Briefe eines Malers an seine Schwester

Part 4

Chapter 43,820 wordsPublic domain

Heut war hier nun eine hübsche Nachfeier, die Armen wurden in den Laubengängen gespeist, und die Gräfin sah selbst mit ihren fröhlichen Augen überall hin, ob auch Jeder sein Recht bekomme. Es ist rührend zu denken, was Alles und wie so ein Frauenherz lieben kann. Spricht diese Frau von Mann und Kind, oder ruht nur ihr Auge auf ihnen, so ist es Einem, als füllten diese Geliebten ihre Seele ganz aus. Wer sie gestern zum ersten Male gesehen hätte, oder überhaupt während die Anstalten zum Feste gemacht wurden, der würde den Monarchen beneiden, dessen Namenstag mit so inniger Freude begrüßt wurde, wie von dieser Frau. Ihr Töchterchen lehrt sie beten für »den theuren König«, den Kindern in der Schule spricht sie, wie man sagt, begeistert von seiner väterlichen Treue, ihren Gatten und Sohn nennt sie mit Stolz Diener ihres königlichen Herrn. Heute flammte wieder der heilige Liebesstrahl in ihren Augen, und für die Armen, die ihr nichts Liebes erwiesen, die in ihrem innern und äußern Mangel so himmelweit verschieden von ihr sind. Erbarmen habe ich auch für diese Menschen -- wozu sage ich übrigens was du weißt und sich von selbst versteht, -- aber solches Gefühl ist mir fremd. Ich mußte sie oft betrachten. Ob sie es fühlte, weiß ich nicht, und wenn's der Fall war, dann muß ich ihr doppelt dankbar sein; einmal als ich in ihrer Nähe stand, sagte sie: »Wie glücklich bin ich heut, mehr als glücklich! Immer muß ich an die schönen lieben Segensworte denken: »Alles was ihr gethan habt Einem dieser Geringsten« -- ihr Auge wurde feucht, und sie brach ab, aber ganz leise hörte ich neben ihr die Worte flüstern: »das habt ihr mir gethan.« Es war Johanne, ihr kleines Abbild, welches den Vers so andächtig ausbetete. Die Mutter küßte sie und sah mich mit einem strahlenden Blicke an. Ihr Glaube macht sie selig.

Nachmittags ging ich zu Bernwachts, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Die Alten waren im Garten, wo neue Anlagen vorbereitet wurden, Therese und Ida hielten Nachmittagsruhe und Cäcilie saß im stillen Zimmer und brachte Ida's Florkleid wieder in Ordnung, welches mit den Sporen des jungen Vaterlandsvertheidigers in unangenehme Berührung gekommen war. Ich setzte mich ein wenig zu ihr hin und fragte sie, ob sie das Märchen von Aschenbrödel kenne.

»Sehr gut,« antwortete sie, »es war immer mein liebstes.« -- »Das läßt sich denken,« bemerkte ich, »wie sieht die Fee aus, sie ist wohl wunderschön?« -- »Ich denke, wie Ida ungefähr,« sagte sie munter in den Scherz eingehend, »ein schöneres Mädchengesicht als Ida's kann ich mir so leicht nicht vorstellen; ich freue mich recht, daß Sie sie malen wollen.«

»Haben Sie Ida ganz besonders lieb?« forschte ich weiter.

»Die Schwestern sind mir Alle gleich lieb,« entgegnete sie, »ich möchte sie Alle gern gemalt haben, wenn's eine aber doch nur sein soll, so muß es die Schönste sein.«

»Sie lieben also das Schöne sehr?«

»Sehr,« wiederholte sie, »ganz außerordentlich.«

»Bei so viel Schönheitssinn,« behauptete ich, »muß ich Talente voraussetzen, die Sie neidisch verstecken, gewiß malen Sie ausgezeichnet, oder componiren oder dergleichen.«

