Briefe, die ihn nicht erreichten

Part 8

Chapter 83,709 wordsPublic domain

Immer stiller ward es in mir. Ich war so völlig ruhig, daß es mich selbst erstaunte. Und konnte doch eigentlich nicht anders sein. Die Verzweiflung meines Lebens, die Anklagen gegen das Schicksal liegen weit zurück in vergangenen Jahren. Als es niemand noch wußte, als ich für eine glückliche Frau galt – das war meine härteste Zeit. Damals lehnte ich mich innerlich auf. Unerträglich war das Gefühl eigener Zwecklosigkeit, unerträglich der Jammer um mein junges Leben, das mir noch so unabsehbar lang vorkam. Jetzt scheint mir das alles überwunden. In mir ist schon lange eine große Stille – ich gleiche einem jener ausgestorbenen Häuser, wie die Resignation sie gern bewohnt. Dies Grab ändert nichts mehr. Ohne neue Trauer stand ich daran. Dem Schicksal sei's gedankt, daß von dem Grab keine Anklage sich gegen mich erheben kann, dem Schicksal sei es auch gedankt, daß in mir selbst die Bitterkeit längst schweigt.

Wehmut und Mitleid allein sind geblieben.

28.

_Berlin_, Mai 1900.

Die Zeit meines Bruders ist kurz bemessen. In einer Woche muß er nach New York zurück. Jetzt ist er auf ein paar Tage zu seinem Chef gereist. Ich warte hier in Berlin auf ihn, und dann werden wir uns zusammen einschiffen, denn natürlich gehe ich wieder mit ihm – wir gehören ja seit soviel Jahren nun schon zusammen und sind uns gegenseitig ein Stück Heimat. Sie, lieber Freund, werden das gewiß verstehen. Hier sagen mir freilich viele Bekannte, ich solle doch nun in Berlin bleiben und mir ein Heim gründen – als ob dazu nur gehörte, eine Wohnung zu mieten und Dienstboten zu engagieren. Manch einer näselt dann auch wohl: »Wäre gerade, was in Berlin fehlt, Haus einer unabhängigen Frau, geistiges Milieu, neutraler Grund, könnte politisch von Bedeutung werden.«

Welch einsames, kleines Heim würde das sein, und wie gleichgültig läßt mich das »geistige Milieu«! Für wen? Für wen? – Mir ist es ganz einerlei, ob mal bei meinem Begräbnis ein paar »politisch bedeutende« Leute sagen: »Wieder ein angenehmes Haus weniger – gab doch famose Diners, die Frau« und dann auf die Uhr schauen und wo anders essen gehen!

Ja, wenn man jung wäre und die Schwungkraft besäße, die der Glaube an die Wichtigkeit der Dinge stets verleiht! Aber ich bin müde – nur immer müde.

Und soziale Ambitionen! – ach, Du lieber Gott!

Wäre mein Bruder nicht bei mir, ich käme mir ganz verloren vor, denn in Berlin fühle ich mich so fremd – fremder beinahe als in Amerika oder China!

Ich hatte mir immer den Glauben bewahrt, daß es, wenn ich mal wieder nach Deutschland käme, gar nicht anders sein könne, als daß mich gleich ein wonniges Heimatsgefühl umfange – und nun ist alles so ganz anders, als ich es mir in der Ferne dachte! Es ist ja immer alles im Leben anders, als man es sich dachte – aber nie schöner!

Seit ich in Deutschland bin, warte ich beständig auf das Erwachen meines Heimatsgefühls – aber es bleibt immer noch aus. Ich hatte viel Hoffnungen auf den Anblick des Brandenburger Tores gesetzt. Aber vergeblich. Daß die Allee mit den Kurfürsten und sonstigen großen Männern es nicht weckte, ist nicht zu verwundern, denn die war mir gänzlich neu. Hat mir nur bewiesen, daß mich als Kind ein richtiger Instinkt leitete, wenn ich mich gegen Geschichtsunterricht wehrte – die Ansichten und Urteile sind ja offenbar noch immer gar nicht feststehend.

