Part 2
Dergleichen Dinge sind gewiß höchst merkwürdig, und Ihnen kann ich es wohl bekennen, daß mir gar manche ähnliche Erfahrung in meinem Leben zu Händen gekommen ist! -- Glauben Sie, es hat in mir Zeiten gegeben, wo mich in meinem innern rechten Sein nur dies erhielt, daß ich mir durch ein malerisches Kunstwerk Luft machte! manche trübe Wolke über meinem Seelenleben löste sich auf, wenn ich ihr im Bilde ein freies Hervortreten hatte geben können, und wer sich die schwermüthige Stimmung meiner Bilder nicht mit der frischen Thätigkeit meines Lebens zu reimen verstand, der zeigte mir alsbald an, wie wenig er von meinem innern Leben entziffert hatte! -- Gerade in diesem Verhältniß des innern Menschen zu seiner Productivität nach Außen liegt ja ganz besonders das Geheimniß der +Entwicklung+ der Seele während ihres sich Darlebens auf Erden; wie sie so ein Werk nach dem andern, eine That nach der andern äußert und von sich thut, und wie sie, indem erst das gröbere Fremdartige, dann aber auch das feinere Ungemäße ausgestoßen und abgesondert wird, so zu immer reinerer, höherer Entwicklung hinaufstrebt, möchte ich sie vollkommen der sich metamorphosirenden Pflanze vergleichen, welche, je weiter und weiter sie in ihrem Leben zur Vollendung hinaufsteigt, immer mehr sich läutert, erst die gröberen Kotyledonen und Wurzelblätter, dann die zartern Stengel und Kelchblätter hervorbildet, bis endlich innerhalb der Blüthe durch befruchtende Verstäubung des Geschlechtlichen das höchste Ziel der Pflanze, das Samenkorn, in seiner Darbildung zu Stande kommt. -- Dergleichen Ansichten, Gleichnisse, Vorstellungen darf man nun überhaupt, wie mir scheint, nirgends weniger unbeachtet lassen, als wenn man über den +Faust+ nachdenkt, über den Faust, der auf das lebendigste Gefühl vielfältiger Entwicklungsvorgänge und Metamorphosen des innern Menschen durch und durch gegründet ist. Denn, wollen wir auch freudig anerkennen, daß es einzelne lichtvollste menschliche Naturen gegeben hat und giebt, welche in reiner Stätigkeit zum Göttlichen, gleichsam geradlinig, sich entwickeln, so ist es doch für die meisten Andern und für die an einen vom Streit der Elemente bewegten Planeten gebundene Menschheit überhaupt bei weitem die eigenthümlichste Aufgabe, sich durch die Spirallinie, d. h. mit stätigen Seitenabweichungen vorwärts zu bewegen; und wenn die alten Mystiker deßhalb der Sünde des Menschen die Bedeutung gaben, durch sie für ein höheres Ziel geläutert zu werden, und wenn sogar der Erhabene, welcher das Princip höchster Liebe in die Menschheit einführte, den wiedergekehrten Verlornen höher stellte, als den nie Verirrten, so deutet alles dieses wieder auf jenes Gleichniß der Pflanze, welche erst in rohern, und dann in immer feinern Bildungen, gleichsam stets ausstoßend und absondernd, das Ungemäße abwerfend, sich bis zu reinster Darstellung ihres eigentlichen und ursprünglichen Keimes hinauf läutert.
