Briefe einer Deutsch-Französin

Part 2

Chapter 23,709 wordsPublic domain

Aber das Geständnis meines Zwiespaltes hatte keine befreiende, sondern nur eine noch entnervendere Wirkung auf mein Inneres zur Folge, und in die Einsamkeit meiner vier Wände zurückgekehrt, glaubte ich, von dem Ansturm zu verschiedener Empfindungen durchwühlt, nicht mehr, daß der Schlag eines einzigen Herzens ihnen standhalten könne. Und ich fing im Finsteren zu ächzen und laut zu reden an und teilte mir selber angelegentlich die Dinge, die ich dachte, mit, als wüßte ich sie noch nicht, als sei, von mir losgelöst, noch einer, ein Schatten da, der die Einsamkeit des Zimmers noch verschärfte, ein listiges Etwas, das sich seltsam hier angezogen fühlte und neugierig zusah, wie hier ein Lebendiger, seiner eigenen Identität entsetzt, gleich ihm kein Selbst, nur eine abgetrennte Halbheit hatte und, wie von sich selber weggerückt, menschenunwürdig in einer Ecke kauerte. Denn so entrangen sich mir jetzt in abgerissenen Sätzen Klagen, Flüche, Verwünschungen und Selbstbeschuldigungen. Denn trug nicht jeder irgendwie schuld an dem, was sich so widersinnig noch ereignete, da er es noch erlebte?

Zwar meldete sich die Vernunft inmitten des Zusammenbruches, und sie verdammte dies Aufgebot von Leidenschaft. War ich dasselbe Wesen, das stets so überschwenglich Deutschlands geistigen Himmel pries? Es war mein Minnesang gewesen! Und konnte ich leugnen, daß ich in den Pariser Straßen mit derselben Heftigkeit wie vorhin ausgerufen hatte: ohne das Deutschtum stürzte die Welt zusammen? Und jetzt, in der Stunde seiner schwärzesten Bedrängnis und seiner größten Heroismen, wollten die Saiten meiner Leier zerspringen? Trieb ich nur Humbug mit den heiligsten Gefühlen? Doch was sie auch sprach und diktierte, wurde von dem Widerwillen überboten, der mir plötzlich den Turnus des Lebens selbst zum Ekel werden ließ. Dem an die Dunkelheit gewöhnten Auge schienen jetzt, hoch aufgerichtet, die Kissen zu Häupten des Bettes. Aber der Schlaf war nur ein schlechtes und verseuchtes Palliativ geworden, und die Bande rissen beim Erwachen nur um so schlimmer von unserem wunden Bewußtsein los. Frierend, den Mantel zusammengeschlagen, rührte ich mich nicht.

Und wie aufgehaltenes, zum Stocken gebrachtes Blut, das seinen Lauf erzwang, so quollen da jetzt mit der Schwere des Blutes stoßweise jene Tränen hervor, die so anders sind als die um unser persönliches Leid; sie, die einem Frühlingsschauer gleich das Herz erleichtern. Was sind wir Einzelne? Was unser Kummer? Ist nicht selbst unser bißchen Liebesnot noch Glück? Jene anderen Tränen aber, welche stoßweise und mit der Schwere des Blutes hervorbrechen, weil sie mit dem Todesschweiß unzähliger Jünglinge gespensterhaft verklebt sind wie mit der versteckten Qual ganzer Generationen von Frauen und den schon steigenden Schatten ihrer Schwermut, wer sie erfuhr, ja, wer immer sich heute von der Strömung nicht einfach überfluten ließ, der Frevler, der sich umsah nach der Gomorrha unserer Zeit, mußte der nicht versteinern wie die Frau des Lot?

So kam ein neuer Tag. So dämmerte ein nüchterner und winterlicher Morgen. Wieder ließ mich die Vernunft hart an und verabscheute mein gestriges Verhalten. Zwei Zungen hingen mir ja nicht an, um die zwei Dinge, um die es sich handelte, zugleich zu sagen. So war Lüge, was immer ich sprach.

