Briefe, die ihn nicht erreichten

Part 7

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»Ich fürchte, Sie müssen sich entschließen, ihn nach Hause zu schicken. Er wird aus der Angst um seine Mutter nicht mehr herauskommen und sich nicht mehr beruhigen lassen, denn er hat offenbar das Gefühl, daß es seine Pflicht ist, zu ihr zurückzukehren. Wie sehr der Chinese seine Eltern verehrt, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen – das steht sogar in den oberflächlichsten Reisebüchern. Ich habe durch jahrelange Erfahrung freilich meine Zweifel bekommen, ob die Verehrung an sich wirklich eine so sehr große ist; aber jeder Chinese wird den Schein wahren wollen, als sei er ein vortrefflicher Sohn, und wird dafür sogar große Opfer bringen. Ta geht offenbar sehr ungern von Ihnen fort, er sagt, wenn er keine Mutter hätte, schnitte er sich den Zopf ab und bliebe immer bei Ihnen, und mehr kann kein Chinese sagen; aber er ist fest entschlossen, zurückzukehren. Sie hängen nun einmal alle so merkwürdig an gewissen Dingen, die ihnen zum Anstand als notwendig erscheinen. Ich habe chinesische Diener gekannt, die ungerechte, harte Herren durch Blattern- oder Typhuserkrankungen aufs treueste gepflegt haben – nicht etwa Gefühls und Mitleids halber, sondern des äußern Anstandes wegen – sie hätten nicht für treulose Diener gelten wollen. Dies selbe Gefühl zeigt sich uns ja täglich, wenn wir in China Gäste haben; da wird in unseren Häusern immer alles musterhaft gehen – darauf halten unsere chinesischen Diener um ihrer selbst willen, wo sie in Stellung sind, soll es nach außen gut aussehen. Tas Wunsch, nach Hause zurückzukehren, ist meiner Ansicht nach viel mehr eine Frage des Scheins als der persönlichen Neigung. Ich wette, dem Gefühl nach bliebe er lieber bei Ihnen – obschon ich es nach dreißigjährigem Aufenthalt in China längst aufgegeben habe, Vermutungen anzustellen über die Gefühle der Chinesen. Sie sind eben die ewig Rätselhaften.«

Wir sprachen dann über Tas Rückreise und kamen überein, daß es zu große Schwierigkeiten verursachen würde, ihn ganz allein über San Francisco nach Hause reisen zu lassen. Ich fühle mich doch auch verantwortlich für dies gelbe Menschenkind, das ich aus seiner Welt herausgerissen habe. Schließlich bot uns der Provikar Hofer an, Ta mit sich zu nehmen nach Europa und von da zurück nach China. In wenigen Tagen reist er. Ta selbst ist offenbar traurig darüber, scheint aber andererseits befriedigt, einen hohen geistlichen Herrn zu begleiten, der ihm als Geschäftsreisender der Kirche doch noch viel mehr imponiert, als mein Bruder, der im Dienst einer simplen irdischen Firma steht! – Aber mir ist seitdem ganz weh ums Herz.

25.

_New York_, März 1900.

Liebster Freund! Heute ist mir so grau und trübe zu Mute wie draußen der Himmel, an dem immer neue Wolken vorbeijagen hinaus zur See.

Ich habe heute Ta zum Dampfer gebracht, auf dem er mit dem Provikar nach Europa abgereist ist. Heute Morgen kam er wie alle Tage, hatte die Sachen meines Bruders gebürstet und gefaltet, die Stiefel blank geputzt – das Methodische, Regelmäßige seiner Rasse lag in dieser kleinen Handlung, noch bis zur letzten Minute seine Arbeit zu tun. Sein Gesicht aber war ganz verändert, aufgedunsen vom Weinen, daß die geschlitzten Augen beinah ganz verschwanden. Der Gedanke, ihn gehen zu lassen, kam mir plötzlich ganz unmöglich vor, ich fühlte, wie mir selbst die Tränen in die Augen traten, ich sah ja auch, wie schwer es ihm wurde, und so sagte ich ihm: »Willst du nicht bleiben? Es ist ja noch Zeit, Ta.« Da verzog sich sein Gesicht zu jenem seltsamen, orientalischen Lachen, das wir Occidentalen nie ganz verstehen, das bei Gelegenheiten erscheint, wo es uns als vollkommen unangebracht, ja verletzend berührt, das in einer gewissen Schüchternheit wurzelt und dem rührenden Zug entspringt: meine Angelegenheiten sind viel zu gering, als daß sie dich stören dürften. So grinste denn der arme Ta, während er dem Weinen nahe war, und auf meine Frage antwortete er, indem er einen Finger auf den Mund legte, den Kopf schüttelte und ganz leise sagte: »Nicht sprechen, Taitai.«