Auf dieses hohe Geheimniß nun, in dessen Kerne wir zuletzt die Nothwendigkeit des Sündhaften zur Läuterung jenes in die Natur eingebornen Göttlichen der Menschheit deutlich ahnen können, scheint mir nun überhaupt die gesammte Sage von Faust, oder wie dieser symbolische Mensch sonst heißen mag, gegründet zu sein, und eben darum, weil der Grund der Sage ein ächt menschlicher ist, wiederhohlt sie sich unter den verschiedensten Völkern. Das ist es, was schon unter den mannichfaltigen Seelen- und Götterdurchbildungen bei den Indiern gemeint ist; das ist es, was uns die Qualen des Prometheus, welcher das himmlische Feuer den Menschen geraubt hatte, verstehen lehrt, und das ist es, was in der christlichen Zeit durch die Sagen vom Bunde ausgezeichneter Naturen mit dem Bösen symbolisch angedeutet werden soll. Freilich kommt es nun da ganz auf die Tiefsinnigkeit des Volks an, bis zu welchem Grade dieser Gedanke verfolgt werden soll; denn bei roherer Auffassung erscheint gewöhnlich nur die unbedingte Zerstörung menschlicher Natur durch die Verleitung zum Bösen, -- und eine solche Rohigkeit tritt in unsrer Volkssage vom Faust, und wie sie mancher Neuere wieder dargestellt hat, hervor. Weit höher steht dagegen schon jenes Spaniers Behandlung des wunderthätigen Magus, welcher, tiefer erkennend das Göttliche im Menschen, selbst im Bunde mit dem Bösen nur die Läuterung zu höchster Verklärung gewahr werden läßt, und dieser Gedanke war es denn nothwendig auch, der Göthe +seinen+ Faust mußte in höherer Beziehung erfassen lassen, als ihn die Volkssage gekannt hatte und als ihn noch jetzt manche insipide Beurtheiler gefaßt wissen wollen. Ich wiederhole es also nochmals, so wenig ich zugeben kann, daß Göthe Werther, daß er Tasso, daß er Wilhelm Meister war, so wenig ist er Faust; aber daß von allem diesen ein Element in ihm lag, daß die Idee einer besondern Menschheit-Entwicklung, wie sie im Faust lebt, ihn vor allen andern beschäftigt, daß sie nachhaltig sein Leben bis ins hohe Alter begleitet hat, daß er in diesem Werke und durch dessen Schöpfung mannichfaltigste Gemüthszustände und Geistesrichtungen geläutert oder in sich bezwungen hat, wer, dem der innere organische Bau dieses Werkes klar geworden ist, könnte hiervon nicht die lebendigste Anerkennung haben?
Lassen Sie mich denn mit diesen Betrachtungen für heute schließen! es liegt freilich im Faust noch Stoff zu ganzen Werken, geschweige denn zu einem noch längern Briefe, und ich werde auch nächstens, so wie mir wieder eine Reihe recht ruhiger Stunden verliehen wird, meine Gedanken hierüber fortzuspinnen versuchen; allein ehe man in dieses Labyrinth weiter eindringt, soll man doch, glaube ich, das Verhältniß des Dichters zu seinem Werke sich recht deutlich gemacht haben, und hierüber mich denn Ihnen zuerst vollkommen auszusprechen, lag mir besonders am Herzen.
Lassen Sie mich gelegentlich vernehmen, in wie weit sich nun hierin unsre Gedanken begegnet sind; denn Gedankenzüge dieser Art sind wie Regenbogen, und wie jedes Auge doch am Ende nur seinen eignen Regenbogen erblickt, so bildet sich auch jeglicher Geist seine eigne Vorstellung über dergleichen ihm lieb und werth gewordene Aufgaben.
Getreulich, wie immer,
+Ihr+ C.
[1] ~Dr.~ +C. Löwe+, Commentar zum zweiten Theile des Göthe’schen Faust. Berlin 1834.
[2] ~M.~ +Enk+, Briefe über Göthe’s Faust. Wien 1833.
[3] ~Dr.~ +F. Deycks+ Göthe’s Faust. Andeutung über Sinn und Zusammenhang des ersten und zweiten Theils. Koblenz 1834.
[4] Schreiben über Göthe’s Faust, mitgetheilt von C. von +Feuchtersleben+ in der Wiener Zeitschr. f. Literat. und Kunst. 1834. Nº 148.
II.
Vierter Februar 1835. Abend.
