Briefe einer Deutsch-Französin

Part 4

Chapter 43,543 wordsPublic domain

Nun aber die Zeitungen: Als wir die Franzosen später fragten, warum sie vor unseren Rettungsbooten weggeschwommen seien, sagten sie: >On nous dit que les Allemands aimaient à tuer leurs prisonniers.< Man darf ohne den allerletzten Beweis keinen, auch den größten Schurken, eines Verbrechens anklagen, aber noch immer ist dies eine gesetzlose Welt den Volksverleumdern gegenüber, die wie eine Schwäre ganz Europa so lange überziehen werden, bis es endlich einen Paragraphen gegen sie gibt. Dann erst würden sich auch alle diejenigen besinnen, die sich heute zu ihren Gesellen erniedrigen. Neulich bemerkte jemand so richtig: >Immer hören wir, es trügen überall nur ganz wenige eine Verantwortung an diesem Kriege, und die Vielen seien überall ganz unschuldig daran, während es sich doch gerade umgekehrt verhält, und überall die _Vielen_ auf tausenderlei Weise, und wäre es nur durch ihre Gedankenlosigkeit, teil an der ungeheuren Blutschuld haben, und nur die Wenigsten mit reinen Händen vor ihr stehen.<

Dem Führer der Emden versagte die Stimme und der Schmerz übermannte ihn, als man die Besatzung eines Schiffes, das er torpediert hatte, verloren geben mußte. Aber vor mir saß eine dicke, unnütze und ordinäre Baronin und sprach ihre Genugtuung über die Bomben aus, welche London getroffen hatten.

O! du hättest hören sollen, wie sie redeten! Und hier saß keiner, der den Frieden um des Friedens halber ersehnte, vielmehr saß hier keiner, der nicht irgendeinen Vorteil aus all dem Jammer zog, der heute den Erdteil erfüllt. Ein Haß wie eine dunkle Säule richtete sich in mir auf gegen diese Gesellschaft, in deren Mitte ich zum letzten Male saß. Denn dies ist das einzig Gute an diesem Krieg, daß man aufräumt mit seinem Umgang und nicht länger aus diesem oder jenem lächerlichen Grund sich mit Leuten weiterschleppt, mit denen man nichts gemein hat.

Aber etwas Witziges muß ich dir noch erzählen: Als der »Matin« nachträglich von dem Dresdener Skandal erfuhr, beschwerte er sich auch.

Achter Brief

Ich begreife nicht, warum die wahren Deutschen noch nicht dagegen protestierten, daß die Alldeutschen sich Alldeutsche nennen. Sie sind doch so undeutsch! Nichts ist doch bislang undeutscher gewesen, wie Ungedanklichkeit und Hochmut. Und welches Deutschtum, ich bitte dich, haben diese allbetriebsamen Leute hinter sich? Auf welche Tradition dürfen sich diese plötzlichen Emporkömmlinge berufen, die nichts sind, wie eine ausgefallene Generation, Ahnen und Urenkel in einem, Insulaner ohne die Entschuldigung, daß sie auf einer Insel wohnen, Anabaptisten, die ihre Wiedergeburt feiern? Etwa nicht? Übertönt hier etwa nicht wie einst das wilde Geschrei einer kleinen, aber verderblichen Sekte? Ist dies etwa nicht ein und dieselbe Welt? Fällt je etwas aus ihr heraus? Und schleppen wir uns nicht, noch immer, mit dem Agens verflossener Irrtümer, über welche sich dann immer die Nachwelt so erhaben fühlt, daß sie ihr einen unerklärlichen Wahnsinn dünken? O, ich weiß sehr wohl, was man über kurz oder lang von den Radau-Alldeutschen sagen wird, aber es hindert gar nicht, daß sie heute die Unbesonnenen verwirren dürfen und daß ihnen ein zu höchster Vervollkommnung berufenes Volk es verdankt, daß es verkannt und ungeliebt ist wie nur eins. Und keines ist doch von so weitem Flug, wenn auch keines so beschwert. Es ist das geistigste und geistverlassenste, das potenziell höchste, das effektiv gefährdetste, der Heimgarten aller Gegensätze, in welchem die blaue Blume tiefer aufleuchtet, zugleich wilder überwuchert steht, als irgendwo. Mit größerem Ernst als dieses überduldsame Volk hat keines die Parole von der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, die seine stürmischeren Brüder prägten, zu Taten aufgegriffen; keines war so getragen von dem Gefühl, daß der eigene Niederschlag, die eigenen Verkommenen, das eigene Gesindel, der eigene Pöbel . . . zugleich die eigene Schmach einer Nation umfaßt; und schritt es da nicht schon gerade darauf aus, die Armut aus seinem Bereiche zu verbannen und die Entwürdigung der Niedrigen nicht mehr zu dulden? Auf eine Sanierung nach dieser Seite hin so bedacht, daß es andere Dinge übersah, wo Anderer Augen geübteren Blickes gar aufmerksam nach den Wetterzeichen schauten und sich vorsahen, damit, wenn der gefürchtete Sturm sich entfesseln sollte inmitten der Luft, die sie entzünden halfen, nicht _sie_ die Inkriminierten, nicht auf _sie_ das Odium fallen, nicht sie: Feuer! sondern: »_Wir_ sind es nicht gewesen!« rufen dürften.

