Briefe, die ihn nicht erreichten
Part 6
In Garzin, dem märkischen Gut, wo ich aufgewachsen, da blühte der Flieder im Mai. Vier große Büsche standen auf dem Rasen vor dem Schloß, in ihrer Mitte eine alte Sonnenuhr. Jeden Frühling, wenn der Flieder blühte, kam derselbe alte Invalide auf einem Stelzfuß angehumpelt; er stellte sich im Schloßhof auf und spielte uns auf seiner Drehorgel »Die letzte Rose« und »Lang, lang ist's her«. Ich weiß nicht, wo er Winters blieb, aber in all meinen frühesten Frühlingserinnerungen steht der Invalide mit der Drehorgel, und der Flieder duftet, und wir Kinder suchen fünfblättrige Fliederblüten – denn die sollten Glück bringen wie vierblättriger Klee. Einmal schenkte ich dem alten Drehorgelmann solch ein fünfblättriges Blümchen – aber der glaubte nicht recht daran.
An so viele Zeiten und Orte mahnt der Duft!
Sogar im blumenarmen Peking gab es Flieder. In allen Gesandtschaftsgärten standen eine Menge Büsche. Im April über Nacht erblühten sie mit einemmal, alle zugleich. In allen Wohnzimmern, auf allen Speisetischen war dann die gleiche weiß-lila Pracht und Fülle. Vierzehn Tage dauerte der Blumenzauber. Das war die einzige Zeit des Jahres, wo es in Peking gut roch.
In den Tagen der Fliederblüte gab Sir Robert Hart regelmäßig eines seiner Gartenfeste. Die chinesische, uniformierte Kapelle, die er sich hielt und auf die er sehr stolz war, spielte die paar europäischen Weisen, die ihr ein portugiesischer Kapellmeister aus Macao beigebracht hatte. Mit den altbekannten, nur zuweilen unfreiwilligerweise etwas veränderten Melodien zog durch den Garten der heimatliche Fliederduft. Männlein und Weiblein der Société de Pékin wandelten in den paar Alleen auf und ab und zeigten Tientais neueste Modeschöpfungen; sie gingen paarweise, persönlicher Neigung folgend, oder gruppierten sich je nach der augenblicklichen politischen Konstellation. Politik ist eine Würze, die in Peking gern allem beigemischt wird. – Zum Schluß dieser geselligen Vereinigungen wurde dann immer eine Quadrille auf dem kleinen holperigen Rasenplatz getanzt. Man tat jedesmal so, als sei diese Quadrille der spontane Ausdruck überströmender festlicher Stimmung – aber sie war im Programm immer ganz vorgesehen.
Das war alles ganz stereotyp – denn alle Dinge in China haben die Neigung, stereotyp zu werden!
Solche Vergnügungen in entlegenen Plätzen haben mir immer etwas so unendlich Wehmütiges. Sie sind ein offenbarer Versuch der Selbsttäuschung, zu dem so sehr viel guter Wille gehört. Kleine rührend traurige Bemühungen, um zu vergessen, wo man ist, was alles fehlt. Der festgefaßte und ernsthaft durchgeführte Vorsatz, auch einmal »große Welt« zu sein.
Wie tieftraurig bin ich doch schon oft inmitten solch künstlich verpflanzter und betriebener Amüsements gewesen – sie erinnern an kümmerlichen weißen Winterflieder – der ist auch nichts Rechtes!
22.
_New York_, Februar 1900.
Ich bin noch recht elend, möchte Ihnen aber doch ein bißchen schreiben, um mir dadurch die Illusion zu geben, als seien Sie hier.
