenn wir es nur frommen Laien gleichthun könnten. Denn an Starken schätzt man manches nicht sonderlich, was man am Schwachen bewundert, und nach dem Wort des Apostels »ist die Kraft in den Schwachen mächtig«.

Wir wollen nur die Frömmigkeit von Laien, wie Abraham, David, Hiob, wiewohl sie im Stand der Ehe lebten, nicht geringschätzen! Es fällt mir da eine Stelle aus der siebenten Predigt des Chrysostomus über den Hebräerbrief ein: »Es giebt mancherlei Mittel, womit man das wilde Tier im Innern einschläfern kann. Was für Mittel sind das? Der Hände Arbeit, Lesen, Nachtwachen. Aber was geht das uns an, die wir keine Mönche sind? Das entgegnest du mir? Sag es doch dem Paulus, bei dem es heißt: 'Haltet an mit Wachen und Beten in aller Geduld'; oder: 'Wartet des Leibes nicht also, daß er geil werde'. Diese Worte sind nicht bloß für Mönche geschrieben, sondern für alle, die zu einem bürgerlichen Gemeinwesen gehören. Denn ein Laie soll vor einem Mönch nichts weiter voraushaben, als daß er mit seiner Frau zusammenleben darf. Das ist sein Vorrecht, ein anderes giebt es nicht für ihn, vielmehr soll er in allem anderen leben wie ein Mönch. Denn auch die Seligpreisungen, die Christus ausgesprochen hat, sind nicht bloß den Mönchen verheißen. Die ganze Welt müßte ja zu Grunde gehen, wenn alles, was Tugend heißt, in den engen Raum eines Klosters eingeschlossen wäre. Und wie könnte der Stand der Ehe ehrlich sein, wenn sie ein so großes Hindernis für unser Seelenheit wäre?«

Daraus geht deutlich hervor: Wer zu den Geboten des Evangeliums noch die Tugend der Enthaltsamkeit hinzufügt, der erreicht die sittliche Vollkommenheit des Mönchs. Möchten wir es in unserm Stande doch nur dahin bringen, daß wir das Evangelium erfüllten, ohne es überbieten zu wollen; daß wir doch nicht mehr sein wollten als gute Christen!

Von diesem Gedanken geleitet, haben, wenn ich mich nicht täusche, die frommen Väter darauf verzichtet, auch für uns Frauen, wie für die Männer, eine besondere Regel, gleichsam als ein neues Gesetz aufzustellen und durch schwere Gelübde unsere Schwachheit zu belasten. Sie dachten dabei wohl an das Wort des Apostels: »Das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung« und ferner: »Das Gesetz aber ist neben einkommen, auf daß die Sünde mächtiger würde«. Derselbe strenge Prediger der Enthaltsamkeit nötigt aber doch gewissermaßen im Gedanken an unsere Schwachheit die jungen Witwen zur zweiten Ehe, indem er sagt: »So will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem Widersacher keine Ursach' zu schelten geben«. Auch der heilige Hieronymus hält diese Verordnung für ganz heilsam und giebt der Jungfrau Eustochium mit Rücksicht auf unbedachte Gelübde von Frauen folgenden Rat: »Wenn sogar diejenigen, die ihre Jungfräulichkeit bewahrt haben, wegen ihrer sonstigen Sünden nicht vorwurfsfrei sind: was wird erst denen geschehen, die die Glieder Christi preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Es ist dem Menschen besser, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und auf der ebenen Erde zu bleiben als hoch hinaus zu wollen und schließlich in den Rachen der Hölle hinabzustürzen«. Auch der heilige Augustin schreibt in seinem Buch »Über die Enthaltsamkeit der Witwen« an Julian folgendes zur Warnung vor unbesonnenem Ablegen eines Gelübdes: »Die, welche sich noch nicht gebunden hat, soll es sich wohl überlegen, hat sie aber einmal den Schritt gethan, dann soll sie auch dabei bleiben. Man soll dem Widersacher keine Gelegenheit geben und Christus kein Opfer entziehen.« Darum steht auch in den Kanones mit Rücksicht auf unsere Schwachheit die Bestimmung, daß Diakonissen nicht vor dem vierzigsten Jahr ordiniert werden dürfen und auch dann nur, wenn sie ein gutes Zeugnis haben; während man zum Diakon schon vom zwanzigsten Jahr an befördert werden kann.

In klösterlichen Vereinigungen leben aber auch die sogenannten regulierten Chorherren, die sich, wie man sagt, zu einer Regel des heiligen Augustin bekennen und sich in keinem Stück geringer achten als die Mönche, obwohl sie, wie bekannt, Fleisch zu essen und linnene Gewänder zu tragen sich erlauben. Wenn unsere Schwachheit wenigstens diese Stufe der Vollkommenheit erreichen könnte, wäre das für nichts zu achten?

Man könnte uns, was die Nahrung anbelangt, schon deshalb ohne Gefahr alle Speisen erlauben, weil die Natur selbst uns vor Ausschreitungen behütet, indem sie unserem Geschlecht an der Tugend der Nüchternheit einen schützenden Halt gegeben hat. Man weiß, daß Frauen zu ihrem leiblichen Unterhalt weniger bedürfen als die Männer und die Physik lehrt uns, daß das weibliche Geschlecht auch weniger leicht der Trunkenheit anheimfällt. Macrobius Theodosius macht im 7. Kapitel seiner Saturnalia folgende Bemerkung: »Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, die Greise oft. Der Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und ganz besonders sprechen dafür die regelmäßigen Reinigungen, durch welche ihr Körper von überflüssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Stärke, wenn er mit so überreichem flüssigem Stoff sich mischt und steigt nicht so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelähmt wird«. Ferner heißt es dort: »Der weibliche Körper unterliegt häufigen Reinigungen und hat an seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell. Alte Männer dagegen haben einen ausgetrockneten Körper, was man schon an der Rauheit und der dunklen Farbe ihrer Haut sehen kann«.