Briefe eines Malers an seine Schwester

Part 5

Chapter 53,678 wordsPublic domain

»Das thue ich auch, und lasse es nun auf Ihn ankommen, lese auch fleißig in der Bibel. Zuweilen prüfe ich, da nicht zu verkennen ist, daß ich gewissermaßen mich der Kindheit wieder nähere, ob ich in meinem Urtheile über andere Dinge auch anders, etwa schwächer, geworden bin, ob mein Auswendiges gelitten hat, so fest hänge ich an Vorurtheilen! Aber lachend muß ich mir gestehen, daß ich noch alle meine Gaben gut bei einander habe, und mein der Freude so gern offenes Herz mit vielen schönen Gefühlen angefüllt ist.

Das Lied will ich Dir abschreiben, es ist von Gerhard Tersteegen und heißt:

Jauchzet ihr Himmel! frohlocket ihr englischen Chöre, Singet dem Herren, dem Heiland der Menschen zu Ehre; Sehet doch da! Gott will so freundlich und nah Zu den Verlornen sich kehren.

Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr Enden der Erden! Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden; Friede und Freud' wird uns verkündiget heut'; Freuet euch Hirten und Heerden.

Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget! Sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget! Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd': Alles anbetet und schweiget.

Gott ist im Fleische, wer kann dies Geheimniß verstehen? Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen, Gehet hinein, macht euch dem Kinde gemein, Die ihr zum Vater wollt gehen.

Hast du denn, Höchster, auch meiner noch wollen gedenken? Du willst dich selber, dein Herze der Liebe, mir schenken? Sollt' nicht mein Sinn innigst sich freuen darin Und sich in Demuth versenken? --

König der Ehren, aus Liebe geworden zum Kinde, Dem ich auch wieder mein Herze in Liebe verbinde, Du sollst es sein, den ich erwähle allein, Ewig entsag' ich der Sünde.

Süßer Immanuel, werd' auch geboren inwendig, Komm doch, mein Heiland, und laß mich nicht länger elendig, Wohne in mir, mach mich ganz Eines mit dir, Und mich belebe beständig.

Menschenfreund Jesu, dich lieb' ich, dich will ich erheben, Laß mich doch einzig nach deinem Gefallen nur leben, Gieb mir auch bald, Jesu, die Kindesgestalt, An dir alleine zu kleben.

Zuweilen drückt sich der Verfasser ein bischen wunderlich aus, aber paßt das Gedicht nicht genau auf mich und meinen gegenwärtigen Zustand? So finde ich es auch mit vielen Bibelstellen, oft finde ich Worte des Rathes in der Bibel, die mir fast wie ein Wunder vorkommen, denn vor fast zweitausend Jahren geschrieben, beantworten sie genau eine nur gedachte Frage der Gegenwart. Wenn Jesus doch noch auf Erden lebte! -- Das sieht nun aus wie der fromme Seufzer eines Heiligen, während ich, weit davon entfernt, durchaus ein Kind dieser Welt bin, und den Heiligen eigentlich so ziemlich gänzlich verleugne. --

Gute Nacht, liebe Schwester; es ist bei meinem Schreiben spät geworden. Wie die Sterne draußen funkeln! Der Schnee liegt hoch, weit und breit, die Natur feiert auch auf ihre Weise. -- Ich lege diesen Brief auf ein Bild, welches Du Dir längst gewünscht hast, und schicke es Dir mit den wärmsten Grüßen. Lebe wohl!

_Dein Bruder Justus._

Am 2. Weihnachtsfeiertage.

Es läutet eben zum Nachmittagsgottesdienst, die Sonne lacht heiter in's Fenster und läßt die vergoldeten Aepfel an meinem Weihnachtsbaume hell erglühen. Dein Brief, der mit all den vielen empfangenen Geschenken darunter liegt, redet mir zu zu schreiben, und -- hier bin ich.