Wenn ich krank bin, tue ich mir immer so schrecklich leid – ich möchte mich dann am liebsten selbst in die Arme nehmen können und mich trösten. Gute Gesundheit täuscht über so manches hinweg; wir fühlen uns allem gewachsen und sind daher mit uns selbst zufrieden, und sobald man das ist, ist ja alles gut. Wenn wir aber oft krank sind und die Rechnung zwischen Sollen und Können immer mit einem Defizit für uns schließt, dann erscheint die ganze Welt wie ein Exempel, das nie stimmt, wo es immer irgendwo hapert. Glauben Sie nun deshalb nicht, daß ich hier besonders einsam und vernachlässigt wäre; die kleine Ecke Welt, die im Gesichtskreis meines Sofaplatzes liegt, ist wahrscheinlich nicht schlimmer und langweiliger wie andere auch, und es besuchen mich eine ganze Anzahl Menschen. Am häufigsten kommt Madame Baltykoff, und gewöhnlich findet sich Anstruther zur selben Zeit ein. Diese unermüdliche Russin hat erstaunliche Vorräte an Wissensdurst; sie besieht sich New York von allen Seiten: Auswandererherbergen, Fifth Avenue-Feste, Schulen, Druckereien, Wall Street, Gefängnisse, Klöster – tout lui est bon. Kürzlich erzählte sie mir von einem Damenlunch, bei dem sie gewesen. Während nämlich die New Yorker Herren im Geschäft sind und Geld verdienen, vertreiben sich die Damen die Zeit, indem sie sich untereinander kleine Feste geben, bei denen sie sich in neuen, kostspieligen Einfällen zu überbieten suchen. Für einen solchen Lunch wird eine bestimmte Farbe gewählt. Die neuliche war lila. Alle Blumendekorationen, auf dem Tisch, an den Wänden und Kronleuchtern, bestanden aus Parma-Veilchen, das Tischtuch war Spitzen bedeckte lila Seide, die Tischkarten lila Karton, Wirtin und Gäste trugen Kleider verschiedener lila Tönungen. Das kleine, sehr verzogene Töchterchen des Hauses war als Veilchen verkleidet. Madame Baltykoff erzählte, es sei während der ganzen Mahlzeit unausgesetzt rund um den Tisch herumgelaufen; die zärtliche Mutter bemerkte schließlich, daß ihre Gäste hiervon nervös wurden, aber anstatt das Kind hinauszuschicken, sagte sie ihm nur: »Dodo, darling, renn doch jetzt mal in der andern Richtung um den Tisch – es wird uns sonst schwindlig.«
Solche kleinen Damenfeste werden, wie alle sonstigen geselligen Begebenheiten auch, am nächsten Tage in all ihren Einzelheiten von den Zeitungen beschrieben. Die Öffentlichkeit des Privatlebens in Amerika ist immer von neuem ein Gegenstand des Staunens für uns Fremde. Sie erstreckt sich auf die kleinsten Handlungen der oberen 400. Das gesellschaftliche Debut einer jungen Dame aus diesen Kreisen wird im voraus bekannt gegeben, mit Beschreibungen ihrer äußeren Erscheinung und aller Toiletten, die sie in Paris bestellt hat, man kann in den Zeitungen lesen, wie viel Taschengeld sie zu verausgaben hat, welche Handschuhnummer sie trägt, welche Blume sie bevorzugt, wer ihre Hofmacher sind. Verheiratet sie sich, so werden spaltenlange Artikel ihrer Ausstattung und ihren Hochzeitsgeschenken gewidmet und genaue Berechnungen aufgestellt, was der Bräutigam wert ist (an Dollars nämlich). Eine New Yorker Dame ist eigentlich nie allein – sie agiert beständig vor Reportern, die der neugierigen Menge die wichtige Kenntnis aller Einzelheiten ihres Lebens vermitteln. Das Bewußtsein, fortwährend beobachtet, besprochen und beschrieben zu werden, mag dazu beitragen, daß die modernen Amerikanerinnen der obersten Gesellschaftsklassen keinen Augenblick