Ich kann dir die Öde jenes Morgens nicht schildern. Draußen hingen Fahnen übernächtig und durchnäßt von den Dächern herab ob irgendeines Sieges. Da entglitt mir die Treue wieder, die mich doch beseelte, und über das Gefühl für das Nächstliegende gebot ich nicht. Nichts von Vernunft mehr! Nur die fürchterliche Schwüle irrsinnigen Wissens. Es war die Hölle. Ich riß das Fenster auf. Das harte Pflaster der Straße ward da zur einzigen Lockung.

Warum ist es dein Bild gewesen, das mich da umgab und aus dem umdunkelten Zimmer bis hart an meine Knie hinrückte? Ein Ansturm klingender Sphären, ein erhobener Stab, und der beschwingte Schatten deiner Hände über eine bessere Welt. Dies alles umflatterte mich wie Himmelsvögel und entschwand, und es blieb nur der eiserne Vorhang trauernd herabgelassen vor dem Imperium unseres Gedankens und unserer Musik. Aber nur dich allein, dem in der Fülle des Lichts jenseits des eisernen Vorhanges Gebliebenen, ich durfte nur dich und nicht die Menschen, die mit mir leben, zu Vertrauten dessen machen, was ich heute dachte. Es war nicht billig. Ich mußte die eigenen Rückschläge scheuen. Und es ging nicht an, ihnen gegenüber meine Worte immer wieder zurückzunehmen, um dann das Widerrufene neu festzuhalten.

Fünfter Brief

Meine Briefe an dich haben eine lange Unterbrechung erhalten, ich bin inzwischen in Dresden gewesen und habe dort in einem eher spärlich und zumeist mit Damen besetzten Saale einen Vortrag gehalten. Nichts wäre also leichter gewesen, als ihn totzuschweigen. Aber die Journalisten telegraphierten bis nach Istrien, in alle Grenzlande hinein und hinaus zu den Neutralen, was ich gesagt hatte. So wissen es jetzt alle. Kein Wunder, daß ich zufrieden bin.

Dennoch hätte ich nicht gedacht, daß ich eine Genugtuung darin finden würde, von den meisten Zeitungen beschimpft zu werden. Überraschungen, die man sich selber bereitet, sind nie ganz langweilig. Ich hatte mich für bescheidener gehalten.

Aber lasse dir den ganzen Hergang erzählen, bevor ich ihn selbst in allen seinen Zusammenhängen vergesse, _ihretwegen_ lasse sie dir erzählen. Denn ich liebe nichts so sehr an den Dingen, als wenn sie den Charakter der Fügung an sich tragen, der sie ihrer sonstigen Unwichtigkeit enthebt, man kann nicht gleich sagen, wie weit.

Im vorigen Frühjahr, mitten im Frieden, also im goldenen Zeitalter noch, forderte mich die Dresdener Literarische Gesellschaft zu einem Vortrag für den kommenden Winter auf. Gezeichnet Major Nicolai. Eine solche Einladung war mir neu. Aber der Januar 1915 lag ja in so weiter Ferne! Ich sagte also provisorisch zu.

Sehr erfreut war die Antwort. Und welches Thema gedachte ich zu wählen?

Ich nannte Irland, aufs Geratewohl.

Irland war wie eine große, leere Urne, in die man viel hineinlegen konnte, wenn es wirklich dazu kommen sollte. Im übrigen hatte es ja gute Weile.

So kam der Sommer. Es kam der Krieg. Und jene Tage innerster Abkehr und Zerfallenheit, da sich der einzelne einer Abgegrenztheit überwiesen sah, unentrinnbar wie die des Sarges, da er sehen mußte, wie er dem Untergange standhielt und ein imaginärer Halt noch der sicherste schien.

In jenen selben Tagen kam ein Brief, um mich an den vergessenen Vortrag zu erinnern.

Blieb es bei Irland?

Nein.

In Anbetracht der Ereignisse sei ein anderes Thema gewiß vorzuziehen, schrieb der Major Nicolai. Und hatte ich meine Wahl getroffen?