Hier im Hotel Buckingham, Unter den Linden, wo wir wohnen, weil es Amerikaner meinem Bruder empfohlen haben, werde ich sicher auch nicht zum Bewußtsein einer Heimat gelangen.

Mit meinem fortwährenden Suchen nach Heimatsgefühl komme ich mir halb rührend, halb komisch vor, etwa so, wie der im heiligen Lande nach seinem verlorenen Glauben suchende Pierre Loti. Aber fürchten Sie nichts, lieber Freund, ich will Ihnen nicht wie er ein ganzes Buch darüber schreiben! Ich bin nämlich viel schneller als Loti zu einer Erklärung der Vergeblichkeit unseres Suchens gekommen. Ich fürchte, er wie ich sind zu lange fortgeblieben, er von den Stätten des Glaubens, ich von denen der Jugend – für Glauben und für Heimat gibt es vielleicht auch ein »zu spät«. Ist man Ihnen erst einmal völlig fremd geworden, so versteht man sie nicht mehr und sie lassen sich nicht wieder finden.

Aber die Sehnsucht nach der einstmaligen Heimat ist doch so stark in mir, daß ich die Erinnerungen daran wenigstens auffrischen will, um sie mit mir zu nehmen, wenn ich wieder hinaus segle. Hier in Berlin ist alles so neu, fremd und groß geworden, daß ich mich vergeblich darin nach meiner kleinen Vergangenheit umschaue. Ich will sie suchen draußen auf dem Lande. Morgen früh will ich nach dem Gute fahren, das einst das Elternhaus meiner Mutter war, und in dem ich dann später bei Verwandten als Waise lebte, bis der unerwartete Glücksfall eintrat, daß sich für mich unbemitteltes Mädchen ein wohlhabender Mann fand!

Als arme Verwandte habe ich dort manch bittere Stunde erlebt und habe den Bruder beneidet, den ich damals selten sah, von dem ich aber wußte, daß er sich zu einem nützlichen, ihn unabhängig machenden Beruf ausbildete. Wie gern hätte auch ich das getan! Aber meine Verwandten hielten es für ihre Pflicht, mich wie die eigenen Töchter zu erziehen, d. h. mich moderne Sprachen, Handarbeiten und etwas Zeichnen und Malen lernen zu lassen und mir die Sorge der Herrichtung der Fremdenzimmer zu übertragen, wenn Besuche kamen. Es war möglichst unpraktisch, aber ganz standesgemäß. Ich beneidete die Gutsmamsell, die sich ehrlich ihr Brot verdiente, und ich suchte von ihr zu lernen. Die Verwandten lachten mich aus und sagten, ich würde sicher noch mal eine gute Partie machen. Na, sie haben ja in ihrer Art recht behalten – aber die Mamsell habe ich später erst recht beneidet!

Trotz aller bittern Stunden ist mir Garzin doch immer in der Erinnerung geblieben als das eine Fleckchen Erde, an das ich ein Recht habe, das Recht, das man durch Liebhaben erwirbt. In meinen Gedanken habe ich es unbewußt immer »zu Hause« genannt, obschon die Verwandten, denen es damals gehörte, längst tot sind und es jetzt, durch allerhand unverständliche Lehnsgesetze, Eigentum eines ganz fremden, alten Herrn geworden ist, der nie hinkommt, und sein bißchen kränkliches Leben von einem Badeort zum andern schleppt.

Dorthin will ich also morgen früh fahren, und bei dem Gedanken dieses Wiedersehens klopft mir das Herz – ich denke mir, so muß einem zu Mute sein, wenn man zu einem Stelldichein geht. Und es ist ja auch ein Stelldichein – mit der Vergangenheit!

Ich trete immer wieder ans Fenster, von dem man auf den innern, zu einem Miniaturgärtchen verwandelten Hotelhof blickt, und schaue an den hohen Wänden hinauf zu dem schmalen Streifen Himmel über mir, und jede graue Wolke, die daran vorüberzieht, beängstigt mich, denn ich möchte mein liebes, altes Garzin nicht im Regen wiedersehen, sondern in seinem hellsten, sonnenbeschienenen Frühlingsgewand. Das stand ihm immer am besten!