vergessen, welchen Eindruck sie hervorrufen. Sie sind immer darauf bedacht, zu gefallen, und ruhen nicht eher, bis jeder, der ihnen naht, sich ihrem Charme ganz gefangen gibt. Sie sind stets liebenswürdig, reizend und faszinierend, aber gesunden Menschen anderer Weltteile mögen diese nervösen, blutarmen Wesen oftmals etwas unnatürlich erscheinen. Sie leben hauptsächlich von Bewunderung, daneben auch noch von Eiswasser und auserlesenen kleinen Gerichten, an denen sie ein bißchen herumknabbern; die Beefsteakseite des Lebens ist ihnen ein Greuel; sie möchten am liebsten alles Physische abschaffen, nennen es roh, höherer Wesen unwürdig, und denken, daß es abgetan und in untere Gesellschaftssphären verbannt sei, weil sie es mißachten. Wegen dieser eigenen Temperamentlosigkeit und weil sie an die beständige Überarbeitung und geschäftliche Präokkupation der rasch alternden amerikanischen Männer gewöhnt sind, können sie in ihrem Lieblingszeitvertreib, dem Flirt, auch soweit gehen. Ein verliebter Europäer, der europäische Folgerungen ziehen wollte, käme schlimm an; er würde zu hören bekommen, daß er kein Gentleman sei und Frauen nicht respektiere.
Inmitten dieses verkünstelten Daseins berührt es seltsam, welche Vergötterung mit Kindern getrieben wird. Es ist das ein ganz charakteristischer Zug der hiesigen Gesellschaft. Vielleicht stammt er noch aus der Zeit her, wo es hier so wenig Einwohner für das riesige Land gab, daß man sich über jeden neuen kleinen amerikanischen Bürger ganz unsinnig freute; vielleicht ist es im Gegenteil ein allermodernstes Gefühl, weil in der neuesten Zeit in der elegantesten, reichsten New Yorker Gesellschaft die Kinderzahl stetig abnimmt und man daher ein jedes wie ein kleines Wunder anstarrt. – Die schönen New Yorkerinnen haben gar so viel zu tun!
Auffallend ist, welches Gewicht dem Urteil amerikanischer Damen auf allen Gebieten zugestanden wird. Literarischer, künstlerischer Ruf wird von ihnen bestimmt; wer vorwärts kommen will, muß so malen, schreiben oder musizieren, daß er den leitenden Damen der Gesellschaft gefällt. In allen schöngeistigen Dingen sind sie ihren gelderwerbenden Männern sehr überlegen, und niemand weiß das besser, als sie selbst, aber ich glaube kaum, daß sie sich dadurch unglücklich fühlen, es erscheint ihnen der weisen Ordnung der Dinge zu entsprechen; und die Pose der feingebildeten, nur das Zarteste empfindenden Frau, die von einem aus gröberem Stoff geformten Mann nicht ganz verstanden wird, ist eine kleidsam geheimnisvolle. Bezaubernde, diaphane Geschöpfe sind es, für jede Tagesstunde mit andern berückenden Gewändern versehen, und die große Nutzlosigkeit ihres Daseins verbergen sie vor sich selbst mit Erfolg hinter einem felsenfesten Glauben an die Wichtigkeit der tausenderlei Dinge, die sie in steter Eile betreiben.
Aber das ist nur ein ganz bestimmter Typus, den wir Fremde vielleicht gerade deshalb am raschesten kennen lernen, weil diese Frauen keine eigentliche Tätigkeit mit unaufschiebbaren Pflichten kennen und mit aller Geschäftigkeit und Hast doch immer nur nach neuen Dingen suchen, um die Zeit zu füllen. Die wahrhaften, berufsmäßigen Arbeiter eines Landes lernt ein Reisender immer am schwersten kennen, denn die haben keine Zeit für ihn – und wieviel arbeitende, schaffende Frauen muß es in dieser 70 Millionen-Nation geben!
23.
_New York_, März 1900.
Raten Sie mal, lieber Freund, wer mich heute hier besuchte?
