Briefe, die ihn nicht erreichten

Part 5

Chapter 53,655 wordsPublic domain

Lieber Freund! Möchte das Jahr Sie mit allem Guten beschenken, das ich Ihnen wünsche! Gleich die ersten Gedanken heute früh flogen hinaus über die grollenden Wintermeere und die weiten hart gefrorenen Ebenen, in denen der Sturm heult, flogen aus, Sie zu suchen, und konnten Sie nicht finden, und flattern nun weiter unstet umher, können nirgends zur Ruhe kommen, sehnen sich so sehr, Ihnen ein kleines Zeichen zu geben. Alles Schöne und alles Glückliche möchte ich in Ihr Leben hinein zaubern – und konnte Ihnen doch am Weihnachtsabend kein Bäumchen schmücken, kann Ihnen heute zu Neujahr nicht einmal die Hände reichen! Den ganzen Tag war mir, als müsse heute durchaus ein Wort von Ihnen zu mir dringen, als müsse Ihre Stimme ganz leise aus der Ferne klingen, wie einstmals in vergangenen Tagen, als Sie mir sagten: »Und darf es nicht Glück sein, so sei's doch das Nächstbeste.« Und Ihr »Nächstbestes«, lieber Freund, war immer noch so viel reicher und zarter, so viel sorgender als alles, was andere Menschen als höchstes Glück zu geben vermögen; Sie haben mich so sehr verwöhnt, daß ich mir jetzt oft ganz verlassen vorkomme.

Auf daß Ihnen aber die Lektüre dieses Briefes nicht schlecht bekomme und Sie nicht etwa dem Hochmutsteufelchen verfallen, werde ich gleich hinzusetzen, daß ich immer etwas am großen Heimweh der Vergangenheit leide, und daß, wenn man mehrere Jahre in einem so eigenartigen Ort wie Peking gelebt und dort Wurzel gefaßt hat, es schwer fällt, in einer so absolut entgegengesetzten Welt wie New York heimisch zu werden. Wer sich in Brüssel wohl fühlt, dem wird auch Paris gefallen, wer sich in Dresden eingelebt, der wird es auch in München fertig bringen. – Da sind keine weltentrennende Rassen- und Anschauungsgegensätze zu überwinden. Wer aber den Osten wirklich mal kennt und liebt, der passt nicht mehr in diese westliche Welt. Man staunt sie an, sagt sich wohl auch mit dem Verstand, daß ihr das neue Jahrhundert gehören wird, aber man wird in ihr nie mehr heimisch, man fühlt sich in stetem Widerspruch. – Wie mag es nur Kipling, dieser große Orientale, hier je ausgehalten haben! Wie sehr kann ich ihm das Heimweh nach dem Osten nachempfinden, das wie ein Moll-Leitmotiv der Sehnsucht durch seine Werke zittert – unverständlich für die, deren beste Jahre nicht jenseits Suez gelebt wurden.

Ich muß heute soviel an manche englische Beamte denken, die ich vor Jahren in Indien gekannt und dann pensioniert und gealtert in irgend einem Städtchen Englands wiedergesehen habe. Dort in Indien hatten sie viel räsonniert, über Klima, Natives und Silberkurs, aber trotz aller Klagen fühlten sie sich doch immer als Götter, wenn auch nur als Achtel-, Viertel- oder Halbgötter; und es waren doch, ohne daß sie es recht wußten, ihre glücklichsten Jahre gewesen, die sie dort verlebt – man ist ja meist glücklich, ohne es zu wissen, und merkt, daß man es war, daran, daß man aufhört es zu sein. In Bath oder Torquay, unter grauem Himmel, in engen Zimmern, mit einer ungeschickten, schlecht kochenden Mary Ann, der sie nie einen hindustanischen Fluch nachschmettern durften, umgeben von lauter Leuten, die nichts wußten von der Gottgleichheit, die jedem weißen Sahib in den Städten auf »abad« oder »epore« zu eigen ist, da verstanden die Armen es erst ganz, wie schön es einst gewesen; und das große Heimweh nach dem Osten schlich sich in ihre Herzen und nistete sich fest ein.