»Nichts von Allem,« entgegnete sie, »ich kann nur bewundern und lieben, aber sehr wenig leisten.« -- »Bewundern, lieben und die Fehler Anderer wieder gut machen,« sagte ich unwillkürlich, und wieder fiel mir Aschenbrödel ein. »Sie müssen mir entschieden zu einem Bilde sitzen, ich lasse Ihnen keine Ruhe anders,« kündigte ich ihr an; sie lächelte aber und meinte: erst solle ich nur Ida malen, dann könne das Weitere besprochen werden. Thut sie's, so wird diese Aschenbrödel ein süßes Bild. Ich gebe ihr etwas mehr Farbe, die ihrige ist fast zu zart, und lasse sie das herabflatternde Täubchen mit den erstaunten, fast erschrockenen Wunderaugen begrüßen, die sie so manchmal auf uns richtet, wenn ihr etwas Unerwartetes passirt, oder ich lasse sie vor der Fee stehn, und diese Augen mit dem Ausdrucke der Bewunderung auf sie heften, den ich schon manchmal mit einem zärtlichen Gefühle belauscht habe. Die Fee kann dann Ida sein, weil sie es gesagt hat, sie wird mit ihrer vollendeten Gestalt und den tadellosen Zügen prächtig werden. -- Sieh' Schwesterchen, so habe ich schon wieder eine Freude im Voraus, ich begreife nicht, wie man das Leben langweilig finden kann, wie z. B. Waldemar es thut, von dem ich erst kürzlich eine lange Jeremiade über die Nüchternheit des menschlichen Lebens aus Berlin erhalten habe.

Nun will ich meinen langen Brief absenden und nur noch für den Deinigen danken. Ja, Julchen ist mir auch sehr theuer geworden, und ich werde sie öfter besuchen. Lebe wohl!

_Dein Bruder Justus._

Den 5. December.

Du bist erstaunt über meine Brauchbarkeit nach so vielen Seiten hin -- liebes Kind; Du weißt so viel wie nichts davon, Du wirst noch ganz andere Begriffe von mir bekommen, wenn Du diesen Brief gelesen hast. Aber ich übereile mich nicht damit, es wird ganz =en passant= kommen, ich werde den Faden des Berichtes da wieder aufnehmen, wo er abgerissen wurde. -- Nach dem denkwürdigen 15. October beschloß ich sehr fleißig zu arbeiten, weil mein Bewußtsein etwas unzufrieden geworden war. So vollendete ich denn das Bild der Gräfin zunächst und begann mit Eifer die Restauration der alten Familienportraits im Ahnensaale. Der Graf besuchte mich oft bei meiner Arbeit, sah mit Theilnahme zu und sprach manch gutes, anregendes Wort. Er ist ein ausgezeichneter Mann. Seine holde Gemahlin begleitet ihn zuweilen und das Kind kommt am oftesten, bringt mir zuweilen schönes Obst oder ein Paar Blumen, die es auf dem Walle für mich gepflückt hat, oder fühlt den Trieb, mir irgend eine wundersame Historie mitzutheilen, die Mama erzählt, oder es selbst in einem bilderreichen Elberfelder Büchlein gelesen hat. Dann thut es oft die seltsamsten Fragen, so auch einst, ob ich Joseph oder Timotheus lieber leiden möchte. Sie ihrerseits war geneigt, dem Jünger den Vorzug zu geben, obgleich Joseph auch sehr liebenswürdig und großmüthig gewesen sei, aber zweierlei fand sie nicht schön von ihm, erstens: daß er die stolzen Träume erzählt hatte, und zweitens: daß er bei der ersten Rückkehr der Brüder aus Aegypten seinem Vater keinen Trost gesendet hatte, »und er trug doch Leid um ihn!« sagte sie höchst mitleidig. Dann zeigte sie mir ein kleines Bild, wo Timotheus als Knabe zu den Füßen einer alten Frau saß und in der Bibel las. Die Mutter stand daneben und weidete sich an dem Anblicke. »Ist er nicht sehr nett?« fragte sie, »sieh nur, wie sie ihn lieb haben, der war schon von klein an ein Jünger Gottes, und nachher liebte er den Heiland so sehr, und dann war er des Apostels Paulus lieber Sohn; ich glaube, er ist noch besser als Joseph, aber Joseph ist auch sehr gut.«

»Joseph war aber ein Jude,« wendete ich ein. »Das schadet nichts,« sagte sie, »er konnte ja damals nichts Besseres sein; weißt Du nicht, die Juden waren ja auch Gottes Kinder.«

»Aber jetzt sind sie es wohl nicht mehr?« fragte ich.

