Briefe über Göthe's Faust.

Part 4

Chapter 43,413 wordsPublic domain

Wenn ich daher unternehme, Ihnen, dem Freunde, in Worte zu fassen, was bisher der Seele zum Theil nur noch in dämmernden Gedanken vorgeschwebt hat, so muß ich freilich etwas tiefer eintauchen und zunächst darauf kommen, was wohl eigentlich den innern Unfrieden, die tiefe Zerrissenheit des Faust bedingt, jenen verzweifelten Zustand, wie wir ihn eben in dem lebenskräftigsten Anfange des Gedichtes uns vorgeführt finden, und allerdings wird auch hier wieder unwillkührlich die Darstellung zur Allegorie werden, indem wir bald empfinden müssen, daß dasselbe, was hier einen reichbegabten Geist peinigt, auch als die tiefste Quelle unendlicher Zerwürfniß im Menschheitleben erscheine. -- Soll ich also hierüber auf die kürzeste Weise mich aussprechen, so muß ich geradezu jene herrlichen Worte an die Spitze stellen, die mir schon in mannichfaltigen Lagen ein strahlendes Licht gewesen sind, die Worte: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte +der Liebe+ nicht, wäre ich ein tönendes Erz, oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnissse, und alle Erkenntniß, und hätte allen Glauben, also, daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze. Die Liebe ist langmüthig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibet nicht Muthwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellt sich nicht ungebehrdig, sie suchet nicht das Ihre, +sie lässet sich nicht erbittern+.“ -- Und diese Liebe, dieser höchste Quell innern Friedens und innern Glücks, diese -- bei unendlich Vielem, was er besitzet -- sie +fehlt+ dem Faust, und daß sie ihm fehlet, bedingt sein Elend! -- Faust, wie man sich ihn, seinem frühern Leben nach, denken muß, ausgerüstet mit feurigem, in mancher Hinsicht productivem Geist, ist aufgewachsen unter Buchstaben und Pergamenten, anstatt unter lebenden, ihn liebenden Menschen; für die Wirkung des Abstrakten, ja Abstrusen der Schule auf den Kopf fehlte ihm das Gegengewicht der Wirkung des Concreten und Erfrischenden ächt menschlichen Lebens auf das Herz; -- eine ungeheure Masse von Erkenntnissen, Empfindungen und Gestalten hat sein Geist um ihn gebannt, aber die Erkenntnisse gewähren ihm keine freudige Anwendung, die Empfindungen neigen zur Verzweiflung, und die Gestalten sind ohne lebendigen Pulsschlag und Wärme; er selbst ist noch, wie der Apostel sagt, +erbittert+; -- da bricht er aus:

„Und fragst du noch, warum dein Herz Sich bang in deinem Busen klemmt? Warum ein unerklärter Schmerz Dir alle Lebensregung hemmt? Statt der lebendigen Natur, Da Gott die Menschen schuf hinein, Umgiebt in Rauch und Moder nur Dich Thiergeripp’ und Todtenbein.“

Aber eben daß sich in solchen Schmerzenslauten beurkundet, er fühle tief diese Lücke seines Daseins, daß eine Sehnsucht in ihm lebt nach einem Zustande, den er noch nicht kennt, das ist die Bürgschaft seiner eignen höhern Natur! -- Denn das Gemeine kann sich im Gemeinen gefallen, es kann ihm +wohl+ darin sein, +ohne+ alles Streben nach einem Höhern; aber die edlere Natur läßt sich nicht genügen in der Mangelhaftigkeit des Daseins, sie fühlt die Qual ihres unvollkommenen Zustandes, und eben darin, daß sie sie fühlt, liegt die Hoffnung, aus diesem ungemäßen zu einem reinern gemäßern Zustande hindurch zu dringen. Dem Faust jedoch, da, wo das Drama beginnt, liegt diese Hoffnung noch fern; es ist ein unbestimmtes Umhertreiben, was ihn bewegt:

„Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne Und von der Erde jede höchste Lust, Und alle Näh’ und alle Ferne Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“