29.

_Berlin_, Mai 1900.

Und ich habe es im Sonnenschein wiedergesehen!

Ganz früh fuhr ich vom Friedrichstraßen-Bahnhof ab. Zuerst durch das häßliche Straßengewirr, an hohen Häusern vorbei, in die man von rückwärts hinein schaut, als wolle man heimlich und hinterrücks all ihre Geheimnisse ergründen. Staub, Ruß, eine unabsehbare Menge von Schienensträngen, auf denen Vorortzüge wie um die Wette fahren. An allen Bahnhöfen ein Gewühl von blassen, ruhelosen Großstadtgesichtern, lauter Menschen, die irgendwohin zu irgend welcher Arbeit eilen müssen. Lauter kleine Räder eines einzigen großen Betriebs. Alles grau, freudlos und schon am frühen Morgen so abgehetzt.

Endlich hinaus aufs flache Land und, einer Überraschung gleich, wahrgenommen, daß es ja eigentlich Frühling ist! Hellgrüne Saatenfelder, Gemüsegärten, kleine Fichtenschonungen. Rehfelde, Strausberg, noch andere, altbekannte Namen. Bald darauf hoher Fichtenhorst, mit Wacholderbüschen als Unterholz; in den Wäldern scheint die Nacht noch in großen bläulichen Nebelfetzen zu hängen; der Rauch der Lokomotive vermischt sich mit ihnen und kriecht zwischen den ersten Reihen hoher rötlicher Stämme bis hinein ins tiefe Waldesdunkel.

Und nun aus dem Wald heraus und rechts der Torfstich, der schon zum Garziner Bezirk gehört. Neben den schwarzen, viereckigen Wasserlachen sind die ausgestochenen Torfstücke in regelmäßigen Pyramiden aufgebaut. Bläulicher Dunst lagert über dem Moor, weiße Birkenstämme schimmern hindurch, hellgrüne, herzförmige Birkenblättchen zittern in der Morgenluft; weiter zurück verschwimmt alles im Frühnebel.

Nun hält der Zug. Ich steige aus. Dies ist die Station, von der aus es in einstündiger Wagenfahrt nach Garzin geht. Ich bleibe unschlüssig auf dem Perron stehen. Ein Gepäckträger führt eine Berliner Familie, die auch ausgestiegen ist, und ich höre ihn sagen: »Hier, über die Bahnbrücke, zur Kleinbahn nach Garzin.«

Kleinbahn nach Garzin? also auch hier ganz Neues. Ich folge der Berliner Familie und dem Gepäckträger, der sich mit einem Fahrrad und etlichen Taschen belastet hat, über die hohe Brücke, unter der wir den Zug, der uns gebracht hat, schon nach Osten weiter rollen sehen, und steige in einen spielsachenartigen kleinen Bahnzug.

»Kein Gepäck, Madamken?« fragt mich der Dienstmann. Ich verneine leise und ziehe den dichten schwarzen Schleier fester um mich, denn ich habe den Mann sicher schon früher gesehen, und mir ist auf einmal so bang geworden, als täte ich ein Unrecht, und könne dabei ertappt werden.

Die Berliner Familie besteht aus Vater und Mutter, beide dick und behäbig, Leute, an denen alles selbstverständlich erscheint, die das Leben sicher ganz einfach und ohne viel Kopfzerbrechen nehmen, die die Sozialdemokraten verabscheuen und für Richter stimmen. Dann ist eine erwachsene Tochter da, eine offenbar höhere Tochter, vielleicht hat sie sogar das Lehrerinnen-Examen gemacht, und eine kleine, kränkliche Tochter mit altem, verbittertem Kindergesicht. Außerdem ein Vetter, ein junger Mann, auf dessen blassem, pickeligem Gesicht die keimenden blonden Barthaare sich wie spärliche Halme auf magerem Boden ausnehmen. Er ist im Radelkostüm, wodurch dünne Beine und lange platte Füße besonders aufdringlich hervortreten. Sein graues Flanellhemd ist vorne mit roter seidener Kordel zugeschnürt. Er trägt einen weichen weißen Filzhut mit einem Stutzen und auf die Nase ist ein Zwicker geklemmt. Alle fünf sprechen sie ganz laut über ihre Angelegenheiten, als seien sie allein auf der Welt, und ich entnehme, daß sie wegen Rikes Gesundheit auf ein paar Tage nach Garzin fahren, und daß ihnen das Hohenzollern-Hotel am Stadtsee von Freunden, die den letzten Sommer dort verbrachten, sehr gerühmt worden ist.

