Briefe einer Deutsch-Französin

Part 5

Chapter 53,606 wordsPublic domain

Seltsam! Inmitten des Jammers um die hingemordeten, die vermißten, die ungeborgenen, die ewig um ihre Jugend betrogenen Söhne, in einer von Rachegefühlen unterminierten Welt stehen überall nur die Schuldigen unbedroht. Es ginge nicht an, sie zu einem Reigen zusammenzutreiben, einem Reigen, den Kitchener wohl am schicklichsten eröffnen würde. Denn mit seiner, unseres Zeitalters so vollkommen unwürdigen Initiative der Konzentrationslager hat er einen schmachvollen Zustand geschaffen, namenlose Leiden unschuldiger Menschen inszeniert, und er ist es, welcher durch die Preisgabe und Verfolgung der Wehrlosen den niedrigen Instinkten des Pöbels am meisten entgegenkam. Jedes Volk hält ja in Friedenszeiten die Spalten seiner Zeitungen für die Aufzählung der eigenen Greueltaten und Verbrechen offen. Mein Gedächtnis ist nicht so kurz. Auch der Geschichte bleibe ich eingedenk, und deshalb auch der Tatsache, daß Kitchener einen Pöbel aufreizte, für den gerade in _seinem_ Lande die Prinzessin von Lamballe und der kleine Ludwig XVII. so unvergeßlich sind.

Warum tauscht man nur Verwundete, keine Verantwortlichen aus? . . . Welch törichter Vorschlag! Warum so töricht? Weil er unausführbar ist. Sehe ich denn das nicht ein? Aber mit allen Anzeichen des Blödsinns beharre ich auf meiner Frage: Warum ist es nicht möglich? Was ist dann möglich? Nur das Unmögliche ist also möglich: daß dieser glückliche Erdteil sich auftat zu einem Sumpf von Blut und Wunden, der das Gemüt immer tiefer hinabzieht. Nein, ich verstehe diese Welt nicht mehr!

Zehnter Brief

Man muß es schon einmal sagen: denn darüber wird eines Tages kein Zweifel sein, daß in dieser Zeit nur _einer_ das Recht auf seiner Seite hatte, und das ist der parteilose und unparteiische Papst; die Neutralen, die sich heute gerne besser dünken, keinesfalls; aber auch die Streitenden nicht; mögen sie sich noch so vortrefflich halten: der _über_ dem Streit Stehende überragt sie doch weit, und _vorbildlich_ ist nur er.

Dieser Vorbildlichkeit wegen halte ich auch stets die Erinnerung an einige Episoden fest, die ich alle mit Namen versehen und beschwören könnte.

Zum ersten: in London. Seit 1904 fuhr ich ziemlich regelmäßig hinüber. Die Phasen der Feindseligkeit während dieser Zeit waren mir sehr persönlich fühlbar geworden, ebenso deutlich der zuletzt einsetzende Umschwung. So populär endlich wie im Frühsommer 1914 -- die Geschichte wird es bezeugen -- waren die Deutschen seit einem Menschenalter nicht gewesen; ja, sie standen im Begriff, London im Sturme zu erobern. Ein Deutscher, mochte er auch zu Hause als ein ziemlicher Pinsel gelten, hier genoß er a priori, lediglich weil er Deutscher war, Anspruch auf Gedankentiefe und Geist. So weit war man schon.

Die wertvollste Orientierung über die öffentliche Lage erstattete jederzeit Lady C . . . . Ich kannte sie nicht, aber es genügte, ihr von weitem zuzusehen. Stets in das allerletzte Fahrwasser getaucht, zeigte niemand besser die Temperatur der elften Stunde an, ob dies nun die letzte Geschmacksrichtung in der Musik, der Literatur oder der Mode oder aber, vor allem anderen, die letzte politische Strömung betraf. Niemand trieb so leidenschaftlich mit ihr empor und war alsbald so ganz von ihr erfaßt.