Ja, er hatte recht, wozu auch sprechen über das, was nicht zu ändern ist.

Tas Abreise gestaltete sich zu einer kleinen Ovation. Die Hausmädchen in den sauberen weißen Mützen umdrängten ihn, mehrere brachten ihm kleine Andenken, und alle riefen ihm nach: »Glückliche Reise, Ta! Komme wieder, Ta! Aber bringe keine chinesische Frau mit, Ta!«

Und er grinste über sein armes verweintes Gesicht, wie es nun mal im fernen Osten die gute Erziehung gebietet, wenn man so recht gerührt und traurig ist.

Ich fuhr mit Ta zu seinem Schiff, wo ich ihn dem Provikar Hofer übergeben sollte. Vom Central-Park hinunter zum Hafen, durch die vielen verschiedenen Straßen, die immer ärmlicher, häßlicher und holpriger werden. In einer langen Reihe von Stufen irdischen Besitzes geht es von den Fifth-Avenue-Palästen hinunter zu den Tenement-Häusern, zu den Schlupfwinkeln für rätselhafte Existenzen und provisorisch aussehenden kleinen Läden und Kneipen, die man ganz verwundert ist, noch irgendwo in New York zu sehen. Von höchster Höhe bis zu tiefster Tiefe führt der lange Weg, von jenen, die vor der Langeweile von Vergnügen zu Vergnügen flüchten, bis zu denen, die im Kampf gegen Hunger und Kälte von Arbeit zu Arbeit hasten.

Auf dem Dampfer herrschte die furchtbare Verwirrung, das Rennen, Hasten, sich Suchen, das aufgeregte Sprechen, das nervöse Lachen, das Händedrücken, das Küssen und Weinen der letzten Stunde vor der Abfahrt. Unendlich viel verschiedene Typen, die die neue Welt auf jedem solchen Dampfer zurück nach Europa schickt! In die drei großen Kategorien der Vergnügungs-, Geschäfts- und Gesundheitsreisenden lassen sie sich einteilen. Von einer Menge Freunde werden die meisten Reisenden noch begleitet, so daß ein entsetzliches Gedränge auf dem Deck herrscht. Zwischen all dem stehen die Schiffsoffiziere, ebenso abgestumpft gegen komische wie gegen wehmütige Abschiedsszenen, und erteilen mit lauter Stimme Befehle, korrekt, vorschriftsmäßig, echt europäisch. –

Nur mit Mühe fand ich in dem Gewühl der Abreisenden und Abschiednehmenden den Provikar. Ich übergab ihm Ta, und er versprach mir nochmals, gut für ihn zu sorgen und ihn sicher bis nach China zu bringen. Dann tönte auch schon die Glocke, daß die Nichtreisenden das Schiff zu verlassen hätten. Ich reichte beiden noch einmal die Hand und sagte zu Ta »Gott behüte dich!« denn in diesem letzten Augenblick hatte ich das klare Bewußtsein, daß er mit offenen Augen in eine große Gefahr ging, weil er es für recht hielt – in seiner Art auch ein Held, trotz Zopf und Schlitzaugen – und ich gab ihm den Wunsch mit auf den Weg, der so viele Helden schon begleitet hat: »Gott behüte dich!«

Dann kam ich in das Gedränge, und zwischen lauter fremden Menschen, die alle auch ihre Sorgen hatten und eilten und hasteten, ward ich vom Schiff auf die Brücke und dann in den großen dunkeln Schuppen geschoben, an dem der Dampfer noch lag. Ich blieb noch einmal stehen, durch das große, offene Tor, das man eben schließen wollte, sah ich noch einmal das Schiff – es war jetzt los vom Lande, ein Zittern ging durch das Ungeheuer, als ob ein Riese sich seiner Kraft bewußt würde. Ich suchte noch einmal mit den Blicken nach Ta und dem Provikar – da schloß sich das Tor.

