Briefe, die ihn nicht erreichten
Part 4
Von Mr. Bridgewater geleitet, langte die Konversation bald beim Imperialismus und der wachsenden Wichtigkeit der Vereinigten Staaten an. Mr. Bridgewater sagte: »Ich möchte ein Buch schreiben über den Eintritt Nordamerikas in das Konzert der Mächte, denn das ist die wichtigste Tatsache am Schluß des Jahrhunderts, und sie bedeutet nicht nur eine Verschiebung der realen Machtverhältnisse, sondern sie wird weittragende geistige Konsequenzen haben. Durch den zunehmenden Verkehr mit uns werden die Europäer von den amerikanischen Gedankengängen und von unsern Geschäftsmethoden beeinflußt werden. Wir sind daran gewöhnt, über alle Dinge, die uns angehen, informiert zu werden und sie frei zu diskutieren, und es ist schon jetzt bemerkbar, daß, sobald Amerika an einer Weltfrage beteiligt ist, diese Frage ganz anders ungeniert von den Zeitungen erörtert wird, als wenn es sich um rein europäische Angelegenheiten handelt. Je mehr aber die Zahl der Fragen zunimmt, in denen Amerika eine Rolle spielt, um so mehr wird auch diese Methode angewandt werden. Das ist ein erster Schritt, um die Europäer zu einem stärkeren Wunsch nach Selbstbestimmung und einem höheren persönlichen Verantwortlichkeitsgefühl zu erwecken; so werden sie lernen die Volksrechte höher zu schätzen und werden verlangen, über ihre eigenen Angelegenheiten auch selbst gehört zu werden; sie werden sich nicht mehr damit begnügen, blind geführt zu werden, wie es heute noch in allen auswärtigen Fragen geschieht. Nichts ist ansteckender als gewisse Ideen. Früher waren wir es, die alles aus Europa entnahmen, aber das ist längst anders geworden; heute sind wir schon beinah völlig unabhängig von der alten Welt und wir senden ihr Korn, Fleisch, Konserven und eine stetig zunehmende Zahl anderer Artikel – aber viel wichtiger als all das ist, daß die amerikanischen politischen Ideen Europa überfluten werden.«
»Halten Sie es wirklich für denkbar, daß amerikanische Anschauungen über Verfassungen sich in Europa verbreiten werden?« fragte Madame Baltykoff eifrig.
»Im letzten Ende ganz sicherlich ja«, antwortete Mr. Bridgewater.
»Da bin ich doch anderer Ansicht«, sagte mein Bruder, »denn das Wachsen der imperialistischen Tendenz in den Vereinigten Staaten, die Sie uns eben als wichtigste Tatsache dieses Jahrhundertsendes geschildert haben, ist ein speziell europäischer und monarchischer Zug. Je mehr Gewicht der äußern Expansion und einer starken auswärtigen Politik beigemessen wird, um so mehr werden die Volksvertreter, die sich notwendigerweise mehr mit inneren Fragen beschäftigen müssen, an Bedeutung verlieren. Eine große imperialistische Politik bedingt die Herrschaft einzelner großer Führer, und da haben die Länder den Vorteil, wo ein einzelner Mann an der Spitze des Staates steht.«
»Sehen Sie, Bridgewater«, sagte Anstruther lachend, »dieser Fremde prophezeit uns einen Kaiser, wenn wir auf dem Pfade der Intervention, Protektion, Expansion, der Kriege und des Inselschluckens verharren.«
»So wollen wir ihn aus dem Klub der Vierzig wählen«, antwortete unser Wirt, »dann werden wir sicher sein, daß er gescheit ist.«
»Ja, gescheit und voll moderner Ideen sollte Sam I. von Amerika freilich sein – sonst müßte er sich ja vor den europäischen Kollegen schämen.«
Auf dem Heimweg sprachen mein Bruder und ich davon, wie oft man hier die Empfindung bekommt, daß die Amerikaner uns Europäer als bemitleidenswert zurückgeblieben ansehen. Nachdem sie uns moderne Geschäftsmethoden gelehrt haben, wollen sie uns jetzt mit modernen Prinzipien im allgemeinen versehen und mit allem, was uns sonst auf geistigem Gebiet fehlen mag. Klingt das nicht sonderbar? Und sie haben doch eigentlich alles von uns, stehen auf unseren Schultern. Mein Bruder sagt, er erinnere sich noch sehr gut der Zeit, wo man nach Amerika kam und für alles so ein gewisses elterliches Wohlwollen hatte; die Amerikaner fragten damals begierig, ob man wirklich alles bei ihnen »sehr groß« fände, und freuten sich, wenn man was lobte. Jetzt sind sie überzeugt, uns überflügelt zu haben.
