Briefe einer Deutsch-Französin
Part 6
Als eines Tages die besonnten Felsen von der im Tale unten einherrauschenden Bahn so friedlich widerhallten, war ich meiner Sache gewiß: die Streitenden hatten sich geeinigt, in der Stadt wußte mans schon und es war alles vorbei. Zurück zu den Menschen! Was tat ich noch fern von ihnen? Und ich rannte den Berg hinab zur Station. Dort hatte der Zug sich gerade in Bewegung gesetzt. Aber ein Blick in die Zeitung genügte, um mich meiner unüberlegten Hoffnung wieder zu berauben, und wie ein verlaufenes Tier, das überall umkehrt, so suchte ich wieder meinen Ausgangspunkt, die verödeten und feierlichen Berge, das vielstimmige Flüßchen auf, an dessen Ufer der kiesige Grund so klar im Wasser schimmerte, wie Glück, wie Menschenglück. Aber laut aufschreiend sah ich Gurkhas an die Kehle eines Weißen gehetzt und feine Franzosenköpfe zerschmettert, und stieß wilde Rufe der Wut, der Schande und des Ekels aus. Und wohl durfte mich auch Ekel vor mir selbst überkommen, denn wie hatte ich dahingelebt? Mit welchen Illusionen denn? Wie der Idiot neben seiner Dorfgemeinde, so hatte ich mit meinen Illusionen neben der Wirklichkeit dahingelebt. Illusionen! Illusionen! Ich dachte an mein Gerede auf der Place de la Concorde. Weil wir so Namenloses erduldeten, hatte ich gesagt, und unsere Geschichte dabei die gutartigste sei, _darum_ stünden wir so hoch.
Bei jeder Schroffheit aber, jeder Härte, jeder Unmenschlichkeit, welche der Krieg nun mit sich brachte, heulte die Welt auf, sowie sie von Deutschen begangen wurde, und verlor kein Wort über die Untaten der anderen. Über das, was in Ostpreußen zum Himmel schrie, war sie ganz still. Was _an_ Deutschen verübt wurde, ahndete sie nicht. Sie waren vogelfrei. Was sie _verübten_, wurde mit flammendem Griffel vermerkt. Nicht aus Haß allein. Ich glaube das nicht. Es war auch ein Schmerzensgeheul der Enttäuschung und der Verwunderung, jenes Volk, das im höchsten Maße -- wenn auch uneingestandenerweise -- das Vertrauen der Menschheit besaß, -- so vornean in allem, was zu ihrer Entsühnung und Erleuchtung führte -- nun auch kopfüber in so vergangene Abgründe stürzen zu sehen, das Volk der Jakobsleiter in die Arena, deren Tore man schon verschüttet glaubte, zurücktreten zu sehen, Teilhaber zu sehen der entsetzlichen Blutschuld. --
Denn wehe! es stand geschrieben, daß Europas künftiger Torwart diese Erfahrung machen würde, ehe es ganz zu sich selber gelangte. Nirgends wird ja die Sturzwelle so reißend zurückschlagen, ein so tiefer Abscheu gegen das Kriegerische einsetzen, als wie in dem geographisch eingepferchten, durch trübe Erfahrungen gewitzigten, allzu gewitzigten Deutschland, das die Gefahren des Besiegten wie die des Schlachtengewinners im Laufe der Jahrhunderte so bis ins letzte erlebte.
Denn der so empörende Gedanke ist es gewesen, daß es wie eine niedrige Beute dem Osten ausgeliefert werden sollte, dieser Plan, diese Parole ist es gewesen, welche die Masse zu einem Kampf elektrisierte, den sie nicht nur als einen Verteidigungskampf, sondern einen Verzweiflungskampf auf sich nahm.
Dies ist die Wahrheit. Für das Volk ist es die _ganze_ Wahrheit gewesen. Mit keinem anderen Glauben als diesem erhob es sich, den Untergang im Auge, wider eine Welt.