Ich komme mir hier so oft vor wie einer jener pensionierten englischen Beamten! Oder wie eine arme, kleine, vertriebene Königin, der niemand anmerkt, daß sie einst ein güldenes Krönchen trug! Wenn ich mich in dem Straßengewühl durchdränge, wo keiner mich kennt, und mir sage, daß, wenn ich tot umfiele, ich in eine kalte, graue Morgue gebracht würde, und niemand wüßte, wer ich bin, da sehne ich mich oft nach der Stadt, wo jeder mich kannte, wo alle am Bahnhof standen, als ich abreiste, und mir nachwinkten.

Das Bewußtsein der eigenen Kleinheit und Belanglosigkeit lastet auf uns modernen Menschen allen wie ein schweres Gewicht. Wir leiden unter der eigenen Winzigkeit, unter den engen Grenzen unseres Wissens und Lebens, seitdem uns die Endlosigkeit von Raum und Zeit gelehrt ward. Leute früherer Epochen kannten diesen Gegensatz zwischen menschlicher Kleinheit und Weltenunendlichkeit nicht; sie müssen zufriedener gewesen sein, weil sie sich selbst im richtigen Maßstab zu allem übrigen vorkamen. Diese Menschen, die in alten Häusern mit hohen Giebeln wohnten, und auch noch heute die Leute, die in ganz kleinen Zentren leben, wo jeder jeden kennt und der Glaube an die eigene Wichtigkeit nie getrübt wird, scheinen mir beneidenswerte Wesen; denn es gibt ja nichts Befriedigenderes, als an sich glauben zu können. In solchen kleinen Gemeinden floriert dann auch diese höchste Blüte der eigenen Wichtigkeitsüberzeugung – der Glaube an ein persönliches Fortbestehen. Es scheint doch ganz unmöglich, daß Herr A, mit dem man alle Samstag seit dreißig Jahren gekegelt hat, Frau B, mit der man schon auf der Schule in Rivalität lebte, plötzlich ganz ausgewischt, wie nie gewesen, sein sollen. Das kann solch bedeutenden Persönlichkeiten nimmer widerfahren! Sie sind zeitweise unsichtbar, auf der großen Reise begriffen, die alle mal antreten – aber nachher wird man sich wieder finden, ganz selbstverständlich. – Wer aber von den Wellen an zahllose fremde Küsten verschlagen worden ist und gesehen hat, daß überall und seit unendlichen Zeiten Millionen und Millionen geboren und begraben werden, ohne daß ihr Kommen und Gehen mehr Bedeutung hätte als Mückenschwärme, die einen Augenblick durch die Sonnenstrahlen schweben, der verliert den Glauben an die Wichtigkeit der Erscheinungen und an die innere Notwendigkeit der ewigen Fortdauer all dieser ganz gleichgültigen ameisenartigen Existenzen, die in individuell kaum unterscheidbaren Wiederholungen immer aufs neue entstehen und vergehen. Wenn einem dann die Erkenntnis aufgeht, daß man selbst auch nur in die Schar der menschlichen Eintagsfliegen gehört, dann sehnt man sich nach denen, die durch Freundschaft und liebevolle Pflege uns zeitweise die Illusion gegeben, als sei man eigentlich doch eine recht wichtige kleine Fliege, deren Wohl und Wehe für ein anderes Wesen die allergrößte Bedeutung hat.

Und weil ich das alles heute so sehr empfinde, hier in der Fremde, wo es jedem offenbar ganz gleichgültig ist, wie arme, kleine, vertriebene Königinnen das neue Jahr beginnen – drum habe ich Heimweh nach ... sagen wir nach Peking!

18.

_New York_, Januar 1900.

Ein kalter, grauer Tag. Zum Malen viel zu dunkel. Ein allgemeines Gefühl des Unbehagens. Das Buch, das man am Kamin sitzend liest, langweilt. Der Blick hinaus durch die Fenster langweilt ganz ebenso. Beinah möchte man die Menschen beneiden, die selbstgefällig sagen, »ich habe mich noch nie gelangweilt«, und die damit nur den Beweis liefern, wie grenzenlos langweilig sie selbst sein müssen, wenn sie wirklich nicht imstande sind, die Langeweile des Meisten zu erkennen, womit das Leben angefüllt ist.