Es ist heute wohl wieder solch ein Abend, daß seine Ruhe einladen könnte, weiteren Gedanken über die nächste Aufgabe meiner Briefe an Sie Raum zu geben! -- Wenig Wochen sind nur verstrichen, seit ich den ersten dieser Faustischen Briefe an Sie geschrieben habe; es ist kaum Zeit gewesen, um mir ein billigendes, von Herzen zu Herzen gehendes Freundeswort von Ihnen darüber zu erwerben, und doch, wenn ich auf den im Innern seitdem wieder zurückgelegten Lebensweg mit der Fluth seiner Gedanken, mit seinem Fliehen und Ziehen, seinem Sinnen und Streben, mit seinen Leiden und seinem glänzend, oft unerwartet herantretenden Glück zurückblicke, so scheint mir schon wieder ein gewaltiger Zeitraum verstrichen; ja wenn ich manche so ganz in stiller Tiefe der Seele durchlebte Begebenheiten bedenke, so kommt mir die Stelle aus Göthe in die Gedanken, wo es heißt:
„Seltsam ist Prophetenlied, Doppelt seltsam, was geschieht!“ --
Gewahre ich aber dann in allen diesen schwankenden Erscheinungen den Strahl des Göttlichen, welcher sich wie sanft einfallendes Mondlicht durch Alles hindurchzieht, so fühle ich mich so wunderbar beruhigt, so beschwichtigt und erheitert, daß das Gefühl inniger Dankbarkeit mich durch und durch erfüllt und eine =~Calma~= in mir verbreitet, welche mir immer am geeignetsten schien, wenn irgend ein Gegenstand so recht in voller Eigenthümlichkeit in der Seele sich spiegeln soll. Wende ich mich nun mit solchem Sinne wieder zu jenem gewaltigen Werke unsers großen Meisters, so fühle ich mich gern angeregt, nachdem ich früher über das Verhältniß des Dichters zum Werke mich ausgesprochen, nunmehr die Grundfrage des Kunstwerks selbst mit Ihnen etwas ausführlicher zu betrachten, und ich bin überzeugt, daß, nachdem Sie Ihre Billigung meiner Gedanken über den Entwicklungsgang des Menschen und die Bedeutung des in diesem Gange hervortretenden Sündhaften ausdrücklich erklärt haben, wir uns auch hierüber gar wohl verständigen mögen.
Als Grundfrage des Werkes, wie es nun in seiner Vollendung vor uns liegt, betrachte ich aber: +ist es menschlicher und poetischer Wahrheit gemäß, daß Faust höherer Gottinnigkeit und Seligkeit zuzureifen noch fähig sei, nachdem er dem Bösen sich verbunden und, bis in höheres Alter vom Zuge innerer Leidenschaftlichkeit getrieben, unter manchem Tüchtigen auch das Unrechte, ja das unbedingt Verwerfliche auf sich geladen+? -- Keine Frage ist so gemacht, um die Grundfarbe des Antwortenden sogleich hervortreten zu lassen, als diese, und ich erinnere mich, die wunderlichsten Discussionen darüber gehört zu haben! -- Priester und Leviten treten heran und verdammen ihn, die ethischen Philosophen verwerfen ihn, und die Juristen verurtheilen ihn unbedingt; ja, daß Göthe diesen Gedanken der endlichen Beseligungen eines Faust festhalten konnte, wird ihm selbst zu nicht geringem Vorwurf gedeutet, und nicht viel besser wird mit dem verfahren, welcher Göthe’s hierin sich anzunehmen sich unterfangen möchte. -- Dieses denn nun alles auf sich beruhen lassend, will ich Ihnen jetzt treulich berichten, welcher Gedankenzug sich mir über diese Frage ergeben hat, und wie ich darüber gleich anfangs, sowie das Werk mir vollendet entgegentrat, mich gestimmt fühlte.
Frage ich aber zuerst im Innern bei mir selbst nach, von wo aus eigentlich und zuhöchst mein Urtheil bestimmt werde, so macht sich die mannichfaltige Naturbetrachtung, welche einen großen, ja den größten Theil meiner Lebenszeit redlich beschäftigt hat und beschäftigen wird, alsobald ihrem ganzen Gewicht nach geltend. Die Natur, diese ewige Hieroglyphe der Geisteswelt, hatte mir tausendfältig das Gesetz bewährt, daß, je mächtiger und vollendeter eine bedeutende Individualität hervortreten solle, um so vielfältigere Metamorphosen, um so eingreifendere Umstimmungen müsse sie erfahren; nur das Einfachere, schwächer Organisirte, von minder energischer Idee innerlich Getriebene lebe ohne bedeutende Verwandlungen in Zeit und Raum sich dar. -- Es ist gleichsam, als habe die bedeutendere Monas dadurch, daß sie ein größeres Material zu ihrer Erscheinung fordert, auch mächtigere Kämpfe nothwendig, um zu voller Beherrschung