Ist nun aber jene innige und hohe Liebe zu Gott und den Menschen der einzige Hafen, wo die Irrfahrten eines solchen verzweifelnd Umhergetriebenen endigen können, so fragt sich, was kann ihm das Steuer lenken und die Segel richten, diesen Hafen zu erreichen? -- Hierüber kamen mir folgende Gedanken, welche, ich kann es nicht läugnen, besonders wieder durch die Erinnerung an die für alle Zeiten höchst merkwürdigen Offenbarungen geheimster Vorgänge des menschlichen Gemüthes, wie sie in Dante’s =~Vita nuova~= vorliegen, bedingt worden sind. Beachten wir es nämlich recht, so ist jene Liebe der vollkommenste Gegensatz alles Egoismus, und wenn es dem Menschen schwer wird, zu dieser Liebe zu gelangen, so ist die Selbstigkeit das schwerste Hinderniß; -- er soll aber aus sich, aus dieser Selbstigkeit heraus! -- er soll gewissermaßen +außer+ sich gesetzt werden, damit er sich selbst im höhern Sinne wieder finde! er soll los von dem Bande, welches ihn an sich selbst gekettet hält und höhere Anschauungen ihm verschließt! --Aber dazu braucht es einer bestimmten Einwirkung! wie die Hülle der Knospe in einem Moment reißen und aufbersten muß, damit die Blüthe sich entfalten könne, so auch hier! -- Die mächtige Einwirkung einer einzigen bestimmten, das Selbstgefühl überwältigenden Erscheinung, gleich der, von welcher Dante sagt: „siehe da, ein Gott mächtiger, denn ich, welcher kommt, über mich zu herrschen“ ist hierzu unfehlbar am meisten geeignet, und nur die Art, wie sich nun die erschütterte, in ihren Grundfesten bewegte und gleichsam von sich selbst gelöste Seele weiter entfaltet, wird nach verschiedener Individualität unendlich verschieden sein. -- Die Entwicklung der Idee der Liebe, wenn sie vollkommen menschlich erscheint, und so wie sie wohl auch Göthe im Faust vorgeschwebt hat, möchte ich aber am liebsten eine vollkommen organische nennen; ich möchte sie vergleichen und, wäre ich Arabeskenzeichner, ich würde sie zeichnen als einen wundersamen Baum, welcher auf geheimnißvolle Weise aus einem unscheinbaren Samenkorn sich hervorgebildet; das Samenkorn theilt sich zuerst in die ins finstre Reich der Erde hinabgesenkte Wurzel und in die massigen Wurzelblätter; zwischen letztern waltet anfänglich in größter Zartheit der Keim des aufstrebenden Stammes und der Stengelblätter; -- immer frischer, mannichfaltiger und höher treiben dann diese Gebilde herauf, Zweige entwickeln sich mit zierlichstem Laube, dann treiben Blüthen hervor, welche Früchte ansetzen, zuhöchst aber bildet sich die geheimnißvolle Rose, die Blüthe ohne Staubfäden, und über ihr schwebt, gleich dem von Linné’s Tochter zuerst gesehenen Flammenleuchten der Feuerlilien und ähnlicher Blumen, ein strahlender Stern als Symbol der über dem ewig bewegten Leben leuchtenden und ewig beharrenden Idee. -- Und gewiß, auf solche Weise ist auch die Liebe zu einer die mannichfaltigsten Metamorphosen durchlaufenden Entwicklung bestimmt, und, gleich jenem Baume, wird sie dann, vollkommen ausgebildet, Himmel und Erde verbinden durch die im Irdischen festhaftende nährende Wurzel und den glänzenden Stern jener höhern Liebe zu Gott, welche den tiefsten Geheimnissen der Seele angehörig ist.

Dieses alles nun, wie ist es so wahr und so merkwürdig im Faust aufgefaßt! -- Das böse Princip selbst muß ihm, indem es ihn verderben zu wollen scheint, unwillkührlich zum Heile gereichen und zuerst das Samenkorn höherer liebevoller Gesinnung in die Brust werfen; in Gretchen’s Atmosphäre ergreift den Unsteten, den überall nur die „Pein des engen Erdenlebens“ Fühlenden, zum erstenmal die Empfindung des +unendlichen Glückes der Beschränkung+. Dorthin gehört die Stelle in Gretchens Zimmer:

„Willkommen, süßer Dämmerschein, Der du dies Heiligthum durchwebst! Ergreif mein Herz, du süße Liebespein, Die du vom Thau der Hoffnung schmachtend lebst! Wie athmet rings Gefühl der Stille, Der Ordnung, der Zufriedenheit! In dieser Armuth welche Fülle! In diesem Kerker welche Seligkeit!“

