Briefe eines Malers an seine Schwester

Part 1

Chapter 13,717 wordsPublic domain

Briefe eines Malers an seine Schwester.

Von Rosalie Sandvoß.

Hamburg. Agentur des Rauhen Hauses.

Druckerei des Rauhen Hauses. 1865.

Burgwall, den 10. Juni 18--.

Nun bin ich in der Heimath, vorgestern langte ich hier an. Es ist doch ein eignes Gefühl, wie ein Fremder, den Niemand kennt, den Keiner erwartet, für den nicht eine Seele einen freundlichen Gruß hat, in die Vaterstadt, in die Stadt seiner holdesten Erinnerungen zurück zu kehren. Du weißt, ich bin nicht sentimental, Pauline, aber da Du »Alles wissen willst, was sich zwischen mir und Burgwall ereignet,« so sei's gestanden, daß ich eine Art Herzweh fühlte, überall auf meinem Wege zum Gasthause Personen zu begegnen, die mich höchstens mit dem Blicke der Betrachtung beehrten. Und nun im Gasthause zu wohnen, ein wirklicher Gast, ein Fremder daheim zu sein!

Das deutsche Haus, mit seinen Kastanien vor der Thüre -- sie standen richtig noch da -- lockte mich heimisch an: ihm gegenüber liegt ja das alte, liebe Haus, das meiner Phantasie immer als Heerd tiefsten Behagens vorgeschwebt hatte. Du erinnerst Dich gewiß, obgleich Du es als ein Kind von acht Jahren verließest, es steht mit dem Giebel nach der Straße, hat im zweiten Stock einen runden Ausbau, ist mit Schnitzwerk überladen und sieht auswendig gerade aus, wie ein Magister des sechszehnten Jahrhunderts sich der Welt präsentirt haben mag, künstlich, solid und pedantisch. Aber inwendig ist das anders. Gerade das Erkerstübchen war ein überaus behagliches, freundliches Zimmer, mit Blumen, vielem Lichte und duftigen Vorhängen. Ich erinnere mich, daß es grün decorirt war, und nußholzene Möbel hatte, die immer wie neu polirt glänzten. In der einen Ecke stand eine Harfe -- Mutter spielte sie wundervoll -- und mitten in einer Blumengruppe zog mich immer ein Bild an, ein Christus auf dem Meere. Das Gesicht der Hauptfigur hatte einen bezaubernden Ausdruck; es schwebt mir oft vor, und ich habe schon oft es zu malen gewünscht, aber seltsam! mit diesen Heiligenbildern will es mir nie gelingen. -- Mutter schien sich stets zu freuen, wenn ich bei den seltenen Gelegenheiten, da sich mir dies Zimmer öffnete, lange betrachtend vor dem Bilde stand, sie hatte eine etwas bigotte Richtung, die herrliche Seele, und hat sich, glaube ich, über die nichtssagendsten Dinge, das Leben schwer genug gemacht. Du hast Mutter kaum gekannt, Pauline, Du warst erst sechs Jahr alt, als sie starb, ich sechszehn. Sie war ein Engel -- aber etwas überspannt, ich glaube nicht, daß Vater ganz glücklich mit ihr war. Von einer alten Tante, so einer Art Nonne, erzogen, brachte sie eine Last von Vorurtheilen unserm lebensfrohen, geistvollen Vater zu, und nur seiner Liebe zu ihr ist es wohl zuzuschreiben, wenn er nie darüber klagte, daß sie in ihrer Ehe stets ihren eignen Gang ging und sich nicht zu Vaters Lebensanschauung erheben konnte. Kinder beobachten schärfer als man gewöhnlich glaubt, ich habe öfter bemerkt, wie still und ernst Mutter ihre Vorkehrungen traf, wenn Vater Gesellschaft gebeten hatte, wie erschreckt sie von ihrem Buche aufsah, wenn spät Abends ein munteres Gelächter oder jubelnde Toaste in das Schlafzimmer hinauf schallten, wo sie uns so sorglich gebettet hatte und dann lesend des Vaters harrte. -- Erinnerst Du Dich nicht, wie sie uns beten lehrte? -- Die liebe Heilige! Ich denke nicht ohne Rührung an sie, aber ich möchte um keinen Preis, daß Du ihr einst glichest. Ich bin kein Heide, aber mir schaudert vor dieser Pietisterei; sie vergällt die reinsten, unschuldigsten, harmlosesten Freuden, und verdammt ihre Opfer zur gänzlich unnöthigen, unfruchtbaren Selbstkasteiung.