Vor mir zur Straße zurück ging eine gebeugte, alte Frau, die bitterlich weinte; ein kleiner Junge führte sie, und ich hörte ihn tröstend sagen: »Never mind, granny dear, they'll come back!« Aber die alte Frau weinte weiter, sie hatte wohl oft Menschen gehen und nicht wiederkehren sehen und wußte wie ich, daß Menschen vielleicht, Zeiten aber nie wiederkehren.

Das Episodenhafte des Lebens lastet heute so besonders schmerzlich auf mir, lieber Freund, das Zerrissene, Heimatlose. Der arme Ta war mir immer noch wie eine Verbindung mit den chinesischen Jahren; sie waren ja in vielem traurig und enttäuschend, manches haben wir dort erlebt, manches aus der Heimat dort vernommen, was uns in tiefstem Herzen geschmerzt hat – aber ich fühle jetzt doch, daß ich dort angefangen hatte etwas Wurzel zu schlagen – und dann – man trauert ja auch um die grauen Tage, wenn sie erst vorbei sind, weil sie eben nie wiederkehren können und mit ihnen ein Stück von uns selbst verstorben ist.

Seit den Gesprächen mit dem Provikar habe ich die Empfindung, als sei das China, das ich gekannt, auf immer dahin. Bis jetzt dachte ich, ich brauchte nur umzukehren, dann fände ich dort alles wieder, wie ich es verlassen habe – aber dem ist nicht so, man findet nie alles wieder, denn nichts bleibt still stehen, nicht einmal in China. Und nun quält mich die Angst, was werden wird, wenn der Provikar wirklich recht hat mit allem, was er prophezeit.

Wenn er doch in Europa durchdringen und es ihm gelingen möchte, noch rechtzeitig zu warnen! – Und dann sage ich mir wieder, ist es denn je gelungen, Ereignisse abzuwenden, Schicksale zu lenken? Menschen mühen sich ab, ängstigen und grämen sich, möchten helfen und bessern, und in allem, was sie tun, zum Nutzen oder Schaden anderer, was sie sich einbilden, aus freier Wahl zu tun, was ihnen als Versäumnis oder als Verdienst erscheint – in alledem sind sie vielleicht nur blinde Werkzeuge eines blinden Verhängnisses. – Wer kann es wissen?

Draußen auf dem weiten Ozean zieht das Schiff dahin, das Ta und den Provikar trägt, und zahllose andere Schiffe kreuzen die Meere, alle voller Menschen, die auch zweckerfüllt und verantwortungsbelastet sind.

Und vielleicht ist all das umsonst, vielleicht hat doch das Verschen recht, das ich in einer Chronik unter dem Bilde eines alten Segelschiffes fand:

»Wirst du einst alt und weise, So weißt du, daß die Reise So zwecklos war wie die Well'n.«

26.

_New York_, März 1900.

Lieber Freund, es gibt doch komische kleine Züge in den Menschen! Wie ein Kreuzfahrer ist Hofer aus seiner fernen Diözese ausgezogen. In elendem Boot auf dem großen Kanal und in knarrendem Karren auf durchlöcherten Wegen ist er zuerst nach Peking gefahren, um vor kommendem Unheil zu warnen; und als man dort nicht auf ihn hört, zieht er weiter über Amerika nach Europa, um da seine Stimme zu erheben. Selbstsüchtige Zwecke sprechen dabei nicht mit, auch nicht Angst um eigene Sicherheit – er will von vielen Unschuldigen eine große Gefahr abwenden, verhindern, daß die Stecklinge westlicher Zivilisation, die so mühsam im fernen Osten gepflanzt wurden, in einer großen Katastrophe vernichtet werden, er will die »Pekinger Taubblinden« um jeden Preis retten.

