Briefe eines Malers an seine Schwester

Part 2

Chapter 23,655 wordsPublic domain

Nun kommt Cäcilie, offenbar der Mutter Liebling, ein Mädchen von siebzehn Jahren, sehr zarter Gestalt, etwas blaß, mit herrlichem Haar und wundervollen Augen. Cäcilie ist vielleicht, um schön zu sein, etwas zu klein, und um im Allgemeinen so recht gefallen zu können, zu still, man kann sie kaum kennen lernen. -- Nun kommen ein Paar prächtige Wildfänge von dreizehn und elf Jahren, Burga und Berga genannt, Wallburga nämlich und Luitberga, komische Namen! Wo Burga ist, ist Berga, sie sitzen in einer Klasse, binden einen Kranz, spielen zusammen Klavier und Versteck, und umarmen gleichzeitig ihre Mutter, die sich auf ihre stürmischen Ueberfälle gewöhnlich schon durch Bergung ihrer Mützenbänder mit Resignation vorbereitet. Kürzlich hörte Berga, daß ihr Vater mein Pathe ist, und augenblicklich trug sie hocherfreut darauf an, mich Pathe nennen zu dürfen, Herr Brand gefalle ihr nicht, Herr Justus wäre freilich recht hübsch, aber ungewöhnlich, Justus schlicht weg, passe sich nicht, Pathing sei das Beste. Die Mutter schüttelte gewaltig mißbilligend den Kopf und entschuldigte, ich erlaubte natürlich dagegen der elfjährigen Berga mich Pathe nennen zu dürfen. »Burga muß aber auch so sagen, sonst kann ichs doch nicht,« behauptete sie und Burga bequemte sich. Es wurde gelacht, der Alte zog die Mädchen etwas auf und damit war es abgemacht.

Am 4. August.

Heute will ich diesen Brief an Dich abschicken. Dein letzter Brief war mehr als ernst, es sprach sich Unruhe, Besorgniß darin aus. Du schreibst: ich verkenne das Streben meiner Seele, nicht flüchtige Befriedigung, die man täglich in irgend einer Sache, einer Creatur finden könne, sei der Endpunkt derselben, sondern Frieden in Gott. -- Ist das nicht ein Spielen mit Worten, oder pedantische Festhaltung eines einmal so und nicht anders geformten Glaubenssatzes? Wir suchen was uns zu unserm Glücke fehlt, Jeder nach seiner Natur. Du bist ätherischer Natur als ich, und suchst geistigere, oder rein geistige, oder auch phantastische Genüsse, ich verstehe Dein Friedensverlangen nicht. Warum ist dieser Friede von Dir erst zu suchen, wodurch hast Du reines Kind ihn erschüttert, oder gar verbannt? Und warum ist mein Trachten nach Befriedigung verwerflich, da ich sie nicht im Unedlen, Rohen, Gemeinen suche? Widerstrebt mein Verlangen dem reinen Naturgeiste? -- Ich habe vor meiner Vergangenheit in keiner Weise zu erröthen, und brauche dem Frieden nicht nachzujagen, weil ich ihn habe. Beunruhige Dich meinetwegen nicht im Geringsten, meine theure Schwester, ich bin vollkommen glücklich!

Lebe wohl!

_Dein Bruder Justus._

Den 16. August.

Es will mir scheinen, als erkalte unser Briefwechsel, Du machst größere Pausen, als ich wünsche. Um meinerseits nichts dabei zu verschulden, schreibe ich dennoch, es ist mir wohlthuend -- auch eine kleine Befriedigung -- wenn ich an Dich schreibe und mich so von Grund aus ausspreche. --