Leider sind unsere Verhältnisse der Art, daß ich nicht, wie ich möchte, auf Deine völlige Ausbildung einwirken kann, wir sind zu selten bei einander, und sind wir es, so können wir uns selten ungestört sprechen, immer kommt irgend ein zärtliches Wesen, den geliebten Verzug zu beaufsichtigen. Vermuthlich befürchten Deine alten Jungfern, ich bezwecke Dich ehestens aus ihrem verzauberten Schlosse zu entführen, um das kleine Wunder von Liebenswürdigkeit in der Welt für Geld sehen zu lassen. Wahrhaftig, ich kann ganz unbesorgt sein, welchen verdächtigen Anstrich auch zuweilen Deine Aeußerungen haben, eine Heilige wirst Du dennoch nicht, dafür sorgen besagte Damen mit allen Kräften. So will ich denn für diesmal meine Erziehungsgedanken fahren lassen und ganz einfach mit Dir in der Stadt umherspazieren. Hast Du hohe Erwartungen, so stimme herab, besonders für den heutigen Tag, es hat geregnet und ist grundlos in den Straßen, Pfütze an Pfütze. Rümpfe aber um alles in der Welt Deine hübsche Nase nicht, diese Pfützen sind ein Vorzug der guten, alten Stadt, wie mir Herr Brauer, mein behäbiger Wirth, alles Ernstes auseinandergesetzt hat. Du glaubst es nicht? -- nun so höre. Zweierlei Wohlthaten sind die Ursachen dieser kleinen Unannehmlichkeit: reger Verkehr und herrliches Röhrenwasser. Letzteres macht seine unterirdische Reise in ausgehöhlten Tannen, die im Laufe der Zeit nicht selten leidend werden, da wird denn das Pflaster aufgerissen und es kann dann leicht passiren, daß die Kieselmosaik nicht so recht sorgfältig wieder restaurirt wird. --

Visiten können wir nicht viele machen, es ändert sich in zehn Jahren unglaublich viel. Die meisten Freunde unsers Vaters sind nicht mehr vorhanden -- todt, weggezogen, Andere erinnern sich des Knaben Justus Brand nur sehr nebelhaft, und ich bin nicht just von der Art, ihrem Gedächtnisse eifrig zu Hülfe zu kommen. Die freundlichste Aufnahme habe ich bei Bernwachts gefunden, einem außerordentlich töchterreichen Ehepaare. Wie solche Mädchen doch in die Höhe wachsen, als ich die vier ältesten zuletzt sahe, waren es Wildfänge zwischen vier und zehn Jahren, mit hängenden Schuhbändern, fliegenden Locken =et cetera=, jetzt, ich versichere Dich, man weiß nicht, wohin man die Augen wenden soll, aus jeder der zahlreichen Nebenthüren der großen Stube schwebt eine neue Huldin herein. Alle sind bildhübsch, ich bin neugierig zu erfahren, wie sie sonst beschaffen sind; die Alten haben mich, sehr großherzig, eingeladen, sie oft zu besuchen.