desselben und in diesen Kämpfen, Umbildungen und Erschütterungen zu ihrer eigenen vollkommnen Ausbildung, ihrer genügenden innern Aufklärung, -- mit einem Worte, zum höhern Selbstbewußtsein zu gelangen. -- Indem ich dieses nun auf der einen Seite recht klar anerkenne, weist auf der andern Seite mich derselbe Weg der Betrachtung auf das durch die ganze Schöpfung herrschende Gesetz unendlicher, unermeßlicher Mannichfaltigkeit, darauf, daß jeglicher Individualität eine besondre, eigenthümliche, von der andern verschiedene Idee zum Grunde liege und jeglicher dieser unendlich mannichfaltigen Ideen eine besondre Art des sich in Zeit und Raum Darlebens, eine eigenthümliche Entwicklung von Ewigkeit her angewiesen sei. -- Jetzt denn auch dieses Gesetz scharf ins Auge gefaßt, muß es uns klar werden, wie im Kreise menschlicher Naturen, als der zu einem höhern Lichte Berufenen, vermöge der auch hier sich äußernden unendlichen Mannichfaltigkeit, neben einzelnen ruhigern, klarern Individualitäten, auch andere thatkräftige, gewaltige, ich möchte sagen, dämonische Naturen auftauchen, welche, von feurigern Gedanken getrieben, zu prometheischen Thaten bestimmt sind, bedeutend in den gesammten Entwicklungsgang der Menschheit von irgend einer Seite eingreifen und, gleichsam schwerer, als viele Andre, von irdischen Stoffen und irdischen Bestrebungen belästigt, erst nach langwierigen Stürmen zu voller Beschwichtigung, zu höherer Befriedigung gelangen. Warum dem so sein müsse, warum es dem Einen leichter ward, den rechten Schwerpunkt seines Daseins zu finden, während der Andre ihn erst nach unendlichen Schwankungen erkennt? darauf ist es genügende Antwort, wenn wir uns erinnern, daß die gesammte Welterscheinung nur auf Mannichfaltigkeit und Gegensatz beruht und daß in ihr dergleichen Verschiedenheit vollkommen eben so unerläßlich ist, als in der harmonisch melodischen Kunst der Töne dissonirende und consonirende Akkorde und hohe und tiefe Noten gefordert werden. Will man aber noch weiter gehen und fragen, warum nun gerade Diesem seine Entwicklung erleichtert und begünstigt und Jenem die Seinige verzögert und erschwert sei? -- dann werden wir nie eine passendere Entgegnung finden, als die jenes Apostels, dem selbst eine so merkwürdige Entwicklungsfolge vom Dunkel zum Licht aufgegeben war; ich meine jene Stelle, wo es heißt: „So erbarmet er sich nun, welches er will, und verstocket, welchen er will.“ -- So sagest du zu mir: Was schuldiget er denn uns? wer kann seinem Willen widerstehen? -- Ja, lieber Mensch, wer bist +Du+ denn, daß Du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: „Warum machst du mich also?“ -- Worte, welche auf eine hohe und doch milde Lebensansicht deuten, durch welche wir in den Stand gesetzt werden, mit immer liebevoller, nur einmal bewundernder, ein andermal beklagender Gesinnung, bald die freudig und leicht vorschreitende, bald die gehemmte und verfehlte Entwicklung des Göttlichen irgend einer Menschenseele zu betrachten. -- Wollen Sie sich nun auf diesem Standpunkte erhalten, um die eigenthümliche Entwicklung des Faust, wie sie wohl ihrer innern Idee nach in Göthe auftauchte, in Überblick zu nehmen, so meine ich, es würde Ihnen, wie mir, dann Folgendes zum Verständniß kommen: -- Unter den mannichfaltigen bedeutenden Individuen, welche sich aus dem Strome der nur ihrer Zahl nach geltenden Menge hervorheben, gewahren wir, wie ich schon oben andeutete, einzelne, welche, von einem hellglühenden Funken des Göttlichen innerlichst bewegt und gegen eine höhere geistige Entwicklung getrieben, doch, wenn ich so sagen darf, vermöge einer besondern Mischung des Materiellen ihrer Erscheinung, mit Heftigkeit und Stetigkeit an die Welt der sinnlichen Erscheinung, und zwar bald in der einen, bald in der andern Richtung, gebunden sind. -- Es ist nun nothwendig, daß aus diesem innern Widerspruche, aus diesem Streit und dieser zwiefachen Richtung vielfältige Reibungen, Stürme und mannichfaltige, gewaltsame Umbildungen hervorgehen müssen. So erschien unserm Schiller der Geist eines Wallenstein! Wir hören ihn:
„Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur, Und zu der Erde zieht mich die Begierde. -- -- -- Ich kann mich nicht, Wie so ein Wortheld, so ein Jugendschwätzer, An meinem Willen wärmen und Gedanken, -- Nicht zu dem Glück, das mir den Rücken kehrt, Großthuend sagen: Geh! ich brauch dich nicht. Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet.“
In solchem Sinne zeigte uns die neuere Geschichte einen gewaltigen, über die Erde hinschreitenden Geist, -- und wie die Individualität solcher Seelen groß ist, so sind auch ihre Entwicklungsvorgänge gewaltsam, und oft nur durch Blut und Tod machen sie den innern göttlichen Kern ihres Daseins unter heftigen, nur von so starken Seelen zu ertragenden Schmerzen aus der irdischen, einengenden Schale frei. -- Aber eben so auch nach ganz andern Richtungen kann die Seele des Menschen im Gegensatze zu ihrer innersten, rein göttlichen Entwicklungsrichtung gezogen werden, und Geister, denen die Menschheit unendlich Vieles für ihr Fortschreiten in Wissenschaft und Kunst verdankt, erlitten innerlich die peinlichsten Zustände, veranlaßt durch den Widerstreit einer zu heftigen, der äußern Erscheinung zugewendeten Liebe und einer tiefbegründeten gottinnigen Richtung. Sie haben bei Ihren literarischen Studien daher gewiß vielfältigst empfunden, ja wir haben uns oftmals darüber mündlich und schriftlich ausgesprochen, wie in verschiedenen Formen sich der Zug jener Schwermuth, jener innern, aus dem bezeichneten Widerstreben hervorgehenden, bald stärker, bald schwächer erscheinenden Qualen in den Werken der reichbegabtesten Naturen dem Feinfühlenden offenbaret, und wie nicht selten die uns tief ergreifendsten Werke der Kunst und des Wissens gerade nur die nothwendige Äußerung oder richtiger Veräußerung jener Zustände sind. Machte mir doch in dieser Beziehung neulich die aufmerksame und oft wiederholte Betrachtung eines Blattes von dem sonst so gar stillen und frommen Albrecht Dürer eigene Gedanken. Ich weiß nicht, ob Sie sich des Blattes deutlich erinnern? es ist unter dem Namen der Melancholie bekannt und stimmt so ganz in den Sinn unsres Thema, daß ein in diesen Tagen bei mir eintretender Freund, dem das Blatt noch unbekannt war, es gleich mit dem Ausrufe: „Siehe da Faust!“ begrüßte. -- Lassen Sie es mich auf den Fall, daß es Ihnen nicht mehr ganz gegenwärtig, etwas näher beschreiben! es gelingt mir dadurch vielleicht, einen zu einförmigen Gang meiner Gedanken zu unterbrechen, und jedenfalls gewinnen wir dadurch ein sinnvolles Gleichniß, um manche an sich schwerer auszusprechende Gedanken dadurch zu bestimmterer Anschauung zu bringen. -- Die Scene des Bildes ist aber eine wunderlich gedachte offene Halle; rechts ein starker viereckiger Pfeiler, nur bis zu seinem ersten untern Gesimskranze sichtbar; vor diesem auf einer Steinplatte sitzend ein männlicher, in langes phantastisches, oben knapp anliegendes, unten reichfaltiges Gewand gekleideter Genius, von dessen wohlverziertem Gürtel ein Bund Schlüssel und eine gefältelte, bebänderte Tasche herabhängt. Ein mächtiges, halb gehobenes Paar von Adlerflügeln entsprießt den Schultern, und langes Haar umwallt das von Immergrün bekränzte, gedankenvoll auf die linke Faust gestützte Haupt. Im Schooße ruht ein zugeketteltes Buch, und die rechte darauf liegende Hand hält absichtslos einen Arm des halbgeöffneten Zirkels, während das Auge des beschatteten Gesichts starr und sinnend hinaus blickt. Nun umher die wunderlichsten Geräthschaften und Modelle! -- Zu den Füßen des Genius bedeutungsvoll die Urform alles Werdenden, die reine Kugel; auf dem Sockel der Aussicht aus der Halle ein Stück einer fünfseitigen, ungleich abgestutzten Säule und daneben, am Pfeiler lehnend, ein am Rande ausgebrochener Mühlstein, umhergestreut aber Nägel, Zangen, Blasbalg, Hobel, Säge, Hammer, Fügemaaß, Lineal und eine seltsame Kapsel mit einer Flasche, während hinter dem fünfseitigen Säulenfragment ein Schmelztiegel auf sprühenden Kohlen glüht, und wir, am Pfeiler aufgehangen, eine Glocke, eine laufende Sanduhr, ein mystisches Quadrat aus 16 Feldern, deren je 4, in jeder beliebigen Richtung gezählt, stets die Zahl 34 geben, und eine sauber gearbeitete Wage gewahr werden.