Der Provikar Hofer! Aber ein entchinester, auch im äußern ganz römisch-katholisch gewordener Hofer. Zum letztenmal hatte ich ihn vor zwei Jahren in Pei-ta-ho gesehen, wo er seinen Gesandten besuchte. Wie alle katholischen Priester in China trug er damals den Zopf (ziemlich spärlicher Natur) und chinesische Kleider, der Hitze halber aus dünner weißer Waschseide, die er mehrmals des Tags wechselte, so daß er stets von immakulierter Weiße war und ich ihm dort einmal sagte, er gliche im äußern den Lilien auf dem Felde, aber das Sorgen überlasse er nicht nur dem lieben Gott, sondern halte es darin wohl mehr mit Martha als mit Maria. Heute nun sah ich ihn in gewöhnlicher schwarzer Priestertracht wieder und erkannte ihn anfänglich gar nicht in dieser Rückbildung. Er war aber sonst ganz der Alte, derb, heiter und voll gesunden Menschenverstandes. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie ich mich freute, jemand zu sehen, der direkt von Peking kam! Beinah ebenso froh war ich wie Ta, der dem Provikar einen kotau-artigen Knix machte und ganz strahlend schien, endlich mal wieder chinesisch sprechen zu können.
Natürlich fragte ich Hofer gleich nach Ihnen. Er sagte mir aber, nachdem was er in Peking gehört habe, glaube er, daß Sie erst im Juni dort eintreffen würden. Da wird es also noch lange dauern, bis ich von Ihnen höre, und während all der Zeit werden auf der Post in Schanghai meine Briefe liegen, die ich immer in der Illusion schreibe, als schwatzte ich mit Ihnen, und als könnten meine Gedanken Sie unmittelbar erreichen. Von den Pekinger Bekannten erzählte mir der Provikar, und obschon er nur alle paar Jahre aus seiner Provinz mal hinkommt, kennt er doch sämtliche dortigen, kleinen und großen Intrigen, als hielte er die Fäden in der Hand. Er ist mir immer ein Beispiel von der merkwürdigen Wohlunterrichtetheit des höheren katholischen Klerus, der alle Diplomaten, diese Regierungsnachrichtensammler, als wahre Stümper weit hinter sich läßt.
Nachdem mir der Provikar die neuesten Begebenheiten von der Société de Pékin mitgeteilt hatte, fragte ich ihn, was seine jetzige Reise bedeute. Er antwortete, daß er auf dem Weg nach Europa sei, um dort darauf aufmerksam zu machen, daß sich in China schlimme Ereignisse vorbereiteten. Er erzählte mir, in seiner Provinz herrschten seit Monaten große Unruhen, die von geheimen Gesellschaften ausgingen und die einen sehr fremdenfeindlichen Charakter trügen. »Daran sind wir ja gewöhnt,« sagte er, »was mich aber ernstlich besorgt macht, das ist, daß diese Unruhestifter offen von den provinziellen Mandarinen in Schutz genommen werden und diese wiederum sich auf die höchsten Autoritäten in Peking berufen. Es sind Missionare und einheimische Christen überfallen worden, ohne daß eine Bestrafung der Täter zu erreichen gewesen wäre; und die in letzter Zeit neu ernannten hohen Beamten sind ob ihres Christenhasses und Einvernehmens mit den geheimen Gesellschaften bekannt. In Peking herrscht eben nicht mehr die Furcht des Herrn, die beim Orientalen ganz besonders aller Weisheit Anfang ist. Wir Missionare im Innern fühlen die Folgen solch veränderter Haltung ja immer am ersten. Wir hören auch manches, was für andere Ohren zu leise gesprochen wird, und durch China geht jetzt das Wort, »man brauche sich nicht zu fürchten, die Stunde der fremden Teufel habe geschlagen«. Favier glaubt wie ich an eine große, nahende Gefahr, denn auch er ist von seinen einheimischen Christen gewarnt worden. Die Führer der Großmessermänner sprechen es ja offen aus: »zuerst die chinesischen Christen, dann die Fremden«. Ich habe dies Wort an die rechte Stelle hinterbracht, da ist mir aber angedeutet worden, wir Missionare seien durch allzu viel Schutz verwöhnt und anmaßend geworden, in früheren Jahren hätten wir Verfolgungsgefahren als die notwendige Begleitung alles Missionierens angesehen und hätten nicht nach Kriegsschiffen und Soldaten zu unserm Schutz gerufen. Ich habe denen in Peking die letzte Warnung gegeben: »Die Gefahr betrifft diesmal die Missionare nicht mehr als die anderen Fremden – vielleicht geht es Euch hier in Peking schlimmer als uns in unsern Provinzen.«
Ich konnte es gar nicht glauben, was mir der Provikar da erzählte. Ich erinnerte ihn an die vollkommene Sorglosigkeit und Sicherheit, mit der alle Fremden, nicht nur in Peking selbst, sondern Sommers in den einsamen, entlegenen Tempeln der Umgegend lebten.
