Briefe einer Deutsch-Französin

Part 3

Chapter 33,700 wordsPublic domain

Als er mich verließ, war es höchste Zeit, mich umzuziehen. Die Hoteljungfer half mir dabei. Und wie gefällig, wie sorgfältig sie war! Sie erzählte von ihrer Existenz; es interessierte mich. Aber plötzlich sagte sie: »O es ist spät!« Da faßte mich ein großes Entsetzen. Ich eilte hinunter; es war kein Auto zur Stelle, und es kam auch keines. Erst nach langem Warten fuhr ein alter Fiaker mühselig vor, und indes der Zeiger über die achte Stunde immer weiter hinaus rückte, zog er mich gemach durch die Dunkelheit.

Doch grelles Licht ergoß sich über die Treppe des Künstlerhauses, und blendende Flächen, von Finsternis umhaucht, zogen sich kreisförmig über den Platz. Nirgends ein Kommen und Gehen mehr. Ich stieg allein und verspätet die Stufen hinauf. Durch eine zufällig sich öffnende Tür sah ich den Saal in der vorgeschriebenen Beleuchtung.

Alle waren versammelt, vertrieben sich plaudernd die Zeit, und es fehlte nur ich. Befrackt -- und unruhig, und doch beglückt, eilte mein Ritter durch die Gänge auf mich zu: das Generalkommando hatte soeben den Vortrag bewilligt. Es war also richtig niemandem eingefallen, ihn mir vorher abzufordern. Aber wie ein anderer Benvenuto Cellini hatte ich stets gewußt, -- ohne zu wissen, -- daß es so kommen würde. Im Künstlerzimmer wartete auch schon ein älterer Herr, um mir in aller Form das Honorar zu überreichen. Ich unterschrieb -- schob es in meinen Muff, und mein Ritter --, ritterlich zum letzten Male, bot mir den Arm. Es war ein Weg, den ich aber lieber allein ging, hatte ich doch keinen einzigen Freund, keinen einzigen Bekannten im Publikum geduldet. Ich dankte also.

Es sei Zeit, sagte er zurücktretend.

Da stieg ich schnell die paar Stufen hinauf und öffnete die Türe des Saales. --

Doch unwillkürlich machte ich eine Geste und betrat ihn wie einen Salon. Denn angesichts dieser versammelten Menschen überkam mich, zwischen Türe und Pult, mir selber unerwartet -- statt Befangenheit, das größte Sicherheitsgefühl meines Lebens. Es verließ mich auch dann nicht, als ich vor meiner Stimme erschrak. Die Gesichter waren deutlich erkennbar: ein Mädchen und ein junger Mann, Geschwister, wie mir schien, ein Herr in Uniform, einer, dessen weiße Haare hervorstachen, zwei andere in mittleren Jahren, mir schon von der zweiten Seite an abhold. In den vorderen Reihen ältere Damen. Ich hielt mich an die jungen Gesichter. Sie zeigten Interesse, wohlwollende Neutralität.

Daß zu Anfang des Krieges Selbstzufriedenheit und ein gewisses Selbstlob herrschten, sagte ich, war wohl unerläßlich. Aber inzwischen hat sich die Luft Europas durch dieses Verfahren bedeutend verschlechtert. Man redet voneinander, als gedächte man nie wieder miteinander auszukommen, und dies ist nicht die Lehre, die wir aus der furchtbaren Prüfung dieses Krieges ziehen sollen, noch liegt hier Pietät für die Gefallenen. Umsonst sind heute die Erschlagenen, die nichts mehr wissen von unserem Hader und gemeinsam das Schattenreich bevölkern, wenn sie den Haß nur besiegelten.

»Sie verstehen gar nichts!« schrie einer.

Ich achtete dessen nicht. Niemand, sagte ich, mit meiner Kette spielend, gerät in Friedenszeiten auf den Gedanken, die Verbrecherstatistiken anzurufen, um den Geist einer Nation zu beschreiben. Heute sollen mit einem Male solche Verwechslungen richtig, erlaubt, erwünscht sein! Wir müssen das Bleibende im Charakter einer Nation vor so niedrigen Berührungen verteidigen . . .