Ich tadle sie darum nicht! Es ist nur recht zu wissen, was die Geste wert ist, und man ist der Schlechtere nicht, weil man der Gerissenere ist.

Doch um so bedeutsamer bleibt, daß kraft seiner stetig sich veredelnden Arbeiterbevölkerung und eines Bauernstandes, der vielfach eine Adelsklasse für sich bildet, das politisch unreifste Volk dennoch in gewisser Hinsicht das demokratischste geworden war, denn wenn es auch keinen König hingerichtet hat, so wäre es dafür gegen ein »East-End« schon lange in Aufruhr. Es würde rebellieren, bevor es sich, wie das herrische London, eine ganze Stadt organisierter Slums, organisierten Verbrechertums, organisierter Elender -- british subjects auch sie -- an die marmornen Flanken schmieden ließe; oder bevor es, wie das schimmernde, ewig holdselige Paris so finster umgürtet stünde, daß nachts die Apachen -- Franzosen auch sie -- Wölfen gleich das Innere der Stadt wie ein feindliches Lager beschlichen. Denn _sein_ Wohlstand kam den Enterbten weiter entgegen, in keinem Lande war die Armut so bedingt, nirgends hatte sich der einzelne Handwerker so individualisiert, seine Bildung so zu heben vermocht und so menschenwürdig gewohnt.

Und von einem solchen Volk hat eine kleine, allen vernünftigen Deutschen höchst fatale Korporation ein seelenloses Plakat hinausgegeben, das nun als typisch gilt, während es die Verneinung alles dessen begreift, was deutsches Gemüt und deutscher Himmel ist. So haben diese plumpen Parforce-Germanisierer sich vermessen, in Germaniens lauterem Angesicht freche, fremde, widerliche Züge einzuzeichnen, die es bis zur Unkenntlichkeit entstellen. An euren Früchten werde ich euch erkennen: »Zehn eiserne Gebote« heißt eine alldeutsche Broschüre, die ganz nach Art und Stil der Wiedertäufer, im Ton der Bibelparaphrase gehalten, ein Exempel für künftige Psychiater herstellt: »Jene reden von Mitleid und Schonung, ihr aber sollt eure Feinde vernichten! Krieger, werdet hart!« lehrt sie, um dann in folgender Saturnalie auszuklingen:

»Wir lieben den Krieg . . .

Wir danken dem Krieg . . . usw.

Ach, wer vor Ausbruch dieses Krieges starb wie du, der ist ja noch mit der Illusion gegangen, daß gewisse Ausbrüche außerhalb der Umzäunung eines Narrenhauses nicht mehr möglich seien. Statt dessen fangen jetzt schon Zahnärzte und Gouvernanten zu delirieren an, und dein Tapezierer wurde über Nacht von dem Irrsinn angesteckt.