Weißt Du, wer Dir hier in Burgwall sehr gefallen würde, welche junge Dame mich oft, nicht an Deine Person, denn Du bist glänzender, aber an Deine Briefe erinnert? -- Cäcilie. -- Vor ein Paar Tagen hatte ich mehrere Stunden anhaltend an dem Bilde der Gräfin gemalt -- der Engelskopf der Felicitas steht auf der Staffelei im Dachstübchen -- der Graf hatte uns dabei vorgelesen, tiefsinnige, anziehende Sachen, die nachher von uns besprochen wurden. Pauline, letzt schrieb ich Dir ich sei glücklich, heute fühle ich mich, und schon seit einigen Tagen stürmisch aufgeregt, und nicht glücklich, nein! -- Wie kommt es nur, daß sie mich als Einen der Ihrigen betrachtet hatten, als einen Glaubensgenossen? Weil ich bei ihren Tischgebeten keine Störung veranlasse, sondern auch meine Hände falte? Es kann ja sein, daß die ewige Macht ein solcher Vater unser ist, als welchen sie sie anbeten! Ich bins zufrieden, aber ich weiß nicht obs wahr ist. Wahrscheinlich ist es wahr, ich glaube es fast, aber ich weiß es nicht, dabei muß ich verharren. Es mag für Tausende leicht sein, sich bei solchen Gelegenheiten, wie an jenem Tage, in ein Schweigen der Bewunderung zu versenken, oder in oftgehörten Phrasen Beifall zu zollen, ich kann es aber nicht. Ich sagte was ich meinte, und es ward lautlos still im Zimmer. Das erste Wort, was ich wieder hörte, war die Johannen gegebene Erlaubniß, das Zimmer zu verlassen. Es zog mir eisig durchs Herz, sie fürchteten für das Kind den Gifthauch der Gottlosigkeit. Gottlos! ein schreckliches Wort. Bin ich es? Antworte mir darauf. -- Dieser verehrungswürdige Mann, diese herrliche Frau schaudern vielleicht vor mir zusammen, sie beten vielleicht für mich, für den armen Sünder, denn in ihren Augen giebt es keine größere Sünde, als gottlos zu sein. Aber ich protestire, ich bin es nicht! An jenem Tage wurde der wunde Punkt nicht auf das Leiseste mehr berührt, doch fühlte ich mich unbehaglich und ging bald. Im Zimmer hatte ich nicht Ruhe, ich ging hinaus, durchstreifte den Wald, das Feld, kam, ohne es beabsichtigt zu haben, in die Nähe des Kirchhofs und stand an den Gräbern der Eltern. Mutters weißes Marmorkreuz sah mich matt an, es war mir, als spräche es traurig: gottlos, armer Sohn! -- »Nein!« rief ich, beugte mich und küßte das Grab. Julchen fiel mir ein. Sie ist eine Dienerin des Gottes, den ich nicht kenne. Aufgeregt, wie ich war, sehnte ich mich ihre Meinung zu hören, ich wollte sie schon geschickt herauslocken, ohne mir eine Blöße zu geben; es braucht nicht alle Welt zu wissen, daß ich gottlos bin! --

Ich ging dem Hause zu. Ihr Stübchen liegt zu ebner Erde, ich kann es vorübergehend übersehen. Ich warf einen Blick hinein und sah mit Unmuth, daß sie nicht allein war, Cäcilie war bei ihr. Als ich jedoch das junge Mädchen erkannte, kam etwas wie Segen über mich, es wurde stille, ganz stille in mir, jetzt wieder -- unerklärliche Wonne! --

Ich blieb stehen und sah hinein, hören konnte ich nichts, wollte auch nicht, und gesehen konnte ich auch nicht werden. Es war Dämmerung und Julchen lag auf dem Sopha von vielen Kissen unterstützt, vor ihr, mit den Knien auf dem Estrich, Dielen sind für das Hospital Luxus, kniete das bleiche Kind, und drückte abwechselnd bald die eine, bald die andere Hand auf die Stirn der Kranken. Es war ein rührendes Bild. -- Nein Pauline, ich bin gewiß nicht gottlos, sieh, als ich wieder zwischen den Gräbern hinschritt, bat ich Mutter, Gott um den schönsten Segen für das stille Kind anzuflehn, und dieser Wunsch kam aus tiefstem Herzen, ich muß also glauben, trotz der vielen Wenns und Abers des Verstandes.