Ich wünschte – ja, was wünsche ich eigentlich? Ich wünschte, ich wäre mit Ihnen auf einer weiten, merkwürdigen, gefahrvollen Entdeckungsreise in irgend ein seltsames Land – womöglich einen unerforschten Stern. Bitte, werden Sie nun aber nicht gleich eitel! Daß Sie nicht eitel sind, ist ja gerade eine Ihrer nettesten Eigenschaften, und jede echte Frau muß einen eitlen Mann unausstehlich finden, denn er nimmt ihr damit etwas weg, worauf sie ihr spezielles, anerkanntes Frauenrecht hat. Ich suche Sie ja auch nur deshalb zum Begleiter auf den unerforschten Stern aus, weil Livingstone, der dort sicher sofort Bescheid gewußt hätte, nun doch schon tot ist.

Aber wahrhaftig und im Ernst – ich habe manchmal eine so brennende Sehnsucht, etwas zu werden, zu sein, zu leisten! Ich komme mir zuweilen vor, als bestände ich aus lauter ungenutzten Fähigkeiten und als gingen alle Gelegenheiten, sich zu betätigen, die die meinen sein sollten, an mir vorbei und zu anderen hin, die nicht wissen, was sie damit beginnen sollen. Wir Menschen bestehen eben aus solchen, von denen nie annähernd das verlangt wird, was sie zu leisten imstande wären, und aus anderen, an die Anforderungen gestellt werden, denen sie in keiner Weise gerecht werden können. – Letztere sind natürlich die glücklicheren, denn ein Teil ihrer Unfähigkeit besteht gerade darin, gar nicht zu merken, wie sehr sie es sind.

Das Ergebnis dieser Welteinrichtung ist, daß niemand da steht, wo er stehen sollte. Wenn jemand plötzlich einen verantwortungsvollen Posten bekommt, gratuliert man ihm und sagt: »endlich, the right man in the right place« und denkt dabei: »what a mess he will make of it!« Und gewöhnlich hat man mit letzterer Vermutung recht.

Und ein großer »mess« der Weltenregierung ist es offenbar, daß ich hier sitze, abwechselnd in den Kamin oder auf die Straße starre, und daß alles andere, was ich etwa sonst noch tun könnte, ganz ebenso zwecklos wäre.

Frauen sitzen eigentlich immer da und warten, ob die Türe aufgeht und jemand kommt.

19.

_New York_, Januar 1900.

Ich ward gestern unterbrochen, lieber Freund! Weiß nicht, wie lange ich Ihnen sonst noch grau in graue Weltenbetrachtungen geschrieben hätte! Seien Sie also dankbar, daß gestern die Tür wirklich aufging und Madame Baltykoff bei mir eintrat, ein Pelzmützchen auf dem Kopf, das ihr so natürlich gut stand, wie jeder Katze ihr Fell.

»Nein, wie beneidenswert unbeschäftigt Sie aussehen!« sagte Madame Baltykoff. »Und ich bin so abgehetzt durch alles, was ich mitmachen und wobei ich gesehen werden soll. In keinem Lande der Welt habe ich noch so viel von »sozialen Pflichten« reden hören! Ich glaube, sie ersetzen alle anderen! Heute war ich schon mit einer New Yorkerin, die mich ins Schlepptau genommen, auf einem Dejeuner, einem Wohltätigkeitsbazar und drei Jours. Und jedesmal, wenn ich die gewisse Ankunftslangweile überwunden hatte und gerade anfing mich etwas zu amüsieren, machte mir mein sozialer Pilot verzweifelte Aufbruchszeichen, weil wir noch in so und soviel Häusern gesehen werden müßten. Ich kam mir schließlich wie eine Verbrecherin vor, die sich Alibis schafft! Nun habe ich noch einen Besuch vor, bei einer ehemaligen Landsmännin, und da müssen Sie mich durchaus begleiten. Es ist Ihnen auch gar nicht gut, so vor sich hin zu brüten, wie ein weiblicher Oblomoff.«

Und da all mein Tätigkeitsdrang von jeher damit geendet hat, mich von äußeren Mächten treiben zu lassen, ging ich mit Madame Baltykoff hinaus in die kalte graue Winterwelt und lernte Miß Tatiana de Gribojedoff kennen.