Aber ich hatte keine Ahnung und stellte eine Bedenkfrist, indessen rückte der Major ins Feld. Es war ein anderer Herr, der sich eine Weile später nach meinen Beschlüssen erkundigte. Dieser setzte nach Art der neuen Besen gleich viel geschäftiger ein und bedeutete mir, daß zwar in Anbetracht des Krieges die meisten Vorträge in diesem Winter ausfielen, er aber . . . ich aber . . . _mein_ Vortrag aber . . . und es folgte wieder die ergebenste Frage nach meinem Thema.

Ich hatte mich jetzt besonnen und schrieb zurück, daß es besser wäre, wenn er unterbliebe; denn wenn ich spräche, so könnte ich nur von dem Konflikt derjenigen reden, welche außerstande seien, sich in die Tatsache des gegenwärtigen Krieges zu finden. Sonst hätte ich auf der Welt nichts zu sagen, was von genügendem Interesse wäre.

Jetzt erst kam Tempo in die Unterhandlung.

Wie interessant! schrieb der stellvertretende Herr.

Allerdings müsse er mich darauf aufmerksam machen, daß nicht über Politik geredet werden dürfe. In Dresden schon gar. Überhaupt die Dresdener! . . . Jedoch . . . Jedoch der stellvertretende Herr wollte nicht auf mich verzichten.

Über Politik wollte ich nicht sprechen, jedoch mein Thema eigne sich nicht.

Ihm persönlich sage es außerordentlich zu, versicherte er.

Da wollte ich die Sache noch einmal berufen und verlangte mehr Geld.

In Kriegszeiten! erwiderte er bestürzt . . . Niemand, erhielte da ein höheres Honorar. Wenn ich auf meiner Forderung bestünde, sähe er sich zu seinem größten Bedauern gezwungen -- er hoffe, es würde nicht dazu kommen -- einen Ersatz zu suchen.

Aber da wurde ich nicht ohne Schrecken inne welche Strecke ich mittlerweile gelaufen und wie entschlossen, wie erpicht ich schon war, den Vortrag zu wagen.

Es sei ja nicht des Geldes wegen, schrieb ich postwendend, und vom Moment an, wo keine Zurücksetzung vorläge . . . Kurz, ich nahm, wie man sagt, meine Truppen etwas zurück.

Noch am selben Tage fuhr ich ins Gebirge.

Es verweilte dort die Sonne über einem noch unbeschneiten Berg, dessen braune Hänge etwas von den Reflexen und dem warmen Hauch des Sommers zurückhielten, und das Auge vergaß hier des Winters ganz und gar. Sommerlich lockte da auch die beschienene Bank auf der Höhe, die ich bestieg.

Tief unten, zu meiner Linken, lag jetzt im kalten Schatten das Dorf.

Also in Gottes Namen! dachte ich und zog ein kleines Heft und einen Bleistift hervor.

Allein es war, als hätte ein unsichtbarer Regisseur auf diesen Augenblick gepaßt, um ein Signal zu geben. Denn gleichzeitig und wie auf ein Stichwort hin wurde da unten ein großes Scheunentor aufgestoßen, und wie aus einer Kulisse brach ein Rudel zufriedener Schafe ins Freie hervor, ergoß seine wolligen Massen schnell über die Straße, die Brücke hin, und fing an, den sonnigen Berg zu erklettern.

Auf dieser Sommerstation arbeitete ich nun darauf los, apostrophierte die einsame Landschaft und baute, so gut ich es wußte, langsam und hartnäckig meine Worte auf. In dem altväterischen Gasthaus unten waren zwei ostpreußische Offiziere mit schlecht verheilten Wunden zur Nachkur angekommen. Der eine hatte Jaurès sprechen gehört, der andere hatte selbst Vorträge halten müssen; beide wählte ich eines Abends zu meinem Auditorium und las ihnen den meinen vor; sie fanden ihn unmöglich in allen Punkten und sagten es unverblümt. Es gelang ihnen sogar unverweilt eine Parodie desselben; die Gelegenheit schien einer Sonderbestellung von Kaffee und Kuchen durchaus würdig, es wurde viel gelacht; ich nahm an allem teil, aber in mir war das kalte Dorf. Denn los ließ ich jetzt nimmer, fuhr am nächsten Morgen in die Stadt zurück und machte die ganze Arbeit von vorn.

