Briefe, die ihn nicht erreichten

Part 9

Chapter 93,552 wordsPublic domain

Harmonie und Ruhe strahlten von ihm aus.

Er lebt in seiner besonderen Welt, und ich merkte bald, daß er sich gegen alles, was ihn daraus reißen könnte, ablehnend verhält, als fürchte er sich zu zersplittern und mit einer großen Aufgabe nicht mehr fertig zu werden. Er sprach gleich von seinem Lebenswerk »Florenz in der Renaissancezeit«, an dem er arbeitete, als ich vor Jahren in die Fremde gezogen bin und das jetzt in herrlichen illustrierten Lieferungen erscheint. Er zeigte mir die neuesten Blätter. – Wie klein und zwecklos erscheinen doch die meisten Existenzen, mit ihren hastigen, wechselnden, folgelosen Bestrebungen, neben solch einem Leben, durch das sich ein einziges großes Interesse bestimmend hindurchzieht!

Ich traf beim Onkel noch einen anderen Gast. Ein kleines, buckliges, engbrüstiges Männchen, mit gescheitem, scharf geformtem Kopf, durchdringenden Augen, und bitterem Lächeln um die feinen schmalen Lippen. Ein alter Bekannter von früher ist mir Hanz-Buckau. In einem hohen, altersgrauen Gebäude an der Spree, verwaltet er seit Jahren eine Bibliothek; und in den Mußestunden, die ihm diese Arbeit und häufiges Kranksein lassen, übersetzt er klassische italienische Dichtungen, verfaßt selbst formvollendete Sonette satirischen Inhalts und versammelt abends eine auserwählte Gesellschaft um sich. Hanz-Buckau ist einer der wenigen Menschen in Berlin, die einen Salon gebildet haben. Die Leute, die zu ihm kommen, erscheinen in seinen vier Wänden viel gescheiter, als bei sich zu Hause. Es ist, als locke er den versteckten Geist aus den verschiedensten Menschen heraus. Vielleicht auch leiht er ihnen von dem eigenen. Eine grenzenlose Bewunderung hat Hanz-Buckau für schöne Frauen, und sie müssen wohl fühlen, welchen Altar dieses arme, verwachsene Männchen ihnen in seinem Herzen errichtet, denn ich kenne keine, die ihm nicht gut gewesen wäre. Der arme Hanz-Buckau, der alle Schönheit so intensiv empfindet und darum unter dem eigenen mißgestalteten Äußern so besonders schwer leidet, der führt auch in seiner Art einen beständigen Kampf zwischen Geist und Körper. Er erinnert mich stets an Leopardi, an jenen großen Italiener, der ewig ungestillte Sehnsucht im Herzen trug, der um die Vergangenheit trauerte und nie eine Gegenwart besessen hatte. Hanz-Buckau ist solch eine Leopardi-Natur, mit einem starken Zusatz echt Berliner Schärfe. Für den Onkel hegt er eine rührende Freundschaft und hat seine Eigenart des vornehm Maßvollen richtig erkannt. »Professor Lichte Höh« ist der neckende Spitzname, den er ihm gegeben. Durch seine Abwehr gegen alles Exzessive und sein inneres Gleichgewicht ist der Onkel dem leidenschaftlichen Hanz-Buckau wahrscheinlich wohltuend. Dieser betrachtet alles sehr kritisch, läßt wenig gelten und spottet gern über die Herdennatur der Menschen, über die Leichtigkeit, mit der sie sich Götzen aufnötigen lassen, die sich stets als blecherne erweisen. Auch heute redete er viel davon. Er hat sich noch nicht mit der Welt abgefunden, und es entrüstet ihn die falsche Bewertung, die er überall sieht.