Am Vorabend meiner Abreise saß ich im Salon meiner Freundin und erwartete mit ihr Lady C . . . . Sie hatte ihren Besuch angekündigt und erschien noch vor Mitternacht, von Juwelen überfunkelt, das gelbe Haar von Diamanten übersprüht, Wurf und Farbe ihres Kleides voranleuchtend und noch nicht dagewesen. Ihre schnellen Blicke, während sie sprach, bedeuteten mir ohne Vorbehalt, daß sie aus Neugierde gekommen war, und zwar wegen mir. Es gab kein Thema, das sie da nicht heranzog, nichts, worüber sie nicht meine Meinung, mein Urteil als ausschlaggebenden Faktor -- denn ich war ja deutsch -- zu wissen begehrte. Und was rief sie da nicht, bevor sie, schneller als sie gekommen, wieder entschwirrte und ihr Auto durch die stillgewordene Grosvenorstreet der fünften oder sechsten »party« des Abends entgegensurrte: »Give me the Germans!« rief sie hingerissen. »They are the first people in the world.«

Und da ich mir noch immer in der Ferne, und wenn ich mich eine Weile räumlich von den Germans geschieden hatte, diese Meinung über sie zurückerwarb, stimmte ich ihr rückhaltlos bei.

Diese ihre letzten Worte waren es auch, welchen ich folgenden Tages gerne nachhing, während vor mir Ahnungslosen die englische Küste immer weiter zurücktrat. Schafwölkchen weideten am Himmel, und ich sah zufrieden zu ihnen auf. Denn Gott sei Dank! man war endlich vernünftig geworden und die Gefahr war überstanden. Ich teilte meine frohen Wahrnehmungen einem Engländer mit, den ich an Deck des Schiffes traf und der mit den Politikern seines Landes aufs engste verquickt und verschwägert war. Krieg, sagte ich, gibt es keinen mehr. Aber er schüttelte den Kopf: »Sie lassen sich täuschen. Ich sehe nirgends Anzeichen dafür, daß man ihn vermeiden wird.«

Noch waren sich aber die wenigsten Leute bewußt, daß es ein Serajewo auf der Karte gab.

Fünf Wochen später: München. Bei einem namhaften russischen Maler lebte dessen originelle, wenn auch unzuverlässige und unkultivierbare Schwester. Eines Tages verkrachte sie sich mit ihm, und da es ihr an allen Mitteln, um allein weiter zu existieren, gebrach, erklärten sich ihre bisherigen Bekannten als ihre Kundschaft, und indem sie sozusagen eine Privatschneiderin wurde, fuhr sie fort, gesellschaftlich mit ihnen zu verkehren. Alles ging zum besten, bis es Sommer wurde und ihre ausstaffierten Freundinnen die Stadt verließen. Nunmehr saß die auf Vorzugsbehandlung gestellte Amateurnäherin allein und kümmerlich in ihrem Zimmer. Diesen längst vorausgesehenen Moment nahm ich wahr, um endlich auch meinerseits etwas zu bestellen.

Als ich zur Anprobe kam, war sie nicht zu Hause, erschien aber gleich darauf hochgemut und federngeschmückt direttissimo von einem Mittagsschmaus bei einem alten russischen Grafen. Sie legte, seitdem sie schneiderte, ganz besonderen Wert darauf, auch weiterhin von ihrer Gesandtschaft eingeladen zu werden, und der alte Graf tat ihr immer den Gefallen. Der Stab war diesmal sogar vollzählig erschienen, sie hatte als einzige Dame den obersten Platz behauptet; so gut hatte sie es nicht alle Tage; zerstreut, doch um so mitteilsamer steckte sie die Falten meines Mantels zurecht, und wie ich jetzt bemerkte, hatte sie »le vin bavard«. »Ah! il faut une guerre!« rief sie plötzlich aus . . . »Oh pas maintenant: en 1915« (und berief sich auf ihren Gewährsattaché) »il le faut . . . Les Allemands sont devenus trop arrogants.«

