Briefe eines Malers an seine Schwester
Part 3
»Meine Sehnsucht und Trauer war groß, ich habe Jahre lang viel gelitten, mehr als ein Christenherz um einen Heimgegangenen leiden sollte. Endlich erhob ich mich, mit Gottes Hülfe, zu größerer Klarheit, ich empfand wieder Freude bei seinem Andenken, ich freute mich in seinem Sinne handeln zu können, richtete meine Blicke und mein Herz wieder fester zu den Höhen, von wannen die Hülfe kommt. -- Da starb Mutter und ich war ganz verwaist. Es ist sehr schwer allein zu stehn, wenn man ein warmes Herz hat. Es fehlt freilich nie an Gelegenheiten zum Gutesthun, aber unsere Liebesthaten werden da unendlich wohlthätiger wirken, wo die Liebe sie empfängt; man will auch nicht verschwenden, weil man weiß, wie glücklich Liebe machen kann. Fühlen Sie, wie es kam, daß die welche als ein Muster felsenfester Treue galt, allmählig die Wünsche hegte, mit ihrem tiefsten Seyn, sich an ein anderes lebendes Wesen zu schließen, fühlen Sie aber auch die Kämpfe, Selbstanklagen und welches Verzagen diese arme Seele erschütterten? Der geistige Bund, die geistige Ehe, wenn Sie wollen, war entweihet, auf welche Tugend durfte ich noch bauen, wenn nicht auf diese Treue, auf mein freiwilliges Gelübde der feurigsten dankerfülltesten Liebe? -- Auf keine Tugend, keine Kraft war zu rechnen, in mir war kein Halt.«
»Was giebt mir nun den Muth mich dem Himmel und meinem Freunde dennoch entgegen zu freuen?« fuhr die Erzählerin fort, »ich will es Ihnen sagen. Kennen Sie noch Worte wie diese: »Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, und saget den verzagten Herzen, seid getrost, fürchtet euch nicht; ich bin der Herr dein Arzt; selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet -- wendet euch zu mir, so werdet ihr selig -- die Liebe decket der Sünden Menge -- verlasset euch auf den Herrn ewiglich -- durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein!«
»Jetzt bin ich stark im Glauben, ich bin auch selig in Liebe und Hoffnung.«
Das treffliche Mädchen schwieg und sah mich mit den leuchtenden Augen ihrer Mutter an. Ich küßte ihre Hand.
»Haben Sie wirklich alle Gebote gehalten?« fragte sie.
»Nein,« entgegnete ich. Sie drückte mir die Hand, und ich verließ sie voller bewegten Herzens. --
Wenn ich einmal verheirathet sein werde, dann will ich Julchen Hermann für mein Haus zu gewinnen suchen, da soll sie noch viel Liebe finden. Meine Frau soll die Geschichte erfahren, und wenn sie sie jetzt nicht etwa schon liebt -- man kann's ja nicht wissen -- dann wird sie's nachher sicher. Julchen wird dieser Frau eine sehr kräftige Stütze werden, ich nenne sie freilich immer alt, deshalb ist sie aber noch nicht gebrechlich, und hat sie auch einmal Migräne, so legt meine Frau die Hände auf sie und Alles ist gut. --
Gott segne alle guten Menschen, Dich auch recht sehr, liebe Pauline! Schreibe bald wieder.
_Justus._
Den 13. October.
Kleines Mädchen, ich fühle mich sehr behaglich auf Gottes schöner Welt, und er hat mir einen netten Platz und entsprechende Arbeit darauf angewiesen. Der liebe, großmüthige Herr Gott hat mich ohne Zweifel wirklich recht lieb, sonst könnte er mir nicht so viele gute Menschen in den Weg schicken und mein Herz so fröhlich machen.
Sonntags kam ich aus der Kirche, -- ich schäme mich dieses Ganges keineswegs, ich fühle mich darin ganz behaglich, ganz zu Hause, ich habe gesungen wie die Andern: Befiehl du deine Wege u. s. w. -- also ich kam aus der Kirche, und stehe mit der kleinen Johanne, die ihrer Bonne weg- und mir entgegen gelaufen ist, und plaudere ganz freundschaftlich, als »Grafs« kamen. Der liebe Engel grüßte, bevor ich meinen Hut herunter hatte, wie Maienlicht und steuerte auf uns los.