Es ist mir ein süßer Gedanke, Cäcilien unter den Schutz meiner Mutter gestellt zu haben. --

Gute Nacht, Schwester; ich habe eben am Fenster gestanden und auf die ruhende Welt hinabgeschaut, der Mond hält oben Wacht, es ist sehr schön draußen. Mein Herz ist in wunderbarer Aufregung, nie habe ich mich so ernstlich gefragt, ob ich Gott glaube, ob ich gottlos bin. Wie kam es, daß diese Frage mein Inneres so in Aufruhr gebracht hat? Das Verstummen zweier Menschen hats vermocht, zweier Menschen, die ich hochschätze. Wenn es einen persönlichen Gott giebt, Pauline, dann muß er eine unausdenkbare Größe sein. Denk Dir eine Macht, welche die Welt, die Natur in dieser wunderbaren Ordnung erhält, denke diesen raffinirten Naturgesetzen nach, denke Dir dazu eine Liebe, welche dies Alles erschaffen hat und erhält für Geschöpfe, die ihn verneinen, verhöhnen; ist ein Gott, so ist mir nicht bange, Gott wird und muß am größesten im Verzeihen sein. Es ist ein wonnereicher Gedanke: Gott. Entweder beginnt nun für mich ein besonders reiches Leben, oder ein sehr ödes, kaltes. Meine Seele ist nun einmal von einem Verlangen erfaßt, diesmal kann es nur Gott befriedigen.

_Justus._

Den 3. September.

Die kleine Johanne ist an den Masern erkrankt, die Gäste haben das Schloß verlassen, und ich treibe mich umher, denn das Bild der Gräfin ruht natürlich, sie verläßt die Kleine nicht, um sich in Kostüm zu werfen und mir zu sitzen. Der Graf ist vielbeschäftigt, unsere Unterhaltung bei Tisch ist einsilbiger und dreht sich meist um die kleine Kranke. -- Ich erwarte Deinen Brief mit Spannung, aber nicht mehr mit der fieberhaften Unruhe wie Anfangs: ich weiß was ist, und fühle mich wohl dabei. --

Berga hat mir einen Gruß für Dich aufgetragen. Ida schalt sie dafür, sie sollte nicht zudringlich sein. »Sie meint es ja ganz gut in ihrer Weise, Ida,« sagte Cäcilie sanft, »es ist wirklich nichts Unrechtes dabei.«

Ida warf den Kopf sehr auf und erwiderte, Cäcilie scheine heute sehr gnädig zu sein, gestern habe sie Berga über ein ganz unschuldig hingeworfenes Wort eine lange Strafpredigt gehalten. Ich war gespannt, zu erfahren, was das für ein Wort gewesen sein mochte und fragte mein Pathchen. »Herr Jesus,« antwortete sie und senkte den Kopf ganz beschämt. -- »Sie thuts nicht wieder,« versicherte Burga, »es thut ihr selbst leid.« --

Cäcilie sprach kein Wort weiter darüber, ich dachte aber, was würde Cäcilie sagen, wenn sie in meiner Seele lesen könnte. Später waren wir im Garten und ich wurde fortwährend von der Versuchung gepeinigt, Cäcilien zu fragen, was sie von mir denke, nur wartete ich auf eine günstige Gelegenheit dazu. Endlich waren wir einmal mitten in einem Laubengange allein und ich fragte mit dürren Worten: »liebes Pathchen, bin ich ein guter Mensch?«

»Ich bin Ihre Pathin nicht,« erwiederte das junge Mädchen sehr ernst, »ich war weder Zeugin Ihrer Taufe noch -- fügte sie leise hinzu -- Ihrer Wiedergeburt.«

Ist das nicht streng von solchem kleinen Mädchen von siebzehn Jahren, das so sanfte Züge hat? -- es kränkte mich auch etwas, aber es verdroß mich nicht.

»So wiederhole ich denn Fräulein Bernwacht meine Frage,« sagte ich ganz treuherzig, und war begierig ihre Antwort zu vernehmen.