Die Zeit drängte, die Mühe war verzweifelt; ich ruderte darauf los, war auch schon wieder über die Hälfte Weges gelangt, als der »tote Punkt« sich auftat und das unbemannte Boot an einer Sandbank festfuhr. Meine Kräfte genügten nicht, es wieder flott zu machen. Anfang und Ende lagen wie zwei geborstene Stücke und schlossen sich nicht an, alle Energie war vergebens. Es fehlte das Vermögen. Angestrengt und ausgelöscht zugleich starrte ich vor mich hin, als sich die Türe öffnete und ein von Begriffen schneller Freund, der mir lange kein Lebenszeichen gegeben hatte, unvermutet, wie auf höherem Geheiß, wie der Engel vor Tobias, unvermutet vor mir stand.

Ariel! rief ich aus, nahm nicht Zeit zu wissen, woher er des Weges sei, noch wie es ihm ging, sondern bestürmte ihn alsbald, mir zu helfen. Er war gleich orientiert, es bedurfte nicht vieler Erklärungen: wenn ich nicht zu bewegen war, von der Expedition zu lassen, dann war mir nicht anders zu helfen, als indem man mir half -- und er machte sich im Augenblick daran, zu den paar kräftigen Rucken auszuholen, zu welchen mir der Atem ausgegangen war. Hei! Wie lustig schaukelte jetzt das gelichtete Boot die Wellen weiter.

Und war es im übrigen nicht durch seine Gesinnung verankert?

Schnell fuhr ich jetzt noch einmal in die Berge zurück und überraschte die beiden Ostpreußen durch meine Wiederkehr. Diesmal war auch eine Freundin zugegen. Es wiederholte sich jener Abend, nur daß nicht mehr gelacht wurde.

»Ich bin ja mit jedem ihrer Worte einverstanden,« sagte der ältere Offizier, »aber was glauben Sie, was Ihnen alles an den Kopf fliegen wird, wenn Sie den Leuten das sagen?«

»Sie haben tausendmal recht!« sagte der andere, »aber Sie werden nichts erreichen.

Es ist vergebens.

Es ist zu früh.«

Meine Freundin erbot sich, für den Kontraktbruch aufzukommen, wenn ich nur diesen Vortrag nicht hielt. Außerdem schiene ich krank. Der Arzt würde nicht anstehen, mich für reiseunfähig zu erklären. Und wie schön sei es hier in dem verschneiten gemütlichen Gasthaus. Nein, ich dürfe nicht gehen; -- sie fuhren mich im Schlitten einen Paß empor. Dort sah man in der Tat die Herrlichkeiten der Welt wie von der Zinne eines Tempels; und man war ihr abgewandt, der wahnsinnig grinsenden Todesfratze des Krieges; ferne den genarrten Menschen war man dem Leben nah.

»Sie werden sich selbst nur schaden, ohne zu nützen,« redete mir hier einer der Herren noch einmal zu. »Es ist zu spät.«

Doch wie hätte ich -- auf ihre Zustimmung hin -- ihrer Warnungen achten dürfen? »Tausendmal recht« und »mit jedem Worte einverstanden,« waren dies nicht ihre Worte gewesen? Was blieb da übrig, als daß ich den Berg Tabor wieder herunterging, um dem gelben Winternebel entgegenzufahren, welcher die Stadt mit ihren elektrischen Bahnen und ihren Zeitungsplakaten umhing?

Dort hatte ich jetzt einige Not mit meinen Bekannten: sie taten sich durch eine recht empfindliche Neugierde hervor und machten dabei ihr Interesse für mich geltend, sowie ihre Erfahrungen, oder die Ratschläge, die sie mir geben konnten. Doch wer immer den Vortrag hören wollte, der hörte nur von den zwei ostpreußischen Offizieren und ihrer Begeisterung. Der Eifer meiner Bekannten wuchs; sie meinten es gut, aber ich wußte es besser. Endlich setzten sie über meinen Kopf hinweg eine Generalprobe fest, bei der ich fehlte.