Na, es muß ja vorkommen, daß Kinder ihren Eltern _über_ sind – wie wäre sonst das erste Genie entstanden?
13.
_New York_, Dezember 1899.
Lieber Freund! Wir sind seit einigen Tagen aus dem ebenso schönen wie teuren Waldorf-Astoria fortgezogen und haben sehr nette Zimmer in einem Boarding House in der Nähe des Central-Parks gefunden, wo auch Mme. Baltykoff wohnt. Ta ist natürlich bei uns und bildet hier wie im Waldorf die Freude der weißbemützten Stubenmädchen. Er ist hier viel weniger reserviert gegen uns als in Peking. Dort erfuhren wir eigentlich nie etwas über das Leben unserer Boys. Sie waren immer da, wenn man sie brauchte, verrichteten ihre Arbeit lautlos, kannten all unsere kleinen Gewohnheiten offenbar ganz genau – aber mit dem Augenblick, da sie aus unseren Häusern hinaus auf die Straße traten, verloren sie sich in einer uns unbekannten Welt, und von diesem Teil ihres Lebens hörten wir nie ein Wort. Nur wenn sie mal einen etwas längeren Urlaub haben wollten, hieß es, ihr Vater oder ihre Mutter lägen im Sterben. Anfänglich rührte mich das sehr, ich bewilligte ihnen immer den Urlaub, bot ihnen auch Arzneien an. Aber sie hatten wirklich zu viel sterbende Väter und Mütter – mein Vorrat an Mitgefühl ward so sehr beansprucht, daß er sich schließlich erschöpfte. Hier ist es ganz anders; Ta ist oft recht mitteilsam gegen mich und erzählt mir von den Stubenmädchen, die ihn seines langen Zopfes halber gern als Dame verkleiden und ihn sogar auf einen ihrer Bälle mitgenommen haben. Hier bin ich ihm offenbar »Vater und Mutter und Beschützer der Armen«, wie die Inder sagen; ich erscheine ihm als einziges Bindeglied zwischen seinem früheren und jetzigen Leben. Seitdem er hier so viel Neger gesehen, hält er, glaube ich, weiße Leute überhaupt für beinahe stammverwandt. »Das sind keine Menschen, das sind schwarze Teufel«, sagte er ganz ernsthaft, und will keinesfalls zugeben, daß sie Christen wie er sein könnten. Auf andere herabzuschauen, ist für Wesen aller Nüancen nun mal eine freudige Genugtuung.
Ta hat ein paarmal Briefe von seiner Heimat bekommen. Er ist an solchen Tagen immer sehr still und traurig, und ich fragte ihn, ob er Heimweh habe. Er antwortete, nein, gar nicht, er sei sehr gern hier, aber seine alte Mutter ließe ihm immer schreiben, er solle doch wieder kommen, sie möchte ihn gern bei sich haben. »Ist es nicht eher deine junge Frau?« fragte ich. »Oh nein!« rief er entrüstet, als habe ich ihn einer beschämenden Schwäche beschuldigt, »Frau gar nichts, Mutter alles!« Mein Bruder hat nun für die Mutter Geld nach Peking geschickt, was sie hoffentlich beruhigen wird.