»Ich halte Sie für warmherzig,« sagte sie. »Genügt das?« fragte ich. Sie schüttelte mit dem Kopfe und Ida rauschte heran; ich hätte gern mehr gehört. --

Den 10. September.

Dank für Deinen Brief, liebe Schwester. Es ist doch schön um sichere Liebe, wie die der Geschwister; Gott sei Dank, daß ich Dich habe. Ja, Gott sei Dank, Du weißt, ich kenne ihn nun. Du hast nie daran gezweifelt, mein Leben habe es bewiesen, daß ich ihm nicht fern sei, ich hätte ihn nur durch die dichten Schleier der Selbstüberschätzung, des geistigen Hochmuths gesehn. Kind, welche Worte! -- Indessen, es ist etwas Wahres daran, und die Schüchternheit, mit der Du diese harten Behauptungen aufstellst, und die Freudigkeit, mit welcher Du mich auch ein Gotteskind nennst, zeigen Deine eigne Demuth und Liebe hinreichend, um mich vor Bitterkeit zu bewahren.

Da steht weiter: »Aber Du bist kein Christ, Gott führe Dich zu den Füßen des Heilands, der uns Allen zur Erlösung gegeben ist, und er wird es thun, ich fühle es mit köstlicher Bestimmtheit. Wenn Du auf meine tiefsten Herzenswünsche etwas giebst, so lies das neue Testament und suche die Unterhaltung gläubiger Menschen. Thu es nur zur Probe, wenn Du Deiner Sache augenblicklich ganz gewiß bist nichts weiter zu Deinem Heile zu bedürfen, als Deine jetzige Erkenntniß.«

Dein Rath soll befolgt werden. Aber verlange nicht, daß ich aus Respect vor Euren vermeintlich unantastbaren Wahrheiten verstummen soll. Ist Eure Religion die beste, so muß sie Widerspruch vertragen können, und ihre Priester und Priesterinnen dürfen über ein freies Wort nicht gleich den Stab brechen, oder über den Andersdenkenden den Bann verhängen. --

Mit wahrer Herzenserleichterung habe ich wahrgenommen, daß der Graf und seine Gemahlin mir nicht ihre Achtung entzogen haben. Wir verkehren ähnlich wie früher, nun Johanne wieder genesen ist und die Kleine besucht mich auch wieder. Durch diesen Zwischenact ist dennoch unser Verhältniß anders geworden, ich fühle etwas wie Mitleid aus der Art und Weise heraus, wie sich die hohe Frau gegen mich benimmt, und des Grafen Umgehung alles dessen, was sich auf Religion bezieht, ist es nicht Schonung? -- oder will er die Perlen nicht in den Bereich des Unreinen werfen? Ich glaube Besseres und verehre Beide um Vieles inniger noch, als zuvor. Oft wünsche ich, sie möchten sprechen, und ich würde ihnen dann sagen, wie es nun mit mir steht. -- Freilich würde es ihnen nicht genügen, aber sie doch vielleicht erfreuen.

Lebe wohl, liebes Kind, und schreibe bald wieder Deinem Bruder

_Justus_.

Den 20. September.

Gestern Abend bin ich bei Julchen Hermann gewesen und habe eine lange Unterredung mit ihr gehabt. Sie ist das, was Du eine echte Christin nennen würdest, liebreich, dienstfertig, freudig, genügsam, Alles »um des Herrn willen,« wie es auf ihrer heitern Stirn und in den großen grauen Augen klar steht. Ein religiöses Gespräch mit ihr anzuknüpfen, bedarf weiter keines Vorbedachtes, man kann nur nach einem Warum ihres Thuns fragen und man hat, was man will. Die Seligkeit, ihre und anderer Menschen, ist ihr Hauptgedanke, und sie ist der eignen so sicher, daß sie sich unter den Gräbern ringsum, und in der Gesellschaft eines Dutzend alter, einfältiger Weiber sogar schon wie im Vorhofe des Himmels fühlt. Ihre Sicherheit reizte mich mehr, als Du Dir vielleicht denken kannst, und ich ließ mich von meiner Heftigkeit zu Entgegnungen hinreißen, deren ich mich bei kaltem Blute schäme. »Toben Sie nur,« sagte sie ganz siegesgewiß und mit dem gütigsten Lächeln, »dieser Eifer ist mir ganz angenehm, er ist das Geschrei des angegriffenen alten Menschen, der alte Adam fürchtet überwunden zu werden.«