Auf diesem Höhepunkt seines Seins aber warfen sich ihm da die inneren Feinde in den Weg und rissen es von seinem Sockel. Mit der Maske des Luzifers traten sie statt seiner vor, Drachenzähne zu säen und es zu verleumden. Und während es -- auf Rettung bedacht -- sein Blut nach allen Himmelsrichtungen verströmt, lassen diese inneren Feinde (die einzig Unabkömmlichen) nicht ab, von Zerschmettern, Enteignen und Vernichten zu reden. In der Not, welche die Männer an der Front zusammenschweißte, hat sich, wie Funken aus einem Feuerstein, ein vielfach unvergleichlich hohes Niveau gerade der »niederen« Leute ergeben. Aber nie hat ein Volk so tragisch im Schatten gekämpft.
Dreizehnter Brief
Ich kann dir nur mehr stoßweise einiges sagen.
Es heißt, daß ich die Dinge viel zu tragisch nehme, und es ist wahr, daß ich dazu neige. Von jeher und instinktiv habe ich mich jenen verpflichtet gefühlt, welche durch Spott, Ulk und Gelächter oder auch nur durch einen leichten Ton die latente Maßlosigkeit in mir korrigierten. Nur hat sich leider Gottes herausgestellt, daß wir im Gegenteil die Dinge viel zu leicht, nicht daß wir sie zu tragisch nahmen. Wer hätte sich über die Presse zu sehr alterieren können? »bringt sie Lügen über Greuel, so werden Greuel daraus«, soll man über diese Tatsache hinweg kommen? über die Gedankenlosigkeit der Menschen, sich keine Gedanken zu machen? ist das die höhere Weisheit, ja? es gibt verschiedene Nationen, aber nur eine Presse[5], schreibt Kraus. Aber in der Presse wie überall gibt es anständige Menschen, habe ich gesagt. Nach einer Sezession der Presse habe ich in Dresden gerufen. War das so töricht? -- Dabei ist sie in Wirklichkeit längst vorhanden. Es gibt in jeder großen Stadt Deutschlands eine Zeitung oder eine Zeitschrift, welche durch all diese trostlosen Monate hindurch Maß, Humanität und Anständigkeit der Gesinnung bewahrte und ihre Büros jeder Art von Niedertracht hartnäckig geschlossen hielt. Die Macht freilich kristallisierte sich um diese Blätter noch nicht zur Genüge.
[Fußnote 5: _Anmerkung_. Wie bezeichnend für ihren Durchschnitt ist das, was Reiche aus der Zeit der Befreiungskriege überliefert hat. »Im ersten Augenblick fand man Napoleons Unternehmen tollkühn und abenteuerlich. Wie er aber dennoch Fortschritte machte und seine Macht mit jedem Tage wuchs, wurden die Stimmen immer kleinlauter und besorglicher, wovon die damaligen französischen Tagesblätter einen deutlichen, dabei komischen Gradmesser abgaben. Sie lauteten:
»Der Unhold ist aus seiner Verbannung entronnen. Er ist von Elba entwischt. --
»Der korsische Wolf ist bei Luz-Juan ans Land gestiegen.
»Der Tiger hat sich zu Gap gezeigt. Truppen sind auf allen Seiten gegen ihn in Bewegung. Er endete damit, als elender Abenteurer in den Gebirgen umherzuirren; entrinnen kann er nicht. --
»Das Ungeheuer ist wirklich, man weiß nicht durch welche Verräterei, nach Grenoble entkommen.
»Der Tyrann hat in Lyon verweilt, Entsetzen lähmte alles bei seinem Anblick.
»Der Usurpator hat es gewagt, sich der Hauptstadt bis auf sechzig Stunden zu nähern.
»Bonaparte nähert sich mit starken Schritten, aber niemals wird er bis Paris gelangen.
»Napoleon wird morgen unter den Mauern von Paris sein.
»Der Kaiser ist in Fontainebleau.]