»Wie anders ist die Haltung der Offiziere! Nichts ist ihnen peinlicher als der Gedanke, man könnte annehmen, sie hätten keine ehrenhaften Feinde! Und der Takt so manchen Pfahlbürgers hat schon durch eifriges Forschen nach den Ungesetzlichkeiten und Greueln der Gegner peinlichen Schiffbruch erlitten.«

Es waren die zwei Sätze, die Ariel mir geschenkt hatte.

Doch nichts vermochte mehr die frostige Atmosphäre zu heben. Ich suchte die lichteren Gesichter und konnte sie nicht mehr finden. Lag es an mir, oder hatten sie sich von mir abgewandt? Ich war allein; auf meinem Podium wie auf einer Klippe; unter mir eine kalte unruhige Flut. Es mißfällt ihnen alles, dachte ich resigniert; aber nur Mut! Jetzt kam schon die vorletzte Seite und dann wars überstanden.

So können wir gar nicht verstehen, sprach ich frei und brauchte keinen Blick in das Heft zu werfen, daß die Völker sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen. Wann werden die Vertreter der würdigen Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der Gesellschaft sich ihre Amtsbrüder nennen? Regierungen hat man davon gejagt, aber der Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun eines Monarchen verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den »Matin« einzuschreiten, der, schlimmer als eine russische Knute, Wahrheit, Vernunft und Mäßigung unterdrückt. Aber in jedem Lande gibt es Erscheinungen, welche dem »Matin« nacheifern . . .

»Infamie!« schrie ein Getroffener auf

Der Mann mit den weißen Haaren war vom Stuhle gesprungen. »Eine unerhörte Gemeinheit!« rief er laut durch den Saal, und ihn quer durchschreitend, ging er empört zur Türe. Ein dritter hatte sich von seinem Platz erhoben und schleuderte jetzt in den hohen Wellengang eine Rede aus dem Stegreif gegen mich. Ich sah einen bärtigen Kopf, von Haß entstellt, und sah ihn so deutlich, daß mich eine Ruhe, eine Genugtuung, eine Kühle überkam, wie aus der Tiefe eines Ziehbrunnens emporgeweht, und ich diesen Wutausbruch als eine Ehrung entgegennahm. Denn ich hatte ja recht, und was ich sagte, war ja wahr. Hätte man nur zehntausend hetzerische Zeitungsschreiber aus allen Ländern zusammengetrieben, dachte ich geradeaus starrend, hätte man nur zehntausend von diesen Erzfeinden zusammengetrieben, die ihre finstere Gewalt über die urteilslose Masse mißbrauchen, in allen unseren Ländern den gesunden Kreislauf im Blute unserer Völker unterbanden, und wo immer diese überzugreifen und nach Ergänzung strebten, hintanhielten und endlich zurückwarfen, weiß der Teufel auf wie lange, hätte man sie nur rechtzeitig zusammengetrieben, die heute weiterkläffen von allen Ufern des Roten Meeres, das gespeist wird von dem Blute Millionen Unschuldiger, so hätte man heute nicht in allen Ländern, welche dieses Rote Meer umgrenzen, man hätte heute nicht das Schauspiel junger Krüppel, junger Blinder, überfüllter Narrenhäuser, zu Greisen geschlagener Jünglinge, und gute friedliche Völker, die sich liebten, ja die sich liebten, sie, die sich liebten, hätten nie daran gedacht, sich Leid zuzufügen ohne Euch, die Ihr Euch hergabt zu Urhebern aller Greuel, indem Ihr sie erzähltet, wo Ihr sie nicht erdichtetet, so daß sie gleich alle als »Repressalien« entstanden! Ja, hätte man zehntausend hetzerische Journalisten aus unseren Ländern zusammengetrieben und gehenkt, o wieviel wertvolle, hoffnungsvolle Menschen wären in all diesen Ländern heute am Leben! Statt dessen seid Ihr es, die Ihr noch lebt, die Ihr den Glauben an die Menschheit und an die menschliche Güte vergiftet habt, die Ihr einer bösen Schwäre gleich Europa von einem Ende zum anderen überzieht, Ihr, die Hetzer, die Mitschuldigen an diesem Kriege, deren Knochen, wie die der Schächer, hätten zerbrochen werden sollen, bevor wir zuließen, was jetzt geschieht! --