Mit Tas Hilfe habe ich jetzt ausgepackt und unsere Wohnung eingerichtet. Es war eine solche Freude, all die lieben gewohnten Dinge wiederzusehen: die Nephritschalen und Bronzevasen, die Figuren des Laotse, mit dem langen Kopf, aus Elfenbein geschnitzt, die chinesischen Sammte, die mit dem Alter einen ganz chinesischen Charakter angenommen haben, die feinen verblaßten Damaste und Stickereien. Ich habe alles möglichst so gestellt und drapiert, wie es im Pekinger Häuschen war; in der Dämmerstunde, wenn Ta lautlos ins Zimmer tritt, glaube ich manchmal, wieder dort zu sein und würde mich gar nicht wundern, wenn er Sie anmeldete.
Auch einen Buddha-Altar habe ich über dem Kamin aufgebaut, und da thronen all die seltsamen Gestalten, die Sie allmählich bei bestechlichen Bonzen, in verlassenen Tempeln und verstaubten Antiquarläden für mich aufgestöbert haben. Noch ehe ich Sie in Peking kannte, hatte ich die Manie, Buddhas zu sammeln. Ich hatte mehrere von Händlern gekauft, die sie, in ihren weiten Ärmeln versteckt, zu uns trugen und dabei geheimnisvoll flüsterten, diese Götzen stammten aus kaiserlichen Tempeln, und es sei ein großes Risiko, sie zu mir zu bringen. Ich zeigte Ihnen sehr stolz diese Schätze; Sie schauten sie einen Augenblick prüfend an und sagten dann: »Gar nicht übel für moderne europäische Imitation«. Das war ein harter Schlag, und ich war Ihnen zuerst beinah böse, denn nichts tut weher, als liebe Götzen zu verlieren. Und ich hatte die meinigen so ehrerbietig behandelt und immer frische Blumen vor sie hingestellt! Aber es sei Ihnen verziehen, denn Sie haben die falschen Buddhas durch wahre ersetzt, und das tun die wenigsten Leute, die andern ihre Götter nehmen.
Es ist ja auch nicht eben leicht! –
14.
_New York_, Dezember 1899.
Die letzten Tage, lieber Freund, sind noch ganz der Wohnungseinrichtung gewidmet gewesen. Sie wissen ja, wie sehr ich von meiner äußeren Umgebung abhänge. Milde warme Farben, edler Faltenwurf, schöngeschweifte Linien sind mir physisch wohltuend. Vielleicht erheben sich die wirklich großen Geister über die äußeren Dinge und lassen sich nicht von ihnen störend beeinflussen; aber ich bin nur ein ganz kleines Geistchen, fürchte mich vor dem Meer des Alltäglichen, Häßlichen, und fühle mich nur behaglich, wenn es mir gelungen, mir eine eigene kleine Insel zu schaffen und sie meiner persönlichen Eigenart entsprechend zu gestalten. Ich suche auch immer mich über das Nomadenhafte meines Lebens hinwegzutäuschen, indem ich unsere jeweilige Wohnung mit einem Eifer und Ernst dekoriere, als solle sie ein alles überdauerndes Stammschloß werden – und sie ist doch nie etwas anderes, als ein Zelt, das immer wieder abgebrochen und von neuem an anderm fremden Ort aufgeschlagen wird. In manchen der Häuser, die wir im Lauf der Jahre bewohnten, habe ich sogar Tür und Decken bemalt; heute neckte mich mein Bruder damit und fragte, ob ich diesem New Yorker Boarding House auch solche dauernde