Ariel gegenüber beklagte ich mich über diese neue Art, mir zuzusetzen. Die Warnungen der drei Eingeweihten, welche immer lauter in mir nachklangen, je näher meine Abreise rückte, machten mir den Kopf ohnedies schwer.

»_Einen_ Verschworenen müssen Sie aber noch haben,« meinte er. »Ohne ein paar Vortragsstunden wird es nicht gehen.« Und er führte mich zu einer Schauspielerin.

Sie erwartete uns. Erst gab sie uns Tee in einem Raum von japanischer Leere und forderte mich dann unvermittelt auf, ihn mit Bewußtsein zu durchschreiten. Dabei stellte sich heraus, daß ich eine so einfache, stets so unbedenklich volltane Sache mit einem Male nicht mehr konnte; Arme und Beine waren mir wie mit Brettern angeschnallt und ich trat über die glatten Fliesen wie durch einen Bach. Als es dann ans Lesen ging, unterbrach sie mich zu Anfang sehr oft, schärfte mir auch ein, den Vortrag auswendig zu lernen, denn die Befangenheit spiele dem Neuling gefährliche Streiche; so könnte es sein, daß im kritischen Augenblick ein wilder Tanz unter den Buchstaben tobte und meine Augen machtlos wären, sie zu unterscheiden. Auch korrigierte sie an meiner Sprechweise und meiner Haltung.

Sie war, obwohl noch sehr jung, die erste Schauspielerin der Stadt. Ihr hellenisches Gesicht war von einer seltenen Klarheit, und ihr Haar schloß sich wie ein geflügelter Helm an ihre Schläfen. Langsam schien sich aber, während ich las, dies helle Bild mit Mißmut, ja fast mit Unwillen wie mit einem Gitter zu umziehen und zu entfernen. War es eine zu offenkundige schauspielerische Unbegabtheit oder waren es meine Worte, die sie verstimmten? -- sie ließ mich reden. »Kennen Sie Dresden?« fragte sie, als ich zu Ende war. »Jedenfalls sind Sie doch auf Widerspruch von seiten des Publikums gefaßt?«

»Aber nein!« sagte ich. »Warum denn?«

Da fing ich einen raschen Blick auf, den Ariel ihr zuwarf.

»Ausgezeichnet!« rief sie aus, als sei sie plötzlich im Bilde, und sie behing mich nun mit den wertvollsten Ratschlägen, wie mit Geschmeide: ich sollte mit meiner Kette spielen, während ich sprach, um mir einen Halt zu geben, und vor allen Dingen durch ein selbstbewußtes, sicheres, wenn nicht kommandierendes, wenn nicht gar impertinentes Auftreten jedem Verdacht an mein blutiges Anfängertum vorbeugen. Im übrigen würde ich meine Sache vortrefflich machen. Sie zweifle gar nicht daran.

»Und wenn es losgeht,« sagte Ariel . . .

»Wenn es losgeht,« fiel sie voll Eifer ein, »so treten Sie zwei Schritte vor,« -- und sie nahm mir das Heft aus der Hand, und wie zu einer tausendköpfigen Menge gewendet: »Ich bestehe auf meinem Recht, zu Ende zu reden!« rief sie ihr schneidend und mit stolzer Miene entgegen.

Aber was sollte denn losgehen? Ich verließ sie ganz in Gedanken. »Es war kein Erfolg,« wollte ich zu Ariel sagen. Aber da war er oben geblieben.

Als ich ein paar Tage später noch einmal zur Probe bei ihr erschien, lobte sie meine Fortschritte und war noch einnehmender und liebenswürdiger als zuletzt, und erst auf der Treppe befiel mich wieder der Zweifel: War es nicht auf Ariels Tun zurückzuführen, daß sie mich nicht entmutigte?