Wenn Sie den Namen auch dreimal lesen, lieber Freund, sie heißt wirklich so, und das Miß hat auch seine Berechtigung.

Tatianas Vater war natürlich Russe, ihre Mutter dagegen war die Tochter eines aus Illinois stammenden amerikanischen Konsuls Carmichael in Archangel, und in jener kalten Weltecke hat auch die Wiege der kleinen Tatiana gestanden. Madame de Gribojedoff, née Carmichael, scheint sich dort aber nie so recht behaglich gefühlt zu haben, woraus ihr meinerseits kein Vorwurf gemacht werden soll. Ihr Bestreben ging dahin, Tatiana in der Kritik und Mißachtung alles Russischen zu erziehen und ihr eine unbedingte Bewunderung für alles Angelsächsische beizubringen. Als der Vater Tatianas starb, ein bedeutendes Vermögen hinterlassend, wanderten beide Damen nach Amerika zurück; seit dem Tode ihrer Mutter lebt Tatiana als unabhängige alte Jungfer in New York.

Ihr Häuschen ist vollgepfropft mit all denjenigen Dingen, die gewitzigte Leute auf Reisen sorgfältig zu kaufen vermeiden. So hat sie sich von den Niagarafällen indianische Mokassins mitgebracht, die an einer Wand hängen, dicht neben einem spanischen Fächer, auf dem ein Stiergefecht abgebildet ist. In Mexiko hat sie allerhand aus dortigem Marmor verfertigte Früchte gekauft, rosa Pfirsiche, grüne Mangoes, braune Feigen liegen auf einer Konsole, zusammen mit den Ergebnissen eines Ausflugs nach Havanna, großen schillernden Muscheln und Mustern verschiedener Korallensorten. Der dahinter aufgehängte Spiegel gestattet auch, die Rückseiten zu bewundern. Von Sorrent hat Miß Tatiana kleine aus Olivenholz verfertigte Bücherbretter mitgebracht und auf diesen steht, neben römischen Mosaikschälchen und einer Miniaturnachbildung des Vestatempels, eine ganze Batterie von Gläsern aus verschiedenen Badeorten, deren Brunnen Miß Tatiana getrunken hat. Allerhand Inschriften sind auf diese Gläser geschliffen: »Zur freundlichen Erinnerung an Schlangenbad«, »Wohl bekomm's«, auch eine Abbildung der Trinkhalle in Baden-Baden. Vielleicht ist es eine Folge all dieser gesundheitsfördernden Flüssigkeit, daß Miß Tatiana so lang, spitz und mager ist.

Sie saß an einer Seite des Kamins, und auf der andern saß ein kleiner, dicker, älterer Herr, den Madame Baltykoff als Iwan Iwanowitsch begrüßte und der mir als Herr Baschmakoff vorgestellt wurde. Die Wirtin und ihr Gast schienen eben eine politische Debatte gehabt zu haben; sie sah erregt aus, und nachdem wir uns gesetzt hatten, fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort: »Wahrlich, Mr. Baschmakoff, jeden Tag, wenn ich von der Unterdrückung der armen Finnen lese, bin ich dankbar, daß ich auswanderte und eine freie amerikanische Bürgerin geworden bin.«

»Aber liebe Tatiana Feodorowna«, antwortete der kleine, dicke Herr, »es wäre Ihnen doch nichts in Rußland geschehen – Sie sind ja gar keine Finnländerin.«

»Das ist eine feige Ausrede. In solchen Fällen muß man sich eins fühlen mit den Unterdrückten. Da ich all dem Unrecht, das in Rußland geschieht, nicht abhelfen konnte, habe ich wenigstens durch meine Auswanderung dagegen protestiert.«

»Immer die gleiche, immer dasselbe Feuer bei unserer lieben Tatiana Feodorowna,« seufzte der alte Herr.