Erinnerungen meines vorübergehenden Aufenthaltes hinterlassen wolle. Das habe ich nun zwar nicht vor, aber, nachdem ich es nun etwas wohnlich um uns gestaltet habe, will ich wieder meine Malereien aufnehmen. Unser Wohnzimmer hat ausgezeichnetes Licht, so daß es als Atelier dienen kann, und da mein Bruder erst nachmittags zurückkommt, habe ich den ganzen Tag dafür frei. All meine chinesischen Skizzen sind hier, und ich habe manche an die Wände gehängt, lauter alte Bekannte von Ihnen, zu denen nun noch japanische und kanadische gekommen sind. Als ich in all den Bogen blätterte, fiel mir die Pekinger Zeit so besonders lebhaft ein und die kleine Bilderausstellung, die ich vor unserer Abreise dort arrangierte. »Premier Salon de Pékin« wurde sie genannt, und ich verkaufte eine Menge Skizzen! Wenn ich so durch mein Malen ein paar hundert Dollar verdiene, fühle ich mich so stolz, so self made, als sei ich Charles William O'Doyle inmitten seiner Millionen! In grauen leeren Tagen, als die Welt für mich nichts mehr zu enthalten schien, habe ich zuerst zu malen begonnen, wie eine Zerstreuung, eine Rettung vor den ewig gleichen, quälenden Gedanken. In den langen Wanderjahren mit meinem Bruder ist es dann allmählich meine große Lebensfreude geworden, der befreiende Ausdruck des innerlich Erlebten. Und noch in anderem Sinn ist das Malen mir zu einer Lebensfreude geworden, denn wenn ich ein Bild verkaufe, bedeutet das Butter zu meinem täglichen Brot, d. h. die Möglichkeit, mit solchem kleinen Verdienst andern helfen zu können, denen es weniger gut geht als mir.
Bei Ihnen fand ich gleich Interesse für mein Malen. Wie viel haben Sie mir erzählt von Kunst und Künstlern all der Länder, in denen Sie gelebt, wie oft haben Sie mich zu malerischen Punkten im altersgrauen Peking geführt, die sonst Fremde wohl nie zu sehen bekommen und deren völlige Eigenart so manches Motiv bot? Wenn Sie mir so den Zutritt zu einem sonst stets verschlossenen Tempel verschafften und ich seltsame Götzen oder stille Klosterhöfe malte, in denen das Licht zwischen den Zweigen uralter Bäume spielte und über einen gelbgekleideten Priester glitt, der am Sockel eines riesigen mit Patina überzogenen Bronzelöwen lehnte und weltentrückt den buddhistischen Rosenkranz durch die Finger gleiten ließ – wie manchesmal habe ich da Ihre Augen auf mir ruhen gefühlt und eine neue Arbeitslust, ein größeres Können empfunden durch die Macht der Freude, die Sie an mir hatten! – Von einem andern in unseren liebsten Beschäftigungen, in unserer individuellsten Eigenart verstanden zu werden, ist wie eine geistige Liebkosung. So vieles erstirbt ja in uns, aus Mangel an etwas Interesse und Pflege. Und jene, die am meisten in uns getötet und begraben haben, sind oft, die uns am nächsten standen. Haben Sie Dank, lieber Freund, für alles, was Sie in mir geweckt und gepflegt haben, für all die Blumen, die geblüht haben, weil Sie sich daran freuten.
15.
_New York_, 25. Dezember 1899.