»Ich bitte Sie, bestes Julchen,« rief ich anmuthig, »verschonen Sie mich mit diesen abgeschmackten, Ihrer ganz unwürdigen Redensarten, -- alter Adam!«

»Fleischeswille, wenn Sie das lieber hören,« erwiederte sie ganz gelassen.

»Was will denn mein Fleisch?« fragte ich lachend.

»Herrschen, das Sinnliche, die Erde mit ihren Freuden zum Abgott machen.«

»Ich denke nicht daran,« betheuerte ich.

»Sie thaten es aber, und thun es noch,« beharrte sie. --

Ich bat sie, mich dieser Anschuldigung zu überführen, allein sie meinte, es sei wohl besser, ich thäte das selbst, sie verstehe vom Disputiren wenig. Sie wisse das aber ganz gewiß, daß sie ohne Christus nicht bestehen könne, daß sie nur an seiner Hand auf Erden wandeln und im Himmel selig sein könne. Auf meine Aeußerung solche Ansichten seien Schwärmerei, schüttelte sie den Kopf und fragte mich, ob ich denn allen Ernstes glaube, den Himmel verdient zu haben? -- »Verdient,« sagte ich ihr, »zwar gerade nicht, aber für wen er denn sein solle, wenn nicht für Menschen, die ein richtiges Leben geführt hätten, ich sei kein Grausamer, kein Lüstling u. s. w.«

»Sie meinen, Sie haben die Gebote gehalten?« fragte sie.

»Gewiß,« behauptete ich. --

Es erfolgte eine lange Pause, dann sagte sie: »In diesem Falle haben Sie den Himmel verdient; ich kann das von mir nicht sagen, ich habe keines der Gebote gehalten.«

Ihr Ton war bei diesem demüthigen Bekenntniß ganz ruhig, ich fühlte, sie sprach ihres Herzens Meinung aus. Desto größer war mein Staunen. Julchen Hermann gilt allgemein als eins der vortrefflichsten Wesen, unsere Mutter war ihre Freundin, ihr ganzes langes Leben wird musterhaft genannt und sie sagt, sie habe alle Gebote übertreten. Ich dachte an das fünfte, das sechste, das siebente. »Das ist Selbstverblendung,« rief ich, »die ganze Stadt würde Ihnen widersprechen!«

»Das ist Selbsterkenntniß,« entgegnete sie, »was weiß die Stadt von meiner Herzensgeschichte, und das Herz ist der Heerd, der stille, heimliche Heerd der geschehenen und ungeschehenen nur gewollten Thaten, die vor Gott alle gleich sind. Das Wort »Du sollst nicht begehren« steht in gleicher Reihe mit dem »Du sollst nicht fluchen, stehlen« u. s. w. Was die Stadt nicht weiß, soll Ihrer Mutter Sohn erfahren, und so hören Sie denn etwas aus dem Leben einer alten, unbescholtenen Jungfrau, und sehen Sie hinein wie in einen Spiegel, lieber Justus.« --

Die Erzählung, welche ich Dir gewiß mittheilen darf, da Du meiner Mutter Tochter bist, hat einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Es wird mir nicht schwer werden, sie Dir ziemlich getreu mit Julchens eigenen Worten zu überliefern, das Ganze ist mir lebendig gegenwärtig.

Aus Julchen Hermanns Leben.