Aufgewühlt von solchen Gedanken, starrte ich geradeaus, während der Mann seine Gegenrede hielt. Aus groben Platitüden zusammengesetzt und im wüstesten Zeitungsstil gehalten, war sie doch von großer Geläufigkeit und schloß sehr wirksam mit der Aufforderung, ich sollte doch hinabsteigen in die Gräber, um mich von den Verstümmelungen und ausgestochenen Augen, an die ich nicht glaubte, zu überzeugen; für eine so billige Emphase heimste er dann den ganzen, schönen, ursprünglich für mich gedachten Applaus für sich selber ein.

Aber der jungen Schauspielerin eingedenk, trat ich zwei Schritte vor und bestand auf meinem Recht, zu Ende zu reden. Doch siehe: mein Ritter wars, welcher da mit offenem Visier auf das Podium stürzte und mit gesenkter Lanze an meine Seite stob, um jede Verantwortung für meinen Vortrag weit von sich zu weisen. Hätte er geahnt . . . und er berief sich jetzt auf das Generalkommando, welches auch nicht geahnt hatte. O wie anders waren jetzt seine Sorgen als am Vormittag! Wie ferne war Cosmopolis, und wie vergessen die Vettern in Paris! Das Dresdener Publikum hingegen erhob er jetzt zum Richter über mich, auf daß es entscheide, ob ich zu Ende reden dürfe oder nicht.

Nun waren Ja-Rufe die erste Antwort auf diese Frage; sie wurden aber sofort von wütenden »Nein« niedergeschrien, und was jetzt entstand, darüber konnte kein Zweifel sein, war ein regelrechter Tumult. Und sah ich recht? -- ballte da wirklich ein ehrenwerter Herr die Fäuste gegen mich?

Mein Staunen war grenzenlos. Trotz aller Warnungen meiner Freunde und ihrer so bestimmten Prophezeiungen über die unausbleiblichen Folgen meines Tuns, stürzte ich von allen Höhen angesichts des Sturmes, den ich heraufbeschwor. Offen gestanden hatte ich mir -- nie ernsthaft natürlich, aber in Momenten der Müdigkeit und zur Kurzweil -- hatte ich mir ausgemalt, wie ein rabiater Reporter mir auflauern würde, und ich wie Brutus vor der Türe zusammenbrechen, hierdurch aber die gute Sache unendlich fördern und den großen internationalen Generalstreik gegen jegliche Hetze sogleich und überall beschleunigen würde. Ja, sogar der Möglichkeit einer kleinen Gedenktafel hatte ich schon in Gedanken vorgegriffen, nur die eines Tumultes hatte ich nie erwogen, und ich fiel von allen Himmeln, als er einsetzte. Denn ich hatte ja recht. Und was ich sagte, war ja wahr. Indessen war die Situation auch für den Unbelehrbarsten nicht zu verkennen: eine wüste Skandalszene, als deren Mittelpunkt ich hier oben stand inmitten einer gegen mich gerichteten Majorität, oder falls es eine Minorität war, machte sie jedenfalls den größeren Spektakel, so daß sie einer Majorität gleichkam. Kurz entschlossen griff ich da zu meinem Heft, nahm meinen Muff, und ohne einen Gruß (hätte ihn doch gerade der mit den geballten Fäusten für sich nehmen können!) verließ ich das Podium und war fort.

Doch kaum hatte ich das Künstlerzimmer betreten, als es von der anderen Seite gestürmt und die gegenüberliegenden Türen aufgestoßen wurden. Vom Saal her tönte noch ein so wilder Lärm, daß ich angesichts dieser fremden und aufgeregten Leute, die alle auf mich eindrangen, unwillkürlich zurücktrat.