Auf dem Schlosse bin ich noch nicht gewesen. Brrr! Kannst Du mich nicht davon erlösen? Fromm und vornehm, eine Heilige und eine Gräfin, alles in einer Person! Womit werden mich die vortrefflichen Herrschaften regaliren? Mit erhabenen Worten, hohen Mienen, und einer Weisung in bestimmte Grenzen? Mit gelehrten Redensarten über Malerei, mit Honigworten christlicher Liebe? Eins so widerwärtig wie das Andere; o könnte ich allen Dünkel, alle klugthuende Nichtswisserei und alle Formenreligiosität, die nur die innere Armuth bemänteln soll, schleudern in das Meer, da es am tiefsten ist! -- War das nicht etwas -- ja es muß so sein, ich irre nicht -- es erinnert an einen Bibelvers, mir wird ganz besonders dabei. Warum eigentlich? Widerwille war es nicht -- ich muß sondiren, es liegt in meiner Natur -- war es etwa ein stummer, schweigender Vorwurf der »heiligen Schrift?« -- Wundere Dich nicht über mich, ich bin in Burgwall, Bilder der Kindheit umschweben mich, die alten Klänge werden wach, der Mann wird wieder zum Kinde, aber nur auf Augenblicke; sieh, da zieht es schon hin, das magische Blendwerk, all die frommen Legendengestalten, die ich in dem Giebelhause drüben einst kennen lernte, und die so mysteriös von ewigen Kronen und himmlischen Palmen sprachen. Der ganze Traum zerrinnt, fort sind sie. --

Für heute genug. Dein Bruder

_Justus_.

Am 11. Juni.

Pauline, ich habe mich wie ein Dummkopf benommen, wie ein vollendeter Dummkopf! Auf alles Mögliche war ich gefaßt, nur nicht auf eine liebenswürdige, einfache Frau, die dennoch, eben in ihrer schlichten Würde, mir gewaltig imponirte.

Es ist sehr gut, daß wir diesen Briefwechsel verabredet haben, Kameraden sind nicht habhaft, die Burgwaller ersterben in Ehrfurcht vor der »Herrschaft,« und man kann mit ihnen kein freies, vernünftiges Wort über diese Halbgötter reden, und ich liebe den Austausch. Aber halt, was werde ich für meine famosen Berichte bekommen? Wenn nichts weiter, so bedinge ich Recension, eine detaillirte; ganz entschieden, Pauline, Du mußt mir gehörig antworten.

Jetzt von der Gräfin.

Es war gegen Mittag, als ich den Schloßberg, versteht sich in Galla, hinanstieg. Das Wetter war gut und die Gegend ist wirklich schön, der Spaziergang war ein Genuß; der Weg ist auch besser geworden, überhaupt ist für Verschönerung der Schloßumgebungen besonders, aber auch für die der Stadt, viel gethan. -- Eine Wallthür stand offen, und ich ging hinein. Gleich in der ersten Laube bot sich mir ein hübsches lebendes Bild dar. Eine junge Dame saß mitten unter einer Fülle herrlicher Blumen und ordnete sie zu Sträußen. Für einen Maler hat so etwas doppeltes Interesse, und weil mich die Schöne nicht sehen konnte -- sie hatte mir den Rücken halb zugedreht und war äußerst eifrig bei ihrer Arbeit -- blieb ich einen Augenblick stehen und sah ihr zu.

»Schnell den Bast, Johanne!« rief sie. Es erschien keine Johanne. Sie wartete einen Augenblick, sah auf, horchte, und vermuthlich überzeugt, daß keine Johanne sie gehört habe, gab sie die Hoffnung auf, gleich Bast zu bekommen, und legte den schön arrangirten Strauß behutsam auf den Tisch, um zum Ordnen des zweiten zu schreiten. Sie nahm eine Lilie, fügte Rosen hinzu, zettelte eine Epheuranke unter den Blumen hervor und -- um das erste Bouquet war's geschehn, es war aus der Fassung gekommen, fiel aus einander und theilweis zu Boden. Eiligst trete ich vor, ich Narr! und raffe die Blumen auf, sie der Dame wieder zuzureichen. Sie nahm sie etwas erstaunt, erwiederte meinen Gruß freundlich, und sah dann zur Laube hinaus, »wo ihre kleine Johanne wohl geblieben sein möchte.«

»Vielleicht sehe ich sie unterwegs, mein Fräulein,« verhieß ich Kurzsichtiger, »und werde sie schicken.«

»Wollen Sie in's Schloß?« fragte die Dame. -- Das war ja ganz vertraulich, ich entgegnete also ganz guter Dinge: »Ja wohl, zur Gräfin, wenn sie zu Hause ist.«