Aber dies Gefühl gleicht den ersten warmen, sonnigen Tagen im frühen Frühlinge! noch ist die Luft nicht der höhern Wärmespannung gewohnt; die aufgehobenen Dünste vereinigen sich zu gewitterhaften Explosionen, und Kälte und Schnee bringen bald wieder ein winterliches Gefühl zu Wege. So auch Faust! die Einwirkung eines so stillen kindlichen Wesens, eines Wesens, welches an Reichthum innern Gemüths freilich unendlich den Faust überwiegt, aber in geistiger Entwicklung so weit unter seiner Sphäre zurückbleibt, konnte nicht mächtig genug erscheinen, eine vollkommene Metamorphose zu veranlassen. Ein Blick auf eine neue, bis dahin ihm fremde Region hat sich ihm erschlossen; aber er ist dem einzelnen Blicke zu vergleichen, den der Wanderer von einer hohen Bergspitze durch ein wogendes, hie und da zerreißendes Wolkenmeer in schön blühende Thäler wirft; sogleich wird er vom finstern Gewölk wieder verdeckt. -- Und so wird er bald von dem wüsten, unsteten Treiben seiner innern Zustände weiter gerissen; die liebliche, ihrer innersten Idee nach unzerstörbare Erscheinung wird von seinem eignen Unheil erfaßt und mindestens +zeitlich+ zertrümmert; er fühlt, es kann nicht anders sein, verzweifelnd ruft er aus:

„Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen, Und sie mit mir zu Grunde gehn.“

Und so geschieht es! vergeblich versucht er, auf +seine+ Art zu retten, wo nichts mehr zu retten ist; der Schlag fällt; von dem ungeheuren Jammer furchtbar ergriffen, fühlt er zuerst einen ächten Seelenschmerz, und wie im Physischen oft wichtige Entwicklungsvorgänge des organischen Lebens an schwere Krankheitsstürme geknüpft sind, so wirft ihn betäubend ein geistiges Leiden zu Boden, ein Leiden, aus welchem der Mensch nicht aus +eigner+ Kraft sich aufzuraffen vermag, wenn nicht eine höhere Gnade den Gefallenen wieder aufrichtet.

Wirklich senkt ein Strahl dieser Gnade zu dem Gefallenen sich hernieder; sie läßt helfende Geister ihn umschweben und weiset sie an mit den Worten:

„Besänftiget des Herzens grimmen Strauß; Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile; Sein Innres reinigt vom erlebten Graus!“ --

Wollten wir freilich hier wieder fragen: warum wird nun +dieser+ Halbverlorene wieder aufgerichtet, während so viele Andere in solchen Leiden scheinbar rettungslos untergehen? so gestehe ich, hierauf in alle Zeit keine andere Antwort finden zu können, als die im vorigen Briefe angeführte des Apostels: „und so erbarmet er sich, welches er will!“ -- Denn was ist am Ende auch die reinste, heiligste Entwicklung eines fleckenlosen Gemüthes, als +eine Gnade+, welche dieser Seele zu Theil wurde, frei von den verderblichen Einflüssen und durch glückliche innere Seelengesundheit zum ungetrübten Zuge gegen das Einzige, ewig Wahre sich hinauf bilden zu können? --

So also richtet sich der durch eigene Schuld Niedergeworfene allmählig wieder auf; ein reicherbewegtes Leben ergreift ihn, ohne jedoch für’s erste mehr als den Kreis seiner Vorstellungen und Begriffe zu erweitern, bis der Kaiser auf den Gedanken kommt, von Faust die Beschwörung der Helena zu verlangen. -- Da hebt eine neue Metamorphose an! -- Erstaunt gewahrt er, daß hier die Gewalt eines in vieler andern Beziehung mächtigen widerwärtigen Princips nicht mehr ausreicht, daß er in die geistigste, wesenloseste Tiefe, -- in das Reich der Urbilder alles Daseins vor allem wirklichen Sein (Göthe nennt sie deßhalb „die Mütter“), in das Reich der von Plato zuerst +so+ geahneten und bezeichneten +Ideen+ einzudringen habe, und daß er +die Idee des Schönen+ in sich aufnehmen müsse, wenn er die Vollkommenheit einer schönen Erscheinung nur wahrhaft empfinden, geschweige denn hervorrufen wolle. -- Und also wird es vollendet. -- Aber wie Plato sagt, daß alle Philosophie mit dem Bewundern anfangen müsse, und wie das innige Durchschauern unsers Wesens dem Erstaunen sich zugesellt, so ergreift auch ihn ein geheimes Schaudern, wie diese Verwandlung in ihm anhebt, -- allein er verkennt nicht die Bedeutung dieses Schauders; denn wir hören ihn:

„Das Schaudern ist der Menschheit bestes Theil. Wie auch die Welt ihm das Gefühl vertheure, +Ergriffen+, fühlt er tief das Ungeheure.“

So angekündigt, erfolgt denn die Erscheinung der Idee des Schönen in umschriebener klassischer Gestalt der Helena; denn das griechische Alterthum ist nun einmal die Periode allgemeinen Menschheitlebens, wo die +Idee der Schönheit+ sich eben so zu verkörpern liebte, als durch die christliche Zeit +die Idee höchster Güte+ zur lebenvollen Erscheinung gebracht werden sollte, und als wir vielleicht am Rande einer dritten Weltperiode stehen, durch welche die +Idee der Wahrheit+ in der Erkenntniß vollkommen dargelebt werden soll.

Jetzt zum erstenmale erfährt Faust nicht blos den Reiz, sondern die Gewalt, +die Herrschaft+ der Schönheit; diese für ihn zum erstenmale so ganz frisch ins Leben tretende Idee wirkt blitzähnlich auf ihn, und zum erstenmale fühlt er sich entzündet von heftigem Liebeszuge, nicht gegen Etwas, das unter ihm, ja neben ihm steht, sondern gegen Etwas, das er entschieden +über+ sich fühlt; -- die Empfindung, ein Höheres, ja wohl Unerreichbares zu lieben, eine Empfindung, welche die höchste Entwicklung im Menschen anzuregen geeignet ist, erfaßt ihn mit vollkommner Gewalt, und eine neue Lebensepoche schließt sich auf. Zuerst niedergedonnert durch den unseligen Versuch, das Höchste in den Kreis des alltäglichen Lebens herabziehen zu wollen, kommt er, auf griechischem Boden angelangt und vom höchsten Zuge der Leidenschaft bewegt, zu der Erkenntniß, daß nur eingetaucht in ein eigenthümliches poetisches Dasein der Mensch es vermöge, die reine Erscheinung der Idee der Schönheit vollkommen sich anzueignen. Und so beginnt die geheimnißvolle Weihe! Aus dem Bunde mit der Schönheit, welcher jedesmal auf dichterische, künstlerische Productivität deutet, entspringt ein Dichtergeist, den nur das Unstäte, Verwegene seines Wesens, dieses Erbtheil des Vaters, nicht zu wahrhafter Reife sich entwickeln läßt, und, so wie der Geist des Faust im vollen Aneignen der Schönheit zu tieferer Befriedigung gelangt ist, erwarten ihn neue Metamorphosen, und wir hören die Helena, bevor sie entschwindet:

„Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir: Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint. Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band; Bejammernd beide, sag’ ich schmerzlich Lebewohl!“

Dem Faust bleibt der wolkenhafte Schleier der herrlichen Erscheinung zurück; er trägt den Mann, den abermals ein weibliches Wesen in seiner Entwicklung gereift hat, ruhiger, aufgeklärter Naturbetrachtung entgegen, und fragen wir nach der Einwirkung, welche dieses alles wieder auf die Richtung seines Lebens gehabt hat, so erkennen wir als solche zuerst das Erwachen des Bestrebens nach einer großen folgereichen, in’s Menschheitleben tief eingreifenden Thätigkeit. Wir hören ihn, den früher alle nach Außen gekehrte Lebensthätigkeit anwiderte, jetzt ausrufen:

-- „Dieser Erdenkreis Gewährt noch Raum zu großen Thaten. Erstaunenswürdiges soll gerathen, Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß. Herrschaft gewinn’ ich, Eigenthum! Die +That+ ist alles! +nichts+ der Ruhm.“

Noch ist jedoch die Thätigkeit nur Lust am Thun selbst, ist sich eigner selbstischer Zweck, und gewaltig treibt noch im Innern das Unstäte der in so vieler Hinsicht unbefriedigten Seele! -- Da bricht endlich, wie Abendsonnenstrahl aus dunkeln, lange den Himmel umziehenden Gewitterwolken, in dem durch gespenstisches Herannahen der Sonne erschütterten Gemüthe die Ahnung der zweiten großen Idee des höchsten göttlichen Reichs -- die Ahnung der +Idee der Güte+ -- hervor; die Liebe, die zuerst für das Schöne angeregt war, erwacht nun auch für das Gute; -- das thätigste Bestreben, einem großen Kreise der Menschheit heilbringend, hülfreich, wohlthuend zu sein -- die Seligkeit des Gefühls ächter Menschenliebe -- durchdringt ihn mit ahnungsvollem Schauer, und so ergießt er sich in die herrlichen Worte:

„Das Letzte wär’ das Höchsterrungne. Eröffn’ ich Räume vielen Millionen, Nicht +sicher+ zwar, doch +thätig-frei+ zu wohnen. Grün das Gefilde, fruchtbar; -- Mensch und Heerde Sogleich behaglich auf der neusten Erde, Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft, Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.

