Part 3
Nehmen wir nun eine Feuer-Seele, gleich der des Faust, ihrer innersten Eigenthümlichkeit nach von unbedingtem Streben gegen ächtes Freisein in Läuterung von allem Ungemäßen gerichtet, denken wir aber in dieser Seele zugleich eine heftige Anziehung gegen das Drängen der Erscheinungswelt und überdieß sie in eines jener dissonirenden Verhältnisse des Lebens verwiesen, dessen Druck uns nur gerechtfertigt wird, wenn wir daran gedenken, daß ohne dissonirende Akkorde im Einzelnen keine befriedigende Fortschreitung höherer Harmonie im Ganzen möglich wäre, und es wird uns begreiflich, wie schmerzlich, krankhaft und stürmisch die Entwicklung einer solchen Seele durch tausendfältig bindende, lösende und wieder bindende Vorgänge zu endlicher Freiheit sich hindurch winden müsse, wie ängstlich suchend die Arme oft durch tausendfältige, zu Leiden sich wandelnde Freuden aufstreben müsse, um zu höherer gottinniger Freiheit zu gelangen. +Dante+ vergleicht in seinem =~Convito~= die Seele des durch das Irrsal des Lebens ihrer Bestimmung zustrebenden Menschen dem Wanderer, welchem das Finden seiner beseligenden Heimath verheißen ist, und welcher nun auf solchem Wege bald diesen, bald jenen von Weitem gesehenen Ort für die Heimath hält, ihm ängstlich zueilt und, mit schmerzlicher Täuschung belehrt, zu immer weiterer Wanderung sich genöthigt sieht. -- Gewiß dieses Bild eignet sich nun auch besonders, um den innern Zustand einer Faustischen Natur zu bezeichnen, nur lassen Sie mich noch insbesondre hinzufügen, daß ich mich ausdrücklich dagegen erklären muß, wenn man jenes gegen das höchste Göttliche in einer solchen Seele lebende, unaufhaltsame Anstreben fortwährend als ein sich seiner selbst klar Bewußtes denken möchte. -- Nein! wie die weit von ihrer Brütstätte im verschlossenen Raume hinweggeführte Brieftaube durch einen unbewußten, magnetischen Zug gegen ihre Heimath getrieben wird, so daß Sturm und Wolken sie zwar vielleicht mitunter ablenken können, sie aber doch immer durch ihr innerstes, bewußtloses Wissen jenen ihr gemäßen Weg wiederfindet, so auch eine solche Seele, in welcher der Ewige jenen Zug gnädig entzündete, deren er sich, wie der Apostel sagt, „erbarmen wollte“; -- auch sie findet, ohne zu wissen, warum, an keinem andern Orte Ruhe; das Ersehnteste, wenn es ihr im Innern nicht gemäß ist, wird ihr zur Qual, und, rastlos weiter getrieben, kann oft eine einzige Erscheinungsform, ein einziges „Leben“, wie wir zu sagen pflegen, nicht ausreichen, um die Entwicklung zu ihrem endlichen Ziele zu leiten. -- Das eben ist es ja, wenn der Herr sagt:
„Wenn er mir jetzt auch nur +verworren+ dient, So werd’ ich bald ihn in die Klarheit führen!“
Und so muß ich’s denn nun geradezu aussprechen: Göthe’s Faust wäre ein gemeines, nie zu so hoher Bedeutung und vielfacher Betrachtung gekommenes Werk, hätte er nicht gerade die große Idee als Grundgedanken enthalten, die Menschenseele in ihrer innern Göttlichkeit, wie sie mit bewußtlosem Zuge durch Tausende von Scheinwesen und Irrsale hindurch ihrer höchsten göttlichen Befriedigung entgegen strebt, oder entgegen gezogen wird, zu lebenvoller begeistigender Darstellung zu bringen, eine Aufgabe, die freilich so ungeheuer ist, daß ich weit davon entfernt bin, +alles+, was im und an dem Werke Erscheinung seiner Form genannt werden kann, unbedingt zu billigen und zu bewundern; es ist Außerordentliches geleistet, es ist ein Werk, welches, so lang Sinn für Poesie im Menschengeschlecht leben wird, nicht untergehen kann; aber wie die alten gewaltigen Dome unsrer Vorfahren, Bauwerke, mit denen der Faust bis auf ihre phantastische Verzierung mit Naturwerken