Es war jedoch die Schar derer, welche meine Äußerungen billigten und sich nun in Sympathiekundgebungen überboten und sich entrüsteten und wollten, daß ich meine Meinung über Dresden nicht nach den Erfahrungen dieses Abends bilde; und eine alte Frau sprach von dem Schaden, den sie durch die Aufregung davontrug, ermahnte mich aber dabei auf eine so merkwürdig eindringliche, so wissende, so atemlose Art, niemals meine Worte zu bereuen, daß ich zum ersten Male in innere Bewegung geriet; aber gleich darauf wurde ich wieder munter, und Kampflust lebte wieder auf, denn war da im Hintergrunde nicht mein Ritter, der sich mir zu nähern suchte? Während er mich so umringt und nach allen Seiten danken sah, kam er sachte auf mich zu. Richtig, und er sprach mich an. »Ich habe Sie gewarnt,« sagte er verbindlich.

»Nein -- _ich_ habe _Sie_ gewarnt!« gab ich mit meiner schrillsten Kopfstimme zur Kenntnis. »Sie werden sich erinnern . . .«

»Ich habe Sie gewarnt! Dreimal!« unterbrach ich ihn so weit vernehmlich, und so entschlossen, das letzte Wort, das er mir abgeschnitten hatte, diesmal zu behalten, daß er es vorzog zu entschwinden.

Aber die Entrüstung über ihn, wie meine Partei sie äußerte, brachte ich nicht auf. So weltkundig war ich seit einer Viertelstunde geworden. -- Hier war einer, der es für Wahnwitz hielt, es mit den Alberichen der Presse, was immer er im stillen über sie dachte, offen zu verderben. Indem er Deckung suchte, tat er nur, was fast alle anderen taten. Bei dem Schmaus, zu dem er sich jetzt begab und bei dem ich hätte präsidieren sollen (himmlisch!), würde es ohnehin schwer auf ihn niederhageln. Sollte ich ihm grollen, daß er schnell seinen Schirm aufriß? Sah er denn wie ein Desperado aus? -- Langsam von Begriffen, zog ich doch schnell meine Konsequenzen, und viel eher wunderte ich mich jetzt über die kleine Schar, die zu mir hielt.

Für den Rückzug ins Hotel war mir sogar eine Leibgarde von vier Damen geblieben. Das Wetter hatte sich aufgeklärt und wir gingen zu Fuß. Sie boten mir ihren Schutz, ihre Häuser, ihre Gastfreundschaft, -- aber ich hatte nur den Wunsch, möglichst schnell von Dresden fortzukommen. »Wollen Sie mir beim Packen helfen?« fragte ich sie und nahm mein unbekanntes Quartett zu mir hinauf.

Hurtiger war ich noch nie reisefertig geworden, aber so dankbar ich ihnen war, so gut besonders die eine von ihnen mir gefiel, der Wunsch allein zu sein, wurde mit einem Male übermächtig. Und als sie mich verließen und ich die Türe hinter ihnen schloß, gedachte ich die wenigen Stunden bis zum trüben Morgen zu verschlafen.

Doch kaum hatte ich das Licht gelöscht und die Augen geschlossen, da warf sich ein Frost über mich her und schüttelte mich, daß meine Zähne immer wieder zusammenschlugen. Aber zugleich schlug auch eine wirklich beseligende Trauer wie ein Mantel über mich hin; und jetzt erst war ich mir bewußt, was dieser Abend mir selber bedeute: -- Ein Stein, der mich fast erdrückte, war von meinem Gewissen fortgewälzt, und ich hatte mir eine Lichtung inmitten des Gestrüpps und einen Weg erfochten. Dies und noch etwas anderes.