»Gegen physische Faulheit wird genug geeifert und gepredigt«, sagte er, »aber geistige Trägheit wird eher unterstützt. Die eine Hälfte der Menschheit soll überhaupt prinzipiell darin verharren und von der anderen Hälfte so viele als irgend möglich. Durch diese künstliche Beförderung der Unselbständigkeit sind all die vielen falschen Größen möglich.«

Und später sagte er: »Wir sogenanntes Volk der Denker tun eigentlich nichts weniger gern, als nachdenken, besonders nicht über Dinge, die uns doch praktisch angehen. Drum ist man im Ausland auch immer ganz verwundert, wenn sich in Deutschland mal die öffentliche Meinung wirklich äußert. Gewöhnlich schläft sie, im Bewußtsein, daß Minister, Geheimräte, Professoren, die alle etwas vom Gottesgnadentum an sich haben, für sie wachen. Wir verlassen uns darauf, im gegebenen Moment immer die nötigen großen Männer zu haben, als hätten wir sie ein für allemal gepachtet, und wollen nicht sehen, daß wir in dieser Ware doch oft recht übervorteilt werden. Wir sind unverbesserliche Heroenanbeter und nehmen fürlieb. Sind die Zeiten schlecht, so werden die Helden kleiner, ganz wie die Brötchen während der Teuerungen.«

Der Onkel antwortete: »Was Ihnen, lieber Hanz-Buckau, als charakteristisch erscheint für Land und Epoche, in denen Sie zufällig geboren sind, hat in Wirklichkeit immer und überall bestanden, denn alle Zeiten sind stets davon überzeugt gewesen, an großen Männern reich zu sein. Durch das spätere Urteil der Geschichte entsteht aber oftmals gerade dort eine Öde, wo die Zeitgenossen ein Gewühl sahen. In unmittelbarer Nähe sieht alles groß aus, aber wenn die Erscheinungen erst in eine gewisse Entfernung rücken, die Vergleiche und die Anlegung eines allgemeinen Maßstabes gestattet, ergibt sich die wahre, dauernde Bedeutung der Dinge. Die echten Riesen, auf die es allein ankommt, kommen schließlich immer zum Durchbruch, und Werte ganz zu fälschen, ist nur auf kurze Zeiten möglich – drum lasset den Eintagsgötzen die Eintagsanbeter.«

»Ihr Onkel,« wandte sich Hanz-Buckau an mich, »hat zeitliche Begriffe bereits überwunden. Für ihn sind Luther, Friedrich der Große, Goethe und Bismarck gegenwärtige Realitäten, Manifestationen ein und desselben großen germanischen Geistes, die zusammen bestehen. Geringeres übersieht er. Der Ärger von uns Kleinen über die zeitweilige falsche Größe anderer ebenso Kleiner ist ihm ganz gleichgültig. Nur auf die Genies kommt es dem Onkel an. – Ich will Ihnen ganz leise ein Geheimnis verraten: der Onkel ist eigentlich, ohne es selbst zu wissen, einer von den ganz schrecklich Modernen!«

Hanz-Buckau hatte das mit der sich selbst verspottenden Zärtlichkeit gesagt, die immer durch seine Stimme klingt, wenn er vom Onkel spricht. Es ist, als solle man nicht wissen, wie lieb er ihn hat.

Es war spät geworden und also sprechend hatten mich die beiden bis auf den Treppenabsatz begleitet vor des Onkels Wohnungstür. Eine schmale Treppe führt von da noch hinauf zum Boden, und von hoch oben fiel ein goldener Nachmittags-Sonnenstrahl gerade auf den Onkel, der die Hand auf das Geländer gestützt hatte, die durchsichtige, feine Hand, die emsig die Feder geführt hat ein Lebenlang. Ich hatte mich schon verabschiedet, aber tausend feinste Erinnerungsfäden zogen mich zu ihm hin und ich kehrte noch einmal zurück und beugte mich über die lieben Greisenhände. Eine Träne fiel auf sie – – der Onkel ist einer der allerletzten aus meiner Kinderzeit.