Aber das Triviale wohnt nahe beim Sublimen, und die Beschäftigung mit der Kirche schärft den Sinn fürs Praktische. Kleine Vorteile soll man auch auf dem Wege zu den höchsten Aufgaben mitnehmen. Während seiner New Yorker Rasttage hat Hofer den ihm gänzlich unbekannten Charles W. O'Doyle besucht und ihn auf Grund des chinesischen Ursprungs seiner Millionen für die Missionshäuser angebettelt. O'Doyle hat ihm eine bedeutende Summe gegeben, denn diesem großen Mann ist sein Katholizismus ein Luxusgegenstand, den er sich etwas kosten läßt. Er und mehr noch die Prinzeß von Armenfelde schmücken sich mit dieser Religion, die ihnen wie ein Symbol der Vornehmheit erscheint, und der sie unter ihren Landsleuten viel Bekanntschaften in höheren sozialen Kreisen verdanken, die sie ohnedem schwerlich je gemacht hätten. In den Vereinigten Staaten ist der Katholizismus très-bien porté, wie Madame Baltykoff neulich sagt.

Das Komischste aber ist, daß Hofers Appell an O'Doyles Wohltätigkeit und dessen Spürsinn für das Sensationelle in Geschäften mir eine große Bilderbestellung eingetragen haben!

O'Doyle und seine Tochter waren eben bei mir. Er teilte mir gleich Hofers Besuch mit und ließ durchblicken, daß die Summe, die er ihm für die Mission angewiesen habe, allein schon die Reise wert sei. Dann sagte er, er glaube, Hofer habe recht mit seinen schlimmen Prophezeiungen; sie stimmten überein mit den Voraussagungen seiner Hongkonger Geschäftsfreunde.

»Um China wird sich in diesem Sommer alles drehen,« sagte O'Doyle. »Ich täusche mich selten, wenn ich mal solche Behauptungen aufstelle. Sollten Sie Geld in China haben, rat ich jetzt zu verkaufen, können später billig wieder kaufen – ganzes Geschäftsgeheimnis in den paar Worten: billig kaufen, hoch verkaufen. Zu merkwürdig, daß immer noch Menschen durchaus umgekehrt operieren wollen.«

Nachdem ich ihm versichert, daß ich weder in China noch anderswo Geld habe, fuhr er fort: »Gehen diesen Sommer in unser Cottage nach Newport. Baue dort kleinen Pavillon für Nachmittagstee. Habe chinesischen Pagodenstil gewählt, ausgeschweifte Dächer, bunte Kacheln, viele Drachen, kleine Glöckchen; habe mich dazu entschlossen, weil dies Jahr, wie gesagt, nur von China gesprochen werden wird. Teepagode wird a great success sein! Brauche zur inneren Dekoration chinesische Ansichten; wollen Sie sie malen?«

Ich ging auf diesen Vorschlag gern ein und mußte meine Mappen chinesischer Skizzen bringen, von denen ich so manche gemalt habe, während Sie zuschauten. Vater und Tochter suchten gleich aus. Die Prinzeß war für das Malerische: ein Sonnenuntergang auf dem Yangtse, verwitterte alte Mauern in Hangtschau, ein Gewühl von Booten bei Kanton gefielen ihr, aber der alte O'Doyle verwarf das alles. »Ich will lauter Pekinger Bilder haben,« sagte er, »dort liegt die Hauptgefahr, hat Hofer gesagt, davon wird gesprochen werden.«

Es sind wohl noch nie Bilder nach merkwürdigerem Grundsatz bestellt worden!