Es ist wieder Weihnachten geworden, lieber Freund! Weihnachten in einem Lande, wo ich das Fest noch nie erlebt habe, wo es mir darum besonders fremd vorkommt. Warum haben wir nur diesen rührenden und zugleich etwas komischen Zug, an bestimmten Jahrestagen so besonders zu hängen? Was wissen wir eigentlich von dem Tag der Geburt Christi und was ist uns dieser Tag? Und doch, so wenig Bedeutung er für viele unter uns heute noch in der Hast des Lebens hat, und so wenig wir von Frieden auf Erden wissen, an diesem Jahrestage scheint es uns, als hätte jeder Mensch ein besonderes Recht auf Freude, und wir stecken viel Lichtchen an, um doch ja die Freude sehen zu können, falls sie wirklich mal zu uns käme. Aber bei uns Einsamen, die wir in fremden Welten leben, pocht gerade an _dem_ Abend selten die Freude an die Tür. Andere Gäste sind es, die uns besuchen. Vor allem ist es die alte Frau Erinnerung, deren Bilderbuch mit jedem Jahr dicker wird. Als ich gestern Nachmittag die Kerzen am Bäumchen in unserm Wohnzimmer angezündet hatte und meinen Bruder hereinrief, huschte die alte Frau auch gleich durch die offene Tür ins Zimmer herein. Den ganzen Tag schon hatte ich gefühlt, daß sie draußen stand und nur auf den Moment wartete, hereinzuschlüpfen, und den ganzen Tag hatte ich ihr immer die Tür vor der Nase zugeschlagen, denn ich fürchte mich ein bißchen vor der alten Frau und ihrem großen Bilderbuch. Aber nun stand sie neben uns. Ta, dem auch aufgebaut wurde, hatte sie wohl eingelassen.
Und wie es raschelte und knisterte in den Blättern des großen Bilderbuchs! wie es darin lebendig ward und längst verstummte Stimmen wieder klangen in vergessenem Lachen und verhalltem Schluchzen. Lauter Dinge, die einst gewesen, füllten das Zimmer und umwogten uns; kleine graue Geisterchen saßen lichtbeschienen in den Zweigen des Weihnachtsbaumes und flüsterten leise von Vergangenem; und auch all das, was nie gewesen, was nur gewünscht und ersehnt worden – nun lebte es für den einen Abend wieder auf.
Am längsten verweilte ich bei den letzten Blättern des Bilderbuches. Die Weihnachten in Peking standen wieder vor meinen Augen. Erinnern Sie sich des einen Jahres, als der arme junge Mc Intyre krank war und wir ihm ein Bäumchen brachten? Ich saß in der Sänfte und hielt die winzig kleine geschmückte Tanne auf dem Schoß, und Sie gingen nebenher und ermahnten die Kulis, mich behutsam durch die holprigen, hart gefrorenen Straßen zu tragen. Erinnern Sie sich der Freude des armen Jungen, als wir dann bei ihm eintraten und unser glänzendes Bäumchen auf den Tisch vor ihm aufbauten zwischen den Photographien seiner fern in Schottland lebenden Eltern und Geschwister, die er sich für _diesen_ Abend recht nah an sein Bett hatte heranrücken lassen?
Und erinnern Sie sich der Bescherungen in unserem lieben chinesischen Häuschen, zu denen Sie und ein paar Freunde meines Bruders jedesmal kamen? Tagelang vorher war große Aufregung, um für jeden eine Überraschung in den Kuriositätenläden aufzutreiben, und als erst die Bahn eröffnet war, fuhren unternehmungslustige Leute nach Tientsin, um zu schauen, was etwa die dortigen europäischen Magazine böten.
Sie, lieber Freund, entdeckten aber immer die reizendsten Dinge! Vor mir steht heute die kleine altfranzösische Bronzenuhr, die einst in der Direktoire-Zeit nach China kam, und die Sie von Pekinger Palastbeamten erstanden und mir unter dem Weihnachtsbaum aufbauten. Das Piedestal ist noch ganz im Stile Ludwig XVI. mit Delphinen und feinen Guirlanden geschmückt; darüber erheben sich vier Drachen, die die Uhr tragen, kuriose Geschöpfe, in denen der französische Künstler möglichst dem nahe zu kommen suchte, was ihm als chinesisch vorschwebte. Über der Uhr, auf einer kleinen Weltkugel, steht ein gallischer Hahn, der offenbar nach Freiheit kräht, aber ein so skeptisches Gesicht macht, als glaube er schon längst nicht mehr daran.