»Mein gutes Kind,« sagte der Onkel, und in seiner Stimme lag das ganze Mitleid derer, die schon über dem Leben stehen, für diejenigen, die sich noch mitten drin befinden. Vielleicht ahnte der Onkel, wie unsäglich verlassen ich mir in dem Augenblick vorkam, denn es klang auch wie eine Ermahnung in den Worten, ruhig zu sein, alles Exzessive zu bezwingen und wo es nicht vermieden werden kann, es doch still im Innern zu verbergen. Wie eine klassische Gestalt von olympischer Ruhe erschien mir der Onkel, wie ein alter Maharattah-Häuptling, der mir einst in Indien seinen golddurchwirkten Shawl zeigte und mir sagte: »Der schützt vor Sonne und Kälte, vor Wind und Staub, und sein führnehmster Dienst wird einstmals sein, mich im Sterben zu umhüllen, und so meine letzte Todesnot zu verbergen.« Der Onkel besitzt sicher solchen golddurchwirkten Maharattah-Shawl. Man sieht von ihm nur, was man sehen soll – und das ist alles harmonisch verklärt, »lichte Höh«, wie Hanz-Buckau sagt.

Und ich bezwang die Tränen, die mir schon brennend in den Augen standen, deutete auf die Treppe, die die drei Stockwerke hinab in zunehmende Dunkelheit führte und sagte: »Leb wohl, Onkel, jetzt steig ich wie Rautendelein hinunter in den finsteren Schicksalsbrunnen.«

Hanz-Buckau antwortete: »Ja, in den müssen wir schließlich alle mal hinab, und das Leben ist ein beständiges Abschiednehmen.«

Langsam schritt ich die vielen Stufen hinunter. Noch einmal schaute ich hinauf. Nebeneinander standen die Beiden oben, von der Sonne beschienen – der weißhaarige Mann, der in der Einsamkeit des Alters milde lächelte, und der arme Verwachsene, dem äußerliches Gebrechen, Entsagung heischend, Schicksal geworden ist. Sie beugten sich über das Geländer und winkten mir nach.

31.

_Berlin_, Mai 1900.

Lieber Freund!

Im Bädeker von Italien und der Schweiz gibt es Hotelnamen, neben denen in Klammern steht »wird viel von Deutschen besucht.« Der erfahrene Reisende vermeidet solche Hotels. Von dem Buckingham, in dem wir hier wohnen, könnte man sagen, »wird von Diplomaten, Fürstlichkeiten und Amerikanern besucht.«

Das Hotel ist hier le dernier cri des Eleganten und gleichzeitig Bequemen; nur ein paar kleine deutsche Unbequemlichkeiten sind bei der Einrichtung noch mit untergelaufen; es fehlt an großen Kleiderschränken, dafür hat man in den Wohnzimmern wacklige Louis XVI. Etageren, auf denen zerbrechliche Nippes stehen. Das soll wahrscheinlich gemütlich aussehen. Aber im ganzen will es alles möglichst amerikanisch sein.

»Sie spielen hier ja Waldorf-Astoria,« sagte ich zum Direktor Specht, als wir ankamen. Der faßte das als höchstes Kompliment auf, murmelte etwas von »Pionier der Kultur in Berlin« und ist seitdem voll herablassender Aufmerksamkeiten gegen mich, beinah als wäre ich ein Botschafter. Denn nichts auf der Welt geht Herrn Direktor Specht über einen Botschafter: aber auch für Diplomaten weniger erhabenen Ranges ist in seinem Herzen ein warmes Plätzchen; sie erscheinen ihm als Träger vieler Möglichkeiten, mit denen man sich rechtzeitig gut stellen muß. Im ersten Speisesaal, dem der Privilegierten, sind mehrere Tische reserviert, an denen immer Diplomaten sitzen. Wenn Herr Direktor Specht diese Herren an ihre Plätze geleitet, hat er etwas so Feierliches und so einen Frieden auf Erden-Ausdruck, als vollzöge er eine heilige Handlung. Neulich stürzte er einem unserer zukunftsreichsten jungen Diplomaten schmunzelnd und händereibend in der Halle entgegen. »Herr Graf, ich gratuliere zu der Ernennung nach X.« »Was, lieber Specht,« antwortet der andere und klopft ihn auf die Schulter, »das wissen Sie schon? ist ja eben erst raus.« Und Specht verschämt und wonneglänzend: »Herr Graf werden verstehen – habe doch auch so meine Attachen – man gehört allmählich ja selbst so'n bißchen zur Diplomatie.«