so viel Verwandtes hat, gewöhnlich nie ihre vollkommne Beendigung und räumliche Vollendung erfuhren, so ist auch der Faust mehr +beendet+ als +vollendet+; aber vor allem fordere ich, daß Jemand, der den Faust überhaupt anerkennen will, +seine Grundidee anerkenne+, daß er das darin ausgesprochene genetische Princip alles ächten Seelenlebens achte, und daß er deutlich empfinde, wie das Begeistigende, ewig Anregende, ich möchte sagen, +Frühlingsmäßige+ dieses Faust auf der lebenvollen Grundanschauung von dem zwar tief zu beugenden, aber an sich schlechthin unverwüstlichen göttlichen Princip der Seele durch und durch gegründet sei. -- Hatte ich daher im Vorhergehenden unsers vielgetreuen Alb. Dürer =~Melencholia~= dem Faust von einer Seite, nämlich hinsichtlich ihrer tiefschmerzlichen, von trüben dämonischen Gedanken umschwebten Sehnsucht, verglichen, so möchte ich nun auch ein andres Blatt desselben Meisters Ihnen in’s Gedächtniß rufen, von welchem ich weiß, daß es unter dem Namen des „Ritters zwischen Tod und Teufel“ auch Ihnen bekannt genug ist, und möchte auch dieses dem Faust vergleichen, in wiefern hier in dem wohlgerüsteten, von allem Spuk unaufgehaltenen Ritter jene andre Seite dieses Werkes deutlich erkannt werden könnte, von welcher der Herr sagt:
„ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange +ist sich des rechten Weges wohl bewußt+!“
Was aber soll man denen sagen, welche, als Schergen der himmlischen Justiz, verlangen, daß Faust wegen begangener Übelthaten sofort nach seinem Abscheiden der oder jener Höllenmarter von Rechtswegen übergeben werde? -- Am besten wohl -- +nichts+!
Sie, theurer Freund, sind gleich mir genugsam überzeugt, wie wenig eine Polemik fruchten kann, wenn sie zwischen grundwesentlich Verschiedenen Statt findet! es wird ein fruchtloses Gewirre, als ob Menschen in zwei verschiedenen Sprachen, deren keine vom Andern verstanden wird, sich stritten! -- Wem noch nicht klar geworden ist, daß jeder von dem reinen Streben zum Göttlichen abgelenkte Zustand seine Qual oder, wenn Sie es menschlicherweise ausdrücken wollen, seine Strafe +in sich+ trägt; wem nicht die Erkenntniß aufgegangen ist, daß von dem Tartaros der Griechen an bis zu Dante’s Hölle und Purgatorio die Sagen von einem Marterort der Seelen auf Bildern und Gleichnissen von diesen innern, jeglichen unfreien Zustand der Seele begleitenden Schmerzen und Qualen durch und durch beruhen -- Gleichnissen, welche um so materieller und schwerfälliger aufgefaßt wurden, je unbeholfener oder befangener die menschliche Vorstellungsweise war --; wem endlich die Bedeutung der zwar von einem Anfange anhebenden, aber unendlicher Entwicklung fähigen Fort- und Fortbildung der Seele verborgen geblieben ist, dem läßt sich nun einmal hierüber weiter nichts sagen, und wir überlassen ihn getrost +seiner+ eignen Weiterbildung! -- Hübsch ist es übrigens, wie Göthe selbst, welcher die Gestalten jener Gleichnisse, den plastischen Anforderungen des Dichters gemäß, nicht entbehren konnte, geradezu Mephisto, indem ihn der Herr an den lebenden, sich mannichfaltig versuchenden Faust verweist, sagen läßt:
„Da dank ich euch! +denn mit den Todten+ Hab ich mich niemals gern befangen.“
Bedenke ich aber die Anforderungen jener Widersacher noch ausführlicher, so scheint mir wohl ein wesentlicher Grund für ihr Verlangen nach Verdammniß darin zu liegen, daß sie keinen Sinn für das haben, was tiefer Seelenschmerz von uns genannt wird; sie sind so in die Äußerlichkeit des Lebens eingewickelt, ja untergegangen, daß es ihnen nicht glaublich vorkommt, Jemanden, der im Leben bequem ißt und trinkt, dem selbst manches hohe Glück begegnet, für innerlich tausendfältig gepeinigt zu halten; sie nennen das „eingebildete Schmerzen“, und sie verlangen wirkliche; -- sie ahnen nicht, daß hier oft das, was sie wirkliche Schmerzen nennen, das Kühlungsmittel der brennenden Wunde der Seele werden kann, -- sie haben nun einmal keinen Sinn für das Schmerzenswort, welches noch dem hochbejahrten Faust entfährt:
„So sind am härtsten wir gequält: Im Reichthum fühlend, +was uns fehlt+.“
Und endlich, wenn man nun auch von dem alttestamentlichen „Aug’ um Auge, Zahn um Zahn!“ sich zu einer eigentlich christlichen Ansicht der Vergebung und der höhern Gnade erheben könnte, so heißt es endlich: die Zerknirschung, die Reue und Buße -- das müsse doch wenigstens vorhergehen! -- und wie +sie+ es bei ihrem Archonten gewohnt sind, so müsse doch dem, der das Recht zur Begnadigung habe, vorher die hinreichende Demüthigung und Bittstellung vorgebracht werden! -- O Himmel und Erde! -- welcher Ansicht von jenem ewigen, unermeßlichen, unaussprechlichen Wesen muß ich da gedenken! -- jenem Wesen, von dem es heißt: „er erbarmet sich, welches er will!“ jenem Wesen, vor welchem Weltsysteme ihre ungeheuren Entwicklungen durchlaufen und welches gnädig auch die Entfaltung der stillen Pflanze begünstigt, jenem Wesen, vor welchem die in Stürmen fortschreitende, titanenhafte Seele eben so sich heranbildet, wie die Seele des mildgesinnten, jegliche Abweichung schmerzlich bereuenden Dulders, jenem Wesen, von welchem der Psalmist sagt:
„Du machest Deine Engel zu Winden und Deine Diener zu Feuerflammen! -- Licht ist Dein Kleid, das Du anhast; Du breitest aus den Himmel, wie einen Teppich!“ --
Nein! ich will Ihnen über alles Andre schreiben, aber nichts mehr von jenen Ansichten, deren allgemeinere Vernichtung freilich erst einer Zeit vorbehalten sein wird, deren Herannahen, als einer abermaligen großen Entwicklungsstufe der Menschheit, wir nur im Stillen zu ahnen im Stande sind! -- Nur das will ich noch mit zwei Worten berühren, daß mir einst ein sonst ganz wackrer Mann entgegenstellte, die unbedingte Strebsamkeit, die fortwährend aufgeregte Thätigkeit allein könne doch nicht hinreichen, eine Seele zur höchsten Beseligung, zu vollkommener Läuterung zu führen, wenn er auch gern zugebe, daß das Versinken in Trägheit, das eigentliche Sichfallenlassen, das faule Dahingeben des Geistes an das, was nichtig ist, die wahre Verdammniß und die bleibende Niederbeugung alles Hohen und Göttlichen im Menschen bewirken müsse! -- Aber er bedachte nicht dabei, daß im Faust von keiner vagen, hin und her schweifenden Bethätigung die Rede ist, daß es sich hier um ein Hinaufwachsen durch die mannichfaltigsten Lebenserfahrungen, um eine nach höhern Gesetzen durch die verschiedensten Lebenskreise fortschreitende Ausbildung handelt, eine Ausbildung, während welcher gerade das schmerzliche Gefühl der Unvollkommenheit jedes momentanen Zustandes der Sporn ist, welcher den strebenden und während des Strebens mannichfach irrenden und leidenden Geist rastlos vorwärts treibt.
Und so seien nun der Worte für jetzt genug! denn wir sind, glaube ich, auf einem Punkte angekommen, wo jener schöne Spruch uns vollkommen gerechtfertigt erscheint, welcher als der Schlußstein dieses mächtigen Dichtung-Bogens angesehen werden kann, und mit welchem ich für heute diesen Betrachtungen und Ihnen Lebewohl sage, -- der Spruch:
„Gerettet ist das edle Glied Der Geisterwelt vom Bösen. Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen. Und hat an ihm die Liebe gar Von oben Theil genommen, Begegnet ihm die sel’ge Schaar Mit herzlichem Willkommen.“
III.
Den 5. April 1835. Abends.