»Vous vous trouvez bien chez eux.«

Kurz zuvor saß ich im Lesesaal eines Pariser Hotels. Ich sehe die Zeitung durch; doch von Übelkeit und Verzweiflung überwältigt, werfe ich sie wieder hin und stürze in mein Zimmer hinauf. Es blickt auf den Fluß. Allein die weite und geliebte Stadt wird mir zur fürchterlichen Enge. Wohin soll dieser Ton, dieses Geschrei, sollen diese höhnischen Ausfälle und Drohungen, soll dieser unheilbare, unbelehrbare, planmäßige Deutschenhaß, wohin soll er führen?

Warum, da er nun gekommen ist, dieser Krieg, den _überall_ noch zu viele wollten, warum wollen sie ihn _plötzlich_ alle nicht gewollt haben und wälzen die Verantwortung für diese ungeheuere Tragödie der Mitschuldigen einander auf?

Weil sie recht hatte, die mutige Frau von Suttner, die vielverlachte Friedensberta, mit ihrer Behauptung, daß die erste Zwangsfolge des Krieges die Lüge sei!

Mein Gott, wie sehnlich wünschte ich, daß wir, uns selber treu, den anderen Völkern mit der Initiative vorangingen, den inneren todbringenden Feind zu stellen. Vielleicht warten sie in England nur darauf, um zuzugeben, daß bei ihnen jener Militarismus, dem sie bei uns den Garaus machen wollen, in Lord Kitchener, auf den sie doch so stolz sind, in seinem subalternsten Glanze erstrahlt; und daß jener Imperialismus, den sie, wo er als Pangermanismus auftritt, so namenlos verabscheuen, in Churchill, von dem sie sich doch regieren ließen, seinen typisch großmäuligen Vertreter fand. Gut also. Lassen wir fürs erste die Imperialisten aus dem Spiel. Machen wir versuchsweise nur gegen unsere Alldeutschen Front.

»Die Franzosen neigen zur Suffisance. Sie haben stets etwas von Kindern. Wir nie. Aber das Ominöse und Charakteristische bei gewissen Alldeutschen ist, daß sich die Arroganz bei ihnen an Stelle der Besonnenheit behauptet und da Türen zuschlägt, wo sonst Gedanken wären.« Von mir im Jahre 1904 geschrieben, sogar gedruckt, aber natürlich ignoriert: »Denn in keinem Lande ist es so unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, wenn man nicht in Amt und Würden schon ergraute, wie bei uns. Nur Dichtern, Schauspielern und Tänzern ist bei uns Jugend bewilligt.« Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich schon wieder selbst zitiere. Hatte ich aber nicht recht, wenn mir damals schon vor jenen Leuten bangte, über die wir innerhalb des Reiches leichtsinnig die Achsel zuckten, während man draußen nur allzu gespannt den paar Schreiern, wie wir sie verächtlich nannten, aufhorchte, die so lange an der Höllenpforte rütteln halfen und, wo sie einzurosten drohte, sie wieder ölten, bis sie sich von selbst in ihren Angeln drehte. Ja, aus meinem Deutschtum heraus hasse ich sie, diese Schädlinge, wie jene Raupen, die in ihrer mörderischen Geschäftigkeit die Farbe des Laubes annehmen, das sie zerfressen, und sich nicht unterscheiden lassen von der königlichen Eiche, deren Tod sie bereiten. Denn ihnen danken wir es heute, daß eine verblendete Welt mit einer Herzenskälte ohnegleichen den beispiellosen Kampf mit ansieht, den ein verkanntes Volk bestehen muß, nur dem Griechenvolk hierin vergleichbar, ja es noch überbietend.