Ich bin in einer wundervoll friedereichen Stimmung. Das Leben ist kein Traum, aber ein Räthsel, ein unerschöpflicher Glückesborn, ein sinnreicher Lehrmeister, der zugleich beschämt und beseligt. Warum es mir so einzig im Kopf und Herzen klingt, kann ich nicht genau auseinandersetzen, in Summa aber ist es die Liebe, die mich jubeln und danken läßt. Liebe überall! -- »Also hat Gott die Welt geliebt« -- kennst Du das auch, daß irgend eine Strophe oder ein anderes Wort unablässig im Ohre klingt, daß man es gar nicht los werden kann? So geht es mir heute mit den Worten: »also hat Gott die Welt geliebt.« -- Die Welt hat diese Liebe begriffen, wie entzückt sieht sie aus, wie verschwenderisch ist sie im Nachahmen jener Liebe, auch ich werde damit überschüttet, aber ich erwiedere, verlaß Dich darauf! --

Ich möchte, ich könnte Dir auch all die schönen Sachen zeigen, die mir am heiligen Abend bescheert wurden, da liegen sie festlich im Sonnenglanze: ein neues Testament von der Frau Gräfin, ein warmer, weicher Reisepelz von dem Grafen, von Johannen der Baum -- das süße Geschöpf mit seinen prächtigen Einfällen! -- Nun kommen die aus dem Bernwachtschen Hause: eine Specialkarte der Provinz vom Alten, ein riesiger Pfefferkuchen von Frau Bernwacht; Therese hat mir eine Uhrschnur gearbeitet, Ida ein Notizbuch gestickt, Cäcilie drei Lesezeichen, Burga und Berga ein Paar farbenreiche Morgenschuhe. Auch von Julchen liegt etwas da, etwas Rührendes: es ist ein Brief von unserer Mutter, ich will ihn Dir abschreiben.

Liebes Julchen. Hier schicke ich Dir das Probehemdchen für Paulinen, die neuen müssen aber eine handbreit länger und weiter gemacht und auch in den Aermeln verhältnißmäßig größer werden. Gern hätte ich es Dir selbst gebracht, Du weißt, ich wünschte schon am Sonntag bei Euch zu sein, aber mein Justus ist unwohl, und ich mag ihn, da er so stürmisch ist und seine Vorsätze leicht vergißt, nicht verlassen, er könnte leicht etwas thun, was ihm schadete, das Mutterherz ist so ängstlich! --

Gott befohlen!

_Deine Marie._

Die alte Zeit lebt auf, ich sehe der Mutter zarte Gestalt, ihr sorgsames Auge. Das Wort, das längst ungewohnte, _mein_ Justus, weckte ein Sehnen in mir, oder schärfte es nur -- aber ich will nicht mehr stürmisch sein, Pauline, meine guten Vorsätze sollen erstarken.

Wie es im Feste war? Schön. Erst allgemeine Bescheerung hier im Schlosse, die ganze Bewahranstalt, alle Waisenkinder waren da. Ehe sie in den Speisesaal, wo Alles arrangirt war, eingelassen wurden, war Andacht im daranstoßenden Betsaale, ähnlich wie schon manchmal, nur viel freudiger noch. Auch die Bernwachtschen Töchter waren sämmtlich da. »Mama baut auf,« flüsterte Berga, »freuest Du Dich nicht schrecklich?« -- »Nein, ich freute mich recht schön, für Niemanden zum Erschrecken, ganz sanft wie ein gutes Kind, ähnlich vielleicht wie Cäcilie.« --

Die von der Gräfin für die Kinder bestimmten Geschenke waren durch freiwillige Beiträge aus der Stadt bedeutend vermehrt; ich entdeckte auch hübsche, braun- und rothgestreifte Schürzchen, welche ich unter Theresens Händen entstehen gesehen, und eine Menge kleiner gestrickter Handschuhe wollten mich an ein junges Mädchen erinnern, dessen Fleiß ich in den Leseabenden zu bewundern Gelegenheit gefunden hatte. -- Allgemeine Freude auf dem Schlosse und ebenso bei Bernwachts, Jeder gab, Jeder empfing und war in bewegter Stimmung. --