Sie sah mich groß an und sagte: »Alle Menschen gehören ja dem lieben Gott, die armen Heiden ja auch, und der liebe Gott will alle, alle Menschen in seinen schönen Himmel bringen, in sein großes, großes Reich, denk mal, wie viel Menschen da zusammenkommen werden; ob ich Dich wohl wiederfinde?« --

»Der liebe Gott wird's wohl so einrichten,« gab ich ihr zur Antwort. -- »Das ist wunderschön,« rief sie freudig, »ich mag Dich auch sehr gern leiden.« -- Ich küßte sie für diese wohlthuende Erklärung und nahm sie auf meine Knie, um meine Mappe mit ihr zu durchblättern: viele von den Bildern machten ihr große Freude und mir ihr Geplauder noch mehr.

Zuweilen trat ich auch Mittwochs in den Betsaal, wo der Kaplan einen Vortrag hält und viel gesungen und gebetet wird; diese Versammlungen werden auch von Mehreren aus der Stadt besucht, namentlich habe ich Julchen und Cäcilie fast jedesmal dort bemerkt, wenn ich einsah, auch Frau Bernwacht und Therese zuweilen, Ida sehr selten. Ich blieb nicht immer die ganze Zeit über da, gewöhnlich während der Rede, oder ich kam gegen das Ende und wagte mich dann nicht über die Thür hinaus. Das lange Singen ermüdet mich bald, und die Begleitung ist auch nur sehr mittelmäßig, auf einem alten Klaviere, welches wahrscheinlich aus Rücksicht auf seine langjährigen Dienste an dieser Stätte noch in Activität bleibt. Vorigen Mittwoch war man nun in Verlegenheit, wer das Amt des Organisten in der Eile übernehmen sollte, der alte Kantor aus der Stadt, ein freundlicher Greis, der es bis dahin verwaltet, war unterwegs ausgeglitten und hatte sich die Hand verstaucht; die Gräfin war um ihn bemüht, schickte nach einem Arzte und bedauerte, daß ihr Mann verreist sei, er spiele so gut Choräle, der Sekretair spiele zwar auch Klavier, aber so viel sie wisse, nur moderne Sachen, nun es müsse auch ohne Begleitung einmal gehen, der Rentmeister sei ein zuverlässiger Sänger, der könne den Ton angeben. -- Nun weißt Du, was geschah. Ja, ich spielte; ein mächtiges Choralbuch war ja da, und ich fühlte mich ganz wohl dabei; aber eigner Mensch, der ich bin, ich genirte mich nachher den Blicken Julchens und Cäciliens zu begegnen. -- Da der alte Mann sich noch schonen soll, werde ich noch einige Male den Platz am Instrumente einnehmen. Die Gräfin war sehr gütig und erlaubte mir, den Flügel im Speisesaale nach Gefallen zu benutzen, werde es aber nicht oft thun, die Zeit fliegt ohnehin fast allzuschnell dahin.

Das ist Mittwochs. Freitags gehe ich mit dem Bürgermeister zu einer Parthie Schach nach dem Klubb, und Sonntags ist Leseabend bei Bernwachts, an welchem, außer Julchen, noch ein Paar junge Damen Theil nehmen, die mir gegenüber sehr schüchtern sind, und von denen ich kaum mehr als die Namen, und daß sie Cousinen Theodors, des Verlobten Theresens sind, weiß. -- Die Lectüre wird durch die Mitglieder bestimmt; jede der Damen wird der Reihe nach für ein Buch sorgen, dann nach Cäcilien, als der Jüngsten, komme ich, und simulire öfter schon, was ich auswählen soll, um Alle zu befriedigen, ein solches Buch wird schwer zu finden sein; Dumas wäre etwas für Ida, Göthe für Theresen, aber ich möchte gar nicht Cäcilien den Grafen von Monte Christo oder Faust oder die Wahlverwandtschaften vorlesen hören. Neulich fragte ich sie nach ihren Lieblingsschriftstellern, da nannte sie mir mehrere Lyriker, dann Andersen, die Bremer, Nathusius, Namen, die mir zum Theil ganz unbekannt waren. Vielleicht kannst Du mir etwas vorschlagen.