»So weit ich zurückdenken kann, ist es unverdiente Liebe, welche mich gepflegt, gehütet und geführt hat. Meine Mutter haben Sie gekannt, sie war einzig in ihrer Art, ich könnte stundenlang von ihren Eigenschaften reden, und hätte sie doch nicht vollständig geschildert. In ihren frühern Jahren war sie sehr lebendig und hat sich ihre geistige Frische auch bis ins höchste Alter erhalten, Sie müssen sich noch erinnern können, wie eindringlich all ihre Worte und wie ausdrucksvoll ihr Mienenspiel und all ihre Bewegungen waren. Mutters Worte hatten stets die größte Gewalt über mich. -- Mein lieber Vater war Geschäftsmann und hatte für meines Bruders und meine Erziehung nur wenig Zeit übrig, Mutter nahm uns also ganz unter ihre Leitung, und so war ich denn schon früh so glücklich das Gute in seiner Schönheit kennen, es lieben zu lernen, von Kind an war ich unsers himmlischen Schöpfers und seines Sohnes Eigenthum, das er vor tausend Gefahren von seinen Engeln bewachen ließ. Aber trotz dieser Leitung, trotz dieses Schutzes, trotz meiner Liebe zu dem Heiligen, habe ich oft tiefes Leid über meine Sündhaftigkeit tragen müssen, sie steckt zu tief, glauben Sie, wir werden ihrer erst ledig, wenn die Hülle zerbricht.«

»Als mein Vater starb, der nur ein geringes Vermögen hinterließ, war mein Bruder auf dem Gymnasium, und ich ein Mädchen von sechszehn Jahren. Mein Bruder Leopold war sehr befähigt und Mutter und ich wünschten beide sehr, er möchte Theologie studiren, kein Opfer, welches wir uns zur Förderung dieses Zweckes auferlegten, schien uns zu schwer, wir entbehrten mit Freudigkeit und freuten uns über jede neue Bestellung an Näh- und Stickarbeiten, deren Ertrag für den Bruder zurückgelegt wurde. Leopold kam wirklich zur Universität und erleichterte Mutter den kostspieligen Unterhalt durch Stundengeben, so daß vorauszusehen war, es werde Alles gut gehen. Daß wir's an Bitten bei der rechten Behörde nicht fehlen ließen, können Sie sich denken -- aber Leopold irrte ab. Er trieb es sehr, sehr schlimm, mit der Theologie war es aus, er kam zu Haus und es sollte nun überlegt werden, was nun aus ihm werden könne. Ehe er ankam, war ich in der vortrefflichsten Stimmung, es war nicht schwer, neben der Mutter das Rechte zu finden: ich hatte nicht zu richten, sondern nur zu beten und zu bitten, auch konnte ich meinem lieben Herrn beweisen, bis zu welchem Grade von Sanftmuth ich es gebracht hatte, ich wollte mit schwesterlicher Liebe den zu halten suchen, der unbrüderlich den Lohn meines anhaltenden Fleißes verpraßt hatte, nur Lächeln anstatt Thränen zeigen.«

»Alles gelang, bis Leopold auch in seiner Heimath das schreckliche Leben wieder begann, und die traurigsten Excesse unter unsern Augen verübte, obgleich Mutter alles Mögliche, was seine Verblendung zerstören konnte, anwendete, obgleich ich, nach meiner Meinung, mit der überzeugendsten Klarheit auseinandersetzte, daß der von ihm eingeschlagene Weg einzig in den Abgrund bodenloser Verderbtheit und Unheiles führen müsse. Er _wollte_ also nicht! Nun war es aus mit meiner großen, schönen Liebe, mit meiner Sanftmuth, da glaubte ich entschieden die Grenze zwischen ihm und mir gezogen, ich wendete mich kalt von ihm ab und betrachtete ihn mit dem Blicke der Verachtung. Mein Herz litt unsäglich dabei, aber ich hüllte mich in ein stolzes Schweigen, den Bruder vermeidend, die Mutter auffordernd, ihn zu lassen, wie ich es gethan, in mir den Ersatz zu suchen. Ja, ich wagte das Unglaubliche, ich war so stolz in meiner Tugend, die mich so hoch über den Bruder stellte -- aber Mutter hatte keine Antwort dafür, sie sah mich nur an, stumm und verwundert, schmerzlich befremdet.« --