Deine Einkäufe habe ich mit vieler Freude empfangen und ausgetheilt, doch anders wie ich anfangs beabsichtigte. Als ich den Berg Geschenke für Cäcilie erblickte, stieg's wie Spott über meine Zuversichtlichkeit in mir auf: mit welchem Rechte durfte ich sie so auffallend vor ihren Schwestern auszeichnen? Nur Amarant, welches ich Deiner Wahl verdankte, und das mich gleich, nachdem ich hineingesehn und ein Paar Verse gelesen hatte, für sich entschied, legte ich, nebst einem frischen Bouquet aus dem Treibhause, auf ihren Platz unter dem Baume, das andere Buch, »die weite, weite Welt,« will ich für die Leseabende aufheben. Therese erhielt zu ihrer Briefmappe die Perlen, Ida zu den Noten das Kreuz, Julchen außer dem Muff Scrivers Werke, und den Kleinen steckte ich die Mappe voll Zeichnungen. Alle fanden sich sehr reich beschenkt; noch an demselben Abend sah ich Cäciliens Wangen sich höher färben durch -- Amarant. Sie findet es schön, und hat es ihrerseits zum Beitrag für die Leseabende bestimmt, obgleich Theodor sie mit den herrlichen Briefen »Wilhelm von Humboldts an eine Freundin,« beschenkt hat. -- Nun auch Dir Dank, Schwesterherz! Dank für jeden Ausdruck Deiner Liebe. -- Dein Rath, mich mit meinen Ansiedlungsplänen nicht zu übereilen, ist begründet, und soll befolgt werden -- ich sagte es Dir ja, ich habe nicht die leiseste Hoffnung, daß der süße Traum einst verwirklicht werden könne; ich will nichts übereilen, sondern still abwarten, wie Gott es will. Mein herzliches Lebewohl!

_Justus._

Den 15. Februar.

Du mahnst mich an mein Versprechen, keine Lücke in unserm Briefwechsel entstehen zu lassen, so will ich schreiben, es ist jedoch wenig zu berichten. -- Des Tags bin ich meist sehr fleißig, und die Abende verfließen in Dir bekannter, lieber Weise, nur lesen wir zweimal in der Woche, statt einmal. Wir sind bei der weiten, weiten Welt, und mit Ausnahme Ida's, die gleich durch den etwas breiten Anfang des Buches gegen dasselbe eingenommen wurde, findet es allgemeinen Beifall, besonders bei meinem kleinen, frommen Lieblinge, der Cäcilie. Sie schwärmt für Helene Montgomery, für Alice und St. John, sie liebt Master Vanbrunt, und entschuldigt -- auf Ida's Angriffe -- selbst alle vorkommenden kleinen Teufeleien, welche die wilde kleine Person, Helenens Plagegeist, ausübt, damit, daß das Alles nachher ihr leid genug gethan habe, und mehr könne man nicht verlangen. -- Da fällt mir noch etwas Anderes bei, was charakteristisch ist. Vor einiger Zeit war ich Nachmittags bei Bernwachts. Draußen, vom wildesten Schneegestöber umstürmt, standen ein Mann und ein junges Mädchen, er drehte die Orgel, sie sang, und sang mit einer Ruhe und Resignation, aber dennoch melancholischer Stimme und Weise, das Lied -- ich weiß seinen Anfang nicht -- welches zum Refrain die Worte hat: »Das Leben ist ja nur ein Traum.«

Frau Bernwacht schickte einige Münze hinaus und sagte: »Die junge Person hätte besser gethan, in ihrem Dorfe zu bleiben, als in der Welt herum zu reisen; was hat sie nun davon? Ich sollte denken, die schwerste Arbeit wäre ein Vergnügen gegen diese Lebensweise.«

»Sie mag aus der Stadt sein, Mama,« entgegnete Therese nachdenklich, »und Du weißt, wie schwer es Vielen in den großen Städten wird, sich ehrlich zu ernähren, sie hat vielleicht schon Mancherlei vergeblich versucht und nothgedrungen dies Wanderleben begonnen.«