»Dann nehmen Sie nur den Wallschlüssel mit, Johanne hat ihn ausgezogen, -- Kinder machen sich so gerne mit Thüren zu schaffen -- und Sie haben wohl keinen Schlüssel, nicht wahr, die untere Thüre stand offen?«

Ich bejahte, dankte, und weil nicht recht mehr was zu sprechen war, empfahl ich mich und ging meiner Wege, bereute aber bald nicht länger geblieben zu sein, es fielen mir, als ich im Vorzimmer wohl eine Viertelstunde warten mußte, der Fragen noch mancherlei ein. Endlich erschien die Gräfin, und wer war es? -- mein Fräulein vom Walle! O, ich Blinder! Hätte ich es der holden Frau nicht gleich ansehen können, daß sie kein gewöhnliches Menschenkind ist; würde ein Stadt- oder Hoffräulein mir ihren Wallschlüssel gegeben haben, wäre sie so unbefangen freundlich gewesen?!

Während sie nun um Entschuldigung bat, mich warten gelassen zu haben, stand ich kümmerlicher Mensch, und konnte mich nicht in die rechte Form finden, wollte selbst entschuldigen und wußte nicht wie, und fühlte mich erröthen, wie ein Schüler. Natürlich schien sie nichts davon zu merken, sie war ganz gesprächig, redete zum Glück bald von Malerei und plauderte so nett darüber, daß ich meinen stichelnden Gedanken allmählig entrissen wurde. Die Gräfin scheint von der Sache just nicht viel zu verstehn, aber sie zu lieben und das ist auch gerade recht. -- Sie wird mir in nächster Woche sitzen, bis dahin wird sie »das Vergnügen gehabt haben, mich ihrem Gemahl vorgestellt zu haben.«

Da hast Du die Geschichte; ich werde noch heute diesen Brief absenden, und grüße Dich herzlich als Dein Bruder

_Justus_.

Den 24. Juni.

Mittsommertag, himmlisches Behagen! Ich möchte alle Ecken und Winkel meines Ichs von diesem Lichte durchströmen, von dieser Wärme erfüllen lassen. Es ist wundervoll! In meinem Leben habe ich solchen Sommer nicht kennen gelernt, bin ich so gründlich heiter und befriedigt gewesen, wie in diesem. Aber, meine Theuerste, Du hast auch keine Ahnung davon, von welcher Höhe herab ich auf die Auen und Wälder schaue, wie die Natur »zu meinen Füßen« daliegt. Es ist unbestrittene Wahrheit: je erhabener unser Standpunkt, desto schöner und harmonischer erscheinen uns die verschiedenen Einzelnheiten fernab. Steig auf den Kirchthurm, wenn Du's nicht glauben willst, wie bildhübsch und harmlos wird Dein altes Nest, Verzeihung! aussehen; die Kinder auf den Straßen spielen so nett und manierlich mit einander, das Geschrei und Gelärm, welches sie betreiben, dringt höchstens als sanftes Gemurmel in Deine Region, all die Häuserchen, die Hüttchen stehen so nett da, als wären sie aus einem Nürnberger Schächtelchen genommen, genug, es ist so, wie ich sagte. -- Ich residire gegenwärtig auf Schloß Burgwall, vergiß es nicht, es auf Deinen Briefen gehörig zu bemerken. Meine Residenz ist sehr hoch, ja wirklich, denn die alten mächtigen Linden, die ihre Kronen bis zu den Fenstern der Gräfin emporstrecken, sind nur dann von meinem Reiche aus sichtbar, wenn ich mich aus dem Fenster zu ihnen hinabneige: ich wohne buchstäblich auf Schloß Burgwall, nämlich in zwei Dachstübchen, dicht neben dem Thurme.

Keinen Stein auf die Gräfin, ich bitte sehr! Die Zimmer sind ganz meine Wahl, eben der Aussicht wegen. Als mir die Erlaubniß wurde im Schlosse zu wohnen, habe ich mir gerade diese kleinen Zimmer gewählt, welche mir schon früher bei Besichtigung des Schlosses besonders gefielen. In jeder Stube ist ein großes, tiefes Fenster, ausgezeichnet für die Aufstellung einer Staffelei geeignet. Für nette Einrichtung wurde sogleich gesorgt, und so wohne ich hier so angenehm wie möglich.