Schließlich entschied er sich für einen Eckturm der Pekinger Stadtmauer, für eine Ansicht der Kaiserstadt mit den goldgelben Dächern der Paläste und für ein Stadttor, durch das eine Truppe chinesischer Soldaten zieht – das behagte ihm besonders, denn er meinte, sie sähen alle wie Räuber, Aufrührer und Mörder aus und würden daher sehr typisch sein, wenn es im Sommer wirklich zu Unruhen käme. Er stellte mir in Aussicht, noch mehr zu bestellen – vielleicht will er abwarten, ob die weiteren Nachrichten aus China so lauten, daß die Bilder wirklich ein aktuelles Interesse gewinnen.

Es war komisch, O'Doyles Geschäftsspürsinn auf Bildersujets angewandt zu sehen, aber es beängstigte mich doch sehr, von Revolten und Fremdenverfolgungen so ruhig reden zu hören, als von Umständen, die man im voraus eskomptiert, durch die Aktien steigen oder sinken. Aber die Erinnerung an den Winter 98 hat mich beruhigt. Da sprach man ja auch von den stets näher rückenden Kangsu-Truppen, die ihren rückständigen Sold in Peking bei den Fremden erplündern wollten, und es kam auch wirklich zu vereinzelten Angriffen, als aber nach wenigen Tagen die Gesandtschaftswachen einmarschierten, erscholl nicht mal ein Ruf gegen das Häuflein bewaffneter Fremdlinge, und ihre bloße Gegenwart genügte, um in der wogenden See gelber Menschenmassen um uns herum Ruhe zu halten.

Es wird wohl diesmal wieder so werden!

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27.

_Berlin_, Mai 1900.

Mehr als ein Monat ist verstrichen, ohne daß ich Ihnen geschrieben habe. Ich bin während dem über den Atlantischen Ozean gefahren, stehe auf demselben Festland wie Sie – aber doch welch unabsehbare Ferne zwischen uns – und Sie wissen noch nichts von dem, was sich in dieser Zeit ereignet hat. Warum habe ich Ihnen so lange nicht geschrieben? Ich könnte sagen, daß es mir an Zeit gefehlt. Das wäre aber nicht wahr. Ein dunkles Gefühl hat mich davon zurückgehalten, das ich mir selbst kaum zu erklären vermag. Eine Scheu. Eine letzte Loyalität, die Schweigen heißt. Ihnen konnte ich auch keine banalen Phrasen schreiben, wie ich deren so viele in diesen letzten Wochen gehört und selbst gebraucht. Denn es gibt Anlässe, wo man sich unwillkürlich ins Banale rettet, weil es eine Hülle ist, eine breite wohl ausgetretene Straße, an deren Richtigkeit von andern nie gezweifelt wird. Man bleibt damit dicht an der gehärteten Oberfläche des eigenen Wesens, enthüllt nichts, was zum innern Ich gehört. Um aber zu den eigentlichen wahren Empfindungen zu gelangen, muß man in die Tiefen des Herzens greifen, und davor graut uns, wissen wir doch nie, was wir in ihnen finden werden.

Es ist alles so plötzlich gekommen. Das Ende scheint uns ja immer plötzlich. Ich mußte mich erst selbst zurechtfinden, ehe ich Ihnen schreiben konnte.

Er, von dem wir nie gesprochen, ist gestorben. – Wir erhielten in New York ein Telegramm, daß er, dessen Namen ich trage, schwer erkrankt sei. In der Anstalt, in der er sich seit Jahren befand, war eine Feuersbrunst ausgebrochen. Er war zwar gerettet worden, aber infolge der nervösen Erschütterung trat eine schwere akute Gehirnerkrankung ein. Mein Bruder erbat sich telegraphisch Urlaub von seinem Geschäftshause, und wir reisten mit dem nächsten Schiff von New York ab. Als wir eintrafen war alles vorüber. Wir fanden nur ein frisches Grab. Ich ängstigte mich so sehr vor diesem Augenblick, wußte nicht, was er mir innerlich an Unerwartetem bringen würde, denn für das alltägliche Leben und seine kleinen Vorkommnisse glauben wir uns zu kennen, aber bei plötzlichen Gelegenheiten sind wir uns selbst immer wieder Überraschungen. – Als wir zum Grabe gingen, hielt ich mich zuerst fest am Arm meines Bruders, wie um Schutz zu suchen vor Unbekanntem, und dann allmählich ließ die Spannung der Nerven nach – nichts Unbekanntes, nichts Neues erschien – nichts war verändert. Ich ward mir plötzlich bewußt, daß ich ganz ruhig war.