* * * * *
Vergangenen Sommer wurde hier der »Parsifal« sehr oft, immer bei dichtbesetztem Hause, aufgeführt. Aber mein Gott, wie schien er mir doch von uns abgerückt, die Wellen weit hinabgeflossen, und am Rand des Horizonts verblaut. Als im ersten Akt der tote Schwan regiegemäß auf einer Bahre sänftiglich hereingetragen wurde, und Gurnemans mit gewaltigem Pathos von Parsifals mutwilliger Leistung als von einer ungeheuren Tat zu singen anfing, sah ich mich unwillkürlich um. Aber es lachte niemand. Viel eher schien das Publikum der Rührung nahe und sich des kaputten Vogels zu erbarmen . . . .
»La haine,« schrieb ein Soldat aus dem Schützengraben an Romain Roland, »la haine, ils en ont fait une vertu civique! -- Comme vous le dites, quiconque ne hait pas est suspect . . . Imaginez, monsieur, la torture de vivre dans une telle atmosphère! Devant tant de malheurs sans nom, il devrait n'y avoir plus que des paroles de pitié -- tandis que ce ne sont qu' exhortations à la haine, sanctifiant la vengeance et le meurtre . . . Voilà les paroles qu'on a entendues depuis un an. Et c'est pour cela que les vôtres ont fait tant de bien. Nous ne savons pas haïr, et c'est là notre consolation . . . Puisque vous parlez aux deux pays, dites-leur, monsieur, à ces pauvres Allemands, qui doivent gémir comme nous de tant de maux, qu'il y a des hommes en France, qui n'ont pour eux que de la commisération et que, tout en les combattant, nous les paignons à cause de leurs souffrances pareilles aux nôtres. Nous ne pouvons survivre à tant de tristesse qu'à force d'amour.«
* * * * *
Aber eine süddeutsche Zeitschrift spiegelt ein anderes Frankreich wieder, ein ebenso gedankenloses wortkriegerisches Frankreich und ein ebenso wesenloses wie das Deutschland, das sie erfunden haben.
»Die Völker erwarten reale Garantien, sie erwarten Land, Leute und Besitz. Es ist ein Frevel, schreiben sie, die furchtbare Wahrheit des Krieges mit sanftem Friedensgetön zu verflüchtigen. Unsere Toten sind wirklich tot, unsere Krüppel haben ihre lebendigen Glieder auf dem Schlachtfeld oder im Lazarett gelassen; unsere Witwen und Waisen schreien nach ihrem leibhaftigen Schützer und Ernährer.«
Die süddeutsche Zeitschrift hat gut reden. Es ficht sie nicht an, sie, die weit hinter der Front mit so viel Temperament dem Kriegsgott Blumen streut, es ficht sie nicht an, daß es noch mehr und immer mehr der Krüppel geben soll, die ihre lebendigen Glieder auf dem Schlachtfeld lassen, immer mehr der Witwen und Waisen, die nach ihrem Beschützer schreien. Immer mehr; denn es sind ihrer noch nicht genug. Es sind der Blinden, es sind der Jammergestalten noch nicht genug. Fragt sie, die Soldaten aller Völker, ob ihnen diese Monatshefte nach dem Herzen reden? Fragt sie doch, es kommt ja nur auf eine Rundfrage an; laßt sie doch abstimmen, ob sie Land, Leute und Besitz oder ihre Ruhe ersehnen.
Land, Leute und Besitz in der Tat! Wer da besitzen wird, weiß man nur zu wohl. Wo aber die Leute sein werden, wenn es so weiter geht? und wo das Land, wo die Provinzen, wo der Küstenstrich -- mein Gott! wert unseren Erdteil ihretwegen zu verspielen!