Seit meinem Umzuge liegen schon zehn Tage dahinten, mir ist heut auf jeden Fall doch sehr anders zu Sinn, als da ich kam. Tags zuvor war ich dem Grafen erst vorgestellt. Er ist ein gewichtiger Mann, nicht mehr jung, gewiß, wenn nicht Funfzig, doch nahe daran; in seinem charakteristischen Gesichte nehmen die Züge des Wohlwollens und tiefen Ernstes sehr für ihn ein, und sein ganzes sicheres, bestimmtes und doch durchaus nicht anmaßendes Wesen beherrscht unwillkürlich seine Umgebung. Die Gräfin scheint ihn nahezu anzubeten, sie lebt in seinem Lichte. Wenn er spricht, so ist es gewiß, daß sie nichts anderes hört, tritt er in's Zimmer, so überfliegt ein Freudenschein ihre holden Züge. Nie habe ich solche Innigkeit, solch gegenseitiges Glück gesehn, als bei diesen beiden Menschen, und er ist wenigstens zwanzig Jahre älter als sie. So recht verständlich ist mir dies nicht; Ehrfurcht und töchterliche Gefühle könnte ich ihrerseits begreifen, aber sie liebt ihn anders und viel mehr, als ich überhaupt glaubte, daß man lieben könne.

Tags nach meinem ersten Besuche bei dem Grafen wurde ich zu Tisch geladen, und da wurde es gleich ausgemacht, daß ich, der Bequemlichkeit wegen, bei ihnen wohnen sollte. So bin ich denn täglich, außer den Sitzungen -- der Graf hat den Anfang gemacht -- in der Gesellschaft der liebenswürdigen Familie. Meine Unbehaglichkeit schwindet immer mehr, und ich weiß nicht, welcher der edlen Herrschaften ich den Preis höchster Liebenswürdigkeit zuerkennen soll, ihm oder ihr. Eigentlich sind sie gar nicht zu trennen, vereint sind sie das Ideal vollendeter Freundschaft und einer rührenden Liebe. Auch die kleine Johanne, des Paares einziges sechsjähriges Töchterchen, ist etwas Liebreizendes. Das Kind besucht mich zuweilen, und letzt brachte sie ein Tractätchen mit und wollte mir etwas vorlesen, fing auch richtig an und es ging über Erwartung gut, aber ich fand doch für besser das Thema der Unterhaltung zu wechseln, und erzählte ihr das Märchen von Schneewittchen. Dabei saß sie auf einem kleinen mitgebrachten Stuhle und sah mich mit den großen Augen ganz ernsthaft an, während ich unverdrossen ein in Berlin angefangenes Bild nachfeilte und mich bemühte, einem winterlichen Himmel mehr das Ansehn zufriedener Ergebung als das der trostlosen Gleichgültigkeit zu geben, die sich in Berlin über das kleine Gemälde gelagert hatte.

Als die Geschichte aus war, sagte sie: »Mama ist auch eine Stiefmutter, Max ist ihr Stiefsohn.«

»Wo ist er?« fragte ich.

»Weit weg,« erwiderte sie, »wo der König wohnt.«

»Was thut er da?«

»Das weiß ich nicht gewiß,« antwortete die Kleine höchst gewissenhaft, »aber ich glaube, der König gebraucht ihn; Mama sagt, er sei des Königs treuer Diener.« -- Was für eine Art Diener, ob Page oder Adjutant, das konnte ich nicht herausbringen.

In der Stadt werde ich, will es mir scheinen, seit ich hier wohne, mit größerer Zuvorkommenheit behandelt. Ich meine im Allgemeinen, Bernwachts sind unverändert dieselben. Die Familie, obgleich ganz anders als die meiner erlauchten Beschützer, wird mir sehr lieb, und ich gehe fast täglich zu ihnen. Noch eine Bekanntschaft habe ich erneuert, Du könntest rathen, welche treue Seele ich meine. Julchen Hermann ist es. Sie wohnt im Hospitale, das heißt in einem neuerbauten Hause, neben der alten Behausung der Gebrechen und des Alters, für diejenigen Einsamen bestimmt, welche ein rundes Sümmchen für die Wohlthat sichern Daches und einiger Fuder Holz zahlen können. Früher wohnte sie in der Vorstadt, bei ihrer alten Mutter, Du mußt es noch wissen, wir besuchten sie zuweilen, und gingen nie unbeschenkt und ungeküßt von dannen.