So unter Arbeit und in angenehmer Gesellschaft verstreicht die Zeit sehr schnell, und die Wochen entfliehen wie Tage. Als ich kam, blühten die Rosen, jetzt wirbelt der Schnee um's Fenster und die Raben sitzen auf den nackten Bäumen, und doch ist's mir, als hätte ich vor Kurzem erst das liebe Nest nach so manchem Jahr der Abwesenheit wieder gesehen. Gestern habe ich viel von Dir gesprochen und soll Dich auch von Julchen grüßen. Ebenso wie sie, hören die Mädchen im Bernwachtschen Hause gerne von Dir; ich habe Dich vor einigen Tagen, auf Ida's Begehr, vom Kopf bis zu den Füßen schildern müssen. Zuweilen lese ich ihnen Stellen aus Deinen Briefen vor, eigentlich nicht ihnen, sondern nur Theresen und Cäcilien, die sich am meisten dafür zu interessiren scheinen. Sie wünschen Alle, Du möchtest mal kommen. Ginge es nicht? Freilich nicht vor dem Frühlinge, und wo bin ich dann? -- Zwar habe ich außer meiner Arbeit hier im Schlosse noch zwei Bilder anzufertigen versprochen und ein drittes wünsche ich =in doublo= zu malen, aber zum Frühjahr werde ich mich doch wohl reisefertig machen müssen. Wohin? -- Das weiß ich noch nicht. Das Leben in den großen Städten, wo ich nirgends heimisch bin, wird mir nachher schlecht behagen, ich muß mich wohl irgendwo, auf irgend einem schönen Fleckchen der weiten Erde häuslich niederlassen. Was meinst Du dazu, erscheine ich Dir schon gereift genug zu einem Hausherrn, oder glaubst Du, daß ich meine Lehr- und Wanderjahre noch ausdehnen muß, um später mit um so sicherer Hand das Fundament zu meinem Lebensglücke zu legen? --

Im Kreise solcher Familien, wie die des Grafen und Bernwachts, steigen bei dem flatterhaftesten Menschen solide Gedanken auf; ich könnte mir mein Haus in Zukunft sehr hübsch denken, es würde im Aeußeren etwas alterthümlich mit Schnitzwerk, Erker und schwerem Messinghammer an der eichenen Hausthüre sein, es würde tiefe, weite Fensternischen und behaglich eingerichtete Zimmer haben. Unten wären Empfang- und Wirthschaftszimmer, oben die des Hausherrn und das Kabinet der Frau, das wäre ein kleines licht- und blumenreiches Gemach, mit einem Fortepiano, Bücherschrank und schönen Gemälden, wüßte ich doch jenen Christus wieder aufzuspüren! -- In dem Erker würde eine Staffelei stehen können, vielleicht wäre sie der Frau nicht zuwider, und während ich malte, tauschten wir unsere Gedanken aus, oder sie läse oder spielte.

Das Bild ist verlockend, ich muß es bedecken, mich davon abwenden, vielleicht ist es ebenso unerringbar wie jener spurlos verschwundene Christus. -- Doch genug, ich muß heute noch einen weiten Spaziergang machen und schließe mit einem Gruße warmer, brüderlicher Liebe.

_Justus._

Den 13. December.