»Ihr Süddeutsche,« sagte mir kürzlich ein Berliner, »seid so debonnair, und bei euch ist der Größenwahn noch Import. Aber wenn ihr ihn hereinlaßt, dann gnad Gott! denn ihr seid dann die weitaus widerwärtigsten von allen.«
Ist dies nicht in viel weiterem Sinne wahr? Der Pangermanismus paßt auf das Volk der Denker wie die Faust aufs Auge. Ein arges Bild! Ist es da nicht folgerichtig, daß von allen gleichwertigen Bestrebungen er es ist, der sich am widerwärtigsten präsentiert? --
Ach! und Süddeutsche gar! ich sah mir neulich Bilder von Spitzweg an. O wie deutsch! Was könnte deutscher sein? und was könnte, weil es so deutsch ist, weniger mit diesem Krieg zu schaffen haben wie dieser Spitzweg, der sich im Mannesalter nach Paris aufmachte, um erst durch den Kontakt, die Verquickung mit französischer Kunst zu jenem echten Spitzweg zu werden, welcher den Schalk, die Wonnen und das versteckte Lachen der Natur beschlich, jenem spitzfindigen Spitzweg, der sich das Spiel der Wolken und die Flöte Pans auf die Palette stahl.
Denn mit deutscher Wesensfülle ist es gar seltsam und kompliziert bestellt. Ohne Pfropfreis und von alleine hat sich noch keiner zu ihr vermocht.
* * * * *
Ich weiß nicht, warum mir vorhin bei dem erschossenen Schwan, über den niemand lachte, der Tiergarten und seine Monumente einfiel, über welche niemand weint. Daß die Berliner sich achselzuckend und mit ein paar Witzen darüber hinwegsetzten, war doch unbedacht. Es hat sich dort meines Wissens kein Komitee gebildet, um zu fordern, daß ein hohes Gitter die Siegesallee mit allem, was sie Tag und Nacht vor aller Welt ausbreitet, umziehe, und ihre Besichtigung keinem Zugereisten gestattet werde. Haben die Alldeutschen sich denn noch nie Gedanken über den Desaster dieser Trophäen gemacht?
* * * * *
Ich bin zu Ende. Der Rest ist Klage. Seelenkonflikte des einzelnen aber, weiß man noch, was das ist? Selbst vor dir würde ich meine Zerrissenheit nicht ausgetragen haben, fiele sie nicht ganz mit dem Elementarsten zusammen: denn Blut ist alles, was in ihm webt, ist nicht des Staubes. Darum wird seine Stimme von keiner Brandung übertönt. Von Staatsangehörigkeit weiß das Unsterbliche nichts. --
Nie hatte ich mich so wenig mit den Franzosen befaßt wie in den letzten Jahren. Mein Umgang mit ihnen war durch ihren Deutschenhaß getrübt, und vollends ihre Zeitungen zu verfolgen besaß ich nicht mehr den Mut. Wozu, dachte ich, sich ewig den Verdruß antun? Alles Vernünftige, hier wie drüben, scheiterte ja doch, wenn nicht böswillig ihrerseits, so doch ganz gewiß plumperdings bei uns. Glücklicherweise, -- so dachte ich auch -- wird ja nichts so heiß gegessen, wie gekocht, und damit betäubte ich meine Angst, und lebte so dahin. Als ich aber im Frühling vor dem Krieg London verließ, fuhr ich nicht über Paris, nicht einmal das, obwohl es mir von seinem linken Ufer aus betrachtet gerade das letzte Mal im höchsten Grade merkwürdig erschien. Die meisten Deutschen sind ja, was die Franzosen anbelangt, von einer Oberflächlichkeit, die sonst gar nicht in ihrem Charakter liegt; dafür wird im gegebenen Fall die Oberflächlichkeit mit entsprechender Gründlichkeit betrieben, und für die meisten Deutschen resümiert sich Paris als eine Art von Monte Carlo in Restaurants, Vergnügungsanstalten und Kokotten. Die »Femme honnête« zum Beispiel, dieser in der Heimat der Jeanne d'Arc so entzückend ausgeprägte und so intelligente Typ, blieb in Deutschland ebenso unbeachtet wie die lautlos fast verzehrende Geistigkeit, der fast puritanische Ernst und Eifer der Jeune École; vor lauter Moulins und Folies übersah man die Sorbonne und spürte nicht die immer schärfer werdende Höhenluft in der Gegend des Panthéons und merkte nicht, daß es mit Paris kein Fertigwerden gibt, denn es ist unerschöpflich, und für jede Morschheit, die ihm widerfährt, hält es sich durch neue Triebe, blütenbeladene neue Äste schadlos. Aber so teuer die silberne und immergrüne Stadt mir blieb, so hatte ich dennoch angefangen, sie zu meiden, denn vorwiegend war ich deutsch, und es erbitterte mich, sogar die Schulbücher mit Verleumdungen angefüllt zu finden, und daß man sogar die Kinder in Haß und Lüge unterwies. Und ich wurde den Grimm nicht los, den Geist und die Sprache meines Vaterlandes stetig zurückgedrängt und an Boden verlieren zu sehen. Denn für den deutschen _Himmel_, ja für _ihn_ ambitionierte ich die ganze Erde: die ganze Erde sollte er decken, denn wessen Auge über ihn hinschweifte, wie möchte der ohne ihn leben? Die Welt schien mir beraubt, wo sie nichts von ihm wußte, und gemein, wo sie seiner entriet.