Nie ist der Mensch so wahrhaft er selbst, wie in Momenten, in denen er, seiner selbst kaum mehr bewußt, nicht mehr weiß, daß er Augen hat und ein Gesicht, und nichts mehr von seinen Händen weiß und gleichsam ohne Füße wandelt. Und nie ist er doch so restlos er _selbst_, -- wer erklärt das? -- als wenn eine Idee ihn allem Persönlichen so weit entreißt, daß er -- nur mehr ein Kleiderfetzen, nur ein Schemen mehr -- dennoch höchstem Gefühl des Seins teilhaft wird, während er doch in solchen Augenblicken sein Leben, schier ohne es zu merken, verlöre.

Die Laternen brannten noch, als ich zur Station fuhr, und als die Dresdener sich ihres Morgenkaffees erlabten und ihre Morgenzeitung entfalteten, stieg ich schon am Anhalter Bahnhof aus. -- Doch von Berlin erzähle ich dir ein anderes Mal.

Siebenter Brief

Natürlich ziehe ich München vor. Berlin ist mir nur insofern lieber als es größer ist; eine Stadt ist immer zu klein. Wenn schon, ei, so gebt mir die größte, die es gibt, oder dann gleich die Einsamkeit der Schlucht. Es ist ja mit den Menschen wie mit Lotterien, und nur deshalb sind Provinzstädte so hoffnungslos zu denken, weil nicht anzunehmen ist, daß auf eine beschränkte Zahl von Einwohnern oder von Losen ein Treffer kommt. Die Rechnung ist von furchtbarer Einfachheit.

Darum wird man in dem unmusikalischen Berlin mehr musikalische Leute antreffen wie in dem musikalischen München. Darum hast du und andere große Musiker das Pariser Publikum so sehr geliebt.

Um auf Dresden zurückzukommen, so konnte mir nach dem dortigen Abend nicht nur keine Stadt, auch kein Hotel groß genug sein. Zaghaft sprach ich im Adlon vor, doch ein engelsguter Herr tat nicht, als ob er meinen Namen hörte; ich hatte ein Dach über mir, und ich hatte ein Zimmer, dessen Vorhänge ich alsbald zusammenschloß, das kreidige Licht des Tages auszuschalten, denn mir schien, als hätte ich fürs erste einiges zu vergessen.

Doch ein heftiges Klingeln über meinem Kopfe schreckte mich ins Bewußtsein zurück, und der erste Kondolenzanruf aus München drang in mein umdunkeltes Gemach.

Schon.

Die Zeit war den Leuten nicht zu schade gewesen, um sogleich den Vorfall nach allen Gegenden des Reiches zu posaunen, und nur den wenigsten Redaktionen war diese Zeit zu ernst, um solch aufgeregte Telegramme mit ihrem sichtbaren Stempel der Unverbürgtheit aufzunehmen. Das gelesenste Blatt meiner Vaterstadt gab flugs eine augenfällige Notiz zum besten, die zu berichtigen ich mich nicht beeilte, indes der Wald meiner Bekannten und die Flora meiner Freunde, sie, die ich so oft die Skrupellosigkeit, mit welcher die Journalisten wider besseres Wissen, ja geradezu auf Widerruf hin, Nachrichten verbreiteten, sowie die Leichtgläubigkeit der Vielen hatte verpönen hören, welche alles glaubten, was in der Zeitung stand, sie glaubten jetzt so unbesehen, was in der Zeitung stand, daß sie sich nicht einmal nach meiner eigenen Aussage umtaten, sondern, mit wenigen Ausnahmen, stiegen sie da unverweilt zu jener Leichtgläubigkeit, von welcher sie sich abseits glaubten, und ihrem verachteten Niveau herab. Besten Falles gaben sie mir ihr Bedauern kund, daß ich es jetzt mit der Presse verdorben hatte, doch ich dachte besser von ihr; gab es doch in der Presse, wie überall, anständige Leute, und ihrer war ich ganz sicher. Die andern aber . . . ja war es denn nicht Bürgerpflicht, es mit den andern zu verderben?