Liebe Schwester, ich habe eine Menge Aufträge für Dich. Du schriebst im letzten Briefe, Du würdest vor Weihnachten noch einmal nach Berlin reisen, das paßt ganz zu meinen Wünschen. Burga hat es nämlich bei ihren Eltern dahin gebracht, daß ich die Erlaubniß erhielt, den heiligen Abend des Weihnachtsfestes bei ihnen zuzubringen, und nun wollte ich Dich bitten, in Berlin passende Geschenke für die Familie auszusuchen. Ich denke, eine hübsche Schreibmappe mit schönem Papier würde Theresen nicht unwillkommen, eine Auswahl neuer Tänze oder irgend ein Putzgegenstand für Ida nicht unpassend sein. Burga und Berga müssen etwas Egales haben, oder Gemeinschaftliches, Noten zu vier Händen etwa, oder Spiele, oder eine wohleingerichtete Kochanstalt, was Du willst, Du wirst schon das Richtige treffen. Für Cäcilie etwas zu wählen, ist schon schwerer; ich habe an Scrivers Werke gedacht -- ich habe in diesen Büchern gelesen, sie stehen in der mir zugänglichen Bibliothek des Grafen -- aber wie könnte ich es wagen, ihr ein Erbauungsbuch zu schenken! Aber wenn Du dennoch meinst, es ginge, dann schicke sie, in recht würdigem, gediegenem Einbande. Vielleicht machten ihr auch Märchen, mit vielen Bildern im Text, Freude, es müßte aber schon etwas _sehr Gutes_ sein, gehaltvoll, in der Form gelungen, und jedenfalls in einer Prachtausgabe; erkundige Dich doch, was es Bestes in der Art giebt. Auch habe ich an Schmucksachen gedacht: ein Perlenhalsband mit schönem, goldenem Schlosse würde ihr vortrefflich stehn; doch Perlen bedeuten Thränen, mein Geschenk soll weiter keine Bedeutung haben, als ein Andenken an diesen heiligen Abend, die der Thränen gewiß nicht, und so ist es auch mit einem goldenen Kreuze, welches sie vielleicht trüge, aber nein, Kreuz bedeutet Leid.

Du siehst wohl, für Cäcilien weiß ich garnichts, suche Du nur etwas aus, was für ein frommes, sinniges und schönes junges Mädchen paßt, vergiß aber nicht, mir auch all die Sachen, welche ich angedeutet habe, mit zu besorgen, es könnte doch sein, daß mir das Eine oder Andere davon noch wünschenswerth für sie erschiene. Gern malte ich ihr etwas, aber was? Sie hat so viel Schönheitssinn, so viel Kunstverstand, werde ich ihr in der kurzen Zeit, neben den mir aufgetragenen Arbeiten, noch etwas Würdiges schaffen können? Ich bezweifle es. Für die kleine Johanne habe ich ein Album machen lassen, welches ich mit Zeichnungen aus der biblischen Geschichte schmücke, ein kleines Büchlein nur. Ein Album wäre auch etwas Passendes für Cäcilie, aber ich müßte es ihr fast leer überreichen, und das möchte ich nicht. Höre, Kind, besorge doch auch eine Prachtmappe von Sammet und einfachem Golddruck, es könnte sein, daß ich unter meiner Sammlung noch so viel Gutes zusammenfände, was ich ihr, ohne lächerlich zu erscheinen, anbieten dürfte. --

Lebe wohl, liebes Kind, ich habe es sehr eilig.

_Dein Bruder Justus._

Um allem Irrthum vorzubeugen, füge ich diesem Briefe ein einfaches Register derjenigen Dinge bei, welche ich für Cäcilien besorgt zu haben wünschte: 1) Scrivers Werke, 2) Märchen, 3) ein Perlenhalsband, 4) ein goldenes Kreuz, 5) eine Mappe, und 6) Verschiedenes, durch welches Dein Geschmack meiner Rathlosigkeit zu Hülfe kommen könnte.

J.

Was meinst Du, schenke ich auch den Alten etwas? Es wäre wohl nicht gut angebracht, aber Julchen muß etwas haben; sinne nach, was es sein kann. Spare ja nicht, ich lege einen Wechsel von 50 Rthl. bei, und reicht das Geld nicht, so lege nur für mich aus.

_Dein Bruder._

Den 20. December.