Jene humorlose Gilde aber, welche, den Räuberhut in die Stirne gedrückt und den Brigantenmantel über die Schulter geschlagen, so fürchterlich verspätet in der Geschichte aufzog, schiebt sich heute Bismarck als Gewährsmann unter: ihn, dem sie schon _fatal_ gewesen sind, als sie noch in ihren Anfängen steckten, weil er wohl ahnen mochte, wie sie sich auswachsen würden. Oder wird mir ein Kenner Bismarcks entgegnen, daß die Art, mit welchem der und jener seine eine ewig selbe Geste des Handschuhhinwerfens meistert, nach Sinn, Art und Geschmack des schmiegsamsten aller Staatsmänner sei? Würde sich der Gründer des Deutschen Reiches heute von den Alldeutschen nicht vielmehr boykottiert, ja, verdächtigt sehen, er, welcher nach dem Sieg von 1870 Lothringen Frankreich zu lassen riet und mit so feierlichen Worten die Verantwortung für diesen Krieg jenen aufbürdete, die damals diesen seinen Rat mißachteten?

Elfter Brief

Es stellt sich doch jedesmal als eine Illusion heraus, wenn man das Patent auf einen Gedanken oder einen Einfall zu haben glaubte. Was uns durch den Sinn fährt, hängt schon so sehr in der Luft, daß immer schon ein paar Leute zuvor darauf verfielen.

Der Frühling umhing noch nicht dies welkgewordene Laub, als ich über die Grenze fuhr, froh zu einem unbelagerten Himmel aufzusehen. Denn in den kriegführenden Ländern ist wirklich wie ein Netz über uns ausgespannt, das uns die Sonne und die Luft vergittert.

Doch keiner verlasse seine Heimat, der sich von seinem einseitigen Standpunkt als wie von einem Schilderhäuschen nach drei Seiten hin beschützen ließ. Die fremde Presse darf seiner Bangigkeit nichts hinzufügen: er darf nichts entdecken. Nur der Undüpierte wage den Anstieg. Wen es schon gleich zu Anfang umblies, der hüte sich, daß er ein anderes Mal nicht vornüber stürze und sich die Hirnschale einschlage.

Da meine Trauer überall dieselbe ist, durfte ich es riskieren, daß ich die Schweiz nach allen Richtungen befuhr. Ostern, der erste Frühlingstag war gekommen. Sein sanft geschwellter Hauch erhob sich über Genf, und der entschleierte Berg leuchtete wissend und bleich am Ende des Tales. Ich hielt eine Blume, eine frühe, duftende, vom besonnten Hügel Champels, und stand über die Brücke gebeugt, vor mir die Spiegelung des Sees. Aber wir, die noch in Sonne, Wind und Regen über der Erde wandelten, waren ja nur Leidtragende mehr, jede Wiederkehr des Frühlings würde sich uns auftun wie mit Grabesschwärze; wir blieben die gepreßten und umflorten Zeugen seines Überschwangs und seiner Glorie, die für uns durchsetzt blieb von Klängen des Grams um die gemordete Hoffnung. Ostern nur ein Allerseelen mehr für uns, die wir um das veränderte und zerklüftete Antlitz dieses Erdteils wissen, der zum weiten Todesacker verwandelt, so übervölkert ist von den Schatten der Geopferten, o, und von dem Spuk namenloser Qualen so untröstlich umweht! Der Frühling. Fürwahr! Auf Jahrzehnte hin griff ich da seiner Wiederkehr allzu verwegen zuvor, und vor dem Ansturm von Melancholie rettete sich das Bewußtsein nicht.

Gewiß ist ja das Leben um so _Vieles_ trennender als wie der Tod, daß er geradezu den Prüfstein der wahren Zusammengehörigkeiten bildet, welche das krause Leben mit solcher Vorliebe verdrängt. Käme ein Marsbewohner, vor seiner Fremdheit bangte uns nicht. Warum dies Grauen vor dem so nah verwandten Geisterreich? Von ihm befleckt, wie die Wellen von der besonnten Luft, verrinnen doch unsere Tage. Und doch, wo immer wir dem Lockruf, den es entsendet, zu innig lauschen, entsetzen wir uns; wovor?