Lange habe ich mich nach der Stille eines Abends und nach der tiefen innern Ruhe der Seele gesehnt, welche mir Veranlassung geben könnten, meine einsamen Betrachtungen über den Faust fortzuspinnen! Heute leuchtet endlich das wachsende Licht des Mondes, in reinen Strahlen über dunkeln, langsam ziehenden Wolken schwebend, einem solchen Abende, -- und ich begrüße die Muse, die, von glücklichen Constellationen angekündigt, der Muße begegnet, und wünsche nur, daß es mir gelingen möge, alles, was sonst noch über jenes wunderbare Werk meine Seele bewegt hat, Ihnen nun heute so wie in künftigen Tagen noch recht klar und bestimmt mitzutheilen und vor Augen zu legen.
Wenn ich aber in meinem vorigen Briefe die eine der Grundfragen des ganzen Werkes in Betrachtung gezogen habe, so möchte ich zum Thema des heutigen eine andere stellen, und zwar die Frage nach der innern Wahrhaftigkeit der Bedeutung, welche Göthe dem Einflusse höhern weiblichen Wesens auf Entwicklung, auf Reifung, ja auf Verklärung nicht nur des Faust, sondern des Menschen überhaupt zugesprochen hat.
Die mysteriosen, in vielen Ohren höchst wunderlich lautenden Worte:
„Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichniß; Das Unzulängliche, Hier wird’s Ereigniß; Das Unbeschreibliche, Hier ist’s gethan; Das Ewig-Weibliche Zieht uns hinan.“
regen zu den mannichfaltigsten Betrachtungen auf und führen zu allernächst an die Pforte tiefsinnigster Vergleichungen weiblicher und männlicher Seeleneigenthümlichkeit. -- Erlauben sie denn, daß ich auch Sie, dessen Sinnesart ich eigentlich allem Weiblichen großentheils mehr ab- als zugewendet erkannt habe, doch veranlasse, diesem Gedankenzuge einmal mit Ernst eine Zeit lang nachzugehen; es wäre denn doch wohl möglich, daß sich uns Gegenden in diesem Gebiete erschlössen, gleich jenen Attika’s, von feiner Luft durchzogen, von welcher der Scholiast sagt, sie sei weniger geeignet für das Wachsthum der Pflanzen, aber heilsam den Seelen der Athener.
Überlasse ich mich nun einem tiefern Nachsinnen über diese Gegenstände, so kommt mir unwillkürlich zunächst jener edle Geist in die Gedanken, welcher mehr und entschiedener, als vielleicht irgend Einer, durch ein hohes weibliches Wesen in seinem Entwicklungsgange gefördert worden ist, -- Dante. -- Wie merkwürdig sind nicht jene Worte über das erste Erkennen der Beatrice im Anfange seiner =~Vita nuova~=, welche ich nach Oynhausens Übersetzung hier beifüge: „Und sie erschien mir bekleidet mit der herrlichsten Farbe, demüthig und ehrbar, purpurroth umgürtet und geschmückt nach der Weise, wie es ihrem jugendlichen Alter zukam. In demselbigen Augenblicke, sage ich wahrhaftig, daß der Geist meines Lebens, welcher in der geheimsten Kammer des Herzens wohnt, anfing so heftig zu zittern, daß es zum Erschrecken sichtbar wurde in den allerkleinsten Pulsen, und zitternd sagte er diese Worte: =~ecce deus +fortior me+, veniens dominabitur mihi~= (siehe da ein Gott, +mächtiger denn ich+, welcher kommt, um über mich zu herrschen). In demselben Augenblicke auch der Geist der Empfindung, welcher in derjenigen Kammer wohnt, in welche alle die Geister der Sinne ihre Wahrnehmungen bringen; er begann sich zu erstaunen gewaltig, und, indem er vor andern zu den Geistern des Gesichts redete, sagte er diese Worte: =~apparuit jam beatitudo nostra~= (unsre Seligkeit ist uns erschienen).“ -- Und wie deutlich spricht sich nicht im ganzen Ideengange seiner gewaltigen Werke es aus, daß sie entstanden sind aus jenem geheimnißvollen Zuge, welchen Göthe einmal unübertrefflich mit Worten bezeichnet, indem er sagt:
„In unsres Busens Reine wohnt ein Streben, Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben, Enträthselnd sich dem ewig Ungekannten; Wir heißen’s Frommsein.“ --