»Wissen Sie, lieber Herr Brand, was wir in dieser Woche für ein Fest feiern?« frägt sie. Ich wußte von nichts. »Königs Geburtstag, am 15.,« fuhr sie fort, »und ich führe zur Verherrlichung des Tages etwas im Schilde gegen Sie.« -- Ich stellte mich ihr mit allen meinen Kräften zur Disposition.
»Eigentlich muthet Ihnen meine Frau ein starkes Stück zu,« bemerkte der Graf, »aber sie hat ein merkwürdiges Vertrauen zu Ihnen.«
Ich fühlte mich erröthen und sah die edle Dame dankbar an; sie lächelte und sagte: »O ja, sein Sie dessen ganz gewiß, was ich aber wünsche, ist gerade nichts Gewaltiges, es handelt sich nur um ein Paar Transparente zum Festtage, nicht wahr, Sie machen sie gerne? wir wollen recht schön am Abende illuminiren.«
Sie war dabei so erwartungsfroh wie ein Kind und ich versprach natürlich mein Möglichstes dabei zu thun. Da stehn sie nun, 3 Rahmen, mit dem königlichen Namenszuge, Adler, Laubwerk u. s. w., ich habe sie vorhin probirt, es ist eine wahre Pracht! -- Hast Du wohl beachtet: sie hat merkwürdiges Vertrauen zu mir!
Uebermorgen Abend also glänzende Illumination, und in der Stadt Ball. Zu drei Tänzen habe ich bereits engagirt, Theresen zur Polonaise und Ida zum ersten Walzer und Cottillon. Cäcilie will nicht hingehen, sie wird Burga's und Berga's Kameradschaften mit Kuchen und =blanc manger= tractiren -- Jeder nach seinem Geschmack! -- Nach dem großen Tage mehr.
Am 16. October.
Was steckt doch alles in einem und demselben Menschen; ich z. B. bin überraschend vielseitig, es kommt nur darauf an, mich dahin zu stellen, wo etwas fehlt, und man erlebt Staunenswerthes! -- Die Tage waren köstlich und ich werde Dir alles getreulich berichten, es ist ein Vergnügen noch einmal Alles durchzunehmen.
Die Transparente waren also zur rechten Zeit fertig und ich glaubte bei den übrigen Vorbereitungen den Zuschauer abgeben zu können, aber weit gefehlt!
Schon am frühen Morgen des 14. begann ein allseitiges Rumoren, die ganze Dienerschaft lief durcheinander, schleppte hierhin und dorthin, schrie und frohlockte, als sei es heute Pflicht und Schuldigkeit Menschen, welche von der Natur mit zarten Gehörnerven versehen sind, zur Verzweiflung zu bringen. Wie die Gräfin dies aushält, dachte ich, wo sie wohl steckt, während dieses Lärmens. -- Der Tag war einzig schön, ich öffnete das Fenster, setzte mich daran und begann zu malen. Es ging aber nicht, trotz des besten Willens, so beschloß ich Toilette zu machen und mir den Wirwarr draußen in der Nähe zu besehn, vielleicht daß ich ihm dann mehr Geschmack abgewönne. Aber zum ersten Male sah ich mich hier vernachlässigt, der Toilettentisch entbehrte des Nothwendigsten, wer denkt an den Maler im Dachstübchen, wenn Königs Geburtstag ist! Ich machte mich jedoch bemerklich und klingelte, einmal, und noch einmal, und als das nicht half, lief ich an die Wendeltreppe, und schrie um durchzudringen mit einigem Kraftaufwande erst nach dem Bedienten und dann ganz energisch »Waschwasser!« Leichte Schritte wurden in einem benachbarten Zimmer hörbar, sie entfernten sich, und nichts erfolgte. Nun galt es Geduld zu üben und mit Ergebung abzuwarten, was geschehen würde.
Es dauerte nicht lange und das Zöfchen erschien, nach meinen Befehlen fragend, Frau Gräfin schicke sie. »Frisches Wasser, liebes Kind,« gab ich ganz bescheiden zur Antwort. Also ihre Erlaucht hatte ich vorhin mit meinem Befehle beehrt!