Meine Koffer waren gepackt --, ich stand zur Abreise bereit, als eine Alarmdepesche des stellvertretenden Herrn eintraf, mit der Zumutung, ein zweites Manuskript für alle Fälle mitzubringen, weil das Generalkommando mein Thema vielleicht doch beanstanden würde. Jetzt noch zurücktreten? -- Ich dachte nicht daran. Höchstens auf einen zweiten Titel für ein und denselben Vortrag wollte ich mich unterwegs besinnen, kaufte auch schnell ein Heft, um es zwischen München und Dresden mit einer unleserlichen Schrift zu überziehen. Die übrige Zeit lernte ich auswendig, als gelte es mein Leben.

Sechster Brief

Wieder habe ich ausgesetzt. Es fehlte mir der Mut, weiter zu schreiben. -- Während der Erdteil sich mit alten Leuten zu füllen scheint, weil sie die zahlreicheren geworden sind, und die Söhne die vom Tode Erlesenen sind, _ihre_ Herzen es sind, die erkalten, inmitten des Feuers, des Wahnsinns, des Taumels der Völker, gebricht der Mut, so winzige Dinge weiter zu erzählen. Ich glaube, wir sprachen einmal davon, als du noch lebtest.

Aber die Hauptsache ist doch der Posten, so sagtest du, gleichviel welcher, und auch wenn es nur ein unbestallter und selbstgeschaffener wäre, und der Uniformierte sei letzten Endes nur ein sinnfälliges Abbild desjenigen Soldatentums, dem keiner entlaufen darf. So bedarf es denn keiner Entschuldigung, vielmehr _obliegen_ mir diese Briefe, auch wenn sie nur die eines freiwilligen Grenzwächters sind, dessen Dienste unbegehrt, dessen verzweifelte Zeichen stets unverstanden blieben.

So höre denn, wie es weiterging.

Als ich vor dem Hotel Bellevue ausstieg, war es Mitternacht, und von der Fahrt in der überhitzten Kohlenluft und dem Auswendiglernen erschöpft, nahm ich das erste beste Staatszimmer; zu Kriegspreisen. Auch zog noch, trotz der späten Stunde, ein aufrechter Pikkolo mit gedeckten Schüsseln schwungvoll auf, und es waren nur mehr so abgelegene und unbeschwerte Bilder wie die des Marquis von Carabas und des gestiefelten Katers, an welchen ich festhielt.

Nicht so der stellvertretende Herr.

Allzu zeitig hing er schon am Telephon und gab mir seine Besorgnisse kund. Infolge eines neuen Erlasses, daß jeder Vortrag, welcher sich mit dem Kriege befaßte, acht Tage vor dem Termin eingereicht werden müsse, hielt jetzt das Generalkommando mit der Genehmigung zurück.

»O! Das Generalkommando wird gar nichts gegen meinen Vortrag einzuwenden haben,« sagte ich, den Ellenbogen bequem aufgestützt, in das Rohr hinein.

»Aber nein! Aber keinesfalls! Diese Versicherung habe ich auch auf das ausdrücklichste gegeben, und ich habe kräftig vorgebaut,« klang es lebhaft, fast aufgeregt zurück.

Nun, dachte ich, da ist jemand, der ja auf das Zustandekommen meiner Rede zu brennen scheint. Da kann ich mir den Luxus der stets so kleidsamen Gelassenheit erlauben.

»Hallo!«

»Ja?« sagte ich.

»Ah -- ich dachte, wir seien unterbrochen.« Und er fragte, um welche Zeit er die Ehre haben würde, von mir empfangen zu werden.

»Um fünf Uhr.«

Er bat mich mittlerweile, den Saal des Künstlerhauses anzusehen und dort meine Bestimmungen zu treffen. Ein Auto brächte mich in wenigen Minuten hin.