»Wie hat sich denn das alles so schnell derartig verändern können?« fragte ich ihn.
»Da kam vieles zusammen,« antwortete er mir. »Seit ein paar Jahren herrscht in mehreren Provinzen Hungersnot, und es ist dadurch ein Grad des Elends entstanden, den man in Europa überhaupt nicht kennt. Viele Arbeiter fürchten auch für ihren kleinen Broterwerb, wegen der Erbauung von Eisenbahnen und der Befahrung der Flüsse mit Dampfschiffen, wovon sie dunkel als von etwas Ungeheuerlichem reden hören. Nachrichten über auswärtige Begebenheiten verbreiten sich in China zwar langsam, noch 1897 erinnere ich mich, Priester und Mandarine in der Gegend von Jehol gesprochen zu haben, die nichts von einem japanischen Kriege ahnten, aber allmählich ist doch die Kunde von den letzten europäischen Annexionen in weitere Kreise gedrungen und hat Beschämung und Erbitterung hervorgerufen. Die wachsende Unzufriedenheit richtete sich anfänglich gegen die Dynastie und Regierung, die all diese Übergriffe zugelassen hatten. Nun ist es aber der Kaiserin gelungen, diesen Zorn von sich abzulenken, indem sie seit dem September 1898 alle fremdenfreundlichen Elemente verfolgt und diese anklagt, an allen Einbußen, die China in den letzten Jahren erlitten, schuld zu sein. Sie umgibt sich mehr und mehr mit den reaktionären Elementen und gibt ihnen zu verstehen, daß sie auf ihre Hilfe gerade gegen die Fremden zählt. Die Kaiserin ist ja eine weit überschätzte Persönlichkeit, die von den realen Machtverhältnissen der Welt keine Ahnung hat – aber sie ist, wie viele sogenannte große Leute, eine Meisterin in der Wahrnehmung ihrer eigenen, augenblicklichen Interessen und fühlt immer rechtzeitig, welche Partei in ihrem Lande gerade die stärkste ist, um sich auf diese zu stützen. Jahrelang stand sie an der Spitze der chinesischen Fortschrittspartei, was allerdings immer eine sehr milde Dosis Fortschritt bedeutet, zur Zeit der chinesischen Niederlagen durch die Japaner hat sie ihren Rückhalt an den fremden Mächten gesucht, und als sie die wachsende Erbitterung im Lande gerade gegen die Fremden wahrgenommen, ist sie zu den Reaktionären übergeschwenkt. Heute wissen alle fremdenfeindlichen Mandarine und Geheimbündler, daß die Kaiserin nur auf ihre Erfolge wartet, um sich offen zu ihnen zu bekennen.«
»Aber es ist doch nicht denkbar, daß man dem ruhig zusehen und nur abwarten wird, was weiter geschieht?«
»Hoffentlich gelingt es mir in Europa von der nahenden Gefahr zu überzeugen – in Peking wollte man Favier und mir nicht glauben. Eine Krise wäre allen unbequem, drum will sie niemand kommen sehen. Es gilt jetzt eben die Parole, in China herrsche Ruhe und Ordnung und alles dort angelegte Kapital würde in nächster Zukunft Goldströme einbringen. Wer an diesem bequemen Optimismus rüttelt, ist natürlich unwillkommen und am unwillkommensten den Geldleuten, deren Einfluß der unheilvollste von allen in China gewesen ist. Diesen Herren zu Liebe, die geborgen in Europa sitzen, und die selbst nie chinesischen Mördern und Boxern, chinesischem Klima und Kriege zum Opfer fallen können, wurden den Chinesen Eisenbahn- und Minenkonzessionen abgerungen. Es ging den Finanzleuten nie schnell genug, sie konnten nie genug bekommen. Mehr als jede Regierung waren sie von ihrer Allwissenheit überzeugt und hörten auf keinerlei Vorstellung, die ihnen von Peking aus gemacht wurde.«