Nach einer Viertelstunde stand ich im Eßsaale, wo aber ein großes Malheur passirt war. Ein ungeschickter Bedienter hatte einen Wandleuchter an Ort und Stelle bringen wollen, sich statt einer Treppe einer Leiter bedient, war damit auf dem geglätteten Fußboden ausgeglitten, niedergefallen, und dabei, um die Sache nicht allein abzumachen, hatte er einen in der Nähe stehenden großen Gypsengel bei einem Flügel ergriffen und ihn glücklich mit zu Falle gebracht. Mit Mienen stummer Verzweiflung umgab das fast vollständig gegenwärtige Dienstpersonal die jämmerliche Gestalt des schwerverletzten Schutzengels, der Sünder selbst stand da, mit leichenblassem Gesichte. Auch die Gräfin besichtigte den Schaden und befahl dann die Figur aus dem Saale zu schaffen, als ich bat die Sache etwas genauer untersuchen zu dürfen. Nun stellte es sich heraus, daß die Zierde des Saales noch zu retten war, zwar mußte der rechte Flügel dreimal gekittet und eine starke Schramme auf der Stirn ausgefüllt werden, aber das war auch das Schwierigste, die andern Defecte waren höchst unbedeutend. Die Gräfin schüttelte anfangs den Kopf zu meinem Entschlusse die Operation zu übernehmen, und meinte ein geflicktes Kunstwerk sei keine Zierde mehr, als ich jedoch erklärte es nicht übel nehmen zu wollen, wenn man den Geheilten verwerfen würde, und betheuerte ich würde nur sehr ungern von der Arbeit abstehen, gab sie lächelnd ihre Einwilligung. -- Der Engel genaß vollkommen, jede Narbe verschwand unter einer angemessenen Dosis Marmormehl und am 15. Morgens war ihm von seinem =salto mortale= nichts mehr anzusehen. Ob nun zum Lohn für diese Kur oder nicht, das kann ich nicht entscheiden, genug, ich wurde eingeladen mit der Herrschaft gegen Abend durch den Park zu fahren, es war ein Genuß, in dieser Gesellschaft und unter den alten prächtigen Bäumen hin, die indessen schon bedeutend gelichtet sind und die reichste Schattirung zwischen Grün, Gold und Purpur bilden. Mehrere dieser Alleen sollten auch illuminirt werden, nur bedauerte die Gräfin, daß man nicht bei Zeiten daran gedacht habe, die Wege vom hochdaraufliegenden Laube säubern zu lassen, es sähe schlecht aus, und lasse sich auch nicht schön darin gehen und sie spaziere doch so gerne bei solchen Gelegenheiten in diesen Gängen, wo sie so viele freundliche Gesichter zu sehen bekomme. Der Graf bedauerte es ebenfalls, konnte aber nur versprechen die dem Schlosse zunächst liegenden Wege sauber herstellen zu lassen, seine Leute hätten schon reichliche Beschäftigung.
Ganz bescheiden wagte ich es mich ein wenig in die Sache zu mischen und fragte, ob die armen Leute in der Stadt wohl nicht gern das Laub wegholen würden, wenn sie nur die Erlaubniß dazu bekämen. »Gern,« erwiederte der Graf, »aber bei solchen Gelegenheiten kennen die Leute nicht Maß noch Ziel. Würde ich die Erlaubniß zu morgen früh ertheilen, so könnte man sicher darauf rechnen, daß noch Mittags, wenn die Gäste kommen, der Schloßberg mit den Laubharkern besetzt ist, und da weiß ich doch nicht was vorzuziehen ist, besonders wenn ich bedenke, daß das Wild durch die Kinder auf mehrere Tage in den Hintergrund des Parkes gescheucht werden wird, wer kann solche verschiedenartigen, zahlreichen Arbeiten hüten?«
Mir fuhr ein komischer Gedanke durch den Kopf. »Ich will's thun, Erlaucht,« sagte ich, »es wird mir ein Vergnügen sein.«
»Ebenso wie mit der Natur?« fragte die Gräfin.
»Ja,« antwortete ich, »gestatten Sie nur daß mir ein bespannter Wagen und eine Menge Säcke zur Verfügung gestellt werden, das Andere werde ich mit Vergnügen besorgen.« -- Der Graf fand das zwar unmöglich anzunehmen, aber seine liebe Frau bewies ihm die Möglichkeit ganz einfach.
»Laß dem Herrn nur den Willen,« sagte sie schließlich, »Du hörst wohl, er thut so etwas gern, es ist gewiß wahr, da er es zweimal betheuert, und warum auch nicht? ich kann mir das Geschäft auch ganz nett denken.« -- Erlaucht war überwunden.