»Vielleicht hat sie eine arme, kranke Mutter zu Haus,« sagte Cäcilie mitleidig, und betrachtete sie ernst mit ihren warmen Blicken; »sie sieht recht so aus, als wenn ihr das Herz weh thäte.«

»In dem Falle hätte sie lieber die Barmherzigkeit der Menschen ansprechen sollen, und die Mutter pflegen,« beharrte die Bürgermeisterin, »dies Vagabondiren ist der Ruin für solche Mädchen. War es vorhin für sie schwer, ein Unterkommen oder Unterhalt zu finden, dann wird es ihr nachher fast unmöglich sein. Wer nimmt wohl ein Mädchen, was sich zu solchem Leben einmal bequemt hat, in Dienst? ich gewiß nicht.«

Ida war auch theilnehmend geworden und vertheidigte das Mädchen: sie arbeite ja auch, das sei, nach ihrer Meinung, immer besser als betteln. So lange man irgend Kräfte habe, müsse man Andern doch nicht lästig fallen wollen. Wenn sie z. B. in so unglücklicher Lage wäre zwischen Betteln und Straßensingen wählen zu müssen, so würde sie ihr Angesicht verhüllen und singen.

»Ich nicht,« sagte Cäcilie erregt, und reichte dem vorübergehenden Mädchen ein winziges, weißes Päckchen aus dem Fenster, »mir würde das Bitten gar nicht so schwer werden. Das Geben ist ja eine Freude, man kann sich ja mit seinen Bitten an solche Leute wenden, die dadurch nicht belästigt werden, und nun gar für Andere! -- ich habe doch mehr Muth als Du, Ida.«

»Demuth,« sagte die Mutter. Cäcilie erschrak fast und senkte die Augen; sie sah gerade so aus, als dächte sie: Demuth -- ich?

»Demuth -- ja,« wiederholte Ida kühn, »aber Muth -- nein: Du würdest lieber vergehen, als ein Leben führen, was unter dem Banne der öffentlichen Meinung steht, Du würdest fürchten im Bereiche des Niedrigen und Unreinen auch bei Dir selbst zu verlieren, Du bist überhaupt nicht sicher, trotz Allem, immer stehen zu können.«

»Nein, das bin ich nicht,« erwiederte die Schwester sanft, »ich mache ja alle Tage die Erfahrung, daß ich der göttlichen Hülfe und Gnade bedarf.« --

Bin ich ein Thor, Pauline, daß ich der Neugierde den Zügel schießen ließ, daß ich mich in ihre kleinen Geheimnisse eindränge? Ich habe das singende Paar in einer Spelunke aufgesucht und mir das Zettelchen zeigen lassen. Hergeben wollte ihn das Mädchen um keinen Preis, ich bot ihr viel, aber sie blieb fest, und warum soll ich ihr den Talisman, den Engelgruß nehmen, da sie ein armes, elendes Geschöpf ist, was vielleicht nichts Heiliges weiter in der Welt hat! -- Auf dem Zettel, auf dem noch deutlich die Spur des eingewickelten Geldstückes zu sehen war, stand:

Habe Gott vor Augen und im Herzen, und hüte Dich, daß Du in keine Sünde willigest, noch thuest wider Gottes Gebot. -- Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird Dich versorgen. Gott sei mit Dir, Amen.

Ich beschenkte sie reichlich und sie trug mir auf, der jungen Dame zu sagen -- was natürlich wohl nie geschehen kann -- daß sie nie wieder so singen würde. Sie sei einer allzu strengen Herrin entlaufen, Angehörige habe sie nicht mehr, ein Dienst sei nicht zu finden gewesen, sie habe Schulden machen müssen -- so sei es gekommen. Nun sollte ein anderes Leben begonnen werden. -- Ob ich ihr nicht den Namen des Fräuleins sagen wolle, sie wolle ihn dem lieben Gott nennen. »Glauben Sie denn an Gott?« fragte ich schon in der Thüre. »Ach,« seufzte sie da, »Sie dachten, ich wäre ganz verworfen!«