»Und bei Ihnen immer der gleiche Eigensinn, in jedem Satz wenigstens einmal diese komische russische Anrede anzubringen – Tatiana Feodorowna!«

Herr Baschmakoff legte die Hand auf seinen vorspringenden Magen, in der Gegend, wo hinter all dem Fett das Herz sitzen muß, und erwiderte: »Es ist mir eben mein Leben lang der liebste Name der Welt gewesen.«

Das alte Fräulein schien hierdurch etwas besänftigt, wandte sich zu mir und sagte: »Sie werden mir zugeben, daß es bei meinen Ansichten und als freie Amerikanerin hart ist, den Namen Tatiana de Gribojedoff zu tragen.«

»Vergessen Sie nicht, liebe Tatiana Feodorowna, wie oft ich Ihnen angeboten habe, diesen Namen zu vertauschen,« sagte der kleine dicke Herr und drückte wieder die Hand auf den vorspringenden Magen.

Da lachte die alte Dame laut. »Nein, wissen Sie, Gribojedoff oder Baschmakoff – das bleibt sich nun schon gleich. Ja, wenn Sie Washington, Lincoln oder meinethalben auch nur Brown oder Smith hießen, hätte ich's mir überlegen können – aber so!«

Und beide, der alte Herr und das alte Fräulein, lachten über diese Neckerei, die immer wieder aufgefrischt wird, wenn Herr Baschmakoff alljährlich aus Archangel nach New York kommt, um seine Jugendliebe im Lande ihrer Wahl zu besuchen.

»Die Philippinen machen mir viel Sorge«, erzählte uns die russische Amerikanerin, indem sie auf eine neben ihr liegende Zeitung wies, »es ist offenbar notwendig, daß neue Truppen hingeschickt werden. Ich hoffe nur, daß das State Departement zu äußerster Energie in der Bekämpfung der Rebellen entschlossen ist. Sicherlich müssen fremde Intrigen und Aufwiegelungen derjenigen dahinter stecken, denen es ein Greuel ist, daß wir in dem geknechteten Orient Fuß fassen, sonst hätte jenes arme, umnachtete Volk doch längst eingesehen, daß wir ihm das Licht der Freiheit bringen.«

»Vielleicht werden Ihre westlichen Methoden im fernen Osten nicht so recht gewürdigt und verstanden, liebe Tatiana Feodorowna, vielleicht passen sie auch nicht so recht dorthin«, warf Herr Baschmakoff schüchtern ein.

»Die Wahrheit und das Recht passen überall, aber Ihr Russen denkt immer, daß Ihr allein den Osten versteht. Ich gebe Euch ja gern zu, daß Ihr jenen Völkern näher steht als wir, aber warum sollen sie erst noch auf dem weiten Umweg über Knute, Sibirien und Orthodoxie zu endlicher Freiheit und wahrem Glauben geführt werden?«

»Was ist denn der wahre Glaube?« fragte Madame Baltykoff.

»Der wahre Glaube?« Miß Tatiana stockte einen Augenblick und antwortete dann rasch entschlossen: »Der wahre Glaube ist, was man in den Vereinigten Staaten glaubt.«

»So so«, sagte Madame Baltykoff und fuhr dann nachdenklich fort, als sinne sie über ein schweres Rechenexempel nach, »Methodisten und Baptisten, Kongregationalisten und Christian Scientists, vereinigte Brüder und Jünger Christi, Heilige der letzten Tage, Quäker und Shaker – und gar die Mormonen – die haben also alle den wahren Glauben?«

Miß Tatiana unterhielt uns noch längere Zeit mit der erregten Diskussion verschiedener politischer Fragen. Der geduldige Baschmakoff bekam noch viel Schlimmes über Rußland von ihr zu hören und sie gab ihm zu verstehen, daß, wer nicht angelsächsischer Abstammung ist, nur schlaue Berechnung und Eigennutz zu Motiven seiner Handlungen haben könne.