Die alte Mutter kam mir stets mit ihren großen leuchtenden Augen, wie eine Seherin vor, ihre Worte klangen alle so weise, wie Orakelsprüche. Sie liegt nun auch auf dem Katharinenhofe, nicht hundert Schritt von dem Stübchen ihrer Tochter. Julchen zeigte mir das Grab durch das Fenster, und später habe ich es auch aufgesucht, es ist das wohlunterhaltenste auf dem ganzen Kirchhofe.

Von unserer Eltern Ruhestätte muß ich Dir etwas mittheilen, was mir hochpoetisch erscheint. Vater hat kein Monument, unser Vormund hatte es nicht für gut befunden, das Grab des Ehrenmannes zu bezeichnen, nur ein Baum, bald nach Vaters Tode von mir gepflanzt, wurzelt daran. An Mutters Grabe steht ein schönes, hohes Kreuz, Vater hat es setzen lassen. Auch dieses Grab hat ein Zeichen der Liebe von mir, einen Epheu, der die Jahre hindurch so mächtig gewachsen ist, daß nicht nur das Grab ganz, und das Kreuz größtentheils davon umschlungen wurde, sondern er hat auch die zu ihm niederhängenden Zweige der Traueresche umsponnen, sich an ihnen aufgerankt, und so stehen beide Gräber auch äußerlich, in der innigsten Verbindung. Das hat Natur gethan, und mir war es doch als hätten Mutters feine Finger, still und sinnig, die Zweige in einander geflochten. --

Später.

Endlich habe ich einen Brief von Dir. Meinst Du wirklich: ich sähe die Bibel mit den Augen der Weltkinder an, anders als ich sollte? die innere Bewegung damals, sei eine Warnung meines Engels gewesen?

Liebes Kind, Kind des Lebens und nicht der Welt, Du scheinst wirklich auf einem andern Wege zu sein, als ich, aber wie natürlich! -- Vergegenwärtige Dir eine Pilgerfahrt, nach irgend einem Heiligthume, meinetwegen nach dem heiligen Grabe. Es ist kein Kreuzzug, sondern eine Wallfahrt, Männer, Frauen, Jungfrauen, Greise, begeisterte Kinder -- Alles vereint sich, zu demselben Ziele zu gelangen. Wird Jeder die Reise in derselben Weise machen, trägt die Mutter nicht das Kind, stützt der Mann nicht sein Weib, bedarf der Alte nicht des Stabes? Meinst Du nicht, daß die Kinder, im Gefühl ihrer Schwäche oft auf die Knie sinken, Gott um neue Kraft anflehend, daß vielleicht ein Stärkerer sich dann über sie erbarme?

Siehst Du: Ein Ziel; der Eine erreicht es gehobenen, der Andere gebeugten Hauptes, Dieser stützend, Jener getragen, Einer schaut mit vollem Blick in das Morgenroth Canaans, während Viele auf ihre wunden Füße niederblicken, und auf den Weg, den sie wandeln müssen, damit sie die Steine des Anstoßes darauf vermeiden. -- Wir haben Alle Ein Ziel: Befriedigung. Du findest es, ich ahnte es, im Glauben, ich suche es im Leben, in der Kunst, überall. Jetzt bin ich hier, und ich weiß was hier meine Seele ganz erfüllen könnte -- kommt die Zukunft, die weite, unbestimmte, Du wirst wohl Ewigkeit sagen, etwas, was über das Grab hinaus währt, nun, so ist es immer Zeit auch dafür Entschlüsse zu fassen und zu handeln. Wer kann das früher, ehe er bestimmt weiß, wofür und wie? -- Aber ich habe hier einsehen gelernt, daß bei der Heiligkeit nicht absolut Gefahr für das Lebensglück ist; kannst Du in dieser Façon Befriedigung erlangen, nun wohlan, Du hast meine brüderlichen Glückwünsche dazu. --