Aber auch sonst weiß Specht die schicklichen Rücksichten zu nehmen. So hat er neulich, wegen einer kurzen Hoftrauer, die übliche Tafelmusik acht Tage lang ausfallen lassen. Eine reisende Millionärin aus Denver, Mrs. Bluffer, gab während dieser Zeit ein Diner im Buckingham. Ich hörte die Dame den feierlich aussehenden Oberkellner erregt fragen, als schmälere man ihr ein mit guten Dollars erworbenes Recht: »Kellner, warum spielt die Bande nicht?«

»Es ist wegen der Hoftrauer, Madame. In diesem Hotel wohnen so viel Prinzen und hohe Herrschaften, daß wir natürlich deren Gefühle schonen müssen.«

Diese Antwort machte auf Miß Bluffer einen tiefen Eindruck und sie sprach zur Mutter: »Oh, mamma darling, ist das nicht herrlich? es ist doch fast ganz so als ob wir bei Hofe wären!«

Mein Bruder ist gestern von seiner Reise aus der Kohlen- und Eisengegend zurückgekehrt. Als wir abends zusammen zum Essen in das Restaurant heruntergingen, sahen wir, daß es auffallend voll war. »Was ist denn los?« fragte mein Bruder, und Specht antwortete: »Das sind all die letzten diplomatischen Revirements, die jetzt bei mir durchkommen. Die Herrschaften werden übrigens einen Bekannten finden; Mr. Stone Stonehead aus Peking ist da, hat die Rückreise durch Sibirien gemacht, geht jetzt nach Rio – fürchte – schlechtes Avancement.«

Und Specht zuckte die Achseln über die wechselnden Chancen, die es auf der großen diplomatischen Wippe gibt.

Und richtig, da saß er, der große Stone Stonehead; selbstzufrieden und pomphaft wie immer, gar nicht, als habe er Strapazen durchgemacht, im Gegenteil, eine lebende Reklame für die transsibirische Bahn, so wohlgenährt und dick. Er saß zwischen einem Mediatisierten und einem eben ernannten Botschafter, muß also, wie ich ihn kenne, glücklich gewesen sein.

Mir fiel ein, wie ich ihn zuletzt gesehen habe. Im Seebad in Pei-ta-ho. Er trug dort beim Baden ein weites rosarotes Flanellkostüm: das blähte sich im Wasser auf, so daß er darin wie eine rosige Riesenqualle aussah. Eine Familie mit mehreren schlanken Töchterchen pflegte stets zur gleichen Zeit wie er zu baden, und die schmächtigen, geschmeidigen Mißchen, in schwarzen Badekostümen, umschwammen und umspielten ihn. Wie eine Schar Kaulquäbblein sich drängt, wenn man ihnen ein großes Stück rosa Fleisch zuwirft. Aber keine von ihnen hat den dicken Stone Stonehead erwischt.

Nachdem der Mediatisierte und der Botschafter gegangen waren, setzte er sich, gönnerhaft wie immer, zu uns. Er erzählte von seiner Reise und erwähnte auch, daß er an einem Orte, dessen Name schrecklich weit fort und unbekannt klang, Leute getroffen habe, die von noch viel weiter weg kamen, und Sie dort irgendwo gesehen hatten – in solch einer Gegend, von der Geographen so tun, als kennten sie sie, über die sie allerhand Behauptungen aufzustellen lieben, da, für gewöhnlich, niemand da ist, der widersprechen könnte.