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Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben, Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muß. Und so verbringt, umrungen von Gefahr, Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr. Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn. Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön! Es kann die Spur von meinen Erdentagen Nicht in Äonen untergehn. -- Im Vorgefühl von solchem hohen Glück Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick!“

Aber dieser Augenblick ist auch der letzte seines irdischen Daseins! er ist der Augenblick des Todes! -- Fragen wir jedoch, warum nun konnte diese Organisation sich nicht höher, als bis zur +Ahnung+ der Seligkeit solcher, an die Menschheit sich rein hingebenden, Liebe entwickeln? warum denn lag die lebenskräftige Bethätigung derselben außerhalb der Gränzen dieses Lebenskreises? so wäre darüber wieder so manches zu schreiben, was jedoch nicht in das Thema +dieses+ ohnehin nur zu langen Briefes gehört, in welchem ich Ihnen nur noch schließlich einige flüchtige Gedanken mittheilen wollte, über die letzte und höchste Entwickelung des Faust, wie wir dieselbe, dem Willen des Dichters gemäß, noch in der Zeit nach seiner Todes-Metamorphose vorahnen sollen; denn gerade hier, tritt abermals ein Moment hervor, in welchem die Einwirkung höchsten weiblichen Princips wieder unmöglich fehlen konnte.

Dieser letzte Abschnitt des Werkes ist aber überhaupt ein hohes und höchst eigenthümlich gedachtes Mysterium, und ich muß Ihnen sagen, daß er mir ganz vorkommt, wie eins jener alten Chroralbücher für Orgelspiel, wo nur der Hauptgang der Melodie in einzelnen ganzen Noten angezeichnet ist, und vom Orgelspieler verlangt wird, daß er nach gutem Kunstvermögen und in ihm lebendig gegenwärtigen contrapunktischen Regeln, die Harmonie und die wohl dazu sich eignenden Ausbildungen und Verzierungen selbst auszuführen und frei vorzutragen im Stande sei. -- Wem nicht die heiligen Anachoreten in ihrem wunderbaren Felsgeklüft noch lebendiger als in den Gemälden des Campo santo von Pisa, vor das geistige Auge treten, wem die einmal im Weltgeist aufgestiegne Idee einer Persönlichkeit nicht in ihren ewigen Fortbildungen faßlich werden kann, wem es unverständlich ist, wie dieselbe Idee, dieselbe Monas, nach abgeworfenen zufälligen Formen, aus der, dem Tode entflohenen, Aureole gar wohl ein neues Lebensgebilde sich entwickeln kann, ein Gebilde, dem die Erfahrungen des vorigen Lebens selbst nach abgestreiftem früheren Bewußtseyn zu innerer Förderung zu Gute kommen, dem wird diese ganze außerordentliche Conception, welche mir seit Dante’s Paradies, als das Geistigsterhabenste der Dichtung, erschienen ist, stets ein Gewirr willkührlicher, abstruser Formen bleiben, und zu keiner erhebenden Klarheit der Vorstellung gedeihen können. --

Wer nun aber dem Leitsterne des Dichtergeistes freudig zu folgen versteht, wer im eignen Geiste die Harmonien contrapunktisch nachklingen läßt zu den armen schwarzen Lettern, welche Göthe uns hierüber einzig hinterlassen konnte, dem geht dort eine ganz eigenthümlich verfeinerte ätherische Welt auf, und dem erscheint es höchst bedeutungsvoll und sinnig, wenn unter seligen Knaben das Unsterbliche Faustens, die eigenthümlich sein Erscheinen bedingende Idee, eine neue feinere Gestaltung gewinnt: Wir hören die Knaben:

„Freudig empfangen wir Diesen im Puppenstand Also erlangen wir, Himmlisches Unterpfand. Löset die Flocken los, Die ihn umgeben, Schon ist er schön und groß Von heiligem Leben.“

Noch aber fehlt ein höheres, und doch ihm innig verwandtes, Princip, welches zu eigenthümlicher, reinerer, selbstthätiger Entwickelung ihn bestimmen und anregen könnte -- da beginnt eine neue Vision:

„Dort ziehen Frau’n vorbei, Schwebend nach oben; Die Herrliche mittenin Im Sternenkranze, Die Himmelskönigin Ich seh’s am Glanze.“

Und hier schwebt denn auch das, in höhere Regionen verklärt gerettete Wesen, dessen reines, tiefes, in sich vollkommen befriedigtes Gemüth dem Faust zuerst die Ahnung +innerer+ Seligkeit erweckte -- das Wesen, das, wo es fehlte, nur durch Liebe fehlte, und diesen Fehl durch Liebe selbst und den nie versiegenden Quell vollkommenster Treue ausglich. -- Wie nothwendig fühlten wir nun alsbald, daß gerade dieses Wesen -- sonst Gretchen genannt -- das Wesen, das eigentlich schon im irdischen Leben ein tieferes und gewisseres Wissen besaß, als Faust mit aller wirrer Gelehrsamkeit -- daß dieses am meisten im Stande sei, die, sich verklärt entwickelnde, Persönlichkeit des Faust -- nun auch zur Erkenntniß der dritten jener hohen, uranfänglichen Ideen: Schönheit, Güte und Wahrheit, also zur Erkenntniß höchster, göttlicher Wahrheit, gleich wie Beatrice den Dante hinanzuentwickeln und zu leiten, deßhalb ihn zu leiten, weil sie (und hier spreche ich eigentlich wohl das letzte Geheimniß dieser ganzen Gedankenfolge aus) -- weil sie selbst als ein +rein Weibliches+ durch und durch das +Symbol der Liebe+ ist, und weil wir zu jeglichem Großen und Bedeutenden in Kunst, Leben und Wissenschaft, und zur Erfassung jeder eigentlich göttlichen Idee, nur durch ächte Sehnsucht nach derselben, durch thätige Liebe gelangen können.

Wie schön ist daher nicht, wenn sie in Beziehung auf Faust zur Maria, ihrem eigenen hellstrahlenden, leitenden Gestirn, sagt:

„Vom edeln Geisterchor umgeben, Wird sich der Neue kaum gewahr, Er ahnet kaum das frische Leben, So gleicht er schon der heiligen Schaar. Sieh, wie er jedem Erdenbande Der alten Hülle sich entrafft, Und aus ätherischem Gewande Hervortritt erste Jugendkraft! Vergönne mir ihn zu belehren, Noch blendet ihn der neue Tag.“

Und wenn ihr dann die =~Mater gloriosa~= erwiedert:

„Komm! hebe dich zu höhern Sphären, Wenn er +dich ahnet+, folgt er +nach+!“

Und so stände ich denn am Schlußpunkte dieser mannichfaltigen Gedankenzüge, welche sich in mir entsponnen hatten, um Ihnen, theurer Freund! alles das auseinander zu setzen und auszusprechen, was über die Bedeutung eines höheren, weiblichen Wesens für Entwickelung der Menschheit, mir nach und nach beim Studium dieses wunderbaren Werkes aufgegangen und deutlich geworden war.

Wie weit mir diese schwierige Aufgabe gelungen ist, in wie weit Sie mir beistimmen oder gegenüberstehen, darüber erwarte ich nun Ihre fernere Mittheilung, nur erlauben Sie mir, „all dies Vergängliche“ noch einmal „als Gleichniß“ geltend zu machen, und zwar als Gleichniß, welches den Satz bestätigen soll: daß nur jene Liebe, welche eben in ächter, vollkommener Weiblichkeit ihr höchstes Symbol findet, das alleinige Mittel sei, den Menschen zu allem Hohen und insbesondere zu lebendiger Erfassung der beseligenden Ideen der +Schönheit+, +Güte+ und +Wahrheit+ zu geleiten, und so scheint es mir denn, daß erst alsdann, wenn wir die Welt, als ihrer innersten, göttlichen Anlage nach, in solcher Fortbildung und in einem +solchen+ Entwicklungsgange erfassen, sie jenes heilige Schauspiel, jene =~Divina Comedia~=, wirklich darbietet, von welcher „der Herr“ im Eingange sagt:

„Doch ihr, die ächten Göttersöhne, Erfreut euch der lebendig reichen Schöne! Das Werdende, das ewig wirkt und lebt, Umfass’ euch mit der Liebe holden Schranken, Und was in schwankender Erscheinung schwebt, Befestiget mit dauernden Gedanken.“

Und so für alle Zeit

treulichst

Ihr C.