Aber eben dieses „Frommsein“, diese innere Klarheit und Ruhe und dieses heitere Genügen, fragen wir nach, ob sie, wenn wir die Geschlechter in ihrer tiefsten Bedeutung erfassen, nicht ganz eigentlich die Bestimmung des weiblichen sind? -- Ich möchte sagen, die Sprachen schon, diese ersten, unbewußten Laute der Philosophie der Völker, deuten darauf hin; denn stellen sie nicht Alle jene ewigen Ideen, welche als leuchtende Sterne das Leben der Menschen bewegen und führen sollen, in weiblicher Form dar? und so unnatürlich es uns vorkommen würde, die widerwärtigen Geister des Zorns, des Wahnsinnes, des Neides und Hasses in weiblicher Gestalt zu denken, so einfach ist es in die Vorstellung wohl aller Völker eingegangen, die höchsten Ideen der Wahrheit, Schönheit, Liebe, Güte, Gottinnigkeit und jeglicher Tugend in weibliche Form zu kleiden. -- Wollen Sie nun aber bedenken, aus welchem Quell inneres und äußeres Elend der Menschheit hervorgeht, wollen Sie an den Streit der Leidenschaften, an die Qual der Selbstsucht, an das unstäte Umherschweifen zügellosen Verlangens und an die Marter einer sich selbst immer neu aufreizenden und eben deßhalb nie befriedigten Sehnsucht gedenken, so wird Ihnen die Beruhigung, die stille Klarheit und der tiefe, innere Frieden, wie sie ein im höchsten Sinne wahrhaft edles, weibliches Wesen durchdringen, erst ihrem ganzen Gewicht nach alsobald fühlbar werden, und es ist damit zugleich ausgesprochen, welche hohe Bedeutung der Frau eigentlich zukomme, theils und zunächst als versöhnendem, beruhigendem, läuterndem Princip in dem von streitenden Kräften angeregten und vorwärts gedrängten Leben des Mannes, theils für die Menschheit überhaupt, welche das Bedürfniß eines solchen Haltes um so mehr und um so unfehlbarer empfinden wird, je unruhiger, aufgereizter und stürmischer der Zustand ihres Lebens gerade in irgend einer Periode genannt werden mußte. -- Ich gestehe Ihnen, diese Gedankenfolge hat mich zu ganz eignen Betrachtungen geführt, von denen ich einige hier nicht abweisen kann, auf die Gefahr hin, daß Sie dieselben den gegenwärtigen Betrachtungen des Faust völlig fremdartig nennen. Hierhin rechne ich aber zuerst in den wildesten Zeiten des Mittelalters, da, wo das Reis der Barbarenstämme, auf den absterbenden Stamm überfeinerter, griechisch-römischer Cultur gepfropft; in die mächtigsten Sprossen ausschlug und zu einer Wildniß fortwuchs, in deren Schatten eine Regeneration des gesammten Menschheitlebens sich vorbereitete, die mit einem Male in dem Geiste der Chevalerie hervortretende Verehrung der Frauen und deren Verklärung in den Werken der edelsten Dichter, unter denen eben unser Dante obenan steht, Dante, welcher sich nicht scheut, den Geist einer Frau +ein stärkeres Wesen+, welches ihn beherrschen werde, zu nennen. Ist es nicht höchst merkwürdig, daß gerade in dieser stürmischen Zeit, wo die äußerst gereizte Stimmung der Menschheit sich bis auf das Physische durch die gewaltsame Macht großer Epidemien, gleich der des schwarzen Todes, bezeichnete, in der Zeit, wo die aufgeregten Leidenschaften die furchtbarsten Grausamkeiten zu täglichen Begebnissen machten, und wo die Unbändigkeit der überschäumenden Kraft alle Gränzen der Gesittung niederzuwerfen drohte, ein höherer Sinn der Liebe und eine reinere Anerkennung der ächten Bedeutung weiblicher Individualität Wurzel fassen und zu den schönsten Blüthen der Poesie und des Lebens aufsprießen konnte? -- Sodann! welche andre Bedeutung hat denn wohl, kann denn wohl haben die durch viele Zeiten und Völker durchgreifende Verehrung jener geheiligten Frau, in welcher sich der Begriff der Jungfrau wie der der Mutter auf die wunderbarste und geheimnißvollste Weise verbanden, als daß in