Solch ein paar dürftige Worte Nachricht: Jemand hat jemand getroffen, der Sie gesehen hat – und davon muß man nun wieder lange zehren! – Wie die Ritterfrauen in den Burgen, denen ein vorüberziehender Sänger viele Monate alte Kunde von den fernen Kreuzfahrern brachte!

Natürlich fragten wir Stone Stonehead, was er von den beunruhigenden Nachrichten hielte, die Hofer aus China gebracht, und die in den letzten Tagen mehrmals in Zeitungen aufgetaucht sind. Er antwortete, die Missionare seien verwöhnt durch allzu viel Schutz, wollten sich wichtig machen und den Diplomaten ins Handwerk pfuschen.

»Ich glaube Missionaren nie,« sagte er, »außer wenn sie die Bibel vorlesen. Die übrigen Nachrichten sind sicher von den Russen lanziert, die lauern nur auf einen Vorwand, die Mandschurei zu kapern – bin nicht umsonst jetzt gerade dort überall herumgereist. – Aufregung? Aufstände? – ist ja alles künstlich gemacht – hoffe nur, man behält bei uns den Kopf kühl und läßt sich nicht in ein Abenteuer hineindrängen.«

Hoffentlich hat der große Stone Stonehead recht? Ich wünsche es ja so sehr.

Hier denkt niemand an Gefahr.

32.

_Cherbourg_, Mai 1900.

An Bord des »Kaiser Wilhelm der Große.«

Dies Briefchen ist der letzte Gruß, den ich von Europa aus an Sie richten kann, denn in wenigen Minuten fahren wir von hier weiter, hinaus auf den Atlantischen Ozean. Dies sind die letzten Zeilen, die den alten Weg durch Europa und das Rote Meer, über Colombo und Singapore zu Ihnen einschlagen werden. Dies kleine Blatt wird durch Länder und Meere reisen, die ich alle kenne, und ich wünschte, es könnte Meeresbläue und Palmenrauschen und einen Hauch von allem Schönen, das ich je in der weiten Welt gesehen, zu Ihnen bringen und Ihnen ganz leise sagen, daß ich es bin, die Ihnen das alles sendet.

Mein nächster Brief wird in New York auf die Post gegeben werden; und über Kanada, den Stillen Ozean und Japan wird er zu Ihnen reisen – von Osten, von Westen, von allen Seiten, die Erde umschließend, ziehen die Gedanken zu Ihnen, lieber Freund!

33.

An Bord des »Kaiser Wilhelm der Große.«

Mai 1900.

Nun sind wir schon weit draußen auf dem Atlantischen Ozean. Während der ersten Stunden, so lang wir uns dem Lande noch nahe befanden, war die See etwas bewegt, aber je weiter wir fahren, desto stiller wird sie. Ganz glatt liegt sie jetzt vor uns – eine blaßblaue Fläche – gerade in ihrer Ruhe so unendlich erscheinend und – so fremd. Denn wir Menschen führen seit Generationen ein so unnatürlich hastendes Leben, daß uns Unrast und Bewegung stets natürlich und begreiflich scheinen – die absolute Stille aber beängstigt uns – wir verstehen sie nicht mehr. Unser Riesenschiff gleitet durch die blauen Fluten, aber wir merken seine rasende Geschwindigkeit kaum, denn das Meer scheint in seiner völligen Glätte gar keinen Widerstand zu leisten. Blauer Himmel, blaues Wasser zittern und flimmern ineinander über – es ist, als würden wir für alle Ewigkeit so weiter gleiten, so weiter schweben – ein dunkles Pünktchen in all der Bläue! Eine seltsame traumhafte Empfindung – als trügen mich regungslos ausgebreitete Schwingen durch die Weite.

Und in der großen blauen Stille gedenk ich einer alten Sage vom Meer.