Als Sie mir diese Uhr schenkten, sagten Sie: »Die paßt so gut zu Ihnen: ein Fundament altererbten Geschmacks, der von vielen Generationen herstammt; die Drachen, der Hang zum Absonderlichen, der Zug zum Unbegreiflichen, Mystischen, der in uns erwacht, je mehr wir sehen, daß das Exakte, Vernünftige, Realistische doch nichts erklärt und schließlich immer wieder alles mit einem großen Fragezeichen endet – und als Spitze des ganzen Gebäudes der kleine tapfere Hahn, der nach Aufklärung und Freiheit quand même ruft, der viel graue, trübe Tage erlebt hat und zu sagen scheint, nach all dem Krähen müßte die Sonne doch endlich aufgehen.«
Ja, das alles und noch so vieles mehr steht auf den letzten Blättern des großen Bilderbuchs!
Mein Bruder und ich saßen in dem New Yorker Boarding-House-Zimmer unter dem Weihnachtsbaum, hielten uns schweigend an der Hand und dachten vergangener Zeiten. Ta löschte eins nach dem andern die Lichtchen aus, die herabgebrannt waren – ganz wie an anderen Weihnachtsabenden. Manchmal fingen ein paar grüne Tannennadeln Feuer, knisterten und glühten, und ein harziger Waldduft zog durchs Zimmer – ja, ganz wie an allen Weihnachtsabenden! –
16.
_New York_, 26. Dezember 1899.
Gestern, lieber Freund, ward ich unterbrochen und mußte meinen Brief schließen, ohne Ihnen unsern ganzen Weihnachtsabend geschildert zu haben. Denn er war mit unserm kleinen Aufbau nicht zu Ende, sondern wir waren noch zur Bescherung im Hause unseres Konsuls eingeladen.
Mit allerhand Paketen beladen, fuhren wir auf der Hochbahn dorthin.
Nach längerem, vergeblichen Klingeln öffnete uns der Konsul selbst die Haustür und entschuldigte sich, »der Sam sei wohl beim Tischdecken«. Dann führte er uns in sein kleines Arbeitszimmer, wo wir einige deutsche Herren trafen, darunter auch den Generalkonsul mit seinem herzerfreuenden, ansteckenden Lachen. Der Konsul ist vor einigen Monaten hierher ernannt worden, und seine Frau ist ihm erst vor ein paar Tagen aus ihrer Schwarzwaldheimat mit ihren zwei kleinen Kindern nachgereist. Es ist ein rührend deutscher Zug, daß sie sich, selbst kaum eingerichtet, zu diesem Abend gleich einige Landsleute eingeladen haben, die ihn sonst allein mit ihrem Heimweh verlebt hätten.
»Meine Frau baut auf,« sagte der Konsul. Da kam sie schon selbst herein, sehr jung, mit aschblonden Zöpfen um den Kopf gesteckt, erstaunten blauen Augen, das ganze Gesichtchen von der Arbeit gerötet. Auf dem Arm trug sie einen dicken, einjährigen Jungen, mit denselben erstaunten blauen Augen; und neben ihr trippelte ein kleines, dreijähriges Mädchen, das mit wichtiger Miene eine Klingel hielt.
»Es ist alles fertig,« rief sie, »Evchen, nun klingle mal schön.«
Und Evchen klingelte, und wir alle folgten in das Wohnzimmer, wo der Baum strahlte. Mit Ketten, vergoldeten Nüssen, Äpfeln, Pfefferkuchen war er geschmückt – sicher genau nach dem Vorbild, das die Frau Konsul bei ihrer Großmutter und Mutter in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen gesehen hat. Es war sehr heimatlich. Man vergaß dabei die hastende, neue Stadt da draußen und fühlte sich in eine alte Welt zurückversetzt, wo der Wechsel so langsam vor sich geht, daß sie eigentlich still zu stehen scheint.