Mein altes Garzin Luftkurort! Und ein Hohenzollern-Hotel!

In zwanzig Minuten fährt die Kleinbahn durch Kiefernwald, tiefen Sand und einen niedrigen feuchten Wiesengrund, der früher einmal ein See gewesen sein muß, bis zum Eingang des Städtchens Garzin. Dort steigen wir aus. Die Berliner Familie, geführt vom Gepäckträger, schreitet eifrig auf der Hauptstraße dem Stadtsee zu.

Ich folge langsam. Das Straßenpflaster ist ganz so holprig geblieben wie es von jeher war. Große und kleine Feldsteine, rundliche, eckige, spitzige nebeneinander in den Boden gedrückt. Die kleinen einstöckigen Häuschen erkenne ich wieder, an den Haustüren hochstämmige Rosen, deren Zweige sich jetzt mit jungen braunen Blättchen bedeckt haben. Eines der ersten Häuser trägt noch immer das Aushängeschild, auf das ein Sarg gemalt ist, und daneben steht noch die kleine Gastwirtschaft, über deren Tor zu lesen ist: »Der alte Brauch wird nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen.« Aber neben dem Altbekannten wieviel Fremdes! Eine ganze Reihe neuer Häuser, echte Vorortsvillen, anspruchsvoll und geschmacklos. Und wahrhaftig, ein richtiges Hotel, durch Gitter von der Straße getrennt, inmitten eines Gartens voll junger kümmerlicher Pflanzen. Dahinter erblicke ich den blauen Stadtsee. Ich erinnere mich seiner als einer stillen Fläche, schilfumwachsen, eine Heimat wilder Enten und Taucher. Jetzt fahren ein paar bunte Gondeln darauf, und am jenseitigen Ufer steht ein großes kastenartiges Gebäude, auf dem in goldenen Lettern die Aufschrift funkelt »Sanatorium«.

Erschrocken bin ich weiter geeilt und zum Marktplatz gekommen. Da ist alles noch ziemlich unverändert. Das Geschäft der Witwe Wronkow, deren bunte Kattune, Knöpfe, Parfümfläschchen uns als Kinder manchen Groschen entlockt haben; der Eckladen von Rückheim, wo die Honoratioren des Städtchens sich abends zu einem Glase Bier zusammenfanden; das Pastorhaus mit seinen zwei alten Linden zu beiden Seiten der Türe. Damals spielten immer Pastorkinder von allen Altersstufen unter diesen Linden, und hierin wenigstens ist es heute ganz wie einst: eine ganze Reihe kleiner Pastorkinder buddeln im Sande unter den Linden, und vom Fenster aus beaufsichtigt sie die heutige Frau Pastorin und hält das Allerjüngste im Arm.

Auf dem Marktplatz steht das kleine Siegesmonument vom Kriege 70, ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen, auf einem Steinsockel sitzend. Dahinter führen Stufen zur Kirche hinauf.

Ich habe da plötzlich eine große Sehnsucht empfunden, in diese Kirche einzutreten, wo ich oft so viel schöne Vorsätze gefaßt und zum lieben Gott gebetet habe, er möge mir große heroische Aufgaben stellen, was dann doch nicht hinderte, daß ich gleich nachher über die kleinen täglichen Pflichten stolperte. Ich wollte so gerne den Altar wiedersehen, mit seinen gewundenen Säulen und den dicken, geschnitzten, zopfigen Engeln, die Erntekränze und die schwarzen Gedächtnistafeln, auf denen die Namen der Gefallenen von 64, 66 und 70 stehen.