Aber dann kam dieser Krieg, und inmitten des Hasses, der ringsum wie eine kalte Sintflut stieg, und der Wälle, mit denen sich plötzlich die Menschen gegen ihr früheres Denken, Fühlen und Erinnern verschanzten, stürzten mir alle Schranken zusammen. Welchen Halt konnte da gewesene Kritik oder Verdrossenheit noch bieten? Wie Strohhalme war das alles von einem Strom der Liebe, der Zugehörigkeit, des Eingedenkens überrauscht. Die Franzosen waren jetzt nicht minder meine Brüder als die Deutschen, denn sie waren mir nicht minder anverwandt, daß ich sie widereinander heilig hielt, war meine Not, aber meine Heimat lag jetzt _zwischen_ ihnen! Mochte man in Polen immerzu vordringen und als Sühne für Ostpreußen von Rußland an sich reißen so viel man wollte; gerne![6] Aber je tiefer nach Frankreich hinein der Boden von den Schritten der als Feinde vordringenden Deutschen erdröhnte, je fremder, je verbannter fing ich an mich unter ihnen zu fühlen. Und wer vor mir die Franzosen schmähte, dem fuhr ich ins Gesicht, eh ich es wußte; so ganz entglitt ich mir! Wie der Zündstoff, der an die Flamme gerät. Nicht _er_ ist in Frage. Oder wer geböte dem Sturm? daß nicht _ich_ es war, gab die Berechtigung. Der Anprall wars, mit nichten, daß er mich zermalmte. Gesetzt ein Krieg zwischen Christen und Juden wäre entbrannt, und ich eine halbe Jüdin, so würde ich ohne weiteres als eine solche gelten -- und es würde niemand von mir verlangen, daß ich mich für eine Vernichtung der Israeliten begeistere. Was aber einer halben Jüdin recht wäre, ist einer halben Französin -- so dächte ich -- zum mindesten billig. So dächte ich. Daher der Titel dieses Buches. Mein Blut hat die Fanfare nur zu wohl vernommen. Ich preise die andern glücklich, aber ich beneide sie nicht; sie dürfen unterscheiden zwischen Freund und Feind; ich aber darf nicht betäuben und nicht abirren von einer Qual, die vor Gott selbst ein solcher Jammer ist.
[Fußnote 6: Es ist ja so groß!]
Wenn auch kein einziger mir seine Zustimmung gäbe, es beirrte mich nicht; so stark ist der Ruf. Und dann ist ja der heutige Tag nicht so geartet, daß ich ihn zum Richter über mich erhebe. Falls diese Briefe mich überleben, wird man sie nicht wegen ihres Titels verhöhnen. Nur indem ich heute in Deutschland auch die französische Fahne hochhielt, gab ich außerdem die Gewähr, wie unverbrüchlich treu ich heute in Frankreich zu der deutschen stünde.