Ida's Bild ist bald fertig; ich habe Dir wohl noch nicht geschrieben, daß die Familienhäupter sich dem Aschenbrödelproject entschieden widersetzen. Die jungen Damen fanden es ganz hübsch und hätten ihre Einwilligung vielleicht nicht versagt. Zu Anfang der nächsten Woche gedenke ich Cäcilien zu malen, hier im Schlosse bin ich bald fertig. Noch bin ich unschlüssig, wohin ich von hier gehe, zuweilen denke ich an das Morgenland, es wären interessante Studien dort zu machen, und vielleicht -- ich träume wieder! nein, ich will nur in der Nähe bleiben. --

Weißt Du, ich habe ein Lied gehört, das Du Dir in einer Musikalienhandlung suchen mußt. Von wem es gedichtet und componirt ist, weiß ich nicht, aber ich habe es singen hören, kann Dir auch den Text schreiben. -- Ida war bei der letzten Sitzung mißgestimmt, und ich wollte, weil ich diese Linien des Verdrusses nicht in das Portrait einfließen lassen mochte, zu malen aufhören, als Therese Cäcilien bat, dies Lied zu singen, sie meinte mit Recht, dann würde die Wolke wohl verfliegen. Du magst den Text sehr einfach finden, vielleicht ganz unbedeutend, ich versichere Dich aber, das Ganze war von ergreifender Wirkung.

Du Tropfen Thau, seh ich dich an, Kommt mir die Thräne süß und still, Weil du so treu dein Blümlein liebst, Wie ich wohl einmal lieben will.

Und trennt dich auch an jedem Tag Von deinem Lieb der Sonnenschein, Du kehrst am Abend stets zurück, So muß wohl treue Liebe sein.

Und stirbt dein Lieb vom Sonnenbrand, Dann stirbst auch du im letzten Kuß, Ich seh dich an und sinne still; Wie solch ein Tod beglücken muß! --

Wie ich wohl einmal lieben will! Sie weiß es nicht, das Kind, und doch dieser hinreißende Vortrag, dieser unvergleichliche Ausdruck! Es liegt gewiß darin, daß es ihr angeboren ist, nie Mißgriffe zu begehen, in Allem vollendet zu sein. -- Ida wurde ganz sanft und schön, ich unruhig, mir klopfte das Herz vor schmerzlicher Wemuth. Cäcilie und ich, welch ein Unterschied! Kannst Du mir nichts nennen, was die Kluft ausfüllen könnte? Doch wie spreche ich, wie solltest Du junges Kind wissen, was der Weiseste auf Erden nicht erdenken könnte. Lebe recht, recht wohl!

_Justus._

Am 2. März.

Bin bei der süßesten Arbeit, Du weißt bei welcher. Natürlich sind wir nie allein, aber wozu auch? ich würde ihr doch nichts sagen, nicht von fern meine schneeweiße Lilie beunruhigen. Wir plaudern herrlich unbefangen mit einander und ich bin auch, ihr gegenüber, vollständig befriedigt. Was könnte ich noch Schöneres wünschen, als sie ansehen, ihre freundliche Stimme hören zu dürfen, die mir des Lieblichen so viel sagt: -- Sie ist ganz vertrauungsvoll, und plaudert, was ihr in den Sinn kommt. »Was wird Theodor sagen,« meinte sie gestern, »wenn er wiederkommt und mich auch gemalt sieht; ich habe es immer für Scherz gehalten, wenn Sie davon sprachen.« -- »Warum,« fragte ich, »sah ich so spaßhaft dabei aus?«

»Auch wohl, und ich bleibe ja bei den Eltern.« --

»Ida ja auch,« wendete ich ein, als wäre das kein Grund. Sie lächelte. »Wenn Sie wieder kommen, müssen Sie Theresen auch malen,« fuhr sie fort, »in spätestens zwei Jahren ist ihre Hochzeit und dann verläßt sie Burgwall.«

»Komm ich denn wieder?« fragte ich.