»Ja«, sagte ich, »davon wissen die geschäftlichen Vertreter der Finanzbarone in Peking einiges zu erzählen. Aber nicht nur diese konnten ihnen nie genug erwerben, auch die Gesandten klagten darüber, daß sie getrieben würden, Dinge durchzusetzen, die sie selbst für unheilvoll hielten.«
Der Provikar fuhr fort: »Ich habe damals in Peking mit Mandarinen gesprochen, die derartige Verhandlungen zu führen hatten. Es waren Leute darunter, die den besten Willen hatten, die gerecht waren und sich innerlich zu den nötigen Konzessionen entschlossen hatten. Aber sie sind verzweifelt zu mir gekommen und haben mir geklagt, die immer neuen Forderungen, die an sie gestellt würden, könnten sie unmöglich dem Throne empfehlen. Man kenne keine Rücksicht auf chinesisches Empfinden, es sei auch kein Ende abzusehen, immer wieder kämen neue, weitergehende Verlangen. – Schritt für Schritt mußten sie dann doch nachgeben. Schließlich sagte mir mal der eine: »Das, wozu ich jetzt gezwungen werde, meine Regierung zu überreden, wird die reaktionäre, fremdenfeindliche Partei ans Ruder bringen, und mir wird es noch mal den Kopf kosten.« Und er hat mit beidem recht gehabt. Die gierige Unersättlichkeit der Fremden hat die chinesische Regierung der reaktionären Partei in die Arme getrieben, und jener chinesische Unterhändler ist eines ihrer ersten Opfer, eine Art Sündenbock geworden. Nachdem er alle Ehren seines Landes besessen, sitzt er heute verbannt in Turkestan, falls er überhaupt noch am Leben ist. Er ist eine tragische Figur der modernen chinesischen Geschichte.«
»Aber was ist jetzt noch zu tun möglich?« fragte ich.
»Vor allem in Peking keine Inkonsequenz, keine Schwäche zeigen. Auch könnte man der alten Kaiserin einmal ernstlich drohen, daß man gegen sie für den jungen Kaiser und seine Reformfreunde Partei ergreifen würde. Das ist eine Karte, die noch gar nicht ausgespielt worden ist. Und vor allem, auf alle Möglichkeiten gefasst sein, immer Gesandtschaftswachen in Peking halten und berittene Mannschaften zur Hand haben, die auf die geringste Gefahr hin in Tientsin ausgeschifft werden können, um die Bahn zu schützen.«
»Und nun wollen Sie das alles in Europa vortragen?«
»Ja, ich halte es für meine Pflicht, noch einmal zu warnen, denn wenn man den jetzigen Moment versäumt, und nicht noch Einhalt geboten wird, so muß gerade das eintreten, was man vermeiden möchte, und wir können in China eine Katastrophe erleben, wie sie noch nie dagewesen. Aller Handel, alle dortigen Unternehmungen werden auf Jahre hinaus unterbrochen werden, und wir müssen notwendigerweise in Verwicklungen, Opfer und Ausgaben geraten, die sich gar nicht absehen lassen.«
24.