Wer sie doch komisch nehmen dürfte, diese Panslawisten, Pangermanisten, Imperialisten, Nationalisten usw.! Alles Anabaptisten redivivi, die samt und sonders auf ein Ziel losrennen, das längst hinter uns liegt. Trostlos lächerliches Schauspiel! O der Toren, welche da wähnen, christliche Nationen seien umzubringen als wie Phrygier oder Babylonier! Und die es wagen, sich weiterhin Christen zu nennen, während sie doch von dem Niederringen zwischen christlichen Nationen reden. Denn wie verloren ist an ihnen, und wie unvorhanden, wie ausgeschlossen sind sie von der Tat, welche die Zeitrechnung unseres Planeten in zwei Hälften spaltete! Nicht einmal das eine, das einzige In-die-Augen-Springende, was unsere Zeit vor der Antike voraus hat, nehmen sie wahr: daß der Pulsschlag der Nationen ein anderer geworden ist; daß, wo solche früher untergingen, sie sich heute wieder aufrichten, genesen, sich erneuern können;[3] daß es in dem alten verjährten Sinn eine Dekadenz der Völker gar nicht mehr gibt, und daß alles Unvernunft ist, was sie von Germanen contra Romanen, Romanen contra Germanen hin und herüber rufen, daß die Gefahr ganz anders heißt: Germanen _ohne_ Romanen, Romanen _ohne_ Germanen, weil ihnen außerhalb ihrer Gemeinschaft gleicherweise keine aufsteigende Linie mehr bevorsteht, sondern sie gleicherweise von der eigenen Erfüllung sich entfernen müssen.

Du weißt, wie ungehört ich diese künftige Binsenwahrheit seit elf Jahren in die Welt hinausrufe: Deutschland vernichten hieße sich selbst vernichten, denn mit ihm »fiele die Welt«. Es ist tausendfach wahr. Aber nur an den gesunden Wesenselementen des »dekadenten« Frankreich wird das »gesunde« Deutschland mit der gefährlichen und entstellenden Beule des Radau-Alldeutschtums mitten in dem göttlichen Antlitz genesen.

[Fußnote 3: Burckhardts Worte aus seiner »Kultur der Renaissance«, die ich schon so lange zitiere, sind nie so beherzigenswert gewesen: »Das scheinbar kränkste Volk kann der Gesundheit nahe sein, und ein scheinbar gesundes Volk kann einen mächtig entwickelten Todeskeim in sich bergen, den erst die Gefahr an den Tag bringt.«]

Neunter Brief

Es ist nicht wie zu Anfang, da mir die Gefallenen so oft den besseren Teil vorweg zu nehmen schienen. Die jetzt noch fallen, beklage ich. Wer den Krieg bis hierher mit erlebte, fängt langsam an, den Kopf aufzurichten, ob der Himmel sich noch auf keiner Seite lichtet. Schon ringt er um eine Richtschnur inmitten des Wirrsals, abseits von jenen, die noch hin- und herrennen mit dem Geschrei, wer ihn entfesselte. Auch ein heraufziehendes Gewitter ist bis zuletzt etwas Ungewisses. Der Wind kann die Wolken auseinandertreiben; das Gewitter kann vorüberziehen. Doch bricht es los, so darf mit Fug behauptet werden, daß es kommen _mußte_, und ebenso wird es nicht einen, sondern viele Gründe dafür geben, daß es sich entlud. Und ebenso, denke ich mir, werden für die Nachwelt die Urheber dieses Krieges vor dessen vielverzweigten Ursachen zurücktreten, und diese wiederum werden weiter zurück reichen als Cromwell und der Dreißigjährige Krieg, Peter der Große und die Borgias. Und seinen unzähligen Ursachen entsprechen unzählige Gesichtspunkte. Von diesem Gesichtspunkte aus gesehen war er eminent vermeidlich, von jenem unvermeidlich; betrachtet ihn von dieser Wolke aus, und er war ach! so vermeidlich! noch höher, und er mußte sich noch einmal (zum letzten Mal!) unweigerlich ergeben.