Als ich wieder emporsah, waren die Ufer und der Himmel entschwunden, und Laternenschein herrschte im Dunkel der angebrochenen Nacht. Vor den flimmernden Schaufenstern gingen Menschen aufrechten Ganges hin und her; eine Buchhandlung lag hart am erleuchteten Quai. Ich eilte auf sie zu, mischte mich unter die Kunden, griff nach den Büchern und blätterte darin. Aber mit welcher Öde, mein Gott! faßte ihre Wirklichkeit an: »Der Krieg, La guerre, La guerra, The war!« wußte man nicht im voraus, was sie widereinander brachten?

Ein einziges trug noch die Jahrzahl 1914 und stammte aus der unwiederbringlich verlorenen, der großen paradiesischen Zeit. Es hieß: »L'Enigme Allemande« von Georges Bourdon, und ich stieß da gleich auf folgenden Satz:

»Si demain, dans une crise de criminel délire nos deux peuples se heurtaient, ce n'est pas en Allemagne seulement qu'il en faudrait chercher les raisons profondes et les responsabilités.«

Dieses Buch kaufte ich alsbald und verschlang es noch in derselben Nacht.

»Détestons d'abord,« las ich da, »ces hommes redoutables qui dans leurs mains ingénues et avides portent la menace d'affreux malheurs; ensuite plaignons-les. Plaignons-les d'être à ce point fermés à tous les vastes espoirs qui composent la noblesse de l'homme . . . Tristes et coléreux pangermanistes, frères irrités et injustes de tous les déclamateurs coléreux et tristes, dont les fureurs en toutes les langues, répondent aux nôtres, que vous avez bien tort de tenir pour vos ennemis; pangermanistes de la Sprée et du Main, qui pardessus les frontières recevez le souffle fraternel du _panslavisme russe_, de _l'irredentisme italien_, de _l'impérialisme anglais_, du _nationalisme français_, que voulez vous? . . .

Les Allemands se rient du pangermaniste. A ses extravagances ils haussent les épaules. Ils le trouvent comique et s'esclaflent à la nouvelle, que les Français puissent lui accorder crédit. Si comique et si haissable que soit le pangermaniste, les Français n'ont pas tout-à-fait tort de prêter l'oreille à ses vociférations. Le pangermaniste a sur la molle opinion allemande la sorte d'action que possède toujours dans l'indécision des foules, l'homme qui s'agite, qui crie, qui fouette, qui infatigablement, répète les mêmes appels, infatigablement va éveiller au fond des âmes incertaines et troubles les égoismes, les instincts, les passions, les appétits, les vanités, les fanatismes, les barbaries . . . c'est un parti de furieux, où s'exaltent, comme dans l'ardeur d'un creuset, tout l'égoisme, tout l'orgueil, toute l'âpreté, toute la cupidité d'un peuple qui, longtemps malheureux et pauvre, ne s'est pas encore habitué à sa force, à sa grandeur, à une richesse trop neuve. Toute l'Allemagne laborieuse et raisonnable le renie; mais pourquoi faut-il qu'elle mette dans son reniement des intermittences, et qu'en certains jours il lui arrive de le reconnaître, de parler son langage? . . . Patrie de Luther, n'est ce donc pas dans sa langue, que le rude réformateur, ayant dépouillé la robe augustine, terrassé le pape et controversé avec le diable, s'écriait: »L'humaine raison est quelque chose de surnaturel, un soleil et une divinité placés dans notre existence pour tout dominer?« . . .

Da stand es ja längst und ich hatte geglaubt, dir etwas Neues geschrieben zu haben.

Zwölfter Brief

Leute wie du und deines Schlages sind wohl quitt mit dieser Welt -- so denke ich mir -- hat doch unser bester Ausschuß nur mehr bedingt mit ihr zu schaffen. Das Verwirrende auf Erden ist nur die gemeinsame Benennung, wo so Grundverschiedenes sich ein und derselben Gattung unterschieben darf: Kobolde, Larven, Trolle und Lemuren, Halb- und Viertelmenschen, Vampyre, Schemen, Puppen und Wechselbälge, die alle unter demselben Namen gehen wie der wirkliche Mensch und unfehlbar Unglück und Verwirrung stiften werden, weil die Finsternis ihrer Halbheit oder ihrer Unvernunft sich stets als das stärkere Element in der Familie wie im Staate erweist. Im Staat wie in der Familie.