Laß uns diese Sache nicht als abgemacht betrachten, ich versichere Dich, daß Dein Widerspruch mich wohl reizt, zum Nachdenken, wiederum zum Widerspruch, aber keineswegs zum Zorne. Hier meine Hand, liebe Schwester! Dein Brief hat Dich in meinen Augen um mindestens zehn Jahre erfahrener gemacht, um nicht älter zu sagen. Wie alt bist Du eigentlich? Achtzehn rechne ich eben. Wo lerntest Du so ernst sein? -- Grüße Deine alten, ehrbaren Damen von mir.

_Dein Bruder Justus._

Am 27. Juli.

Gestern erhielt ich Deinen Brief. Warum ich nicht schon wieder geschrieben? Es beschäftigte mich Vieles, allerlei Begebenheiten kreuzten sich bunt durcheinander, ich war mitten darin, und doch waren sie kaum der Art, daß Dir meine Notizen darüber irgend wie wichtig erschienen wären. -- Mit großer Liebe habe ich des Grafen Bild vollendet, es ist gelungen und die Herrschaften finden es auch. Die Gräfin werde ich noch nicht malen, es sind Gäste hier, aus Schlesien, welche mich mit ihren Aufträgen beehrt haben, und ich bin jetzt dabei ein Kind zu malen, ein unbeschreiblich reizendes kleines Gesicht, mit großen, fragenden Augen, die mich unaufhörlich an Cäcilie Bernwacht, des Bürgermeisters dritte Tochter erinnern. Nicht, daß das junge Mädchen so schön, wie die kleine Felicitas, oder überhaupt sehr nach meinem Geschmacke wäre, aber es liegt etwas Verwandtes in den Augen beider Mädchen, so recht echter Kindersinn, Seele, viel Seele.

Wenn ich so schöne Augen male, ist es mir oft, als sei in ihnen das Geschick der Besitzerinnen ausgesprochen. Bei denen der Felicitas denke ich zum Beispiel: was das Kind nicht Alles glaubt! Es glaubt an einen Himmel auf der Erde und an einen ewigen Himmel; es wird wahrscheinlich ewig ein Kind bleiben, und sehr viel vertrauen, und immer das Beste von allen Menschen denken, es wird auch sehr lieb haben, die ihm Liebes erweisen, und andere Menschen auch noch, und wird für alle seine Liebe nur etwas Treue erwarten und sie selten finden, vielleicht gerade dort nicht, wo es am sichersten darauf gerechnet hatte. Dann werden diese frommen Augen viel weinen, sehr viel, bis allmählig ihr milder Glanz erlischt, und sie sich schließen.

»Mache einmal deine Augen zu, Felicitas,« sagte ich letzt zu ihr. Sie that es; ich sah sie lange an und vergaß in meinen Träumereien ihr zu sagen, sie könne sie wieder öffnen, bis sie endlich ganz geduldig fragte: »darf ich dich nun wieder ansehen?« --

Es giebt große Geheimnisse. Pauline, wir begegnen ihnen täglich, die größten liegen in den Worten Herz und Schicksal. --

Cäcilie Bernwacht ist gerade unter ihren Schwestern die mir fremdeste. Ich will Dir die kleine Gesellschaft skizziren. Therese, die Aelteste, ist ein hübsches, besonders verständiges Mädchen; sie ist Braut, und näht den ganzen Tag an ihrer Aussteuer, was sie indeß nicht verhindert, theilnehmend zu sein, ich mag sie sehr gern und unterhalte mich am anhaltendsten mit ihr. -- Ihre zweite Schwester, Ida, ist eine Schönheit, ja, sie ist wirklich schön und ich muß sie malen, es ist ein Genuß diese Formen, diese Frische, diese Grazie studiren und copiren zu dürfen. Das Mädchen ist auch nicht ohne Geist und wird auch wohl ein Herz haben, aber sie gefällt mir von ihren Schwestern am wenigsten, ihr Witz ist scharf, sie kann beißend sein, ich mag das nicht an Damen.