»Ich dachte,« antwortete sie ganz erstaunt.

»Und so bald?« fuhr ich zu fragen fort.

»Das müssen Sie am besten wissen.« -- Ich schüttelte den Kopf; es schien mir gerade in diesem Augenblicke, als sei es doch besser, ich kehre in Jahr und Tag nicht wieder hierher zurück. -- Zuweilen erzählt sie etwas aus ihrer Kinderzeit, und wie frisch lacht sie dabei! Neulich wurde das Gespräch zwischen ihr und den Schwestern sehr lebhaft, man neckte sie mit vergangenen Zeiten, da hatte sie sich zu vertheidigen, und dann mußte sie wieder lachen, sie wurde ganz unruhig auf ihrem Stuhle und wendete sich bald hier und bald dorthin, ich vergaß das Malen darüber und sah sie an. Plötzlich fiel ihr Blick auf mich, wie ich dasaß, nichts that und sie betrachtete, sogleich setzte sie sich in Positur, neigte sich mir etwas entgegen und flüsterte: »Sie sind eigentlich sehr gut -- nicht wahr Mama?«

»Was denn?« fragte diese.

»Herr Brand ist sehr gütig, so geduldig zu warten.« --

Hätte sie die Sache nicht unter uns lassen können? -- aber nein, sie hat nichts zu verheimlichen, was mich angeht.

Julchen Hermann hatte, als sie an der Reihe war, kein Buch mitgebracht, und appellirte an die Großmuth der Jugend, die da nichts verlangen werde, wo nichts sei, sie habe keine belletristischen Bücher. Sie kam aber mit ihren schönen Reden nicht durch, sondern mußte sich bequemen frei eine Erzählung aus dem Leben vorzutragen, und wenn nicht aus ihrem eigenen Leben, so doch aus ihrer Zeit.

Nach einigem Weigern that sie's, und ich will sie Dir copiren.

Der Sohn der Wittwe.