»Am Abende dieses Tages brachten Jünglinge den Leichnam meines Bruders, aber Gott sei gepriesen! er hatte sich nicht selbst entleibt, wie es mir bei dem ersten Anblicke qualvoll durch die Seele fuhr, er war verunglückt.« --

Julchen schwieg einige Augenblicke, aber bald gefaßt, fuhr sie fort:

»Ist es gewiß, daß mein abstoßendes Wesen nicht Ursach war, daß mein Bruder gerade an diesem Tage das Haus verließ, draußen umherirrte? -- Hatte ich nicht jedenfalls Mutters Liebe von dem Unglücklichen zu reißen gesucht, hatte ich nicht Uebels von ihm geredet, während ich »ihn entschuldigen sollte und Alles zum Besten kehren!« --

»Meiner Mutter Haupt richtete sich früher empor als das meinige, sie hatte ein gutes Gewissen. Aber sie tröstete mich mit liebevollen Worten, erinnerte mich an Gottes Weisheit und Güte, die Alles voraussieht, immer wacht, gern verzeiht, und hob mein, in der Seelenqual gesunkenes Vertrauen zu dem, der das zerbrochene Rohr nicht knickt und den glimmenden Docht nicht auslöscht. Durch Gottes und ihre Hülfe wurde ich wieder ruhiger, ich drückte die Hände meiner Freundinnen wieder wärmer, als in der Zeit des Elends. Viel Worte des Lobes und der Bewunderung wurden in jener Zeit über mich gesprochen, die öffentliche Meinung überschreitet leicht das Maaß, im Tadel wie im Lobe, man hinterbrachte sie mir, mich zu erfreuen, aber ich verbarg mich schamroth vor den kurzsichtigen Beobachtern. Die freundliche Aufnahme und Vertheidigung, die Leopold Anfangs bei mir gefunden hatte, dokumentirten aufs Neue mein vortreffliches Herz, meine spätere Kälte war untrüglicher Beweis meiner reinen Tugendhaftigkeit, die mit dem Unreinen durchaus keine Gemeinschaft haben könne, und dann, mein unverkennbar tiefer Schmerz nach Leopolds Tode -- wie rührend erschien er der Welt, mit welcher Zartheit begegnete man mir seinetwegen!«

»Jahre verstrichen, ich war zwei und zwanzig Jahre alt geworden, und Gott hatte mir ein Glück geschenkt, das in seinem Umfange vorher nicht zu ahnen ist: ich meine die Liebe eines Freundes, in dessen Gemeinschaft uns die Welt verschwindet, wir uns nur selig vor dem Herrn aller Liebe fühlen. Mein Freund war unendlich mehr als ich, aber ich verstand ihn. Ich staunte über den Reichthum des innerlichen Lebens, den er mir erst zugänglich gemacht hatte; er war der Engel der mir lächelnd unser seliges Endziel und alle Hindernisse auf dem Wege dahin im Lichte der überwindenden Kraft der Gnade zeigte. Ich bin jetzt ein altes Mädchen, aber wenn ich von ihm spreche, so verkörpere ich nur ein freudiges Hallen der ihn feiernden Seele; ich liebe ihn noch, und freue mich ihm entgegen, aber staunen Sie, Niemand weiß es: ich wurde ihm ungetreu.«

»Gott nahm ihn mir früh, ich sah ihn begraben; aber an seinem Grabe sprach ich das Gelübde aus, einsam meinen Weg zu wandeln; Keiner sollte so Theil an mir haben, wie er, Niemand so meine Theilnahme, mein Vertrauen, meine Freundschaft besitzen; er sollte mein Leitstern bleiben, bis wir wieder bei Gott vereint sein würden.«

»In diesem Gelübde fand ich neue Kraft, ich hatte die Süßigkeit der innigsten Gemeinschaft zweier Herzen kennen gelernt und wollte, das vielleicht lange Leben hindurch, darauf verzichten; wollte mich mit der sekundairen, laueren Freundschaft derer begnügen, die mein Herz nur oberflächlich kannten, und in andern Verbindungen größere Befriedigung fanden.«