Wenn Madame Baltykoff mir zuweilen als wandelndes Fragezeichen erscheint, so habe ich in Miß Tatiana eine lebende Assertion kennen gelernt. Sie erinnert mich an eine pommersche Gutsbesitzerin, die ich vor Jahren gegen direkte Steuern eifern hörte; in meiner damaligen Jugend und Unwissenheit fragte ich sie, was das sei, und erhielt die Antwort: direkte Steuern sind die, die man selbst bezahlt, indirekte Steuern solche, die andere Leute bezahlen, drum sind die ersteren schlecht und die anderen gut.

Miß Tatiana besitzt auch diese Gabe anschaulicher Definition und rascher Schlußfolgerung.

20.

_New York_, Januar 1900.

Lieber Freund, heute Nachmittag wollte ich die Frau unseres Konsuls besuchen. Ich fuhr mit der Hochbahn zu ihr, denn sie wohnt weit draußen, in einer der Straßen mit den ganz hohen Nummern, die mich immer an neuformierte, an den Grenzen aufgestellte Regimenter erinnern. Die Häuser sehen alle ganz gleich aus, man könnte jedes mit jedem verwechseln, und darin liegt wohl gerade das Militärische; sagte mir doch mal mit Begeisterung ein junger Verwandter, der seit ein paar Wochen Leutnant war: »Vollkommene Gleichmäßigkeit ist das Ziel, Verwischung der Individualitäten die erste Aufgabe.«

Da ich die Frau Konsul nicht zu Hause traf, ging ich von dort aus noch etwas auf eigene Faust explorieren, was mir immer viel interessanter ist, als wenn ich von patriotischen New Yorkern herumgeführt werde, die erwarten, daß ich mich für irgendein turmartiges Haus begeistere, in dem eine Zeitung gedruckt, Korn verkauft, oder Geld gewechselt wird.

Ich ging noch durch einige allerletzte Straßen. Weiter hinaus sieht es sehr bald aus, als sei man im fernen Westen. Weite leere Grundstücke erstrecken sich dort mit den seltsamsten kleinen Behausungen. Zelte, aus allen möglichen Fetzen zusammengeflickt, Löcher in die Erde gebuddelt wie Höhlen der Urzeitmenschen, daneben Hütten, die aus Latten, Kistendeckeln, verrostetem Wellblech und Stücken von Petroleumkasten zusammengezimmert sind. Eine ganze Bevölkerung mit unbestimmten Berufszweigen haust dort und treckt immer mehr hinaus, je weiter die Straßen mit den hohen Nummern vorgeschoben werden. Vielleicht prangt solch abenteuerliches Hüttchen auf der ersten Seite im Erinnerungsbilderbuch manch jetzigen Millionärs! Das wissen auch die Leute, die heute noch in den exzentrischen Quartieren äußersten Elends kampieren müssen, und deshalb ertragen sie alles leichter, weil sie es als ein Übergangsstadium ansehen und Beispiele vor Augen haben, daß man sich emporarbeiten kann. Das macht Armut in den neuen Ländern weniger drückend. Auch dem Ärmsten schwebt immer die Möglichkeit des finanziellen Marschallstabs vor. Darum kommen sie ja auch über das große Wasser, um die Hoffnungslosigkeit, die alte Resignation hinter sich zu lassen.

Heute war es aber unendlich melancholisch da draußen. Ein eisiger Wind wehte über das flache Land. Kältebeladen kam er aus der Richtung der großen nordamerikanischen Seen angesaust, fegte alles vor sich her und pfiff unbarmherzig durch alle Spalten und Ritzen in die merkwürdigen Armeleutewinkelchen hinein. Ob die Bewohner all der wackligen, klappernden Hüttchen wohl auch der Ansicht waren, daß dem geschorenen Lamm der Wind bemessen wird? Wenn man eine Sealskin-Jacke trägt, erscheint solch behaglicher Glaube immer unanfechtbar.