Nicht weit von der Försterei zu Drosehalm, liegt ein kleines Haus, welches vor mehreren Jahren einer Wittwe gehörte, die mit ihrem einzigen Sohne, einem lebhaften, gescheuten Knaben, in der einförmigsten Weise darin lebte. Während Ludwig, so hieß der kleine Wildfang, der die Gedanken der stillen Frau fast beständig beschäftigte, in der Schule war, besorgte sie das kleine Hauswesen, führte die Ziegen auf die Weide, arbeitete in dem Gärtchen, welches die Vorüberfahrenden, wenn sie um die Waldecke bogen -- das Haus lag an der Landstraße -- vom Frühling bis zum Herbste, wie ein unerwarteter, freundlicher Gruß, durch seine lachenden Blumen überraschte, oder sie saß auch im Zimmer und spann. That sie Letzteres, dann konnte man sicher daraus rechnen, daß irgend ein Erbauungsbuch, die Bibel war ihr das liebste, aufgeschlagen neben ihr lag, denn durch die jahrelange Uebung hatte sie es dahin gebracht, daß sie neben dem Spinnen auch lesen konnte. -- Zuweilen erhielt die Wittwe auch Besuch aus der Stadt, von Solchen, die ihr befreundet waren, und die auf der Reise nach der Nachbarstadt, vor ihrer Thüre vorbei mußten, oder von dieser oder jener armen Frau, die in großer Verlegenheit war, und Frau Schmidt um Rath, Unterstützung oder Fürsprache bitten wollte, denn es war bekannt, daß die einfache Frau im Waldhause unter den vornehmen Damen Gönnerinnen hatte, die sie an manchem lieblichen Abende in ihrem stillen Hause aufsuchten. Alle Besuchenden fanden dieselbe Aufnahme, sie erhielten sämmtlich zum Gruße ein freundliches Gesicht, die Hand zum Drucke und ein herzliches Willkommen. Alle gingen auch in der Regel befriedigt von ihr fort, die Bittenden, nachdem sie erhalten, was sie wünschten, die Trostesbedürftigen mit erneutem Muthe im Herzen, denn Frau Schmidt hatte stets guten Muth, sie konnte unter allen Umständen, zu jeder Zeit davon mittheilen. Auch die großmüthigen Damen, welche die Wittwe dann und wann besuchten -- obgleich sie, trotz der Bitten der Kinder namentlich, nie in ihren Häusern in der Stadt zu sehen war -- fanden sich in ihrer Gesellschaft und der stillen Stube, welche im Sommer eine schöne Linde beschattete, sehr behaglich. Die Kinder, welche sie mitbrachten, tummelten sich, während die Frauen sich drinnen unterhielten, auf dem freien Platze vor dem Hause, herum, oder näherten sich vorsichtig dem kleinen Flüßchen, das noch sehr jung und unerfahren, mit großer Eile, über Stock und Stein, durch den grünen Thalgrund, dem größeren, bedächtiger fließenden Fluße zu eilte, der sich um die Stadt schlingt. In den Garten zu gehen, wagten sie erst dann, wenn Frau Schmidt es ihnen ausdrücklich erlaubte, oder wenn Ludwig aus der Schule kam, der dann sogleich sein Bücherpaquet sammt Riemen in die erste, beste Ecke schleuderte, um als galanter Wirth sich seinen Gästen zur Disposition zu stellen. Heidi, dann gings lustig zu! kein ansehnlicher Schmetterling war seines Lebens sicher, er mochte flattern wo er wollte, über dem Bache oder über den Lilienkelchen, ihm wurde rücksichtslos nachgestellt. Ferner wurde den kleinen, schlanken Fischen aufgelauert, die ganz harmlos schaarenweise, zwischen den bemoosten Steinen, sich so wohlig dahinwanden; zuweilen war denn auch wohl eine schöne bunte Forelle darunter, die durfte dann nie entwischen, denn Forellen sind theure wohlschmeckende, vornehme Fische, wohlgeeignet für die Tische reicher Leute und Ludwig schenkte gerne. Er hatte sich dazu einen Topf mit durchlöchertem Deckel, von seinem Spargelde gekauft, damit er, so oft das Glück ihm wohlwollte, lebendige Forellen, auf seinem Schulwege der Frau Pastorin, oder Stadträthin, oder irgend einer namhaften Dame, mitnehmen konnte. Von vorn herein hatte er sich so zu stellen gewußt, daß man ihm solche Lieferungen nicht bezahlen konnte, nein, er nahm nichts, er durfte auch nicht, er dankte sehr, höchstens waren ihm ein Paar Aepfel aufzunöthigen, und die nahm er dann mit einer so tiefen Verbeugung, und bedankte sich so ernst, daß es aussah, als glaubte er, der besonders, hauptsächlich Beschenkte zu sein.

Aber Ludwig war durchaus nicht so bescheiden, wie es im Allgemeinen von ihm hieß, er war vielmehr stolz, und baute nicht, wie er durfte, Hoffnungen auf seine ihm von Gott verliehenen Gaben, sondern er pochte auf sie. Er war klug, geschickt und muthig, was lag nun daran, daß er nur eines schlichten Bergmannes Sohn und nicht der Sprößling einer Patrizierfamilie war? Das Blättchen kann sich wenden im Leben, dachte er, und blickte stolz dabei umher, was niedrig ist, kann hoch, und was hoch ist, kann ganz klein werden.

Einmal hörte seine Mutter einen solchen laut gewordenen Gedanken, da sagte sie: »Wenn Gott will -- aber dem Demüthigen giebt Er Gnade.« -- »Erkundige Dich doch, was die Leute von mir sagen,« entgegnete ihr der vierzehn Jahre alte Knabe, »Niemand wird mich hochmüthig nennen.« -- »Du kannst wohl Menschen, aber nicht Gott betrügen,« erwiederte ihm seine Mutter sehr ernst, und nun hütete er sich wohl, seine innersten Gedanken wieder laut werden zu lassen.