Denn alle Biologie in Ehren: aber diejenigen (und sie sind noch zahlreich), welche da wirklich vermeinen, solche Kriege, die nur deshalb einen solchen Haß auslösen, weil sie Bruderkriege geworden sind, solche Kriege seien an sich etwas zu Bejahendes, fernerhin Notwendiges, und die Zustände, das Chaos, das sie schaffen, die seien in der Ordnung, eine Institution gleichsam, die ihre Richtigkeit habe und in der Natur der Dinge liege wie ein Erdbeben oder ein Orkan, die Völker selbst hiermit nur dem blinden Element oder der reißenden Tierwelt vergleichbar, die willenlos ist -- diese Leute sollten, falls sie weiterhin in der Welt entscheiden dürfen, doch wenigstens so viel Logik aufbringen, daß sie das Straßburger Münster wie den Kölner Dom, St. Pauls Cathedral wie die Peterskirche als vollkommen lächerliche Objekte proklamieren und dem Schicksal der Kathedrale von Reims überweisen, das Wort Christentum aber als das einzig wahre Fremdwort ausmerzen, oder wenigstens sollten sie eine Doktrin, von welcher nicht die allerleiseste Notiz genommen wird, nicht mit so fluchwürdiger Stirn der Form nach noch aufrecht halten, daß sie gar noch in den Gerichtsstuben mit ihren Sinnbildern hantieren und auf das schwören lassen, worauf sie doch im vollsten Sinne des Wortes _pfeifen_.

Doch, was sage ich? Sind nicht unter eben diesen Zeichen die wüstesten Greuel in der Welt entbrannt? Und hat nicht eine Wahrheit zu um so widerlicheren Auswüchsen geführt, je erhabener sie war? Was Wunder, daß in einer Christenheit, in welcher die Inquisition möglich war, dieser Krieg sich noch ereignete! Denn ist dies nicht ein und dieselbe Welt? Fällt je etwas aus ihr heraus? Ja, wir bedachten es nicht!

Jetzt aber kann man der Verwundeten und der Gefangenen nicht denken, ohne daß sich das Mitgefühl auch jenen Vereinzelten zuwendet, deren es heute in allen Ländern gibt, die von dem Strom der Gedankenlosigkeit, der alles umwarf, nicht fortgerissen wurden, sondern von ihrer brennenden Erkenntnis, wie in Einzelhaft verwiesen, allein und abgetrennt, ihn überragen.

Man schreibt gewiß nicht ohne innere Pein Sätze nieder, wie ich sie heute in der »Fackel« finde: »Der kriegerische Zustand scheint den geistigen auf das Niveau der Kinderstube herabzudrücken«. Aber nicht länger bin ich der Meinung des Verfassers (was nicht geschieht, um ihm entgegenzukommen, der ein paar Seiten weiter die Äußerung zu Drucke bringt: »Eine Frau soll nicht einmal meiner Meinung sein, geschweige denn ihrer«), nicht länger teile ich seine Meinung, wenn er auf die Frage, die er aufwirft: »Was kann durch den Weltkrieg entschieden werden?« sich selbst zur Antwort gibt: »Nicht mehr, als daß das Christentum zu schwach war, es zu verhindern.« Ja, ich maße mir die Meinung an, daß er da wirklich mit einer unzureichenden Leuchte an das Problem herantritt. Das Christentum war nicht zu schwach, sondern zu stark, und die Menschheit evoluiert derart langsam und in so verzweifelt weiten Kurven um dies Gestirn, daß ihr sich trotzdem vollziehender Aufschwung, vollends zur Stunde einer Sonnenfinsternis wie der heutigen, dem freien Auge sich völlig entziehen muß. Aber der Gewalt des Christentums tut die menschliche Hinfälligkeit keinen Abbruch; ja unerbittlicher könnte es nicht wider uns triumphieren, dafür, daß wir statt seiner eine irländische, eine polnische, eine elsaß-lothringische Frage als unerschütterliche Pfeiler setzten und _deren_ Last -- wäre auch im Vergleich zu ihr jedes Joch süß und jede Bürde leicht -- folgerichtig auf uns nahmen, als seien _sie_, die doch im Lauf der Jahrzehnte zerrinnen und verwehen werden wie nie Gewesenes, der Dinge Letztes und Endgültiges!