Bei meinem heutigen Spaziergang dachte ich viel an ähnliche in Peking verlebte Wintertage. Besonders eines Rittes mußte ich gedenken, den wir jetzt vor einem Jahre dort gemacht. Da war es auch so kalt, wie heute hier. Der Wind kam von der sibirisch-mongolischen Ebene hergeweht, so eisig, als könne es nie wieder Frühling werden. Der Weg dehnte sich endlos an der grauen Stadtmauer entlang. Die Türme mit den verfallenen grünen Kacheldächern standen dräuend gegen den fahlen Winterhimmel. Stellenweise lag etwas hart gefrorener Schnee. Krähen flohen krächzend vor dem Wind.

Im hiesigen Winter habe ich des dortigen gedacht und ich sende Ihnen dies kleine Gedicht, das mir dabei in den Sinn kam:

An den hohen Mauern der Stadt Ritten wir beide schweigend, Sprachen nicht mehr, weil alles gesagt, Horchten im Schnee auf das Schrei'n Der schwarzen Vögel.

Längst verließ ich dich, graue Stadt, Wandre allein nun schweigend, Habe keinem mein Leiden geklagt, Nur in der einsamen Seele schrei'n Die schwarzen Vögel.

Wie so oft in Peking, war mir an jenem Tage, als sei die ganze Welt erstarrt in Angst, als harre sie atemlos, Unbekanntem, Unheimlichem. – Stadt des Leidens, Stadt des Verhängnisses habe ich Peking oft genannt – und doch liebe ich die graue, düstre Stadt. Ich habe jetzt oftmals ganz deutlich die Empfindung, als gehöre ich ihr, als hielte sie mich für ewig, so fern ich ihr auch räumlich bin.

Ich fürchte, ich bin wie alle Leute geworden, die in Peking gelebt haben und es nachher nicht mehr lassen können, immerwährend darüber zu reden oder zu schreiben.

Das ist die Rache, die China an den weißen Menschen nimmt dafür, daß sie beinahe alle doch nur deshalb hingehen, um ihm ein Stückchen seines Bodens oder sonst irgend einen Vorteil und Besitz abzuringen – schließlich sind _sie_ es, die von China absorbiert werden.

Lassen Sie sich nicht zu sehr absorbieren, lieber Freund!

21.

_New York_, Februar 1900.

Lieber Freund, meine letzte Wanderung im winterlichen New York ist mir recht schlecht bekommen. Ich bin seitdem krank gewesen an Husten und Fieber. Husten und Fieber sind ja nun schon seit Jahren die Meilensteine, die an meinem Lebensweg stehen. Schließlich wird solch Meilenstein zu einem Kreuzchen werden. Und wohin der Weg dann weiter geht und ob es überhaupt noch einen gibt, das weiß man nicht.

Es geht mir aber jetzt schon ein bißchen besser. Ich liege auf dem Sofa am Kamin. Die weiße tibetanische Ziegenfelldecke, die Sie kennen, ist über mich gebreitet. Ta geht mit bekümmertem Gesicht ein und aus. Ich weiß nicht, gilt seine Sorge mir, oder den vielen Briefen, die er in letzter Zeit von zu Hause erhalten hat.

Gestern schenkte mir mein Bruder ein paar Zweige weißen Treibhausflieders. In Seidenpapier wohl eingewickelt brachte er sie von draußen mit – so ein armer, winterlicher Flieder – all die Blütchen schienen zu frösteln und sich zu wundern, warum man sie gezwungen habe, sich so sehr zu beeilen, in diese unfreundliche Welt hinein zu kommen.

Jetzt stehen die braunen Stengel, an denen oben die spärlichen weißen Blütentrauben hängen, in einer schlanken, grünen Bronzevase neben mir. Die Blumen haben sich etwas erholt, als seien sie dankbar, nun doch noch ein leidliches Plätzchen gefunden zu haben. Ein schwacher, schüchterner Fliederduft, der beinah etwas Künstliches hat, steigt von ihnen auf und zieht durch das Zimmer.

Er weckt viel Erinnerungen. Denn Flieder mahnt mich an gar verschiedene Zeiten und Orte.