Denn an zwei Fahnen hat dieser entsetzliche Krieg mich vereidet. Zwei Fahnen, schwesterlich umflort, halten meine Hände umklammert. Ich wärs zufrieden, trüge man sie beide -- wo immer ich sterben mag -- meinem Sarge voran; auch die Tricolore! so heißgeliebt! --
Und du mein Deutschtum! Angebetetes! Und wolkenumhüllt -- als hätte es die Gottheit unseren eigenen Blicken entrückt, unversöhnt, wie einst, da sich der Tag der Griechen nicht erfüllte, eh nicht Orest und mit ihm Pylades, der Gleichwertige, und gleich Gefährdete -- eines des andern Retter -- an die finsteren Ufer hinverschlagen -- gemeinsam die Schwelle des Tempels überschritten, in welchem die freudelose Iphigenie das Bild der einheimischen Göttin in der Verbannung hegte.
Nicht eher, nicht anders wird sich der Tag erfüllen.
Anhang
Die Internationale Rundschau und der Krieg. Ein unpolitischer Vortrag gesprochen zu Dresden am 15. Januar 1915.
Am 18. Dezember vorigen Jahres traten in München unter dem Vorsitz Ludo Hartmanns eine Anzahl Wiener Professoren zusammen mit ihren Münchener Kollegen, Rechtsanwälten und Vertretern der Presse. Die Einladung zu dieser Sitzung bestand in einem Aufruf folgenden Inhalts:
»Neben dem Weltkriege mit eisernen Waffen wird ein zweiter Feldzug mit vergifteten Waffen geführt, ein Verleumdungsfeldzug, in dem jedem Volke die unglaublichsten Schändlichkeiten, Hinterhältlichkeiten und Gemeinheiten vorgeworfen werden, und dieser zweite Feldzug, den giftige Federn vom sichern Schreibtisch aus führen, ist fast noch gefährlicher als der andere. Das Ziel des Krieges ist der Friede -- das Ziel dieses zweiten Feldzuges jedoch ist der unauslöschliche Haß, der auch nach formellem Frieden jede Versöhnung ausschließt.
Darf die menschliche Ehre ein Angriffsobjekt im Kriege sein, dürfen Schauermärchen hüben und drüben die Bestie im Menschen erwecken, so daß der Glaube an die Menschheit versinkt? Diese ganze Verleumdungsaktion hat geringen unmittelbaren Einfluß auf Sieg oder Niederlage; auf die eigentlichen Kämpfer wirkt sie nur insofern, als sie zu unnötigen Grausamkeiten den Vorwand der Vergeltung bietet; sie ist auch kaum auf die Kämpfenden, weit mehr auf die Zuschauer berechnet, und Zuschauer ist hier nicht nur die zivilisierte, sondern auch die unzivilisierte Menschheit.
Bisher war der beste Schutzwall der weißen Rasse deren sittliche Überlegenheit; die Verleumdung zerstört diesen Nimbus, und rascher als durch kriegerische Selbstzerfleischung sinkt Europa von seiner Höhe herab, wenn die übrige Welt hört und glaubt, welcher Schandtaten Europäer fähig sind.
Kulturnationen! Es ist eine Pflicht gegen uns selbst, diesem selbstmörderischen Treiben ein Ende zu machen und ehrlich zu prüfen, was Lüge, was Wahrheit ist. Sollten sich unter den neutralen, sowie unter den kämpfenden Völkern nicht genug Männer finden, die so hoch über den Sumpf hinausragen, daß sie den Verleumdern, gleichgültig ob Freund oder Feind, die Wahrheit entgegenzuhalten wagen? Es wäre betrübend, wenn sie nicht vorhanden wären oder sich feige verkröchen. An diese Männer ergeht die Aufforderung, auf streng neutralem Boden sich zu finden und durch ein absolut unabhängiges, objektives Organ den Glauben an die Menschheit wieder aufzurichten.
Indem wir der Wahrheit dienen, wollen wir durch Versöhnlichkeit den Frieden vorbereiten, gleichgültig, wann und unter welchen Voraussetzungen er kommen wird -- und wir wollen verhindern, daß überflüssigerweise jene Fäden zerrissen werden, welche die kultivierte Menschheit zusammenhalten.