Aber die Kirche war geschlossen, wie das von einer protestantischen Kirche recht und vorschriftsmäßig ist, denn der Protestantismus erzieht ruhige, pünktliche Menschen; plötzliche Sehnsuchten und Gefühlsaufwallungen liebt er nicht. Zum lieben Gott soll man wie zum Rechtsanwalt und Doktor gehen, in der ordnungsmäßigen Sprechstunde, die im Kreisblättchen angezeigt wird.

Die Garziner Kirche hat einen neuen Turm bekommen, und die alten Birken scheinen mir noch gewachsen zu sein; ihre dünnen, fadenartigen Zweige klopfen ganz leise im Winde gegen die hohen Kirchenfenster, die in der Sonne glänzen. Der kleine Gottesacker, in dessen Mitte die Kirche steht, und der längst nicht mehr benutzt wird, sieht genau wie früher aus, eine Wildnis von altem Efeu und Gräsern, die die grauen, verwitterten Grabsteine überwuchern. Ich suchte nach einer alten Gedenktafel, über die ich schon als junges Mädchen oft nachgesonnen habe, und richtig, sie ist noch da, mit ihrem seltsamen, eingemeißelten Spruch, den Schnee und Regen und flechtenartiges silbriges Moos noch mehr verwischt haben:

»Hier ruht der Wüsterdorf Johann. Er war ein müder Wandersmann, Gekettet schwer in Sündenbann, Oh Herrgott, richt mit Mild den Mann, Denn niemals er den Wunsch ersann, Des Lebens Fahrt zu treten an.«

Damals kamen mir diese Worte so geheimnisvoll vor, daß ich lange Romane über die Missetaten des Wüsterdorf Johann ersann; jetzt dünkt mich, sie passen als Grabschrift für jeden unter uns.

Ich habe lange da oben zwischen den alten Gräbern gestanden. Schaute den Vögeln zu, wie sie so eifrig Halme und Moos in den Schnäbeln anschleppen, da sie durch Generationen lange Erfahrung gelernt haben, daß sich im Schutz der Kirche gut Nester bauen läßt.

Dann ging ich dem Garziner Schloß zu.

Da lag es nun vor mir.

Ganz unverändert, wie damals vor all den Jahren. Nur noch etwas verlassener; ungehegt und ungepflegt aussehend. Ich blieb stehen. Tränen traten mir in die Augen. Aus meiner tiefen Einsamkeit heraus möchte ich dem alten Haus, wie einem Menschen, sagen: »Hab mich lieb! Hab mich lieb!« Und ich meine, es müsse mir antworten: »Endlich, endlich, bist du heimgekehrt.«

Der große grüne Rasenplatz mit den vier runden Fliederbüschen, die voll lila Blütendolden sitzen – die alte Sonnenuhr – die Rampe, die zum Schlosse führt – und das Schloß selbst, ein großes zweistöckiges Haus, dessen ganz einfach glatte Fassade zu Schinkels Zeiten mit griechischen Ornamenten verziert worden ist, die in der märkischen Umgebung noch immer etwas über sich selbst Erstauntes haben – alles ganz wie damals! Zu beiden Seiten des Hauses stehen noch die alten Linden, deren Zweige auf dem Boden schleifen, und die eine Wand ist noch mit dem uralten Efeu bedeckt, in dem zahllose Spatzen zwitschern.

Ja, das war einst Heimat!

Ich stehe und schaue. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen zu einem einzigen, unendlichen Wehmutsgefühl, das die ganze Welt zu erfüllen scheint.

»Wollen Sie nicht auch das Schloß besehen?« fragt mich da plötzlich der junge Mann im Radelkostüm, und ich gewahre die ganze Berliner Familie, die von einem jungen Bauernmädchen geführt wird, das Schlüssel trägt.

»Wird es denn gezeigt?« frage ich.