Welche Wichtigkeit ein Bräutigam ist! Kommt so ein Mensch in's Haus, so erschallt vom First bis in's Souterrain ein Jubel: er ist da, Heil, er ist gekommen! Selbst Cäcilie, ja gerade Cäcilie läuft mir da heute Morgen entgegen, daß die schwarze Sammetschleife im Haar in ungewohnten Schwung kommt, sieht mich mit beiden Augen freudenvoll an und ruft: »Theodor ist hier!« -- »So?« fragte ich ganz kühl; ich fühlte gar keine so große Veranlassung zur Freude. -- »Ja, und bleibt bis acht Tage nach Neujahr, kommen Sie, ich werde Sie vorstellen,« und hin ging's zu dem Herrn Theodor, der doch auch Seinesgleichen in der Welt hat. Sonst ist er ganz nett, -- er hat in der That etwas sehr Einnehmendes, und durch die Briefe seiner Braut von meiner Einbürgerung im schwiegerväterlichen Hause benachrichtigt, reichte er mir mit offener Herzlichkeit gleich die Hand zur Einleitung eines freundschaftlichen Verkehres. -- Ich bin neugierig zu wissen, ob man mit mir, wenn ich einmal Bräutigam sein werde, auch so viele Umstände macht. --

Deine Sendung ist noch nicht angekommen, ich erwarte sie täglich. -- Die Vorfreuden des Festes beginnen, Pfeffernüsse durchduften fast alle Häuser seit längerer Zeit, und Tannenbäume schleichen in der Dämmerung durch die Straßen, um unbemerkt in die Häuser zu schlüpfen, die Geheimnisse mehren sich.

Die Gräfin ist ganz Glück, so recht in ihrem Elemente, aber wann ist sie dies nicht? -- Ohne Unterlaß gehen Boten mit Commissionszetteln nach allen Himmelsgegenden; verschiedene alte und junge sanfte Frauengesichter erscheinen geheimnißvoll mit großen Körben voller Sachen im Schlosse und ziehen sich, ihrer Bürde entledigt, mit augenscheinlicher Befriedigung wieder zurück. Sie scheinen den Frommen anzugehören, denn diese mögen alt oder jung, hübsch oder häßlich sein, ein gemeinsames Kennzeichen haben sie Alle, sie zeigen fast beständig ein heiteres Gesicht, ein ruhiges Auge, die Seufzer über das menschliche Elend sind nur vorübergehend, der liebe Herr macht alles, was uneben ist, ihnen wieder gerade. Julchen ist mir das Ideal solcher Frommen. Man möge diese Leute in Zukunft in meiner Gegenwart nicht wieder angreifen, ich werde sie entschlossen, mit dem Muthe der Ueberzeugung vertheidigen. Sehr möglich, daß es auch unter ihnen Heuchler giebt, aber wo giebt es keine? Wie viele Freigeister, die ihre Thaten ihr Gottsein beweisen lassen wollen, verbergen bedächtig viele ihrer schmutzigen Werke vor den Augen der Welt, verstecken unter Phrasen über Berechtigung, Freiheit und dergl. die an sich wohl erkannten Flecken. Hier ist es anders, und wer sich wohl fühlen, vereinfachen will, wieder in das Paradies der Kindheit zurückversetzen möchte, komme nach Burgwall, wo nichts von der verschrieenen Kopfhängerei an den Gläubigen zu merken ist, wo Hoch und Niedrig das Band Einer Liebe, Eines Glaubens verbindet. Halte mich wegen dieses Zeugnisses aber ja nicht für einen mit ihnen in Christo Verbündeten, Du würdest sehr irren. Ich möchte es wohl sein, weil ich sehe, wie innigst befriedigt sich diese Menschen fühlen, welche Geduld sie beweisen, welche Todesfreudigkeit sie haben. Auch das habe ich nicht aus Schilderungen, denn fern ist diesen Leuten Proselytenmacherei; sie brauchen nicht klüglich zu sprechen, um für sich und ihre Lehre zu werben, sie sind anziehend, das ist mehr als Jenes. -- Ich hörte öfter von einem alten, sehr leidenden Manne im Bernwachtschen Hause reden, und ging eines Abends zu ihm. Möchte ich einst so heiter sterben, wie dieser Greis! -- Als ich ihn fragte, ob ich ihm irgendwie dienen, ihn mit etwas erquicken könnte, deutete er auf ein Buch und einen Gesang, den ich ihm daraus vorlesen sollte; ich that es mit Schüchternheit, das kindliche Verlangen nach der frohen Ewigkeit, welches in diesem Liede lebte, war mir fremd, der Alte kannte es. Und dann wie dankbar war er. »Der Herr wird es Ihnen lohnen,« verhieß er. Einige Tage später war er bei seinem Herrn. Ich sagte es Bernwachts, als ich es gehört hatte, sie wußten es schon, und Cäcilie sagte mit freudigen Augen: »Wie schön wird er Weihnachten feiern!«