Überlegter ist es, durch das Alberne so wenig wie durch das Abgeschmackte irre zu werden, ja selbst durch das Ekle und das Scheußliche nicht, das giftigen Schwämmen gleich den Katholizismus überwuchs, sich an ihm festfraß und tief unter sich begrub, sondern an dessen goldenem Befund festzuhalten, in weiten Kunstbögen der Berührung mit all seinen unberufenen Vertretern bedachtsam auszuweichen, um in der Vermutung nicht gestört zu werden, daß, wo _einmal_ dieser viel mißbrauchte Kult zu seinem adäquaten Ausdruck gelangt, eine Höhe des Daseins sich ergibt, die alles andere weit unter sich läßt, _solche_ Erkorene aber entsprechend seltener noch wie in der Kunst vorkommen, weil sie weiter Abgelegenes umspannen und wieder zum Ausgleich bringen müssen, daß, wo _diese_ Wage aber stillhält, die Würde des Gedankens nicht nur unbeschadet bleibt, sondern unsagbare Schwingungen erfährt. Nicht länger von dem Wörtlichen, dem Absurden, noch dem Betbrüderischen genarrt, vielmehr auf das in Platons Sinne Ballförmige erpicht, vielmehr dem Versteckten, Verschleierten auflauernd, dringt ein solches Denken triumphierend zum Profanen vor und vindiziert es hinzu. Nun erst dem Verhaltenen, Entzogenen, dem Eingeraupten, in Perspektiven Fortgetragenen und Flüchtigen auf der Spur, tut sich ihm dort das ewig Mutierende, Ebbe und Flut, der Ozean, das Planetare auf, wo andere, von der Enge abgestoßen, verzagen und verzichten. --

Daß heute, wo die Welt wie nie zuvor zu einem Jammertal versank, daß sich ihr da zum ersten Male die Umrisse der Gestalt des Hirten vollgültig umschrieben, ist diese Tatsache keiner Deutung wert? Nicht Feind vom Feinde, nicht ihre Konfessionen scheidend, ist Impartialität, die hoch und einsam über die gebeugten Völker ragt, bei ihm allein. Ist dies kein Innehalten wert? Die wahre Fahne, die alle umwallt, entrollte nur er. Und wer, Jud oder Heide, spottet heute dieses Hirten ohne Herde und dennoch Hirten, wie nie zuvor; nie zuvor so gebieterischen und so weithin deutlichen Reliefs, von der Wahrheit selbst gleichsam emporgehalten und hinausgestellt, aus der Ohnmacht erst geschaffen, wie es scheint . . .

Oder soll ich es in Währungen ausdrücken, da _sie_ es doch sind, welche diese Zeit in ihre Bahnen warfen? Nun, wie zwei Münzen, für was sie gelten und nur auf ihren Klang hin und ohne Kommentar werfe ich sie hin: Wilson und Benedikt. Denn wer hörte nicht von selbst die schwere, gewaltige vor der hohlen und hinfälligen heraus? Wen erschreckte da nicht der Unterschied? Sogar Amerikaner. So viel Phantasie haben sogar sie.