Der kleine Junge wurde auf den Teppich gesetzt und ein zusammenlegbares, unzerreißbares Bilderbuch um ihn aufgestellt, und wir halfen der Frau Konsul die Kiste auspacken, die von ihrer Mutter gekommen war. Wie sorgfältig war alles gepackt, in Seidenpapier eingewickelt, mit blauen Bändchen jedes einzelne Paket gebunden und ein Zettel dran gesteckt, mit ein paar lieben Worten für den Empfänger in zittriger Handschrift darauf geschrieben. Lauter Dinge waren darin, die man in New York ganz ebenso bekommen kann. Recht unpraktisch und doch so rührend deutsch! Selbstgestrickte und gehäkelte Dinge für die Kinder, selbstgebackener Kuchen und Würste von dem für Weihnachten geschlachteten Schwein, und auf dem Grund der Kiste ein paar dicke wissenschaftliche Bücher für den Herrn Konsul und, in modernstem Rahmen, eine große Photographie von Böcklins geigendem Mönch, dem die Engelchen lauschen. – Liebes altes Deutschland? Wäre doch Dein Raum so groß wie Dein Gemüt, daß all Deine fern verstreuten Kinder bei Dir Platz fänden! –
Evchen hatte sich den Böcklin andächtig betrachtet, nun lief sie ans Fenster und drückte sich das Näschen an den Scheiben platt.
»Was machst Du denn da,« fragte ich sie.
»Ich gucke, ob da draußen auch Engelchen herumfliegen,« antwortete sie und setzte dann hinzu: »nein, hier gibt's keine.«
Ich schaute mit dem Kind hinaus in die Straße mit den vielen gleichmäßigen Häusern, an deren einem Ende, ganz nah von uns, eine Station der Hochbahn war. Ein hellleuchtender Zug kam herangesaust, hielt einen Augenblick und brauste dann weiter.
»Der Eisenbahn gefällt es hier nicht,« sagte Evchen, »sie eilt sich so sehr her zu kommen und dann geht sie immer ganz schnell wieder fort.«
»Liebes Kind,« sagte der Konsul zu seiner Frau, »gibt es nicht bald was zu essen?«
Sie fuhr aus all den heimatlichen Paketen empor: »Aber ja, es muß alles schon fertig sein.«
Sie klingelte, aber Ursache und Wirkung folgten nicht aufeinander. Nun ging sie hinaus, kam aber bald mit bestürztem Gesicht zurück, trat an ihren Mann und sagte leise: »Willst du nicht lieber mal mit ihm reden?«
Nun ging der Konsul hinaus, und bald hörten wir erregte Stimmen und darauf etwas Schweres, das die Treppe hinabpolterte. Der Konsul kam wieder herein, etwas aufgeregt und außer Atem: »Meine Herrschaften, ich bitte sehr um Entschuldigung – ein kleiner amerikanischer Zwischenfall – der Neger Sam war schwer betrunken – ich fand ihn, mit dem Eidamer Käse Ball spielend. – Da habe ich die Rollen umgekehrt und mit ihm etwas Ball gespielt – und dabei ist er die Treppe hinab und auf die Straße geflogen.«
»Und als ich vorhin draußen war,« erzählte die Frau Konsul mit kläglicher Stimme, »aß er die Austern auf und sagte mir, er nähme ja nur die schlechten, um uns vor Vergiftung zu bewahren.«
Der Generalkonsul lachte in seiner herzhaften Art, und wir alle stimmten mit ein. Und dann folgte das komischste Weihnachtssouper, das ich je mitgemacht, denn es stellte sich heraus, daß die irische Köchin dem schwarzen Sam nachgelaufen war. So gingen wir denn mit der Frau Konsul in die Küche, retteten, was zu retten war, trugen die Gerichte hinauf in das Speisezimmer und sprachen außerdem tüchtig den Würsten zu, die wir aus der Weihnachtskiste ausgepackt hatten.
Als wir Abschied nahmen, sagte unsere Wirtin: »Sie müssen schon entschuldigen – es ist hier halt alles so anders, als daheim in Baden.«
17.
_New York_, 1. Januar 1900.