_New York_, März 1900.
Heute früh brachte die Post einen Brief aus China für Ta. Ich gab ihn ihm. Nach kurzer Zeit kam er wieder zu mir und sagte mir mit einem Gesicht, hinter dessen orientalischem Gleichmut doch die Bestürzung zu lesen war, er bäte mich, ihn nach Hause zurückreisen zu lassen, seine Mutter verlange durchaus nach ihm. Ich konnte es nicht verstehen, denn wir schicken seiner Mutter jetzt regelmäßig Geld, und sie ist eigentlich besser daran, als wenn Ta in Peking wäre. Er blieb aber dabei, der Brief sei so, daß er nicht länger zögern dürfe, er müsse durchaus nach Hause, wollte er nicht ein ganz schlechter Sohn sein. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Zum Glück kam der Provikar zum Frühstück zu uns. Ihm erzählte ich den Fall und bat ihn um Rat. Ta wurde hereingerufen. Sie verhandelten lange miteinander auf chinesisch, der Provikar las den Brief, dann wandte er sich an mich: »Das ist nun gleich eine Bestätigung dessen, was ich Ihnen vor ein paar Tagen erzählte. Die chinesischen Konvertiten in und um Peking scheinen zu wissen, daß sich schlimme Dinge gegen sie vorbereiten. Tas Mutter, die wie so viele Christen in der Nähe des Petang lebt, fürchtet sich offenbar sehr. Sie hat Drohungen gehört gegen die Christen, die Fremden und alle, die zu ihnen halten. Sie ist Witwe und wohnt allein mit ihren jüngeren Kindern und mit Tas Frau. Den Brief hat sie einem Schwager von Ta diktiert und auch dieser sagt, er solle möglichst rasch zurückkommen. Er fügt noch hinzu, daß Ta, da er Tatare und Bannermann sei, eigentlich gar nicht außerhalb eines bestimmten Umkreises von Peking hinaus gedurft hätte. Es sei schon mehrmals nach ihm gefragt worden, sie hätten sich bisher immer herausgeredet, die Frager auch mit kleinen Geschenken beruhigt. Aber jetzt fingen Leute, die ihnen übel wollten, an, von Tas Abwesenheit zu reden; um deren Schweigen zu erkaufen, gehörten Summen, die sie nicht aufzubringen imstande seien. Würden sie aber denunziert, so würden sie eingekerkert, gemartert und um alles gebracht werden. Besonders in jetziger Zeit, wo sich Christen still verhalten und suchen müßten, möglichst unbemerkt zu bleiben.«
»Und halten Sie die ganze Geschichte für wahr?« fragte ich den Provikar.
»O ja,« antwortete er. »Es ist alles daran so echt chinesisch. Nirgends wie in China hat jeder einzelne so viel Feinde, d. h. Leute, die auf ihn drücken, die etwas Schlimmes, das sie über ihn wissen, ausnutzen, um ihn zu schröpfen. Es ist das Land der Denunziationen, der Erpressungen. Ein jeder hat da Angst vor einem Anderen Mächtigeren. Das geht durch alle Schichten. Geheime Gesellschaften, große Spionagesysteme ziehen sich wie Netze durch das ganze Land. Jetzt hat eine besondere Agitation gegen Christen begonnen, gegen alle, die mit den Fremden in Zusammenhang stehen. Als Vorspiel vielleicht für größere Begebenheiten. Mich erinnert es alles sehr an die Zeiten vor den Tientsiner Fremdenmetzeleien im Jahre 1870.«
»Was raten Sie mir aber wegen Ta zu tun?«