Was habe ich eigentlich empfunden?

Sein Leben war seit Jahren so entsetzlich, daß sein Tod niemandem so erscheinen konnte. Ist doch vielleicht auch bei anderen Wesen, die nicht wie er die Grenze überschritten haben, die wir Vernunft nennen, das Leben der Jammer, nicht der Tod. Wir schätzen es nur so falsch, weil wir durch Generationen hindurch dazu erzogen sind. Wie sollten auch Leute regiert, wie sollten Leute zu Gott geführt werden, qui feraient franchement fi de la vie? Gott? Auch dieses eine spezielle Leben soll er gegeben haben, und es war ihm vermutlich doch auch so viel wert wie die Spatzen, die er nicht vom Dache fallen läßt. Und doch ist dies Leben verkommen, der Geist hat sich hoffnungslos umnachtet. Einer Kette mit bleierner Kugel gleich, hat sich die eine Existenz hemmend und lähmend an eine andere gehängt. Diesem anderen Wesen war die Fähigkeit verliehen, den vollen Schmerz, die ganze Entwürdigung dieser Last bis in seine innersten Fasern zu fühlen; Hoffen, Streben, Sehnen waren ihm gegeben, und nichts hat sich erfüllt von all den Möglichkeiten, die ihm vorschwebten. Nachdem dann das eine Leben wie eine stumpfe, träge Masse jahrelang hingebrütet und das andere sich mit dem entsetzlichen Bewußtsein eigener Vergeudetheit und Zwecklosigkeit Jahre um Jahre müde hingeschleppt hatte, da hat eine rohe Katastrophe das plumpe Ende gebracht. Nichts ist aufgeklärt, nichts versöhnt. Man steht vor den unvernünftigen Tatsachen. Wozu das Ganze? Vorsehung? Nein, der Begriff erklärt mir nichts. In der Vorstellung einer weltenschaffenden, weltenlenkenden Gewalt, die trotz ihrer Allmacht aus ein paar einfachen Menschengeschicken ein so hoffnungsloses Wirrsal werden lässt, in der Vorstellung liegt eine solche Grausamkeit und Willkür, daß man sie immer anrufen möchte: »So verantworte dich doch, verantworte dich!« – Während all der letzten Jahre habe ich immer gesucht, diese Gedanken niederzuhalten, habe gekämpft, die Bitterkeit zu überwinden – und wie schwer war es doch oft! Besonders wenn es Frühling wurde, Frühling für andere und sie es so selbstverständlich fanden, glücklich zu sein – und man selbst war so allein, wie eine Art Zufallserscheinung, für die sich kein Platz findet im weiten Weltenplane. Wir finden uns ja leicht ab mit der großen Verschwendung, die in jeder Sekunde die Natur mit Millionen treibt, die alle des Daseins Möglichkeiten in sich trugen und doch ungelebt zurückschwinden müssen in das Unbekannte, aus dem sie hoffend aufgestiegen. Denn nichts lernt unsere Weisheit leichter einsehen, als die Unabänderlichkeit der Leiden anderer. – Aber, wenn es uns selbst trifft, wenn die Unabänderlichkeit gerade uns faßt, alles das in uns knickt, was werden möchte, wenn jeder Tag mit neuem Hoffen und Warten beginnt und doch nie anderes bringt, als dieselbe Enttäuschung, denselben müden Abend – dann erst erkennen wir die Ungeheuerlichkeit des Weltenleids, weil es unser Leid ist. Ach, das gläubige Hoffen junger Jahre, das allmählich zu zweifelndem Warten wird! Wenn uns zuerst im Leben Unglück und Unrecht betreffen, denken wir, daß sie nur ein vorübergehender Irrtum sind – etwas wie ein Rechenfehler – der gleich korrigiert und richtig gestellt werden wird. Alles in uns selbst erscheint uns so wichtig, so sehr der Entfaltung wert, daß wir den Gedanken unerträglich finden, irgend etwas unserer kostbaren Gaben könne unentwickelt, ungenutzt verkümmern und zugrunde gehen. – Samenstäubchen? – ja, für die ist es unabänderliches Weltengesetz. Aber wir?