Überhaupt -- um von den Männern zu reden -- meine ich, daß gegenwärtig kein Grund vorliegt zu ihrer Überhebung. Ich bin nie eine Frauenrechtlerin gewesen und dieser Bewegung gegenüber stets passiv geblieben; aber ich muß schon sagen: daß nach vielen Dezennien eines ausschließlichen Männerregiments ein derartig vollendeter Wirrwarr zutage gefördert wurde, gibt doch zu denken. Man möchte da wirklich meinen, daß, wenn die Damen (ich nenne keine beliebigen, sondern solche, die sich schon erprobten, die es wirklich gegeben hat, die mithin irgendwie weiter vorhanden sind), wenn Damen vom Schlage der Markgräfin von Bayreuth, Maria Theresia, Katharina II. und die von Siena, Julie de Lespinasse und auch die alte Queen, daß, wenn solche Frauen mehr im Vordergrunde gestanden hätten, statt ausgeschaltet zu sein, mit zu bestimmen, statt zu schweigen gehabt hätten, daß dann . . . -- es läßt sich nichts beweisen.

Fest steht nur, daß die Dinge, wie sie _ohne_ ihr Zutun und in dem selbstherrlichen Männerstaat erwuchsen, _unmöglich_ noch ärger oder noch verfahrener sein könnten, und daß bei einem solchen Ergebnis ihrer Regiekunst, wie wir es heute erleben müssen, die abgeworfene Bescheidenheit wieder in ihre Rechte treten könnte. Man dürfte, meine ich, sich sogar darauf besinnen, daß die Frauen, wo immer sie zur Herrscherrolle gelangten, schon von der alten Dido her sich fast immer glänzend bewährten und große Regentinnen waren, sei es, weil das Regieren gar nicht so schwer ist, oder, da es erwiesenermaßen so außerordentlich schwer ist, weil sie vielleicht zu regieren berufen sind, weil dies vielleicht sogar ihre Spezialität sein kann. Es gefällt mir an den Engländern, daß sie, einem Impuls der Selbsteinkehr folgend, mitten in die politische Débâcle hinein, als die ersten zur Berufung des ersten weiblichen Diplomaten sich entschlossen haben.

Bei uns dagegen heißt es jetzt, die Unpolitischen müßten politisiert werden, aber dieser Ruf, so berechtigt er ist, ergeht so spät, daß auch schon die Stunde für eine Selbsteinkehr der Politik selbst geschlagen hat. Denn was diese noch nicht wahrhaben wollte, war längst in das Bewußtsein der Völker eingedrungen. Ein Beweis dafür sind gerade jene jüngsten Völker, die in letzter Stunde auf den Schauplatz der europäischen Geschichte traten. Rakowsky, der große Vorkämpfer für einen Balkanbund, erblickte die Gewähr für eine nationale Befreiung und Vereinigung bei den Balkan_völkern_ und nicht bei den Balkan_staaten_ -- und zehn Jahre später, 1874, schrieb Karawelow: »Die Hauptursache der bisherigen Sklaverei ist die, daß die christlichen Nationen auf der Balkanhalbinsel, sowie alle andern Völker und Nationen betrogen sind, weil sie Hilfe, Unterstützung und Heil von den europäischen Kabinetten erwarteten, und am meisten von Rußland« und Botjow: »Wenn die Regierung eines jeden Volkes der Ausdruck seines eigenen Willens und seiner Bestrebungen gewesen wäre, so hätten selbstverständlich Serbien, Griechenland und Rumänien, sowie Montenegro längst ihre Staatsgrenzen überschritten und den Bulgaren geholfen -- aber, wie es scheint, haben die Regierungen dieser Staaten sich bisher mit nichts anderem befaßt, als mit der Nachahmung der klugen Devise eines Metternich: Divide er impera!« Und sich gleicherweise gegen den Panhellenismus Griechenlands wie gegen die großserbischen Ideen wendend klagt er diese Staaten an, daß sie der Idee eines brüderlichen freien südslawischen Bundes entgegen seien.

Die Neulinge, die das schrieben, nannte man Revolutionäre. Und warum wollten sie das Unmögliche? Gewiß nicht, weil es unmöglich war, sondern weil die Großmächte ihr Prestige von so rationellen Bewegungen mit Recht bedroht sahen, sie also niederhielten und, ihren vorchristlichen Kurs beibehaltend, das Dogma von einem Balkanwetterwinkel aufstellten und die Völker mit weiser Miene dahin steuerten, wo sie heute angelangt sind.