Gleich nach der Abendtafel eilte ich in die Stadt, mein Plan war schon fix und fertig. Der Bürgermeister sollte eine Anzahl Personen nennen, mit denen etwas aufzustellen war, diese sollten für die Frühstunden des nächsten Tages zum Laubharken geworben werden, und für die Arbeit bekamen sie das Laub bis vor die Thüre gefahren. Bernwacht war im Familienzimmer, dort wurde die Geschichte also verhandelt. »Giebts denn schon was?« fragte Frau Bernwacht ganz erstaunt, wir haben ja noch gar keinen Frost gehabt.
»Aber Kastanien Mama, bedenke Kastanien, die schon ganz kahl sind,« belehrte Berga, »und wie viel ist noch vom vorigen Jahre! Burga und ich wir gehen in der langen Allee manchmal zum Spaß durch das allertiefste Laub, und dann raschelt es sehr, Du solltest mal hören.« Für ihre Vertheidigung der Wichtigkeit meiner Angelegenheit beanspruchte sie für sich und Burga die Erlaubniß mit zu harken, sie könnten das Laub herrlich für ihre Kaninchen zum Einstreuen gebrauchen. Ida meinte: so eine Gräfin ist doch allmächtig, sie darf nur einen Wunsch äußern und man eilt ihn auszuführen und sollte man auch die merkwürdigsten Metamorphosen durchmachen.
»Sanfte, liebenswürdige Damen,« entgegnete ich, »haben über jedes Männerherz zu gebieten.«
»Das ist ja schrecklich,« spottete sie, »da hat ja keine Braut und Frau das Herz ihres Mannes für sich allein; fürchtest Du Dich nicht, Therese?«
»Nicht im Geringsten,« erwiederte diese lachend, »ich werde mich bemühen Theodor als die sanfteste und liebenswürdigste Frau zu erscheinen, dann bin ich, nach eines Kenners Aussage, seiner größten Liebe gewiß.«
»Sehr edel von Dir, dennoch theilen zu wollen,« sagte Ida pathetisch und hob den Kopf gewaltig, »ich meinerseits verlange entweder Alles oder Nichts.«
An solchen Scherzen betheiligt sich Cäcilie nie. Sie sitzt dann ganz ruhig und strickt oder näht, oder zeichnet Muster, aber sie sieht oft aus, als verstände sie von dem, was um sie her vorgeht, nichts, als seien ihre Gedanken weit, weit weg. Ich möchte wohl wissen, wie es in einem Kopfe und Herzen wie dem dieses kleinen Mädchens aussieht.
Am andern Morgen ertheilte ich meine Befehle als Laubkommissarius, wie Burga mich betitelte, und gegen zehn Uhr waren die Wege in schönster Ordnung, geharkt und gefegt, und als die Gäste durch den Thiergarten fuhren, war kein einziger Barfüßer mehr zu sehn. -- Um drei Uhr war großes Diner, es dauerte mehrere Stunden, und ich habe mich unter dem fremden hohen Adel weder gelangweilt noch gekränkt gefühlt, freilich war das auch nicht zu befürchten, da die Gäste, außer einigen Herren aus der Stadt, aus Freunden unserer gräflichen Familie bestanden, die ihnen natürlich geistesverwandt sein müssen. Einige Unruhe fühlte ich gegen Ende der langen Sitzung dennoch, ich dachte an das, was noch kommen sollte, besonders an den Ball auf dem Rathhause; endlich erhob man sich, ich war frei, und wollte eben aus der Thür schlüpfen, als ich den Blicken der Gräfin begegnete. Sie winkte. »Sie gehen zu Ball,« sprach sie huldreich, »und sprechen vorher bei Bernwachts ein, wollen Sie den Kindern nicht etwas Confect mitnehmen? Sie werden sich sehr dadurch insinuiren.« -- Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, füllte einen Teller mit feinen Süßigkeiten an, nahm ihn ungenirt nach außen, schlug dort die ganze Bescherung in einen Bogen weißen Papiers und steckte das ansehnliche Paquet in die Rocktasche. Nun gings in Sätzen den Schloßberg hinunter -- an der Toilette war nichts mehr zu ändern -- dem bürgermeisterlichen Hause zu. Man war natürlich noch nicht fort, denn der Papa mußte erst kommen, und der war bei meinem Abgange noch in ein Gespräch mit dem Landrathe vertieft, auch wollte man erst die Illumination sehen, denn bei dem schönen Wetter drohte dem Putze keine Gefahr, man hatte es früher auch schon gethan, und war ganz entschlossen. Ida in rosa Flor sah entzückend aus, sie hatte weiße Rosen im Haar und Perlen um Hals und Arme geschlungen. Als sie mir entgegen kam, blieb ich wie geblendet stehen, und hielt die Hand über die Augen. Sie lachte anmuthig und sagte: »Nicht wahr, ich bin wundervoll?« -- »Wundervoll!« echote ich. »Süperb?« -- »Süperb!« Lachend gab sie Theresen die Hand und länderte durch das Zimmer. Sie kam mir reizender vor als je. Therese war weiß gekleidet; sie wäre vielleicht ebenso gern zu Hause geblieben, ihr Bräutigam war nicht da. -- Cäcilie kam mit einem Schlüsselbunde zum Vorschein und trug mächtige Körbe mit Aepfeln und Wallnüssen, das erinnerte mich an meine gespickte Tasche, und Burga und Berga empfingen überglücklich die Sendung der Gräfin. Darauf kam die Nachricht: die Erleuchtung sei im Gange, der Papa brachte sie selber, ich half den Damen sich einzuhüllen und nun gingen wir Alle dem Thiergarten zu.