»Na und ob,« antwortete der Sportjüngling. »Für'n Trinkjeld an das Inspektormädchen können wir uns auch mal so'n Heim von die notleidenden Ajrarier besehen.«

Ich bin so erstaunt, Garzin als eine Sehenswürdigkeit für Touristen wiederzufinden, daß ich folge, ohne nachzudenken. Aber wie ich nun in den alten Räumen stehe, inmitten der fremden Menschen und selbst ganz so fremd bin wie sie, da fühle ich, daß ich nicht hätte kommen sollen. Als würden liebe Tote unsanft berührt, so ist mir bei den schnoddrigen Bemerkungen der Berliner. Ich möchte um keinen Preis erkannt werden und begreife doch gar nicht, wie es denn möglich ist, daß ich so unbeachtet dastehe, daß nicht sogar die leblosen Dinge mir zunicken und zuflüstern: »Sei gegrüßt, sei uns gegrüßt!«

Aus der leeren, weiten Halle treten wir in das Wohnzimmer. Wie unbewohnt, kalt und kahl nach dem Sonnenschein draußen. Ein paar der alten, recht schäbig gewordenen Möbel stehen da und sehen aus, als schämten sie sich, wie arme Kranke, deren Gebrechen von neugierigen Medizinstudenten betrachtet werden. Den abgenutzten, gestreiften Teppich erkenne ich, sogar ein gestopftes Loch, dessen ich mich entsinne, finde ich wieder.

»Du Karl,« sagt die dicke Berlinerin zu ihrem Mann und befühlt einen Sesselbezug, »da is et ja nobler bei uns in die Köpenicker Straße.«

Und der dicke Karl antwortet: »Ja, wahrhaftig, in diese feudale Jejend könnte man noch Mitleid mit die Ostelbier bekommen.«

Nur der große gelbe Saal imponiert der Berlinerin. Sie deutet auf die vielen weißen Gipsköpfe aus der Schinkelschen Epoche: »Du Karl, das sind wohl die Ahnen von die Besitzer?«

»Jotte doch, Mama,« antwortet die höhere Tochter zurechtweisend, »das sind doch allens jriechische Jötter und Jöttinnen.«

Wir treten in ein anderes, ganz leeres Zimmer.

»Det war det Schlafzimmer von die jnädigen Komtessen,« sagt das führende Bauernmädchen.

Ja, man hat es ihr richtig erzählt, det war det Schlafzimmer von die jnädigen Komtessen. Ich sehe noch die kleinen weißen Bettchen – jetzt ist es ganz ausgeräumt. Auf der verschossenen roten Tapete bezeichnen kräftiger gefärbte Stellen die Plätze, an denen einst Bilder hingen. An der einen Wand hängt noch ein vereinzeltes altes Gemälde. Es stellt einen Heiligen dar; ganz unbekleidet, wie durch langes Fasten abgemagert und verhärmt, sitzt er inmitten einer Felsenlandschaft und hält einen Bogen Papier, auf den er eifrig schreibt.

»Der olle Herr dort oben schreibt wohl an Wertheim um ein Hemd,« sagt der Sportjüngling. Und zwischen Tränen muß ich doch lachen, denn genau dieselbe Bemerkung haben wir damals gemacht, als der Heilige die Zielscheibe unseres jugendlichen Witzes war, nur daß es zu jenen Zeiten noch keinen Wertheim gab und wir Hertzog sagten.

Beim Fortgehen bin ich einen Augenblick an der einen Tür stehen geblieben. Ja, wahrhaftig, da waren sie noch, ganz verblaßt, die Striche, die der Onkel machte, wenn er unser Maß nahm und unser jährliches Wachstum an dieser Tür verzeichnete. – Wo sind die kleinen Mädchen hin, die da vor dem Onkel standen und denen er zurief: »Kinder, nicht auf den Zehen stehen! nicht mogeln!« – Sie hatten es so eilig mit dem Wachsen – nun sind sie längst aus der alten Heimat hinausgewachsen.

Vergangenheit, Vergangenheit! –

Ich bin dann noch lange im Park gewesen, wo jetzt Butterbrotpapiere und leere Flaschen von Berliner Touristen unter die Büsche geworfen werden, wo das Unkraut in den Wegen und Beeten wächst, wo das Schilf immer mehr den Schloßteich überwuchert und wo es trotz aller Verwahrlosung doch noch immer so frühlingsschön ist – wie einst im Mai!