Sie waren ja, diese Völker, wo sie nur konnten, vor Ausbruch dieses Krieges zueinander unterwegs: Die Deutschen nach der Provence, die Französinnen mit Kisten und Schachteln nach München und Bayreuth, Autos, überfüllte Sleepings, Wanderer, wohin man sah, und statt der Salons, ich sagte es schon, hatten die Bahnhöfe ihre »Habitués«. Wer ein Haus besaß, war von dem einen Wunsch beseelt, es wieder los zu werden, und nur unter den Politikern und Kapitalisten gab es noch einen Ausschuß, der es für dringend geboten hielt, daß Europa zu einem Spital zusammenbreche; sonst war schon das größte Zueinander im Schwung: ein ewiges Kommen und Gehen; kein Verweilen; nirgends; bei niemand.

_Und mit Recht_.

Herr Borchardt mit seiner, von allen Registern geschwellten, und doch so weit ab von der Wahrheit hinorgelnden Rede, besinne sich doch: er traf das Rechte nicht. O Gedanken! seid ihr denn von der Welt entflohen, seit die schimmernden Zeppeline Bomben statt Passagiere durch die Lüfte fahren. Ach! laßt mich reden! laßt mir meine Narrenfreiheit! Ich sage ja nichts anderes, als was unsere Kindeskinder sagen werden. Mögen wir alle, die heute leben, zu Staub darüber werden, ehe es sich erfüllt, _wahr_ bleibt es doch, daß die Völker, bevor sie jäh und gewaltsam auf sich selbst zurückgewiesen wurden, den Plan schon beschritten hatten, von wo aus ihre Wege verschlungen ausliefen und das Tal der Menschheit geweitet stand. Wie der Fluß, der als Quelle der Höhe entstürzt und dann sich über Blöcke und Fälle quält und durch finstere Schächte ängstet, bis er ans Licht und breiten Laufes strahlend dem Meer entgegenströmt, wie er da wohl zu außerordentlicher Höhe sich türmen würde, wenn er vor seiner Mündung gewaltsam in sein enges Bett zurückgedrängt, die alten Ufer wieder aufwärtstreiben müßte, ebenso werden die Völker, die jäh und gewaltsam auf die schon verlassene Enge zurückfluten, gewiß leidenschaftlich große Taten verrichten; aber neue Gestade sehen sie nicht, und um ihre Bestimmung sind sie betrogen.

Aber wer denkt noch daran? Wie bezeichnend ist es, daß fast alle, die geistig zu dem Kriege Stellung zu nehmen versuchten, unweigerlich versagten,[4] und daß nur das Wort von der »Ohnmacht der Gedanken« ins Schwarze traf. Die Gleichförmigkeit, mit welcher die Kriegführenden das Ritornell von dem aufgezwungenen Krieg absingen, ist nicht mehr anzuhören. Sogar Italien stolperte nachträglich mit demselben Notenblatt herzu. Es ist das einzig Gemeinsame zwischen ihnen geworden. Entschlössen sie sich doch, gleicherweise Stellung zu nehmen wider die eigenen Besessenen, die hinter der Zeit einherlaufen, Gewesenes aus der Taufe heben möchten und durch ihre Verblendung die verruchte Falle stellen halfen, welche gleicherweise die Völker in diesen rückständigen Krieg hineinlockte!

[Fußnote 4: Wie kann ein Philosoph sein Buch »Genius des Krieges« nennen? Unwillkürlich empfindet man auch einen Titel wie »Gedanken im Kriege« als ungedanklich. Thomas Manns Parallele zwischen Friedrich dem Großen und dem heutigen Deutschland ist besten Falles ein scharfsinniger Einfall, aber es ist kein Gedanke. Gedanken sind aus diesem Kriege überhaupt nicht zu holen. Es fragt sich da nur, wessen Gedanklichkeit einem so elementaren und blinden Wirbelsturm widerstand. Eine andere Probe auf ein solches Exempel gibt es nicht.]