Warum sage ich das?

Ja, glaubt man etwa an diesem rückständigen Krieg hätten noch unsere _Menschen teil_? Glaubt man, _sie_ wären so wenig guten Willens gewesen, daß sie sich nicht kinderleicht verständigt hätten? O kinderleicht! Kinderleicht. -- Aber nicht so die Ab- und Unterarten, all die vom rein Menschlichen so unheimlich weit abgerückten Halb- und Viertelsleute, an denen sich jene ganz spezifischen nationalen Auswüchse und nationalen Unzulänglichkeiten kristallisieren, welche die führendsten Völker, soferne man sie _nur_ unter dem Gesichtspunkt ihrer Mängel betrachtet, höchst wert erscheinen lassen, daß sie zugrunde gehen. Nur da liegt aber die wahre Lehre dieses Krieges, nur da die wahre Sicherung gegen seine Wiederkehr, daß für die Tage des aufgehobenen Burgfriedens der allmächtige Kampf einsetze um die eigne Läuterung. Aus dem Haß heraus zu hassen, lassen wir das den lächerlichen Lissauern aller Länder. Was ich sagen wollte: es fällt mir natürlich gar nicht ein, daß ich die Engländer hasse, ich habe sie sehr gern.

Eine Eisenbahnepisode in Yorkshire hat sich mir eingeprägt. Ich fuhr mit zwei typischen Anglosachsen in ideal praktischen Sportanzügen, die sich intensiv über Fischfang unterhielten. Beide wunderschön, dachte ich, aber ebenso borniert. Jeder gerade nur so viel im Kopfe, als man fürs Angelwerfen braucht. Echt englisch. Und damit trat ich ans Fenster, an dem sie sich gegenüber saßen, denn meine Station war gekommen. Ich hatte auch schon den Wagenschlag aufgestoßen, da blieb der Zug in voller Fahrt, ich aber, schon halb hinausgebeugt, wäre rettungslos hinausgeflogen, hätten mich da nicht von beiden Seiten -- mit jener Flinkheit, die vielen Fischen das Leben kosten mochte, je zwei Arme gefaßt und in den Wagen zurückgerissen. Da saß ich nun wieder auf meinem Platz und hatte meine Lehre weg und konnte mich fragen, was jetzt wohl aus mir wäre ohne die Geistesgegenwart der beiden bornierten Herrn, welche da ohne eine Miene zu verziehen aus ihren kurzen Pfeifen weiterrauchten und ihr Gespräch über Fischfang wieder aufgenommen hatten . . . »Echt englisch«.

Aber weißt du, was mir neulich jemand sagte, der meine Briefe an dich gelesen hatte: »Ja, wozu schreiben Sie denn das alles? Es ist ja nur, was alle vernünftigen Leute _denken_?« Welch deprimierende Bemerkung, nicht wahr! und wie bezeichnend für unsere »Vernünftigen«! Unermüdlich wird indessen das _Unvernünftige_ in die Welt hinausgerufen, denn wie regsam sind doch die anderen: die Zersetzer, de Zerstörer, unsere Kobolde, Larven und Trolle, und wie geschlossen marschieren sie! Ist denn kein Korpsgeist in den Guten, daß sie mutlos zurückstehen und geschehen lassen? Es sind ihrer doch Viele, warum sind sie so still?

Heute vor drei Jahren war mein letzter Abschied von Paris. Ich darf nicht daran denken. Und welche Ironie, mein Gott: es war auf der Place de la Concorde in einer blauen Pariser Nacht. »Gestehen Sie,« sagte mir ein französischer Freund, indem er mit einer Geste die Stadt vom Louvre bis zu den sanft ansteigenden Champs Elysées umschrieb, »gestehen Sie, daß es nichts Ähnliches gibt.«

»Kennen Sie den Spessart?« fragte ich.