Mit dem letzten Zuge bin ich erst zurückgefahren. Ich blieb so lange als möglich, denn ich fühlte, daß ich das alles nie wiedersehen werde. Es war schon spät, als ich auf dem Bahnhof Friedrichstraße ausstieg. Ich ging zu Fuß bis zum Buckingham-Hotel. Viel Häßliches, viel Elend streift man auf solch kurzem Abendweg. Ich drückte das Gesicht in den großen Strauß Garziner Flieders, den ich mir mitgenommen, und es war mir, als hörte ich leise, durch all den rasselnden, rollenden Straßenlärm hindurch, die alten Worte, die unser aller Grabspruch sein könnten:

O Herrgott, richt mit Mild den Mann, Denn niemals er den Wunsch ersann, Des Lebens Fahrt zu treten an!

30.

_Berlin_, Mai 1900.

Bei einem entfernten Verwandten meiner Mutter, den ich Onkel nenne, bin ich gewesen. Ich glaube, er würde Ihnen gefallen, drum will ich Ihnen von ihm erzählen.

Nach äußerlicher menschlicher Klassifikation gehört er zu den deutschen Professoren, aber ich glaube, innerlich und eigentlich ist er ein Wesen aus einer klassischen Periode, vielleicht ein auferstandener alter Grieche, der in einer Tonne hauste und den Dingen zuschaute, oder der einstmalige Abt eines berühmten Klosters der italienischen Renaissance – aber kein Savonarola, der gegen die Verderbnis der Menschen eiferte und die Welt bessern wollte, sondern ein Mönch von der beschaulichen Sorte, der in Chroniken mit schön gemalten Buchstaben seine Beobachtungen niederlegt, der die Schlechtigkeit der Welt wohl erkennt, aber sich nicht zum eingreifenden Reformator berufen fühlt, sondern denkt, daß, wer das eigene Herz nur rein hält, auch schon sein Teil getan hat.

Er wohnt nahe am Tiergarten, in einer Straße, deren eines Ende sich zu einem kleinen Platz erweitert, auf dem zwischen Fliederbüschen eine Kirche steht. Es ist kein sehr alter Teil Berlins, aber doch auch keiner von den ganz neuen, und es ist dort wohltuend geräuschlos. Zu den ernsten, etwas gleichmäßigen Häusern denkt man sich unwillkürlich als Bewohner still arbeitende Leute, die ein Menschenalter hindurch in denselben Zimmern gelesen und geschrieben haben und nichts von hastigen Umzügen wissen. – Es ist eine Gelehrtengegend.

So lang ich denken kann, wohnt der Onkel im selben Haus im dritten Stock. Sein Arbeitszimmer ist ein nach rückwärts liegender Saal, von dessen Balkon aus man auf Gärten blickt, in denen es jetzt grünt und Frühling wird. Über seinem Schreibtisch hängt ein Marmorrelief an der Wand. Es stellt die längst verstorbene Frau des Onkels dar, und das kühne Profil zeigt eine auffallende Ähnlichkeit mit Achim von Arnim oder Byron. Es ist das ein Menschentypus, dem man in unseren Tagen selten mehr begegnet, und der früher häufiger gewesen zu sein scheint. Vielleicht verschwinden Menschentypen mit den Idealen ihrer Epoche. Wer würde wohl heute wie Byron für die Unabhängigkeit der Griechen kämpfen? – Wenn man Gesichtszügen vertrauen darf, so muß die verstorbene Tante ein wahrer Gentleman gewesen sein, der nie aus der Not anderer Kapital geschlagen hätte.

Der Onkel ist in den Jahren, die ich in der Ferne verlebt, ein ganz alter Mann geworden. Sein langes Haar ist weiß geblichen, die ganze, hohe Gestalt ist so abgemagert, als seien die irdischen Bestandteile, deren wir zum Leben bedürfen, von ihm schon abgefallen. Die Worte »ein verklärter Leib« fielen mir ein, als ich ihn wieder sah. Die klaren, schönen Augen sind dieselben geblieben, nur größer sind sie geworden, und es ist, als übersähen sie vieles, was sich unsern Blicken aufdrängt, und als gewahrten sie dafür schon Dinge, die uns noch verborgen sind.