Also wollen wir helfen, einen Frieden vorzubereiten, der den Haß beseitigt und eine Versöhnung anbahnt, damit das Ziel des großen Krieges der große Friede sei.
Ein literarisches Organ dieser Art darf nur auf neutralem Boden geschaffen und von Personen geleitet werden, deren Neutralität über jeden Zweifel erhaben dasteht. Deshalb soll es in der Schweiz entstehen und einen französischen und einen deutschen Schweizer zu Herausgebern haben. Diese Männer werden die Sicherheit bieten gegen die naheliegende Gefahr, es könnte die Zeitschrift aus ihrem objektiven und versöhnlich gedachten Geleise herausgedrängt und unter dem Vorwand der Neutralität einseitigen Zwecken dienstbar gemacht werden.
In dieser Zeitschrift sollen die uns alle bewegenden Probleme des Weltbrandes in der Weise behandelt werden, daß zu den aufgeworfenen Fragen, neben hervorragenden, objektiv denkenden Neutralen gleichmäßig bedeutende Vertreter der kriegführenden Teile das Wort erhalten, die in knapper Form die Ansicht ihrer Volksgenossen frei von Übertreibung und Gehässigkeit zum Ausdruck bringen.
So hoffen wir in ehrlicher Kulturabsicht und mit allen Kautelen gegen Mißbrauch ein Organ zu schaffen, welches der Wahrheit und der Menschlichkeit dienen und neben den schrecklichen Seiten des Krieges auch eine allen guten und edlen Menschen erfreuliche Frucht zeitigen soll.«
Für solche Dinge, werden Sie sagen, ist es entweder zu spät oder zu früh. Dies sagten sich auch diejenigen, welche nach reiflicher Überlegung sich dennoch zu dem Unternehmen bekannten. Vielleicht interessiert es Sie zu hören, wie es entstand.
Professor Brockhausen in Wien schilderte in jener Sitzung, wie ihm die fortgesetzten Zeitungsberichte von den Greueltaten der serbischen Soldaten keine Ruhe ließen. Es ist ja sicherlich beschämend genug für den Gebildeten, was ihm heute, in einem Zeitalter, das wir für ein zivilisiertes hielten, noch zugemutet wird, was er lesen, was er aussprechen, womit er sich noch befassen soll.
Nun also! In Österreich hieß es allgemein, die serbischen Soldaten besäßen eine wahre Vorliebe, den österreichischen Verwundeten die Augen auszustechen. Der Professor wohnte in nächster Nähe eines Lazaretts, wo neuerdings solche beklagenswerte Opfer in Pflege lagen, und er erachtete es als seine Pflicht, sich davon zu überzeugen. Fürs erste aber überraschte er seine Frau durch ein Gesuch um fünfzig Kronen. Sie meinte, er brauchte sie doch nur selber zu nehmen. Aber er bestand auf seiner Bitte und begab sich dann mit der Summe ins Lazarett. Dort äußerte er den Wunsch, zu einem von Serben in besagter Weise zugerichteten Österreicher geführt zu werden, weil er ihm fünfzig Kronen zu überbringen habe. Es läßt sich denken, daß man ihm sogleich willfahrte, mit dem Bemerken allerdings, daß der Betreffende zwar das Augenlicht verloren habe, jedoch durch einen Schuß.
Der Professor ging daraufhin keinen Schritt weiter und berief sich auf sein Mandat, das ganz ausdrücklich nur einem Verwundeten galt, der von serbischen Soldaten verstümmelt worden sei. Da gäbe es ja leider Gottes Lazarette genug, wurde ihm versichert, wo er solche Opfer serbischer Grausamkeiten antreffen könnte. Er machte sich nun anheischig, von einem zum andern zu wandern; überall führte er sich auf dieselbe Weise ein, ziemlich überall fanden sich Soldaten mit schweren oder unheilbaren Augenverletzungen, aber an keinen dieser Unglücklichen brachte er seine Gabe an, denn immer waren Kopfschüsse die Ursache der Erblindung gewesen.