Der Rat der weisen alten Dresdnerin war indessen doch zur guten Stunde gekommen, denn es war nicht angenehm, in der Halle des Hotels all die Zeitungen aufliegen zu sehen, in welchen mein Name unter so fantastischen Überschriften zu finden war. Je weiter vom Orte der Handlung, desto freier natürlich tummelten sich die Reporter; es kostete ja nichts, mir in Steiermark deutschfeindliche Äußerungen »entschlüpfen« und mich in Rüdesheim die deutschen Frauen, von welchen ich kein Wort gesagt hatte, beschimpfen zu lassen. Von allen Zeitungsfirmen wirbelten mir Ausschnitte, manche vier Spalten lang, entgegen, überall mit dem Angebot: Willst mehr du noch hören?

Aber der Geschmähte ist, wie ich vermute, schneller blasiert wie der Gefeierte; zu sehr gelangweilt schon, um auf weitere Äußerungen zu abonnieren, erfuhr ich von den paar freundlichen Stimmen nur mehr durch Hörensagen.

Im Gegensatz zu München nahmen meine Berliner Bekannten die Entrüstung der Journalie mit Humor. Was Wunder, daß mir die äußerste Linke Sympathie bekundete? Aber auch die äußerste Rechte war so seltsam. Auch _diese_ Hand schien im stillen über mich gebreitet und klopfte mir, wenn niemand hersah, leise, unmerklich auf die Schulter, wenn auch unsicher, zögernd und nicht wissend, was sie wollte . . . . . .

Mit welchen Kreisen hatte ich es denn also verschüttet? -- Ich besann mich auf eine, mit dem Reich der Mitte (oder wollen wir es die Lande der sechs Verbände nennen?) aufs engste verquickte Honoratiorin. Sie war selbst am Telephon, fragte erschrocken, wie mir sei, und entschwand. Dann kehrte sie ein wenig atemlos zurück und lud mich zu Tische ein. Aber mit Intimitäten war mir in diesen Gegenden nicht mehr gedient, sondern ich wollte einen letzten, richtig gehenden Tee im Rundkreis ihrer Bekannten.

Die hätten jetzt so schrecklich viel zu tun, sagte sie hastig. Allein ich zweifelte nicht, daß sie kommen würden. Da sie mich im unausgepfiffenen Zustande kannten, würde die Neugierde sie mir noch einmal entgegenführen.

Ich täuschte mich nicht: sie erschienen alle, und einige darüber. Sogar ein Töchterchen, das hier nichts zu suchen hatte und ihrem Lazarett ausgerissen war, saß da hart vor mir und starrte mich unverwandt und vorwurfsvoll unter ihrer Haube an, während man sich sehr lebhaft und außerordentlich pointiert über das Maß, den vorbildlichen Gerechtigkeitssinn, die rührende, fast langweilige Milde der deutschen Journalisten unterhielt.

Bequem in dem besten Klubsessel hingegossen hörte ich zu. -- Hier kannte man Parteien wieder! Ich sah vom einen zum anderen und saß wie im Parkett. -- Bald schlug ihr eigentliches Leitmotiv, das, worauf sie alle gestimmt waren, an, und wie von einer Strömung erfaßt, fielen ihre Worte im reißenden Lauf. Um alles, was sie zu behalten gedachten, handelte es sich jetzt, und auch, was man draußen noch nicht hatte, behielten sie hier. Ein gewichtiger Industrieller klopfte mit starken Besitzerfingern auf den Tisch. Und wie munter sie wurden! Meiner vergaßen sie ganz in ihrem Sprudel.

O, wie durchfuhr mich da glühenden Stoßes ein Erinnern! Es war kurz zuvor in einem windumrauschten Schloß gewesen, einst so festlich, jetzt ein Lazarett. Von den Offizieren fiel einer durch seine merkwürdig schöne, zusammengerissene Haltung auf. Er war aus dem Schlachtfeld allzu unvermittelt in eine Atmosphäre versetzt worden, die sich mittlerweile etwas zu ähnlich geblieben war. Es ging das Gerücht von einem peinlichen Auftritt zwischen ihm und ein paar Düsseldorfer Fabrikanten.