Solch ein Glaube kann da schwerlich einziehen, wo er so lange belächelt ist; ich habe ihn nicht, aber ich muß ihn ehren. --

Gestern Abend nach Tisch war ich noch im Familienzimmer, wo wir ausnahmsweise gegessen hatten, als die Gräfin ein dickes Buch hervorholte, um ein Weihnachtslied auszuwählen. Der Graf, der sich mit mir unterhielt, wurde zu Rath gezogen, und endlich ein Gesang zum Festliede ausersehen. Es gefiel auch mir besonders, und als die Gräfin Anstalt machte es abzuschreiben und viele Quartblätter schnitt, welche zeigten, daß sie es in vielen Exemplaren haben wollte, bot ich meine Hülfe an. Ein freudiger Blick lohnte mir. »Finden Sie das Lied schön?« fragte sie. -- »Ja,« erwiederte ich, »es sagt mir sehr zu.«

»O, das ist auch eine Festfreude,« sagte sie herzlich, und reichte mir die Hand zum Drucke; ich küßte sie aber demuthsvoll.

»Die Wahrheit ist eine siegreiche Macht,« sprach der Graf, »und eine so selige,« fügte seine Frau hinzu.

»Aber mein Herz und mein Verstand sind sehr trotzig,« entgegnete ich, »sie wehren sich selbst dann noch, wenn sie schon die Größe des Ueberwinders ahnen und ehren.«

»Es wird Ihnen nichts helfen,« sagte der Graf, und drückte mir warm die Hand; »die Wahrheit bedarf nur geringen Raumes, um bald siegreich das Feld zu behaupten. Gott segne das Fest an Ihrem Herzen!«

»Amen!« hallte die Gräfin.

Ein Jahr zurück, nur ein halbes, und wie anders damals und jetzt! Was ich jetzt zu sein wünsche, verlachte ich damals, Glauben nenne ich, was damals Vorurtheil hieß, Aufklärung, was Befangenheit genannt wurde. Und dieser Umschwung geschah in aller Stille, und was das Traurige dabei ist, ich stehe nur draußen vor der Schwelle des Heiligthums, höre mit dem einen Ohr die Harmonie drinnen, mit dem andern das Spotten ehemaliger Genossen. Dennoch beschwere ich mich keineswegs, und wenn ich die ganze Wahrheit sagen soll, so bin ich auf die Entwickelung dieses Seelenprozesses neugierig. Wie und wann werde ich so glückselig werden wie der Graf, oder sein Gärtner, oder Julchen, oder wird eine Reaction eintreten? Ich wünschte, jene Leute wären wirklich in der Wahrheit, und Gott hülfe mir auch dazu zu kommen. Gottes und Marien Sohn! --

Julchen sagte vor einigen Tagen zu mir: »Worin liegt denn eigentlich das Unglück, wo steckt der Knoten?«

»Ich möchte gern ein Christ sein, wie andere mir liebe Menschen, und bin es nicht im Stande.«

»Warum wollen Sie es denn sein?«

»Weil ich das Beste nicht für zu gut für mich halte, als Gottes Kind könnte ich ja auch wohl ein Christ sein.« -- Sie lächelte, mußte aber wieder fragen, warum ich das Christenthum für »das Beste« hielte, und ich sagte ihr, daß ich die Wirkungen seiner Vortrefflichkeit nun hinlänglich wahrgenommen hätte, um zu diesem Schlusse zu kommen, und zweitens gedächte ich zuweilen mit einem peinvollen Gefühle an meine mögliche Verblendung, an meine Undankbarkeit, wenn Christus nämlich wirklich der wäre, den ich nicht glauben könne.

»Wenn es so steht, dann wenden Sie sich nur mit Ihrem Verlangen an Ihren Schöpfer, beten Sie nur das schönste Gebet, welches wir haben, Sie beten dann zu Ihrem Gott, und ganz im Sinne dessen, den Sie suchen, mit seinen eigenen Worten.« --