Ich nahm die Elektrische. -- Wie eine Sächsin mitten unter Sachsen fuhr ich dahin, bis mir der Schaffner sagte, hier sei die Albertstraße. Das Künstlerhaus stand hart vor mir. Ob mich ein Herr oder ein Fräulein zum Saal geleitete, weiß ich nicht mehr, meine Wünsche aber, welche der stellvertretende Herr ebenso viele Befehle genannt hatte, sollten sich durchwegs als weise Vorkehrungen ergeben, insbesondere die Aufstellung des Pultes in nächster Nähe der Türe. Sanft, aber bestimmt verordnete ich Seitenlicht, Stehlampe und Halbdunkel. Immer dabei in die Luft sehend, wie die Schauspielerin mir gelehrt hatte; jeder Zoll die routinierte Rednerin. Guten Tag.

Und dann ging ich spazieren. Immerzu. Es regnete. Jedoch ich lief wie eine Uhr. Die Museen und Kirchen waren geschlossen; die Brühlsche Terrasse, umfinstert und naß, lockte nur mich. Feldeinsam, und der Elbe zugewandt, stellte ich mich dort auf und sagte den ganzen Vortrag probeweise noch einmal her, die Stelle über die Journalisten mit besonderer Betonung.

»So können wir gar nicht verstehen,« rief ich mit aufgespanntem Schirme und mit meiner Kette spielend den triefenden Bäumen und den umnebelten Ufern zu, »so können wir gar nicht verstehen, daß die Völker, die doch schon allesamt ihre Revolutionen hatten oder zu haben versuchten, warum sie sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen, warum sie sich die noch nicht verbaten. Wann werden die Vertreter der würdigen Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der Gesellschaft sich ihre Amtsbrüder nennen? Man hat schon Regierungen davon gejagt, aber der Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun und Treiben eines Monarchen verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den >Matin< einzuschreiten, der schlimmer als eine russische Knute Wahrheit, Vernunft und Mäßigung unterdrückt. Aber in jedem Lande,« fuhr ich mit erhobener Stimme fort, »gibt es Erscheinungen, die dem >Matin< nacheifern, ohne ihn zu erreichen; es ist unleugbar, daß die öffentliche Meinung sich der Lüge leichter als der Wahrheit ergibt, und deshalb wäre heute nichts notwendiger auf der Welt, als daß eine Sezession innerhalb der Presse entstünde.«

Der langweilige Tonfall des Regens gab mein einziges Echo ab; das war jetzt. Heute abend würde man nicht umhin können, mir hier zuzurufen. Der großen Mehrheit würde ich mit diesen Worten aus der Seele sprechen. Ärgern konnten sich da nur die paar, die sich getroffen fühlten. Aber was wollten sie machen?

Ich hatte ja recht. Was ich sagte, war ja wahr. Ein bedenkliches Omen war nur dieser Mangel jeglichen Lampenfiebers. Besann ich mich recht? Es galt, die Probe zum ersten Male zu bestehen. Aber selbst, als es schon dunkelte, und auf dem Heimweg noch waren meine Gedanken unbeteiligt.

Indessen harrte schon mein Ritter, der betriebsame und stellvertretende Herr in der Halle des Hotels. Er war klein und schwarz. Das Generalkommando hielt noch immer mit seiner Genehmigung zurück und machte ihm Sorgen. Sie würde schon kommen, beruhigte ich ihn. Es war ein langer Besuch. Die Dresdener kamen nicht mit der ersten Note bei ihm weg, und da ich nicht wußte, ob er ein Sachse sei, nahm ich sie höflich in Schutz. Warum aber gab er sich die Mühe, den Mann der weiten Welt vor mir zu spielen? und daß er Vettern in Paris besaß, wie gleichgültig war das! Zugleich erschrak ich doch, daß so hart vor Torschluß ein so deutliches Gefühl der Langeweile Raum in mir finden konnte. Da flocht er in bedeutsamem Tone ein, daß die gesamte Dresdener und sogar ein Teil der Leipziger Presse meinem Vortrag beiwohnen würde. Jetzt war ich ganz Ohr. Den Abend sollte ich dann als Ehrengast dieser Herren in ihrem Kreise beschließen. Wollte ich das?

Aber ganz gewiß wollte ich das.