In der Tat wollte etwas in seinem Gesicht nicht zu seiner Haltung stimmen: in seiner Glätte einem verwaschenen Steine gleich, war es so blank und doch so abgewandt, so hell und doch von einer Trostlosigkeit getragen, die weder die Züge noch der Ausdruck dieses Gesichtes, sondern nur die Atmosphäre dieses Menschen verriet. Und dabei war etwas so intensiv Abwehrendes in ihm, daß es keine andere Art gab, ihm entgegen zu kommen, als ihm aus dem Wege zu gehen.

Ich war vor meiner Abfahrt trotz des Sturmes in den Park und bis zu einem Gartenhäuschen hingegangen, das schon die leeren Äcker überhing, dessen bernsteinfarbene Scheiben und bemalte Mauern aber einen sommerlichen Trug durch alle rauhen Monate hindurch behaupteten. Diese tapfere Pagode betrat ich ahnungslos. Denn vor mir war jener Offizier, auf einem Liegestuhle hingeworfen, und das Gesicht in die Lehne gedrückt, als ob er schliefe; vor dem Windstoß, der hinter mir die Türe zuschlug, sprang er auf, und da war es, mein Gott! daß ich ein von wilden Tränen überströmtes Männergesicht überraschte, und vor Entsetzen über diesen Anblick und vom Affekte hingerissen, wie eine Megäre diesen Krieg verfluchte. Aber dies verratene Gesicht und der Blick dieser jammervollen Augen entzog sich und erkaltete noch mehr. »Draußen ist es schön,« sagte er schroff.

Das nächste, was ich von ihm sah, war sein Name unter den Gefallenen.

Ihn sah ich jetzt vor mir: von Bildern gejagt, die zu Furien sich verdichteten, und wie Orest vor ihnen hingestürzt; an ihn dachte ich jetzt.

Denn in das Gespräch dieser daheim gebliebenen Draufgänger mischte ich mich nicht; es lohnte sich nicht; und sie hatten ja recht! Aber so wie die Kriegsberichte der einen recht haben, nur muß man zur Orientierung auch die der anderen lesen. So äußerten sie über die französischen Zeitungen unwiderlegliche Dinge, und wenn sie sich über die niederträchtigen Beschimpfungen dieser Presse unterhielten, so war es nicht möglich, ihnen zu widersprechen oder ihre starken Ausdrücke als zu stark zurückzuweisen.

Aber es ist wirklich grotesk, mit welcher Naivität Leute, welche selbst die Insulte handhaben, überall ihre eigenen Insulten überhören; sie merken stets nur die der anderen. Und darum werden es stets die Hetzer sein, die sich über die Hetze der gegnerischen Seite entrüsten. Die anderen brauchen das nicht. Sie haben kein Organ für solche Dinge. Das dreiste Schimpfwort Barbaren wird sie eben so wenig treffen, als sie selbst sich erdreisten werden, Ausdrücke wie »Fäulnis« und »Aasgeruch«[1] zu gebrauchen, wenn sie von der edlen und unsterblichen Nation der Franzosen reden. Denn sie _sind_ keine Barbaren und wissen es infolgedessen besser.[2]

Diesen anderen aber dünken infolgedessen solche Ausdrücke durchaus nicht für Beleidigungen; und sie werden eine Kultur, die ihnen deshalb eine so absterbende dünkt, weil sie keinen Schimmer von ihr haben, in allen Tönen und Varianten morsch und putrefakt nennen.

[Fußnote 1: Siehe eine Süddeutsche Zeitung.]

[Fußnote 2: Die Anderen sind es.]

Kapitänleutnant Mücke aber, der mit ihnen kämpfte, diesen Franzosen, welche die Zeitschrift schildert, Kapitänleutnant Mücke äußert sich folgendermaßen: »Der Kommandant des französischen Torpedobootes hatte bei der ersten Salve beide Beine verloren. Als er sah, daß ein Teil der Mannschaft über Bord sprang, schrie er: Bindet mich fest! Ich will nicht überleben, daß Franzosen ihr Schilf verlassen. Tatsächlich ist er als tapferer Kapitän an dem Mast gebunden untergegangen.«