»Papa und Mama müssen unsere Lootsen sein,« meinte Berga.
»Ja,« wiederholte die Andere, »es ist gewiß« -- »Schweig!« gebot Ida, »wir wissen allemal im Voraus, was die Zweite von Euch zu sagen hat, macht nicht so viel unnütze Worte.« --
Die Kleinen hüpften zu Cäcilien, hakten unter und somit war ich auf die beiden Balldamen angewiesen, die denn auch geruhten mich zum Führer anzunehmen. --
Oft habe ich Illuminationen gesehn, die diese einfache bei weitem überstrahlten, aber keine erschien mir so lieblich, kindlich möchte ich sagen, wie diese, und keine habe ich in so angenehmer Gesellschaft betrachtet. In den schönen Alleen wogte es nur so von Menschen, und alle waren mehr oder weniger von dem schönen Schauspiele entzückt. So schön war es noch nie gewesen, das hörten wir wenigstens zehnmal.
»Das sagen sie alle Jahre,« bemerkte Ida.
»Nein,« widersprach eine der naseweisen Kleinen; »Cäcilie sagt es selbst, so lieb ist es nie gewesen.« -- Ich sah mich nach dem Dreiblatt um. »Es ist heut Abend wunderschön,« lächelte das kleine blasse, süße Gesicht. -- »Ich denke lieb?« fragte ich. -- »Ja, recht lieb.« --
Nun wurden die Transparente sichtbar, und ich erntete indirect überreichlichen Lohn für meine kleine, gern übernommene Mühe. Es war an der Stelle, von welcher man sie am besten sehen konnte, ein förmliches Gedränge. Ida wurde sehr unwillig, ihr Anzug verdürbe auf diese Weise ganz, sie müsse nur allein gehen und auszuweichen suchen; ich verbeugte mich und ließ sie gehen. Bald darauf sah sich auch Cäcilie treulos verlassen, die kleinen Schwestern waren zur Mutter gestürmt, um ihr etwas Nothwendiges über die Eindrücke zu sagen, welche dies Alles auf sie hervorgebracht hatte, sie stand ganz allein da und vertiefte ihre Augen in die Tausende von Sternen, die sich mit einem Male auf den schönen Wald niedergelassen hatten. »Wir müssen die junge Dame nur unter unsern Schutz nehmen,« flüsterte ich Theresen zu, und bot Cäcilien meinen Arm an, aber -- sie dankte! Sie dankte recht sehr, ich möchte es aber -- aber nicht übel nehmen. --
Ich nahm's ihr dennoch übel. --
Nach einer guten halben Stunde eröffnete Ida an der Seite eines jungen Militairs den Ball, und man tanzte, tanzte und tanzte, das ist die Geschichte des Balles. Aber außerhalb des Balles trug sich an diesem Abende noch Etwas zu. Von Bedeutung? magst du fragen -- je nun, ich meine fast. Sieh, als ich die beiden Schwestern durch den Saal schweben sah, -- sie sind Beide _sehr_ graciös -- fiel mir plötzlich Cäcilie, die kleine Unergründliche, ein. Ich dachte: wie sie wohl tanzen würde, gewiß hinreißender wie die Salome vor Zeiten, denn sie hat eine feenhafte kleine Gestalt, und schwebt überhaupt mehr als sie geht. Und, dachte ich weiter, was sie nun wohl treibt, und ob ihr Zuhausebleiben vom Ball wohl wirklich Geschmackssache war oder ein pietistisches Opfer, ob sie zu Hause wohl den Kopf ein wenig hängen läßt, und dachte so lange an dergleichen, bis ich mit einer Art Freude, die mir ganz neu war, mich daran erinnerte, daß mich ja nichts verhindere sie aufzusuchen, daß ich ja überhaupt so frei sei wie der Vogel in der Luft. Der Mantel wurde umgeworfen und bald war ich da. Am Fenster blieb ich lauschend stehn, lauter Gesang hoher Diskantstimmen schallte mir entgegen: »Heil Dir im Siegeskranz, Herrscher des Vaterlands!« -- eine schöne sanfte, aber sichere Altstimme führte das Steuer. Die zusammengezogenen Gardinen waren nicht allzu dicht, ich konnte vortrefflich hindurchschauen, da saß sie am Claviere und dirigirte; Burga und Berga mit wenigstens einem Dutzend künftiger Schönheiten standen ringsum und sangen nach Möglichkeit, Julchen Hermann, mit dem Ausdrucke innigster Freude, daneben.