In ganz alten Zeiten, über die es keine Bücher gibt, von denen nur noch die Bewohner entfernter Küsten vom Hörensagen allerhand Geschichten kennen, war das Meer immer so still und blau wie heut, ein glatter Spiegel, drin Sonne, Mond und Sterne sich besahen und schön fanden. Niemand hatte damals je einen Sturm auf der See gesehen, man wußte noch nicht, was das sei. – Auf dem Festland lebten schon damals viele Menschen und je mehr ihrer wurden, desto größer wurden auch Schmerz, Jammer und Elend aller Art. In ihrem Kampf und Leiden schauten sie oft sehnsuchtsvoll hinaus auf die ewig gleiche stille See. Und endlich wurde ihr Unglück so groß und ihr Wunsch nach Erlösung so heftig, daß sie riefen: »Wir können es nicht länger dulden, wir wollen hinausfahren über das glatte, blaue Meer, dort werden wir wieder froh werden.« Da bauten sie ein großes Schiff und nannten es »Meeresfreude«. Damit fuhren sie hinaus auf die klare blaue See. Aber die »Meeresfreude« war eine »Erdenleide«. Mit den Menschen waren Schmerz, Jammer, Elend und Unfriede auf das Schiff gestiegen. Es ward davon so schwer, daß sogar das starke Meer es nicht tragen konnte und als es ein Stück weit hinausgefahren war, versank das Schiff, und die blauen Fluten schlossen sich über all dem Erdenleiden. – Aber tief unten auf dem Meeresgrunde begann es nun zu wühlen und die Menschen, die auf dem Festland geblieben, sahen staunend, daß das ewig gleiche Meer sich veränderte. Es ward unruhig, sein tiefes Blau verwandelte sich in trübes Grau, auf nachtschwarzem Abgrund schoß weißer Gischt dahin, es hob sich in riesigen Wellen, die donnernd gegen das Ufer schlugen, es kämpfte, es zürnte, es raste – es war wie die friedlosen Menschen selbst geworden – und sie verstanden es, denn sie erkannten in ihm all ihre eigenen Leidenschaften.

Seitdem hat es immer Stürme auf dem Meere gegeben, und immer wieder kämpft das Meer mit all dem fremden Leid auf seinem Grunde, kämpft, um die alte verlorene Ruhe zurückzugewinnen. Aber die kehrt nie wieder. Auch an stillen klaren Tagen wie heute steigt ein banges Seufzen aus der blauen Tiefe.

P. S. _New York_.

Die ganze Überfahrt ist so glatt und still geblieben – wie eine wohltuende Pause im Leben, eine sechs Tage lange Parenthese! Wie Musik schläferte das Rauschen der langen, trägen Wogen manch alten Schmerz ein. – Musik und weite Reisen sind so recht, was wir arme moderne Menschen brauchen, denn sie beruhigen und lehren vergessen. Während das Schiff unaufhaltsam weiter glitt, hatte ich beständig die Empfindung, daß etwas Furchtbares, das lange Zeiten Gewalt über mich gehabt, nun endlich und für immer hinter mir zurückblieb. – Wie vielen ist diese selbe Reise über den Atlantischen Ozean schon eine Flucht gewesen vor der Vergangenheit! Auch ich hatte das Gefühl des Entfliehens und Abschüttelns. – Als ob Schranken und Fesseln gefallen seien, war mir, als ich heute früh erwachte, und da stand sie auch schon auf ihrem Felsen, die riesengroße Freiheit, die den Belasteten aller Länder mit ihrer Leuchte Hoffnung zuzuwinken scheint.

Die Freiheit als Wahrzeichen eines Weltteils und als Willkommen für alle aufzustellen – das macht den Amerikanern doch niemand nach!

34.

_Tuxedo Park_, Mai 1900.