Unter allem diesen liegt nun zu den Füßen des Genius eine abentheuerliche Art von großem Hund ruhig zusammengeschmiegt, während auf dem mit einer Decke überbreiteten Mühlstein ein kleiner Genius mit erst sprossendem Flügelpaare sitzt und ganz emsig und in seine Arbeit vertieft mit dem Griffel ein Täfelchen beschreibt. Der Gegensatz des eifrig schreibenden Kleinen mit dem müßig sinnend und traurend hinausblickenden Großen giebt zu mancherlei Betrachtungen Anlaß, -- und um nun den sonderbaren Kreis dieser Vorstellungen zu vollenden, gewährt die offne Halle, an welcher von Außen eine ganz gewöhnliche, hier freilich symbolisch erscheinende Leiter lehnt, noch die Fernsicht auf das weite, ruhige Meer mit seinem von bewaldeten Hügeln und Ortschaften bedeckten Ufer, über welches ein sonderbarer Regenbogen sich wölbt, und unterhalb dessen ein cometenhaftes Meteor den Himmel mit seiner Strahlung erfüllt. Auf diesem Hintergrunde aber schwebt endlich ein aus Fledermaus und Schlange gebildetes diabolisches Spektrum heran, und mysterios trägt es auf seiner ausgebreiteten Flughaut das Wort =~Melencholia s. I.~= --
Vergegenwärtigen Sie sich nun auf einmal die Gesammtwirkung dieses sonderbaren Bildes, und ist es dann nicht die qualvolle Sehnsucht des alle Höhen und Tiefen erfassen wollenden Geistes, welche in demselben sich spiegelt? tritt nicht die dämonische Kraft darin anschaulich hervor, welche, ihre Sehnsucht nach ihrem göttlichen Urquell tief in sich bewahrend, doch zugleich von der Gewalt ihrer eignen Daseinsform gegen die Ergründung alles Seienden gezogen wird, und, weil dieses Streben natürlich nie vollkommen erreicht wird, ja jenem innersten Zuge doch mehr oder weniger widerstreitet, eine verzweifelnde, sie selbst manchem Unheil entgegenführende Stimmung nicht ganz bemeistern kann? -- Und ein solches Gefühl konnte selbst in der milden Seele des getreuen Alb. Dürer mit solcher Macht Platz greifen, daß er ihm durch eine so mühsame, vielfältigst durchgearbeitete Darstellung Luft machen mußte? -- Kann uns Etwas von diesem tief in jedes Menschen Brust gelegenen schmerzlichen Geheimniß Zeugniß geben, so ist es, wie mir scheint, diese Wahrnehmung! --
Dieses alles hinlänglich erwogen, komme ich nun zu unsrer Hauptfrage: was kann einer menschlichen Seele, sei sie von dieser oder jener Individualität, jedenfalls ihre Annäherung zur höchsten Beseligung, zur Gottinnigkeit gewähren, und wodurch kann sie dieser Beseligung verlustig gehen? -- Hierauf kann ich nun in Folge aller vorhergegangenen Betrachtungen nichts antworten, als: +Die Seele wird durch alle Metamorphosen und durch die wunderlichsten Ablenkungen hindurch zur höhern Beseligung gelangen, sobald sie nur Thatkraft, Elasticität und ein lebendiges rastloses Streben sich erhält, um von nichts ihrer innerlich Unwürdigem sich dergestalt fesseln zu lassen, daß sie im Trägen, dabei verharrend und gleichsam darauf ruhend, ihre höhere Bedeutung vergißt und dem Zuge jenes ihr eingebornen Magnetes entsagt, welcher gegen ihren Urquell, durch alle Lebensstürme und Ablenkungen hindurch, sie fortwährend zu leiten, ja zu treiben bestimmt ist.+ --