»Le Spessart? was ist das?«

»Es ist ein großer Wald. Die Straßen steigen und fallen dort, als sei die Erde eine Riesenschaukel. So fliegen sie gegen Himmel und wieder hinab, und kaum haben sie eine Höhe erreicht, so sausen sie wieder nach unten. An der abgelegensten Stelle aber strebt der umwachsene Weg senkrecht dem Erdinnern zu wie auf der Flucht vor dem Tag. Und so ist es. Denn am Rande eines kleinen schwarzen Sees blüht hier ein altes Schlößchen, wie aus einem Märchen von Perrault. Die Schweden hatten es an dieser verborgenen Stelle nicht entdeckt, und so steht es noch in der Tiefe, wie es damals schon als ein altes Schlößchen stand. Gehen Sie hin. Finden Sie es. Und sagen Sie mir dann, ob es in Paris ein Stück Architektur von einer edleren und noch verfeinerteren Grazie gibt wie dieses Schlößchen, das einzige im ganzen Umkreis, das nicht zu einem Schutthaufen verheert wurde. Und dann sind auch noch in unsern Städten genug Straßen, Fassaden und Mauerschweifungen verschont geblieben, um zu bezeugen, wie identisch unsere Zivilisation gewesen ist. Es sind da Grabmäler und Brunnen, eine gewisse bemalte Madonna in Würzburg -- o wie verschwistert war unsere Kunst! Nur war die unsere inniger und morbider noch, als wisse sie um ihr frühes Grab; ja in ihrer zarten, hellseherischen Lauterkeit lag wie ein Verzicht auf diese mitleidslose Welt, die jenem verfluchten Rechenfehler gemäß verfuhr, daß die Schönheit des eigenen Landes um so glücklicher erstrahlt, je gründlicher die des andern vernichtet liegt. Inmitten einer Zertrümmerung und einer Verarmung so groß, daß sie eine Verwilderung war, mußte unser verdrängter Formensinn im Reich des Unsichtbaren Elysäische Gefilde retten -- und im Affekt packte und schüttelte ich seinen Arm. Furchtbar entstellt als ein geblendetes Volk aus unserem vollendeten Elend heraus bereicherten wir die Welt; ein tolles, göttliches Volk,« rief ich aus, »solche Rache zu üben!«

»Sie vergessen!« sagte er aufgebracht und machte sich los.

»O nein!« rief ich inbrünstig in die Nacht hinaus; »ich wollte, das Maß unserer Großmut wäre voll.«

Aber da stand er schon auf dem andern Trottoir. »Eh bien non!« rief er herüber. »Eh bien non! vous êtes par trop Allemande.« Es war mein letzter Abend in Paris und man schrieb den 3. Januar 1913.

In England aber, besonders als ich von Irland zurückkam, fühlte ich mich noch viel stärker zu ähnlichen Redensarten hingerissen. Wie kalt, wie finster und wie grausam war seine Geschichte! Welche Summe der Verbrechen! Wie wenig Erbarmen!

»We do like her,« sagten meine dortigen Freunde von mir. »But she really is too german.«

Aber es kam der Krieg. Und jene Tage kamen vormärzlichen Siegesrausches und der großen Verwandlung. Der kranke Sturmwind, von dem ich dir schon sagte, hatte überall die einen über die Grenze gejagt, die andern zusammengewirbelt und mich beiseite gefegt; denn ein Irrsinn des Nichtbegreifens war mir auf den Fersen und trieb mich aus den übervölkerten Städten ins Gebirge. Zu meinen Wahnideen gehörte dabei auch, daß ich glaubte, binnen wenig Tagen würden alle von, dem Taumel erwachen und der Krieg wieder rückgängig werden. Es war ja nicht anders möglich.