»Fühl in des Thrones Glanz,« sie sangen mit ganzer Seele, die Mädchen, ich mußte einstimmen, was gings mich an, wenn die Nachbarn etwa ihre Bemerkungen darüber machten, es war ja Patriotismus -- »Die hohe Wonne ganz, Liebling des Volks zu sein, Heil Liebling Dir!«
Meine Einmischung hatte all die Oehrchen da drinnen gespitzt, Berga errieth, und sang sich gerade bei der letzten Zeile aus der Hausthür heraus.
»König heißt es!« rief sie corrigirend, und sang, an meinem Arme hängend, und meine Variationen noch einmal berichtigend: »Heil König Dir!« als ich eben mit höflichem Gruße in der Versammlung der Sängerinnen erschien. Cäcilie nickte mir freundlich zu, ließ sich aber nicht stören, der Gesang nahm ununterbrochen seinen Fortgang.
»Was wollen Sie denn eigentlich?« fragte mich Julchen, als wir Beide auf dem Sopha saßen. »Mich ruhen, erholen.« -- »Glaubten Sie hier Ruhe finden zu können?« -- »Ruhe und Frieden,« antwortete ich und sah ihr voll in die Augen. Sie lächelte und nickte mit dem Kopfe. »Ja,« sagte sie dann, »es ist ein großer Unterschied darin, den Lustbarkeiten Erwachsener sich hinzugeben oder den Spielen der Kinder zuzusehen; ich bin auch sehr gern unter Kindern.« --
Dieses alte Mädchen hat ein sehr feines Verständniß, aber wenn ich einmal ein Geheimniß habe, soll sie es theilen.
Nach dem Vortrage diverser Lieder tanzten die Kinder; Cäcilie spielte mit einer Geduld, welche die meinige ermüdete, endlich erbot sich ein liebenswürdiges Kind sie abzulösen, und sie setzte sich in unsere Nähe. Nun könnte ich sie vielleicht tanzen sehn, dachte ich, oder gar selbst mit ihr tanzen, sie wird aber ein rundes Nein bei der Hand haben, das will ich doch nicht so schnell riskiren. Da kam Burga und bat sie, und sie tanzte, nun versuchte ich mein Glück auch, und sie gab mir die kleine Hand ganz willig. Sie tanzte noch lieblicher, als ich es mir vorgestellt hatte, leise, leise, sinnig, lache nicht! -- sinnig, wiederhole ich -- sie thut nichts als in dieser holden Weise. Da war keine Hast, kein innerer Sturm, der sie trieb, keine Eitelkeit, die sich geltend machen wollte, sie hörte Musik und bewegte sich harmonisch, das war es; ich, auf dessen Arm sie sich lehnte, der ihr Führer hätte dabei sein sollen, konnte nicht anders als sie. Nie hatte ich so getanzt! --
Nun tanzte sie nicht mehr, sie schlug es verschiedenen Kindern ab, ich wagte es nicht, sie noch einmal zu bitten. Julchen lobte sie deshalb, sie scheint sie für schwach zu halten. --
Nach einiger Zeit wurde Pause gemacht und Erfrischungen gereicht, Cäcilie war die Vielbeschäftigte; ich hatte was ich wollte, und ging nach dem Rathhaussaale zurück, fühlte mich aber nicht sehr zum Tanz mehr aufgelegt und sah zu, bis der Cottillon kam, den Ida mir zugesagt hatte. Er dauerte sehr lange, und es schlug bereits vier Uhr als der Pförtner mich zum Schlosse herein ließ. --