Lieber Freund! Nachdem wir in New York gelandet waren, erhielten wir von Mr. Bridgewater die freundliche Aufforderung, ihn hier zu besuchen. Ich war noch so müde und abgespannt von allem in Deutschland Erlebten, daß ich dankbar die Einladung annahm, mich etwas auf dem Lande zu erholen. Landleben, wie ich es von früher in der Erinnerung habe, Stille, Einsamkeit norddeutscher Güter, die Meilen weit von einander entfernt liegen, nur durch Landwege verbunden, die während Herbst- und Frühlingstauwetter eher verkehrhemmend als fördernd wirken – so etwas gibt es hier freilich nicht. Tuxedo Park beweist mir mal wieder, daß Amerikaner wohl Sinn für Exklusivität, aber nicht für Alleinsein haben. Sie brauchen Menschen, Bekannte – allerdings nur sorgfältig ausgewählte, solche, die in jeder Hinsicht sozial wünschenswert sind. In diesem Bedürfnis nach Verkehr, dieser Scheu vor Einsamkeit sind sie Kindern ähnlich. In dem Park von Tuxedo stehen auf bewaldeten Hügeln, die sich um einen See ausdehnen, eine Menge hübscher Landhäuser, Schweizerhäuschen mit geschnitzten Holzbalkonen und hohen Giebeln, massive Steinbauten mit breiten, südländischen Veranden, burgartig kleine Kastelle, die altertümlich aussehen möchten. All diese Landsitze sind nahe zusammengedrängt, die einzelnen Gärten gehen ineinander über und bilden alle vereint den einen großen Park. Ausgezeichnet gehaltene Wege verbinden die einzelnen Besitzungen und werden fleißig benutzt von Fahrenden, Reitern und Spaziergängern, lauter Menschen, die sich einer zum andern begeben, in ihrem charakteristischen Bedürfnis nach möglichst viel »social gatherings«. Die meisten der Häuser sind mit einem Luxus und einem praktischen Komfort eingerichtet, wie er auf dem deutschen Durchschnittslandgut ganz unbekannt ist. Zu jedem dieser Reichtumsheime denken wir Europäer uns unwillkürlich als notwendige Grundlage und Begleitung eine meilenweite Herrschaft hinzu, statt dessen liegen sie aber nur ein paar Minuten von einander entfernt. Unten am See steht das gemeinschaftliche Klubhaus, mit Einrichtungen für alle Arten von Sport, mit großem Ballsaal und Lesezimmer. Nachmittags trifft sich da die ganze Gesellschaft. Es ist eine Assoziation befreundeter Familien, die hier in den einstmaligen indianischen Jagdgründen eine Kolonie reicher Leute gegründet haben.

Während der Wochentage dominiert das weibliche Element an Zahl, wie in den meisten Landaufenthalten in der Umgegend New Yorks; der Sonnabend-Nachmittagszug bringt dann eine Menge Herren, Villenbesitzer und Gäste, die bis Montag bleiben, um sich von der großen Anstrengung des Gelderwerbs auszuruhen. Ich weiß nie genau, was der Beruf des einzelnen Amerikaners ist, weiß nur, daß sie alle Geld machen. Sie erscheinen mir wie geheimnisvolle Wesen, die eine Zauberformel kennen, durch die sie aus allen Winkeln Gold herauszuziehen vermögen, wie in Indien die Schlangenbeschwörer aus allen Ecken, wo niemand sie vermutet, Kobras hervorlocken.

Den Zauber Amerikas aber bilden die Frauen, die es immer verstehen, ihre eigenen Sorgen beiseite zu setzen und das Liebenswürdigsein als Beruf betreiben; vielleicht wären sie noch reizender, wenn sie es nicht immer so eilig hätten, als seien sie in Angst, irgend etwas zu versäumen.

Hier sind einige sehr nette Frauen, von ansteckender Heiterkeit; und ich weiß nicht, ob es ihr Einfluss oder der volle warme Frühling macht, aber mir ist manchmal, als erwache ich allmählich aus einem seltsamen narkotischen Zustand. So muß den Murmeltierchen zu Mute sein, wenn sie sich nach dem Winterschlaf dehnen und recken und die kleinen blinzelnden Augen gewahr werden, daß die schöne Welt immer noch da ist. Dann ruft so ein erwachendes Murmeltierchen sicher auch: Guten Morgen, lieber Freund!

35.

_Tuxedo Park_, Mai 1900.