Doch es mehren sich täglich die Erfahrungen, sie wachsen zu langer Kette, und blicken wir zurück, so sehen wir, wie Vieles schon in uns gestorben, noch ehe es leben durfte, verkümmerte Talente, schaffensfreudiges Wollen, Sehnsucht zu lieben, Anlagen und Interessen – alles umsonst in uns gelegt, es sollte sich ja nie entfalten dürfen – war schon im voraus verdammt. Denn viele sind berufen, aber Wenige sind auserwählt. Mählich wächst dann die Erkenntnis, gegen die wir uns zuerst noch sträubten, von der wir im Innersten längst wissen, daß sie recht hat – auch wir gehören zu den Verschwendeten, zu den Millionen, deren Erscheinen ganz zwecklos war. Überproduktion. Schaum, der über den Rand des Bechers fließt.

Wer das vom eigenen Leben erkannt hat, den fröstelt es in Mark und Blut. Wozu überhaupt noch weiter? An Stelle all des Gewollten tritt ein einzig großes Sehnen, wie die welken Blätter müde niederzusinken und unter weißschimmernder Winterdecke aufzugehen im feuchtbraunen Boden, Nahrung werden für die ewig verschwendende Erde – dazu vielleicht taugen auch wir.

Wie oft habe ich all das während der letzten Jahre gedacht und darum gekämpft, ruhig und still zu werden. Denn Bitterkeit und Empörung zu Wehmut und Mitleid wandeln – das ist des Lebens Aufgabe, die wir lösen müssen, wollen wir nicht in Verzweiflung enden.

Nun stand ich an einem Grab. Auch ein armer, verschwendeter Mensch, der da unten ruht. Hat mir nichts Übles gewollt – liebte mich sogar einstmals auf seine Art – es kursiert ja so viel Verschiedenes unter diesem Namen. Hat mir nichts Übles gewollt – hat nur mein ganzes Leben vernichtet – hat dazu gerade lange genug leben müssen – in allem anderen auch nur ein armes, zweckloses Dasein. Niemand kann darauf Antwort geben: warum mußte er sein und selbst so viel leiden und so viel Leiden verursachen? Sicher hat auch er einst die große Empörung und Bitterkeit empfunden, als er zuerst des Unheils Nahen fühlte, nicht mehr denken konnte wie er wollte, seltsame Handlungen beging, deren Motive ihm nachher verschwunden waren. Sicherlich hat auch er sich aufgelehnt und gekämpft gegen das Unverständliche, Stärkere; hat sich doch schließlich auch in sein Schicksal fügen müssen, denn das Schicksal ist immer stärker als unser kleiner Verstand und Wille – auch wenn Schicksal Wahnsinn heißt.

»Die entsetzlichen Tobsuchtanfälle,« erzählte uns sein Wärter, »hatten vor der Feuersbrunst, während seiner letzten Lebenszeiten, mehr und mehr abgenommen; es war, als sinke er allmählich in völlige Stumpfheit; wir erleben das an vielen Kranken; es ist dann schließlich ganz leicht, mit ihnen fertig zu werden.«

Und ich dachte, ja, zuerst Auflehnung, dann stumpf und mürbe werden, das ist so Menschenlos. Der eine findet es hier in einer engen Irrenzelle, der andere draußen in der weiten Narrenwelt.

»Gottlob, nun hat er ausgelitten, nun ruht der arme Herr,« sagte der Wärter.

Ich schaute ihn erstaunt an. Der Mann sieht Jahr aus Jahr ein solche Schicksale vor sich und kann noch Gott loben!

Vielleicht aber hatte er recht. Leiden ist das Übel, Tod nur Ende und Erlösung.