ihr, wie in einem Symbole, ergriffen werden sollte die Idee jener beruhigenden Klarheit, jener geistigen Beschwichtigung und jenes tiefen, innigen, ja mehr als dies, gottinnigen Friedens, welcher den alleinigen Trost für das leidenschaftlich umgetriebene Gemüth des in den Lebenskampf verflochtenen Mannes, wie für die mannichfaltigen Leiden der nicht so hoch entwickelten Frau gewährt, eines Friedens, welcher im höhern ächten Sinne weiblichen Wesens sich allein mit dieser Entschiedenheit darstellt? -- Ja, ich kann nicht umhin, Ihnen einige Worte aus dem Büchlein von Deycks als vollkommen hierher gehörig auszuheben, und zwar die, wo er sagt: das, was der Mensch beizutragen vermöge zu dem Wunder der Vereinigung der Seele mit Gott, sei eben jenes reine Gefühl der Abhängigkeit, der Demüthigung des stolzen Sinnes unter das Höhere, d. i. die Zuversicht und Hoffnung, Glaubenskraft und Liebe, deren höchstes Sinnbild Maria genannt wird; -- denn wie solle sich für die reine Hingebung an das Göttliche eine geeignetere Bezeichnung finden, als eben die des +Ewig-Weiblichen+? Ist es denn nicht aber auch hier merkwürdig, daß gerade die rauhesten Zeiten, die aufgeregtesten Zustände und noch jetzt die Länder, wo ein heißeres Clima den Menschen heftiger erregt, die Bedingungen sind, welche die Verehrung jener Himmelskönigin begünstigen und begünstigt haben? -- Sehen wir nicht den kühnsten spanischen Guerilla und den verwegensten Räuber der Abruzzen noch die Ehrfurcht gegen die Madonna als einzigen Lichtstrahl in der dunkeln Nacht einer von wilden Leidenschaften verfinsterten Seele, bewahren? -- Kurz, auch hier macht sich das Recht des Gegensatzes gültig! Die von Stürmen bewegte Seele, ja schon die von Fülle der Thatkraft gespornte wird mächtig angezogen von der im tiefen Frieden eines gottergebenen Sinnes ruhenden, und nicht minder nothwendig ist es, daß in dieser hinwiederum die liebevollste Hinneigung rege werde gegen das durch Wunden und Kampf zu ihr aufstrebende Gemüth eines thatkräftigen Mannes! -- Ich weiß nicht, ob es Ihnen im Leben jemals möglich geworden ist, eine Frau solcher höheren, reineren, großartigeren Sinnesart etwas näher beobachten zu können, wahrzunehmen, mit welcher ruhigen Entschiedenheit Wesen dieser Art nicht nur auf Männer, sondern selbst auf andere minder entwickelte weibliche Wesen eben blos durch ihre ruhige leidenschaftlose Erscheinung einzuwirken pflegten. -- Mir ist manchmal bei solchen Beobachtungen der Spruch aus dem Epimenides eingefallen:
„Die gelinde Macht ist groß.“
Göthe nun, der in einem vielfältig bewegten Leben, theils unter glücklichern Himmelsstrichen, theils in den Kreisen höherer Bildung, manchen bedeutenden weiblichen Charakteren begegnet ist, und in dessen Werken so ausgezeichnete Individualitäten dieser Art geschildert sind, daß er wohl verdiente, eine deutsche Mistreß Jamson zu finden, welche mit gleicher Liebe, wie diese die weiblichen Charaktere Shakesspears, so die Frauen göthischer Dichtung ein einer nähern Schilderung zu erläutern suchte, Göthe konnte am wenigsten verkennen, welchen mächtigen Einfluß weibliches Leben und Wirken auf Entwickelung der Menschheit von jeher geübt hat, und wenn ihm vorschwebte, in einem einzigen, ihn ein halbes Jahrhundert hindurch beschäftigenden Werke die Entwicklung einer menschlichen Seele überhaupt und einer thatkräftig männlichen Seele insbesondere zu schildern, so mußte die Einwirkung von der Seite weiblicher Individualität in dieser Schilderung nothwendig eine der bedeutendsten Stellen einnehmen; die Art aber, wie diese Einwirkung nun gerade im Faust dargestellt und durchgeführt ist, genauer mit Ihnen, theuerster Freund, zu betrachten, hatte ich mir eben zur Hauptaufgabe dieses Briefes machen wollen.